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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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5.

Amor und Vesta.

In der That war es die ›Vesta‹, die sich der jetzt still liegenden Brigg schnell näherte. Sie kam vom Westen, von der amerikanischen Küste, sodaß sie mehr von der Seite her an den ›Amor‹ heransegelte.

Wie jedes Schiff auf dem Meere die Aufmerksamkeit der Besatzung eines anderen erregt, so standen natürlich auch die Vestalinnen alle an Deck und musterten durch Ferngläser die in Sicht kommende, kleine Brigg, umsomehr, da diese mit einem Male ohne jeden Grund sämtliche Segel barg.

Das ganze Schiff machte einen überaus günstigen, erfreulichen Eindruck, selbst das Auge des ältesten Seebären hätte mit Entzücken darauf verweilt.

Alles war schneeweiß angestrichen und zeugte von einer peinlichen Sauberkeit. Statt der gewöhnlichen hölzernen Bordwand umgab das blankgescheuerte Deck ein Kupfergeländer, in welchem sich die Sonne wiederspiegelte. In der Mitte erhob sich, wie auf jedem größeren Fahrzeug, eine Kommandobrücke, auf welcher Miß Ellen Petersen, die Kapitänin, und die beiden Damen standen, an denen die Reihe war, das Steuer zu bedienen.

Die Mädchen waren in schneeweiße Anzüge gekleidet, natürlich nach Art der Männer, wie sie auch in allem anderen das Aussehen von Matrosen hatten. So zum Beispiel saßen auf ihren Köpfen langbebänderte Mützen mit der Goldaufschrift ›Vesta‹.

Miß Petersen hatte recht gehabt, wenn sie schon vor dem Antritt der Reise behauptet hatte, eine solche nur vierwöchentliche Seefahrt sei besser, als eine halbjährliche Badekur, denn wirklich strotzten die Gesichter der Mädchen von Gesundheit und Fröhlichkeit. Noch nie hatten ihre Augen so lebhaft geblitzt, wie jetzt nach diesen paar Wochen. Zwar war die Haut schon tüchtig verbrannt, an dem ausgeschnittenen Brustteil von Sonne und Wind gerötet, auch die Hände zeigten an einigen Stellen eine harte Haut, aber was schadete das! Die Freiheit und Ungeniertheit an Bord wog dies alles auf. Uebrigens wußten sie wohl, daß ein verbrannter, aber gesunder Teint selbst ein unscheinbares Gesicht hübscher macht, als ein blasser, kränklicher.

Und der Dienst auf einem Segelschiffe ist, wenn man vom Ein- und Ausladen, wie diese Damen, verschont bleibt, wirklich durchaus kein anstrengender.

Die ›Vesta‹ hatte sich der Brigg soweit genähert, daß die Personen auf derselben durch das Fernrohr zu unterscheiden waren.

Plötzlich lachte Miß Jessy Murray, welche neben der Kapitänin auf der Brücke stand, laut auf.

»Was sind das nur für sonderbare Matrosen da?« fragte sie und spähte aufmerksam hinüber. »Ich glaube, der eine hat einen roten Frack an, und einer trägt gar einen Cylinder auf dem Kopfe!«

Immer schneller kam das Vollschiff der Brigg näher, schon brauchten die Damen das Glas nicht mehr, um die Gesichter der Leute erkennen zu können.

»Ich will nicht Jessy Murray heißen,« begann jene wieder, »wenn der Mann dort auf dem Vorderteile nicht Lord Harrlington ist, den Sie in der Regatta bei New-York im Einzelboot geschlagen haben.«

Die Sprecherin warf einen Blick nach Miß Petersen und sah, wie diese über und über errötete.

»In der That, er ist es,« antwortete die Kapitänin. »Uebrigens habe ich damals offen bekannt, daß ich ihn jedenfalls nur durch einen Zufall oder infolge seiner Großmut besiegt habe.«

Auch andere Damen an Deck stießen jetzt Rufe der Verwunderung aus.

