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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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47.

Im Busch

Der Morgen dämmerte eben im Osten, und der von der Sonne vergoldete Horizont teilte seine Farbe der Landschaft mit; ein frischer Wind machte das hohe Gras der australischen Steppe leise hin- und herschwanken, als auf dem Schienenstrang, der mitten durch die unbewohnte Wildnis führte, ein Eisenbahnzug daherbrauste. Gestern abend hatte er Townsville verlassen, vor einigen Stunden die Station erreicht, von welcher der Strang nach Hughenden abzweigt, und fuhr nun weiter nach dem Norden, nach Burketown, hielt aber noch zweimal an Zwischenstationen, also etwa aller fünf Stunden.

In einem Coupé erster Klasse saßen vier Damen und zwei Herren. Sie waren aber erst hier zusammengekommen, denn es war ein Salonwagen, welcher das Durchgehen gestattete, und da sie sich einen guten Morgen gewünscht, so mußte man annehmen, daß sie die Nacht im Schlafwagen verbracht hatten.

Miß Petersen, Thomson, Murray und Lind waren die Damen, welche sich auf der Fahrt über die Nordwestspitze Australiens befanden, und die beiden Herren waren Lord Harrlington und Sir Williams, welche sich als Begleiter der Damen angeboten und, wie gewöhnlich, nach langem Ueberlegen angenommen worden waren. Es befand sich noch ein dritter Begleiter bei der Gesellschaft, aber er war noch nicht erschienen.

Miß Petersen hatte eine Freundin gehabt, welche sich nach Australien verheiratet hatte und nun mit ihrem Manne auf einer Farm am Flinders, einem in den Golf von Karpentaria mündenden Flusse lebte. Ein Brief würde ebenso lange, vielleicht länger gebraucht haben, um die weite Entfernung zurückzulegen, und so war die rasch entschlossene Ellen jetzt auf der Reise, diese Freundin zu besuchen und zugleich auch die Gelegenheit auszuspähen, ob die Farm die ganze Gesellschaft, alle Herren und Damen der beiden Schiffe, für einige Tage zu beherbergen vermöchte. Wenn dies möglich wäre, so sollten die anderen nachkommen, und dann sollten von der Farm aus Jagdausflüge unternommen werden, wie man sie in der Nähe von Städten und an der Küste nicht geboten bekam. Die Farm lag mitten im Busch, nur von Wiesenplätzen eingerahmt, auf denen unzählige Schaf-, Rinder- und Pferdeherden weideten; verließ man aber dieselben, so betrat man sofort die Wildnis, in der es, wie Miß Turner ihrer jagdlustigen Freundin oft geschrieben, von Känguruhs, Oppossums, Emus, (australischen Strauße), und so weiter wimmelte.

Es war das erste Mal, daß sich ihnen hier der Anblick der australischen Wildnis bot, die ebenso eigentümlich ist, wie alles, was dieses Land hervorbringt. Die Wälder bestehen meist aus Gummibäumen mit hohen und starken Stämmen, aber die Blätter spenden keinen Schatten, und man wandelt zwischen ihnen wie durch Säulengänge. Der ›Busch‹ verdient eher die Bezeichnung eines Waldes, denn die Vegetation erreicht hier oft doppelte Manneshöhe, ist aber oft so dicht, daß man sich kaum hindurchdrängen kann. Diesen beiden, dem Walde und dem Busche, folgen dann wieder unabsehbare Steppen, die hauptsächlichen Tummelplätze der Känguruhs und Emus.

Die kleine Gesellschaft betrachtete lange Zeit schweigend die verschiedenen Landschaftsbilder, durch welche der Zug mit unveränderter Schnelle brauste; es herrschte bei allen jene Abspannung, welche man nach einer Nacht empfindet, die man in einem rüttelnden Eisenbahnwagen oder schwankenden Schiff mit dem Vorsatz verbracht hat, zu schlafen, ohne dabei Ruhe finden zu können.

Ellen zog die Uhr, warf einen Blick darauf und sagte, mit Mühe ein Gähnen unterdrückend:

»Noch zwei Stunden, ehe wir die nächste Station erreichen.«

»Dort wollen wir aussteigen?« fragte Charles.

