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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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43.

Der neue Diener.

Das Innere des Inselchens zeigte noch die ursprüngliche Beschaffenheit desselben, die Fischer hatten sich damit begnügt, die Küstenstriche fruchtbar zu machen, aber tiefer ins Land waren sie nicht gedrungen. Sie waren keine poetisch veranlagten Naturen, diese Männer; im harten Kampfe mit dem Meere, ihrem Elemente, war ihnen der Sinn für Naturschönheit verloren gegangen. Sie waren zufrieden, wenn sie nach des Tages Arbeit neben Weib und Kind vor ihrem Häuschen sitzen und eine Pfeife schmauchen konnten. Sie dachten nicht daran, Streifzüge in das Innere der Paradiesisch-schönen Insel zu unternehmen.

Nur einige waren unter ihnen, welche daran Genuß fanden, hauptsächlich Frauen, deren kleiner Hausstand ihnen müßige Stunden am Tage gestattete, ebenso trieben sich auch die Kinder öfters in den Wäldern und zerklüfteten Schluchten der Insel umher.

Vom Walde rings umschlossen liegt ein freies Fleckchen, mit üppigem, weichen Rasen bedeckt. Kein gebahnter Weg, nicht einmal ein Waldpfad führt zu diesem Orte, aber doch erkennt man an dem Hügel, welcher sich an der einen Seite jäh erhebt, eine Art von Treppe. In den harten Boden sind Pfähle wagerecht eingegraben, dann ist wieder die Erde weggeschaufelt und der Absatz mit Steinen belegt, oder auch ein zufällig dort liegender Stein als Treppenstufe benutzt worden. Diese Treppe ist sehr unbequem und unsicher, läuft auch im Zickzack, aber für den leichten Schritt der Frauen und den flüchtigen Fuß der Kinder genügt sie vollkommen.

Oben auf dem Hügel kann man nur entweder rechts oder links abbiegen, denn vor dem Spaziergänger befindet sich ein Wald mit so dichtem Unterholz, daß schwerlich jemand durchdringen kann. Rechts dagegen stehen die Bäume auf dem Rücken des Hügels weiter auseinander und gestatten so den Durchgang, während links der Weg ebenfalls durch eine etwa fünf Meter breite, plötzlich abfallende Schlucht gehemmt sein würde, wenn nicht zwei darüber gelegte Baumstämme sie passierbar machten.

Die Insel war früher vulkanisch, und die Schlucht, über welche die zwei Fuß breite Brücke führt, ist so tief, daß kein Mensch beim Sturze in den Grund am Leben bleiben, sondern schon unterwegs an den hervorspringenden Zacken und Kanten des Felsgesteins zerschellen würde.

Es mußten zwei fröhliche Menschen sein, welche sich an einem wunderschönen Nachmittage durch den Wald dieser Lichtung näherten. Eine prächtige Tenorstimme jubelte laut und wurde dabei von einer weiblichen begleitet, aber der Sänger mußte sich in sonderbar übermütiger Laune befinden, denn einmal zwang er seine Stimme bis zu den tiefsten Lagen hinab, dann wieder schraubte er sie bis zu den unglaublichsten Tönen hinauf, und schnappte sie schließlich über, so mußte die Sängerin in helles Lachen ausbrechen.

Immer mehr näherten sich die Stimmen dem lauschigen Orte, immer lauter erklangen sie, bis endlich oben auf der Anhöhe vor der improvisierten Brücke eine männliche und eine weibliche Gestalt erschienen, die zwischen sich einen großen, aus Rohr geflochtenen Korb trugen.

»Bataillon halt!« kommandierte der Mann, vor der Brücke stehen bleibend. »Setzt ab die Trage!«

Er setzte den Korb hin und ließ sich darauf nieder, das Gesicht dem Mädchen zukehrend, das mit einem leichten weißen Gewände und einem breitkrempigen Strohhute bekleidet war.

