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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 19
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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18.

Nach dem Auslande engagiert.

Man hört öfters die Meinung, die Städte im fernen Westen oder im fernen Süden müßten recht elende Ortschaften sein, besonders die im südlichen Amerika, schmutzig, mit ungepflasterten Straßen, kleinen, aus Holz aufgeführten Häusern, in denen ein von Ungeziefer strotzendes Gesindel wohnt, die Hotels seien wahre Räuberherbergen und so weiter, und so ist der Reisende beim Besuch dieser fremden Städte verwundert, wie sehr er sich getäuscht hat.

Er tritt in breite Straßen mit Palästen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden; jedes Wohnhaus ist eine kleine Villa; man sieht die elegantesten Damentoiletten; die Herren sind, als kämen sie von einer Festlichkeit, in Frack, weiße Weste und Zylinder gekleidet, und nichts vermißt man, was die Zivilisation der europäischen Städte den Einwohnern bietet. Eisenbahnen, Pferdebahnen, auch elektrische Bahnen, Equipagen, Post, Telegraphen, die feinsten Hotels, die prächtigsten Schaufenster, Polizei, Militär und so weiter sind vorhanden. Kurz, die südamerikanischen Städte stehen den europäischen in nichts nach, einige, wie zum Beispiel Rio de Janeiro, Montevideo, Valparaiso und Santiago übertreffen sie noch an Pracht und Reichtum, einfach daher, weil sie keine alten Gebäude aufzuweisen haben, denn alle diese Städte sind ja neueren Ursprungs.

Es gibt aber Vorstädte, in welchen der unkundige Reisende das gedachte Bild vorfinden würde; enge, schmutzige Straßen, baufällige Häuser und Menschen mit listigen, scheuen Physiognomien; aber dahin braucht er nicht zu gehen; er kommt überhaupt selten dorthin, weil sie die Wohnorte der arbeitenden, spanischen oder eingeborenen Bevölkerung sind, bei denen er nichts zu suchen hat. Geschäfte findet er dort überhaupt nicht, höchstens elende Kramläden.

Auch Santiago in Chile, achtzig Meilen von Valparaiso entfernt, ist eine Stadt, welche allen Anforderungen einer Hauptstadt entspricht. Schöne Villen wechseln mit großen Geschäftshäusern ab, in deren Schaufenstern alles ausgestellt ist, was man in Paris, Berlin oder London kauft, und Schilder zeigen an, daß in vielen Häusern Bureaus eingerichtet sind.

In deutschen Zeitungen findet man öfter Annoncen, deren Inhalt lautet:

»Für das Ausland, Nord- und Südamerika, Afrika, Australien werden deutsche Gouvernanten, Kindergärtnerinnen, Dienstmädchen und so weiter gesucht. Freie Reise, beste Bedingungen. Man wende sich vertrauensvoll an den und den.«

Ach, da steigt in manchem Herzen wohl der Wunsch auf, dem Rufe zu folgen. Es ist doch etwas Schönes, fremde Menschen und fremde Länder zu sehen, man kann ja jederzeit in die Heimat zurückkehren, wenn es einem nicht gefällt. Zu schade, daß man an die Familie gebunden ist, an Eltern, Geschwister oder andere Verwandte, denen zuliebe man nicht ohne weiteres der Sehnsucht seines Herzens folgen darf.

Aber spaßeshalber schreibt man an die betreffende Agentur, vielleicht nach Hamburg, und erhält sofort jede Auskunft über die Stellung.

Wie staunt man über den Gehalt, der geboten wird!

Gouvernanten, Deutsch, Französisch und Englisch sprechend, erhalten monatlich achtzig Dollar bei freier Station, ohne diese zweihundert Dollar. Kindermädchen fünfundvierzig Dollar mit freier Station, Dienstmädchen dreißig Dollar, Kellnerinnen in seinen Hotels fünfundzwanzig Dollar inklusive Toilette, Mädchen für Landwirtschaft zwanzig Dollar und so weiter.

Gewöhnlich bittet der Agent, im Falle der Annahme eines Engagements, um die Photographie und sichert strengste Diskretion zu.

Man kann ihm glauben, daß er nicht viel über das abgeschlossene Geschäft plaudern wird.

Ach, wie schade, daß man diese glänzenden Bedingungen nicht annehmen kann, sonst würde man nach einigen Jahren mit einem hübschen Vermögen zurückkehren, wenn man nicht vielleicht draußen sein Glück finden sollte.

