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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 15
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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14.

Des Rätsels Lösung.

Mit bleichen Zügen standen die Mädchen um ihre Kapitänin und sahen erwartungsvoll derselben zu. Es war ein längst erwarteter Augenblick, der jetzt kam, an den schon lange eine jede mit Furcht und Zittern gedacht hatte: die Austeilung des letzten Wassers und des letzten Schiffszwiebacks; dann sahen alle dem Hungertode ins Auge.

Die acht Tage waren verstrichen, und weder hatte der Dampfer Flexan zurückgebracht, noch hatte die frühere, geheimnisvolle Hilfe sich wieder bemerkbar gemacht. Und doch waren alle fest entschlossen, eher des Hungertodes zu sterben, als daß Ellen in jene Bedingungen einwilligte, die ihnen die Freiheit brachte. Kehrte Flexan mit seinen Piraten zurück, und die rettende Hilfe erschien nicht, so wollten die Mädchen diese Schurken mit bloßer Hand angreifen und nicht eher ruhen, als bis man sie überwältigt hatte. Dann konnte man mit ihnen tun, was man wollte, aber niemals würden sie zugeben, daß Ellen sich für ihre Freundinnen opferte.

Das letzte Mittagessen, bestehend aus einer Tasse Wasser und einem Stück Hartbrot! Ach, wie sehnten sich die hungrigen Magen nach diesem Labsal; mit zitternden Händen wurde diese spärliche Gabe in Empfang genommen, und manche Träne fiel heimlich auf das unter den Zähnen knirschende Brot. Aber keine ließ sich den Kummer merken, man heuchelte Gleichgültigkeit, um Ellen nicht noch mehr Schmerz zu bereiten. Denn diese fühlte jetzt doppelt ihre Schuld, ihren Eigensinn, ohne welchen sie jetzt sicher nicht auf dieser Insel als Gefangene wären.

Nicht nur Ellen, auch die übrigen Mädchen hatten bald einzeln, bald paarweise, zweimal sogar vollzählig das geheimnisvolle Wesen auf der Insel um Hilfe angerufen. Ellen zweifelte nicht, daß die Person, welche sie damals, mit dem Revolver in der Hand, von Flexan geschützt hatte, Johanna gewesen war.

Alles vergeblich – weder Johanna, noch jemand anders ließ sich sehen, und die früheren, freigebigen Unterstützungen blieben seitdem aus.

Schon Miß Thomson wollte einst Johanna erkannt haben, Ellen versicherte es bestimmt; man zweifelte auch nicht an der Wahrheit ihrer Behauptungen, warum aber galten sie Johanna nichts mehr? Wie kam sie überhaupt hierher? Wo hielt sie sich versteckt, und woher nahm sie die Unterstützungen? War es nicht mehr Johanna in Fleisch und Blut, sondern nur ihr Geist?

Die Mädchen fingen an, sich nach und nach immer mehr mit übernatürlichen Dingen zu beschäftigen; keine lachte mehr, wenn sie irgendwo in einer Ecke eine Unterhaltung über Geister und Gespenster hörte.

Dazu kam noch, daß man oftmals, bei Tag und in der Nacht, ein seltsames, unterirdisches Geräusch hören konnte. Bald klang es wie ein Donner, bald war es ein Klopfen und Hämmern, oft wurde die ganze Insel in ihren Grundfesten erschüttert.

Völlig gebrochen kehrte Ellen in ihre Höhle zurück. Sie wünschte sich den Tod, und sie fühlte auch, daß sie die erste wäre, welcher diese Insel zum Begräbnisplatz werden würde. Nicht ihr Körper war krank, aber ihre Seele, der Sitz des Lebens.

Mit müder Hand brockte sie der jungen Löwin den Zwieback ins Wasser. Die Vestalinnen hatten bisher alles redlich mit Juno geteilt. Warum sollte das Tier hungern, so lange sie noch einen Bissen hatten? Jetzt aber war es vorüber. Bald hatte sie ihre volle Größe erreicht, man sah ihr noch nicht an, daß sie unter der anfangs nur widerwillig genommenen Brotnahrung litt, bald aber mußte ein Siechtum der an Fleisch gewöhnten Löwin eintreten. Es wäre besser gewesen, man hatte Juno ins Meer gestürzt, denn das Tier war schon recht gut fähig, einen Menschen zu zerreißen, und wer wußte, ob es seine Herrin noch kannte, wenn der Hunger erst mit voller Gewalt auftrat?

Miß Thomson und Miß Murray traten zu Ellen in die Höhle.

»Wäre es nicht besser, wir würfen Juno über die Mauer?« fragte Ellen die Eintretenden.

»Schlachten und aufessen wäre immer noch besser,« entgegnete Miß Thomson, »aber erst wollen wir noch einen Versuch machen, ob uns nicht, wie früher, geholfen wird. Glauben Sie wirklich. Miß Petersen, daß Ihnen Johanna erschienen ist? Haben Sie sich nicht getäuscht?

»So deutlich, wie ich jetzt Sie vor mir stehen sehe, habe ich auch sie gesehen,« lautete die bestimmte Antwort. »Und ich könnte auch darauf schwören, in jener Gestalt damals Johanna erkannt zu haben,« sagte Betty. »Ihre Aussage bestätigt, daß ich mich nicht geirrt habe.«

»So ist Johanna also hier anwesend,« nahm nun Miß Murray das Wort, »es ist kein Zweifel mehr daran. Wir wollen uns nicht darüber den Kopf zerbrechen, wie sie hierhergekommen ist, denn das wäre zwecklos. Eine andere Frage ist, ob sie sich noch hier befindet.«

»Wer kann das sagen, da sie sich nicht mehr zeigt, noch uns eine Antwort zukommen läßt,« meinte Ellen kleinlaut.

