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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 22
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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21.

Truglichter.

»Ein Zimmer für mich frei?« fragte eines Tages in Austin, einer großen Stadt von Texas, ein junger, bleicher Mann den Oberkellner des Hotels.

Der befrackte Diener musterte mit einem Seitenblick die vornehme Erscheinung des Gastes, der eben in dem Hotelwagen vom Bahnhof gekommen war, bejahte und brachte das Fremdenbuch herbei.

Mit nervöser Hast blätterte der junge Mann die aufgeschlagene leere Seite herum, überflog die letzten Namen und schrieb dann darunter:

»August Bredford, Kaufmann, St. Louis.«

»Welche Nummer?« fragte er.

Der Kellner blickte den nervösen Gast noch einmal an und entgegnete:

»Nummer 54, vierfenstriges Zimmer, vorn heraus.«

» All right. Ist Mister Vavalin, welcher, wie ich hier sehe, Zimmer 52 erhalten hat, im Hotel?«

»Er ist auf seinem Zimmer. Wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Bemühen Sie sich nicht, ich gehe zu ihm,« sagte der Herr und sprang auf. »Bringen Sie unterdes mein Zimmer in Ordnung.«

Er ging hinaus.

»Der hat merkwürdige Eile,« murmelte der Kellner, »die Worte sprudelte er nur so heraus.«

Der Herr war inzwischen die Treppe zum ersten Stock hinaufgestiegen und blieb lauschend an der mit 52 bezeichneten Tür stehen.

Ein Flüstern ertönte hinter derselben.

Da klopfte er schnell entschlossen, die Laute verstummten sofort, ein Männerschritt wurde hörbar, und die Tür öffnete sich etwas.

»Endlich!« sagte der Mann leise, welcher von innen geöffnet hatte. »Wir haben Sie lange erwartet.«

»Guten Abend, Chalmers,« rief ein anderer Herr, sich vom Stuhle erhebend und auf den Ankömmling zutretend.

»Wie, Kirkholm, auch Sie hier? Doch es ist gut. Was sagen Sie nun, meine Herren, wollen wir uns die Kehle durchschneiden oder wie Hunde davonjagen lassen?«

Der Sprecher schleuderte mit einer verzweifelten Miene den Zylinder auf einen Stuhl.

»Sie fassen die Sache noch immer kaltblütiger auf als ich,« sagte Spurgeon, der Bewohner dieses Zimmers. »Ich war beim Lesen des Zeitungsberichtes, daß die ›Vesta‹ wieder aufgetaucht ist, nahe daran, den Verstand zu verlieren.«

Der Leuchtturm von Matagorda.

»Vorsicht,« ermahnte Kirkholm, »die Wände könnten Ohren haben.«

»Wo wohnen Sie, Kirkholm?« fragte Chalmers.

»Zimmer 53, hier nebenan.«

»Das paßt ja herrlich, so liegt das Ihrige zwischen den unseren. Wenn meines fertig ist, wollen wir uns in 53 begeben und weitersprechen. Jetzt aber kein Wort mehr, was uns verraten könnte!«

Die drei Herren saßen wohl eine Stunde schweigend da, nur mit ihrer Zigarre beschäftigt. Was aber in ihrem Inneren vorging, das konnte man in ihren Gesichtszügen lesen. Bleich, die Lippen fest zusammengepreßt, ungeduldig hin- und herrückend, saßen sie da, es dauerte ihnen eine Ewigkeit, ehe sie hörten, daß die Kellner das Zimmer 54 verließen.

Dann begaben sie sich alle in die 53. Hier konnten sie unbesorgt miteinander sprechen und ihrer Wut Ausdruck geben.

»Wann haben Sie meinen Eilbrief erhalten?« fragte Chalmers, sich an Spurgeon wendend.