»Ja. In dieser Station bekommen wir Fuhrwerk, welches uns nach der nächsten Farm bringt, und dort werden wir hoffentlich Wagen und Pferde bekommen können, um nach Blackskin, der Farm meiner Freundin, weiterreisen zu können. Die erste Fahrt beträgt zwei Stunden, die letztere aber fünf Stunden.«

»Und Sie sagen, wir erreichen die nächste Station schon in zwei Stunden?« fragte Charles nochmals.

»Ja. Ist das nicht entsetzlich lange?«

»Mein Gott!« rief Charles, »dann ist es aber die höchste Zeit, daß ich ihn wecke, sonst ist er dann noch nicht angezogen, wenn wir aussteigen.«

Lachend sahen die Zurückbleibenden Charles nach, der durch den Seitengang nach dem hinteren Teil des Wagens schritt.

»Wodurch hat eigentlich die Farm des Mister Turner den seltsamen Namen Blackskin erhalten?« fragte Harrlington Ellen, »das heißt soviel wie Schwarzhaut.«

»In der Nähe dieser Farm,« erklärte Ellen, »sind zahlreiche Stämme von Australnegern seßhaft, und das mag den Farmer bewogen haben, seinem Besitztum den Namen zu geben, denn natürlich treiben sich die faulen, arbeitsscheuen Schwarzen immer auf der Farm herum oder halten sich wenigstens in ihrer Nähe auf, um Brot und Tabak zu erbetteln.«

»Aber man lebt in Frieden mit ihnen?«

»Gewiß! Die Schwarzen in dieser Gegend sind alle friedlich, sie fallen höchstens durch ihr Stehlen lästig; so lange sie aber eine Art von Tribut an Brot, Tabak und so weiter erhalten, unterlassen sie auch dies.«

»Ich finde es unrecht, wenn man sie durch derartige Geschenke im Betteln bestärkt,« meinte Miß Murray.

»Darüber giebt es verschiedene Ansichten, und ich würde mich der von Mister Turner und meiner Freundin anschließen, nämlich den Schwarzen die wöchentlichen Lieferungen zu geben,« erklärte Ellen. »Die Australneger, so verkommen, oder vielmehr auf so niedriger Stufe sie auch stehen mögen, sind doch immerhin Herren dieses Landes. Bevor die Europäer ihren Boden betraten, lieferte ihnen die Natur alles, was sie zum Leben brauchten, seit aber Weiße das Gebiet eingenommen haben, ziehen sich die Jagdtiere immer mehr in das unwirtliche, gebirgige und wasserarme Innere zurück; den fruchtbaren Boden, auf dem früher ihre Früchte in Unmasse gediehen, haben ihnen die Ansiedler genommen; den Begriff Arbeit kennen diese Leute überhaupt nicht, und so finde ich es nicht Unrecht, wenn man ihnen einen kleinen Betrag der Bodenerzeugnisse abgiebt.«

»Bravo, das war gut gesprochen,« rief eine tiefe Stimme im Thürrahmen, »wenn wir nach Amerika kommen, zetteln wir unter den Indianern einen Aufstand an und werfen uns als Häuptlinge auf. Sie halten aufrührerische Reden, und ich schwinge den Tomahawk.«

»Guten Morgen, Lord Hastings,« lachte Ellen. »Dann müssen Sie aber zeitiger aufstehen, sonst verschlafen Sie alles.«

Und ernsthaft fuhr sie dann fort:

»So lange die umwohnenden Schwarzen von Mister Turner die bescheidenen Geschenke bekommen, halten sie Ruhe, lassen sich auch nicht mit Buschrähndschern und jenen Eingeborenen ein, welche aus den Bergen kommen und, wie Lord Hastings sagt, aufrührerische Reden unter ihnen halten wollen. Wenn sie zum Beispiel mit den Buschrähndschern gemeinschaftliche Sache machen wollten, so wäre dies letzteren von großem Vorteile, so aber lassen sich die Schwarzen durch Geschenke dazu bewegen, mit ihrem Instinkt die Verfolger auf die Spur jener zu leiten.«

»So unnütz sind diese Australneger überhaupt nicht auf der Welt, wie Sie meinen, Miß Petersen,« sagte Charles. »Ich habe zum Beispiel einmal einen gesehen, der konnte brennende Talglichtchen hinunterschlucken, ohne daß –«

Der Sprecher wurde unterbrochen; die Lokomotive stieß kurz hintereinander drei scharfe Pfiffe aus, über den Wagendächern lief es hin und her. Die Räder brummten, die Axen knirschten, als ob mit aller Gewalt gebremst würde, und ehe die Reisenden noch einen klaren Gedanken fassen konnten, erhielten sie einen furchtbaren Stoß, daß sie alle vornüberschossen.