»Aber ich glaube, sie ist noch da und beobachtet uns,« fuhr Jessy fort, »oder wir haben doch von anderer Seite Hilfe zu erwarten, und zwar stütze ich meine Behauptung auf folgende Gründe: Johanna ist jedenfalls nicht zufällig gerade hierhergekommen, wo wir uns befinden, nachdem sie von uns ausgesetzt worden ist, vielleicht wußte sie sogar vorher, daß wir hier auch gelandet wurden, und wußte ferner auch, daß hier im Innern der Insel noch andere Wesen existieren. Denn so viel ist doch klar, meine Damen, daß das Innere der Insel Personen beherbergt. So lange ich bei gesunder Vernunft bin, glaube ich nimmermehr an das Vorhandensein von Geistern, welche dem Menschen nach Willkür schaden und helfen können. Warum sollen nun aber hier im Innern der Insel, in unterirdischen Gängen, nicht Menschen leben, welche mit allem Nötigen ausgerüstet sind, vielleicht mehr Kenntnisse besitzen als wir, und Erfindungen benutzen, die wir noch nie gesehen haben? Das ist nicht unmöglich, vielmehr erscheint es mir jetzt vollkommen so, das unterirdische Arbeiten bestätigt dies; das Getöse kann nicht von vulkanischer Kraft herrühren, es ist zu verschieden und zu häufig. Mit diesen Personen steht Johanna in Verbindung, und durch sie werden wir beobachtet und beschützt. Habe ich recht?«

»Wohl, aber warum zeigt sich die hilfreiche Hand jetzt nicht mehr?«

»Das weiß ich nicht, vermute aber, weil wir es eigentlich gar nicht verdienen, denn, offen gestanden, wir haben Johanna schweres Unrecht zugefügt. Warum sollte sie uns nun nicht dafür bestrafen?«

»Sie kann auch nicht mehr hier sein.«

»Auch möglich; dann ist sie entweder gestorben oder hat die Insel verlassen; jedenfalls haben wir dann aber von denjenigen Hilfe zu erwarten, die uns früher geholfen haben. Aber ich glaube doch, daß Johanna noch hier ist und uns etwas bange machen will, was ich ihr gar nicht verdenken kann. Miß Petersen,« Jessy trat auf Ellen zu und erfaßte ihre Hand, »wir wollen es einmal wie kleine Kinder machen, die unrecht getan haben und um Verzeihung bitten. Wir wollen hier in dieser Höhle, wo Johanna schon zweimal erschienen ist, ihr unser Unrecht eingestehen, sie um Verzeihung bitten. Eine Ahnung sagt mir, daß sie uns auch zum dritten Male erscheinen wird.«

»Ich habe schon so oft nach ihr gerufen,« seufzte Ellen, »aber immer umsonst.«

»Auch ich habe dies getan,« sagte Miß Thomson, »aber es war eben nicht das richtige. Wir haben bisher immer nur getan, als handele es sich um die Beschwörung eines Geistes; nein, wir wollen es so machen, wie Jessy sagt. Und, Ellen, wir müssen offen miteinander sprechen, Sie sind die schuldigste von uns, denn gerade Ihretwegen wurde Johanna verstoßen. Sie hat es so gut mit Ihnen gemeint, aber Sie haben ihr alles mit Undank belohnt und sie außerdem noch mit Spott, Hohn, ja, mit Schmach überschüttet. An Ihnen ist es jetzt, Johanna um Verzeihung zu bitten, und Ihnen und uns allen wird wieder geholfen werden. Nehmen Sie diese offenen Worte nicht übel!«

Ellen antwortete nicht, sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und brach plötzlich in Weinen und Schluchzen aus. Es war das erstemal, daß sie anderen Personen gegenüber solch einen Gefühlsausbruch sehen ließ. Die letzte Zeit hatte sie sehr erschüttert, sie war nicht mehr imstande, die Tränen zurückzuhalten. Alles, was sie bis jetzt energisch niedergekämpft hatte, brach bei diesem Vorwurf, dessen Berechtigung sie erkannte, mit einem Male hervor.

»Martern Sie mich nicht mehr,« schluchzte sie, »ich bin schon so furchtbar unglücklich. Ja, ich gestehe, ich bin schuld an allem, ich habe schwer, ach, so schwer an Ihnen gesündigt, an Lord Harrlington, den ich durch meinen Eigensinn unglücklich gemacht habe, und vor allen Dingen an Johanna. Johanna!« schrie sie plötzlich laut auf und stürzte mit ausgebreiteten Armen nach dem Hintergrunde der Höhle, wo sie auf die Kniee sank. »Ach, Johanna, verzeihe mir, ich kann nicht, ich mag nicht mehr leben, so lange ich dich hier weiß und deine Verzeihung nicht erlangt habe. Johanna, Johanna, verzeihe mir, oder mir bricht das Herz!«

»Ich verzeihe Ihnen,« sagte da eine Stimme im Dunkeln der Höhle, und die beiden Mädchen, über diesen leidenschaftlichen Ausbruch Ellens schon äußerst erschrocken, sahen, wie plötzlich vor Ellen eine Gestalt auftauchte, ihr beide Hände reichte und die Knieende emporzog.

»Sie und die übrigen Damen haben genug gelitten; es war nicht meine Schuld, daß die Prüfungszeit eine so lange war,« fuhr die Stimme fort. »Gern hätte ich Ihnen geholfen, aber ich durfte nicht. Gern verzeihe ich Ihnen alles, Ellen, ich denke schon längst nicht mehr an das Geschehene.«

»Johanna,« riefen jetzt die beiden anderen Mädchen wie aus einem Munde und stürzten auf die Wiedergefundene zu, »ist es möglich? Also doch, Sie, Johanna, sind unser Schutzengel?«

»Ja, ich bin's,« lächelte das Mädchen mit Tränen in den Augen und streckte den Freundinnen, die ihr auch in der schwersten Stunde beigestanden hatten, die freie Hand entgegen, denn mit der anderen hielt sie die weinende Ellen umschlungen.

