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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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6.

Die neuen Befehle.

›Das goldene Horn‹, ein Meeresarm, trennt Konstantinopel von den beiden Vorstädten Pera und Galata.

Während ersteres mit seinen schmutzigen Gäßchen und Winkeln, gebildet von fensterlosen Häusern, noch einen vollkommen orientalischen Eindruck macht, besitzen die beiden Vorstädte der türkischen Residenz ein mehr europäisches Aussehen.

Schon, daß in Galata der Hafen für die fremden Schiffe liegt, macht die ganze Stadt zum Versammlungsorte der Engländer, Franzosen, Italiener, Griechen, und so weiter. Auch für Unterhaltung der Mannschaft der hier ankernden Fahrzeuge ist reichlich gesorgt.

In einer Weinstube saßen zwei Männer spät abends zusammen, wenn der Raum eine solche Bezeichnung verdient, denn die Lokale Peras und Galatas, in denen griechische und spanische Seeleute verkehren, zeichnen sich durch eine ganz besondere Unreinlichkeit aus.

Beim ersten Blick waren die beiden als Seeleute zu erkennen, auch wenn sie nicht ihr leises, eifriges Gespräch fortwährend mit Flüchen, wie sie auf Schiffen gebräuchlich sind, gewürzt hätten; der Schnitt der Kleidung verriet es dem Beobachter.

Der eine von ihnen war eine magere, knochige Gestalt mit scharfer Adlernase, eisgrauem Haupthaar uud gleichfarbigem Schnurrbart. Das linke Auge fehlte ganz und läßt ihn als einen alten Bekannten wiedererkennen, den Seewolf, der hier in Konstantinopel sein Schiff, den ›Friedensengel‹, mit Weizen befrachtete.

Der andere war offenbar ein Grieche. Das dunkle und zugleich scharf blickende Auge, der kurzgehaltene, schwarze Vollbart, wie auch die kleine Gestalt stempelten ihn dazu. Sie unterhielten sich in spanischer Sprache.

»Noch einen Krug Roten!« rief jetzt barsch der Grauhaarige, und sofort erhob sich aus einer Ecke der elenden Spelunke, welche das Licht der matt brennenden Oellampe nicht erhellte, ein altes Weib, um den verlangten Wein zu bringen.

Nachdem die Gläser frisch gefüllt waren, begann der Grieche wieder in flüsterndem Tone, seinen Mund fast bis an das Ohr des Einäugigen neigend:

»So seid Ihr also auch auf zehn Uhr hierher bestellt worden, um neue Befehle vom Meister zu empfangen? Bin gespannt, was er diesmal hat.«

Der andere nickte stumm.

»Geniert Euch nicht,« sagte er dann mit lauter Stimme und deutete dabei nach jener Ecke, wo die Frau wieder verschwunden war. »Die Alte gehört zu unserer Bande und hat vielleicht mehr auf dem Gewissen, als wir beide zusammen. Aber sagt, wo habt Ihr gesteckt, seit Ihr den ›Friedensengel‹ verließt und Euch der Meister ›etablierte‹?«

»Ich erhielt in Algier ein Schiff, die ›Nixe‹, das Ihr gesehen habt, und schaffte von der afrikanischen Küste Mädchen nach Spanien und Frankreich. Feine Ware, kann ich Euch sagen. Doch diese Engländer, die Gott verfluchen möge, sahen mir zuletzt scharf auf die Finger; der Meister erfuhr's, und so erhielt ich vor vierzehn Tagen in Algier den Befehl, nach Konstantinopel zu segeln um in dieser Schenke neue Aufträge zu erwarten. Unterwegs änderten wir die Takelage des Schiffes, strichen es anders an und tauften es ›Undine‹. Die Papiere waren bereits in Ordnung, und nun bin ich als ehrlicher Weinhändler hier, um aber jedenfalls wieder nebenbei Mädchen nach anderen Ländern zu paschen.«

Der Einäugige seinerseits hatte ihm bereits erzählt, welchen Auftrag er auszuführen habe.

