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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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41.

Miss Stauntons Abenteuer.

Als das junge Mädchen, von Ellen fortgeschickt, aus dem Hause trat, bemerkte es einen jungen Burschen neben der Equipage stehen, der sich mit dem Kutscher unterhielt. Sie ging auf den Wagen zu, der Kutscher sprang vom Bock und öffnete ihr den Schlag.

»Quaitreppe, Nummer zwei,« sagte sie beim Einsteigen, und der Wagen rollte davon.

Es war inzwischen Abend geworden, der Himmel hatte sich stark mit Wolken überzogen, aber da vorläufig noch kein Regen zu befürchten war, so ließ Hope das Verdeck nicht heraufschlagen, wie es der Besitzer des Wagens wollte.

Einige Straßen waren bereits durchrollt, und eben bog der Wagen in eine sehr einsame Allee ein, als er sich plötzlich stark auf die Seite legte, sodaß Hope fast herausgefallen wäre.

Im Nu hatte der Kutscher gehalten, war vom Bock heruntergesprungen und half dem erschrockenen Mädchen mit der Versicherung aus dem Gefährt, er könne das abgegangene Rad fofort wieder an der Axe befestigen.

Aber sie merkte bald, daß nicht alles in Ordnung sein müsse, denn der Kutscher fluchte heftig, und die herbeigeeilten Leute gingen, nachdem sie den Schaden besehen hatten, achselzuckend weiter: hier müsse ein Schmied geholt werden, meinten sie stets, und auch Hope sah, daß sich der eiserne Reifen vom Rad abgelöst hatte. Der Kutscher erklärte wieder und wieder, er könne nicht begreifen, wie mit einem Male einige Stifte herauskommen konnten; vor einer Stunde wären noch alle drin gewesen; aber das half nichts, schließlich mußte er nach einem Stellmacher senden.

Es blieb also dem Mädchen nichts anderes übrig, als entweder zu warten, bis der Schaden repariert war, oder weiterzugehen, bis es einen anderen Wagen traf, denn augenblicklich war kein solcher zu sehen, und eben wollte Hope das letztere wählen, als durch die Allee eine geschlossene Mietsequipage kam, die auf ihren Wink auch hielt.

Sie stieg ein, gab dieselbe Hafentreppe als Ziel an und fuhr weiter.

Unterdes war es vollständig finster geworden, und die Lampe oben am Kutscherbock verbreitete ein bescheidenes Licht im Innern der schön ausgestatteten Equipage. Das junge Mädchen war von dem eben erlebten Auftritt erschöpft, abgespannt und lehnte sich behaglich in die weichen Polster zurück. Der Regen fiel jetzt in Strömen herab, schlug plätschernd gegen die Fensterscheiben des geschlossenen Wagens und brachte so eine einschläfernde Wirkung hervor. Erst als die Kutsche über holpriges Pflaster rasselte, schlug Hope die müden Augen auf, und entsetzt wollte sie aufschreien, als in demselben Augenblicke sich hastig, aber lautlos die Wagenthür öffnete und eine dunkle Gestalt hereinsprang.

»Schreien Sie nicht, Fräulein, um Gottes willen nicht!« bat die Gestalt, über deren merkwürdigem Aussehen schon das junge Mädchen das Schreien vergaß, und welche es nur verwundert betrachtete.

Es war ein schwarzes Weib, in ein kurzes, nur bis an die Kniee reichendes Röcklein gekleidet, das mit Federn und bunten Läppchen verziert war, und um den Kopf hatte es einen roten Turban gewickelt.

Es war Topsy, die Tänzerin, welche dem nach ihr fahndenden Policeman entschlüpft war.

»Ich wurde verfolgt, bin durch einen Durchgang geflohen und in diese Droschke gesprungen, weil ich keine Gelegenheit zum Entkommen mehr sah,« flüsterte die Schwarze hastig; dann aber, als ein Lichtstrahl das erstaunte Gesicht des Mädchens streifte, nahm auch das ihrige mit einem Male einen überraschten Ausdruck an.

»Hope – Miß Staunton,« flüsterte sie freudig, »ist es denn möglich? Sie erscheinen mir wie ein Engel, Gott sei Dank, daß ich gerade Sie gefunden habe!«

»Aber wer sind Sie denn eigentlich?« brachte das Mädchen endlich hervor.