»Erklären Sie sich für besiegt, Miß Thomson? So schön wie ich kann keiner singen; ich habe einmal mit zehn Tirolern um die Wette gesungen, aber ich habe lauter geschrieen, als alle zehn zusammen.«

»Bei Ihnen giebt also den Ausschlag, wer am lautesten singt?« lachte das Mädchen. »Ich dachte, es käme mehr auf die Anmut der Stimme an.«

»Was nützt mir die Anmut, wenn ich sie nicht hören kann? Nein, brüllen muß man, daß die Aepfel von den Bäumen fallen, das ist die Kunst beim Singen.« »Darüber sind wir eben wieder einmal verschiedener Meinung, Sir Williams. Doch, wollen Sie hier sitzen bleiben und mich stehen lassen?«

»Sie können sich ja einstweilen dort ins Gras setzen, es wird hoffentlich trocken sein, sonst legen Sie Ihr Taschentuch unter. Aber ich wollte Ihnen auch nur angesichts dieser Brücke sagen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Ich habe mich bei den Kindern des Dorfes als Fourier ganz genau erkundigt und folgendes erfahren: Wir kommen an eine Brücke, die in einem unbekannten Stile erbaut ist; das ist jedenfalls diese. Sind wir über selbige gegangen, ohne hinuntergefallen zu sein, so treffen wir rechter Hand auf eine sogenannte Treppe, zu deren Passage man sich vorher gegenseitig mit Seilen festbinden muß, sonst ist man rettungslos verloren. Unten angelangt, öffnet sich unseren entzückten Augen ein weiter Platz, auf dem Gras wächst, und das soll der Ort sein, wo wir uns häuslich niederlassen können.«

»Aber da ist er ja schon vor uns,« entgegnete Miß Thomson lachend.

»Warum haben Sie das nicht eher gesagt?« rief Charles, nahm wieder den Korb von der einen Seite und schritt als erster über den schwankenden Steg.

Nachdem sie auch das Hindernis der Treppe glücklich überwunden, wobei Charles das Mädchen unterstützte, schritten sie nach der Mitte des Platzes, stellten den Korb hin, und Charles ließ sich sofort wieder wuchtig auf den Deckel fallen, daß das Korbgeflecht sich muldenartig bog.

»Sie drücken ja die Butter breit,« rief Betty und wollte ihn herunterziehen.

»Seien Sie unbesorgt, breitgequetschte Butter schmeckt ebensogut wie andere,« beschwichtigte Charles. Er rutschte nach der einen Seite des Korbes und deutete auf die andere. »Hier setzen Sie sich mäuschenstill hin und erzählen mir, warum Sie den armen Chaushilm so gekränkt haben.«

»Ich?« fragte Betty erstaunt und setzte sich ebenfalls auf den Korb. »Ich wüßte nicht, womit ich ihm zu nahe getreten sein sollte.«

»Sie wissen doch, daß der Herzog Sie liebte?«

»Chaushilm liebt jede, die ihn einmal freundlich ansieht.«

»Aber Sie haben ihm auch Schmeicheleien gesagt oder Andeutungen gemacht, wodurch er sich zu Hoffnungen berechtigt glaubte.«

»Ist mir niemals eingefallen,« entgegnete Betty etwas entrüstet. »Sprechen Sie nicht Zeug, welches mißverstanden werden kann!«

»So!« fuhr Charles jedoch mit schulmeisterhafter Miene fort. »Haben Sie nicht damals, als wir in Ceylon auf dem Flusse fuhren, gesagt, daß Sie sich stets freuten, wenn er in Ihrer Nähe wäre, und noch vieles andere mehr?«

Das Mädchen wurde etwas verlegen.

»Das ist allerdings wahr, und ich will Ihnen offen gestehen, warum ich das gesagt habe, obgleich ich mir nichts weiter dabei dachte. Ich wollte nur dem Marquis etwas um den Bart gehen, weil er –«

»Chaushilm hat keinen Bart,« unterbrach sie Charles.

»Nun ja, ich meine, ich wollte ihm etwas schmeicheln, weil er der einzige war, der von uns allen als vorsichtiger Mensch ein Moskitonetz mitgenommen hatte.«

Charles öffnete vor Staunen den Mund.

»Ah so, nun kann ich mir verschiedenes erklären!«

»Und sehen Sie, einer Dame hätte er es auf jeden Fall abgetreten, warum sollte denn nun nicht gerade ich die Betreffende sein? Als die Mücken kamen, brachte er es mir von selbst, und während Sie alle sich mit den Tieren herumschlugen, habe ich ruhig unter meinem Netze die ganze Nacht geschlafen.«

Obgleich Charles innerlich vor Lachen bebte, fuhr er doch in ernstem Tone fort:

»Wissen Sie auch, was der Marquis gethan hat, als er erfuhr, daß Sie nichts weiter von ihm wissen wollten?«

»Nun?«

»Er hat Gift genommen.«

Das Mädchen sprang erschrocken auf.

