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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 21
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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20.

Schlimme Vorzeichen.

Lustig flatterte das Sternenbanner im Winde, lustig der Wimpel der feuerschürenden, priesterlichen Jungfrau. Aber am lustigsten waren die Vestalinnen selbst. Tag und Nacht trällerten sie Lieder. An Deck, in den Kabinen, in allen Winkeln des Schiffes erschollen Lachen und Scherzworte; noch nie waren die Mädchen so ausgelassen gewesen, wie während der letzten Seereise.

Es ging ja der Heimat zu, und noch dazu auf ihrem eigenen Schiff, auf ihrem Stolze, der ›Vesta‹. Sie waren alle noch am Leben, gesund und munter, wie die Fische; nicht eine war da, welche Grund zur Klage gehabt hätte.

Eine war verheiratet in Batavia – die war sicher nicht traurig. Eine hatte nach einjähriger, heimlicher Liebe ihre Sehnsucht durch kecke Flucht gestillt – man hatte Hope als eine glückliche, junge Frau noch vor wenigen Wochen beglückwünscht. Johanna stand unter dem Schutze ihres Bräutigams, und die übrigen, nun, was sollte ihnen fehlen, wenn sie die glücklich wußten, welche sie liebten und um die sie sich einst gesorgt hatten?

Jetzt ging es der Heimat zu, und nicht einen Kampf, nein, ein fröhliches Spiel sollte es geben, wenn man die Erbschleicher entlarvte. Es war nur schade, daß sich diese wahrscheinlich schon vor ihrer Ankunft dem Arme der Gerechtigkeit entziehen würden, denn sicher hatten sie von dem Wiederauftauchen der ›Vesta‹ und der Vestalinnen erfahren. Sie würden fliehen und alles Errungene im Stich lassen.

Doch war es besser so, dann stand der Freude der Rückkehr in die Heimat nichts im Wege. Und sollten die Verbrecher doch noch einmal versuchen, sie zum Schweigen zu bringen und in den Tod zu schicken, so wußten die Mädchen jetzt, wer ihnen hilfreich zur Seite stand. Auf Hoffmann konnten sie sich verlassen, und jetzt endlich hatten sie auch den Wert Johannas und Sharps erkannt. Mit diesen dreien im Bunde wollten sie die Pläne der Unholde zu schänden machen – oder ihrer überhaupt nicht achten.

Es war einstimmig beschlossen worden, nicht direkt nach New-York zu fahren, sondern erst in den Golf von Mexiko einzubiegen, und von dort das Land zu betreten, denn von hier aus waren am leichtesten die Besitzungen von Miß Petersen, Thomson, Murray und anderen Damen zu erreichen. Man hoffte die Erbschleicher zu überraschen, wenn sie sich gerade des gelungenen Raubes freuten.

Dann konnte man noch immer im Triumph in den Hafen von New-York einsegeln.

Jetzt hatte die ›Vesta‹ bereits Kuba hinter sich, man befand sich schon im Golf von Mexiko und konnte den warmen Strom bewundern, welcher bekanntlich seine Wirkung noch hoch oben im Norden ausübt. Durch ihn hat Irland seine grüne Küste erhalten, welche ihr den Namen der ›grünen Insel‹ eingebracht hat.

Der Golfstrom ist außerordentlich reich an Fischen, und überall, wohin er sich auch erstrecken mag, trifft man auf dieselben Arten von Fischen, selbst im Norden, welche sonst nur in den tropischen Gewässern vorkommen.

Es ist wunderbar, wie der Golfstrom seine Wärme behält.

Bekanntlich friert das Meerwasser infolge seines Salzgehaltes erst bei 40 Grad Celsius, fühlt sich also in solchem Zustande bedeutend kälter als Eis an. Es ist dem Matrosen ein Schrecken, muß er in solchem Wasser sein Zeug ausspülen, es gefriert ihm unter den Händen, und diese erfrieren oft genug dabei. Da sieht er vor dem von Eis starrenden Schiffe plötzlich eine grüne Masse auf dem Meere treiben, und der Ruf ›das Golfgras‹ pflanzt sich von Mund zu Munde fort. Auch die vielen großen Schiffe deuten an, daß man sich im Golfstrom befindet.