»Möchte nur wissen, was das für eine Brigg ist, die sich immer neben der ›Vesta‹ hält,« knurrte er jetzt. »Diese Spitzbuben vereiteln mir alle meine Pläne. Selbst hier in Konstantinopel kann man keines der Mädchen sehen, ohne daß ihr nicht ein Schatten folgt. Es muß auch irgend so eine vornehme Gesellschaft sein. Erst sahen sie wie Vagabunden aus, alle mit Lappen und Lumpen bekleidet, als wollten sie zur Maskerade gehen; jetzt aber stecken sie in einer Uniform und führen auf der Mütze die Buchstaben ›Amor‹, den Namen ihrer Brigg. Man braucht sich der Kapitänin nur auf zehn Meter zu nähern, gleich tauchen hinter ihr drei der Burschen auf.«

»Was ist das für ein prächtiges Vollschiff, das unten an der fünften Brücke liegt? Es ist glänzend schwarz bemalt und trägt in grauen Buchstaben den Namen ›Blitz‹. Nationalität zeigt es nicht. Selten habe ich einen so schönen, stolzen Bau gesehen, uud wunderbar ist es auch, was für eine Menge Mannschaft sich an Deck herumtreibt.«

Der Seewolf schwieg nachdenkend.

»Auch mir ist es aufgefallen,« sagte er dann. »Die Takelage, der ganze Bau erinnert mich an eine seltsame Begegnung, die ich vor etwa zwei Monaten an der Küste von Nordamerika erlebte. Doch jenes Schiff war grau und hatte ein rundes, glattes Deck, und dieses zeigt außer seiner schönen Konstruktion keine Abweichung von einem anderen Fahrzeuge.«

Er teilte dem griechischen Kapitän Signor Demetri mit, wie er damals einem rätselhaften Schiffe begegnet sei, das mit ungeheurer Schnelligkeit gegen den Wind an ihm vorbeigeflogen sei.

Signor Demetri lachte.

»Unsinn, Ihr alle habt geträumt; so etwas existiert nicht. Was wird's weiter gewesen sein, als ein Dampfer, der den Schornstein irgendwo verborgen hatte, vielleicht in den Masten.«

Der Seewolf, oder, wie er sich lieber nennen hörte, Signor Fonsera, zuckte schweigend die Achseln.

»Was macht denn mein alter Freund Bill?« fragte mit heiserem Lachen nach einer kleinen Pause der Grieche wieder. »Treibt er noch immer seine Kochkunst?«

Der Seewolf warf einen scheuen Blick nach der Ecke.

»Pst,« flüsterte er, »Vor dessen Handwerk graut selbst mir altem Sünder. Noch ist es kein Vierteljahr her, daß wir die blau angelaufenen Leichen einer ganzen Schiffsbesatzung ins Meer versenkten. Einen teuflischeren Einfall hat der Meister wohl noch nie gehabt, als damals, da er diesen Plan ausdachte.«

»Es ist entsetzlich in der That,« sagte auch der andere, sich schüttelnd.

»Bezeichnet mir die Person, die meinen Dolch kosten soll,« fuhr der Seewolf fort, »nennt mir das Schiff, das meine Leute entern sollen, und Ihr werdet keinen willigeren Ausführer der That finden als mich. Aber so kaltblütig mit anzusehen, wie einer der Leute nach dem anderen mit zuckenden Gliedern umsinkt, nein, das wäre selbst für den Seewolf zu viel.«

»Geschäftssache!« erwiderte der Grieche und blickte nach der Taschenuhr. »Fünf Minuten vor zehn Uhr. Gleich müssen wir Nachricht erhalten, denn der Meister ist pünktlich mit seinen Aufträgen, wie im Bezahlen.«

»Und wie im Hängen,« ergänzte der Einäugige grinsend.

»Malt den Teufel nicht an die Wand,« sagte der Grieche erbleichend. »Wer weiß, wie bald in dieser Hinsicht die Reihe an uns ist!«

Jetzt hob die Wanduhr zum Schlage aus, und in diesem Augenblick kam das alte Weib aus dem Winkel, näherte sich dem Tisch und händigte jedem der beiden Gäste ein Schreiben aus.

Jene wechselten einen Blick.

»Sagte ich es nicht,« meinte der Einäugige, »daß die Wirtin wahrscheinlich besser eingeweiht ist, als wir? Sie spielt eine Hauptrolle. Wir, die wir uns auf Meeren und in Ländern herumplagen müssen, geben nur Nebenfiguren ab.«

Beide erbrachen ihr Schreiben uud lasen. Dann sahen sie sich an.

