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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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44.

Das Picknick.

Charles stand auf, ebenso Miß Thomson.

»Lassen Sie uns wenigstens einstweilen unseren Theetisch herrichten,« begann letztere, »sonst wundern sich die Nachkommenden über unsere Saumseligkeit.«

Das Mädchen öffnete den Korb und packte Tücher, Porzellanschüsseln, Kannen, Tassen und Brot aus, wobei sie von dem Baronet thatkräftig unterstützt wurde.

»Wenn Sie so weiter hantieren,« meinte sie, als unter seinen Händen bereits die zweite Tasse zerbrach, »so werden wir nachher mit den Theetassen zu kurz kommen.«

»Dann trinken wir abwechselnd aus der Theekanne, das macht nichts weiter. Sie haben doch in der Schule gelernt, daß unsere Vorfahren, die Angelsachsen, auch bei ihren Trinkgelagen nur einen Topf benutzt haben! Warum sollen wir es denn nicht auch so machen?«

»Nein, nun wird's aber doch zu viel, Baronet, jetzt laufen Sie mit Ihren lehmigen Stiefeln über das weiße Tischtuch weg,« rief Betty unwillig und betrachtete entrüstet das schöne Linnen, über welches Charles soeben gleichmütig gegangen war, um die Löffelchen auszuteilen, und welches nun mit gelben Erdflecken den Weg bezeichnete, den er zu diesem Zweck genommen hatte.

»Habe ich Ihnen nicht gleich gesagt, Sie sollten kein Tuch mitnehmen?« entgegnete aber Charles. »Zu einem richtigen Picknick, oder Nickpick, wie Hannes sagt, muß man von der Erde essen, aus dem Hut trinken und das Brot mit dem Taschenmesser schneiden, sonst ist es kein Picknick.«

»Haben Sie schon einmal ein solches mitgemacht?« fragte lachend das Mädchen.

»Gewiß, schon unzählige Male. Fragen Sie nur Sir Hendricks, der wird Ihnen vorschwärmen, wie schön das immer gewesen ist. Theetassen haben wir überhaupt niemals mitgenommen, aber stets einen ganzen Wagen voll Bierfässer, und letzten Frühling, im vorigen Jahr, als wir gerade in Richmond hausten, da hat Lord Hastings aus dem nächsten Dorf ein Schaf gestohlen. Wir waren eben beim besten Braten, als die Dorfbewohner mit Knütteln und Dreschflegeln kamen und uns, die sie für Zigeuner hielten, so auf den Leib rückten, daß aus dem Picknick eine förmliche Schlacht wurde.«

»Und das nennen Sie ein lustiges Vergnügen? Ich danke für solche Unterhaltung.«

»Sie sind eben noch nicht hinter den richtigen Geschmack gekommen. Probieren Sie es erst einmal, und Sie werden solche urwüchsige Picknicks allen anderen vorziehen. Nun gehen Sie aber in den Wald, Miß Thomson, und schleppen Sie Brennholz zusammen, während ich die Butterbrote schneiden werde.«

»Wollen wir nicht lieber die Rollen tauschen?« lehnte aber das Mädchen lachend diesen Vorschlag ab. »Sie haben sich bereits mit einem solch großartigen Ungeschick benommen, daß ich es nicht verantworten kann, wenn ich Ihnen auch noch ein Messer in die Hand gebe.«

Aber Charles hatte bereits ein Brot und ein Messer genommen und schickte sich an, sein Werk zu beginnen.