»Sehen Sie nur den Mann da, der so ungeniert die nackten Beine über Bord hängen läßt, Shocking!« rief eine. (Shocking ist ein englisches Wort und bedeutet so viel wie anstößig, beleidigend, ohne gemein zu sein.)

»Bei Gott,« sagte darauf eine andere im Tone des höchsten Erstaunens, »es ist Lord Hastings, der beste Boxer Englands.«

»Hahaha,« lachte wieder eine andere, »sehen Sie nur den Mann dort am Steuerrad mit dem roten Reitfrack und hohen Stehkragen. Es ist der schöne Sir Hendricks, welcher auf dem Regattaballe alle Frauenherzen in Feuer zu setzen glaubte. Man erzählt sich von ihm, daß er selbst beim Schlafen die Sporen nicht ablegen soll und statt eines Kopfkissens einen Sattel benutzt. Nun glaube ich es!«

»Und der Herr neben ihm ist Sir Williams, sein unzertrennlicher Freund, genannt der lustige oder tolle Charles, der Ihnen auf dem Balle so den Hof machte. Shocking, auch er geht ohne Schuhe und Strümpfe einher. Die Herren machen es sich sehr bequem.«

»Ich hab's,« rief Jessy Murray, »die Besatzung dieser Brigg besteht aus dem Jachtklub ›Neptun‹. Lord Harrlington, Lord Hastings, Sir Williams, Sir Edgar Hendricks, Lord Stevenson, der Sohn des berühmten Herzogs von Chaushilm – sie alle sind vertreten, die ganze Aristokratie Englands. Was soll das nur? Machen sie auch gleich uns eine Weltreise?«

»Flagge und Vesta hoch,« kommandierte Miß Petersen. »Wir wollen doch wenigstens den Namen dieser Brigg erfahren!«

Die Seeleute können sich vermittels fünfundzwanzig verschiedener Flaggen, entsprechend den 25 Buchstaben des Alphabets, welche sie in verschiedener Reihenfolge wehen lassen, vollständig unterhalten. Das sogenannte internationale Signalbuch lehrt, wie man die einzelnen Fragen und Antworten durch diese Flaggen auszudrücken hat.

So entfaltete sich jetzt an der Flaggenstange des Vollschiffes das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, am Mittelmast ging eine weiße Flagge hoch, in deren Mitte eine Vestalin zu sehen war, wie sie das Feuer ihrer Göttin unterhielt und von der Raa des hintersten Mastes flatterten fünf Tücher, den Namen ›Vesta‹ ausdrückend.

Begierig warteten die Damen auf die Antwort der Brigg.

Da erschien am Heck, dem hintersten Teile des Schiffes, die Farbe Englands, der Name ›Amor‹ war zu lesen, und am Mast flatterte eine weiße Flagge, den Gott der Liebe in brennendem Rot darstellend, wie er mit dem gefährlichen Bogen lächelnd nach der ›Vesta‹ zielte.

»Das ist Ironie!« rief heftig Miß Petersen aus, stampfte mit dem kleinen in einem weißen Segeltuchschuh steckenden Füßchen auf die Planken und errötete dabei über das ganze Gesicht. Die anderen Damen dagegen brachen in ein schallendes Gelächter aus.

»Wir wollen die Besatzung fragen, ob diese Begegnung eine zufällige oder absichtliche ist.«

Da in diesem Augenblicke die Mannschaft des ›Amor‹ wieder Segel beisetzte, um neben der ›Vesta‹ fahren zu können, so gab die Kapitänin Befehl, einige Segel zu bergen und dirigierte das Schiff dicht neben die Brigg. Nur etwa zehn Meter waren die Fahrzeuge voneinander getrennt.

Zu gleicher Zeit erklangen auf beiden Schiffen die Metallglocken achtmal, ein Zeichen, daß es Mittag war. Die am Steuerruder Stehenden wurden abgelöst.

Lord Harrlington stand stumm mit gekreuzten Armen an dem Mast gelehnt und betrachtete unverwandt mit flammenden Augen die schöne Führerin des Vollschiffes.