Ein jeder erwartete den zweiten Stoß, vielleicht auch das Zersplittern des Wagens, das Angstgeschrei der Passagiere, aber nichts dergleichen geschah – doch der Zug stand.

»Was war das?« rief Ellen zuerst.

»Beinahe hätte es ein Unglück gegeben,« antwortete Charles, »aber es sollte diesmal nicht sein. Es war gut, daß ich auf Sie fiel, Miß Thomson, sonst hätte ich mir einige Knochen zerbrochen.«

Da wurden schon vom Schaffner die Thüren aufgerissen und die Passagiere aufgefordert, auszusteigen. Jetzt sah man, daß es nur dem scharfen Blick des Lokomotivführers zu danken war, daß ein weiteres Unglück verhütet wurde. Er hatte schon von weitem gesehen, daß der Schienenstrang aufgerissen war, hatte den Zug gebremst, aber nicht verhindern können, daß die Maschine noch die gefährliche Stelle erreichte und in den Sand lief.

Nun saß sie fest, die Räder bis zur Hälfte in der Erde.

»Wie lange dauert es, ehe die Fahrt fortgesetzt werden kann?« fragte Lord Harrlington den Zugführer, der zuerst zu den Passagieren des Salonwagens kam, um ihnen Aufschluß über den Fall zu geben.

»Wir sind in einer sehr unangenehmen Lage,« sagte er bedauernd, »die Schienen müssen von frevelnden Händen abgehoben worden sein. Wir allein können die Maschine nicht wieder frei bringen, ich habe deshalb sofort einen Läufer nach Hughenden abgesandt, welcher einen Zug mit Hilfspersonal herbeiholen soll.«

»Wann wird dieser Zug kommen?«

»Von hier bis nach Hughenden sind es etwa achtzig Meilen, die läuft der Bote in zwanzig Stunden. Morgen um diese Zeit wird der Zug hier sein, und die Maschine kann frei gemacht werden und, wenn sie noch tauglich ist, weiterfahren. Sonst muß uns die neue Lokomotive schieben.«

Ratlos sahen sich die Reisenden an.

»Ja, ja,« lachte Charles, »wir sind hier in Australien und nicht in England. Achtzig Meilen wollen gelaufen sein.«

»Wie weit ist es von hier nach der nächsten Station vor uns?« fragte Harrlington den Zugführer weiter.

»Vierzig Meilen, aber von dort können wir keine Hilfe bekommen.«

»Und wann passiert hier der nächste Zug?«

»Uebermorgen um diese Zeit; sind wir aber noch nicht frei, so könnten Sie höchstens mit ihm zurückfahren. Uebrigens stelle ich Ihnen einstweilen alles zur Verfügung, was die Salonwagen des Zuges Ihnen bieten können, Betten, Lebensmittel und so weiter.«

Aergerlich stampfte Ellen mit dem Fuße.

»Wie weit ist es von hier nach der nächsten Farm?« fragte sie.

»Auch ungefähr zwanzig Meilen, sie liegt so ziemlich westlich von hier.«

»Wem gehört sie?«

»Einem gewissen Graves; von der nächsten Station aus führt direkt ein Weg nach dieser Farm hin, und für Wagen ist dort immer gesorgt.«

»Von Graves,« rief Ellen erfreut und wandte sich dann ihrer Gesellschaft zu, »das ist ja eben die Farm, wohin wir zuerst wollen. Natürlich brechen wir sogleich zu Fuß nach dort auf. In fünf bis sechs Stunden können wir sie erreicht haben.«

Das Mädchen blickte Lord Harrlington an, weil es von ihm einen Widerspruch erwartete, aber sonderbarerweise unterließ er es diesmal, ja, er war sogar sofort einverstanden. Harrlington hatte ein für allemal beschlossen, dem Mädchen nie mehr zu widersprechen, weil eine Gegenrede doch stets vergeblich war, und ganz besonders, wenn Lord Hastings und Sir Williams dabei waren, die am liebsten durch Dick und Dünn marschierten. Die einzige, welche ihm vielleicht beigestanden hätte, wäre Johanna gewesen, aber die kleinere Stimmenzahl würde jetzt, wie gewöhnlich, unterliegen.