»Es ist doch nicht wahr!« rief sie. »Sie treiben wie gewöhnlich Scherz.«

Aber Charles nickte ernsthaft mit dem Kopfe.

»Am Morgen nach dem Abend, da Sie ihn in Sydney so schnöde behandelt haben, hörte ich in meiner Koje ein leises Stöhnen,« sagte er. »Neben meiner Kabine liegt die von Chaushilm, und aus der mußte das Winseln kommen. Ich sprang schnell auf, ging hinüber, und da sah ich den Marquis auf dem Sofa liegen, bleich, mit verstörten Gesichtszügen, die Haare zerzaust, und neben ihm stand ein Tischchen mit einem Fläschchen und einem Glase darauf, in dem sich noch der Rest einer hellbraunen Flüssigkeit befand.«

»›Herzog‹ rief ich entsetzt, ›um Gottes willen, was fehlt Ihnen?‹

»Mit mattem Lächeln streckte er mir die Haud eutgegen, die Sprache versagte ihm und er griff sich nur stöhnend an die Stirn. Ich fühlte seinen Puls, er war fiebernd. Eine fürchterliche Ahnung dämmerte in mir auf, ich nahm die Literflasche uom Tische –«

»Ich denke, es war nur ein Fläschchen?« fragte Betty, die atemlos dem Erzähler zugehört.

»Allerdings, ein Literfläschchen. Ich nahm es also vom Tische, entkorkte es, roch hinein, und richtig, meine Ahnung hatte mich nicht betrogen – es war echter Jamaikarum.«

»Und damit wollte er sich vergiften?« fragte das Mädchen mit ungläubiger Miene.

»Ja, er hatte am Abend zuvor fünf Gläser starken Grog getrunken, aber selbst diese ungeheure Dosis hatte nicht vermocht, die eiserne Natur des Herzogs zu vernichten. Noch lebte er, aber ein furchtbarer Schmerz wütete in seinem Gehirn.«

»Sie sind ein entsetzlicher Mensch!« rief Betty und sprang wieder auf. »Jetzt haben Sie mir einen Schreck eingejagt, daß meine Glieder wie gelähmt sind, und der Marquis ist jedenfalls nur betrunken gewesen.«

»Glieder wie gelähmt?« sagte aber der unverwüstliche Charles. »Sie springen ja noch wie ein Lämmchen! Ueberdies wissen Sie doch, daß alle alkoholischen Getränke Gift sind, doppeltes sogar, weil sie die Menschen physisch und moralisch töten. Da hatte ich zum Beispiel einmal einen Diener, der den Wisky nur ans der Theekanne trank, weil er behauptete –«

»Verschonen Sie mich mit Ihren greulichen Geschichten,« unterbrach aber das Mädchen den Herrn an ihrer Seite, der immer mit ernsthafter Miene, wie ein Gelehrter auf dem Katheder sprach. »Sie sind heute wieder einmal anßer Rand und Band. Da Sie aber gerade von Dienern sprechen, so erzählen Sie mir, wie Sie mit Ihrem neuen Diener zufrieden sind? Aber ernsthaft, das bitte ich mir aus. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ehe die übrigen nachkommen.«

»So ernstlich, als würde ich begraben. Sie meinen also den Leichtmatrosen. Ja, den Jungen hatte ich ins Herz geschlossen, weil er sich damals bei dem Aufsuchen der Miß Staunton so famos betragen hat. Ich kannte ihn übrigens schon von früher her, denn an demselben Tage –«

»Er mußte doch auf Ihren Befehl die beiden Frauen zusammennähen, nicht wahr?« unterbrach ihn Betty lachend.

