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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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7.

Das erste Abenteuer.

Bereits seit sechs Tagen ankerte die »Vesta« vor Konstantinopel. Die Damen hatten teils zusammen, teils in kleineren Gesellchaften, die türkische Hauptstadt nach allen Richtungen durchstreift, alle Sehenswürdigkeiten, wie Moscheen, Cisternen, das Hippodrom u. s. w. besucht, doch nicht eine einzige war unter ihnen, welche mit dem Aufenthalt in diesem ersten Hafen zufrieden gewesen wäre. Diese Amerikanerinnen hatten die Heimat nicht verlassen, um sich die Welt zu besehen, das hätten sie bequemer als Passagiere erster Klasse auf einem Dampfer haben können; nein, sie hofften auf Gelegenheiten, bei denen sie einmal zeigen konnten, daß auch Frauen den Mut und die Thatkraft besitzen, welche sonst nur den Männern zugesprochen werden.

Wohl legte allein die lange Seereise als Matrose Zeugnis davon ab, aber es genügte den Damen nicht, daß sie nur für ihr eigenes Leben arbeiteten, sie wollten selbst gleich Männern in fremde Schicksale eingreifen, das Recht und die Unschuld beschützen, das Unrecht bestrafen, und zwar offen, mit der Waffe in der Hand. Und dazu bot sich ihnen bisher keine Gelegenheit.

Gleichzeitig mit der »Vesta« war der »Amor« eingetroffen, und die Damen merkten wohl, daß ihnen stets dunkle Gestalten folgten, wohin sie auch gehen mochten. Da dieselben aber in einer respektvollen Ferne blieben und sich durchaus nicht aufdringlich zeigten, so ließ man es ruhig geschehen. Wer wußte, ob man nicht doch einmal männliche Hilfe nötig hatte?

Am Abend des sechsten Tages kamen die drei Freundinnen, Ellen Petersen, Jessy Murray und Johanna Lind von einem Besuche der Cisterne Basilica, einer jener sehenswerten, von unzähligen Säulen getragenen Röhrenanlagen, aus denen Konstantinopel mit Wasser versorgt wird. Die Damen trugen bei derartigen Ausflügen natürlich nicht ihre Matrosenuniform, sondern geschmackvolle, moderne Toiletten.

Durch die lange Wanderung zwischen den Marmorsäulen erschöpft, beschlossen sie, sich für kurze Zeit in einem Café zu erholen. Sie begaben sich in das nächste, anständige Lokal und besprachen bei einer Tasse Mokka das eben Gesehene.

Plötzlich trat ein Herr in den Saal und setzte sich, ohne die übrigen wenigen Gäste zu beachten, nicht weit von den Damen an einen Tisch.

Es war ein großer, schlank und doch athletisch gebauter Mann, dessen schönes Gesicht von einem blonden Vollbart eingerahmt wurde.

Bei seinem Anblicke war Johanna wie vor freudigem Erschrecken zusammengezuckt, aber so unmerklich, daß selbst die dicht an ihrer Seite sitzende Ellen keine Spur davon gemerkt hatte, und keine Röte, keine Erregung in den Zügen des jungen Mädchens verriet, daß sie diesen Mann kannte.

Kaum hatte sich derselbe gesetzt und seine Bestellung aufgegeben, als seine Blicke die drei Damen streiften. Wie vorhin Johanna, so war jetzt er überrascht, nur daß er seine Freude nicht zu verbergen bemüht war. Eine jähe Röte schoß über sein Antlitz, er sprang auf und näherte sich schnell jenem Tische, fast noch im Gehen die Hand ausstreckend und in herzlichem Tone auf deutsch rufend:

»Fräulein Johanna – Lind!« fügte er dann, abermals errötend, hinzu. »Also hier in Konstantinopel sehen wir uns endlich wieder! Wie mich das freut!«

Es war sonderlich, daß Johanna diesen warmen Ton nicht erwiderte. Sie stand auf, und ohne die Hand zu ergreifen, stellte sie in förmlichem Tone vor:

»Miß Petersen, Miß Murray – Herr Ingenieur Hoffmann. Wir hatten am Oberonsee Gelegenheit, uns kennen zu lernen.«

Sie sah den jungen Mann mit einem so eigentümlich festen Blick ihrer schönen Augen an, daß dieser sichtlich eine Bemerkung unterdrückte, die ihm auf der Zunge geschwebt hatte.