»Oho,« sagte er, »ich bin von allen Herren des ›Amor‹ der geschickteste Brotschneider. Nehmen Sie dort den Laib, wir wollen einmal sehen, wer seines zuerst in Scheiben geschnitten und mit Butter bestrichen hat. Der letzte muß dann das Brennholz sammeln.«

»Gut, ich bin damit einverstanden,« entgegnete Betty und griff ebenfalls nach Messer und Brotlaib. »Da ist Ihr Stück Butter, richten Sie es aber so ein, daß die Butter gerade für das Brot langt. Männer streichen gern zu dick auf.«

»Soll ganz genau abgepaßt werden!« tröstete Charles. »Sind Sie bereit? Eins, zwei, drei, los!«

Das Mädchen hatte von dem großen Brot eben die dritte Scheibe abgeschnitten und bestrichen, als Williams schon rief:

»Ich bin fertig! Sie auch?«

Erstaunt blickte Betty nach dem Platz, wo der Baronet stand, und sah nun, daß er seine Butterbrote zuerst fertig hatte, aber es waren deren nur zwei. Er hatte einfach den Laib mitten durchgeschnitten und die Hälfte des Butterstücks auf je eine Seite gestrichen.

»Wer soll denn diese ungeheuer dicken Brote essen?« fragte das Mädchen. »Sie haben beim Schneiden derselben wohl an einen Bären gedacht?«

»Das nicht. Eins davon bekommt mein Freund Hastings, das andere ich. Wir beide essen immer so, ersparen dabei viel Zeit, und es ist unserer Gesundheit auch sehr zuträglich.«

»Ich möchte einmal einen Tag auf dem ›Amor‹ sein, ich glaube, über das, was man da zu sehen bekommt, könnte man eine Komödie schreiben.«

»Jedenfalls geht es dort viel praktischer zu als auf der ›Vesta‹.«

Charles erklärte nun dem fortwährend lachenden Mädchen in seiner drastischen Weise, wie sie an Bord ihres Schiffes sich in die häuslichen Arbeiten teilten, wenn die Heizer durch den Dienst der Maschine nicht zu diesen herangezogen werden könnten, und schließlich war es ihnen doch gelungen, den improvisierten Theetisch herzustellen. Charles hatte Brennholz gesammelt, und Betty war eben damit beschäftigt, ein Feuer zwischen zwei Steinen anzufachen, als die beiden pustenden und lachenden Leutchen etwas sahen, was sie veranlaßte, in ihren Bemühungen einzuhalten und den erstaunten Blick nach der Brücke zu wenden.

Dieselbe wurde von einem Manne passiert, welcher den schwankenden Baumstämmen nicht zu trauen schien, oder vielleicht auch fürchtete, vom Schwindel befallen zu werden und in die Tiefe zu stürzen, weshalb er es vorzog, den kurzen Weg nach Art der Tiere zurückzulegen. Er lag also auf den Knieen, sich dabei auf die Hände stützend und bewegte sich langsam vorwärts.

Auf der anderen Seite richtete er sich auf und schritt nach der halsbrecherischen Treppe, welche er in gleicher, vorsichtiger Weise, und zwar rückwärts, hinabkletterte.

Verwundert hatten sich unsere beiden Freunde das Benehmen des Fremden angesehen, dessen knochendürre Gestalt mit einem gelbkarrierten Anzug bekleidet war. Seine ängstlichen, unsicheren Bewegungen verrieten, daß er kein Freund von solchen Spaziergängen war, bei denen man den Hals riskieren mußte, sondern daß er lieber zu Hause hinter seinem Schreibtisch blieb.

»Mir wird unheimlich!« flüsterte Charles seiner Begleiterin zu. »Dieser Mensch hat etwas Böses im Sinne. Er schleicht gerade wie ein Indianer auf der Kriegsfährte, sehen Sie nur, wie sorgfältig er unsere Spuren untersucht.«

Der Gelbe versuchte eben, das eine Bein weit nach unten streckend, eine Stufe zu fassen, was ihm nicht gelingen wollte, weil er den einen Stein links übersah, und bei diesem Manöver lag er mit dem Kopf fast auf der Erde. Die beiden hatte er noch nicht bemerkt, ebensowenig das auf dem Rasen ausgebreitete Tischtuch mit dem Geschirr darauf.