»Wenn ich nicht irre,« begann Miß Petersen, »sind an Bord dieser Brigg die Mitglieder des englischen Yachtklubs ›Neptun‹?«

Ehe jemand anders antworten konnte, trat der lustige Charles vor, zog mit einer eleganten Verbeugung den Hut und sagte:

»Erraten, geehrtes Fräulein! Sie sehen hier die berühmtesten Männer Englands, ebenso wie Sie, auf einer Reise um die Welt begriffen.«

Miß Petersen sann einen Moment nach, wie sie etwas Näheres über die Absicht dieser Herren erfahren könne, aber Charles hatte schon unter den lachenden Damen jene bemerkt, um deren Gunst er sich beim Regattaball in New-York bemüht hatte, und abermals den Hut ziehend und mit dem nackten Fuß auskratzend, fuhr er fort:

»Ah, Miß Thomson, freut mich ungemein, Sie wiederzusehen. Darf ich mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen?«

»Danke,« lachte das Mädchen zurück, »aber sagen Sie, wie in aller Welt kommen Sie in diesem seltsamen Aufzuge hierher?«

»Wir gaben einen Maskenball und warteten nur auf Ihr Eintreffen. Ihre Verkleidung ist wirklich reizend. Bei welchem Schneider lassen Sie eigentlich arbeiten? Der Matrosenanzug sitzt Ihnen wie angegossen.«

»Und wollen Sie mir nicht die Adresse Ihres Schusters mitteilen?« gab das schlagfertige Mädchen unter dem Kichern ihrer Gefährtinnen zurück. »Mir gefällt die Form Ihrer Lackschuhe außerordentlich.«

Charles warf einen bedauernden Blick auf seine nackten Füße.

»Ah, das darf Sie nicht genieren. Dieselben sind gerade in Reparatur, und mein einziges Paar Strümpfe hängt dort zum Trocknen. Ich wollte mir erst welche von Lord Hastings borgen, aber der hat überhaupt keine mitgenommen.«

»Lord Hastings,« fragte eine andere den unbekümmert weiter Angelnden, »haben Sie sich hier als neapolitanischer Fischerknabe etabliert?«

»Wenn Sie nicht mit Ihrem Schiff aus dem Wege fahren, kann ich natürlich nichts fangen,« brummte der Gefragte mürrisch, der seiner trockenen Gutmütigkeit wegen bei den Damen beliebt war.

»Sie müssen nicht angeln, sondern in Ihren Cylinder Löcher machen und damit schöpfen.«

»Habe ich schon versucht, aber es geht nicht.«

»Miß Nikkerson,« mischte sich jetzt Edgar Hendricks ein, »darf ich Sie zur nächsten Tour auffordern?«

»Ich bin leider schon vergeben! Sagen Sie, Sir Hendricks! Wo haben Sie denn Ihre sonst unvermeidlichen Reitsporen? Sie sollen ja die meiste Zeit des Tages zu Pferde sitzen und selbst in Ihrem Zimmer reiten?«

»Es that mir zu weh, als ich die Sporen in die nackten Fersen stechen wollte. Das Schuhetragen ist hier nämlich nur ausnahmsweise gestattet, nur an Sonn-, Fest- und Geburtstagen.«

»Sein Pferd hat er mit,« versicherte Williams mit der Hand auf dem Herzen, »es liegt aber im Zwischendeck und ist seekrank, sonst könnten Sie den edlen Sir an Bord herumreiten sehen.«

Solche scherzhafte Reden wechselten noch lange zwischen den Herren und Damen; nur Miß Petersen und Lord Harrlington verhielten sich schweigend.

Endlich trat letzterer an die Bordwand und fragte hinüber:

»Miß Petersen, erlauben Sie, daß der ›Amor‹ die ›Vesta‹ während ihrer Fahrt um die Erde begleitet? Bedenken Sie wohl, wie oft Sie eine männliche Hilfe herbeisehnen werden, und eine bessere, treuere und thatkräftigere als die meiner Brigg können Sie nirgends finden. Zu See und zu Land, in jeder Gefahr können Sie auf uns zählen.«

Das Mädchen lachte spöttisch auf.

