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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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8.

Der überlistete Mädchenhändler.

Ein schwacher Wind blähte die Segel der Bark, welche sich an einem sonnigen Sommermorgen ihren Weg zwischen den Inselchen des griechischen Archipels suchte.

›Bark‹ ist die seemännische Bezeichnung für ein Segelschiff mit drei Masten, von denen jedoch nur die beiden vorderen Raaen führen; der hintere Mast hat keine, sondern trägt nur ein einziges, großes Segel, das sogenannte Besansegel, welches von der Mastspitze bis an Deck reicht.

Der Mann am Bug, der mit blinzelnden Augen nach dem verschwindenden Horizont späht, ist niemand anderes als Signor Demetri, und die Bark ist sein Schiff, die ›Undine‹.

»Wann kommen wir endlich aus diesen verwünschten Inseln heraus?« fragte auf französisch ein neben ihm an der Bordwand lehnender Herr, sehr elegant gekleidet, aber im Schnitte seiner Gesichtszüge den Türken verratend.

»In etwa einer Stunde, Herr,« entgegnete der Kapitän. »Weiß der Teufel, man fühlt sich nicht davor sicher, daß nicht jeden Augenblick ein englischer Kreuzer hinter einem Vorsprung auftauchen und die Bark zwecks Visitation anhalten kann.«

»Was für Vorsichtsmaßregeln haben Sie für diesen Fall getroffen?«

Der Grieche lächelte verschmitzt.

»Mein Schiff hat Wein geladen. Außerdem aber haben wir noch ebenso viele leere Fässer an Bord, wie Mädchen vorhanden sind. Dieselben werden dann einstweilen in jene gesteckt, bis der Besuch wieder abgedampft ist.«

»Wenn die Spürnasen aber nun an die leeren Fässer klopfen oder am Gewicht merken, daß kein Wein darin ist?«

»Hahaha,« lachte der Kapitän schlau. »Darauf sind wir vorbereitet. Mögen die englischen Pfiffköpfe heben, klopfen, anbohren so viel sie wollen, sie finden auch in den leeren Fässern Wein.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte erstaunt der Türke.

»Ganz einfach, die Fässer haben einen doppelten oberen Boden, der mit Wein gefüllt ist und wo auch der Spund sitzt. Der Eingang zum inneren, leeren Raume liegt am Boden.«

»Das ist wirklich großartig!« rief der Frager. »Doch das Gewicht? Es wird doch etwas geringer sein, als wenn das Faß mit Wein angefüllt wäre.«

»Durchaus nicht! Die Fässer sind mit Blei ausgelegt, sodaß nur ein Centner Gewicht im Vergleich zu den wirklichen Weinfässern fehlt. Diesen ergänzt dann ein Mädchen.«

Der Türke wollte eben noch eine Frage stellen, als der Kapitän ihn unterbrach und nach einer kleinen Insel in der Ferne deutete.

»Da! Endlich! Es ist das letzte Eiland im griechischen Archipel. In zehn Minuten werden wir es hinter uns haben und im freien Fahrwasser sein. Doch sagen Sie, Effendi, wie werden Sie die Mädchen in Smyrna von Bord schaffen? Damit habe ich mich nämlich nicht zu befassen.«

»Dann ist dies auch ganz meine Sache,« antwortete herrisch der Türke und wandte sich kurz ab.

»Oho,« murrte Demetri mit giftigem Blick nach dem Fortgehenden. »Warte, du türkischer Hund, wir sprechen uns noch einmal!«

»Schiff voraus an Steuerbord,« rief in diesem Augenblick ein Matrose von der Raa herab, wo einige der Leute postiert waren, um scharfen Ausguck zu halten, weil das schmale Fahrwasser des griechischen Archipels durch viele Schiffe belebt wird und ein Zusammenstoß also leicht eintreten kann.

»Was ist das?« fragte der Türke den Kapitän, der bereits mit dem Fernrohr den dunklen Punkt am Horizont betrachtete.

Ein unmerkliches Lächeln huschte über das gelbe Gesicht des Griechen.