»Stimmt, es war dieser. In derselben Nacht noch fuhr ich mit ihm an Bord der Jalliope', wo er angemustert hatte, sprach mit dem Kapitän, und da der Junge mit Freuden einwilligte, bei mir zu bleibe, so machte ich ihn frei und ließ seine Sachen nach dem ›Amor‹ bringen. Nun wurde er aber noch von der Polizei verfolgt, und da ich das natürlich nicht auf meinem Diener sitzen lassen konnte, gingen wir sofort an Land, um die Sache gleich zu regeln. Unterwegs bekam der Junge Durst, er behauptete, umfallen zu müssen, wenn er nicht etwas zu trinken bekäme, und da ich einen meiner Diener prinzipiell nicht umfallen lasse, so gingen wir erst einmal in ein Bierhaus.«

»Aber er hatte sich doch zuvor erst gewaschen und umgezogen?«

»I Gott bewahre, er ging immer noch als Topsy angemalt und angezogen. Ich sage Ihnen, die Leute staunten nicht schlecht, als ich mit der Tänzerin durch die Straßen Sidneys schritt und dann am Tisch saß, und dabei wurde der Junge so eifrig im Schwatzen, daß er sich immer in meinen Arm hakte.«

Das Mädchen mußte laut auflachen.

»Als wir aus der Restauration kamen, wurden wir beide sofort arretiert.«

»Arretiert? Beide?«

»Natürlich, alle beide! Wir schritten also vergnügt Arm in Arm zwischen zwei Konstablern her, auf der Polizei legitimierte ich mich, bezahlte die Strafe für meinen Diener, und dann begaben wir uns auf den ›Amor‹.«

»Das ist ja eine köstliche Geschichte! Und wie sind Sie jetzt mit ihm zufrieden?«

»Warten Sie mal ab, nun fängt es ja erst ordentlich an. Unterdessen war es schon spät in der Nacht geworden, einen Platz, wo der Junge schlafen konnte, gab es nicht gleich, und ich machte ihm also in meiner Kabine auf dem Sofa ein Lager zurecht, so sorglich, wie es nur eiue Mutter für ihr Kind machen kann. Am anderen Morgen stehe ich auf, werfe einen Blick auf meinen Schützling und, Herr, du meine Güte, ich denke doch gleich, mich soll vor Schrecken der Schlag rühren! Da ist das Weiße Betttuch mit einem Male pechschwarz geworden, auf dem Kopfkissen ist ein richtiges Schattenbild von den lieblichen Gesichtsumrissen des Jungen gemalt, und dieser selbst reibt sich eben mit meinem feinen Handtuche das Gesicht ab, das aber noch keine Spur von Schwärze verloren hat. Auf meinen entsetzten Blick sagte er gleichgiltig:

»›Sie erlauben doch, ich habe mich etwas gewaschen,‹ und deutete dabei nach dem Waschbecken, das eine schwarze Tunke enthielt, so dick, daß ein Löffel darin stehen konnte. Außerdem riecht es noch so wunderschön in der Kabine, und richtig, auf meine Frage erfahre ich, daß der verflixte Schlingel den ganzen Inhalt meiner Parfümflasche in das Waschbecken gegossen hat, weil er, wie er sagte, kein Wasser gefunden habe. Das ging mir denn doch etwas über die Hutschnur, und ich wollte ihn etwas hart anfassen, aber mit der ruhigsten Miene der Welt sagt er:

»›Na, na, Sie sind auch gerade kein Engel, besehen Sie sich erst einmal im Spiegel, und dann urteilen Sie über andere.‹

»Den Gefallen thue ich ihm auch und muß ihm wirklich recht geben, mein Gesicht sieht nur um eine Schattierung heller aus als das seinige, und wie ich meine weiße Weste suchen will, da schleudert er mir mit der Fußspitze einen schwarzen Lappen zu, gerade, als wenn ich statt durch die Straßen Sydneys einen Spaziergang durch alle Schornsteine der Stadt gemacht hätte. Der Kerl hat sich immer so vertraulich an mich geschmiegt, und da hatten meine Hände und nach und nach mein Gesicht seine Hautfarbe angenommen. In meinem ganzen Leben lasse ich mich nicht wieder in Sidney sehen, höchstens als Neger.

»Nun ging es in die Waschküche. Zwei geschlagene Stunden habe ich mit dem Messer gekratzt, geschabt, mit der Bürste gescheuert, mit dem Lappen gerieben, etwa einen Zentner Schmierseife verbraucht, ehe ich die fingerdicke Kruste von Graphit herunter hatte, die sich mein neuer Diener auf den Leib geschmiert, und als er endlich wieder in schneeweißer Unschuld vor mir stand, da kam die Reihe an mich.«

»Machte das auch soviel Arbeit?« lachte Betty.

