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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 10
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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9.

Der Besuch.

Die Röte der Gesundheit begann Ellens bleiche Wangen wieder zu färben, aber lange hatte es gedauert, ehe ihre starke Natur den Sieg über die Krankheit errungen hatte.

Das Leiden stammte aus dem Herzen; der beständige Kampf des Stolzes mit der Liebe hatte es hervorgerufen, und letztere hatte gesiegt.

Ja, trotzdem Ellen äußerlich gesund war, zermarterte sie sich mit Vorwürfen, welche sie innerlich zu verzehren drohten. Lord Harrlington und Johanna, das waren die Personen, mit denen sie sich beschäftigen mußte und die ihr des Nachts im Traume erschienen, aber niemals zürnend, sondern immer gütig, manchmal traurig, so wie sie dieselben zuletzt im Leben gesehen hatte.

Ach, wäre Ellen doch nie von dieser Kränkelt genesen, wäre eine Höhle der Felseninsel doch ihr Grab geworden, wo sie, durch Steine von ihren Freundinnen getrennt, niemals mehr die mahnende Stimme des Herzens vernommen hätte, die ihr fort und fort vernehmlich zuflüsterte:

»Du hast Lord Harrlington zeitlebens unglücklich gemacht, du hast Johanna, welche Tag und Nacht über dein Leben gewacht hat, um dich dem Geliebten zu erhalten, auf dem endlosen Meere dem Tode ausgesetzt und vielleicht für immer, weil du im frevelndem Uebermut sie einst zu diesem Wagnis herausgefordert, die Begleitung der treuen Engländer beständig abgelehnt und schließlich der warnenden Stimme Johannas kein Gehör geschenkt hast. Dich, dich allein trifft die Schuld, und die Freundinnen denken ebenso, wenn sie es dir gegenüber auch nicht merken lassen, weil sie dein Unglück nicht vergrößern wollen. Durch Anschuldigungen wird ihre Lage nicht gebessert, sie sind zu edel, um es dir fühlbar zu machen.«

Solche Gedanken waren es, welche Ellen fort und fort quälten, und welche sie nicht mehr wagen ließen, offen den Blicken ihrer Freundinnen zu begegnen. Sie vermied dieselben, wo sie nur konnte, war meist allein mit ihren schrecklichen Gedanken und redete sich immer aus, wenn die Damen mit aller Kraft versuchten, sie aufzuheitern und sie ihrem Trübsinn zu entreißen.

Die jungen Mädchen dachten freilich gar nicht daran, Ellen Vorwürfe zu machen, niemals war ihnen Aehnliches eingefallen, aber Ellens Trübsinn malte ihr dies vor.

Sie war eine Kopfhängerin geworden.

Fast den ganzen Tag saß sie in der Höhle und suchte die peinigenden Gedanken dadurch zu verscheuchen, daß sie über die geheimnisvollen Kräfte der Insel nachbrütete, von denen sie gleich am Anfang selbst eine Probe gesehen, das Erlebnis während ihrer Krankheit hatten ihr die Freundinnen erzählt, und in der letzten Zeit war etwas geschehen, was die geheimnisvollen Kräfte in ein noch zauberhafteres Licht setzte.

Ellen hatte ein Geschenk erhalten – wer konnte sagen, von wem – und wenn dieses Geschenk nur hätte sprechen können, dann wäre das Geheimnis der Insel gelüftet gewesen.

Acht Tage nach Ueberstehung der Krisis kam die Kranke erst wieder völlig zur Besinnung, die sie bisher nur von Zeit zu Zeit erlangt hatte. Während dieser Periode gebrauchte die Rekonvaleszentin hauptsächlich leichte, angemessene Nahrung, und wunderbar war es, wie für diese von jenem geheimnisvollen, unsichtbaren Bewohner der Insel gesorgt wurde.

Neben den in einer Höhle aufgespeicherten Vorräten fand man eines Morgens Kisten, welche alles enthielten, was eine Fieberkranke zur Nahrung nötig hatte, und zwischen den Fässern gackerte eine stattliche Anzahl von Hühnern herum, deren Fleisch das beste ist, was ein Kranker genießen kann.