»Ein englischer Kreuzer,« entgegnete er gleichgültig »der auf uns zu warten scheint.«

»Was?« rief der Türke erbleichend. »Nicht möglich!«

»Sie werden das auf uns wartende Schiff gleich ohne Fernrohr erkennen können.«

Der Kapitän der ›Undine‹ hatte dem stolzen Türken natürlich nur einen Schreck einjagen wollen, sonst wäre er selbst nicht so ruhig geblieben. Aber auch er wußte sich das Betragen jenes Schiffes nicht zu erklären.

Offenbar war es ein Segelschiff, ein Dreimaster. Es hatte die Segel an den Raaen aufgerollt, jedoch, wie man beim Näherkommen erkennen konnte, nur ganz unbeholfen und nachlässig, als wäre die Arbeit in höchster Eile ausgeführt worden.

Jetzt sah man auch, wie das Schiff trotz des schwachen Windes und ruhigen Seeganges heftig von einer Seite nach der anderen schwankte, und wie die Mannschaft an Deck ängstlich hin und her lief.

»Was ist denn dort los?« fragte der Türke, der die Gestalten an Bord nun mit dem bloßen Auge erkennen konnte.

Es war schade, daß er nicht in das Gesicht des neben ihm stehenden Kapitäns blickte, sondern seine Aufmerksamkeit nur auf das nahe, fremde Schiff richtete, sonst hätte er sehen können, wie sich ein freudiges Erstaunen in den Mienen des Griechen widerspiegelte.

»Ich weiß es noch nicht, doch wir werden es gleich erfahren,« antwortete der Gefragte möglichst gleichgiltig und sich beherrschend.

Er log. Er war ein erfahrener Seemann, aber zugleich auch ein schlauer, berechnender Mensch, und blitzähnlich hatte er einen Plan entworfen, über den er vor Freude fast aufgejauchzt hätte. Doch Vorsicht! Der Türke mußte getäuscht werden.

Er hatte nämlich erkannt, daß jenes Vollschiff die ›Vesta‹ war, welche er von Galata aus kannte. Das Steuerruder desselben mußte durch irgend einen Zufall gebrochen sein.

Sofort kalkulierte der schlaue Grieche: An Bord der ›Vesta‹ sind nur Damen, welche zum Vergnügen als Matrosen fahren. Pah! Frauenzimmer, die bei jedem kleinen Unfall aufschreien. Jetzt begegnete ihnen das erste Unglück. Das Steuerruder ist gebrochen. Für jeden erfahrenen Matrosen eine Stunde Reparatur, weiter nichts, aber für diese Weiber, Neulinge in der Seemannskunst, ein schreckliches Unglück. Sie können es selbst nicht ausbessern, werden das erste vorbeisegelnde Schiff anrufen, daß kundige Leute hinübergeschickt werden, und dieses erste Schiff – ist die ›Undine‹.«

Mit einem teuflischen Lächeln blickte sich der Kapitän um. Weit und breit war kein Schiff in Sicht, kaum in der Ferne die letzte kleine Insel des Archipels zu sehen, eine Viertelstunde nur, ja, nicht einmal so lange und – der Kapitän der ›Undine‹ war ein reicher Mann.

Ein häßliches Lächeln umspielte die Lippen des Griechen, während er durch die Zähne murmelte:

»Haha, Seewolf! Diesmal werde ich dir einen fetten Bissen wegschnappen. Wieviel war es für ein Mädchen? 300 Dollar, und das sind 25 Stück, 300 mal 25 macht 7500 Dollar, und die Kapitänin wird auch eine schöne Summe einbringen. Thut mir leid, alter Bursche! Aber wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Du machst es auch nicht anders. Aber ein paar Prozent will ich dir doch abgeben. Der Meister wird mit mir zufrieden sein, wenn ich auf eigene Faust handle. Schnelligkeit in der Ausführung seiner Befehle ist ihm die Hauptsache. Wer es besorgt, ist ihm egal. Aber der Türke braucht nichts zu merken.«

Als er seine Augen wieder nach dem Schiffe wendete, flatterten, wie er erwartet hatte, von dessen hinterem Maste eine Reihe Wimpel herab, und schon brachte ihm ein Matrose das internationale Signalbuch.