»Ich brauchte nur eine Stunde und einen halben Zentner Schmierseife. Endlich aber war das große Werk vollbracht, wir reichten uns mit freudestrahlenden Gesichtern die Hand und beglückwünschten uns als neugeborene Menschen. Hannes zog sich in meiner Kabine an, und ich ging hinaus, um für ihn einen Platz zu suchen, wo er sich einrichten konnte. Als ich wieder zurückkomme, steht er vor dem Spiegel und schmiert sich mit Zinksalbe die Haare voll. Na, denke ich, das willst du ihm schon noch abgewöhnen. Ich nehme meinen Rock vom Haken und werfe ihm denselben mit den Worten zu:

»›Hier, bürste einmal meinen Rock aus!‹

»Was denken Sie, was er thut? Mit der gleichen Schnelligkeit fliegt der Rock zurück, mir ins Gesicht, mein Diener steckt die Hände in die Hosentasche und spricht:

»›Ich bin Leichtmatrose, und als solcher bürste ich keinen Rock aus, das machen Sie sich einmal ruhig selber. Und übrigens, das merken Sie sich, wenn Sie mich mit ›du‹ anreden, so thue ich das auch Ihnen gegenüber. Paßt Ihnen das nicht, dann gehe ich an Bord der ›Kalliope‹ zurück.‹

»Jetzt wurde mir die Geschichte doch etwas zu toll.

»›So,‹ sagte ich, ›du bist Leichtmatrose. Weißt du auch, daß ich hier als Vollmatrose fahre?‹

»›Gewiß,‹ antwortet er.

»›Dann ist dir auch bewußt, daß ein Voller den Leichtmatrosen schlagen darf?‹

»›Das weiß ich auch.‹

»Kaum hatte er das gesagt, da hatte ich ihm auch schon eins ins Genick gegeben.

»Nun kommt aber das Schönste von der ganzen Geschichte. Mein Hannes war ruhig stehen geblieben, die Hände in den Hosentaschen und lachte.

»›Weißt du auch, daß der Leichtmatrose an Bord von englischen Schiffen das Recht hat, den Vollmatrosen wieder zu schlagen?‹ sagte er.

»›Ja. – Wenn es sich dieser gefallen läßt,‹ wollte ich aber nur sagen, denn da hatte ich schon einen an der Backe sitzen, daß es mir grün und blan wurde vor den Augen.

»Im nächsten Augenblicke hatten wir uns beide gepackt, und das erste war, daß ich ihn mit dem Kopf durch meinen Spiegel renne. Darauf nimmt er den Wasserkrug und zerschlägt ihn mir an dem Schädel, ich nehme wieder eine Flasche, er wieder eine Kaffeekanne, innig umschlungen, Kopf an Kopf fahren wir durch das Bild meiner Großmutter, wir stürzen zu Boden, reißen den Waschtisch um, das Waschbecken mit der schwarzen Tunke über uns, und da liegen wir beide wieder als Neger.«

»Ach, Sie übertreiben,« unterbrach ihn das Mädchen, das nicht aus dem Lachen herauskam.

»Durchaus nicht, wenn ich niemals die Wahrheit sage, so ist es doch dieses Mal! Lassen Sie es sich von ihm selbst erzählen. Doch weiter, also wir liegen noch keuchend am Boden, abermals schwarz wie Hottentotten.

»Wieviel zahlen Sie mir monatlich als Diener?' stöhnt Hannes, läßt aber dabei meinen Hals nicht los.

»Nun war es mit mir zu Ende, lachend stehe ich auf, ebenso der Junge.

»›Aber ohne einen schriftlichen Kontrakt thue ich es nicht,‹ meinte wieder Hannes, ›alles muß seine Ordnung haben. Geben Sie Papier und Tinte her.‹

»›Ja, willst du – wollen Sie den Kontrakt aufsetzen?‹ fragte ich.

