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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
projectida1f0f2df
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4.

Das rätselhafte Schiff.

Der Teil des atlantischen Oceans, welcher an Spanien und Portugal grenzt, wird die spanische See genannt. Sie wird von den Schiffen gefürchtet, denn wilde Stürme brausen über sie hin und schleudern die Fahrzeuge wie Nußschalen hin und her, ihnen mit dem Untergang an der nahen Küste drohend; aber selbst bei ganz ruhigem Wetter haben die aus dem unendlichen Ocean kommenden und sich am Strande brechenden Wogen noch eine so ungeheure Gewalt, daß sie fort und fort über das Deck eines Schiffes spülend, alles mit fortschwemmen können. Nur, wenn schon seit Tagen sich kein Lüftchen mehr geregt hat, dann gleicht auch diese See einem Spiegel. Und setzt wieder ein frischer Wind ein, so erzeugt er wohl Wellen, aber nicht jenen gewaltigen Wogengang.

Ein solcher ruhiger Tag war angebrochen. Neugierig blickte die warme Maisonne von ihrer Höhe herab auf eine Brigg, welche bei günstigem Westwinde mit vollen Segeln die spanische See nach Süden zu befuhr. Sie hatte doch schon so manche Schiffsbesatzung bei der Arbeit in der Takelage und bei ihrem Treiben in der Freizeit beobachtet, aber eine solch merkwürdige war ihr noch nicht vorgekommen!

Matrosen waren es unbedingt, welche sich an Deck der schlanken, schöngebauten Segelbrigg herumtrieben, denn sie beschäftigten sich zum Teil mit seemännischen Arbeiten. Aber ach – wie sahen sie aus!

Obgleich sie die Hemdsärmel aufgekrempelt hatten, wodurch meist recht sehnige, muskulöse Arme zum Vorschein kamen, und obgleich fast alle barfuß gingen, erzeugten sie doch sämtlich den Eindruck, als kämen sie eben erst von einem Ballsaal, auf dem sie sich als Vagabunden maskiert gehabt. Die schon arg mitgenommenen Anzüge zeigten noch den Schnitt der neuesten Mode, und ein Mann, der eben die Taue sorgfältig zu Ringen aufschichtete, trug gar einen schwarzen Frack. Am Heck, in der Nähe des Steuerruders, saß ein riesiger Mann mit einem Cylinder auf dem Kopfe. Er ließ die nackten Beine über Bord hängen und angelte. Aber die originellste Figur war der am Steuerruder Stehende; die Hosen so weit wie möglich aufgekrempelt, den Oberkörper in einen roten Reitfrack geklemmt und am Halse einen fast acht Centimeter hohen Stehkragen, so hielt er das Rad mit beiden Händen und suchte seinem Gesicht einen möglichst sorgenvollen Ausdruck zu geben. Vor ihm stand nämlich ein Photographenapparat, durch welchen er eben von einem anderen Manne fixiert wurde.

So sah es aus an Bord des ›Amor‹, welcher der Straße von Gibraltar zusteuerte. Die bestellten, gleichmäßigen Matrosenanzüge waren bis zur Abfahrt von der Insel Wight nicht fertig geworden, zum Aerger Lord Harrlingtons und zum Ergötzen der übrigen jungen Leute, welchen diese Maskerade ungemein gefiel. Doch sollten die Sachen nach dem von Harrlington angegebenen nächsten Hafen mit Eilpost nachgeschickt werden.

»Halten Sie doch den Kopf nicht so hoch, Hendricks,« rief der lustige Charles Williams, welcher seinen Freund photographieren wollte, ich kann von Ihrem Gesicht nur die Nasenlöcher sehen.«

»Thut mir leid! Mein Stehkragen läßt keine andere Stellung zu.«

»Geben Sie Ihren Augen einen kühneren Ausdruck! Spähen Sie recht scharf in die Ferne!« sagte wieder Charles unter seinem Tuche hervor.

Edgar Hendricks riß die Augen möglichst weit auf und versuchte so zu blicken, wie er es auf Bildern von Seeleuten gesehen hatte.

»So ist es gut!«

Charles kam unter dem Tuche hervor. »Jetzt recht ruhig gestanden!

»Passen Sie auf! Eins – zwei –«

»Süd – Südwest – dreiviertel West,« rief in diesem Augenblick Lord Harrlington, der auf dem Vorderdeck mit dem zweiten Steuermann den Stand der Sonne genommen hatte, dem Steuernden zu und gab somit die neue Richtung an.

Hendricks, wohl wissend, daß die Ausführung derartiger Kommandos keinen Aufschub erleiden darf, drehte erneut das Rad, gerade als Charles drei sagte.

»Potz Ankertaue und Stahltrossen!« schrie letzterer, als er die Platte durchs Licht besah. »Ihr Kopf ist mindestens zehnmal so breit, wie er hoch ist! Vom Gesicht ist nur der Stehkragen zu sehen, und fünfundfünfzig Hände haben Sie auch! Noch einmal!«

Er warf die Platte ins Wasser, gerade wo Lord Hastings fischte.