»Vor vier Tagen. Ich hielt es für meine Pflicht, auch Kirkholm die Schreckensnachricht mitzuteilen und ihn hierherzubestellen.«

»Ich bin stehenden Fußes abgereist und habe zwei Pferde totgeritten,« sagte Kirkholm, »so lieblich war die Nachricht für mich. Hölle und Teufel, als ich das Zeitungsblatt mit der blauangestrichenen Rubrik in der Hand hielt und die Botschaft las, glaubte ich nicht anders, als der Schlag sollte mich rühren.«

»Mir ging es nicht anders,« fügte Spurgeon hinzu. »Ich hatte eben ein kleines Fest für meine Plantagenarbeiter arrangiert, um mich bei diesen Leuten in ein gutes Licht zu stellen. Da kommt die Zeitung, welche ich wöchentlich einmal erhalte, und das erste, was mir in die Augen fällt, ist der in großen Lettern gedruckte Name der ›Vesta‹. Und nun lese ich, die ›Vesta‹ ist von einem Schiffe im südlichen Ozean gesehen worden, mit allen Mädchen an Bord, die Nachricht von ihrem Untergange müßte also dementiert werden. Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu dürfen, ich hielt mich für wahnsinnig, der Boden begann unter meinen Füßen zu schwanken. Aber alle anderen Zeitungen schrieben dasselbe, und andere Schiffe brachten weitere Nachrichten von der ›Vesta‹. Ja, meine Herren, was nun? Die ›Vesta‹ ist wieder da, die Damen haben sich befreit, und Flexan ist verschwunden, das ist ein Faktum.«

Chalmers war, obgleich selbst sehr aufgeregt, doch immer noch der besonnenste von den dreien.

»Ist es ein Faktum, so wollen wir nicht weiter darüber sprechen,« sagte er, »sondern beraten, was zu tun ist, um uns den errungenen Besitz nicht wieder nehmen zu lassen.«

»Das heißt mit anderen Worten, den Mädchen nochmals zu Leibe zu gehen.«

»Natürlich, uns bleibt nichts anderes übrig!« fuhr Chalmers fort und brachte ein Zeitungsblatt zum Vorschein, »ich bin ja derjenige unter uns, der am nächsten an der Eisenbahnstation lebt und daher am besten mit neuen Nachrichten versorgt ist. Hier, meine Herren, das Neueste!«

Chalmers las vor:

»Laut Mitteilung des amerikanischen Flaggschiffes ›Defender‹ segelt die ›Vesta‹ nicht, wie wir erst Annahmen, nach New-York, sondern nach Matagorda im Golf von Mexiko. Der Grund dazu wird der sein, daß die Besitzungen der meisten Damen in der Nähe dieses Golfes liegen, besonders in Mexiko, Texas und Louisiana. Die Erben der Damen werden wohl mit gemischten Empfindungen die Weltumseglerinnen begrüßen; hoffen wir, daß die Verwandtschaftsliebe die Oberhand behält. Der›Defender‹ erfuhr dieses Reiseziel auf seine Anfrage hin, ob die Ankunft der ›Vesta‹ in New-York angemeldet werden solle.«

»Erben, Verwandtschaftsliebe,« lachte Kirkholm krampfhaft auf.

»Still,« sagte Chalmers, der bei der Ausübung seiner religiösen Pflichten mehr Selbstbeherrschung gewonnen hatte, »jetzt wissen wir das Ziel, dem die ›Vesta‹ zustrebt, und nun gilt es, sie nochmals verschwinden zu lassen, diesmal aber besser. Wir sind Flexan keinen Dank schuldig, daß er die Mädchen am Leben gelassen hat, wir aber werden weniger mitleidsvoll mit ihnen verfahren.«

»Haben Sie schon einen Plan?«

»Ja, während der Reise hierher ist er mir eingefallen. Spurgeon, Sie sind an der Küste bekannt?«

»Nein, ich bin ja erst einige Wochen hier.«

»Aber Sie haben Leute auf der Plantage, welche an der Küste geboren sind?«

»Solche habe ich.«

»Gut. So müssen wir noch vor der Ankunft der ›Vesta‹ Vorbereitungen treffen, daß sie den Hafen nie erreicht.«

Die beiden schauten den Sprecher erstaunt an, dessen Worte klangen so bestimmt, als könnte der Plan gar nicht fehlschlagen.

»Wie wollen Sie das einrichten? Flexan ist es nicht einmal gelungen, die Mädchen aus der Welt zu schaffen.«

»Bah, Flexan,« sagte Chalmers verächtlich, »ich kenne noch andere Mittel, um Schiffe scheitern zu lassen. An der Küste des Golfs herrscht noch das Strandrecht, das müssen wir benutzen, und keine erreicht lebendig das Ufer. Wir lenken die ›Vesta‹ mit Truglichtern auf den Strand.«– –

Matagorda liegt nicht direkt an der Küste, sondern einige Meilen weiter im Lande, steht aber mit seinem gleichnamigen Hafen durch den schiffbaren Kolorado in Verbindung.