Schnell wird ein Eimer mit Wasser heraufgeholt, alle Hände tauchen hinein, und die Vermutung bestätigt sich. Das Wasser, das eben noch bitter kalt war, ist plötzlich lauwarm geworden, man könnte sich mit Wohlbehagen darin baden. Einige Stunden später befindet man sich unter Umständen wieder zwischen Eisschollen.

Wegen seines Fischreichtums wird der Golfstrom von Fischern aufgesucht, die sich weit vom Festlande entfernen, und im Golf von Mexiko, welcher von Nord-, Mittel- und Südamerika eingeschlossen wird, wimmelt es von Fischerbooten.

Soeben näherte sich auch die ›Vesta‹ einer Gruppe von wohl hundert Fischerbooten, welche, in gemessenen Zwischenräumen voneinander entfernt, ihre Netze auswarfen. Die Fischer gehörten sowohl der spanischen, wie der nordamerikanischen und englischen Rasse an. Auch Eingeborene sah man darunter.

Die Boote, an denen die ›Vesta‹ vorüberkam, strebten an das große Schiff heranzukommen, um Fische zu verkaufen. Doch die Mädchen wollten erst das Schauspiel genießen, das sich ihnen bot, ehe sie an eine Vermehrung ihres Proviants dachten.

Es wurden kleine und große Fische gefangen, denn die Leute fischten mit engmaschigen, aber starken Netzen, und nicht selten passierte es, daß sie sogar Delphine an die Oberfläche zogen, unter deren Gewicht das Boot zu kentern drohte. Dann mußte die Last auf mehrere Boote verteilt werden, und das Emporziehen des Netzes geschah mit vereinten Kräften.

Ja, sogar der gefährliche Sägefisch mit der über einen Meter langen Säge am Kopf, wurde ans Tageslicht befördert, zum Aerger der Fischer, denn das Netz ward durch seine Waffe jedesmal vollständig zerfetzt.

»Was macht denn der Mann dort in dem kleinen Boote?« rief ein Mädchen. »Fischt der auch?«

Der fragliche Fischer, dem sich jetzt die Aufmerksamkeit aller zuwandte, befand sich in einem sehr kleinen Boote, welches gar nicht zum Fischfang bestimmt schien. Segel und Ruder wurden von einem Knaben bedient, während der Mann, ein weißhaariger Greis, einer seltsamen Beschäftigung oblag.

Er warf immer ein Tau so weit wie möglich in das Meer hinaus, das eine Ende in der Hand behaltend, zog es langsam aufrollend ins Boot zurück, und war das andere Ende wieder an der Oberfläche erschienen, so bog er sich weit über die Bordwand, zog immer langsamer an und brach dann in ein lautes Wehklagen aus.

»Hast du ihn, Vater?« fragte der Knabe am Ruder.

»Hast du ihn, Vater?« fragte der Knabe am Ruder.

»Nein, er ist noch immer nicht daran,« schrie der Alte in herzzerreißendem Tone und warf von neuem das Tau in das Meer hinaus.

Immer das gleiche Manöver, dieselbe Frage des Knaben, dieselbe Antwort des Vaters und dann das gleiche Weinen und Wehklagen der beiden, des Jungen wie des Alten.

Wohl zehnmal hatten die Damen diesem merkwürdigen Schauspiel zugesehen, ehe sie sich querab von diesem Boote befanden, und da Ellen einige Kommandos gegeben hatte, so lag die ›Vesta‹ jetzt außer dem Winde still und ganz nahe an diesem Boote.

»Hast du ihn?« fragte die klägliche Stimme des Knaben.

»Nein, er ist wieder nicht daran,« schrie der Alte.

»Versuche es noch einmal!« flüsterte der Kleine jetzt tonlos und weinte ebenso wie der Alte.

Von dem großen Schiffe nahmen beide keine Notiz, während sich die übrigen Boote um dasselbe drängten.