»›Natürlich! Paßt es Ihnen nicht, so gehe ich an Bord der›Kalliope‹ zurück.‹

»Er setzte dann wirklich auch die Bedingungen auf, nach denen er sich als mein Diener verpflichtet, der Merkwürdigkeit wegen habe ich sie mir abgeschrieben und werde sie Ihnen nachher vorlesen.

»Das erste war, daß mein Diener etwa auf ein Jahr Vorschuß auf seinen Gehalt nahm, und als ich ihn eine Stunde später suchte, erhielt ich den Bescheid, er wäre an Land gefahren, und zwar, wie Lord Harrlington mir lachend mitteilte, mit Glacéhandschuhen und Lackstiefeln, natürlich aus meinem Vorrate. Am Nachmittag wollte der Lord die Anker lichten, weil auch die ›Vesta‹ aus dem Hafen bugsiert wurde, aber Sie entsinnen sich, daß wir Ihnen nicht nachkamen, und warum nicht? Weil Hannes nicht zurück war. Lord Harrlington wollte ohne ihn abfahren, aber ich erklärte bestimmt, wenn mein Diener nicht mitkäme, würde ich ebenfalls an Land bleiben, und so gab mir der Kapitän zwei Stunden Zeit, ihn zu suchen. Ich begab mich sofort an Land und fuhr, von einem sehr richtigen Instinkt geleitet, direkt nach der Polizeiwache. Wen traf ich dort? Natürlich meinen Hannes, der einen Kellner geprügelt, weil dieser ihn etwas grob behandelt hatte. Ich bedurfte meines ganzen Ansehens, ihn abermals loszukaufen. Jetzt hatte der Junge bereits etwa zwei Jahre Vorschuß auf seinen Lohn.«

»Das ist ja großartig!« lachte Betty. »Mit dem muß ich näher bekannt werden. Nun also die Bedingungen!«

Charles holte aus seiner Brusttasche ein Blatt Papier, faltete es bedächtig auseinander und begann vorzulesen:

§ 1. Ich zahle meinem Diener, Hannes Vogel, monatlich drei Pfund Sterling, nebst freier Reise überall hin, wohin ich fahre, freie Kost und freies Logis.

»Das ist nicht mehr als recht,« sagte Betty. »Gewiß,« antwortete Charles, »auch Nummer zwei wird Ihre Zustimmung finden.«

§ 2. Ich darf von meinem Diener nicht verlangen, daß er thut, was er nicht thun will.

»Haha,« lachte Betty, »köstlich! Auf solche Bedingungen sind Sie doch nicht eingegangen?«

»Natürlich, es blieb mir ja nichts anderes übrig. Der Junge drohte immer, an Bord der ›Kalliope‹ zurückgehen zu wollen. Doch hören Sie weiter:

§ 3. Ich stelle meinem Diener alles, was ich habe, zur Verfügung, mit Ausnahme des Geldes.«

»Nun ist's aber genug!« rief das Mädchen.

»Das ist auch alles,« entgegnete Charles kaltblütig und steckte das Papier wieder ein.

»Und das haben Sie unterschrieben?«

»Freilich habe ich es unterschrieben. Aengstigen Sie sich deshalb nicht, Miß Thomson. Hannes ist ein Prachtkerl, ich hätte ihn für alles Geld der Welt nicht laufen lassen.«

»Ist Hannibal von Lord Harrlington nicht auch so ein ähnlicher Diener, der ›nicht thut, was er nicht thun will‹? Ich habe von ihm erzählen gehört.«

»Fast derselbe Schlag, nur munterer.«

»Wo steckt denn Hannes jetzt?«

»Das kann ich Ihnen ebensowenig sagen, wie Sie mir. Jedenfalls ist er bei Miß Staunton und lehrt sie, wie man mit einer Hand die schwierigsten Knoten machen kann, oder aber, wenn die Gesellschaft schon unterwegs ist, so wird er ihr wohl etwas nachtragen. Um mich kümmert er sich gar nicht, kommt er einmal zu mir, so ist es nur darum, weil ihm seine Zigarren ausgegangen sind. Im übrigen bin ich sehr zufrieden mit ihm, sollte ich mich aber nochmals in meinem Leben nach einem neuen Diener umsehen müssen, dann fange ich lieber mit eigener Hand einen Orang-Utan und bändige ihn, als daß ich wieder einen Hannes Nummer Zwei engagiere.«

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