Neues Staunen unter den Vestalinnen, weniger über die Art und Weise, wie dies alles hierhergekommen, daran waren sie schon gewöhnt, als vielmehr über die Vorsorglichkeit, mit der alles ausgewählt worden war. Ein Arzt mußte die Speisen ausgesucht haben.

Aber das Staunen der Damen steigerte sich noch.

Das Mädchen, welches die Kranke zu pflegen hatte, wollte ihr das Frühstück bringen, aber entsetzt fuhr sie zurück, als sie die halbdunkle Höhle betrat.

Da lag auf Ellens Bett, quer über der Brust der Kranken, ein gelbes Tier und starrte die Eintretende mit grünlich funkelnden Augen an.

Ein gelbes Tier starrte die Eintretende mit grünlich funkelnden Augen an

Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte die Krankenpflegerin die Tasse mit Schokolade fallen lassen, denn mit einem Satze war das etwa zwei Fuß hohe, katzenähnliche Tier von dem Bett herunter und sprang außer sich vor Freude, bald an dem Mädchen empor, bald wieder nach der schlafenden Ellen zurück.

»Juno,« schrie da plötzlich das Mädchen, setzte die Tasse auf den Tisch und nahm das Tier Ellens, das sich wahrend der kurzen Fahrt in die Herzen aller einzuschmeicheln gewußt hatte, auf den Schoß.

Die junge Löwin, die erst mit der Milchflasche ausgezogen werden mußte, hatte sich während des Aufenthalts bei den Vestalinnen – drei Wochen – prächtig entwickelt, und, nach einer Trennung von zehn Tagen, konnte man ein deutliches Wachstum bemerken.

Innerhalb zweier Monate hatte sie schon die volle Größe erreicht, sie versprach ein prachtvolles Tier zu weiden.

Bekanntlich sind weibliche Löwen völlig zähmbar, das heißt, ohne jede Gefahr für den Menschen, den sie kennen, bleiben aber immer Raubtiere solchen gegenüber, auf welche sie gehetzt werden. Bei männlichen Löwen kann die angeborene Wildheit dagegen immer wieder hervorbrechen, besonders während der Brunstzeit, und sie werden dann selbst ihrem Herrn gefährlich.

Juno hatte die kleinen Kunststücke noch nicht vergessen, die ihr Ellen beigebracht hatte, sie stellte sich auf Befehl tot und nahm die ihr gereichten Leckerbissen nur auf ein bestimmtes Wort aus der Hand, wie sich das Mädchen und ihre herbeigerufenen Freundinnen auf der Stelle überzeugten.

Wie kam Juno hierher? War sie von allem Anfang hier gewesen und hatte sie sich nur versteckt? Das war nicht möglich, das zarte Tier wäre verhungert, hätte sich überhaupt nicht von den Damen und besonders Ellen, an der es mit großer Zärtlichkeit hing, entfernt halten können.

Ja, wenn das kleine Maul mit den spitzen Zähnchen hätte erzählen können, dann wäre die Neugier der Mädchen wenigstens in etwas befriedigt worden.

Juno hätte gesagt, daß sie von den rohen Piraten über Bord geschleudert wurde, weil sie einem Manne, der sie in den Schwanz kniff, empfindlich in die Finger gebissen hatte, wie sie gleich nach dem Sturz ins Wasser wieder aufgefischt worden war und auf dieser Insel schon mehrere Tage, und zwar recht schöne verlebt hatte.

Sie erkannte Ellen sofort wieder, als sie dieselbe sah, liebkoste sie auf ihre Art, und wunderte sich, daß diese Liebkosungen nicht erwidert wurden. Destomehr aber fand dies jetzt von seiten der übrigen Mädchen statt.

Die junge Löwin trug noch dasselbe goldene Schuppenhalsband, welches Ellen an der Küste sich von einem in dergleichen Arbeiten bewanderten Neger hatte anfertigen und auf dem sie den Namen ›Juno‹ hatte eingravieren lassen. – Der gebissene Pirat hatte nicht gewagt, dem nach seiner Hand schnappenden Tiere diesen Schmuck abzunehmen – aber es wurde darunter kein Zettelchen gefunden, welches Aufklärung in die Sache gebracht hätte, wie man zuerst noch hoffte.