Aber jemand sollte doch eine Gegenrede erheben, nämlich der Zugführer.

»Machen Sie einen solchen Versuch ja nicht, meine Herrschaften,« sagte er. »Warten Sie geduldig ab, bis wir Hilfe haben. Dringen Sie nicht in den Busch ein, ohne einen schwarzen Führer, sonst wissen Sie schon nach einer halben Stunde nicht mehr, wo Sie sind.«

»Oho,« lachte Ellen, »wir sind keine Stadtkinder. Ich bin in Wald und Prärie aufgewachsen und verlaufe mich nicht gleich, wenn ich keinen gepflasterten Weg vor mir habe.«

Der Zugführer warf einen prüfenden Blick auf die Sprecherin und sagte dann ernst:

»Trotz alledem lassen Sie sich davon abraten. Auch ich bin Amerikaner und kenne die Wälder und Steppen meiner Heimat, aber das ist hier etwas ganz anderes. Zu den zwanzig Meilen brauchen Sie nicht fünf bis sechs Stunden, sondern acht, denn der Weg durch den Busch ist äußerst beschwerlich. Außerdem würden Sie bald Wassermangel leiden müssen.«

»Giebt es hier keinen Bach oder Fluß?«

»Ein Bach fließt allerdings zwischen hier und der Farm, aber es ist sehr die Frage, ob Sie ihn finden werden, denn er macht große Krümmungen.«

»Wir werden ihn finden,« erklärte Ellen bestimmt. »Außerdem nehmen wir unsere Decken, Wasserflaschen und Lebensmittel mit. Wollen Sie die Güte haben und unser Gepäck an der nächsten Station abgeben, von wo wir es in kürzester Zeit abholen lassen werden.«

Der Zugführer sah, daß mit dieser Dame nichts anzufangen war, aber er hielt es für eine Tollkühnheit, ohne Führer im Busch vorzudringen, und nahm deshalb zu einem anderen Mittel Zuflucht.

»Außerdem,« fügte er hinzu, »können Sie sehen, daß diese Schienenstränge nicht durch ein Naturereignis, sondern durch Menschenhände in böser Absicht zerstört worden sind, und zwar bin ich fest überzeugt, daß es Buschrähndscher gewesen sind. Wir können von großem Glück sagen, daß die Sache so gut abgelaufen ist.«

»Was sollte die Buschrähndscher bewogen haben, den Zug zum Entgleisen zu bringen?«

»Ich vermute, daß sie ihn plündern wollten, aber durch irgend etwas verscheucht worden sind. Vielleicht haben sie auch erfahren, daß wir das nicht bei uns hatten, was sie erwarteten, und sich deshalb nach einer ausgiebigeren Beute umgesehen.«

»Oder die Buschrähndscher haben erfahren, daß ich im Zuge war, und sind davongelaufen,« meinte Charles.

»Jedenfalls ist aber die Gegend hier nicht geheuer, deshalb bitte ich Sie nochmals darum, unterlassen Sie es, durch den Busch nach der Farm vorzudringen,« schloß der Beamte.

»Wenn die Sache allerdings so steht,« lachte Ellen, »wenn unser Spaziergang vielleicht gefährlich verlaufen könnte, dann muß ich erst mit meinen Gefährten einen Kriegsrat abhalten. Wer von den Herren ist mit mir einverstanden, den Weg nach der Farm zu machen?«

Sie blickte im Kreise umher.

Lord Hastings nickte mit dem Kopfe, Charles blinzelte mit den Augen, und Harrlington musterte angelegentlich die versunkene Lokomotive. Da jetzt auch die drei Damen erklärten, lieber die sechs Stunden zu laufen, als vierundzwanzig Stunden oder noch länger hier zu warten, ohne vorwärtszukommen, so betrachtete Ellen ihren Vorschlag als angenommen.

Sie füllten die Flaschen mit Wasser und packten diese, ebenso wie einige Eßvorräte in Plaids, welche sie auf den Rücken schnallten, ließen sich genau die Richtung angeben und schritten dann ohne weiteres dem angrenzenden Busche zu, durch welchen nur der Weg für den Schienenstrang gehauen war. Sie waren alle mit Revolvern und Messern bewaffnet, wohl ausgeruht und getrauten sich daher, da es jetzt erst fünf Uhr morgens war, gegen Mittag die Farm zu erreichen, und dann sogleich auf Wagen oder Pferden den Weg nach der befreundeten Farm fortzusetzen, wo sie schon abends ankommen würden.