Aber Demetri bedurfte desselben nicht, er wußte, was die Zeichen bedeuteten.

»Ruder gebrochen. Können nicht reparieren. Hilfe!«

»Was sollen die bunten Läppchen dort?« fragte der Türke.

Der Grieche gab ihm keine Antwort. Fast hatte die ›Undine‹ das Schiff erreicht.

»Bergt die Segel! Ruder hart Backbord!« kommandierte er.

Die Segel wurden aufgezogen, und das Schiff drehte aus dem Wind, sodaß es stille lag.

»Was machen Sie denn?« schrie der Türke. »Fahren Sie weiter, ich befehle es Ihnen! Kümmern Sie sich nicht um ein fremdes Schiff!«

»Merken Sie denn nicht, daß dieses Schiff sinkt?« log der Grieche. »Ich muß die Mannschaft natürlich aufnehmen.«

»Ich kann nichts von einer Gefahr merken.«

»Weil Sie eben eine ›Landratte‹ sind. In einer Viertelstunde ist es mit Mann und Maus verschwunden.«

»Das geht Sie nichts an. Seit wann sind Sie denn so menschenfreundlich geworden?«

»Ich lasse meine Befehle ausführen. Zwei Boote aussetzen!« kommandierte der Grieche weiter, denn er sah, daß die steuerlose ›Vesta‹ zu stark schwankte, um die Bark dicht an sie bringen zu können.

»Was wollen Sie thun?« fragte wieder der Türke.

»Mich mit einigen Mann dort an Bord begeben und das Ruder ausbessern,« war die Antwort.

»Sie werden es nicht thun! Wozu denn nur?«

»Bedenken Sie doch, wie schön das klingt, wenn in allen Zeitungen zu lesen ist: die ›Undine‹ fand auf offener See ein Schiff mit zerbrochenem Ruder, und der brave Kapitän begab sich mit Lebensgefahr auf das Fahrzeug, um weiteres Unglück zu verhüten!« höhnte der Grieche.

»Sie thun es nicht! Sie bleiben hier an Bord, ich befehle es Ihnen!« schrie der Türke, blau vor Wut.

»Hören Sie,« antwortete der Grieche drohend und griff nach der im Gürtel steckenden Pistole, »ich bin hier Kapitän und lasse mir nicht befehlen. Wer mir an Bord ungehorsam ist, den schieße ich wie einen tollen Hund über den Haufen.«

Der Türke schwieg eingeschüchtert.

»Zwei Boote über Bord,« meldete ein Matrose.

Die ›Undine‹ lag jetzt etwa 20 Meter von der ›Vesta‹ entfernt, beide Schiffe die Breitseiten einander zugekehrt. Außer dem Kapitän wußte noch niemand, daß jene Matrosen dort verkleidete Frauen waren, als aber jetzt die beiden Boote mit je sechs Ruderern, welche sich auf Geheiß des Kapitäns bewaffnet hatten, von der Brigg abstießen, teilte er es den Leuten während der kurzen Fahrt nach dem Vollschiff mit.

»Ihr klettert möglichst gleichzeitig an Bord,« instruierte Demetri, »und bin ich als letzter oben, so zieht ihr, ebenso wie ich, die Pistolen und schlagt auf die Mädchen an. Aber kein Schuß darf fallen! Wehe dem, der einem der Mädchen ein Haar krümmt, alles andere besorge ich. Laßt die Frauenzimmer so viel schreien, wie sie wollen, es hört sie doch kein Mensch außer uns.«

Die Matrosen standen im Dienste des Mädchenhändlers, sie wurden von ihm bezahlt und wußten, daß bei jedem solchen Geschäft ein hübscher Anteil für sie abfiel. Auch nicht ein einziger war unter diesem gefühllosen Gesindel, der nicht jetzt heimlich aufgejauchzt hätte.

Jetzt erst konnten sie sich erklären, warum ihr Kapitän so bereit dazu war, jenem Schiff mit zerbrochenem Ruder Hilfe zu bringen, denn sonst war dies seine Art nicht. Ein ganzes Passagierschiff mit tausend Personen hätte er teilnahmlos untergehen sehen können, ohne auch nur einen Finger zur Rettung derselben zu rühren, wenn er davon keinen Vorteil in Aussicht hatte.