»Wir Vestalinnen brauchen keine Hilfe; dies zu zeigen ist eben unsere Absicht. Und übrigens, Lord Harrlington, Sie scheinen kein guter Seemann zu sein, wenn Sie nicht zu erkennen vermögen, daß die ›Vesta‹ Ihrer Brigg im Segeln weit überlegen ist. Nur eine halbe Stunde Fahrt, und wir sind Ihnen außer Sicht.«

Des Kapitäns Augen blitzten.

»Miß Petersen, Sie sind mir noch Revanche schuldig. für Ihren Sieg über mich im Einzelboot. Was gilt die Wette, daß der ›Amor‹ der ›Vesta‹ folgen kann?«

»Gut. Um was wetten wir?« war die Antwort.

»Ich schlage vor,« rief der lustige Charles, »um einen Kuß. Verlieren wir, so geben wir jeder Dame einen Kuß, verliert die ›Vesta‹, so bekommt jeder Herr von einer Dame einen.«

»Shocking!« riefen die Damen lachend; Ellen Petersen aber sagte:

»Scherz beiseite! Kann Ihr Schiff dem unsrigen folgen, so sei Ihnen die unwiderrufliche Erlaubnis gegeben, uns für immer zu begleiten. Im anderen Falle werden Sie sich nie wieder darum bemühen, die ›Vesta‹ aufzusuchen, sondern sie im Gegenteil stets vermeiden.«

»Einverstanden!« erwiderte Lord Harrlington fröhlich, und sogleich begann an Bord der beiden Schiffe ein reges Leben. Kommandos erschollen. Die Damen, wie die Herren flogen in die Takelage, um alle Leinewand zu entfalten, doch wenn die Kapitänin nicht zu sehr mit ihrer Besatzung beschäftigt gewesen wäre, so hätte sie bemerken können, wie Harrlington angelegentlich durch ein Sprechrohr mit jemandem im Zwischendeck verhandelte.

Schon nach wenigen Minuten, als sich der Wind in die Segel legte, war zu sehen, daß die ›Vesta‹ der Brigg an Schnelligkeit weit überlegen war. Beide Schiffe loggten, das heißt, mittels einer dazu bestimmten Vorrichtung wurde die Geschwindigkeit der Fahrt aufgenommen, und es fand sich, daß das Vollschiff zwölf Knoten, die Brigg aber nur acht lief. Als die ›Vesta‹ an dem Amor vorüberflog, schwangen die Mädchen jubelnd die Mützen in die Luft und wunderten sich nur über das spöttische Lächeln des Kapitäns und der übrigen Herren, welche keine Spur von Mißvergnügen zeigten. Lord Hastings zog sogar seinen Zylinder und rief dem vorbeieilenden Schiff ein ›Auf Wiedersehen‹ zu.

Nach einer halben Stunde konnten die Damen nur noch die Mastspitzen des ›Amor‹ sichten.

»Sonderbar ist es doch, daß die englischen Herren auf eine Wettfahrt eingingen,« meinte Miß Murray, »ich fürchte, sie verbergen darunter irgend eine andere Absicht.«

»Was ist denn das?« rief plötzlich aufgeregt die Kapitänin und beobachtete die Brigg durch das Fernrohr. »Es ist gar kein Zweifel, sie kommen uns wunderbar schnell nach.«

»Ha!« fuhr sie nach einigen Minuten fort. »Ueber dem ›Amor‹ schwebt eine Rauchwolke. Ich habe allerdings nicht ahnen können, daß er eine Hilfsmaschine an Bord führt.«

Auch die anderen Damen hatten das Näherkommen des ›Amor‹ bemerkt, aber es war nicht zu verkennen, daß sie sich nicht, wie Miß Petersen, darüber ärgerten, sondern vielmehr freuten.

Wiederum nach einer halben Stunde lag die Brigg unter Segeln und Dampf an der Seite der ›Vesta‹.