»Wenn Sie mir die Fische mit Absicht vertreiben, fordere ich Sie auf krumme Säbel,« rief dieser.

»Die giebt's hier an Bord gar nicht, bloß Enterbeile.«

»Dann auf krumme Enterbeile.«

»Wieviel Fische haben Sie eigentlich während der letzten sechs Stunden gefangen, Lord Hastings?«

»Zwei Stück,« erwiderte der Angeredete stolz und wies auf die neben ihm liegenden Fischchen.

»Hagel und Haubitzen!« rief der lustige Charles, der wieder seinen Apparat zurechtrückte, um eine neue Aufnahme von seinem Freunde zu machen, »das wird aber eine teure Abendmahlzeit.«

»Sagen Sie einmal,« fragte der am Steuer stehende Hendricks, »woher haben Sie nur diese famosen Matrosensprüche? Ich grüble und grüble, mir fällt aber kein so recht kerniger Ausdruck ein, und Sie werfen nur immer so damit herum.«

»Das kommt eben davon, daß man seine Zeit richtig anwendet,« antwortete der Photograph stolz. »Während Sie unnütze Abschiedsbesuche machten, bin ich die letzten acht Tage in allen Matrosenschenken Londons herumgelaufen, und jedesmal, wenn ein Matrose fluchte, habe ich mir die Worte aufgeschrieben. Doch nun, Potz Ketten und Katzenschwänze! Machen Sie endlich einmal den Mund zu und stehen Sie still! So – die Stellung ist gut. Eins – zwei – drei! Sie können sich wieder rühren!«

Er besah die neue Platte.

»Ausgezeichnet getroffen! Das Bild wird noch etwas koloriert, damit der rote Frack recht zur Geltung kommt, und dann schicke ich es nach London. Das wird aber Aufsehen erregen, wenn Sir Edgar Hendricks im Schaufenster hangt, barfuß im Frack und Stehkragen, am Steuerrad stehend.«

»Oberbramraasegel fest!« kommandierte in diesem Augenblick der Kapitän. Das war Charles' Arbeit, denn die Oberbramraa ist die höchste Raa einer Brigg und erfordert zur Bedienung solch leichte, schmächtige Gestalten, wie die Charles Williams'.

Gewandt erstieg er die Wanten und machte das Segel an der Raa fest. Von seinem erhöhten Standpunkte aus konnte er das Meer weit überblicken.

»Ein Schiff Backbord achtern,« rief er und deutete links nach hinten.

Lord Harrlington nahm ein Fernrohr zur Hand und richtete es auf den am Horizont erscheinenden dunklen Punkt.

»Ein segelndes Vollschiff,« fagte er nach einer Weile, »das könnte die ›Vesta‹ sein.«

Wie der Blitz schoß Charles an einem Tau von oben herab, sprang durch eine Luke ins Innere und kam bald mit einem Fernglas wieder herauf, welchem Beispiele die anderen Herren folgten. Selbst die Heizer, jetzt bei dem guten Winde unbeschäftigt, stellten sich neugierig an Deck.

»Doch nein,« sagte wieder Lord Harrlington, »die ›Vesta‹ hat an jedem Maste sechs Raaen, und dieses nur fünf. Außerdem ist die ›Vesta‹ schneeweiß angestrichen und würde die Sonnenstrahlen viel mehr reflektieren. Das erwartete Schiff ist es also nicht.«

»Merken Sie nicht etwas Seltsames, Kapitän?« sagte John Davids, der zweite Steuermann.

»Nein,« sagte dieser und nahm das Fernrohr von den Augen. »Doch ja,« rief er jetzt, »merkwürdig, mit welch wunderbarer Schnelligkeit dieses Segelschiff sich uns nähert!«

Auch die übrigen Herren hatten dies bemerkt und staunten darüber.

Näher und näher kam das Schiff. Mit unheimlicher Eile durchschnitt es die Wellen, welche schäumend au seinem Bug emporspritzten.

Dicht aneinander gedrängt standen die Engländer an der Bordwand und starrten erstaunt, einige auch entsetzt zu dem Schiff hinüber, das sie jetzt fast erreicht hatte.

Es war ein großes, stark gebautes Fahrzeug, das alle Segel beigesetzt hatte, aber doch viel zu schwer war, um mit solcher Windeseile daherfliegen zu können.

Das Deck war völlig leer, nichts war darauf zu sehen; aber es war eigentlich gar kein Deck zu nennen, denn es wölbte sich fast wie die Hälfte einer Halbkugel, sodaß Menschen kaum darauf hätten stehen können. Alles an dem Schiff war mit einer schmutziggrauen Farbe bemalt, von der Mastspitze bis zur Wasserlinie herunter, kein Tau, kein Segel zeigte eine andere Farbe.

Einer der Heizer fiel stöhnend auf die Kniee und bedeckte sein Gesicht.