»Hannes Vogel, wissen Sie noch, der Schiffsjunge von der ›Ariadne‹, der Ihnen immer die Schifflein schnitzte und für den Sie Ihrem Onkel immer Cigarren mausten.«

Mit offenem Munde starrte das junge Mädchen die Negerin an. Blitzartig tauchte ein Bild in ihrer Erinnerung auf. Vor vier Jahren war sie als Kind mit ihrem Onkel von New-York nach England gefahren. Während der Reise schloß sie innige Freundschaft mit einem Schiffsjungen, dessen tausenderlei Kunststückchen immer wieder ihr Interesse erregten, der ihr alles auf dem Schiffe und von der Seemannschaft erklärte, was er selber wußte, und der schließlich so hoch in ihrer Achtung stieg, daß sie ihn für einen zweiten Kolumbus hielt und sie immer froh war, wenn er die Cigarren dankbar annahm, die sie heimlich aus dem gefüllten Kästchen ihres Onkels nahm und die dann ebenso heimlich von dem zukünftigen Seehelden hinter dem Schornsteinmantel geraucht wurden. Als sie dann in Liverpool voneinander Abschied nehmen mußten, da hatte Hope bitterlich geweint, und auch ihrem Christoph Kolumbus waren einige Thränen über die schmutzigen Backen gelaufen; sie hatte ihm als Andenken ein Kreuz aus Korallen geschenkt, und er gab ihr ein Haifischgebiß mit dem Bemerken, der ehemalige Besitzer hätte ihn bald einmal gefressen.

Wie ein Traum schwebte mit einem Male alles dies an dem jungen Mädchen vorüber; was in aller Welt wußte aber die Negerin von jenem Erlebnis?

»So sehen Sie mich doch nicht so komisch an,« bat die Schwarze wieder, »ich bin wirklich Hannes Vogel, der Schiffsjunge von der ›Ariadne‹ und Ihr Korallenkreuz trage ich immer noch auf der Brust.«

In kurzen Worten erzählte nun der verkleidete Leichtmatrose seine Erlebnisse, warum er verhaftet werden sollte, wie er sich als Tänzerin angezogen und dem Konstabler etwas vorgetanzt und vorgesungen habe, und wie er diesem dann abermals entschlüpft sei.

»Ich rannte durch einen dunklen Gang,« fuhr er mit leiser Stimme fort, damit der Kutscher ja nicht merkte, daß er noch einen anderen Passagier bekommen habe, »und sah auf der einen wie auf der anderen Seite der Straße einen Konstabler stehen, dicht hinter mir war auch einer her, und so sprang ich als letzte Zuflucht in den Wagen, der eben vorbeifuhr; gefangen mußte ich doch nun einmal werden, dann, sagte ich mir, soll es auf möglichst bequeme Weise geschehen. Der hinter mir kommende Policeman mußte erst noch um eine Ecke biegen, ehe er mich zu sehen bekam, und da ich wunderbarerweise gerade Sie in diesem Wagen fand, so scheine ich gerettet zu sein. Sie fahren nach dem Hafen? Ich muß auch dorthin, springe rechtzeitig heraus und begebe mich an Bord meines Schiffes.«

Hope hatte sich immer fest auf die Lippen beißen müssen, um bei der Erzählung des drolligen Burschen nicht laut aufzulachen. Aber das hätte ja den Kutscher aufmerksam gemacht, und so kämpfte sie oft mit dem Ersticken bei dem Versuche, ernst zu bleiben.

»Hat denn der Regen nicht die schwarze Farbe abgewaschen?« fragte sie, als die schweren Tropfen immer heftiger gegen die Scheiben klatschten.

»I Gott bewahre, es ist ja Graphit, und der ist waschecht, aber abfärben thut er freilich.«

»Wer waren denn die zwei Herren, die Ihnen jeder ein Goldstück versprachen, wenn Sie die beiden Frauen zusammennähen würden?« fragte Hope.

»Ich kenne sie nicht, der eine war mittelgroß, schlank, mit einem Schnurrbärtchen, und wenn er sprach, so sah man sehr schöne Zähne.«

»Trug er einen hellgrauen Hut und ebensolche Beinkleider?«

»Ja.«

»Haben Sie seinen Stock gesehen?«

»Ach ja, der war sehr auffällig. Oben mitten durch das Holz wand sich eine Schlange, und deren Augen glitzerten, als wäre das Tier lebendig.«

»Dachte ich es mir doch,« sagte Hope und hätte vor Freuden bald in die Hände geklatscht, »es war kein anderer als Sir Williams. Und der andere?«

»Der war etwas kleiner, und das Merkwürdigste an ihm war sein Backenbart. Ich habe die Haare ganz genau gezählt, auf der rechten Seite waren sieben und auf der anderen neun, und die auf der rechten Seite waren viel länger.«