Kopfschüttelnd blickte der Zugführer den Abgehenden nach, die sich so ohne weiteres in eine Wildnis begaben, welche nicht einmal der in Australien geborene Farmer ohne Jagdgewehr, Hunde und sichere Führung betritt.

Rüstig drangen die Abenteurer durch den Busch, voran Lord Harrlington und Ellen, bald brachen sie die Zweige beiseite, bald umgingen sie dichtes Unterholz, immer dabei die Sonne im Rücken behaltend.

Nach einem langen Umweg zog Harrlington einen Taschenkompaß hervor und beobachtete die Nadel.

»Suchen Sie die Richtung?« fragte Ellen lachend.

»Allerdings, wir können leicht von ihr abkommen, wenn wir die Sonne nicht sehen.«

»Aber nicht ich, ich traue meinem Instinkt mehr als allen Kompassen. Sie können mir die Augen verbinden, und ich will Ihnen doch immer sagen, wo Nord, Ost, Süd und West ist.«

»Miß Petersen hat einen Indianer als Schullehrer gehabt,« meinte Charles. »Da sehen Sie, meine Herrschaften, jetzt steht sie still und lauscht, gleich wird sie das Ohr an die Erde legen.«

»Still,« sagte aber Ellen, »ich höre etwas, wahrscheinlich ist es eine Kuhglocke.«

»Obwohl wir erst eine Stunde gegangen sind?« fragte Jessy zweifelnd.

»Nein,« erklärte Charles, »wir werden gleich an einen Bach kommen, aber keine Kühe mit Glocken finden.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

In der That konnte man jetzt deutlich das Läuten eines Glöckchens vernehmen, und schon begann sich der Busch zu lichten. Gleich mußte man an eine Lichtung, vielleicht sogar an eine Farm kommen.

Als die Wanderer ins Freie traten, sahen sie wirklich einen Bach zu ihren Füßen fließen, aber von einer Ansiedelung keine Spur, ebensowenig von Rinderherden, und doch dauerte das Glockengeläute noch fort,

»Da sitzt Ihre Kuh und läutet,« sagte Charles und deutete auf einen großen Vogel, der am Ufer des Baches saß, und an dessen Schnabel- und Halsbewegungen man sehen konnte, daß er der Urheber dieser seltsamen Töne war.

»Waren Sie schon einmal in Australien, daß Sie das so genau wußten?« fragte ihn Miß Thomson.

»Das nicht, aber ich war vor einigen Jahren in der Schule, und da habe ich gelernt, daß es in Australien einen Glockenvogel giebt, der an den Bächen lebt und solche Töne von sich giebt. Außerdem soll er,« Charles zog seinen Revolver hervor, »sehr gut schmecken, wenn man ihn gebraten hat.«

Der Schuß knallte, und der Vogel fiel auf die Seite.

»So,« sagte Charles und hob das Tier auf, »es wäre der Anfang zum Frühstück; ich habe meinen Teil dazu geliefert. Nun fangen Sie jeder noch ein Känguruh, und wir können das Braten beginnen.«

Sie sprangen über den Bach, schritten über die Lichtung und drangen wieder in den Busch ein. Immer wilder wurde die Gegend, immer schwerer das Gehen in dem dichten Unterholz, aber niemandem fiel es ein, einen mutlosen Seufzer auszustoßen, waren sie doch etwa erst drei Stunden marschiert, und es war noch früher Morgen.

Als es Miß Murray gelang, noch einen rebhuhnartigen Vogel zu schießen, wurde allgemein beschlossen, für eine Stunde eine Frühstückspause eintreten zu lassen, und bald hatten die Herren an einem freien Platze ein Feuer angefacht, während die Mädchen sich mit dem Bereiten der Vögel beschäftigten.

Als sie dann alle um das Feuer saßen und sich das geröstete Fleisch und Brot trefflich schmecken ließen, herrschte wieder die animierteste Stimmung.

Mit neuem Mut ging es dann weiter, der Busch lichtete sich immer mehr, bis sie an einen Wiesenplatz kamen, der nur mit wenigen Gummibäumen besetzt war. Auch wurde der Weg unebener, und die Gegend artete schließlich in ein Hügelland aus.