»Gut oder schlecht?« fragte der Grieche.

Der Seewolf zuckte die Achseln und antwortete halb unwillig:

»Beides! Ich liebe es eben nicht, wenn ein einmal gegebener Befehl aufgehoben oder doch geändert wird. Jetzt wird mir wieder aufgetragen, bei Wahrung meines Lebens der Petersen kein Haar zu krümmen, sie aber doch aus der Welt zu schaffen. Ich soll sie mit Gewalt oder List nach einer mir bezeichneten Stelle bringen, von wo aus sie abgeholt wird, und dann meinem ersten Auftraggeber bei meiner Seligkeit schwören, ich hätte sie getötet. Zeugen ständen mir zur Verfügung. Verlockend ist allerdings die doppelt so hohe Summe, die mir dafür geboten wird.«

»Wie hoch ist diese?«

»Hm, mein lieber Demetri! In solchen Geschäftsgeheimnissen hört denn doch unsere Freundschaft auf.«

»Und die Sache riecht mir nach Mädchenhandel,« sagte der Grieche, ohne im geringsten durch die Antwort des Gefährten beleidigt zu sein. »Stimmt! Die Gefangennahme der Kapitänin ist jedenfalls die Privatsache irgend eines Wüstlings, aber daß ich für jedes andere Mädchen, welches ich ausliefere, eine Prämie bekomme, geht ohne Zweifel auf Rechnung des Meisters.«

Der Grieche nickte.

»Seit der Sklavenhandel nicht mehr gehen will, scheint sich der Meister nur mit dem Mädchenhandel zu befassen. Mir schreibt er: ›Heute über sieben Tage abends die ›Undine‹ segelbereit halten. Achtzehn Weiber werden nach Smyrna geschifft, wo man sie abholt.‹ – Die Dinger werden an asiatische Fürsten verkauft, kenne das von früher, als wir dieses Geschäft so nebenbei im kleinen betrieben. Prosit, Kamerad, auf glückliches Gelingen!«

Der Seewolf that Bescheid.

»Wie gedenkt Ihr Euren Plan einzurichten?« fragte der Grieche wieder.

Der Einäugige kraute sich in den Haaren.

»Es ist eine verdammte Geschichte! Das ganze Weibsvolk tot abzuliefern, wäre mir eine Kleinigkeit, aber eine zerbrechliche Ware ohne jeden Schaden irgendwo zu überwältigen, das ist nichts für den Seewolf. Ich bin kein Kindermädchen, das mit zarten Gestalten umzugehen weiß.«

»Ist nicht Konstantinopel ein günstiger Platz für eine Ueberrumpelung? Die engen und dunklen Gäßchen der Stadt eigneten sich doch vortrefflich hierzu, und die Polizei ist auch flau.«

»Pah, die Polzei!« meinte der Einäugige verächtlich. »Kommt dem Seewolf nicht mit solchen Kleinigkeiten! Hier kann ich wohl einige der Weiber wegfangen, doch nicht alle. Und, bei meiner Seligkeit, alle muß ich haben, oder ich will nicht der Seewolf heißen!«

»Wenn Euch die Reisebegleiter der Mädchen nicht einen derben Strich durch die Rechnung machen!«

»Diesen Bürschchen werde ich gehörig die Zähne weisen; so oder so, einmal müssen sie doch daran glauben.«

»Schickt ihnen Bill als Koch an Bord,« schlug der Grieche vor.

»Haha, der würde ihnen eine schmackhafte Henkersmahlzeit vorsetzen. So übel ist der Vorschlag nicht. Aber es machte mir doch mehr Vergnügen, wenn ich diesen feinen Herrchen ordentlich auf die Finger klopfen könnte, sodaß sie sich nie wieder mit einer Spielerei abgeben, die sie nicht verstehen.«

»Woher erfahrt Ihr immer, wohin sich die ›Vesta‹ wendet? Denn ausplaudern wird dies die Besatzung doch sicher nicht?« fragte Demetri.