Das Glück! – –

›Vermittlungs-Bureau‹ nannte sich das Geschäft, welches in einer Seitengasse der Hauptstraße von Santiago lag. Es war nur eine kleine Stube mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen und einem Regal ausgerüstet, in welch letzterem wenige Bücher standen, aber dem Aussehen des wohlbeleibten Herrn nach zu schließen, welcher am Schreibtisch sitzend, die Feder führte, mußte das Geschäft seinen Mann nähren, und zwar sehr gut.

Noch ein anderer Herr befand sich im Zimmer und sah dem Schreibenden zu, ein junger, hübscher, äußerst geckenhaft aufgeputzter Mensch, mit Lackschuhen, gelben Glacéhandschuhen und einer Rose im Knopfloch.

»So, hier haben Sie die Bescheinigung,« sagte der dicke Herr in näselndem Tone, faltete das beschriebene Papier zusammen, steckte es in ein Kuvert und reichte es dem Gecken. »Seien Sie recht zuvorkommend gegen sie und halten Sie sich nicht länger auf als nötig. Heute nachmittag erwarte ich Sie bestimmt zurück, ich habe es Senor Pueblo sicher versprochen.«

»So soll sie schon heute abend ihre Stellung antreten?« fragte der Stutzer, das Kuvert einsteckend.

»Wenn sie auch noch nicht beschäftigt wird, so will sie Senor Pueblo doch wenigstens in seinem Hause haben. Er ist ein ängstlicher Mensch und sehr besorgt um seine Pflegebefohlene.«

Es lag etwas Spöttisches in dem Tone, in dem der Dicke diese Worte sprach.

»Beeilen Sie sich,« fuhr er dann zu dem Stutzer fort. »Die ›Florida‹ wird um elf Uhr in Valparaiso erwartet, muß aber bis abends sechs Uhr auf der Reede bleiben, weil dann erst Flut ist. Das ist günstig für Sie, so können Sie das Mädchen gleich mit einem Boote abholen, dadurch, wird alles Aufsehen vermieden.«

»All right,« sagte der Stutzer, eine goldene Uhr hervorziehend. »Es ist erst um acht, um zehn Uhr bin ich in Valparaiso, hole die Dame sofort ab, diniere mit ihr und komme dann direkt hierher. Good bye

»Dehnen Sie das Diner nicht zu lange aus,« rief der Dicke dem Fortgehenden nach.

Der Stutzer sprang in eine vorüberfahrende Pferdebahn, die an dem Bahnhof vorbeikam, und schon zehn Minuten später saß er in dem Zuge, der in zwei Stunden Valparaiso erreicht.

Wenn man aus dem Bahnhof von Valparaiso tritt, bietet sich dem Auge sofort das Panorama des Hafens dar, des größten an der Westküste Südamerikas. Schiffe aller Nationen ankern dicht an dem Quai, im Bassin liegen sie eng nebeneinander, und da die Reede eine sehr gesicherte ist, so bleiben viele Schiffe tagelang draußen liegen, ehe sie in den Hafen kommen, um die Ladung zu löschen, das heißt, um die Waren auszuladen oder neue einzunehmen. Auch der Verkehr von Passagierdampfern ist ein äußerst reger.

Der junge Mann schlenderte am Quai auf und ab. Er fragte einmal einen Hafenbeamten, für wann die ›Florida‹ angemeldet sei, und erfuhr, daß sie laut Depesche bereits den nördlichen Leuchtturm passiert habe. In einer Viertelstunde müßte man die Masten sehen können.

Der Wartende zündete sich eine Zigarette an und schlenderte weiter an dem blauen Wasser entlang, er merkte nicht, wie ein Herr auf ihn zukam, bis derselbe ihn ansprach.

»Bitte um Entschuldigung,« sagte der ebenfalls junge, aber einfach gekleidete Mann auf englisch zu dem Stutzer, »ich kann mich nicht mit dem Beamten verständigen, weil ich des Spanischen nicht mächtig bin.«

»Ich spreche Englisch,« sagte der Stutzer höflich. »Womit kann ich dienen?«

»Ich möchte gern von einem Beamten erfahren, wann die ›Florida‹ hier eintrifft.«

»Auch ich habe mich danach erkundigt; in einer halben Stunde können wir an Bord gehen.«

»Danke,« sagte der des Spanischen Unkundige, zog den Hut und entfernte sich.