Juno war da, und man empfand wenigstens Trost, daß es sich immer mehr zeigte, daß auf dieser Insel noch jemand lebte, der wohlwollenden Anteil an den Mädchen nahm. Es war allen eine Beruhigung, man fühlte sich nicht verlassen und baute auf dieses Mächtigen Schutz.

Hauptsächlich freute man sich Ellens wegen, wenn diese davon vernahm, denn sie hatte das Tier wirklich geliebt und war trostlos gewesen, als sie bemerkte, daß die Piraten ihren Liebling mitgenommen hatten.

Ellen empfand auch wirklich eine unaussprechliche Freude beim Wiedersehen ihrer Juno, sie lachte seit langer Zeit zum ersten Male wieder, und als ob das Tier Einfluß darauf gehabt hätte, besserte sich ihr Zustand zusehends.

Sie ließ es nicht mehr von sich, es schlief zu ihren Füßen, es nahm mit ihr seine Mahlzeit ein, und die Hauptbeschäftigung Ellens bestand jetzt darin, ihren Liebling abzurichten.

Wie gesagt, sie mied den Umgang mit ihren Freundinnen, denn seit ihr kräftiger Körper die Krankheit besiegt hatte, war eine Umwandlung in ihrem Herzen vor sich gegangen. Sie fühlte sich schuldig, wohin ihre Erinnerung auch schweifte. Sie konnte den Anblick der Mädchen nicht mehr ertragen, weil sie in deren Blicken Vorwürfe zu lesen glaubte.

Stundenlang konnte sie in der Höhle sitzen, mit der Löwin spielen, sie Kunststücke lehren und nebenbei darüber nachdenken, auf welche Weise sie wohl hierhergekommen sei. Nur dadurch gelang es ihr, die Stimme des Gewissens zu betäuben. Wohl gestattete sie, daß ihre speziellen Freundinnen, wie Miß Thomson und Miß Murray, sich mit ihr unterhielten, aber da man es ihr ansah, wie viel lieber sie allein war, so entfernten auch diese sich meist bald wieder.

Was die Mädchen vornahmen, um sich den Aufenthalt in dem Felsengefängnis zu erleichtern, wie sie sich die Zeit vertrieben, das alles ließ Ellen gleichgültig. Sie zeigte nur Teilnahme, wenn ihr berichtet wurde, wie wieder die geheimnisvolle Hand ihnen mit irgend etwas behilflich gewesen war, was ziemlich oft passierte.

Es brauchte nur etwas zu fehlen, und die Mädchen hatten nur nötig, den Wunsch auszusprechen, daß sie es besitzen möchten, so konnten sie darauf rechnen, es am anderen Morgen zu finden. Aber niemand wurde dabei gesehen. Nur einmal behauptete ein Mädchen, eine weibliche Gestalt in einer Höhle gesehen zu haben, ebenso wie das erste Mal Miß Thomson, aber in einer anderen, doch ebensowenig, wie vorher, konnte man eine Spur von ihr finden oder eine Tür in jener Höhle entdecken.

Solchen Berichten lauschte Ellen gern. Sie grübelte darüber nach und sagte gelegentlich zu ihren Freundinnen, sollten sie wirklich einen Besuch bekommen, so dürfe diesem nichts verraten werden, daß außer den Vestalinnen noch ein anderes oder andere Wesen die Insel bewohnten, durch welche sie unterstützt würden. Selbst die Spuren der Geschenke müßten dann schnell beseitigt werden.

Dieser von Anderson angedeutete Besuch war es, der Ellen in nervöser Aufregung hielt. Sie wußte nicht, ob sie ihn ersehnte, oder ob sie sich vor ihm fürchtete, aber sie ahnte, daß er eine Entscheidung bringen mußte, und sie, Ellen, würde diese herbeiführen.

Woche nach Woche verging. Ellens nervöse Spannung steigerte sich, und schon fürchteten ihre Freundinnen einen Rückschlag der Krankheit, als endlich die Prophezeihung des Piraten in Erfüllung ging – der Besuch kam.