Der Hafen von Matagorda hat eine sehr günstige Lage. Durch eine mit der Küste parallel laufende Halbinsel wird eine Bucht gebildet, und mag draußen der Sturm auch noch so sehr wüten, mögen himmelhohe Wogen mit donnerndem Getöse gegen die Felsengestade prallen – das Wasser in der Bucht kräuselt kaum seine Oberfläche, die Schiffe ruhen sicher im Schutze der natürlichen Mole.

Aber einen Fehler hat der Hafen, er hat nämlich einen sehr gefährlichen Eingang. Derselbe ist nur schmal, und irrt sich das Schiff, kommt es zu weit links oder zu weit rechts, so drohen ihm überall die furchtbarsten Gefahren.

Rechts erstreckt sich die Halbinsel in allmählicher Abflachung ins Meer hinein – das Schiff würde also leicht auf den Strand laufen können, und links erheben sich die Matagorda-Riffe, wohl hundert Meilen der Küste entlang. Das Fahrzeug, sei es ein Dampfer oder ein Fischerboot, welches von dem Winde auf diese jäh emporsteigenden Felsen getrieben wird, ist verloren, denn wenn der in dieser Gegend unbekannte Kapitän versucht, durch die Riffe zu steuern, weil hinter ihnen das Wasser ruhig erscheint, so geht das Schiff bei diesem Versuche regelmäßig zugrunde. Die Brandung zwischen den Felsen ist so stark, daß das Schiff immer auf ein Riff geworfen wird, wenn sein Rumpf nicht schon vorher von einer scharfen, im Wasser verborgenen Klippe wie mit einem Messer halbiert worden ist.

Doch Matagorda hat dafür gesorgt, daß weder die eigenen, noch fremde Schiffe diesen Gefahren zu sehr ausgesetzt sind, sonst würde es sich wohl nicht zu einer solchen blühenden Seestadt entwickelt haben.

Am Tage kreuzen weit draußen auf offener See zahlreiche Lotsenboote, dem sich nahenden Fahrzeuge, das die Lotsenflagge zeigt, den erfahrenen Piloten an Bord bringend, und auf der südwestlichen Spitze der Halbinsel erhebt sich ein mächtiger Leuchtturm, dessen weithin sichtbares Licht während der Nacht dem Schiffe den sicheren Weg zur Einfahrt zeigt.

Wer noch nie zur See gefahren ist oder noch nie Gelegenheit gehabt hat, einen Leuchtturm zu sehen, wird der Meinung sein, in einem solchen brenne einfach ein helles Licht, welches vielleicht durch große Reflexspiegel noch verstärkt wird.

Solche Leuchttürme sind aber die der ältesten Art. Jetzt bedient man sich einer anderen Konstruktion, um dem nach dem Wege suchenden Schiffe besser sein Ziel zeigen zu können.

Die Aufmerksamkeit der Seefahrer wird bedeutend mehr erregt, wenn das Feuer des Leuchtturms nicht immer strahlt, sondern abwechselnd aufblitzt und wieder verschwindet, wie bei den sogenannten Blinklichtern, oder wenn es seine Farbe verändert, einmal blau, dann rot, dann grün, dann wieder weiß erscheint, wie zum Beispiel in Calais, bei welchem auch noch zugleich die dritte Konstruktion angebracht ist, daß sich nämlich das Licht immer in großem Bogen bewegt.

Der Leuchtturm von Matagorda besitzt ein Blinklicht, welches erst weiß, dann grün, dann rot erscheint, zur Unterscheidung von dem benachbarten Hafen, Galveston, dessen Leuchtfeuer, nur in Weiß, bald erglänzt, bald verschwindet.

Erzeugt wird das Licht durch eine elektrische Bogenlampe, und jeden um die Besichtigung bittenden Fremden, der sich überzeugen will, wie die farbigen Gläser vor derselben vorbeigezogen werden, zeigt der Beamte gern die sinnvolle Einrichtung und die dazu nötigen Maschinerien.