»Genug, genug,« wehrte das junge Mädchen ab, das nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnte, »ich weiß jetzt, wer es war!«

»Woher kennen Sie denn die beiden Herren so genau? Wie kommen Sie eigentlich hierher nach Sidney?«

»Es waren Sir Williams und Sir Hendricks, die mit auf dem ›Amor‹ fahren. Vielleicht haben Sie schon von der ›Vesta‹ gehört?«

»Ei gewiß, auf der fahren die verrückten Mädels, die Hosen anhaben und immer dem ›Amor‹ voraussegeln.«

»Nun,« lächelte Hope, »ich bin auch so ein verrücktes Mädchen.«

»Alle Hagel,« und Hannes kratzte sich hinter den Ohren, »das habe ich nicht gewußt. Na, nichts für ungut, Fräulein, diese Mädchen haben schon verschiedenes gemacht, was allen Seeleuten Respekt eingeflößt hat. Also da fahren Sie auch mit drauf! Als was denn, als Schiffsjunge – Schiffsmädchen wollte ich sagen?«

»Oho,« antwortete Hope stolz, »so etwas giebt es bei uns gar nicht, wir sind alle Matrosen.«

»Was haben Sie denn da als Matrosin an Bord zu thun?« forschte der neugierige Hannes weiter.

»Ich muß alles können, was von einem Matrosen verlangt wird: Steuern, Splissen, Knoten, Segelflicken, Scheuern, Schrubben, Rudern, Aufentern, Schmieren, Segeln, Theeren, Wenden, Kreuzen, Halsen –«

»Halt, halt,« unterbrach der Leichtmatrose das bereits atemlose Mädchen, »aber das kann doch nicht alles eine gleichzeitig machen.«

»Gleichzeitig natürlich nicht,« erwiderte lächelnd Hope, »aber nach und nach kommt jede einmal daran.«

»Aber meine liebste Hope – Miß Stannton,« verbesserte sich kopfschüttelnd der Bursche, »das geht doch nicht. Sehen Sie einmal, ein Matrose kann doch nicht dieselbe Arbeit thun, wie der Schiffsjunge, und dieser nicht dieselbe wie der Kapitän, die Arbeit muß doch eingeteilt werden, sonst geht ja aller Respekt verloren.«

»Das kann ich nicht einsehen,« erklärte das junge Mädchen. »Wenn jede an einem Tage eine bestimmte Arbeit verrichten muß, morgen wieder eine andere, so ist dabei niemand im Vorteil und niemand im Nachteil.«

»Nein,« sagte der Leichtmatrose entschieden, »auf jedem Schiffe muß es Kapitän, Steuermann, Matrosen, Leichtmatrosen und Schiffsjungen geben. Ich will zum Beispiel einmal sagen, es ist doch unmöglich, daß Sie heute Schiffsjunge sind und Prügel von einem Matrosen bekommen, morgen aber sind Sie Kapitän und geben nun dem Matrosen, der wieder Junge geworden ist, die Prügel mit Zinsen zurück. Was sagen Sie zu diesem Beweis?«

Hope mußte sich auf die Finger beißen, daß sie bei dieser seltsamen Beweisführung nicht herausplatzte.

»Darum eben ist es so auf der ›Vesta‹ eingerichtet,« sagte sie endlich, »daß wir alle Matrosen sind und unsere Rollen täglich wechseln mit Ausnahme des Kapitäns, Miß Petersen, die immer das Kommando behält. Hat heute eine das Deck zu scheuern, so muß sie morgen die Takelage bedienen, und Streit kommt bei uns nie vor.«

»Es ist ein Irrtum, verehrte Hope, wenn Sie glauben, es könnten auf einem Schiffe alle Matrosinnen sein. Zum Beispiel also, wer bedient auf der ›Vesta‹ die Royalraa?«

Die Royalraa ist auf einem Vollschiff die sechste, also die oberste und zugleich die dünnste Raa.