»Ein Grünfink,« dachte der Stutzer, »jedenfalls ein Deutscher, denn er spricht ein schlechtes Englisch. Wetter, sollte das schon die ›Florida‹ sein?« unterbrach er sich und blickte nach dem Horizont, wo man die Rauchwolken eines Dampfers aufsteigen sah. »Dann ist sie verdammt schnell gefahren.«

Nach zehn Minuten hatte das große Passagierschiff die Reede erreicht, konnte aber nicht in den Hafen einlaufen, sondern mußte draußen vor Anker gehen. Es ist ein Nachteil des Hafens von Valparaiso, daß große Schiffe nur bei Flut in denselben gelangen können, doch ist es ja zum Beispiel in Hamburg und Bremerhaven ebenso.

Der Stutzer sprang in ein Mietsboot, um sich nach dem eben angekommenen Schiffe rudern zu lassen, aber noch ehe das Boot abstieß, gesellte sich jener Mann zu ihm, der ihn vorher angeredet hatte.

»Sie erlauben?« sagte er höflich.

»Gewiß, sehr gern.«

Der Stutzer war nämlich der festen Meinung, dieser Mann wollte sich ebenfalls nach der ›Florida‹ rudern lassen.

Das Boot wurde von dem Schiffer kreuz und quer durch den Hafen gerudert, um an den vielen Schiffen vorüberzukommen, passierte dann eine Schleuse und strebte direkt der ›Florida‹ zu.

Auf der Reede trieben sich nur wenige Boote umher, die Verbindung zwischen den Schiffen und dem Lande herstellend. Nach der ›Florida‹, welche eben erst ankerte, fuhr nur noch ein kleiner Dampfer, der den Agenten, der betreffenden Kompanie an Bord bringen sollte. Alle anderen, welche etwas auf diesem Schiffe zu suchen hatten, hatten es nicht so eilig, wie die beiden Herren, denn die sofortige Fahrt in einem Boot nach einem eben erst angekommenen Schiffe ist doppelt so teuer, als später, die Bootsführer wissen eben die Ungeduld der Passagiere auszunutzen.

Einige hundert Meter rechts, aber noch vor der ›Florida‹ lag ein großes Segelschiff.

»Dorthin, Bootsmann,« rief der später ins Boot gesprungene Mann dem Ruderer zu und deutete auf dieses Schiff, eine Bark.

» Well, Sir,« entgegnete der Englisch sprechende Schiffer und lenkte sein Fahrzeug.

»Was?« rief der Stutzer überrascht. »Sie wollen nicht nach der ›Florida‹?«

»Ich? Nein,« sagte der Engländer und zeigte jetzt mit einem Male gar nicht mehr die vorige Höflichkeit – er trat sehr energisch auf. »Ich will dort nach der Bark.«

»Was geht das mich an?« rief der Stutzer zornig. »Ich war zuerst im Boot. »Da,« er warf dem Ruderer zwei Dollar zu, »erst nach der ›Florida‹.«

»Erst nach der Bark,« entgegnete aber der Engländer und warf dem Ruderer ein Goldstück zu. »Wir machen ja nur einen kleinen Umweg Sie können sich dann ja nach der ›Florida‹ bringen lassen.«

»Das ist eine Unverschämtheit,« brauste der Spanier wütend auf. »Ich habe Sie in dem Glauben in das Boot steigen lassen, daß Sie ebenfalls nach der ›Florida‹ wollten. Machen Sie, daß Sie aus dem Boote kommen, oder ich werde Ihnen chilenisches Recht beibringen.«

»Soll ich vielleicht über Bord springen?« lachte der Mann, welcher wirklich im Unrecht war, höhnisch.

»Meinetwegen, oder Sie müssen eben erst mit nach der ›Florida‹ kommen und dann nach Ihrer verdammten Bark fahren. Vorwärts,« wandte er sich an den Ruderer, »drehe um!«

»Wer am besten bezahlt, dem gehorche ich,« entgegnete aber der Mann, der um alles in der Welt dem Engländer das Goldstück nicht zurückgegeben hätte.

»So fahre zu und sei verdammt,« knirschte der Geck, »sei aber versichert, daß ich dich zur Anzeige bringen werde! Und wir,« er kehrte sich wieder dem Fremden zu. »wir werden uns noch näher bekannt machen.«

»Sollte mir sehr angenehm sein,« entgegnete gelassen der Unbekannte.

Der Stutzer murmelte etwas wie ›Flegel‹, mußte sich aber gefallen lassen, daß jener erst nach der Bark gebracht wurde.