Eines Morgens erblickten die Vestalinnen hoch über den Felsspitzen der Insel eine Rauchwolke schweben, erst zusammengeballt, dann aber sich im blauen Aether auflösend, sie veränderte fortwährend ihren Standpunkt, aber immer strömte der zerfließenden Wolke neuer Rauch nach.

Bald waren die Damen zu der Ansicht gekommen, daß dieser von einem Dampfer herrühren müßte, welcher der Insel zustrebte, denn die Wolke ward immer dichter. Ein Mädchen erkletterte die Mauer, sah aber nichts, denn das Schiff näherte sich von der anderen Seite.

Ellen war von der Atmung durchdrungen, daß dieses Schiff den versprochenen Besuch brächte, und bat, nicht mehr nach ihm auszuschauen.

Es dauerte auch nicht lange, so konnten die Damen an der Lücke in der Felswand die beiden Masten eines kleines Dampfers vorbeigleiten sehen, dann hörte man Kommandos erschallen, Ketten rasseln und ein Plätschern im Wasser – der Dampfer ging an der Insel vor Anker, er war ihretwegen hierhergekommen.

Der Tag verging jedoch, ohne daß man ein Lebenszeichen von der Mannschaft erhielt, das Schiff konnte man von der Mauer aus auch nicht sehen, und so blieb nichts anderes übrig, als geduldig zu warten.

Die Mädchen standen zusammen und unterhielten sich. Es war seit einem Monat das erste Mal wieder, daß Ellen sich unter ihnen befand. Was sie in dieser Zeit über das rätselhafte Wesen der Insel und seine Hilfe sich zurecht gelegt hatte, teilte sie jetzt ihren Freundinnen mit und fand deren völlige Beistimmung.

»Derjenige,« sagte sie, »welcher uns auf dieser Insel ausgesetzt, hat selbst keine Ahnung davon, daß die Insel außer uns noch bewohnt war, sonst hätte er es uns jedenfalls mitgeteilt und gesagt, wir sollten uns, im Falle uns etwas fehlte, an diesen Helfer wenden. Im Gegenteil. Anderson sagte, es würde von Zeit zu Zeit ein Schiff kommen, das uns mit allem Nötigen versehen würde, und wenn uns etwas fehlte, so sollten wir es ihm gleich oder bei seiner Rückkehr sagen.«

Die Freundinnen stimmten ihr bei.

»Da sich das geheimnisvolle Wesen, welches jedenfalls im Innern der Insel wohnt, uns nicht selbst zeigt,« fuhr Ellen fort, »so will es jedenfalls auch nicht, daß wir den Piraten davon erzählen oder überhaupt durch irgend etwas andeuten, daß über uns jemand wacht. Haben Sie daher jede Spur vernichtet, welche die fremde Hilfe verraten könnte?«

Die Mädchen versicherten, daß nichts zu finden sei, weder Kiste, noch Faß, noch Huhn, noch sonst etwas, was im Laufe der Zeit zu ihnen gekommen war. Alles war sorgfältig in eine entlegene, schwer zugängliche Höhle versteckt worden.

»Daß meine Annahme richtig ist,« sagte Ellen wieder, »zeigt sich mir noch in einem anderen, ebenfalls ganz sonderbaren Umstand. Ich hatte Juno in eine Kiste gesperrt und diese in dem äußersten Winkel meiner Höhle versteckt. Kurz darauf wollte ich noch einmal nach dem Tier sehen, um es mit Futter zu versehen, aber zu meinem größten Erstaunen fand ich die Kiste leer und Juno spurlos verschwunden. So zeigte mir das geheimnisvolle Wesen also selbst an, daß es nicht verraten sein will.«

Ein Mädchen eilte plötzlich nach jener Höhle, in der alles andere versteckt worden war, und kehrte mit der staunenerregenden Nachricht zurück, daß die Gegenstände ebenfalls spurlos verschwunden wären.