»Ah, Miß Petersen?« rief er dann rasch gesammelt. »So habe ich die Ehre, mit der Kapitänin der ›Vesta‹ zu sprechen?«

Die Damen bejahten.

»Schon oft habe ich mir gewünscht, mit diesen kühnen Vestalinnen zusammenzutreffen, wohl niemand hat sich für Ihre Idee so lebhaft interessiert, wie ich. Aber Fräulein Lind,« fuhr er dann mit einem Anflug von Erstaunen fort, »gehören auch Sie zu der Besatzung der ›Vesta‹, die doch –«

Ein einziger Blick traf den Sprecher aus den Augen Johannas, daß er plötzlich eine Pause machte und dann weitersprach:

»– die doch nur aus New-Yorker Damen bestehen soll?«

»Ausnahmen bestätigen nur die Regel,« nahm Miß Petersen das Wort. »Doch dürfen wir uns erkundigen, was Sie hierher nach Konstantinopel führte?«

»Miß Lind hat Sie vorhin doch nicht ganz richtig belehrt,« sagte der Herr, der inzwischen am Tische Platz genommen hatte, »indem sie mich als Ingenieur vorstellte. Allerdings habe ich Ingenieurwissenschaften studiert, aber meine Neigungen galten dem Schiffsbau, und nachdem ich einige Reisen gemacht, widmete ich mich vollständig dem Seeleben. Ich führe jetzt ein eigenes Schiff, den ›Blitz‹, den Sie vielleicht schon in Galata haben liegen sehen.«

»Ah,« riefen die Damen wie aus einem Munde, und Johanna lauschte von jetzt ab aufmerksamer als zuvor, »so ist das schwarze Schiff das Ihrige!«

»Ja, es wird immer mehr Mode, daß man seine Reisen als Kapitän auf einem eigenen Schiffe macht,« sagte lächelnd Hoffmann. »Selbst Damen finden ja Geschmack daran. Gleich Ihnen befahre ich seit einem Vierteljahre alle Meere, besehe mir die Hafenplätze und mache ab und zu einen Abstecher ins Land.«

»Nun,« spottete Jessy Murray gutmütig, »in drei Monaten können Sie wohl noch nicht ›alle‹ Meere befahren haben.«

Der Herr wurde etwas verlegen.

»Wie gefällt Ihnen mein Fahrzeug?« fragte er ausweichend.

»Es scheint ein ausgezeichneter Segler zu sein. Aber wie sonderbar, daß Sie schwarz zur Farbe gewählt haben! Wir ließen uns den Schiffsrumpf so gefallen, aber selbst alles Tauwerk und die Segel schwarz zu streichen, das ist doch übertrieben. Ferner müssen Sie eine starke Besatzung an Bord haben, mindestens sechzig Mann. Das Deck wimmelt ja förmlich von Leuten.«

»Ich brauche sie,« antwortete Hoffmann, dessen Aufmerksamkeit nur Johanna zu gelten schien, abermals verlegen.

»Sie scheinen nicht viel auf der Kommandobrücke zu stehen, oder vielmehr, da der ›Blitz‹ sonderbarerweise keine besitzt, sich an Deck selten aufzuhalten,« bemerkte Jessy. »Sehen Sie uns an, wie wir von der Sonne erbraunt sind.«

»Wirklich, sehr, aber es steht Ihnen gut,« sagte der Mann kopfschüttelnd und bog sich vor, als wolle er Johannas Antlitz in Bezug auf Echtheit der Farbe prüfen.

Die beiden anderen Damen konnten sich das rätselhafte Betragen des Ingenieurs nicht erklären, höchstens Johanna mochte etwas ahnen.

»Wir haben für übermorgen vormittag mit der Besatzung der englischen Brigg ›Amor‹ und der eines französischen Lustdampfers ein Wettrudern in achtriemigen Booten vor,« begann wieder Miß Ellen die Unterhaltung. »Würden Sie sich vielleicht an der Regatta beteiligen?«

»Ich? Nein, danke, die Boote des Blitz gewinnen doch. Na ja,« fuhr er plötzlich fort, als er die erstaunten Mienen der Damen bemerkte, und wurde wieder verlegen, »wir können ja auch einmal verlieren. Gut, ja, ich nehme die Einladung an.«

Er erfuhr noch, wo und wann das Zusammentreffen der Boote stattfinden sollte.