»Wir haben gewonnen,« rief Lord Harrlington freudig nach der Kommandobrücke hinüber, »Sie werden mit der Begleitung des ›Amor‹ als Retter in der Not zufrieden sein.«

»Die Wette gilt nicht,« entgegnete aber die männerfeindliche Kapitänin, »ich habe nicht gewußt, daß das Schiff eine Maschine besaß.«

»Die Wette gilt nicht? Bitte, meine Herren und Damen, wer kann leugnen, daß der ›Amor‹ der ›Vesta‹ gefolgt ist?«

»Der ›Amor‹ hat gewonnen, die Wette ist giltig,« riefen wie aus einem Munde alle Herren, und zum geheimen Aerger der Kapitänin stimmten die Damen ihnen bei.

»So sei es denn!« sagte sie endlich. »Ellen Petersen hält ihr versprochenes Wort. Der ›Amor‹ darf die ›Vesta‹ begleiten, doch nur unter folgender Bedingung: Verliert er nur ein einziges Mal unsere Spur, so hat er ein für allemal das Recht verscherzt, uns ferner zu folgen.«

»Ganz schlau,« sagte Charles zu seinem Freunde, »aber wartet, ich will einen Zankapfel in ihre Mitte werfen.«

Und mit lauter Stimme fuhr er fort:

»Miß Petersen, wollen Sie darüber nicht auch die anderen Damen fragen? Ich glaube nämlich, dieselben sind anderer Ansicht.«

»In der That,« sagte jetzt Johanna Lind, die neuaufgenommene Vestalin, und trat auf die Kommandobrücke. »Ohne die versprochene Pflicht des Gehorsams verletzen zu wollen, bitte ich Sie doch, Miß Petersen, zu bedenken, wie leicht wir in die Lage kommen können, Hilfe in Anspruch zu nehmen, und besser ist es dann, von solchen Leuten, den Söhnen der edelsten Familien Englands, Unterstützung zu finden, als in die Hände der rohen Matrosen des ersten besten Schiffes zu fallen.«

Die an Deck stehenden Mädchen stimmten der kühnen Sprecherin bei. Miß Petersen überlegte. Johanna hatte recht; hier durfte sie nicht nach eigenem Ermessen handeln, und außerdem hatte sie in der kurzen Zeit schon öfters bewundert, mit welcher Klugheit die neue Vestalin in jeder Angelegenheit den Ausschlag gab, auch sie hatte zu Johanna bereits eine innige Neigung gefaßt. Alles an diesem klugen, mutigen und immer liebenswürdigen Mädchen zog sie an. So gab sie auch diesmal nach.

»Wir werden eine Beratung abhalten,« rief sie dem auf Antwort harrenden Harrlington zu. »In zehn Minuten werden Sie die Zu- oder Absage auf Ihren Wunsch zu hören bekommen.«

Die Damen versammelten sich am Steuerrad und sprachen emsig miteinander. Es ging dabei, wie Hendricks zu seinem Freunde sagte, wie in einer Mädchenschule zu.

Nach zehn Minuten trat die Kapitänin wieder an die Bordwand.

»Wir haben Ihre Bitte, uns begleiten zu dürfen, ohne daß wir uns durch dieselbe beleidigt fühlen, einstimmig angenommen.«

»Hurrah!« schrieen die Herren, und Mützen, Hüte und Cylinder flogen in die Luft.

»Aber,« fuhr Miß Ellen lächelnd fort, »nur unter gewissen Bedingungen. Wir erlauben Ihnen sogar, uns auf Landpartien zu begleiten, doch ...«

»Hip, hip, hip, hurrah!« unterbrach sie jubelnd Charles.

»Doch nur, wenn Sie folgendes annehmen: Der ›Amor‹ folgt der ›Vesta‹ tagsüber in solcher Entfernung, daß selbst mit dem besten Fernrohr das Treiben der Damen nicht beobachtet werden kann; in der Nacht dagegen kann er sich ihr beliebig nähern.«

»Angenommen!« sagte Lord Harrlington erfreut.