»Der Dampfer kommt,« riefen in diesem Augenblick mehrere Vestalinnen und stürmten in die Höhle, »gleich muß er hier sein, wir sehen schon die Rauchwolken – Johanna,« schrie die erste und prallte bestürzt zurück.

»Ich weiß, der Dampfer kommt,« entgegnete das Mädchen, es war jetzt keine Zeit zum Begrüßen, »und deshalb bin ich hier, um Sie zu holen. Schnell jetzt, alle hier in die Höhle und mir nach, die Besatzung des Dampfers soll keine Person mehr auf der Insel vorfinden.«

Im Nu waren alle Vestalinnen von dem Erscheinen Johannas verständigt worden. Niemand fragte jetzt um nähere Aufklärung, denn es war allen klar, daß sie durch Johanna gerettet werden sollten, sie hatten ja deren Stimme erkannt.

Die Mädchen drängten sich um Johanna, diese überflog noch einmal die Anzahl der Vestalinnen und wandte sich dann dem Hintergrunde der Höhle zu, von diesen gefolgt.

Plötzlich strahlte den Mädchen ein intensives Licht entgegen, so weiß und blendend, daß sie erst die Augen schließen mußten. Die hintere Wand der Höhle war verschwunden, dafür aber tat sich ihnen eine Art von Gemach auf, dessen Fußboden aus Holz war, und an dessen Wänden sich Stahltaue hinzogen. Sonst war es völlig leer.

Das intensive, elektrische Licht kam von oben herein, aber die Quelle desselben konnte man nicht entdecken.

»Wo sind wir?« fragte ein Mädchen, außer sich vor Staunen.

»Im Magazin des ›Blitz‹. Auf dieser Insel hat Kapitän Hoffmann seine mechanische Werkstätte, hier rüstet er sein Schiff von Zeit zu Zeit wieder aus,« sagte Johanna. »Fürchten Sie sich nicht, was auch geschehen mag.«

In diesem Augenblick begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern, und mit Blitzesschnelle sausten die Mädchen in die Tiefe, ein Ruck, und der Fußboden stand wieder.

»Ein Aufzug,« flüsterte Ellen.

Da sprang schon von selbst eine Tür auf, und die Mädchen blickten in einen hellerleuchteten Gang, der in die Felsen gehauen sein mußte.

»Folgen Sie mir!« sagte Johanna und schritt voran.

Sie kamen an mehreren großen, eisernen Türen vorüber, welche in die Felswände eingelassen worden waren, bis sich plötzlich, wie durch Zauberei, eine davon öffnete.

Die Mädchen traten abermals in ein Gemach, in einen Salon, der auf die luxuriöseste und bequemste Art ausgestattet war.

Ein Herr kam den Vestalinnen entgegen.

»Willkommen unter dem Meeresgrund,« rief er lächelnd und verbeugte sich leicht, »ich heiße Sie im Namen Kapitän Hoffmanns herzlich willkommen.«

»Mister Anders,« riefen die Mädchen, den Ingenieur Hoffmanns erkennend, dessen Bekanntschaft sie schon gemacht hatten.

»Ihr Schutzpatron,« fügte Johanna hinzu und wandte sich nun an die Damen, jede einzelne herzlich begrüßend.

»Aber wie kommen Sie nun hierher?« rief endlich ein Mädchen, als das Staunen sich etwas gelegt hatte. »Mir kommt alles das wie ein Traum vor.«

»Später will ich Ihnen alles erzählen,« lachte Johanna, welche so fröhlich war, wie man sie nie gesehen hatte, sie strahlte vor Vergnügen im ganzen Gesicht, »jetzt wird Ihnen erst eine ordentliche Mahlzeit gut tun. Mir hat das Herz geblutet, als ich Sie so leiden sah, während ich im Ueberfluß lebte. Aber ich durfte Ihnen nicht helfen, nur ausnahmsweise, auf mein dringendes Bitten hin, wurde es mir manchmal gestattet.«

Wieder sauste der Fahrstuhl herab, der unterdes seine Reise nach oben angetreten hatte, und diesmal stand eine lange Tafel darauf, mit Gerichten gedeckt, bei deren Anblick das Herz der jungen Mädchen zu jubeln begann.

Eine Minute später saßen die Damen um den Tisch herum und fielen mit Heißhunger über die Speisen her, während Johanna die Wirtin spielte und den Essenden lächelnd zusah. Der junge Ingenieur hatte den Salon verlassen.

»Denken Sie, Sie wären in einem Zauberschloß, in welchem Sie nur etwas zu wünschen brauchen, so steht es Ihnen schon zur Verfügung,« hatte Johanna gesagt, und es war auch wirklich so. Aus einer in die Felsen gehauenen Nische konnte man alles herbeiholen, was nur einer der Freundinnen zu wünschen einfiel.

»Aber so sagen Sie doch nur, wie Sie hierhergekommen sind,« begann Ellen, als der erste Hunger gestillt war, und streichelte die nicht vergessene Juno. »Sie können nicht glauben, wie sehr ich mich freue, Sie gerettet zu sehen, und was ich mir schon für Vorwürfe über meine Kurzsichtigkeit gemacht habe.«

»Wir wollen nicht mehr an das Vergangene denken,« entgegnete Johanna abwehrend. »Meine Rettung war sehr einfach. Ich verließ die ›Vesta‹ nicht weit von dieser Insel, der ›Blitz‹ entdeckte mich in dem Boot, Kapitän Hoffmann brachte mich hierher, und so hatte ich öfters Gelegenheit, Ihnen helfen zu können.«

»Wußte denn Kapitän Hoffmann, daß wir hierherkommen würden, oder war nur ein Zufall im Spiele?«