»Ich,« entgegnete Hope, »weil ich die leichteste von allen bin.«

»Da haben wir es ja gleich, dann sind Sie eben das Schiffsmädchen, denn auf jedem Segelschiff wird die Royalraa vom Jungen bedient, ebenso wie die Bramraa vom Leichtmatrosen.«

»Oho,« entgegnete aber Hope entrüstet, »ich ein Schiffsjunge oder Schiffsmädchen, wie Sie immer sagen? Morgen kann ich vielleicht erster Steuermann sein!«

»Nun hol' mich aber dieser oder jener, aus Ihnen und der ›Vesta‹ werde ich nicht klug, das muß ja ein merkwürdiges Schiff sein. Aber sagen Sie einmal, können Sie als Matrose auch den Step tanzen?«

»Pst,« flüsterte das junge Mädchen, »ich kann ihn wohl tanzen, aber ich thue es nicht, sonst würde ich ausgelacht. Ich tanze ihn höchstens einmal unten in meiner Kabine.«

»Daran thun Sie recht, üben Sie sich nur ordentlich! Ein richtiger Matrose muß auch Step tanzen können. Wie steht es denn bei Ihnen mit dem Rauchen?«

»Geraucht wird nicht, es ist eigentlich schade. Als ich von New-Iork wegging, nahm ich mir eine ganze Kiste voll Kalkpfeifen mit, aber da keine der anderen Damen damit anfängt, so kann ichs auch nicht,« entgegnete Hope in bedauerndem Tone, »aber ich werde es in der nächsten Versammlung einmal vorschlagen.«

»Giebt's auf der ›Vesta‹ Schnapsrationen?«

»Was?«

»Ob es Schnaps giebt?«

»Schnaps? Nein, wir trinken nie Schnaps, höchstens Wein und Bier.«

»Das ist nichts,« sagte Hannes in wegwerfendem Tone, »jedes gute Schiff giebt seinen Leuten Schnaps, wenn sie recht schwer gearbeitet haben.«

»Dann muß ich es auch einmal vorschlagen,« meinte Hope nachdenkend. »Ueberhaupt wissen Sie, so sehr gefällt es mir auf der ›Vesta‹ auch nicht, es geht nicht so richtig seemännisch zu. Ich habe einmal von einem alten Kapitän gehört, wenn einem eine Arbeit zu schwer wird, und man stößt einen kräftigen Fluch aus, dann geht sie mit einem Male wie von selber. Neulich nun zog ich an einem Tau, das Segel riß es mir aber immer aus der Hand, da dachte ich an den Kapitän und stieß nur so einen ganz kleinen Fluch aus, aber ich denke doch gleich, Miß Petersen, die neben mir stand, will mich auffressen, mit so großen Augen sah sie mich an.«

Hannes stemmte die Arme in die Seiten und wurde von heimlichem Lachen geschüttelt.

»Sie sollten mal auf so ein richtiges, tüchtiges Segelschiff kommen, wo nur fixe Jungen an Bord sind. Dann geht bei der Arbeit nur so alles Hand in Hand, immer unter lustigem Singen, mag es Sonnenschein sein, Regen, Sturm oder Orkan. Beim Einraffen jedes Segels wird ein anderes Lied gesungen, und fällt einer von der Raa herunter, so singt er noch unterwegs sein Abschiedslied. Und wird man von der Wache abgelöst, dann geht's auch noch lange nicht schlafen, ebensowenig giebt es Kartenspielen oder Würfeln oder Lesen. Spiele haben wir, von denen Sie gar keine Ahnung haben.«

»Wir spielen auch,« unterbrach ihn Hope, »Schach oder Dame.«

»Pah, Schach,« sagte Hannes, »das kann jeder. Nein, aber zum Beispiel den »Katzenkönig«. Kennst du das Spiel?«

Der Leichtmatrose kam so in Eifer, daß er das Mädchen schon als Schiffskameraden betrachtete und mit »du« anredete.

»Nein, ich kenne das Spiel nicht,« bedauerte Hope.

»Pass auf, wie es gemacht wird. Einer muß sich bücken und die Augen werden ihm zugehalten. Die anderen nehmen Katzen, das heißt also Tauenden in die Hände und schlagen abwechselnd dem sich Bückenden hinten drauf, der sich nach jedem Schlag umdrehen und denjenigen bezeichnen muß, der ihn geschlagen hat, und das wird so lange fortgesetzt, bis er den Richtigen herausgefunden hat, welcher nachher seine Stelle einnehmen muß. Ich habe einmal siebeuundzwanzig Schläge hintereinander bekommen und konnte dann drei Tage lang weder sitzen, noch liegen.«

»Das muß aber schön sein,« meinte Hope, »dieses Spiel werde ich auch in der nächsten Versammlung vorschlagen!«

»Was meinst du wohl,« sagte sie nach einer kleinen Weile zu dem Leichtmatrosen, »könnte ich wohl auf ein richtiges Segelschiff als Matrose gehen?«

Wieder wollte sich Hannes vor Lachen schütteln.