Der Leuchtturmwärter, der gerade einen wißbegierigen Besucher herumführte, fühlte sich durch das ihm in die Hand gedrückte Goldstück veranlaßt, die ganze Maschinerie in Bewegung zu setzen, nur die Bogenlampe brachte er nicht zum Glühen, denn es war ja noch heller Tag.

Der Fremde, ein junger, ernster Mann, konnte nicht oft genug seine Verwunderung darüber aussprechen, daß dies alles so einfach war, während er eine komplizierte Maschinerie zu finden erwartet hatte.

»Bei einer solchen Einrichtung,« entgegnete der Wärter, ein alter, invalider Seemann, dem die Ehrlichkeit aus den Augen sprach, »kommt es hauptsächlich auf Einfachheit an. Je komplizierter die Maschinerie ist, desto leichter kann sie einmal versagen, und denken Sie sich nur einmal aus, was dann für Unglücke entstehen können, wenn plötzlich das Licht versagen sollte. Hunderte von Menschen würden ihr Leben lassen müssen, weil das Leuchtfeuer nicht sichtbar wäre.«

»So kam es noch niemals vor, daß die Vorrichtung nicht funktionierte?« fragte der Fremde. »Meiner Ansicht nach könnte dies doch sehr leicht eintreten, denn die Gläser sitzen ganz lose in dem einfachen Holzrahmen und das Rad wird nur einfach von einem Strick gedreht, den die Maschinerie bewegt. Reißt derselbe, dann stehen die Gläser still.«

»Das macht weiter nichts,« lachte der Alte, »dann drehe ich das Rad einfach mit der Hand, bis der Morgen anbricht und das Feuer außer Betrieb gesetzt werden kann. Der Strick wird durch einen anderen ersetzt, und der Schaden ist repariert. Bricht ein Glas, nun, so habe ich einen Vorrat davon da, und ein anderes ist leicht eingesetzt. Wäre das Rad aber ein schweres, eisernes, wären die Gläser mit Blei eingefaßt und könnte die Vorrichtung nur mittels eines starken Riemens gedreht werden, na, dann würde ich alter Krüppel das Ding wohl nicht drehen können, wenn der Riemen reißen sollte.«

»Aber kann die Bogenlampe nicht einmal versagen?«

»Ist bis jetzt noch nicht vorgekommen,« entgegnete der Alte. »So lange die Dynamomaschine geht, kann das auch nicht passieren. Zum Betriebe derselben sind zwei Dampfmotoren da, einer zur Reserve, und ebenso kann auch eine andere Dynamomaschine eingeschaltet werden. Wir haben hier zwei Elektrotechniker, und die sorgen schon, daß alles für die wenigen Stunden der Nacht funktioniert, sie haben ja am Tage Zeit genug zum Nachsehen, und Jakob, der Heizer, nun, der weiß mit seiner Maschine Bescheid.«

Der Leuchtturmwärter war vollkommen überzeugt, daß ein Nichtfunktionieren des Feuers gar nicht möglich sei. Er war ja von Anbeginn hier tätig gewesen, und nie war ihm ein Unglück passiert. Auch der Fremde mußte zugeben, daß ein Verlöschen des Feuers oder des Farbenspiels unmöglich sei. Er begab sich dann in den Maschinenraum, wo er sich von einem Techniker den mechanischen Betrieb erklären ließ

Aus den Fragen des Fremden entnahm der Techniker, daß dieser von dem Wesen der Elektrizität keine Ahnung hatte, und führte ihn in die Hauptelemente derselben ein, um ihm das Funktionieren der Dynamomaschine begreiflich zu machen.

»Stehen Sie auch mit anderen Leuchttürmen an der Küste in Verbindung?« fragte der Fremde, der seit einiger Zeit öfters nach der Uhr sah.