»Wir müssen fort,« sagte Miß Ellen. »Die Dunkelheit bricht an, und wir brauchen wenigstens eine halbe Stunde, ehe wir einen Pferdebahnwagen oder ein anderes Fuhrwerk treffen.«

»Um Gottes willen, gehen Sie nicht allein bei Nacht durch die Straßen Konstantinopels!« rief Hoffmann, sich direkt an Johanna wendend. »Ich weiß, wie gefährlich sie sind.«

»Aber nicht für eine Vestalin,« entgegnete lächelnd Johanna.

»Bravo!« stimmten die beiden anderen Damen ihr bei.

»Meine Begleitung werden Sie doch nicht ausschlagen?«

»Auch das müssen wir,« sagte Miß Petersen. »Wir würden den Namen unseres Schiffes beschimpfen, wenn wir in Herrenbegleitung an Bord kämen. Leben Sie wohl! Also auf Wiedersehen übermorgen vormittag.«

»Dieser Herr Hoffmann hat ein seltsames Betragen,« meinte Ellen auf der Straße. »Kennen Sie ihn näher, liebe Jane?«

»Er ist ein einfacher, bescheidener Charakter, der sich nicht verstellen kann und nicht in Gesellschaft paßt. Ich kenne ihn nicht genauer als Sie.«

»Wir? Wieso?«

»Er hat einen wahren Abscheu davor, sich bekannt oder berühmt zu machen, obgleich er es leicht könnte, denn er soll eminente Talente besitzen. Bei jenem schrecklichen Dammbruche am Oberonsee, als auch ich Gelegenheit hatte, meine schwachen Kräfte im Dienste der Nächstenpflicht anzuwenden, that sich bekanntlich ein Herr hervor, dessen Namen später vergeblich von den Zeitungen zu erforschen gesucht wurde. Ich bin wohl die einzige, die ihn kannte. Zum Vergnügen am Oberonsee weilend, eilte er beim ersten Signal nach der Unglücksstelle, vollbrachte Wunder von Rettungsthaten, gegen welche die meinigen nur Spielereien waren, und als der die Dammarbeiten leitende Pionieroffizier von den Fluten verschlungen worden war, ergriff Hoffmann das Kommando. Sein genialer Blick übersah sofort die Situation, und nur ihm ist es zu danken gewesen, daß dem durchbrechenden Wasser Einhalt geboten wurde. Doch als die Gefahr vorüber, war auch er spurlos verschwunden. Erinnern Sie sich noch dessen?«

»Wir entsinnen uns,« versicherten die Damen; »der Klub ›Ellen‹ scheute keine Bemühungen und Kosten, um den Namen des Helden zu erfahren.«

»Er will nicht, daß jemand die Sache berührt. Wenn Sie ihm Schmeicheleien gesagt hätten, wäre er aus der Verlegenheit gar nicht herausgekommen. Ich wiederhole, er ist ein Mann der That und nicht der Gesellschaft.«

Die drei Damen waren im Eifer der Unterhaltung stehen geblieben. Plötzlich fiel mitten zwischen sie ein weißes Zettelchen. Miß Ellen hob es auf, blickte nach oben, von wo es gekommen war, konnte aber in der von den Sternen beleuchteten Nacht an der nackten Hauswand nur ein kleines, vergittertes Fenster wahrnehmen.

»Merken Sie sich den Namen der Straße und die Lage des Hauses,« sagte Ellen, nachdem sie das Papier aufmerksam betrachtet hatte, im Weitergehen. »Ich kann wohl Schriftzüge erkennen, sie aber bei der schwachen Beleuchtung nicht lesen. Da in diesem Viertel keine Laterne zu existieren scheint, so müssen wir warten, bis wir in belebtere Straßen kommen.«

Nach einer kleinen Weile bogen sie in eine breite, aber auch noch dunkle Straße ein, welche nach dem Hafen führte. Kaum waren sie in diese eingetreten, als Johanna sagte:

»So, jetzt können Sie es lesen, ich habe Streichhölzer bei mir.«

»Warum sagen Sie das erst jetzt?«

»Ich nehme an,« sagte Johanna lächelnd, »daß dieses Papier irgend etwas enthält, was andere nicht wissen sollen, sonst wäre es uns nicht so geheimnisvoll zugestellt worden.«

»Wirklich,« sagten beiden Damen überrascht, »Sie haben recht.«

Bei dem Scheine eines brennenden Streichholzes überflog Miß Petersen die Schrift. Erstaunen, vermischt mit Freude, prägte sich dabei in ihren Zügen aus, dann sagte sie:

»Es ist in gutem Französisch geschrieben. Hören Sie nur, das ist etwas für uns:

»Ich werfe dieses Billet der ersten Person zu, welche ich englisch sprechen höre, weil ich weiß, daß die Engländer die Sklaverei nicht dulden. Ich bin die Tochter des Scheichs Mustapha-ibn-Hamed vom Stamme der Beni-Suef, deren Zelte zwischen Fayum und den Natronseen stehen. Man hat mich geraubt und nach Konstantinopel verkauft. Zufällig habe ich erlauscht, daß ich und siebzehn andere Mädchen morgen Abend an Bord der ›Undine‹, ankernd in Galata, zweite Brücke, gebracht und nach Smyrna geschafft werden sollen. Wer du auch seiest, kannst du nichts für mich thun, so teile wenigstens meinem Vater mit, welches Schicksal seine Tochter getroffen hat.

Sulima.«

»Und darunter,« fuhr die Leserin fort, »steht noch flüchtig gekritzelt:

»Allah sei Dank, mein Billet fällt in die Hände edler Damen. Sie werden mir helfen! Das letztere gilt natürlich uns,« schloß Miß Ellen.

»Ein himmlisches Mädchen,« rief Miß Jessy enthusiastisch, »diese Sulima! Endlich mal eine Gelegenheit zu einem kleinen Abenteuer!«

»Wie fangen wir es an, die Sulima und womöglich alle ihre Genossinnen zu befreien?« sagte Ellen nachdenklich.

»Sehr einfach,« entgegnete die hitzige Jessy, »wir gehen an Bord, alarmieren unsere Freundinnen, dringen in das Haus, zünden es meinetwegen an und bringen im Triumphe die Befreiten in ihre Heimat. Dann hat unsere Reise wenigstens einen Zweck gehabt.«

»Und in der nächsten Stunde sitzen wir wegen Einbruchs, Brandstiftung, gewaltsamer Entführung u.s.w. fest,« ergänzte lächelnd Johanna. »Nein, das ist nichts. Ich kenne die türkischen Gesetze, sie sind dem Mädchenhandel viel zu günstig gestimmt, weil dabei etwas für den Staat abfällt. Nein, ich habe bereits einen anderen Plan.«

»Der ist?« fragte Ellen begierig.

»Wir orientieren uns, ob in Galata wirklich ein Schiff Namens ›Undine‹ liegt –«

»Es liegt dort, ich habe es selbst gesehen, eine kleine Bark. Sie ladet Wein,« sagte Jessy.

»Desto besser! Also spionieren wir morgen abend, ob die Mädchen wirklich an Bord gebracht werden, und nehmen der ›Undine‹ auf offener See ihren Raub ab. Das macht der ›Vesta‹ Ehre.«

»Bravo!« rief Ellen. Miß Lind hat wieder den besten Einfall.«

Auch Jessy stimmte freudig bei.

»Aber,« wendete sie doch ein, »der griechische Kapitän wird seine Passagiere nicht gutwillig herausgeben.«

»Miß Murray,« rief Ellen ganz erstaunt, »ich verstehe Sie nicht! Wozu haben wir denn Geschütze an Bord? Denen streifen wir eben einmal die Leinwandbezüge ab, jagen der ›Undine‹ ein paar Kugeln in den Leib und zwingen die Besatzung mit dem Revolver in der Hand, die Mädchen uns zu überlassen. Wir wollen uns doch nicht umsonst ein Jahr lang am Geschütz ausgebildet haben.«

»Jetzt schnell an Bord,« rief Jessy und lief schon mit stürmischen Schritten voraus. »Heute nacht wird vor Freude keine Vestalin schlafen.«

Lachend folgten die beiden anderen der Aufgeregten.

Die Straße verengte sich an einer Stelle so, daß der Sternenhimmel weiterhin kaum zwischen den Dächern der Häuser durchblickte. Fast vollständige Dunkelheit umgab die drei Mädchen.

Da sah Miß Ellen mit einem Male, welche einige Schritte hinter den beiden anderen zurückgeblieben war, wie eine Menge dunkler Gestalten von allen Seiten herzusprangen und jenen große Decken über den Kopf warfen.

»Hilfe!« gellte es aus Ellens Munde durch die Nacht, und gewandt wich das Mädchen einem Angreifer aus. Ehe er seinen Versuch erneuern konnte, erhielt er von der kräftigen Ellen einen solchen Schlag ins Gesicht, daß er hintenüber zur Erde fiel.