»Es muß jemand über Bord gefallen und ertrunken sein,« sagte Ellen, »und der Alte fischt nach der gesunkenen Leiche. Warum hat er denn aber keinen Haken am Tau, wie soll das Seil den Toten fassen können?«

»Und die anderen Fischer kümmern sich gar nicht um die beiden,« meinte ein anderes Mädchen. »Das ist doch merkwürdig! Eine solche Teilnahmlosigkeit findet man sonst unter den Fischern nicht.«

»Fische, Fische!« rief da ein Mann und legte mit seinem Boot neben der ›Vesta‹ an.

»Kommen Sie herauf!« rief Ellen hinunter.

Sie wollte von dem Fischer etwas über das sonderbare Benehmen dieser beiden erfahren. Die Regel, daß kein Mann die ›Vesta‹ betreten sollte, war zu oft verletzt worden, als daß sie noch aufrecht gehalten wurde. Ellen kaufte dem Spanier zwei Körbe voll Fische ab und fragte ihn dann, wer die beiden seien, und was ihr Jammer zu bedeuten habe.

»Danke,« sagte der Spanier und steckte das Geld schmunzelnd ein. »Sie meinen den Alten und seinen Sohn? Die sind beide wahnsinnig.«

»Wahnsinnig?« riefen die Mädchen entsetzt. »Und sie fahren hier auf dem Meere herum?«

»Warum nicht?« fragte her Mann achselzuckend. »Es sind Fischer, sie sind auf dem Meere verrückt geworden, und jedesmal, wenn ihre Kameraden – es sind Texaner – zum Fischfang in die Boote steigen, fahren auch sie mit, denn sie sind in dem Wahne befangen, den Sohn oder Bruder doch noch eines Tages aus dem Meere retten zu können.«

»Sprecht deutlicher, Mann, wir können Euch nicht verstehen.«

Der Mann erzählte, was Vater und Sohn gleichzeitig zum Wahnsinn getrieben hätte. Es war sehr traurig.

Der Vater war ein Fischer und alle seine Söhne ebenfalls. Nur einer davon, der älteste, hatte Lust bekommen, eine größere Reise auf einem Schiffe anzutreten, um dann mit vollem Geldbeutel wieder heimzukehren.

An der texanischen Küste ist die Strandräuberei noch recht zu Hause. Man bittet den Himmel und alle Heiligen, doch recht viele Schiffe an dem Strande zerschellen zu lassen, denn, was angeschwemmt wird, gehört den Strandbewohnern. In jenen einsamen Gegenden gibt es keine Behörde, welche den Leuten ihre Beute streitig macht.

Wir brauchen übrigens nicht weit zu gehen, um auf dieselbe Art von Strandräuberei zu stoßen. Es ist noch nicht so lange her, daß in einem Dorfe an der Ostseeküste jeden Sonntag in der Kirche der Pastor im Schlußgebet den lieben Gott ersuchte, doch recht viel Schiffe an ihrer Küste scheitern zu lassen, damit seine Gemeinde recht reich würde.

Die texanischen Fischer aber begnügen sich nicht nur damit, die Kisten, Ballen und Fässer zu bergen, sondern sie ziehen auch die Schiffbrüchigen ans Land, aber nur um den vom Tode Erretteten den Gnadenstoß zu geben, ihn nach Wertgegenständen zu untersuchen und dann wieder ins Meer zu werfen. Sind es angeschwemmte Leichen, so brauchen sie natürlich nicht erst zum Mörder zu werden.

Mit langen Tauen stehen sie am tobenden Meere, und wo sie einen Kopf, einen Arm, eine Hand aus dem Wasser sich recken sehen, da stiegt das sicher geschleuderte Tau hin. Krampfhaft klammert sich die Hand an das rettende Seil, die braven Fischer ziehen den Menschen ans Land, sie beugen sich anscheinend liebevoll über den Geretteten und schlagen ihm den Kopf ein.

Ein solches Handwerk trieb auch der Alte. Bei jedem Sturm, in der finsteren Nacht stand er draußen und spähte nach einer Rakete, nach einem Licht oder lauschte auf einen Kanonenschuß, den ein in höchster Not befindliches Schiff löste.