»Gewiß, mittels eines elektrischen Telegraphen können wir mit dem Leuchtturm von Galveston und einem anderen westlich von uns sprechen. Aber,« fuhr der Techniker fort, »wenn Sie dessen Leuchtturm in Tätigkeit sehen wollen, so ersuche ich Sie, in etwa vier Stunden wiederzukommen, wenn Sie nicht vorziehen, gleich hierzubleiben. Um neun Uhr beginnt das Feuer zu spielen!«

»Es ist jetzt bald fünf Uhr.« sagte der Fremde, abermals nach der Uhr sehend, »es tut mir leid, nicht länger hierbleiben zu können, ein Geschäft ruft mich nach Matagorda zurück. Wollen Sie aber die Güte haben, mir noch einmal die Dynamomaschine zu erklären, es ist mir noch unverständlich, auf welche Weise sie die Elektrizität erzeugt.«

»Sehr gern,« entgegnete der Techniker und führte den Fremden in den Raum zurück, in welchem die beiden Dynamomaschinen, von denen aber nur die eine gebraucht wurde, standen. Eine Menge mit grüner Seide umsponnene Drähte liefen die Wände und die Decke des Gemaches entlang.

Eben wollte der Techniker die an ihn gestellte Frage beantworten, als eine Stimme in dem Treppenhause des Leuchtturmes rief:

»Mister Grave, Sie werden von einem Herrn im Leuchtturm Galveston zu sprechen gewünscht.«

»Entschuldigen Sie mich,« wandte sich der Techniker an den Fremden, »ich muß für eine Minute an den Telegraphenapparat, komme aber sofort zurück.«

Er eilte hinaus, den Fremden allein in dem Gemach zurücklassend.

Dieser blickte sich schnell um, er war allein.

»Fünf Uhr,« murmelte er, »Chalmers hat Wort gehalten, jetzt schnell ans Werk!«

Mit einem Schritt trat er an die Dynamomaschine, warf noch einmal einen scheuen Blick umher und machte sich dann an zwei dicht zusammenstehenden Spitzen der Maschine zu schaffen, er schien sie zu verbiegen. Aber nicht genug damit, er löste auch einen grünen Draht ab, zog einen anderen, ganz ähnlichen aus der Tasche und schraubte diesen an die Stelle des ersten, so die Verbindung wieder herstellend.

Ebenso machte er es an der zweiten Maschine. In höchstens einer Minute war alles geschehen. Man sah den Apparaten nicht an, daß etwas mit ihnen vorgenommen worden war. Die Verbiegung der Spitzen war fast unmerklich, die verwechselten Drähte fielen nicht auf. Die richtigen hatte der Fremde in seine Tasche gesteckt.

Wie gewöhnlich, so wurden aus der vom Techniker versprochenen einen Minute fünf. Der Fremde trat an ein Fensterchen und blickte auf das Meer hinaus, welches unruhig zu werden begann. Schon der Leuchtturmwärter hatte gesagt, es wäre für diese Nacht ein Sturm zu befürchten.

»Es kommt, wie es nicht besser sein könnte,« murmelte der Fremde durch die Zähne. »Besorgen die anderen ihren Auftrag ebensogut, wie ich den meinen, so muß die Sache glücken. Der Techniker und der Alte werden in keine schlechte Angst geraten, wenn ihre Apparate nicht funktionieren wollen und sie vergeblich nach der Ursache suchen. Und wenn die ›Vesta‹ nicht diese Nacht hier einlaufen will, sondern erst morgen bei Tage, so muß Spurgeon ihr einen Lotsen an Bord schicken, der sie auf der Strand laufen läßt. So oder so, glücken muß es!«

Der Techniker trat wieder herein.

»Haben Sie auch schon von der ›Vesta‹ gehört?« fragte er den harmlosen Besucher.

»Die ›Vesta‹? Gewiß! Was ist mit dieser?«

»Sie kommt jedenfalls diese Nacht in den Hafen. Es wurde mir bereits vor einigen Stunden von Galveston aus telegraphiert. Sie hat ihre Absicht einem anderen Dampfer signalisiert. Alle Wetter, ist deswegen hier eine Aufregung. Soeben fragte mich der Telegraphist in Galveston auf Bitte eines Herrn, der dort den Leuchtturm besichtigt, ob die ›Vesta‹ schon zu sehen wäre. Das kann natürlich nicht der Fall sein. Vor Mitternacht können wir sie gar nicht erwarten.«

Der Fremde bedankte sich für die freundliche Erklärung, legte in die Sparbüchse für Schiffbrüchige eine reichliche Spende und verabschiedete sich von dem Personal des Leuchtturms. Er ließ sich in einem Mietsboot durch den Hafen rudern und stieg an der Küste des Festlandes aus.