»Der Mann ist kurzsichtig,« gab Betty ebenso leise zurück, »er hat ja eine Brille auf. Wir sollten ihm lieber helfen.«

»Thun Sie es nicht,« bat aber Charles. »Ich habe schon Indianer gesehen, die Brillen aufsetzten, wenn sie auf den Kriegspfad gingen. Haben Sie schon von Australnegern gehört? Das wird sicher einer sein.«

»Lassen Sie doch Ihren Unsinn! Jetzt hat er uns gesehen und kommt auf uns zu. Der Mann muß wirklich sehr kurzsichtig sein.«

Der Gelbe zog, als er die beiden vor dem Feuer stehen sah, den Strohhut vom Kopf und näherte sich ihnen mit mehreren Verbeugungen. Unglücklicherweise bemerkte er aber nicht das Tischtuch, sondern nahm seinen Weg gerade über dasselbe hinweg, stolperte erst über die Zuckerdose, trat in den Butternapf und dann in einen Teller mit Brotschnitten. Doch merkte er dies nicht, er mochte glauben, in Lehmboden getreten zu sein und schritt mit verlegenem Gesicht weiter.

»Halt,« rief aber da Charles und trat vor, »das geht nicht, daß Sie Ihre Stiefel mit unseren Butterbroten besohlen.«

Dabei hob er erst das rechte, dann das linke Bein des Ankommenden ungeniert in die Höhe und löste von jeder Sohle eine Brotschnitte ab. Jetzt erst bemerkte der Fremde, was er angerichtet hatte, und sein Gesicht nahm, während er sich von dem freimütigen Charles wie ein Pferd behandeln ließ, dessen Hufe untersucht werden, einen so kläglichen, ängstlichen Ausdruck an, daß Miß Thomson sofort freundlich zu ihm sagte:

»Haben wir nicht die Ehre, Mister Jenkins vor uns zu sehen? Es ist wohl nicht anders möglich, denn den anderen Herrn vom Eishaus, Herrn Elidoff, haben wir bereits gesprochen. Und dieser hat uns von Ihnen erzählt. Wollen Sie an unseren Picknick teilnehmen? Die übrige Gesellschaft muß gleich nachkommen.«

Der Angeredete suchte mit stammelnden Worten nach einer Entschuldigung, und die beiden merkten jetzt, daß der Russe recht gehabt hatte, als er von Mister Jenkins erzählte, daß er stottere, und der Spott, mit dem er den Fehler seines Buchhalters schilderte, hatte damals den Unwillen von Charles erregt.

Endlich hatte dieser herausgebracht, daß Jenkins den Mister Elidoff im Walde gesucht habe, wo er nachmittags gewöhnlich Spaziergänge mache.

»Ich habe leider nicht das Vergnügen gehabt, den Herrn zu sehen,« meinte Charles, »vorhin habe ich allerdings einmal zwischen den Bäumen ein behaartes Gesicht erblickt, aber es für das eines Affen gehalten. Lassen Sie ihn laufen und bleiben Sie hier, Mister Jenkins! Es wird Ihnen auch angenehm sein, eine Stunde zwischen gebildeten Menschen zu verkehren, wo Sie nur auf den Verkehr mit Insulanern angewiesen sind.«

»Ich da–da–danke sehr,« sagte Jenkins, »ich muß Mister Eli–do–do–doff aufsuchen, ich habe eine große Du–Du–Dummheit gemacht.«

Und fort war er schon wieder. Die beiden sahen den gelben Anzug gleich darauf zwischen den Bäumen auf der anderen Seite verschwinden.

»Ehrlich ist er,« meinte Charles, »er sagt uns wenigstens die Wahrheit, daß er eine Dummheit gemacht hat, die er wahrscheinlich seinem Herrn erzählen muß.

Hören Sie, Miß Thomson, seien Sie einmal ganz offen ...«

Charles blieb stecken.

»Nun? Sie wissen doch, daß ich immer offen bin. Mir können Sie wenigstens nicht nachsagen, daß ich Ihnen jemals eine Schmeichelei gesagt habe.«

»Das ist es eben,« rief Charles ärgerlich. »Obwohl ich doch, wie auch Sie heimlich zugeben müssen, der beste, bravste, rechtschaffenste Mensch unter der Sonne bin, behaupten Sie doch immer das Gegenteil.«

»Das habe ich niemals gethan, aber allerdings habe ich auch keine Gelegenheit, an Ihnen einen Vorzug hervorzuheben,« lächelte Betty.