So klein sein jüngster Sohn auch war, er mußte doch schon dem Vater bei diesem Geschäft helfen, und nicht immer hielt es dieser für nötig, ihn wegzuschicken, ehe er dem ans Land Gezogenen mit dem schweren Beil den Kopf einschlug.

Doch sei gleich bemerkt, daß sich die Fischer deswegen durchaus nicht für Mörder halten, das Meer gehört ihnen und alles, was sich in ihm befindet. Wenn sie die Schiffbrüchigen nicht ans Land zögen, müßten diese doch sterben. Denn wem gelingt es denn einmal, das Land zu erreichen, ohne von der mächtigen Dünung wieder in den Schlund hinabgerissen zu werden?

Dann ist es aber um die Wertsachen schade, welche verloren gehen würden. Darum bringen sich die Fischer erst in den Besitz derselben und stoßen dann den Geretteten wieder zurück. Was das Meer haben will, bekommt es doch, daher wäre Mitleid ganz falsch angebracht. Die Ermordung der Schiffbrüchigen beschwert das Gewissen der Leute durchaus nicht.

Wieder einmal stand der alte Fischer beim tobenden Sturm in finsterer Nacht am Strande, neben sich den Knaben, der die brennende Laterne trug.

Schon vor einigen Stunden hatten sie Kanonenschüsse gehört und von ihrer Hütte aus Raketen aufsteigen sehen. Ein Schiff war in Gefahr und der Berechnung des Fischers nach unrettbar verloren. Von den Felsenriffen der Küste gab es kein Abkommen mehr; was dazwischen kam, war dem Verderben geweiht.

»Es ist ein Schoner, Vater,« sagte der zehnjährige Knabe, als ein heller Blitz einmal das Meer weithin beleuchtete und ein Fahrzeug hatte erkennen lassen, das wie ein Spielball von den Wogen umhergeschleudert wurde.

»Meinetwegen,« brummte der Alte.

Nach einiger Zeit, hörten beide unter dem Donner ein anderes Geräusch, ein furchtbares Krachen. Die Kanonenschüsse waren schon längst verstummt.

»Es ist zerschellt, es ist auf das Riff geraten,« jubelte der Alte, hing die Laterne an einen langen Stock, steckte diesen in den Dünensand und ging dem schäumenden Strande zu, das Seil mit dem Haken bereits in der Hand, das Beil im Gürtel.

Bald kamen Kisten und Fässer herangetrieben, und es gab eine schwere Arbeit für die beiden. Der Alte warf das Tau geschickt, der Haken faßte, der Gegenstand wurde herangezogen, bei einer überrollenden Woge ans Land gesetzt und sofort den Strand hinaufgerollt, ehe eine neue Woge kam und ihn wieder zurückriß, womöglich die beiden mit, weil sie sich weit vorwagen mußten, um die Beute fassen zu können.

Da streckte sich neben einem Fasse eine Hand aus den Wogen. Sofort flog das Seil dorthin, der Haken traf die Kleidung, vielleicht auch das Fleisch – was schadete es – und der Alte begann strandaufwärts zu ziehen.

»Sieh' nach der Laterne, sie geht aus,« rief der Alte.

Der Knabe wußte schon, warum er fortgeschickt wurde. Schnell lief er weg.

Dem Alten war es gelungen, den Schiffbrüchigen vor den wütenden Wogen in Sicherheit zu bringen, das Beil sauste auf den Kopf des Unglücklichen, dann wurde er visitiert und dem Meere zurückgegeben.

Ein anderer Mensch wurde ans Ufer gezogen. Er war nicht besinnungslos, mit starkem Arm hatte er gegen die Fluten gekämpft. Der Alte hätte das Tau umdrehen müssen, aber nein, er schleuderte den scharfen Haken, er saß, und plötzlich hörte der Mann auf zu schwimmen.

»Dem brauche ich nicht erst den Hirnschädel einzuschlagen,« dachte der Alte, »der Haken hat ihm das Lebenslicht ausgeblasen.«

Die Brandung hatte zugenommen; der Alte konnte den Körper nicht allein ans Ufer ziehen, der Sohn mußte helfen.

Jetzt lag der Mann vor ihnen, ein Leichnam. Der schwere, scharfe Haken hatte ihm den Hals fast durchschnitten.