»Das ist ja herrlich,« rief Ellen freudig, »ich habe mir ganz Australien öde vorgestellt, und hier wechseln immer saftige Wiesen mit Wäldern ab.«

Sie erstiegen den ersten Hügel, über den sie der Weg führte, weil die Wiesenfläche vom Busch eingerahmt war, und Lord Harrlington, oben zuerst ankommend, wollte eben den Abstieg beginnen, als er sich plötzlich umdrehte, zurückwinkte und sich auf den Boden warf.

Alle hatten den Wink verstanden und folgten seinem Beispiel, dann krochen sie langsam vorwärts, bis sie an der Seite des Lords, gerade auf dem Gipfel des Berges lagen, und was sie da sahen, erregte allerdings ihre Verwunderung.

Aus dem Gummiwald zur Rechten hüpften dunkle Gestalten, sprangen in langen Sätzen über die Wiese und verschwanden in dem gegenüberliegenden Busch. Deutlich konnte man sehen, wie jede immer in die Fußspuren ihres Vorgängers zu treten bemüht war. Zwanzig Männer waren auf diese Weise schon vor ihren Augen vorübergehüpft, aber noch immer kamen neue aus dem Walde hervor.

Die Entfernung war so gering, daß sie die Männer, ja selbst deren Gesichter, deutlich erkennen konnten.

Die Schwarzen waren fast nackt, nur um die Lenden trugen sie Schurze, und ihre Körper waren zwar mager, aber sehnig. Sie führten lange, hölzerne Wurfspieße, Keulen und winklig gebogene, flache Hölzer, sogenannte Bumerangs, mit denen die Eingeborenen Australiens geschickt zu schleudern verstehen, mit sich.

»Australneger,« flüsterte Harrlington, »sie befinden sich auf keinem friedlichen Wege, sonst würden sie sich nicht so vorsichtig bewegen. Da, jetzt kehren sie wieder um.«

Plötzlich hielt der ganze Zug, alle machten kehrt und rannten mit der größten Schnelligkeit zurück – es mußte sie irgend etwas erschreckt haben.

Dann kam einer hervor, größer und stärker gebaut als die übrigen, und schlich sich wie eine Schlange über den Rasen, blieb am Rande des Busches liegen, untersuchte dort etwas und kroch dann langsam an der Grenze der Wiese und des Busches weiter, die Augen dicht auf den Boden geheftet.

»Er sucht nach einer Spur,« flüsterte Ellen.

Jetzt drehte sich der Schwarze halb um und winkte zurück, worauf alle wieder aus dem Walde kamen, auf dem Bauche schleichend, und sich um den ersten sammelten, der wahrscheinlich ihr Häuptling war. Zuletzt lagen wohl vierzig Mann um diesen herum und hörten einer Erklärung zu.

»Möchte wohl wissen, was sie thun würden, wenn sie uns hier oben liegen und sich beobachtet wüßten,« meinte Charles. »Mir juckt es ordentlich in den Fingern, einmal am Revolver zu drücken.«

»Um Himmels willen,« bat Miß Murray, »machen Sie keine Dummheit! Die scheinen auf dem Kriegspfade zu sein.«

»Nun, wir sind Ihnen so ziemlich an Stärke gewachsen, jeder Revolver hat sechs Kugeln, und wir sind sieben.«

»Aber wir bekommen sie dann auf die Fährte und müssen entweder hastig fliehen oder sorgfältig jede Spur verwischen,« sagte Ellen. »Unterdrücken Sie einmal Ihr Gelüst, und schießen Sie nachher, wenn es niemand mehr hört!«

Der Häuptling verschwand im Busch und mit ihm die Hälfte seiner Leute, während die anderen über die Wiese zurück in den Gummiwald gingen.

»Hoffentlich treffen wir nicht mehr mit ihnen zusammen,« sagte Harrlington und stand auf, als der letzte sich seinen Blicken entzogen hatte. »Vorteil für uns kann eine Begegnung mit ihnen nie haben, sehr leicht aber Nachteile.«

Sie gingen den Hügel hinunter und drangen, nachdem sie immer in westlicher Richtung lange Zeit über Grasflächen geschritten waren, wieder in den Busch, der aber hier nicht dicht war.