»Als Schiffsjunge,« sagte er endlich, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, »aber sonst nicht. Nein, es geht doch nicht, ein Mädchen kann nicht unter die Matrosen kommen.«

»Aber ich würde ja als Junge gehen! Weißt du es nicht, wie ich es anfange, daß ich irgendwo auf ein anderes Schiff komme? Ich hätte mächtige Lust dazu, so einmal richtig als Matrose zu fahren, Tabak zu rauchen und Schnaps zu trinken. Die Arbeiten kann ich alle machen, davor bin ich nicht bange.«

»Hm,« meinte Hannes nachdenkend, »schade, daß du kein Junge geworden bist, aus dir könnte noch ein fixer Seemann werden. Hast du Papiere?«

»Gar nichts habe ich, ich müßte einfach ausreißen, das thut ihr ja auch immer, wenn euch ein Schiff nicht gefällt.«

»Papiere nützten hier ja auch nichts, du bist bloß ein Mädchen. Na warte einmal, mir fällt vielleicht etwas ein, wie wir die Sache klarieren können.«

Der Leichtmatrose oder die schwarze Tänzerin im leichten Röckchen, lehnte sich mit übereinandergeschlagenen Armen in eine Ecke des Wagens und sann nach.

Das junge Mädchen kam jetzt zum ersten Male aus dem Schwatzen heraus, sie betrachtete die Person, mit welcher sie sich so gut unterhalten hatte, und mit einem Male schoß ihr eine heiße Blutwelle über das Gesicht.

Um Gottes willen, dachte sie, wenn mich jetzt Ellen oder sonst jemand von den Damen sähe, hier allein mit dem jungen Matrosen, in diesem Anzug, Pläne schmiedend, wie ich von der ›Vesta‹ ausreißen könnte! Wenn ich nur erst im Hafen wäre, das dauert ja schrecklich lange, aber ich werde jetzt dem Hannes sagen, daß er aussteigen soll, er kann mich in diesem Kostüm doch nicht bis an Bord begleiten.

»Ich hab's, Hope,« sagte dieser plötzlich und richtete sich aus seiner bequemen Stellung auf, »du weißt, ich habe nämlich einen doppelten Geburtsschein. Einer davon lautet auf Hannes Vogel, und den Namen habe ich angenommen, weil er mir lustiger klang, und der andere lautet auf Johannes Schwarzburg. Ich weiß auch nicht, wie ich dazu gekommen bin, zwei Geburtsscheine zu besitzen, ich glaube, meine Mutter – das war auch so eine alte Geheimniskrämerin – hat ihn mir aus Versehen in den Koffer geschoben, als ich nach Hamburg fuhr, um mich dort als Schiffsjungen anmustern zu lassen. Ich könnte jetzt ebenso gut als Johannes Schwarzburg in der Welt herumsegeln, denn meine Eltern hießen weder so, noch Vogel, sie sagten, ich wäre ein angenommenes Kind, den sollst du haben. Willst du – Hope?«

»Lassen Sie das jetzt, wir müssen doch schon am Hafen sein,« sagte das junge Mädchen zerstreut und schlug den blauen Vorhang vom Fenster zurück.

Draußen sah man eine Menge Lichter vorbeitanzen.

»Gewiß sind wir am Hafen, und es wird die höchste Zeit, daß ich mich fortmache,« sagte Hannes und sprang auf. »Nach welcher Treppe wollen Sie?«

»Nach Treppe Nummer zwei.«

»Oho, wir sind schon bei Nummer sieben, da sind Sie schon an fünf vorbeigefahren.«

Das junge Mädchen erschrak und wollte dem Kutscher klopfen, aber der Leichtmatrose hielt ihre Hand fest.

»Lassen Sie mich erst hinaus,« flüsterte er, »von hier aus komme ich gerade auf die ›Kalliope‹.«

Er klinkte leise an der Thür, klinkte wieder und noch mehrere Male, ging dann kopfschüttelnd nach der anderen Seite und versuchte auch hier vergebens, die Thür zu öffnen. Desgleichen machte er umsonst Versuche, die Fenster herunterzulassen.

»Seien Sie nicht besorgt!« beruhigte er das junge Mädchen, das mit angsterfüllten Blicken seinen fruchtlosen Bemühungen zugesehen hatte. »Das müßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn Hannes Vogel nicht da wieder herauskäme, wo er hineingekommen ist.«

»Aber ich?« fragte Hope.