»Durchaus nicht. Herr Hoffmann wußte allerdings, daß Sie hierhergebracht werden sollten, er hatte es von Nick Sharp, dem Detektiven, welcher wirklich mein Bruder ist, erfahren. Dieser war in die Pläne jenes Mister Flexan, Ihres Cousins, eingedrungen und hatte den Ort erfahren, wo Sie ausgeliefert werden sollten. Ein Zufall war es allerdings, daß dieser gerade die Insel ist, in welcher der ›Blitz‹ seinen Hafen hat. Dieselbe hat eigentlich keinen Zugang; während wir aber in Afrika waren, sprengten die Piraten eine Bresche in der Felswand, die sie bei ihrem Fortgang wieder vermauerten.«

»Die Piraten kommen jetzt wieder?«

»Ja, und sie finden die Insel völlig leer. Die Leute Hoffmanns haben bereits alles weggeräumt, was Sie zurückgelassen hatten. Es befindet sich schon hier unten.«

»Was werden die Piraten tun?«

»In die furchtbarste Bestürzung geraten, weil sie glauben, Sie hätten sich selbst befreit.«

»Flexan wird allerdings wüten, wenn er sein Opfer entschlüpft sieht,« meinte Ellen.

»Das ist es nicht allein, das ganze verbrecherische Gewebe wird dadurch zerstört werden; Flexan wird alles aufbieten, um das Schiff zu vernichten, welches Sie, seiner Vermutung nach, aufgenommen hat.«

»So wäre der Tod also unser Los gewesen?«

»Der Tod wäre sowieso Ihrer aller Los gewesen, auch Sie, Miß Petersen, wären davon nicht verschont geblieben,« entgegnete Johanna. »Es ist das Gerücht ausgesprengt worden, daß die ›Vesta‹ untergegangen sei. Gefundene Trümmer derselben haben dies bestätigt, das Seemannsamt in Valparaiso hat die Nachricht proklamiert, und nun, meine Damen,« Johanna erhob ihre Stimme, »tauchen überall in Amerika Herren auf, welche, mit untergeschobenen Testamenten in den Händen, Ihre Besitzungen und Ihr Vermögen in Empfang nehmen wollen. Sie freuen sich bereits ihres Raubes und warten nur auf die Nachricht, daß die Vestalinnen wirklich nicht mehr existieren.«

Rufe der Bestürzung unterbrachen die Sprecherin, aber Johanna war über alles genau orientiert, sie wußte sogar, was jetzt in Amerika vorging, denn die Insel stand durch ein Kabel mit dem Festlande in Verbindung.

Sie verschwieg nichts.

Johanna erzählte von der Auffindung der Trümmer durch den ›Amor‹. Die Planke, das Boot und der Eimer stammten allerdings von der ›Vesta‹, diese aber existierte noch, die Gegenstände waren nur an die Fundstelle gebracht worden.

Sie erzählte weiter, wie die treuen Engländer ins Innere von Südamerika gelockt worden seien, um die angebliche Miß Petersen zu befreien, und wie dann nach dem Tode der Herren ebenfalls Testamentsfälschungen vorgenommen werden sollten. Rufe der Entrüstung wurden laut, als sie die Namen der acht Personen nannte, welche sich in das Vermögen der Vestalinnen teilen wollten. Die Mädchen kannten sie gut, es waren alles entfernte Verwandte von ihnen, und sie erfuhren auch die näheren Umstände, auf welche Weise die acht Verbrecher sich in den Besitz der Dokumente gebracht hatten.

»Und Kapitän Hoffmann war dies alles schon vorher bekannt?« fragte Ellen atemlos.

»Alles, und zwar durch meinen Bruder, welcher das verbrecherische Gewebe aufzudecken beschlossen hatte.«

Johanna begann vom Meister zu erzählen, und daß diese acht Herren unter diesem Namen schon lange verbrecherische Handlungen hatten ausführen lassen.

»Aber wenn Hoffmann schon alles vorher wußte, warum traf er da nicht Maßregeln, um die Absicht der Verbrecher zu durchkreuzen?«

»Dann konnte man die Verbrecher nicht entlarven, welche schon lange ihr Unwesen trieben. Man kannte ja nicht sie selbst, sondern merkte nur ihre Hand, jetzt über zeigen sie sich öffentlich, und mein Bruder wird dafür sorgen, daß sie auf immer unschädlich gemacht werden.«

»War es denn nötig, daß wir auf der Insel blieben, mit dem Bewußtsein, Gefangene zu sein?« fragte eine Vestalin. »Hätte Kapitän Hoffmann uns nicht gleich den Trost geben können, daß dieses Gefängnis nur ein scheinbares war?«

Johanna wurde etwas verlegen.

Da nahm Ellen das Wort:

»Ich verstehe, warum er so gehandelt hat, und ich billige es,« sagte sie. »Uns haben die zwei Monate auf dieser Insel nichts geschadet, am allerwenigsten mir; meine Augen sind mir geöffnet worden, und ich werde Kapitän Hoffmann noch oft für diese Heilung danken.«

»Es ist so,« nickte Johanna.

»Ging dieser Plan nur von Hoffmann aus?« fragte Miß Thomson lächelnd.

»Nur,« versicherte Johanna. »Ich habe ihn oft gebeten, Ihr Schicksal zu erleichtern, aber er weigerte sich hartnäckig. Er hatte sogar vor, Sie noch viel länger in der Gefangenschaft zu lassen.«

»Ei, ei,« lachte Miß Murray. »Wer hätte dem schüchternen Hoffmann eine solche Hartherzigkeit zugetraut?«

»Er ist nicht hartherzig,« verteidigte ihn Johanna.

»Warum verkürzte er endlich unsere Leidenszeit? Tat er es auf Ihre Bitte hin, oder fühlte er doch Mitleid mit unserer Lage?« fragte Ellen.

Johanna wurde plötzlich purpurrot, dann aber lächelte sie freudig, als sie, Ellen ansehend, sagte:

»Nicht meine Bitte hat dies vermocht, sondern ich habe ihn dazu gezwungen.«

»Gezwungen?« rief man erstaunt.