Beide beugten sich herab, der Vater habgierig, der Sohn neugierig, als ein Blitzstrahl die Nacht erhellte.

»Alex,« schrie der Alte plötzlich auf und starrte entsetzt den Unglücklichen an, wahrend der Junge zu Boden gestürzt war, als hätte ihn der Blitz getroffen.

Der Fischer hatte seinen ältesten Sohn ermordet.

Am anderen Morgen fanden ihn die benachbarten Fischer am Ufer stehen, fort und fort das Tau, aber mit dem unteren Ende, ins Wasser schleudernd und wieder herausziehend. Teilnahmlos blickte ihm sein Sohn zu und stellte dann die Frage:

»Ist er dran, Vater?«

»Nein, noch nicht.«

Und dann brachen beide in Jammer aus.

So ging es seitdem Tag für Tag, sie waren beide wahnsinnig geworden und versuchten immer wieder den Sohn und Bruder, dessen Körper eine mächtige Woge zurückgenommen hatte, wiederzubekommen. Sie glaubten beide, er lebe noch, aber nie mehr warfen sie den Haken, immer nur das lose Tau.

»In einer lichten Stunde hat der Alte sein Schicksal erzählt,« schloß der Erzähler. »Wir glaubten schon, er sei kuriert, da aber sagte er zu seinem Sohne: ›Komm, wir wollen Alex retten, sonst ertrinkt er.‹ Und beide gingen wieder an den Strand und warfen das Tau aus. Wenn die Fischer ihre gemeinsamen Fahrten machen, dann schließt er sich wohl auch noch wie früher ihnen an, fischt aber nicht, sondern wirft nur das Tau, und sein Junge steuert das Boot. Freunde füttern beide durch. Weil sie aber doch nicht fischen, haben sie ihnen das Fischerboot genommen und ihnen dafür ein anderes gegeben. Sie merkten es gar nicht.«

»Entsetzlich,« sagte Ellen.

Das Boot war zufällig mit dem Schiffe getrieben, die Mädchen sahen Vater und Sohn noch immer bei der unheimlichen Arbeit und hörten die gleichen Fragen und Antworten.

»Etwas anderes sprechen sie niemals?«

»Doch. Wenn sie ein Schiff bemerken, so warnt der Alte den Kapitän, nach dem Strande, wo er wohnt, zu segeln, weil dort der Schoner seines Sohnes untergegangen ist.

»Aber er bemerkt doch unser Schiff gar nicht, obgleich wir dicht vor ihm sind.«

»Ja, das hält etwas schwer, er muß ans Schiff rennen oder angerufen werden. He, Alter,« rief der Fischer hinüber, »hast du Alex noch nicht gefunden?«

Der Wahnsinnige hob die stieren Augen und schien erst jetzt das Vollschiff zu sehen.

Plötzlich warf er das Tau in das Boot, streckte beide Hände nach dem Schiffe aus und schrie:

»Zurück, zurück, ihr segelt auf die Matagorda-Riffe, zurück, sage ich euch, ihr kommt nicht wieder los, euer Schiff muß dort scheitern! Seht ihr ihn schwimmen, dort, dort, den Menschen mit dem durchschnittenem Hals, sein Schoner ist auf den Matagorda-Riffen gescheitert.«

Der Alte schwatzte weiter, griff aber schon wieder zum Tau, um es nach dem eben gesehenen Phantom mit dem durchschnittenen Hals, seinem Sohne, zu schleudern.

Die Nennung des Namens Matagorda brachte unter den Damen eine unangenehme Bestürzung hervor. Das war der Hafen, dem sie jetzt zusteuerten, und den sie noch diese Nacht zu erreichen hofften.

Am Morgen hatte Ellen gesagt, daß in der Nahe dieses Hafens eine Kette von Riffen sei, an welchen schon unzählige Schiffe den Untergang gefunden hätten, und daß die dortigen Bewohner nur von Strandräuberei lebten. In der Nähe der Riffe müßten alle Vestalinnen auf dem Posten sein, um ein Unglück rechtzeitig verhindern zu können.