Bergauf, bergab ging es, immer durch Wälder von Gummi- oder Pfefferminzbäumen, über Wiesen und Steppen; die Stunden verstrichen, und Ellen behauptete fest, daß sie bald in die Nähe der Farm kommen müßten. Hätte sie sich in der Richtung jemals getäuscht, sagte sie, so wolle sie augenblicklich nach diesem Ausflug nach New-York zurückfahren. Natürlich könnten sie etwas unterhalb oder oberhalb die Farm erreichen, aber eine solche sei groß, die Wiesen erstreckten sich meilenweit, und überall herrschte auf ihnen Leben, also sei nicht zu befürchten, daß sie an der Ansiedelung vorbeilaufen würden.

Als sie wieder nach Passierung eines Waldes eine weite, etwas hügelige Grasfläche erreichten, blieb Lord Hastings plötzlich stehen, sah nach der Uhr und sagte:

»Ich schlage vor, wir lagern uns hier für eine oder zwei Stunden. Es ist jetzt zwölf Uhr, also sind wir sieben Stunden fast ununterbrochen gelaufen, und ob wir nun zum Mittagsessen oder später in die Farm von Mister Graves kommen, kann uns doch gleichgiltig sein.«

Niemand widersprach ihm, alle waren mit dem Vorschlag einverstanden, denn die Wanderung durch die Wildnis war für alle, die das Gehen nicht mehr gewohnt waren, und besonders für die Damen, sehr ermüdend gewesen, obgleich sie es nicht hatten eingestehen wollen. Jetzt aber warfen sie sich ohne weiteres in den Schatten eines Pfefferminzbaumes, um hier die heißesten Stunden des Tages zu verträumen.

Es wurde noch geplaudert, Pläne wurden entworfen, wie man von der Farm aus Jagdausflüge machen wollte, dann folgten alle dem Beispiele Lord Hastings, der schon seit langem keinen Laut von sich gab, das heißt, sie legten sich bequem hin und bedeckten sich das Gesicht mit den Taschentüchern, um nicht von den Mücken belästigt zu werden. .

Eine halbe Stunde mochten sie so gelegen haben; nichts unterbrach die Stille, die überall herrschte, als Miß Murray plötzlich das Tuch vom Gesicht riß und aufmerksam lauschte.

Es war ihr immer schon gewesen, als hätte sie ein leises Geräusch gehört, und je länger sie so ruhig dalag, desto deutlicher klang es an ihr Ohr.

Fast klang es wie das Murmeln eines Baches, der über Steine dahinplätschert, und da sie gerade an Wasser dachte, so bemerkte sie, daß sie eigentlich recht durstig war. Sie richtete sich auf, schnürte das Plaid auf und entnahm ihm die Wasserflasche.

Aber ach, das Wasser war fast lauwarm geworden und schmeckte so fade, daß sich nach seinem Genuß der Durst nur steigerte.

Aber könnte es nicht sein, dachte Jessy, daß hier in der Nähe eine Quelle fließt? Das Land ist hügelig, und der Zugführer sagte, wir würden auf einen Bach stoßen, und den, welchen wir gleich anfangs trafen, hat er jedenfalls nicht gemeint. Auch liegt die Farm an einem Flusse, und dieser hat jedenfalls Zuflüsse.

Wieder lauschte sie angestrengt, und deutlicher als vorhin vernahm sie das Murmeln eines Baches.

Jessy warf einen Blick auf die Herren und Damen; sie lagen alle so still da, als wenn sie schliefen, und wahrscheinlich war es so – sie hätte vor Durst nicht mehr schlafen können. Leise stand sie auf, nahm die Flasche und schlich sich auf den Zehenspitzen, um die Schläfer nicht zu stören, dahin, wo sie das Rauschen des Wassers vernahm. –

Als Harrlington aus dem Schlafe erwachte, wußte er nicht, wie lange sie so gelegen hatten, aber die Uhr belehrte ihn, daß bereits über zwei Stunden verflossen waren.

»Auf!« rief er und sprang vom Rasen empor, »die größte Hitze ist vorüber, und in der Farm können wir uns noch genügend ausruhen.«

Die anderen waren bald ermuntert und auf den Beinen, nur bei Lord Hastings hatte es seine Schwierigkeiten. Er gähnte und streckte sich noch am Boden, als Johanna plötzlich ausrief:

»Wo ist denn Miß Murray?«

Ihr Plaid war noch an derselben Stelle, wo sie gelegen hatte, aber sie selbst war nicht zu sehen.