»Ich bleibe bei Ihnen, bis Sie sicher an Bord sind, wenn Sie mich auch nicht zu sehen bekommen. Und wenn Ihnen etwas passiert, dann mache ich einen Lärm, daß alle Konstabler von Sydney zusammenlaufen. Sollte ich selbst dabei arretiert werden, so können Sie sich dann für mich verwenden, Sie, die anderen Damen und die Engländer, es ist doch nur eine kleine Strafe zu zahlen. Wo liegt die ›Vesta‹?«

»An Treppe Nummer zwei.«

»Und der ›Amor‹?«

»An Nummer zehn oder elf.«

»Gut, ich bin auf der ›Kalliope‹, Treppe Nummer acht. Nun passen Sie einmal anf, was ich Ihnen sagen werde! Wenn ich jetzt die Fenster zerschlage habe und der Kutscher kommt und fragt, was passiert sei, so sagen Sie ihm, es sei jemand vorbeigerannt und habe die Scheibe zertrümmert, mag er es dann glauben oder nicht. Sofort, wenn ich hinaus bin, ziehen Sie aber den Vorhang wieder vor.«

»Ich springe lieber mit hinaus.«

»Das können Sie nicht, das Fenster ist viel zu klein für Sie mit ihren langen Kleidern. Ich wittere etwas. Sidney ist eine verdammte Stadt. Geben Sie acht, dort kommt eine kleine Anlage, in die werde ich verschwinden. Aber seien Sie versichert, daß ich Sie als Schiffskamerad in Leben und Tod nicht verlassen werde! Good bye, Hope, auf Wiedersehen.«

Ehe das Mädchen nur ahnte, wie er eigentlich aus dem Fenster hinauswollte, klirrten schon die Scheiben, und der Leichtmatrose war verschwunden. Der verwegene Bursche war wie ein Ball mitten durch die entstandene Oeffnung gesprungen.

Hope sah noch, wie drüben in die Anlagen ein dunkler Schatten huschte, dann zog sie, seinem Rate gemäß, den Vorhang vor das Fenster und lehnte sich in die Kissen zurück, sicher erwartend, daß der Kutscher das Klirren der zerbrochenen Scheibe gehört haben und sich nach der Ursache erkundigen würde. Dann wollte Hope sofort aussteigen und sich dem Schutze des ersten Konstablers anvertrauen.

Aber wunderbarerweise hielt der Kutscher nicht. Sollte er das Klirren der Scheibe wirklich nicht gehört haben, oder ...

Die Thüren waren verschlossen, oder doch von innen nicht zu öffnen, sie wollte bloß nach Hafentreppe Nummer zwei, und der Kutscher fuhr immer weiter, das Abenteuer in Konstantinopel, die Verhaftung Ellens in Kairo – dies alles schoß dem Mädchen durch den Kopf, heftig sprang es auf und klopfte an das Fensterchen an der Vorderseite.

Aber der Kutscher hörte nicht – oder wollte nicht darauf achten.

Da steckte sie vorsichtig den Kopf durch die zerbrochene Glasscheibe, daß sie sich nicht verletzte, und rief mehrere Male laut dem Kutscher zu, zu halten.

Dieser hielt auch sofort, stieg vom Bock und öffnete die Thür.

»So, da wären wir an Treppe Nummer zwölf, Fräulein,« sagte er in gemütlichem Tone.

Augenblicklich war Hopes Angst geschwunden, dafür aber erfaßte sie Aerger, daß sie nach einer falschen Stelle gefahren worden war, denn von hier nach Treppe Nummer zwei war fast eine englische Meile Entfernung.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, nach Treppe zwei?«

»Nein, nach Nummer zwölf,« antwortete der Kutscher, »so habe ich wenigstens verstanden. Ich bin ja an Treppe zwei vorübergefahren, und Sie hätten ja nur zu klopfen brauchen, dann würde ich gehalten haben.«

»Das habe ich auch gethan, aber Sie haben nicht darauf geachtet.«

»Ja, es ist schwer, bei diesem Wagengerassel etwas zu verstehen. Oder Sie brauchten auch nur ein Fenster herabzulassen und mich zu rufen.«

»Das habe ich auch versucht, aber die Fenster gingen nicht zu öffnen, ebensowenig die Thür. Wie kommt das übrigens?«

»Nicht?« lachte der Mann. »Sehen Sie doch hier.«

Er klinkte an den Schlössern, und unter seiner Hand bewegten sich allerdings die Riegel hin und her. Hope war somit beruhigt, aber nun kam die Frage, wie sie an Bord der ›Vesta‹ kommen sollte. Mit diesem Wagen wollte sie nicht wieder fahren, sie hatte eine Abneigung gegen ihn bekommen, und einen anderen sah sie nicht in der Nähe.