»Zurück, zurück, sage ich euch, segelt zurück!« rief unten der Wahnsinnige, der sein Tau schon wieder vergebens auswarf und einzog. »Segelt nicht nach Matagorda, ihr müßt scheitern, ihr müßt. Seht ihr dort die Leichen schwimmen? Ihre Schiffe sind alle an den Matagorda-Riffen gescheitert.«

Es wurde den Mädchen unbehaglich; der alte Mann glich einem krächzenden Unglücksraben.

»Geht in Euer Boot,« sagte Ellen zu dem Fischer, »wir wollen wieder in den Wind steuern.«

Der Mann warf die zwei leeren Körbe in sein Boot und schwang sich über die Bordwand, um sich am Tau, an welchem er emporgeklettert war, wieder hinabzulassen.

Aber sei es, daß er den Halt verlor oder einen Fehltritt tat, kurzum, er stürzte plötzlich mit einem Schrei kopfüber ins Wasser.

Er kam zwar sofort wieder an die Oberfläche, aber man sah auch ebensoschnell, daß der Fischer, wie so viele Küstenbewohner, nicht schwimmen, sondern sich nur eben über Wasser halten konnte, nach dem Grundsatze jener Leute, daß das Schwimmen nur den Todeskampf verlängert.

Schon sprangen die Mädchen nach Tauen; Ellen warf das ihrige zuerst dem im Wasser Zappelnden zu, da aber ergriff der Fischer ein anderes, welches nicht von der ›Vesta‹ geworfen worden war.

»Ich habe ihn, ich habe ihn.« jubelte plötzlich der Alte auf und zog das Tau mit furchtbarer Schnelligkeit ein.

»Siehst du, Jeremy, Alex ist nicht tot, wie du immer sagtest; er lebt.«

Den schon halb ertrunkenen Fischer umklammerten zwei starke Arme, aufblickend sah er in die Augen des Alten, und ein plötzliches Entsetzen befiel ihn. Er wollte sich nicht in das Boot heben lassen, ein wildes Ringen entstand, der eine im Wasser, der andere im Boot, das Fahrzeug neigte sich stark auf die Seite, da plötzlich sprang auch der Sohn hinzu, um seinem Vater zu helfen, und das Boot kippte um.

Krampfhaft umschlungen tauchten die beiden Männer wieder auf, aber auch jetzt noch suchte sich der Fischer zu befreien. Er stemmte sich mit beiden Händen gegen die Brust des Wahnsinnigen, ihn zurückdrängend, aber dieser ließ nicht los. Keiner griff nach den von der ›Vesta‹ ihnen zugeworfenen Tauen, schon tauchten sie immer seltener auf, und bald mußten sie für immer verschwinden.

Der Junge war schon von einem Fischerboot aufgenommen worden, aber an die beiden Ringenden konnte jetzt niemand herankommen, die ›Vesta‹ war im Wege.

Schnell hatte Ellen an einem dünnen Tau eine Schleife gemacht, und als die beiden noch einmal auftauchten, warf sie ihnen den so entstandenen Lasso mit unfehlbarer Geschicklichkeit über den Kopf, wartete bis beide wieder sanken, und zog die Schlinge zu.

Dieselbe war stark genug, um die beiden Männer tragen zu können. Die Mädchen zogen das Tau durch einen Block und brachten die Verunglückten an Deck.

Der Spanier war schon bewußtlos, nicht aber der Wahnsinnige, er glaubte noch immer, seinen Sohn gefunden zu haben.

»Alex,« schrie er immer wieder, »habe ich dich endlich? Nicht wahr, du bist nicht tot, du lebst, dein Hals ist nicht durchschnitten?«

Andere Fischer erkletterten das Deck, und endlich gelang es, den Fischer von dem Alten zu befreien. Er blickte auf und bemerkte jetzt erst, daß er sich auf einem Schiffe befand.

»Ihr wollt nach Matagorda?« rief er mit allen Zeichen des Entsetzens. »Fahrt nicht hin, ihr scheitert! Ihr sterbt! Die scharfen Riffe schneiden euch den Hals durch. Alex, wo ist Alex?«

Er suchte den Sohn, den er wiedergefunden zu haben glaubte, er lief an Deck herum, wie es eben nur ein Wahnsinniger kann.