»Das hätten Sie nicht?« sagte Charles entrüstet. »Stehle ich etwa? Haben Sie mich jemals betrunken gesehen?«

»Das sind alles negative Vorzüge!« lachte Betty.

»Kann ich nicht ausgezeichnet Butterbrote schneiden und Feuer anmachen?«

»Auch damit bin ich nicht so sehr zufrieden. Aber warum stellen Sie diese Fragen?«

»Hm,« brummte Charles verlegen, »was meinen Sie wohl, würde ich nicht einen ganz vorzüglichen Ehemann abgeben? Denken Sie einmal, meine Frau würde zum Beispiel ein Dienstmädchen gar nicht brauchen, ich schäle Kartoffeln, putze das Gemüse, koche Essen, mache Feuer an – –«

»Halt,« unterbrach ihn Betty. »Sie kommen schon in die Brüche mit Ihrer Kochkunst. Bei mir müßte erst Feuer angemacht und dann das Essen gekocht werden –«

»Da Sie nun gerade von sich sprechen, was ich gar nicht that, so will ich eine andere Frage stellen,« und Charles trat dicht vor das Mädchen hin, nahm dessen beide Hände fest in die seinigen und wurde plötzlich ernst.

Sie versuchte, sich freizumachen, errötete dann über und über und ließ es willenlos geschehen, daß der junge Mann einen Arm um ihre Taille legte.

»Betty,« flüsterte Charles, den Mund dicht an das Ohr des Mädchens bringend. »Warum wollen wir länger ein solch kindliches Spiel treiben? Sie haben doch längst gemerkt, wie sehr ich Sie liebe, wie ich mich immer nur mit Ihnen beschäftige, bei Ihnen sein möchte –«

»Um Gottes willen, Charles,« hauchte das Mädchen. »Nicht jetzt, da die anderen jeden Augenblick kommen müssen! Wenn wir gesehen werden!«

»Seien Sie ruhig, wir haben nichts gesehen, liebes Fräulein,« sagte da eine Stimme oben auf dem Hügel, und als die beiden Erschrockenen sich umwandten, sahen sie den Diener von Charles, der eben mit Miß Staunton, ebenfalls einen Korb tragend, die Treppe hinabkletterte.

»Verfluchter Bengel,« brummte Charles und bückte sich, um das Feuer anzublasen, während sich das ganz rot gewordene Mädchen mit den Theetassen zu schaffen machte.

»Sie kommen!« rief Hope fröhlich und sprang auf Betty zu. »In fünf Minuten ist die ganze Bande da.«

»Wer?« fragte Miß Thomson erstaunt.

»Nun, ich meine die Herren und Damen,« verbesserte sich das junge Mädchen. »Ist das aber ein schöner Platz!«

»Sehr geeignet zu einem Nickpick« bestätigte Hannes, der sich mit kritischem Blick umsah und dann seinen Korb öffnete.

»Picknick heißt es,« lachte Hope, »ich habe es ihm unterwegs schon zwanzigmal gesagt, aber er bleibt dabei, daß Nickpick richtig ist. Den ganzen Kuchen hat er auch schon aus dem Korbe gegessen,« setzte sie in wehmütigem Tone hinzu.

»In dem anderen ist mehr,« tröstete sie Hannes und fügte dann, zu den anderen beiden gewandt, hinzu: »Uebrigens habe ich mit ihr teilen wollen, aber sie aß nur einige Stückchen.«

»Und du hast – Sie haben die vier riesigen Kuchen allein gegessen, die in dem Korbe waren?« rief Charles erstaunt.

»Pah,« entgegnete sein Diener geringschätzig, »was machen Sie da für ein großes Geschrei! Die Butter habe ich mir auch noch darauf geschmiert, aber sie langte nicht einmal.«

Der Baronet hatte nicht mehr Zeit, den unverschämten Burschen über dessen neuen Streich zur Rechenschaft zu ziehen, aus dem Walde kamen die übrigen Herren und Damen, einige mit Körben beladen, und im nächsten Momente herrschte auf dem sonst so stillen Platze das regste Leben.