Dieselbe lag ziemlich abseits von anderen Schiffen auf der Reede. Auf der Seite, der das Boot jetzt zusteuerte, sah man kein Fallreep, also mußte es sich auf der anderen befinden. Das Boot war daher gezwungen, um das Schiff herumzufahren, infolgedessen es weder von der Landseite, noch von einem anderen Schiffe gesehen werden konnte.

Der Stutzer hatte freilich nicht geglaubt, auf dieser Bootsfahrt ein Abenteuer zu erleben.

Kaum war das Boot um das Schiff gebogen, wo es also von niemandem gesehen werden konnte, als von der Mannschaft der Bark – die Matrosen lehnten auch alle an der Bordwand und blickten nach dem Boot hinunter – als plötzlich der vermeintliche Deutsche auf den Stutzer zusprang, ihn auf den Boden des Fahrzeuges drückte und durch Zuschnüren der Kehle am Schreien hinderte.

In der nächsten Minute lag er schon, gebunden und geknebelt, hilflos da; der Angreifer muhte in derartigen Sachen eine außerordentliche Uebung besitzen. Der Ruderer sah diesem Manöver zu, ohne dem Ueberfallenen beizustehen; er war schon instruiert worden.

»Bravo,« rief von oben eine Stimme auf deutsch, »nun binden Sie den Kerl an das Tau hier, und wir wollen ihn an Deck hissen.«

Der, welcher sich über die Bordwand beugte und diese Worte hinabrief, war kein anderer als Hannes, der Kapitän der ›Hoffnung‹, und neben ihm stand Hope.

Wie einen Sack hißten die lachenden Matrosen den vor Angst fast weinenden Spanier an Bord, der Deutsche gab dem Bootsführer eine Weisung und bestieg dann ebenfalls das Deck.

Der Bootsmann wartete ruhig am Fallreep, er war ganz sicher, wegen Zulassung eines Verbrechens in seinem Boote nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, denn der vermeintliche Deutsche, der übrigens gut Spanisch sprechen konnte, hatte sich ihm gegenüber als amerikanischer Detektiv legitimiert und ihm eine hübsche Summe eingehändigt, damit er schwiege.

Es war kein Zufall gewesen, daß der Stutzer gerade in dieses Boot stieg, es war so arrangiert worden.

»Ist das der Richtige?« fragte Hannes oben an Deck den jungen Mann, in welchem der Leser, schon Nick Sharp erkannt haben wird.

»Ganz sicher, ich habe ihm lange genug aufgelauert,« entgegnete Sharp, »und ich glaube, er wollte gerade einen neuen Fang machen. Doch ich will bald alles Nötige von ihm erfahren haben. Lassen Sie mich ein halbes Stündchen mit ihm allein, er soll mir alles Wissenswerte erzählen.«

Sharp nahm den Gebundenen wie ein Kind auf die Arme und verschwand mit ihm im Zwischendeck, wo er sich in eine Kabine einschloß.

»Hört ihr's?« sagten oben die Matrosen, als bald darauf laute Jammerlaute zu ihnen heraufschollen. »Jetzt muß das Kerlchen erzählen, und tut er es nicht, dann kneipt ihn Sharp. Gnade dem, der dem Detektiven in die Hände fällt und sich trotzig zeigt.«

Noch war keine halbe Stunde vergangen, als der Stutzer abermals an Deck erschien und auf Hannes zuging. Die Matrosen wunderten sich nicht wenig, den Spanier plötzlich wieder frei zu sehen, er sah sogar ganz fröhlich aus, der Strohhut saß keck auf dem schwarzen Krauskopf, und die behandschuhte Rechte drehte den kleinen, schwarzen Schnurbart.

»Nun, wie gefalle ich Ihnen?« sagte der junge Mann zu dem verblüfften Hannes.

Da besann sich dieser, ein Lächeln flog über sein Gesicht.

»Ich will gehangen werden, wenn das nicht Nick Sharp ist!« rief er dann lachend. »Wollen Sie die Rolle des Spaniers weiterspielen?«

»Natürlich,« nickte der verkleidete Detektiv, »ich habe alles erfahren, was ich zu wissen nötig habe, um dies zu können. Selbst die Photographie des Mädchens habe ich, welches er abholen soll. Hier ist sie.«

»Herr Gott, die sieht ja fast aus wie Hope!« rief Hannes erstaunt.

»Es ist etwas Aehnlichkeit vorhanden,« entgegnete der Detektiv.