Eben deswegen hatte er ja den Streit mit dem Türken gehabt. Dieser stand jedenfalls auch im Dienste des Meisters, von dem die Matrosen nur hier und da ein dunkles Gerücht vernahmen. Demetri war zum ersten Mal mit jenem zusammengetroffen, hatte sich über dessen stolzes, befehlendes Wesen geärgert und wollte nicht, daß ein Anteil des in Aussicht stehenden Gewinnes auf ihn fiele.

Außer dem Türken waren auf der Bark nur der am Steuerruder stehende uud ein anderer Matrose zurückgeblieben.

Mit einigen Ruderschlägen war das hilfsbedürftige Schiff erreicht, auf dem die Besatzung dicht nebeneinander gedrängt an dem Kupfergeländer stand. Eben legten sich dic Ruderer zum letzten Male in die Riemen, als ihnen plötzlich die Altstimme eines Mädchens einen lauten Befehl zurief. Sie sahen, wie der am Steuer sitzende Kapitän mit einem Male alle Gesichtsfarbe verlor, und als sie, teils infolge des drohenden Geheißes, teils aus Ueberraschung, die Riemen aus dem Wasser hoben und sich umwandten, verloren auch sie ihre Fassung und warteten entsetzt einen weiteren Befehl ab. So etwas war ihnen in ihrem bewegten Leben doch noch niemals begegnet.

Johanna hatte ausspioniert, daß wirklich auf die ›Undine‹ achtzehn vermummte Weiber gebracht wurden, welche unter Leitung eines nach europäischer Art gekleideten Türken in Sänften dicht an den Ankerplatz der Brigg getragen worden waren. Es war alles so glatt und ohne Aufsehen vor sich gegangen, daß niemand dabei etwas Unrechtes vermutet hatte.

Noch in derselben Nacht hatte die ›Vesta‹ die Anker gelichtet und war nach dem südlichen Eingang der Fahrstraße durch den Archipel gesegelt, um der Undine hier aufzulauern, und wieder war es Johanna gewesen, welche den Damen den Rat gegeben hatte, einige der Mädchenhändler auf das Schiff zu locken und sie zur Auslieferung der Geraubten zu zwingen.

Wurde dennoch Widerstand versucht, so war immer noch Zeit, weitere Gewaltmittel anzuwenden.

Ellen hatte den englischen Herren nicht mitgeteilt, was sie vorhatte, denn diese Gelegenheit war eine zu günstige, um einmal zu zeigen, welche Thatkraft amerikanische Damen entwickeln könnten, und außerdem war Ellen seit jenem Ueberfall in Konstantinopel wohl bereit, die Begleitung der Herren anzunehmen, aber nicht gewillt, sie von den Unternehmungen der ›Vesta‹ in Kenntnis zu setzen, außerdem verboten dies auch die Vorschriften der Vestalinnen.

Noch immer hatte Ellen den Vorsatz, dem ›Amor‹ einmal zu entschlüpfen und dann dreißig Tage lang sich nicht wieder von ihm blicken zu lassen, um den Triumph, in allen Sportzeitungen Englands und Amerikas die Niederlage der englischen Sportsleute gegenüber amerikanischen Damen zu lesen, genießen zu können. War dies erst erreicht, dann sollte der ›Amor‹ ihnen immer folgen dürfen. Es war bereits beschlossen worden, daß man bei Landpartien auch jetzt schon die Herren zur Teilnahme aufforderte. Das Abenteuer in Konstantinopel hatte gezeigt, wie gefährlich es für junge Mädchen ist, ohne männlichen Schutz in einer fremden Stadt zu sein. Wie sollte dies erst in unbekannten Wildnissen werden? An Bord der ›Vesta‹ dagegen fühlten sie sich vollkommen sicher und keiner Hilfe bedürftig.

Die Damen standen also an dem Geländer des Schiffes und sahen augenscheinlich freudig erregt der Ankunft der Boote entgegen. Nur zwei Mädchen lehnten an mit Leinwand bezogenen, etwa meterhohen Gegenständen, welche beide mitten auf dem Deck standen, der eine vorn, der andere hinten auf dem Schiff.