»Ja, gezwungen,« wiederholte Johanna lächelnd. »Ich habe ihm nämlich gesagt, ich würde ihm nicht eher am Altare die Hand reichen, als bis die Vestalinnen wieder sicher in ihrer Heimat wären.«

»Johanna!«

»Darum hat er es nun doppelt eilig, die Verbrecher mit Hilfe meines Bruders zu entlarven.«

»Johanna, ist es möglich?« wiederholten die Vestalinnen wie aus einem Munde, und diese erzählte ferner noch, was die Damen interessieren konnte, von den englischen Herren, von Miß Morgan und so weiter.

»Wo ist Kapitän Hoffmann jetzt? Warum zeigt er sich nicht, damit wir ihm danken können?«

»Er befindet sich in Amerika, um den Verwandten der Miß Murray, welcher seine Erbschaft antreten will, dingfest zu machen. Wie Sie nun wissen, ist Mister Hoffmann selbst ein Verwandter von Ihnen, Miß Murray.«

Von dem jüngsten Abenteuer des Geliebten wußte Johanna noch nichts, aber sie sprach davon, wie er zugleich den zu fangen suche, der dem Geheimnis des ›Blitz‹ nachstrebte.

»Fürchten Sie nicht für ihn,« fragte Ellen, »wenn er sich einer so gefährlichen Aufgabe unterzieht?«

»O,« rief Johanna mit leuchtenden Augen, »um Felix brauche ich keine Sorge zu tragen. Mit seinen scharfen Augen erkennt er jede Gefahr, und wenn er sie für unüberwindlich hält, vermeidet er sie; aber er scheut keinen Feind und braucht dies auch nicht. Wohl ist er vor einem Meuchelmord nicht sicher. Eine hinterlistige Kugel kann ihn überall treffen, aber er steht in Gottes Hand. Lernen Sie Hoffmann so kennen, wie ich ihn kenne, dann erst werden Sie ihn zu schätzen wissen. Betrachten Sie seine Werke hier, ich werde sie Ihnen nachher zeigen, und Sie sollen über diesen Mann staunen. Aber er ist nicht nur ein Gelehrter, der über Erfindungen grübelt, sondern auch ein Mensch, der keinem Feinde weicht. Ich kenne seine Lebensgeschichte und weiß es daher. Sie selbst können sich vielleicht auch noch davon überzeugen.«

Johanna geriet in Begeisterung, als sie von ihrem Geliebten sprach. Jetzt endlich durfte sie dies ja tun.

»Arme Johanna!« sagte Ellen und ergriff des Mädchens Hand. »Wie habe ich Ihnen unrecht getan. Ich habe Sie für eine Spionin angesehen, Sie verspottet, verhöhnt, Sie sogar gehaßt, und Sie haben alles geduldig ertragen. Wie kann ich das wieder gut machen?«

»Es ist vergeben und vergessen. Miß Morgan hätte das alles zu hören verdient, was Sie mir vorgeworfen haben. Doch sagen Sie, Miß Petersen, haben Sie Ihre Gesinnung gegen Lord Harrlington geändert?«

Ellen antwortete nicht, und Johanna wußte, wie sehr Ellen sich geändert hatte. Oft genug hatte sie heimlich die Verzweiflungsausbrüche und Selbstanschuldigungen des Mädchens mit angehört. Sie wußte genau, wie heiß Ellen Lord Harrlington liebte.

»Werde ich ihn wiedersehen?« fragte diese mit erstickter Stimme.

»Ganz gewiß.«

»Glauben auch die Herren, daß wir mit der ›Vesta‹ untergegangen sind?« fragte ein anderes Mädchen.

»Vorläufig, ja, sie meinen, nur Miß Petersen sei gerettet, die sie irrtümlich zu befreien suchen. Lange dauert es nicht mehr, so bekommen sie die Wahrheit zu hören, doch trotzdem sollen sie so tun, als jagten sie noch immer der vorgeblichen Miß Petersen nach, einmal, um die Verbrecher sicher zu machen, und dann, damit wir erfahren, ob diese nochmals Testamentsfälschungen betreffs der Herren vornehmen.«

Der junge Ingenieur trat wieder ins Zimmer und nahm an der Unterhaltung teil.

»Aber was macht der Dampfer jetzt, den wir vorhin haben ankommen sehen?« fragte plötzlich eine Vestalin. »Sind die Piraten schon auf der Insel? Ich möchte ihre Gesichter sehen, wenn sie uns nicht mehr vorfinden.«

»Der Dampfer ist noch nicht gelandet,« entgegnete Herr Anders, der Johanna beiseite genommen und leise mit ihr gesprochen hatte. »Die Piraten wollen die Insel noch nicht betreten, weil ein anderes Schiff in Sicht ist. Bald aber sollen Sie aus sicherem Verstecke die Piraten und den Anführer Flexan beobachten. Es wird ein lustiges Intermezzo geben, denn auch das andere Schiff wird auf jeden Fall seine Mannschaft ans Land setzen. Sie treffen auf ihm zwei alte Bekannte.«

»Wen?« riefen die Damen stürmisch.

Johanna vertröstete lachend auf nachher; sie wollte die Freundinnen überraschen.

Dann erklärte sie noch, daß die Mädchen die Heimreise antreten könnten, sobald Hoffmann oder der in Amerika weilende Sharp das Zeichen dazu gäbe. »Und,« fügte sie triumphierend hinzu, »sogar auf der ›Vesta‹.«

Ein allgemeiner Jubel brach bei dieser Verkündigung unter den Mädchen aus, sie wollten wissen, wie den Piraten die ›Vesta‹, die sie doch mit eigenen Augen hatten umwandeln sehen, wieder genommen worden wäre. Johanna konnte jedoch nur sagen, daß die ›Vesta‹ von Hoffmann, welcher die Piraten nicht aus den Augen gelassen hätte, genommen worden sei, als sie bereits von unter dem Meister stehenden Leuten bemannt und zu verbrecherischen Zwecken hatte benutzt werden sollen, und dann bat sie Ellen, in ein Nebenzimmer zu kommen, es handele sich um Enthüllungen über deren Stiefvater, die ihr durch Snatcher gemacht werden sollten.