»Unser Gefangener heißt Senor Jerome und wird von dem Vermittlungsbureau in Santiago geschickt, um das Mädchen, eine deutsche Lehrerin, abzuholen.

»Jetzt fahre ich an Bord der ›Florida‹ und bringe das Mädchen hierher. Dann wollen wir sehen, was sich weiter tun läßt, um diesem Ehrenmann sein Handwerk zu legen. Ich kalkuliere, wir können ihm einen Streich spielen, an den er sein Leben lang denken wird.«

»Wie denn?« fragte Hope neugierig. »Ich denke, gerichtlich können wir ihn nicht belangen lassen.«

»Gerichtlich nicht, aber auf eigene Faust.«

Sharp ließ sich nicht weiter über seinen Plan aus, er sprang ins Boot und wurde nach der ›Florida‹ gerudert.

Auf dem Dampfer standen die Passagiere an Deck und musterten mit neugierigen Blicken das Land, welches von jetzt ab ihre Heimat werden sollte. Schön war allerdings der Anblick, der sich ihnen darbot, der prächtige Hafen mit den bewimpelten Schiffen, der breite Strand mit den hohen Sandsteingebäuden, das grüne Ufer mit der tropischen Vegetation und die schneeigen Gipfel der Anden – aber doch schlug manches Herz banger bei dem Gedanken, ein fremdes Land betreten zu müssen, der Sprache unkundig zu sein und ganz auf sich selbst angewiesen, im harten Kampfe dem Leben eine Existenz abzuringen.

Die Passagiere waren fast alle deutsche Auswanderer; die ›Florida‹ war ein deutsches Schiff. Wie vielen würde es wohl gelingen, die Hoffnung zu verwirklichen, die sie im Vaterlande geträumt hatten? Wie viele gingen wohl aus Mangel an Glück, Energie und Freunden zugrunde? Wie viele kehrten arm, mittellos und gebrochen an Leib und Seele nach der Heimat zurück, als einzigen Besitz eine schlimme Erfahrung mit sich bringend?

Der Falkenblick des Detektiven brauchte nur die Reihe der an der Bordwand lehnenden Leute zu überfliegen, so hatte er schon die Person gefunden, mit welcher er es zu tun haben sollte. Er trug ja ihre Photographie bei sich.

Man ließ den eleganten, sicher auftretenden Herrn sofort an Deck. Sharp ging, ohne von den ihn angaffenden Steuerleuten, Matrosen und Passagieren Notiz zu nehmen, direkt auf ein junges Mädchen zu, welches an der Bordwand stand und nach dem Hafen sah, und sagte, den Strohhut etwas lüftend, auf deutsch:

»Fräulein Eugenie Ebeling?«

Das junge, hübsche, blondlockige Mädchen, ein schüchternes Benehmen zeigend,, war sehr erfreut, auf deutsch angeredet zu werden und verlor sogleich die Befangenheit.

»Gott sei Dank, daß ich abgeholt werde,« sagte sie, »ich hatte schon furchtbare Angst, wenn ich daran dachte, hier sofort an Land gesetzt zu werden und mich dann allein in einer fremden Stadt zu befinden.«

»Unser Bureau sorgt dafür, daß seine Schützlinge nie in Verlegenheit kommen. Waren Sie von meiner Ankunft benachrichtigt?«

»Mir wurde in Hamburg gesagt, ich würde sofort bei meiner Ankunft abgeholt werden.«

»Sehen Sie, wir halten Wort! Bitte, steigen Sie gleich ins Boot, dann kommen Sie aus dem Gedränge, welches bald entstehen wird. Geben Sie mir Ihren Gepäckschein – so, in einigen Minuten ist alles im Boot.«

Dem jungen Mädchen fiel eine Last vom Herzen, das ging alles so glatt von statten, wie sie es nicht vermutet hatte, und gegen den Herrn konnte sie keinen Argwohn schöpfen. Er war so höflich und trat den Matrosen gegenüber, von welchem er sich das Gepäck herbeiholen ließ, so energisch auf, daß sie sofort Zutrauen zu ihm faßte.

Als das Gepäck im Boot war, stieg der verkleidete Sharp nach, und das Boot stieß ab.

»Mein liebes Fräulein,« sagte Sharp in väterlichem Tone und betrachtete das junge Mädchen mit den unschuldigen und sanften Zügen mit wirklichem Mitleid, »ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen, über welche Sie anfangs wohl erschrecken werden, aber Sie werden einsehen, daß alles, was wir mit Ihnen vorhaben, nur zu Ihrem Besten dient.«

Das junge Mädchen erbleichte; die Hände, welche auf dem Schoße eine Hutschachtel hielten, begannen zu zittern.