»Warum kommen nur so viele und gleich in zwei Booten?« flüsterte Ellen, welche vor Freude darüber erglühte, daß der Mädchenhändler in die Falle ging.

Neben ihr stand Johanna. Diese sah bei dieser Aeußerung überlegend vor sich hin, dann huschte ein Lächeln über ihre Züge.

»Auch ich habe mich anfangs darüber gewundert,« flüsterte sie zurück, »jetzt aber ist mir ihre Absicht klar. Ahnen Sie nichts, Miß Petersen?« – »Nein.«

»Der Mädchenhändler hat die ›Vesta‹ in Galata liegen sehen. Er weiß, daß sich hier Mädchen an Bord befinden, und will –«

»Ah, in der That,« unterbrach Ellen die scharfsinnige Johanna, »das ist die einzige Lösung. So wird sich also nun das Blättchen wenden. Doch aufgepaßt, meine Damen, denken Sie an die Anordnung!«

Jetzt legten sich die Matrosen unten in den Booten zum letzten Male in die Riemen, gleich mußten sie das Schiff erreicht haben.

»Hoch die Riemen, ihr Mädchenhändler! Wer noch einen Ruderschlag thut, hat eine Kugel im Arm,« rief da eine Stimme von der ›Vesta‹ herab, und als sich die Matrosen überrascht umblickten, sahen sie zwanzig Revolverläufe auf sich gerichtet.

Nie hatten die Männer ein Kommando schneller befolgt. Im Nu flogen die Riemen aus dem Wasser. Alle waren sprachlos über das Beginnen der Mädchen, denn solche konnten sie jetzt wirklich dort in jenen Matrosen erkennen.

»Niemand an Bord der ›Undine‹ rühre sich!« folgte unmittelbar darauf ein anderer Befehl. Miß Murray hatte ihn gerufen, welche hochaufgerichtet am Geländer stand und mit dem Revolver unbestimmt auf die drei Leute der Brigg zielte.

Zu gleicher Zeit sprang ein Mädchen an das Ruder und hielt mit fester Hand das Rad. Das Schiff hörte plötzlich auf zu schwanken, und ebenso schnell flogen die Hüllen von den beiden Gegenständen, ein Rollen ward hörbar, und über Bord blickten die Läufe zweier auf Rädern ruhender Revolverkanonen, gerade nach dem Deck der Undine zielend.

Revolverkanonen sind jene schnellfeuernden Geschütze, wie sie an Bord von Kriegsschiffen angewendet werden. Sie ruhen entweder auf feststehenden Lafetten oder, wie hier, auf Rädern. Die Engländer führen sie aber in Aegypten und Indien auf Kamelen mit sich. Die Revolverkanone ist nach allen Seiten hin beweglich und gestattet in der Minute die Abgabe von achtzig Schüssen mit Kugeln oder Granaten, welche aus einem Kasten beständig in den Lauf geführt werden. Das Feuern geschieht durch Drehen eines Rades.

Zwei solcher Geschütze bedrohten jetzt die ›Undine‹, während 20 Revolverläufe auf die erstarrte Bemannung der beiden Boote gerichtet waren.

»Träume ich denn oder wache ich?« sagte Demetri, nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, und griff sich an die Stirn. »Himmel und Hölle!« schrie er dann. »Zum Teufel mit euch! Heraus mit den Waffen!«

Er riß die Pistole aus dem Gürtel, aber in demselben Moment fuhr ein Feuerstrahl aus dem Revolver Ellens. Eine Kugel zerschmetterte die feindliche Waffe, sodaß nur der Kolben in der Faust des Kapitäns zurückblieb.

»Die nächste sitzt in dem Arm!« rief dabei das Mädchen den entsetzten Männern zu, die nach diesem sicheren Schuß mit keiner Muskel mehr zu zucken wagten.

»Miß Nikkerson,« ertönte gleich darauf die Sopranstimme Jessys, »der Mann am Steuerruder sucht dieses unbemerkt zu drehen. Weg mit dem Rad!«

Ein krachender Donner erschütterte die Luft, ein Feuerstrom entquoll dem Laufe eines der Revolvergeschütze, und dem Matrosen auf der ›Undine‹ flogen die Trümmer des hölzernen Rades um den Kopf.