Die Szene, welche sich schon beim Herrichten des Theetisches zwischen Charles und Betty abgespielt hatte, wiederholte sich noch an fünf verschiedenen Plätzen, überall flackerten Feuer auf, unter Scherzen und Lachen wurde der Thee bereitet, die Butterbrote geschnitten, gedeckt serviert, bis eine halbe Stunde später alle friedlich nebeneinander saßen und sich unter freiem Himmel auf grünem Rasen die mitgenommenen Lebensmittel köstlich schmecken ließen.

Als dann der Kreis geschlossen und Gesellschaftsspiele arrangiert wurden, brach eine solche Heiterkeit unter den jungen Leutchen aus, die hier, weit, weit von ihrer Heimat entfernt, in Australien nach altenglischer Sitte ein Picknick im Walde veranstalteten, daß selbst die ernsteren von ihnen, wie zum Beispiel John Davids, mit fortgerissen wurden. Lord Hastings war nicht mehr zu erkennen; er hatte sein brummiges Gesicht und Wesen vollkommen abgestreift, und da zeigte es sich mit einem Male, daß er, wenn auch gerade kein Poet wie Marquis Chaushilm, doch ein Knittelversmacher war, der seinesgleichen suchte, und ein allgemeines Händeklatschen brach aus, als Hannes, der Leichtmatrose, plötzlich dasselbe Talent entwickelte und sich nun die beiden in Reimen unterhielten.

Zwei Stunden mochten so verstrichen sein, als ein plötzlicher Windstoß durch die Blätter des Waldes sauste. Aller Augen wandten sich dem Himmel zu, und ebenso schnell sprangen sie erschrocken auf, denn plötzlich hörte man ein Heulen im Walde. Auf den freien Platz fiel ein förmlicher Regen von abgerissenen Blättern nieder, und die Bäume auf dem Hügel, die dem Winde am meisten ausgesetzt waren, bogen sich, daß sie mit den Wipfeln fast den Boden berührten.

Niemand hatte während des Geplauders darauf geachtet, daß am Himmel schwere Wolken aufgezogen waren, daß sich die Temperatur plötzlich abgekühlt hatte, kurz, sich ein Orkan ankündigte, wie er in den tropischen Ländern so schnell auftritt, wenige Stunden wütet und dann ebenso schnell wieder nachläßt, die Gegenden, über die er hingezogen, mit entwurzelten Bäumen und abgedeckten Häusern zurücklassend.

Schnell warfen sie das Geschirr in die Körbe und traten dann eiligst den Rückweg an, um wenigstens an die Küste zu kommen, wo ein solcher Sturm weniger zu fürchten ist, als im Walde, denn leicht kann einen ein stürzender Baum treffen und zu Brei quetschen. – –

Händeringend wanderte Nancy in der kleinen Stube auf und ab, und nur, wenn sie an dem Fenster vorbeikam, blieb sie jedesmal einen Augenblick stehen, lehnte die heiße Stirn an die Scheiben und blickte hinaus auf das Meer, dessen ganze Wildheit entfesselt zu sein schien. Vor wenigen Stunden noch war es glatt wie ein Spiegel gewesen, und nun zischte und brauste es, die schaumgekrönten Wogen kamen mit donnerndem Gebraus gegen die schwache Küste gerannt, als wollten sie die Insel verschlingen, und kehrten jedesmal zurück, um noch größeren Platz zu machen.

Vollkommene Finsternis hätte geherrscht, wenn nicht der Himmel fortgesetzt von zuckenden Blitzen erleuchtet worden wäre; bald zuckten sie links, bald rechts wie feurige Schlangen durch die Luft, gefolgt von krachendem Donner, und deutlich konnte man sehen, wenn der Blitz ins Wasser eingeschlagen hatte, dann spritzte am Horizonte eine hohe Wassersäule auf, und der Donner rollte, daß den Insulanern sich das Haar vor Entsetzen sträubte. Es war glücklicherweise nicht die Zeit, zu der sich alle Fischer draußen beim Fang befanden, nur wenige hatten schon die Fahrt begonnen, und darunter war auch Björnsen, der am Morgen mit Harris die Segel seines Fischewers gehißt und unter dem Abschiedswinken seines Weibes die Bucht verlassen hatte.