»Es ist ein deutliches Zeichen, wie sehr sich dieses Wesen für uns interessiert,« rief Ellen, zum ersten Male wieder freudig. »Was uns nun auch bevorstehen mag, wir haben einen Helfer zur Seite, von dessen Macht ich überzeugt bin. Wer einen nassen Holzstoß aus der Ferne anzünden kann, der wird wohl auch imstande sein, uns vor unrechtmäßigen Handlungen zu schützen.«

»Und dann,« rief Miß Murray, »sind wir auch nicht die Personen, welche sich ohne weiteres einem Befehle fügen, welcher uns nicht passend erscheint. Haben wir auch keine Waffen, so sind wir doch noch im Besitze unserer Arme und Hände, und in denen sollen selbst die kleinen Messer zu furchtbaren Waffen werden.«

»Trotzdem bitte ich die Damen dringend,« entgegnete Ellen, »sich zu keiner voreiligen Handlung hinreißen zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, daß dieser Besuch mir gilt. Lassen Sie den Betreffenden, der mich vielleicht sprechen will, zu mir und ruhig bei mir bleiben! Ich vertraue auf die Hilfe der unsichtbaren Person, des Schutzgeistes, welcher mir das Leben gerettet hat und mir wohl auch fernerhin zur Seite stehen wird. Und im Falle der höchsten Not, kann ich ja auch auf Sie zählen. Aber tun Sie nichts, was eine Unterredung stören könnte, ich bitte Sie darum.«

Die Damen versprachen dies.

Da tönte in der Felsenbresche ein Schuß, hundertfach brach sich das Echo an den Steinwänden, und die Mädchen sahen durch den Schatten des Abends einen Mann langsam auf sich zukommen.

»Seinem Gange nach ist es Mister Anderson, der angebliche Detektiv,« flüsterte Miß Sargent. »Er kündigt durch den Schuß an, daß er Waffen bei sich führt. Wirklich, das ist sehr vorsichtig von dem Manne.«

»Bleiben Sie hier,« flüsterte Ellen ihren Freundinnen zu, »ich werde ihm etwas entgegengehen, damit er nicht Mißtrauen schöpft und erst lange Unterhandlungen wegen der Sicherheit seiner Person anfängt. Ich werde so laut sprechen, daß Sie alle es verstehen können.«

Sie ging dem Ankommenden entgegen und blieb zehn Schritte vor ihm stehen. Er stand ebenfalls.

»Wer ist es, der diese Insel betritt?« fragte Ellen laut.

Der Mann räusperte sich verlegen, dann erwiderte er ebenso deutlich.

»Sie kennen mich, ich nannte mich Ihnen gegenüber Mister Anderson. Sie sehen, ich komme in friedlicher Absicht, verhalten Sie und Ihre Gefährtinnen sich ebenfalls friedlich, und nichts soll Ihnen geschehen. Im anderen Falle aber werde ich mich verteidigen, und auf meinen Schuß strecken sich Ihnen dort über die Mauer zwanzig Gewehrläufe entgegen.«

»Schon gut,« unterbrach Ellen den Sprecher, »wir werden in Frieden miteinander verhandeln. Sie haben uns ja keine Waffen gelassen. Was führt Sie hierher?«

Anderson war verblüfft und verlor die Fassung. Er hatte sicher geglaubt, die Mädchen entweder im Zustande der tiefsten Niedergeschlagenheit und Zerknirschung anzutreffen oder in einem Grade der Verzweiflung, der sie zu allem fähig machte. Nicht ohne Besorgnis hatte er auf Befehl diesen Gang unternommen; wie leicht konnten die Mädchen sich auf ihn stürzen und durch nichts zu halten sein, denjenigen, der sie in diese trostlose Lage gebracht hatte, mit bloßen Händen zu erwürgen.

Daß aber Ellen ihm entgegnete, als wäre sie Gebieterin dieser Insel, und die übrigen Mädchen sich wie eingeschulte Soldaten verhielten, die nur das Kommando zum Angriff erwarteten, beunruhigte ihn nur noch mehr

Doch er mußte antworten.

»Sie haben also nicht die Absicht, irgend etwas Feindseliges gegen mich und die, welche mir folgen werden, zu unternehmen?«

»Nein, wenn wir nicht gezwungen werden, uns zu verteidigen.«

»Auf Ihr Ehrenwort?«

»Auf mein Ehrenwort.«

Der Unterhändler war zufrieden.