Sie griff in die Tasche, um den Revolver zu ziehen, aber ehe sie ihn noch in der Hand hatte, fühlte sie ihre Arme gefaßt und zusammengepreßt. Vergebens versuchte sich die Jungfrau von dem eisernen Griffe zu befreien, noch einmal stieß sie einen Hilferuf aus, dann fiel eine Decke über sie und erstickte ihr Geschrei.

So fest war die Hülle um sie gewickelt worden, daß sie weder Füße, noch Arme regen konnte.

Ellen wurde emporgehoben und kam auf den muskulösen Arm eines Mannes zu sitzen, aber kaum war dieser einige Schritte gelaufen, als so laute Stimmen an ihr Ohr schlugen, daß sie deutlich selbst durch die dicke Decke drangen und das Herz des Mädchens mit Entzücken erfüllten.

Sie kannte diese tiefe, donnernde Stimme, die fröhliche helle, wie auch alle die anderen.

»Banditen, Räuber,« schrie der Baß, »da, eins, zwei, drei ...«

Jede Zahl war von einem Schlag begleitet, wie wenn ein Ochse gefällt wird.

»Halt! Reißt nicht so schnell aus! Ich bin nicht so gut zu Fuß,« rief dann die lustige Stimme. »Entschuldigen Sie, es that doch nicht weh?«

Der Frage war ein Weheruf vorausgegangen.

Dies alles hatte nur einen Augenblick in Anspruch genommen, im nächsten fühlte sich Ellen heftig zu Boden gesetzt; die Decke wurde ihr abgerissen.

Vor ihr stand Lord Harrlington, der sie mit besorgten und zugleich zärtlichen Blicken betrachtete.

Ehe Ellen noch ein Wort sagte, wandte sie sich um, und zu ihrer unaussprechlichen Freude bemerkte sie, daß auch die beiden Freundinnen eben von den Hüllen befreit wurden.

Der lustige Charles half dabei Miß Jessy, und wie gewöhnlich, konnte er auch jetzt nicht eine lustige Bemerkung unterdrücken.

»Sie erlauben doch, daß ich Ihnen ablegen helfe,« sagte er im höflichsten Tone. »Wenn Sie aber frieren sollten, so behalten Sie meinetwegen nur die Pferdedecke um.«

Acht Herren vom ›Amor‹ waren es, welche die Damen gerettet hatten, aber der Mann, welcher jetzt Miß Lind aus der Decke schälte, war jener Herr aus dem Café, der deutsche Ingenieur.

Ellen erzählte in Kürze, wie alles gekommen war; sie hatte nicht viel zu sagen, weil der Ueberfall so überraschend ausgeführt worden war.

»Wir hatten Sie in der Cisterna Basilika beobachtet,« berichtete Lord Harrlington, »waren Ihnen nach dem Café gefolgt uud hatten Sie dort hineingehen sehen. Nun müssen Sie aber das Lokal durch eine Hinterthür verlassen haben, denn als fast eine Stunde verstrichen, überzeugten wir uns, daß Sie nicht mehr drinnen waren. Seltsam, zum ersten Male verloren wir Ihre Spur, und gerade da mußte eine Gefahr für Sie auftauchen.«

»Glücklicherweise holten wir gleich darauf einen Herrn ein, welcher unsere Absicht, Ihnen nahezubleiben, kennen mußte, denn er fragte uns, ob wir Sie verloren hätten. Wir bejahten, und er sagte, er sei Ihnen auf der Fährte. Unterwegs stellte er sich uns vor und behauptete, bereits in jenem Café Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

»Als wir dort oben um die Ecke bogen, ertönte Ihr erster Hilferuf, gleich darauf der zweite, und ehe wir nur noch daran dachten, unseren Gang zu beschleunigen, schoß schon Herr Hoffmann wie ein Pfeil uns voraus und schlug den Träger von Miß Lind zu Boden. Dann machten auch wir uns an die Arbeit.«

»Wo ist denn unser Retter, Mister Hoffmann?« fragte Ellen uud sah sich nach allen Seiten um.