Da sagte der Kutscher selbst, der ihr Zögern bemerkte:

»Ich rate Ihnen, nicht mit einem Wagen nach Nummer zwei zu fahren, dazu gebrauchen Sie eine Viertelstunde, nehmen Sie aber ein Boot, so sind Sie in fünf Minuten dort, oder wollen Sie auf ein Schiff, so werden Sie auch gleich dahingebracht. Ich bin ein ehrlicher Kerl; habe ich Sie durch meine Schuld zu weit gefahren, so will ich Ihnen auch den besten Rat geben und nicht auf meinen Verdienst sehen. Dort legt gerade ein Mietsboot an, auch noch mit vier Ruderern, haben wahrscheinlich eine ganze Gesellschaft fortgebracht. Gehen Sie nur ruhig dorthin, Fräulein! Das Boot darf auch nicht mehr verlangen, als wenn nur zwei Ruderer darin wären.«

Er winkte nach dem Boote zu, und ein Mann kam herangesprungen, höchlichst erfreut darüber, gleich noch einmal einen Passagier zu finden.

»Wohin wollen Sie, Miß?« fragte er sofort.

Hopes Zögern war jetzt überwunden. Es war in der That das beste, gleich hier ein Boot zu nehmen und sich nach der ›Vesta‹ rudern zu lassen.

»Geben Sie uns noch einen Dollar zu verdienen!« bat der Mann. »Der Regen hat aufgehört, wir bringen Sie trocken an Bord Ihres Schiffes. Wo liegt der Passagierdampfer, Miß?«

»Ich will auf die ›Vesta‹.«

Hove bemerkte mit Genugthuung, wie erstaunt der kräftige Schiffer auf das zarte Mädchen blickte.

»Er hat sicher schon von uns gehört und freut sich, selbst einmal eine Vestalin auf dieses Schiff bringen zu können, wir sind ja sozusagen Kollegen,« dachte Hope.

»Dann sind Sie in fünf Minuten an Bord,« antwortete der Mann, »ich kenne den kürzesten Weg zwischen den Schiffen hindurch nach dort, weil ich ihn heute schon zweimal gefahren bin. Steigen Sie ein, Miß!«

Hope stieg ein und wunderte sich, als sie im Boote saß, daß es eigentlich ganz anders gebaut war, als die gewöhnlichen Mietsboote, eher wie ein schlankes Seeboot, aber im nächsten Moment dachte sie nicht mehr daran.

Der ganze Hafen war voll von Schiffen, einige hatten Lichter ausgesteckt, und auf solchen herrschte Leben, andere lagen wie riesige finstere Ungeheuer verlassen und tot da. Geschickt lenkte der am Steuer Sitzende das Boot zwischen den schwarzen Leibern hindurch, und jedesmal, wenn es zwischen zwei Schiffen hervorkam, blickte Hope nach links, wo sie eine kleine Brigg mit vielen Lichtern sehen konnte.

Das war der ›Amor‹. Hope beschäftigte sich oft und gern in Gedanken mit den Herren dieses Schiffes, sie kannte jetzt schon ziemlich alle persönlich, auch ihre Eigentümlichkeiten, und gar manchmal, wenn Hope in ihrer Kabine lag, mußte sie laut auflachen, brachte sie sich eine oder die andere Handlung oder Rede eines der Herren in Erinnerung. Hauptsächlich war es Charles, der immer wieder ihre Lachsucht erregte, sie schwärmte für diesen Mann mit dem Enthusiasmus eines Backfisches, der in jedem Offizier einen Mars sieht. Dann besaß aber auch Hendricks ihre Neigung, wenn er sich nur nicht einen solch entsetzlichen Backenbart wollte stehen lassen, auch Harrlington, der Lustigkeit mit Besonnenheit verband, der brummige Hastings, auf dessen Freundschaft man sich wie auf Gold verlassen konnte – alle diese Gestalten zogen an den Augen des Mädchens vorüber, und schließlich schloß sich dem Zuge eine schwarze Gestalt in kurzem, bunten Röckchen an.

Hope mußte plötzlich so laut auflachen, daß sie die schweigsamen Ruderer verwundert ansahen, was das Mädchen veranlaßte, verlegen zur Seite zu blicken.

Da bemerkte sie mit einem Mal, daß das Boot immer geradeaus gefahren war, anstatt nach rechts abzubiegen.

»Wohin fahren Sie mich?« rief sie erregt. »Die ›Vesta‹ liegt doch mehr dort.«

Sie deutete mit der Hand nach rechts.