Dieser war ebenfalls auf die Insel gebracht worden und völlig genesen. Ellen gab ihre Einwilligung, den Mann anzuhören und ihn als Werkzeug gegen ihren Stiefvater benutzen zu wollen. Daß dieser zu einem Morde fähig war, gab sie zu – sie hatte ja selbst Beweise dafür.

»Ich hatte schon gehört, daß Lord Harrlington einen Mann kennt, der gegen Mister Flexan auftreten kann,« sagte sie. »Meine Absicht war schon immer, diesen Mann zu vernehmen, doch Verhältnisse halber schob ich es auf.«

»Es war besser so, außerdem war Snatcher immer krank. Nicht nur ihn, sondern auch seine Familie hat Hoffmann hierhergeholt, damit der arme Mann wenigstens keinen Kummer betreffs seiner Lieben hat,« entgegnete Johanna und führte Ellen in den Salon zurück.

»Es ist Zeit, daß wir die Beobachtungen beginnen,« empfing sie der junge Ingenieur, »der Dampfer will landen. Sie werden ein interessantes Schauspiel zu sehen bekommen, erwarte ich.«

»Und ich freue mich auf ihre Gesichter,« fügte Johanna freudig hinzu, »wenn sie alte Bekannte wiedersehen werden.«

Die Damen wanderten durch einen langen Gang, dem anzusehen war, daß er künstlich angelegt war.

»Wir befinden uns bereits unter dem Meeresgrund,« erklärte der vorausschreitende Ingenieur. »Dieser Gang, sowie die sich abzweigenden Kammern, Gemächer und andere Gänge sind teils eingehauen, teils gesprengt worden.«

Den Mädchen klopfte das Herz, als sie daran dachten, daß über ihnen die Meereswogen rauschten.

»Bekam beim Sprengen nicht öfters das Meer Zutritt ins Innere, wenn die Kraft des Dynamits zu groß war?« fragte Ellen leise.

»Kam es vor, so wurden die entstandenen Oeffnungen von Tauchern zugemauert und das einströmende Wasser wieder ausgepumpt. Kapitän Hoffmann versteht dergleichen Arbeiten, davon haben Sie sich ja selbst überzeugt,« fügte der Ingenieur hinzu.

In den Nebenräumen waren teils Maschinen aufgestellt, welche die Damen kannten, teils andere, seltsam konstruierte, die ihnen fremd waren. Andere Gemächer waren wie Laboratorien eingerichtet, wieder andere nur mit einer Unmenge von Kisten und Ballett angefüllt. In einem domähnlichen Saale stand eine riesige Maschine, deren vier Kurbeln meterdick waren.

»Das Pumpwerk,« erklärte der Ingenieur.

»Durch welche Kraft wird die Maschine bewegt?« fragte ein Mädchen.

»Sie wird durch Elektrizität getrieben. Die Gemächer des Kapitäns, der sich viel hier aufhält, liegen oben in den Felsen, desgleichen die Wohnungen der Leute, also auch die meinige. Der Saal, in dem Sie vorhin waren, liegt unten, weil oben für seine Größe kein Platz mehr vorhanden war.«

»So haben Sie noch mehr Leute hier?«

Der Ingenieur bog in einen abzweigenden Gang, welcher ebenfalls mit elektrischem Licht beleuchtet war, aber keine eisernen Türen enthielt, dagegen in Augenhöhe mehrere Fenster mit dicken Gläsern.

Den Mädchen bot sich ein seltsamer Anblick dar, als sie durch diese Fenster sahen.

In einem großen und sehr hohen Saal standen eine Menge von großen Apparaten, fast wie Retorten anzusehen, ferner Kessel, unter denen Feuer zu brennen schien, wenn das weiße Licht nicht verraten hätte, daß hier durch Elektrizität Hitze erzeugt würde, Maschinen und so weiter.

Der ganze Saal war mit einem weißlichen Nebel angefüllt, der nur schwer die Einzelheiten erkennen ließ.

Der ganze Saal war mit einem weißlichen Nebel angefüllt.

Doch entdeckte man gegen dreißig Männer, welche teils die Apparate bedienten, die Kessel beaufsichtigten oder mit Instrumenten an schwarzen Platten schabten und diese dann abwuschen.

»Mein Gott,« rief ein Mädchen entsetzt aus, »wie sehen diese Leute alle bleich und elend aus!«

»Hier läßt Kapitän Hoffmann aus Quecksilber die chemische Substanz bereiten, durch welche er Elektrizität erzeugt. Die Quecksilberdämpfe schaden der Gesundheit.«

»Geben sich denn die Leute dazu her, solch eine gefährliche Arbeit zu verrichten?«

Anders lächelte.

»Gibt es denn nicht überall Quecksilber- und Arsenikhütten, in denen Menschen gegen hohen Lohn arbeiten?« fragte er.

Die Damen mußten das zugeben.

»Diese Leute sehen aber alle so eigentümlich aus, sie haben fast alle einen tierisch rohen Gesichtsausdruck und doch wieder so vergnügte Gesichter. Werden sie gut bezahlt?«

»Sie bekommen nichts weiter als Essen und Trinken, es sind Gefangene.«

»Gefangene?«

»Allerdings,« versicherte der Ingenieur, »Kapitän Hoffmann hat alle Männer, die er während seiner Reisen auf der Seeräubern betroffen und als schwere Verbrecher erkannt hat, gefangen genommen und verwendet sie hier zu Arbeiten, welche er für andere Menschen für zu gefährlich hält. Diese Leute haben auch die Sprengungen und Bohrungen in den Felsen vorgenommen; die leichten Uebeltäter verwendet er nun zu anderen Arbeiten, zu Dienstleistungen an der Maschine und so weiter, nur die schwersten Verbrecher müssen im Quecksilberraum arbeiten. Ihr Los ist jedoch kein so hartes; für ihre Gesundheit wird bestens gesorgt, und die Arbeitszeit ist eine kürzere, als in den Quecksilberhütten.«

Das Erstaunen der Mädchen wuchs von Minute zu Minute.