»Wo habt Ihr die achtzehn Mädchen an Bord versteckt?« fragte Ellen den mit finsteren Blicken dasitzenden Kapitän.

Er beantwortete die Frage nicht, sondern stierte das kühne Weib ingrimmig an.

»Antwort!«

Noch immer schwieg der Kapitän beharrlich, er sann hastig über einen Plan nach, aus dieser Lage herauszukommen, aber selbst ihm wollte diesmal nichts einfallen.

»Achtet auf Euer linkes Ohrläppchen!« klang es von oben; ein Schuß krachte, und aufheulend fuhr der Grieche mit der Hand nach dem linken Ohr, von dem das Blut herabrann!

»Wo sind die Mädchen, die Sklavinnen? Antwort, oder ich schieße Euch das eine Ohr völlig ab.«

»Im Zwischendeck!« knirschte der Kapitän mit vor Wut und Schmerz heiserer Stimme. »Holt sie euch und fahrt zum Teufel!«

Sofort wurde ein Boot über Bord gelassen, und sechs Damen nebst Ellen nahmen darin Platz, aber noch immer bedrohten vierzehn Revolverläufe die unten liegenden Matrosen.

Einige Ruderschläge brachten das Boot der Vestalinnen an die ›Undine‹ und zwar legten sie so an, daß sie an Bord klettern konnten, ohne in die Schußlinie zu kommen.

Unbehindert stiegen Ellen und vier der Mädchen an Bord; die zwei Matrosen und der Türke standen wie festgebannt an ihren Stellen, denn sie hatten gemerkt, daß diese kühnen Mädchen keinen Spaß verstanden und in der Handhabung der Schußwaffen Meister waren.

»Wo sind die Sklavinnen?« fragte Ellen den vor Schrecken zitternden Türken und spielte mit dem Revolver.

Stumm deutete er nach der Luke, welche zur Kapitänskajüte führte.

»Zwei Damen kommen mit mir, die beiden anderen beobachten diese Leute!« ordnete Ellen an. Sie schritt der Luke zu und stieg die schmale Treppe hinab, gefolgt von den beiden Gefährtinnen.

Kaum hatte sie unten den Boden erreicht und blickte sich in dem herrschenden Zwielicht um, so sah sie von einer in einer dunklen Ecke kauernden Gruppe von Weibern ein in türkische Gewänder gehülltes Mädchen sich absondern und sich zu ihren Füßen stürzen.

»Ich wußte es, als ich die Schüsse hörte,« rief es auf französisch unter Thränen und küßte wieder und wieder Ellens Hand. »Ihr seid Engländer und wollt uns befreien!«

»Wir sind gar keine Engländer,« entgegnete Ellen gütig lächelnd und hob die Weinende auf, »aber frei sollt ihr doch sein und noch mehr, wir bringen euch, wohin ihr wollt. Bist du Sulima?«

Erstaunt blickte das Mädchen auf.

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

Jetzt sah sie zum ersten Male voll in das Gesicht der vor ihr Stehenden.

»Allah!« rief sie. »Sie sind kein Mann und,« sie betrachtete die beiden anderen Vestalinnen, »auch diese da nicht!«

»Nein, wir sind jene Damen, welchen du in Konstantinopel das Billet zugeworfen hast. Doch komm jetzt!« fuhr sie fort und wehrte dem Mädchen, welches von neuem mit Ausrufen des Entzückens zu Boden sank und die Kniee ihrer Retterin umschlang. »Wie viele seid ihr?«

»Achtzehn, noch alles junge Mädchen, fast Kinder, die verkauft werden sollen,« war die Antwort.

»Habt ihr Sachen mit?«

»Nichts, als was wir auf dem Körper tragen; erst kurz vor dem Markte sollten wir geschmückt werden.«

»So folge du mir zuerst mit fünf anderen Mädchen. In drei Fahrten schaffen wir euch alle auf unser Schiff, wo ihr in Sicherheit seid.«

Auf ihren Wink kamen noch fünf andere Sklavinnen mit an Deck und stiegen ins Boot.

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