»Als ich Sie vor fünf Wochen auf dieser Insel Ihrem Schicksal überließ, kündigte ich Ihnen an, daß Sie von einem Herrn aufgesucht werden würden.«

»Ich wüßte nicht, daß Sie von einem Herrn gesprochen hätten, Sie sagten nur von einem Besuch.«

»Ich meinte meinen Herrn damit. Dieser ist nun angekommen und wünscht mit Ihnen, Miß Petersen, eine Unterredung. Wollen Sie ihm dieselbe gewähren?«

»Ja.«

»Ohne einen Versuch zu machen, sich seiner zu bemächtigen?«

»Dieser Herr scheint sehr ängstlicher Natur zu sein,« sagte Ellen spöttisch.

»Da irren Sie sich,« entgegnete Tannert oder Mister Anderson, »aber er würde sich natürlich nicht fangen lassen, damit Sie an ihm Ihr Mütchen kühlen könnten, sondern er würde sich wehren, Hilfe würde sofort erscheinen, es würde Gewalt angewendet werden, und das will er vermeiden.«

»Wo soll die Unterredung stattfinden?«

»Auf dieser Insel.«

Ellen atmete erleichtert auf, und unter den lauschenden Mädchen entstand eine Bewegung. Sie hatten schon gefürchtet, Ellen sollte von ihnen entführt werden, was sie allerdings nicht geduldet hätten, ebensowenig, wie Ellen eingewilligt hätte.

»Ich bin bereit, ihn zu empfangen,« sagte Ellen.

»Wo auf dieser Insel wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Auf demselben Platze, wo wir jetzt stehen.«

»Das geht nicht. Die Unterredung soll eine geheime sein, kein fremdes Ohr darf Zeuge derselben sein. Versprechen Sie, daß die anderen Damen dem Gespräch nicht zuhören?«

»Ich verspreche es Ihnen im Namen meiner Freundinnen,« sagte Ellen schnell. »Sehen Sie dort rechts die vierte Höhle? In dieser werde ich den Herrn erwarten, dort soll er mit mir allein sprechen können.«

Tannert freute sich, daß er sich seines Auftrages so schnell erledigen konnte.

»Wer ist der Herr?« fragte Ellen.

»Ich kenne ihn nicht.«

»Wann wird er kommen?«

»Erwarten Sie ihn um 10 Uhr nachts.«

»Gut, ich werde ihn dort empfangen, und sagen Sie ihm, daß seine ihm so überaus wertvolle Person gesichert bleiben soll,« sagte Ellen spöttisch, »denn wir verschmähen es, unsere Hände durch die Berührung jemandes zu besudeln, den wir für ehrlos halten. Wer unschuldige Menschen ohne Grund ihrer Freiheit beraubt, ist in unseren Augen ein Schurke. Sagen Sie ihm das und zugleich, daß er sich nicht zu fürchten braucht, so lange er sich höflich benimmt.«

»Haben Sie sonst noch etwas hinzuzufügen?« fragte Tannert, der nichts sehnlicher wünschte, als die Unterredung mit dem Mädchen abzubrechen, in dessen Nähe es ihm unbehaglich wurde, weil es wie eine Königin auftrat und ihn wie einen Diener behandelte.

»Nein.«

»So gehe ich und werde alles ausrichten, bis auf Ihre letzten Worte; also um 10 Uhr, rechts die vierte Höhle,« sagte Tannert, verbeugte sich höflich und ging dem Eingange der Bresche zu.

»Bestellen Sie Ihrem Herrn getrost auch die letzten Worte,« rief Ellen ihm noch nach.

»Endlich,« sagte Ellen, als sie sich ihren Freundinnen wieder zugesellt hatte, »endlich wird sich alles aufklären, was mich während zweier Jahre unzählige Male bedrückt hat; der Moment ist gekommen, da sich zeigen wird, warum wir stets und ständig, zu Wasser und zu Lande, von bösen Menschen verfolgt worden sind, die uns zu fangen, ja, selbst zu töten suchten.«

Und nun begann Ellen von ihrem Stiefvater zu erzählen. Es war das erste Mal, daß sie sich ihren Freundinnen betreffs dieser Sache aussprach.