»Und diese Leute fühlen sich, ihren fröhlichen Mienen nach zu schließen, glücklich?« fragte ein Mädchen zweifelnd.

»Sie sind glücklich, ohne daß sie es wollen, sie sind dazu gezwungen.«

»Wir verstehen Sie nicht.«

Der Ingenieur zögerte, sich deutlicher auszusprechen.

»Ich darf mich nicht vollkommen darüber auslassen,« sagte er endlich, »es ist ein Geheimnis Hoffmanns. Nur so viel kann ich Ihnen erklären, daß alle diese Leute sich in einer Art von Hypnose befinden. Erst Verbrecher, sind sie jetzt harmlose und willige Menschen. Kennen Sie das Kunststückchen der Hypnotiseure, daß sie jemandem eine rohe Kartoffel zu essen geben und ihm einreden können, er äße einen wohlschmeckenden Apfel?«

»Ich kenne es,« erwiderte Ellen. »Also diese Arbeiter sind hypnotisiert und es wird ihnen vorgeredet, sie hätten ein angenehmes Leben und könnten deshalb glücklich und zufrieden sein?«

»Nein, sie sind nicht hypnotisiert,« sagte der Ingenieur, »aber das Mittel, welches Kapitän Hoffmann bei ihnen anwendet, erzeugt eine ähnliche Wirkung wie Hypnose, nur hält es länger an, unter Umständen für das ganze Leben. Diese Leute befinden sich in einem traumähnlichen Zustande, sie führen alle gegebenen Befehle aus, ja, man kann sogar ihren Gefühlen und Empfindungen befehlen. Kennen Sie die Geschichte der Osmanen?« fragte der Ingenieur plötzlich.

»Jenes fanatischen, arabischen Geschlechtes, welches in Asien die ungeheueren Eroberungszüge machte?« fragte ein Mädchen.

»Dieselben. Diese Beherrscher besaßen ein Heer und ganz besonders eine Leibgarde, die zu Taten fähig war, wie sie nie wieder von solchen großen Massen geleistet worden sind. Für ihren Anführer sich abschlachten zu lassen, war ihnen eine Wonne.«

»Ich weiß,« unterbrach ihn Ellen. »Osman versprach allen, die für ihn im Kampfe fielen, das Paradies, und einzelnen, die er für seine Sache begeistern wollte, verschaffte er schon hier auf Erden Eintritt in den siebenten Himmel. Er gab dem jungen Manne einen Schlaftrunk, brachte ihn in ein Haus, und wenn der Betäubte erwachte, so glaubte er sich für einige Tage wirklich in das Paradies versetzt. Er wurde von Huris, den himmlischen Mädchen, bedient, und es gab keine Freude, die ihm versagt worden wäre. Nach drei Tagen wurde er wieder eingeschläfert und der Erde zurückgegeben. Dann sagte Osman: ›Diese Freuden, die du innerhalb dreier Tage gekostet hast, sollen dir ewig währen, wenn du für mich im Kampfe fällst,‹ und des Jünglings einziges Bestreben von da an war nur noch, für Osman zu fechten.«

»Die Jünglinge haben die paradiesischen Freuden nicht in Wirklichkeit genossen,« entgegnete der Ingenieur, »sie wurden ihnen nur eingeredet, während sie schliefen, denn sonst hätten sie sich nicht wirklich glücklich gefühlt, etwas wäre ihnen doch noch zu wünschen übrig geblieben. Der Trunk, den sie bekamen, enthielt ein Mittel, das sie in eine Art von hypnotischen Zustand versetzte.«

»Ah, und woher hat man dies erfahren?«

»Aus Schriften von gelehrten Zeitgenossen Osmans, doch sind diese Schriften nur sehr wenig bekannt geworden.«

»Und was für ein Mittel ist dies?«

»Dies zu nennen, kann ich nicht verantworten. Fragen Sie Kapitän Hoffmann selbst, er wird Ihnen sicherlich Auskunft darüber geben. Zudem ist dieses Mittel noch jetzt bekannt, nur wird es in anderer Form verabreicht. Afrikareisende erzählen, daß Priester von Negerstämmen es verstehen, aus wilden, rohen und blutdürstigen Menschen, ja, aus einem ganzen Volke, ein friedliebendes, ackerbautreibendes zu machen, allein durch ihren Befehl, den sie ihnen in einer Art von traumhaftem Zustand geben.«

»Ich weiß es jetzt,« rief da ein Mädchen, »es ist das Hanfrauchen. Die Leute rauchen Hanf, werden davon betäubt und führen auch nach dem Erwachen einen ihnen in diesem Zustande gegebenen Befehl willig aus, sie befinden sich in einem der Hypnose ähnlichen Zustand. Ich habe einst eine Abhandlung darüber gelesen, in welcher vorgeschlagen wurde, mit unseren Verbrechern ebenso zu verfahren. Spielt der Hanf vielleicht auch hier eine Rolle?«

Aus des Ingenieurs Schweigen konnte man auf eine Bejahung schließen. Das Mädchen hätte das Richtige getroffen.

Plötzlich ertönten die Klänge einer Glocke.

»Wir haben schon zu lange hier gezögert,« sagte der Ingenieur hastig, »folgen Sie mir schnell, meine Damen, die Piraten sind gelandet. Die Szene wollen wir uns nicht entgehen lassen.«

Er trat in den Gang zurück. In demselben war ab und zu eine Nische angebracht, und in eine derselben trat der Ingenieur ein, den Damen winkend.