Schließlich bezwangen ihn aber seine Gefährten doch, und er wurde gebunden in dem Boote untergebracht, wo sich bereits sein teilnahmloser Sohn befand. Der besinnungslose Fischer war wieder zum Bewußtsein gekommen und hatte in seinem Boote Platz genommen. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er durch die plötzliche, furchtbare Angst ebenfalls wahnsinnig geworden, mit solchem Entsetzen blickte der abergläubische Mann um sich. Ja, er griff sich sogar fortwährend an den Hals, als fürchte er, dieser wäre wirklich durchschnitten.

Die Vestalinnen waren froh, als sich der Wind wieder in die Segel legte und sie den Unglücksplatz bald hinter sich hatten.

»Das war eine entsetzliche Szene,« sagte Ellen »Eine unglücklichere Begegnung konnten wir gar nicht haben.«

»Ich schlage vor, wir ändern unseren Kurs. Die Warnung des Wahnsinnigen, nicht nach Matagorda zu segeln, hat mich ängstlich gemacht,« sagte ein Mädchen.

Doch alle waren gegen diesen Vorschlag. Man dürfe dem Aberglauben nicht Vorschub leisten, sagten sie, aber innerlich wurden sie doch von einem Schauer erfüllt, wenn sie des Wahnsinnigen und seiner Worte gedachten.

Ellen ließ die Sonne aufnehmen und berechnete, daß sie nur noch zweihundert Meilen von Matagorda entfernt seien, eine Strecke, die sie bei diesem Winde in achtzehn Stunden zurücklegen konnten.

»Wir sind viel zu weit westlich getrieben worden,« meinte Miß Murray, »ich spähe schon immer nach der Küste aus. Daß wir nahe an derselben sind, verrät uns die Anwesenheit so vieler Fischerboote.«

»Gewiß, sind wir der Ostküste nahe,« entgegnete Ellen. »Kann ich aber etwas dafür?«

Das behauptete niemand. Der Wind war direkt Ost, die ›Vesta‹ trieb also immer nach Westen ab, mit Ausnahme, wenn sie dem Winde direkt entgegenkreuzte, ein sehr langweiliges Unternehmen.

»Das Meer ist an der Ostküste von Mexiko überall tief genug, um selbst bis dicht an den Strand segeln zu können,« nahm Ellen das Wort, »und solange wir die Küste nicht sehen können, haben wir wirklich keinen Grund zur Besorgnis. Wir fahren jetzt nach Norden, so daß wir mit der Küste immer parallel bleiben, und sollten wir doch einmal Land oder bei Nacht Leuchtfeuer, mit denen die Küste ziemlich besetzt ist, erblicken können, so müssen wir eben für einige Stunden gegen den Wind kreuzen, um abzukommen. Es schadet ja nichts, wenn wir Matagorda einige Stunden später als beabsichtigt erreichen.«

Die Mädchen sahen das richtige des Vorschlages ein und stimmten ihm alle bei.

Der Wind war gut, nicht zu heftig und nicht zu schwach, aber merkwürdig schwül, und der Seegang war im Verhältnis zu diesem Winde gering – kein gutes Zeichen.

»Die Möwen fliegen so schwer,« sagte Miß Murray, die neben Miß Thomson stand, »sie rennen immer gegen das Schiff, das bedeutet nichts Gutes.«

»Ach was,« lachte Betty, »die letzte Szene bedrückt Ihre Gedanken.«

»Es ist so schwül.«

»Nicht mehr als gewöhnlich, wir befinden uns in der heißen Zone.«

Da strich plötzlich eine Möwe so nahe an dem Kopf der sorglosen Sprecherin vorbei, daß ihre Flügel deren Mütze herunterwarfen.

»Freches Tier,« lachte Miß Thomson, »war das vielleicht auch ein böses Zeichen?«

Ellen kam aus ihrem Arbeitszimmer an Deck und rief:

»Wenn das Barometer nicht trügt, können wir uns gegen Abend auf einen heftigen Sturm gefaßt machen. Bereiten Sie sich auf eine unruhige Nacht vor!«

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