Es war nicht das Unwetter, welches der jungen Frau solche Furcht einjagte, weil ihr Mann sich jetzt an Bord eines Fahrzeuges befand, das wie eine Nußschale vom Sturm auf den ungeheuren Meereswogen umhergeschleudert wurde; sie war das Kind eines Fischers, also mit dieser Gefahr vertraut, sie wußte, daß ein beherzter, kräftiger Mann sein Boot wohl gegen den Sturm halten könnte und sich nur hüten müsse, in die Nähe der Küste zu kommen, weil dort das Fahrzeug zerschmettert würde, und Björnsen wie Harris waren Männer, welche sich nun gewiß gegenseitig festgebunden hatten und sich ruhig erzählten, während ihr Schiffchen ohne Segel bald hoch auf einer Woge schwebte, bald sich tief im Wasser barg, sodaß die Wellen selbst bis über ihren halben Leib hinaufschlugen. Nein, das war es nicht. Nancy war das Weib eines Fischers, und deshalb hatte sie keine Sorge um ihren Mann, aber ein unbestimmtes Etwas trieb sie immer wieder an, den Stickrahmen beiseite zu werfen, und, den rastlosen Gang durch das Zimmer aufnehmend, manchmal in Seufzer auszubrechen, um sich dann wieder Vorwürfe über ihre grenzenlose Angst zu machen. Es war ja nicht das erste Mal, daß ihr Geliebter, jetzt ihr Mann, draußen auf dem tobenden Ozean war, und dazu war er jetzt noch von einem kräftigen Manne begleitet, von Harris, während er früher nur mit dem alten, gebrechlichen Knechte gefahren war.

Aber all dieses Einreden half ihr nichts; eine immer stärkere Unruhe bemächtigte sich des jungen Weibes, das schließlich in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach und sich endlich vor einem Stuhle in die Kniee warf, ihr Gesicht in den Händen vergrabend.

Da klopfte es an die Thür, erst leise, dann immer lauter, und als niemand zum Hereinkommen aufforderte, wurde sie geöffnet, und der vom Sturm zerzauste Kopf Jenkins' ward in der Spalte sichtbar.

»Nancy,« rief er, als er das Weib vor dem Stuhle liegen sah, »Nancy, wo ist dein Mann?«

Das Weib richtete sich plötzlich auf; es war etwas in dem Klange dieser Stimme, das ihr Schreckliches zuflüsterte, und als sie in das Gesicht des Fragers blickte, sah sie verstörte Züge, glanzlose Augen, die gespannt an den Lippen des Weibes hingen.

»Er ist auf See,« entgegnete sie.

»Ist er allein?« stieß der Mann hervor. Alles an ihm verriet Angst, er schien kaum warten zu können, bis er Antwort erhalten hatte, man merkte nicht, daß er an einem Sprachfehler litt.

»Nein, Harris ist bei ihm.«

»Harris!« schrie Jenkins auf. »Unglückliche, weißt du nicht, daß Harris deines Mannes größter Feind ist?«

»Harris?« wiederholte die Frau stutzend. »Nie kann ich das glauben. Mein Mann hat keinen besseren Freund als diesen. Was bringt Euch auf eine solche Idee?«

»Ich muß es dir sagen, und wenn dir auch der Schreck den Tod brächte. Ich habe eben Jacko und Mister Elidoff zufällig im Walde belauscht, wie ersterer von dem Russen Geld forderte, um sein Schweigen zu erkaufen.«

»Was geht mich dies alles an?«

»Elidoff hat Harris dafür gewonnen, mit deinem Manne zu fahren und ihn auf hoher See zu morden. Glaub' es mir, glaub' es,« fuhr er eindringlich fort, als Nancy ungläubig den Kopf schüttelte, dabei aber wie geistesabwesend vor sich hinstarrte. »Noch ist es vielleicht Zeit, ihn zu retten.«