»Wir sind verloren!« wimmerte er. »Der fliegende Holländer!«

»Unsinn,« rief barsch Lord Hastings, faßte den Burschen beim Kragen und stellte ihn mit einem Ruck wieder auf die Beine. »Mache dem ›Amor‹ keine Schande. Die Söhne Altenglands fürchten sich auch vor zehn fliegenden Holländern nicht.«

Jetzt war das wunderbare Schiff dicht an der Seite des ›Amor‹, und nun geschah etwas, was selbst den Unerschrockensten der Gesellschaft ein Grausen einflößte.

Wie mit einem Zauberschlag flogen plötzlich zu gleicher Zeit alle Segel des Schiffes hoch und rollten sich kunstgerecht an den Raaen auf, als hätten die geübtesten Matrosen sie dort festgebunden. Und doch war kein Mensch, weder an Bord, noch in der Takelage zu sehen.

»Das ist Hexerei,« rief Lord Harrlington.

»Ob ich hier hinüberspringen kann?« fragte Lord Hastings und maß die etwa zehn Meter betragende Entfernung zwischen beiden Schiffen. Das Fahrzeug fuhr jetzt ebenso schnell wie der ›Amor‹, immer dicht an dessen Seite.

»Samiel hilf!« rief Hendricks mit bebenden Lippen. »Wissen Sie, was das ist, Williams?«

»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen,« erwiderte Charles Williams, der selbst in seiner Todesstunde einen Spaß nicht hätte unterdrücken können, »ich weiß es nämlich auch nicht.«

Etwa fünf Minuten mochte das rätselhafte Schiff so neben dem ›Amor‹ hergefahren sein, als plötzlich wieder durch unsichtbare Hände die Segel gelöst und auseinandergefaltet wurden. Aber nicht nur das, auch die Raaen wurden alle zu gleicher Zeit etwas nach dem Steuerbord gerichtet, und mit verdoppelter Eile schoß es wieder dem Süden zu. In einer Viertelstunde war das Meerwunder den Augen der Herren entschwunden.

Allerlei Meinungen über dasselbe wurden jetzt an Bord des ›Amor‹ laut. Die Männer waren zu aufgeklärt, um an Uebernatürliches zu glauben, aber zu deuten wußte sich diese Erscheinung niemand.

Lord Harrlington war mit seinen Aeußerungen über das Gesehene am zurückhaltendsten, obgleich gerade er seines bekannten Scharfsinns wegen am meisten gefragt wurde.

»Die einzige Erklärung ist die,« sagte er endlich, »daß unter der Halbkugel, welche wir gesehen haben, sich die Maschinerien befinden, um alle Segel, Raaen u. s. w. regieren zu können. Woher das Schiff, welches weder Schornstein, noch etwas Derartiges besaß, die ungeheure Schnelligkeit nimmt, wird mir immer ein Rätsel bleiben, bis ich die innere Einrichtung selbst sehe.«

»Und wenn ich noch einmal so nahe an dieses Schiff komme, wie jetzt,« meinte sein Freund, »dann will ich nicht Hastings heißen, wenn ich es mir nicht genauer besehe. Das ist ebenso interessant, wie ein Besuch auf der ›Vesta‹. »Geschmacksache,« entgegnete Hendricks.

Die Besatzung unterhielt sich noch lange über das geisterhafte Schiff oder diese neue Erfindung, als sie durch ein Kommando des Kapitäns wieder in die Raaen geschickt wurde.

Schon seit einiger Zeit hatte Lord Harrlington nach dem hinter ihnen liegenden Horizont gespäht, als er sein Fernrohr mit einem Male zusammenschob und den Befehl gab, die Segel einzuziehen.

Verwundert führten die Herren dieses jetzt ganz unnötige Manöver aus, denn der Wind war ihrer Meinung nach sehr günstig.

Kaum standen sie alle wieder an Deck, so streckte der Kapitän die Hand aus, zeigte nach einem dunklen Punkte am Horizont und sagte fröhlich lächelnd:

»Meine Herren, die ›Vesta‹! In einer halben Stunde können wir uns den Damen vorstellen.«

Ein allgemeines Hurrah entfuhr der Besatzung des ›Amor‹. Wieder richteten sich achtundzwanzig Ferngläser nach dem schnell größer werdenden Schiffe mit den schönen, vornehmen Damen an Bord.

»Charles,« fragte Edgar Hendricks den Freund, »sitzt mein Stehkragen auch ordentlich?«

»Ja, der sitzt gut,« erwiderte der lustige Charles, den Barfüßigen von oben bis unten musternd, »aber die Stiefeln können Sie sich erst noch wichsen lassen. Und Sie,« wandte er sich an den wieder angelnden Hastings, der nach wie vor die Beine über Bord hängen ließ, »edler Lord, ich bitte Sie, nehmen Sie doch Ihre nackten Beine weg, oder ziehen Sie wenigstens Strümpfe an, Sie blamieren ja ganz England.«

»Unsinn!« knurrte der phlegmatische Lord. »Ich bin jetzt Seemann und nicht im Salon. Wenn es die Damen geniert, so mögen sie nicht hersehen. Wahrhaftig,« er hob die Nase und schnoberte in die Luft, »es riecht schon nach Frisierstube.«

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