Sie fühlten einen Holzboden unter den Füßen, und wieder liefen Stahltaue an den Wänden hinauf, es war also ebenfalls ein Aufzug.

Der Ingenieur drehte einen Hebel an der Wand. Einige blauweiße Funken sprühten aus dem Apparat, aus den Drähten, und plötzlich setzte sich der Aufzug in Bewegung. Die Mädchen fuhren so schnell in die Höhe, daß ihnen der Atem verging.

»Wir sind jetzt in den oberen Felsen,« sagte Anders, als er den beweglichen Boden verließ.

Vor den Blicken der Damen tat sich wieder ein langer, gebogener Gang auf, der aber vom Tageslicht erhellt wurde, welches durch Spalten in der Felswand hineinschien.

»Das sind die Oeffnungen, welche von unten wie kleine Höhlen aussehen,« erklärte der Ingenieur, »sie sind aber künstlich eingehauen worden. Durch sie beobachteten wir Ihr Treiben, konnten es aber mittels anderer Vorrichtungen auch in den Höhlen tun. Doch,« fügte der junge Mann scherzhaft hinzu, »kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß es nie zu unrechten Zwecken benutzt worden ist. Jetzt verteilen Sie sich an die einzelnen Spalten, und geben Sie acht, was sich ereignet.«

Die Mädchen folgten seinem Geheiß.

»Dort,« fuhr er fort, auf einen Dampfer deutend, der sich eben der künstlichen Mauer näherte, um Anker zu werfen, »dort, wo der Dampfer sich gerade befindet, liegt an der Meeresseite eine Höhle, und in diese hat der teuflische Flexan eine Dynamitgranate hineinlegen lassen. Sie ist groß genug, um die ganze Insel in die Luft zu sprengen. Um bei den Piraten keinen Verdacht zu erregen, haben wir sie liegen lassen, natürlich aber unschädlich gemacht.«

»Warum hat man dieselbe dorthin gelegt?« fragte eine Vestalin.

»Sie war für Sie bestimmt. Hätte selbst Miß Petersen in dieses Schurken Bedingungen gewilligt – ich habe die Unterredung mit angehört – Ihr Schicksal wäre doch gewesen, in die Luft zu stiegen, nachdem sich Ihre Kapitänin auf seinem Schiffe befunden hätte, man würde Zunder an die Granate gelegt haben. Im anderen Falle hätte auch Miß Petersen auf dieselbe Weise ihren Tod gefunden.«

Die Mädchen schauderten zusammen.

»Es ist sehr leicht möglich, daß Flexan doch noch seine Freveltat, diese Insel in die Luft fliegen zu lassen, versucht,« fügte der Ingenieur hinzu. »Nun, er wird vergebens die Zündschnur anlegen oder nach der Granate, einem Ding von einem Meter Länge, schießen lassen.«

Von der Höhe konnte man das Verhalten der Mannschaften auf dem Dampfer erkennen. Sie setzten Boote aus, bemannten sie und warfen Leitern und Stricke hinein, um über die Mauer steigen zu können.

Unter den Matrosen befand sich ein Mann, in einen langen Mantel gehüllt, der sein Gesicht mit einer schwarzen Maske unkenntlich gemacht hatte. Er saß still im Boot, ohne sich um die übrigen zu kümmern oder ihnen zu befehlen.

»Eduard Flexan,« flüsterte Ellen, »dein Kommen ist vergeblich. Gott sei gedankt dafür!«

»Sprachen Sie nicht vorhin von einem anderen Schiffe,« fragte ein Mädchen, »und von Bekannten, die wir wiedersehen sollten?«

»Auf der anderen Seite der Insel liegt es,« entgegnete der Ingenieur, der ebenso, wie die immer freudig lächelnde Johanna, über alles orientiert zu sein schien. »Um es zu sehen, müßten wir weit von hier gehen, aber wir wollen jetzt die Piraten beobachten. Dieses Schiff hat sich viele Mühe gegeben, den Piraten unschuldig zu erscheinen, als ginge deren Benehmen sie gar nichts an. Nun kommt es von der anderen Seite, von den Piraten unbemerkt, heran, und ich glaube fast, es wird Boote aussetzen, und eine Mannschaft wird der Insel ebenfalls einen Besuch abstatten, vielleicht auch mit den Piraten in Konflikt kommen.«

»Und wir kennen Leute von diesem Schiff?«

»Sehr gut, besonders den Kapitän und den ersten Steuermann,« lachte Johanna, »und noch eine Menge Passagiere.«

»So ist es ein Passagierschiff?« riefen die Damen verwundert.

»Ich darf jetzt nichts mehr verraten,« erklärte Johanna energisch. »Sie werden alles erfahren. Da – die Piraten stoßen ab.«

Die Aufmerksamkeit wandte sich wieder dem kleinen Schraubendampfer zu.

Das Boot stieß ab und fuhr erst dorthin, wo nach Aussage des Ingenieurs die Granate liegen sollte. Von den Ritzen der kleinen Felswand aus konnten die Mädchen selbst sehen, wie der Maskierte in die Höhle sprang, wahrscheinlich, um die Granate auf ihre Tauglichkeit zu untersuchen.

Da er gleich wieder zurückkehrte und das Boot nach der künstlichen Mauer fuhr, so mußte der Maskierte mit seiner Untersuchung zufrieden gewesen sein.

Ferner sahen die Mädchen, wie das Boot jetzt an der Mauer hielt und eine Leiter angelegt wurde, wie der Maskierte über das Mauerwerk sprang, durch die Bresche schlüpfte und am Ausgang derselben mit einem Schreckensschrei, so laut, daß er selbst das Ohr der Beobachter erreichte, erst zurückprallte und dann stehen blieb, als wäre er, gleich den Felsen um ihn, zu Stein geworden.

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