»Ja, wo ist er?« sagte Charles. »Er schälte Miß Lind so behutsam aus, als hätte er ein weiches Ei vor sich, und dann, hui, weg war er.«

»Ein seltsamer Mensch.«

»Schade, daß wir keinen der Straßenräuber festgehalten haben,« meinte ein anderer Herr. »Wir waren alle so in Sorge um die Damen, daß keiner daran dachte, sich weiter um die am Boden Liegenden zu kümmern. Natürlich haben sie sich eilends ans dem Staub gemacht.«

»Laßt die armen Kerle laufen,« erwiderte Charles Williams sorglos, »denen schmeckt heute doch das Abendbrot nicht mehr. Ich habe dem einen Burschen mit einem Male alle Zähne ausgezogen! Das mache mir einmal ein Zahnarzt nach. Ein Glück ist es nur, daß ich Lord Hastings zuvor das heilige Gelübde abgenommen habe, bloß ganz vorsichtig zuzuschlagen, sonst könnten wir die ganze Nacht mit der Karre die Leichen fortbringen. Hagel und Haubitzen – Pardon, meine Damen –« unterbrach er sich mit einem Male und hob etwas von der Straße auf, »hier hat wohl gar ein Bandit noch seine Photographie hinterlassen?«

Er zündete ein Streichholz an.

»Ah, Pardon, Miß Petersen, es ist die Ihrige, die Sie wahrscheinlich Ihrem Entführer zum Andenken mitgeben wollten.«

»Meine Photographie?« rief Ellen im Tone des höchsten Erstaunens.

Sie beleuchtete das Bild.

»Wirklich! Wer von den Herren war im Besitze meiner Photographie?«

»Niemand,« versicherten alle, auch die Damen verneinten.

Gedankenvoll wandte Ellen langsam den Kopf, bis ihre Blicke denen Harrlingtons begegneten. Die übrigen lachten eben über die Spaße des lustigen Charles.

»Wissen Sie, wer sie verloren haben kann?« fragte Lord Harrlington leise. – »Nein!« – »Besaß keiner der Räuber, der gedungenen Mörder Ihr Bild?«

Entsetzt starrte sie den jungen Mann an. Unwillkürlich strichen ihre schlanken Finger an der Kante der Photographie hin und her, und plötzlich verließ alle Farbe ihr Gesicht, die Lippen fingen an zu beben, und wieder und wieder fuhren die Finger an der Seite des Bildes herunter, bis sie allemal wieder auf einer Stelle haften blieben.

»Lord!« stöhnte sie endlich. »Ich kenne das Bild, ich weiß, wem es gehört, eine entsetzliche Ahnung dämmert in mir auf.«

»Was Sie nur ahnen, ist bei mir Gewißheit,« sagte finster Harrlington. »Und sehen Sie,« fuhr er mit herzlichem Tone fort und trat auf das zitternde Mädchen zu, »weil ich es wußte, darum bin ich Ihnen gefolgt und werde nicht von Ihrer Seite weichen.«

»Verzeihen Sie mir,« erwiderte stammelnd und mit erstickter Stimme Ellen, »ich bin ein thörichtes, eigensinniges Mädchen gewesen. Geben Sie mir die Hand! So! Ich nehme von jetzt ab Ihre Begleitung an. Nun gerade aber will ich zeigen, daß die ›Vesta‹ doch um die Erde kommt, wenn auch gefolgt vom ›Amor‹!«

»An Bord, meine Damen,« rief sie, sich zur Fröhlichkeit zwingend.

»Die Herren werden uns hoffentlich sicher hinbringen.«

»Hundert oder fünfzig Meter Distanz?« fragte Charles.

»Einen Meter,« war die Antwort. – – – –

Zwei Stunden später, es war fast Mitternacht, legte ein Boot zur Seite des ›Blitzes‹ an.

»Der Kapitän an Bord?« fragte der Bootsführer.

»Ja, was giebt's?« klang es von oben herab.

»Einen Brief persönlich an den Kapitän abzugeben.«

»So kommt an Deck!«

Der Ruderer befestigte sein Boot mit einem kunstvollen Knoten am Fallreep, einer auf Schiffen gebräuchlichen, aufziehbaren Treppe, und stieg diese hinauf.

Eine halbe Minute später öffnete der deutsche Ingenieur, jetzt Kapitän des ›Blitzes‹, das zierliche Briefchen. Helle Ueberraschung spiegelte sich in den edlen Zügen wieder, die sich aber sofort in Freude verwandelte, als er die Unterschrift ›Johanna Lind‹ las. –

Die neue Vestalin hatte zum zweiten Male die Gesetze der ›Vesta‹ übertreten.

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