Sofort gesellte sich ihm ein anderer Herr zu, der schon auf ihn gewartet haben mußte. Beide durchschritten schweigend die Dockstraße, bis sie das Ende der Hafenanlage erreicht hatten, wo ein leichter Landwagen stand.

Erst, als der Kutscher, ein Spanier, die beiden Rosse zum Laufe antrieb, nahm der Fremde das Wort:

»Spurgeon,« flüsterte er leise, und nur mit Mühe konnte er seine Freude verbergen, »es ist alles geglückt. Diese Nacht wird zum ersten Male das Leuchtturmfeuer nicht zu sehen sein.«

Spurgeon atmete auf; eine furchtbare Aufregung hatte sich seiner plötzlich bemächtigt.

»Werden die Techniker nicht den Schaden, den Sie angestiftet haben, bemerken und wieder gutmachen können, Kirkholm?«

»Nicht so schnell, daß dadurch unser Plan gestört würde! Ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, was ich gemacht habe, denn Ihnen fehlt die Kenntnis der Dynamomaschine, wahrend ich als Ingenieur ausgebildet worden bin. Nur soviel kann ich Ihnen sagen, daß ich den Techniker auf eine falsche Spur geleitet habe. Ich habe nämlich zwei Spitzen, über welche der elektrische Strom springen muß, etwas verbogen, und wenn die Maschine nicht funktioniert, so glauben die Techniker nicht anders, als daß dies die Strömung verursache. Sie werden sich nun bemühen, die ursprüngliche Stellung der Spitzen wieder herbeizuführen, aber sie können machen, was sie wollen, die Maschine funktioniert doch nicht mehr, weil ein Draht an ihr fehlt.«

»Das werden sie aber bald herausfinden.«

»Auch nicht, denn ich habe einen anderen eingeschaltet, der den: ursprünglichen ganz ähnlich sieht, aber gar kein Draht ist, sondern nur aus Seide mit Gummi-Einlage besteht, also vollkommen isoliert. Erst aber operieren sie stundenlang an den Spitzen herum, dann schalten sie die andere Dynamomaschine ein, darüber allein wird es schon Morgen, und ehe sie den Fehler wirklich gefunden haben, vergehen Tage, vielleicht Wochen.«

»Gut denn,« sagte Spurgeon, »und mit meinem Erfolge können Sie auch zufrieden sein.«

»Haben Sie den Lotsen gefunden?«

»Ja, jener ehemalige Lotse ist für Geld willig, die ›Vesta‹ auf den Strand laufen zu lassen, doch wir brauchen seine Dienste nicht. Die ›Vesta‹ wird nach den neuesten Nachrichten diese Nacht einlaufen. Wir haben Glück, es wird stürmisches Wetter.«

»Und wie steht es mit den Vorbereitungen, um die ›Vesta‹ auch bei Nacht auf die Riffe laufen zu lassen?«

»Alles ist besorgt; die Fischer sind schon engagiert, und sie gingen mit Freuden auf meinen Vorschlag ein, denn er verspricht ihnen reiche Beute zu bringen. Ich glaube, sie werden von jetzt ab noch öfters mit Truglichtern operieren, auch ohne mein Geheiß,« schloß Spurgeon mit einen häßlichen Lächeln.

»An wie vielen Stellen lassen Sie die Lichter sehen?« fragte Kirkholm.

»Bei Anbruch der Nacht stammen solche an vier Stellen zugleich auf, so, daß sie von den Leuchttürmen nicht gesehen werden können. Die ›Vesta‹ muß in die Falle gehen; ein Feuer bekommt sie wenigstens in Sicht und hält dies dann für das von Matagorda.«

»Und vielleicht noch manches andere Fahrzeug,« fügte Kirkholm hinzu.

»Was macht es aus,« entgegnete Spurgeon gleichgültig, »ob ein Menschenleben mehr oder weniger geopfert wird? Hauptsache ist, daß die Vestalinnen den Strand nicht betreten, und dafür, kalkuliere ich, werden die Strandbewohner schon sorgen. Die Schiffbrüchigen gehören ihnen. Aber unter diesen Umständen, bei dieser stürmischen Nacht werden die Mädchen wohl schwerlich den Fischern lebendig in die Hände fallen, morgen werden wir das Meer mit Schiffsplanken bedeckt sehen. Glück auf, Kirkholm!«

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