»Jenkins!« schrie da Nancy auf, »bedenkt, wie Ihr mich foltert, mit dem, was Ihr mir da sagt! Was sollte Harris dazu verleiten, meinen Mann zu töten, was den Elidoff, einen Mörder zu werben?«

»Harris liebt dich, ich habe es vorhin bestimmt erfahren, und der Russe hat irgend einen Grund, deinen Mann zu fürchten, und so ist also Björnsens Tod beschlossen. Wohin willst du? Du kannst dich draußen nicht aufrecht halten, so wütet der Sturm.«

Aber Nancy war schon fort.

Mit aufgelöstem, fliegenden Haar kämpfte das Weib auf der Landstraße gegen den Sturm an, es klopfte an jede Thür, es bat und beschwor die öffnenden Fischer, mit ihr nach dem Ewer ihres Mannes zu suchen. Kopfschüttelnd betrachteten die Männer Nancy, sie hielten sie für wahnsinnig, daß sie von jemandem verlangte, jetzt auf die See zu gehen. Kein Mensch konnte bei diesem Sturme von der Küste abkommen. Noch bevor die Tollkühnen einige Ruderschläge gemacht hätten, ehe sie das Sturmsegel setzen konnten, hätte das Boot schon zerschmettert auf dem Strande gelegen. Sie waren gern bereit, ihr Leben für einen Kameraden zu wagen, aber das, was Nancy verlangte, war eine Unmöglichkeit.

Und außerdem, sie glaubten nicht, was ihnen das Weib da erzählte, alles wirr durcheinander mengend, Mord, Liebe und Freundschaft.

Verzweifelnd gelangte Nancy an das letzte Haus im Dorfe.

Es war noch nicht so spät am Abend, es herrschte nur eine Finsternis, welche der Nacht glich, und so waren auch die Bewohner des Häuschens noch alle wach. Nancy eilte an den hellerleuchteten Fenstern vorbei, kämpfte gegen den Sturm, bis sie die Thür erreichte, und riß diese auf.

Ihr erster Blick in die Stube belehrte sie, daß diese von einigen jener vornehmen englischen Herren und Damen besetzt war, welche erst vor einigen Tagen in ihren eigenen Schiffen an der Insel gelandet, um sie zu besichtigen. Wahrscheinlich hatten sie sich, von einem Spaziergange kommend, wegen des Sturmes hierhergeflüchtet.

Nancy war diesen eleganten Gestalten immer ausgewichen, jetzt aber schoß es ihr blitzartig durch den Kopf, ob vielleicht diese Leute, welche nur aus Liebhaberei die See befuhren, und deren Geschicklichkeit im Segeln und Rudern, bei den Herren, wie bei den Damen, sie schon mit eigenen Augen beobachtet hatte, ob vielleicht diese sie hinaus auf den wütenden Ozean begleiten würden. Die Fischer hatten recht, in ihren schweren, plumpen Booten konnten sie nicht vom Strande abkommen, aber diese Sportsleute, die beim tollsten Sturm Vergnügungsfahrten unternahmen, besaßen schlanke, scharfgebaute Kutter, mit denen ein Abkommen vom Strande wohl möglich gewesen wäre.

Nancy flehte erst den alten Fischer an, sie in seinem Ewer auf die See zu begleiten. Der Mann schlug es ihr rundweg ab, es sei unmöglich, sagte er, aber ehe noch Nancy ihren Entschluß ausgeführt hatte, kniefällig, die vier anwesenden fremden Herren und Damen um Beistand zu bitten, kam ihr schon jemand zuvor.

Ellen nahm sich zuerst des zitternden Weibes an, und kaum hatten Miß Thomson, Lord Harrlington und Williams, die vor dem Sturme hier Zuflucht gesucht, erfahren, um was es sich handle, als alle sofort beschlossen, in einem ihrer Boote das Ablaufen vom Strande zu wagen.

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