Sie schilderte, wie dieser Mann sie haßte, weil er alle seine Bemühungen, in den Besitz ihres Vermögens zu kommen, scheitern sah; sie erzählte, wie er versucht habe, durch eine Heirat mit seinem Neffen sich dasselbe zu sichern, und bezeichnete ihn als denjenigen, welcher sie während der ganzen Reise verfolgen lassen und oft zu töten versucht habe.

Daß darunter die anderen Mädchen gleichfalls leiden mußten, wäre ihr erst später zum Bewußtsein gekommen, jetzt aber müsse sie sich schwere Vorwürfe deswegen machen. Ellen zweifelte nicht, daß der alte Flexan, ihr Stiefvater, sie fangen und hier aussetzen ließ, um eine Unterschrift von ihr zu erlangen, und sie zweifelte auch nicht, daß er selbst mit ihr sprechen würde.

Die Freundinnen wiesen energisch die Behauptung zurück, daß Ellen allein an ihrem Unglück Schuld trüge, sie waren vielmehr nach und nach zu der Ansicht gekommen, daß es auf sie alle abgesehen wäre.

»Wie dem auch sei,« sagte Miß Murray, »gewähren Sie dem Mister Flexan die Unterredung und hören Sie ihn ruhig an. Natürlich müssen wir von Ihnen verlangen, Miß Petersen, daß Sie in keine Bedingung willigen, welche Ihrer Ehre zuwiderliefe, nur darum, um unser Schicksal zu mildern. Ebensowenig, wie ich etwas derartiges tun würde, verlange ich es von jemandem anders, und am allerwenigsten von einer Freundin, denn was dieser geschieht, geschieht auch nur.«

»So gehen Sie in Ihre Zelte oder in Ihre Höhlen,« entgegnete Ellen, ohne auf die Ermahnung der Miß Murray zu achten, »die Zeit bis 10 Uhr ist kurz. »Ich bitte sie nochmals, uns allein zu lassen, ich teile Ihnen das Gespräch später mit. Einmal traue ich auf den Schutzgeist der Insel, ich bin fest überzeugt, daß er mir auch diesmal hilfsbereit zur Seite stehen wird, und brauche ich dennoch Hilfe, um mich eines Angriffes zu erwehren, so wird mein Ruf Sie immer noch rechtzeitig erreichen.«

Die Damen versprachen was von ihnen verlangt wurde, und begaben sich in ihre Zelte oder Höhlen, gespannt die Zeit erwartend da der Unbekannte, wahrscheinlich also Ellens Stiefvater, die Insel betreten würde.

Ellen schritt ungeduldig, fieberhaft erregt, in ihrer Höhle, die sie allein bewohnte, auf und ab. Sie glaubte, das Herz müsse ihr zerspringen, so pochte und hämmerte es gegen das enge Kleid.

Was mochte ihr die nächste Stunde bringen?

Ellen war fest entschlossen, nicht nachzugeben und lieber den Tod zu ertragen, als in Bedingungen zu willigen, wodurch sie diesen Mann, den sie immer mehr zu hassen begann, an das Ziel seiner ehrgeizigen Pläne brächte.

Aber was würde dann aus ihren Freundinnen? Sollten diese ihretwegen zur ewigen Gefangenschaft auf dieser Insel, ja, vielleicht dem Tode geweiht sein?

Nein, das ging auch nicht! Heiliger Gott, gab es denn nur gar keinen Ausweg?

Da wurde die Portiere zurückgeschlagen, und eine hohe Gestalt trat herein, in einen dunklen Mantel gekleidet, der selbst das Gesicht verhüllte.

Er schritt auf Ellen zu – der den Erdboden bedeckende Teppich dämpfte seinen Schritt – und blieb vor dem Mädchen stehen.

Es mußte der Stiefvater sein, dies war seine Gestalt.

Langsam entfernt der Mann die Umhüllung vom Gesicht, und mit einem Schrei taumelte Ellen zurück.

Das schwache Licht der Lampe beleuchtete nicht ein altes, sondern ein junges, leidenschaftlich erregtes Gesicht; die Augen hingen begehrend auf ihren Zügen. Auch ihn haßte sie, sie hatte es ihm oft gesagt, sie verabscheute seine Liebe, seine Person, und doch kam er aus keinem anderen Grunde, als um abermals ihre Liebe zu begehren. Es war Eduard Flexan.

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