»Mein Gott,« stammelte sie mit bebenden Lippen, »so ist die Stellung schon vergeben? Ach, hätte ich doch den Warnungen Gehör geschenkt, mich nicht nach dem Auslande schicken zu lassen.«

Die Tränen stürzten ihr plötzlich aus den Augen.

»Sie irren,« sagte Sharp freundlich, »ich bin kein Agent des Vermittlungs-Bureaus, wie Sie meinen, aber glauben Sie mir, ich nehme mich Ihrer an, um Sie dem Verderben zu entreißen, in welches Sie gestürzt werden sollten. Ich bringe Sie jetzt zu meinen Freunden, bei denen Sie gut aufgehoben sind. Trauen Sie mir?«

Entsetzt starrte das Mädchen den Sprecher an und blickte dann ratlos um sich. Sie hatte noch gar nicht recht verstanden, was ihr jetzt eröffnet wurde.

»Sehen Sie dort das Schiff?« fuhr der Detektiv fort, auf die ›Hoffnung‹ deutend, der das Boot zusteuerte. »Dort sind Menschen, welche Sie mit offenen Armen aufnehmen werden. Ich versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß Sie dort gut aufgehoben sind, und die Enthüllungen, welche ich Ihnen noch machen werde, werden Sie vollkommen überzeugen.«

Sharp sprach noch lange auf das Mädchen ein, um es zu beruhigen, und ehe das Boot die ›Hoffnung‹ erreicht hatte, war ihm dies auch so ziemlich gelungen. Zwar wußte Eugenie nicht, was ihr eigentlich bevorstand, aber so viel hatte sie doch schon erraten, daß sie kaum einer Gefahr entgangen wäre, wenn dieser Mann sich ihrer nicht angenommen hätte.

Der junge Mann mit den offenen Augen machte einen guten Eindruck auf sie, sie hätte ihm allerdings auch getraut, wenn er böse Absichten gehabt hätte.

Willig folgte sie ihm an Bord der ›Hoffnung‹ und wurde von Hannes und Hope herzlich bewillkommnet. Beim Anblick dieser beiden schwand im Herzen des jungen Mädchens das letzte Mißtrauen. Diese Menschen konnten sicher nichts Böses mit ihr vorhaben.

Sharp trat etwas zurück, als er seinen Schützling vorstellte, Hannes und das Mädchen scharf beobachtend.

»Fräulein Eugenie Ebeling – Freiherr von Schwarzburg ...«

Er konnte diese Vorstellung nicht beenden. Plötzlich wich das Mädchen einen Schritt zurück, schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte tief auf.

Bestürzt schauten Hannes und Hope erst auf das Mädchen, dann auf den Detektiven, dessen Benehmen ihnen unerklärlich war, aber über Sharps Gesicht huschte ein Lächeln.

»Kennen Sie den Namen Ebeling, Hannes?« fragte er den Kapitän.

»Ebeling? Nein, Doch ja,« unterbrach er sich plötzlich. »Hieß nicht jenes Weib so, nach welchem wir die vergeblichen Nachforschungen anstellten?«

»Ich kalkuliere, sie ist die Enkelin jener Amme, der Sie als Kind den Umtausch verdanken, und Fräulein Eugenie scheint etwas davon zu wissen, sonst würde sie nicht so erschrecken. Ich dachte mir es schon beim Lesen ihres Namens.«

Aller Augen richteten sich jetzt auf das Mädchen, welches krampfhaft schluchzte und niemanden anzusehen wagte.

»Ach, Gott,« stöhnte sie endlich, »was kann ich dafür – ich bin – ich wollte –«

Da trat die weichherzige Hope schnell auf sie zu, nahm ihr die Hände vom Gesicht und blickte ihr lange in die unschuldigen Züge.

»Was können Sie für das, was andere getan haben?« sagte Hope zärtlich, welche sofort die Situation des Mädchens erfaßt hatte. »Kommen Sie mit mir, Sie stehen unter meinem Schutz! Und Sie,« wandte sie sich an den Detektiven, als sie die Willenlose mit sich fortzog, »Sie sind ein ganz roher, ekliger Patron, der in jedem Menschen einen Verbrecher finden möchte.«

»Und der Sie dann gleich einmal sprechen möchte, weil er Sie braucht,« rief ihr Sharp nach.

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