»Verlieren Sie uns aus den Augen,« sprach Ellen weiter, »und finden uns innerhalb dreißig Tagen nicht wieder, zu Wasser oder zu Lande, so erlischt diese Erlaubnis, und der Nachtklub ›Neptun‹ macht in allen europäischen und amerikanischen Sportzeitungen bekannt, daß seine Mitglieder sich von dem Damenklub ›Vesta‹ auf dem Gebiete des Wassersports für überwunden erklären. Alle Herren unterzeichnen mit dem vollen Namen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Wir sind's,« rief die Besatzung des ›Amor‹ einstimmig.

»Sie werden uns nicht entschlüpfen,« fügte der Kapitän hinzu.

»Und wir werden es doch. Die ›Vesta‹ fährt einfach in der Nacht ohne Lichter, wie wollen Sie uns dann folgen?«

»Das dürfen Sie nicht, das Seegesetz verbietet es Ihnen.«

»Was dürfte eine Ellen Petersen nicht?« spottete das übermütige Mädchen, »Ich werde doch kein einziges Licht anzünden lassen.«

»Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich trotzdem auf Ihrer Spur bleiben werde, und segelten Sie bis ans Ende der Welt,« rief erregt Lord Harrlington.

»Wie lange werden Sie dies aushalten, wenn ich fragen darf?«

»Bis Miß Ellen Petersen meine Braut ist!«

Die letzten Worte hatte der Lord mit fieberhaft erregter Stimme gerufen. Jetzt wandte er sich kurz um.

»Feuer aus! Hol' ein das Klüversegel! Hol' ein die Marssegel!« erklang es aus seinem Munde, und die bald erglühende, bald erbleichende Ellen sah, wie die also bediente Brigg plötzlich ihren Lauf mäßigte und zurückblieb, bis sie am Horizont nur noch einem dunklen Punkte glich.

Aber als der Abend kam, war die Brigg dem Vollschiff wieder ganz nahe, und da der Mond hell schien, so verschob Miß Ellen Petersen ihren Plan, ohne Lichter zu fahren, auf eine dunklere Nacht, um die Begleitung des ›Amor‹ loszuwerden.

 

Der Vollmond zeichnete in scharfen Umrissen den Schatten der ›Vesta‹ auf dem Wasser ab; die Sterne funkelten am Firmament und blickten neugierig auf das Damenschiff herab, auf dessen Kommandobrücke eine schlanke Gestalt ruhelos hin- und herwanderte, von Zeit zu Zeit mit einem Nachtfernrohr den Horizont absuchend.

Was bewog diese Person, anstatt nach dem anstrengenden Tagesdienst ihre Koje aufzusuchen, die Wache am Steuer zu übernehmen?

In Ellen Petersens Herzen, denn diese war die ruhelos Wandernde, wogten stürmische Gedanken, gleich den Wellen, welche der brausende Orkan auf der See erzeugt.

Zum zweiten Male trat ihr dieser Mann entgegen und warb wiederum um ihre Hand, aber nicht heimlich, wie damals, als er ihr in einem Nebenzimmer seine Liebe gestand, nein, öffentlich, daß es alle seine Begleiter und die Vestalinnen gehört hatten.

Warum hatte sie ihm damals mit kurzen Worten gesagt, daß sie nie einen Mann lieben könne, nie heiraten werde? Hatte sie damit die Wahrheit gesagt? Ach, nein, leider nein! Der Stolz hatte ihr diese Worte diktiert, der Stolz, als eine Männerfeindin zu gelten, der Wille, frei, selbstbewußt wie ein Mann aufzutreten.

»Und segelten Sie bis an das Ende der Welt, ich bliebe doch auf Ihrer Spur!«

Diese Worte klangen wieder in ihrer Seele, und sie sah noch die flammenden Blicke, mit denen sie begleitet waren.

»Wohlan denn,« rief Ellen und schlug die Augen empor zu den Sternen. »So hört meinen Schwur, ihr ewigen Gestirne! Hält er sein Versprechen, zeigt er sich als ein treuer Freund in allen Nöten und Gefahren, bis wir sicher in den Heimatshafen gelangt sind, dann soll sich der Trotz von Ellen Petersen in die dienende Liebe des Weibes umwandeln, und diese Reise wird die Entscheidung bringen.

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