»Sie wird etwas spazieren gegangen sein, suchen Sie sie, meine Damen, während ich das Plaid schnüren werde,« sagte Charles und bückte sich wieder, um die zerstreuten Sachen zusammenzulesen. Schon wollten die drei Mädchen sich wirklich im Walde zerstreuen, als Charles wieder rief:

»Halt, die Wasserflasche fehlt; mir ist, als hätte ich vorhin im Traum das Plätschern eines Baches gehört.«

Alle stimmten ihm sofort bei, daß auch sie ein ähnliches Geräusch gehört hätten.

»Nun, dann können wir sie leicht finden, sie wird Durst gehabt haben und kurz, ehe wir aufgestanden sind, dem Plätschern nachgegangen sein. Still jetzt, damit wir es wieder hören und uns darnach richten können.«

Sie blieben ruhig stehen, und Charles deutete nach der Richtung, die von einem Hügel verdeckt wurde.

»Von dort kommt es, und dort wird Miß Murray sein.«

Lord Hastings war sofort erregt aufgesprungen, als er hörte, daß Miß Murray fehlte, und als erster stürmte er der bezeichneten Richtung zu. Allen voran erkletterte er den Hügel und stieg ihn auf der anderen Seite wieder hinunter, doch als auch die anderen oben angelangt waren, erschraken sie über das Gesicht Lord Hastings', der an einem kleinen Wasserfall stand und – sprachlos Miß Murrays Wasserflasche in den Händen hielt.

Im Nu stand Ellen neben ihm.

»Wo ist Jessy, haben Sie sie schon gesehen?«

Verneinend schüttelte der Lord den Kopf, aber da schrie Johanna plötzlich auf und deutete auf einige Büsche, die neben dem Wasserfall auf dem steinigen Boden, ihr Dasein fristeten.

»Sehen Sie hier!« rief sie. »Die Zweige sind abgeknickt, abgerissen, an mehreren Stellen zugleich, als hätte sich jemand mit Gewalt daran festgeklammert.«

»Sie kann doch unmöglich ins Wasser gefallen sein,« sagte Hastings kleinlaut, »es ist ja viel zu flach, als daß jemand fortgespült werden könnte.«

»Daran ist nicht zu denken,« meinte Ellen, »die Zweige sind übrigens auf der anderen Seite abgerissen. Wenn nur der Boden nicht so steinig wäre.«

Ein Ruf von Charles rief alle nach einer anderen Stelle.

Der Baronet stand vor einer kleinen Felsplatte und deutete stumm mit der Hand auf diese. Sie gab die Lösung des Rätsels: auf ihr konnte man deutlich den nassen Abdruck eines großen, nackten, männlichen Fußes erkennen, die Sonne hatte noch nicht Zeit gehabt, das Wasser zu trocknen.

»Australneger!« sagte Harrlington leise, und sich dann zusammennehmend, fuhr er fort, »Miß Murray ist von Schwarzen entführt worden, sehr lange kann es nicht her sein, sonst wäre das Wasser vollständig verdunstet; aber eine Stunde mag immerhin verstrichen sein, denn die Luft ist hier bei der Quelle kühler und feuchter. Wir wollen uns schnell verteilen und suchen, ob wir sonst etwas finden, was uns über den Verbleib von Miß Murray Aufschluß giebt.«

Alle folgten seiner Anweisung, sie suchten die ganze Umgebung ab, aber keine Spur war zu bemerken, daß hier vor kurzer Zeit Leute gewesen wären. Nur einmal noch fand Ellen die Zehenabdrücke eines nackten Fußes im weichen Lehmboden.

Charles behauptete zwar, es wäre ein anderer Fuß als der vorige, die Zehen wären viel kleiner, aber das konnte jetzt auch nichts mehr nützen. Thatsache war: Jessy war von einem oder mehreren Australnegern geraubt worden.

Lord Hastings wollte erst gleich die Verfolgung aufnehmen, sah dann aber die Thorheit dieses Unternehmens ein. Es wurde vielmehr beschlossen, jetzt so schnell, als es ihre Füße erlaubten, nach Mister Graves Farm zu eilen, wo der mit den Sitten der Eingeborenen vertraute Besitzer gewiß sich und seine Leute ihnen zur Verfügung stellen würde, und der außerdem vielleicht Hunde oder die mit gleichem Instinkt begabten Eingeborenen auf die Spur Jessys leiten konnte.«

Sie merkten sich noch genau, wo der Wasserfall lag, und setzten dann eiligst den Weg fort, ohne ein Wort mehr zu sprechen.

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