»Durch den Meister,« war die Antwort. »In der Straße von Gibraltar gab mir ein Fischer, der neben uns anlegte, den Auftrag, nach Konstantinopel zu segeln. Jetzt schreibt er: Nächstes Reiseziel Alexandrien.«

»Merkwürdig! Doch sagt, was habt Ihr für einen Plan, die Mädchen zu bekommen?«

Der Seewolf schwieg eine Zeit lang nachdenklich, dann sagte er offen:

»Mir fällt augenblicklich nichts weiter ein, als auf offener See die ›Vesta‹ anzugreifen, zu entern und zu nehmen. Oder vielleicht auch, daß wir als Schiffbrüchige auf das Schiff kommen und dann die Mädchen überwältigen. Aber ohne Skandal geht so etwas natürlich nicht ab. Einige Dolchstiche wären mir tausendmal lieber.«

Der griechische Mädchenhändler spielte träumerisch mit seinem Glase.

»Seewolf,« begann er endlich wieder, »Ihr mögt ein ganz brauchbarer, in Eurem Handwerk geschickter Geselle sein, wie es auf dem Meere wenige mehr giebt, aber Eure Schlauheit läßt viel zu wünschen übrig.«

»Wieso?« brauste der andere beleidigt auf.

»Ihr mögt auch gerieben sein,« besänftigte der Grieche den Aufgebrachten, »aber es fehlt Euch an Einfällen. Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch einen Plan verrate, der Euch schnell ans Ziel führt?«

Der Grieche blinzelte listig mit den zugekniffenen Augen.

»Gebt Ihr mir die Hälfte Eures Verdienstes ab?«

»Seid Ihr verrückt? Seht, ich will ehrlich gegen Euch sein. Für jedes Mädchen, welches ich außer der Kapitänin lebendig ausliefere, erhalte ich 306 Dollars, 24 Mädchen sind es, und ich verspreche Euch, ist Euer Vorschlag gut, den vierten Teil von diesem Lohne, also im besten Falle 1800 Dollars. Einverstanden?«

»Nun, Ihr wißt, ich bin Euch noch einen Gegendienst schuldig, sonst würde ich Euch den Plan nicht so billig verkaufen, denn ein solcher ist bei jedem Unternehmen doch die Hauptsache. Also abgemacht, den vierten Teil!«

»Und was meint Ihr?« fragte der Pirat gespannt.

»Sehr einfach! Ihr fangt hier in Konstantinopel oder sonst irgendwo eines der Mädchen weg, am besten gleich die Kapitänin, denn dann ist Euch ein hoher Gewinn sicher, und lockt mit dieser die ganze Besatzung nach einem Eurer Schlupfwinkel, wo sie Euch nicht mehr entgehen kann.«

»Wahrhaftig!« rief erfreut der Seewolf und schlug donnernd mit der Faust auf den wurmstichigen Tisch. »Daß mir auch so etwas Einfaches nicht einfallen mußte.«

»Natürlich, die alte Geschichte,« lachte Demetri, »jetzt ist es etwas Einfaches.«

»Aber die Brigg,« wendete der andere wieder zweifelnd ein, »wird mir verdammt viel zu schaffen machen!«

»Da sieht man, daß Ihr ein Narr seid. Mit der macht Ihr es ebenso. Fangt einen der Burschen weg oder tötet ihn und laßt ihn verschwinden! Schreibt falsche Briefe oder benachrichtigt seine Kameraden sonstwie von seinem Aufenthaltsort, und Ihr sollt sehen, wie schnell diese dummen Kerle in die Schlinge gehen. Habt Ihr sie erst, dann ist es Euch auch ein leichtes, sich über ihre Vermögensverhältnisse zu erkundigen. Sind es wirklich vornehme Leute, dann könnt Ihr Euch ein gutes Lösegeld versprechen.«

»Topp! Das wird gemacht! Ihr könnt dafür auf einen Gegendienst rechnen. Bei der ersten Gelegenheit werde ich mich einiger der Mädchen bemächtigen, vielleicht schon morgen.«

»Nein, nur eines einzigen, vergeßt das nicht!« ermahnte der Grieche. »Die Sache ist so sicherer und geht geräuschloser vor sich, als wenn Ihr zu viel wagt.«

Die beiden beratschlagten noch einige Zeit, dann trennten sie sich.

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