»Stimmt,« antwortete der Steuernde ruhig, »aber wir müssen einen großen Umweg machen, denn ein neues Schiff hat erst vorhin die Durchfahrt versperrt. Thut mir leid, habe es aber nicht wissen können.«

Hope ward dadurch nicht beruhigt, das Boot mußte sich immer weiter von der ›Vesta‹ wie auch vom Lande entfernen. Fast war es, als wollten die Leute dem freien Fahrwasser zustreben, wo auch einige Schiffe verankert lagen; Hope konnte von hier die Lichter erblicken.

Angstvoll wandte sie ihre Augen nach dem ›Amor‹, der jetzt öfters auftauchte, da sich die Zahl der Schiffe zu verringern begann, und was sie da sah, rief ihre Verwunderung hervor.

Auf dem ›Amor‹ waren die Lichter und Lampen mit einem Male alle lebendig geworden, so schien es wenigstens, denn Menschen konnte sie wegen der Nacht und der großen Entfernung nicht erkennen; sie wandelten hin und her, tauchten bald auf, bald unter, und dann war es Hope, als ob sie plötzlich einige dunkle Gegenstände über dem Schiffe verschwinden sähe.

»Sie arbeiten,« murmelte Hope, »sonderbar, in der Nacht und im Hafen! Fast schien es mir, als ob sie die Boote abgenommen hätten. Fahrt mich zurück an Land!« rief sie dann heftig. »Ihr bringt mich ja ganz wo anders hin.«

Die Ruderer beachteten den Befehl gar nicht, mit aller Macht legten sie sich in die Riemen, aber der Steuernde sagte:

»Seien Sie unbesorgt, gleich sind wir an der ›Vesta‹!«

»Das ist nicht wahr!« rief Hope. »Sie fahren ja nach dem freien Wasser, und die ›Vesta‹ liegt in der Nähe der Treppe.«

»Ich versichere Ihnen,« entgegnete der Schiffer, »in fünf Minuten sind –«

»Boot ahoi!« rief da plötzlich lang ausholend eine Stimme durch die Nacht, und gleich darauf ward ein rascher, taktmäßiger Ruderschlag hörbar.

Freudig fuhr Hope auf. Das war Lord Harrlingtons Stimme gewesen, und da sah sie auch schon ein Boot mit sechs Riemen zwischen zwei Schiffen hervorschießen. Ihr Boot lag gerade im Schatten eines dunklen Schiffes, aber das ankommende wurde von einer Schiffslaterne beleuchtet. Eben wollte sie den Schifferruf erwidern, schon brachte sie die Hände vor den Mund, da aber legte sich eine Hand um ihren Hals, das Mädchen wurde hintenüber gerissen, sodaß es vor die Füße des Steuernden zu liegen kam, und erbleichend blickte es in die funkelnden Augen des Mannes.

»Nur ein Laut,« zischte er zwischen den Zähnen hindurch und setzte Hope den Dolch auf die Brust, »und Du bist eine Leiche.«

Sie hielt vor Entsetzen den Atem an. Dieser Mann machte Ernst mit seinen Worten, schon hatte das Messer das Kleid durchdrungen, und sie fühlte den kalten Stahl auf der Brust.

Hastig besprachen sich die Männer in einer Sprache, die Hope nicht verstand, dann lenkten sie das Boot in den Schatten eines Schiffes und drängten es dicht an den Rumpf.

»Boot ahoi!« schallte wieder der Ruf, diesmal aber von der anderen Seite und jetzt erkannte das Mädchen Williams Stimme. »Boot ahoi! James, nichts gefunden?«

James war der Vorname Harrlingtons, das wußte sie, also waren schon zwei Boote unterwegs, sie zu suchen.

»Noch nicht! Haben Sie ihn im Boot?« klang Harrlingtons Stimme durch die Nacht zurück.

»Ich habe ihn. Wo ist Lord Hastings?«

»Er muß gleich kommen.«

»Dann muß er ins Fahrwasser, wo liegt der ›Friedensengel‹?«

»Eins, zwei, drei,« hörte Hope eine Stimme zählen, es war die von Hannes, dem Leichtmatrosen, »das vierte Schiff von rechts.«

»Hast Du sie auch wirklich erkannt?« rief wieder Harrlington.

»Bestimmt,« antwortete Hannes.

Wieder hörte Hope einen raschen Ruderschlag, und abermals sah sie durch die Nacht ein Boot schießen. Den am Steuer Sitzenden erkannte das Mädchen sofort an den riesigen Umrissen – es war Lord Hastings.

»Nach dem ›Friedensengel‹, viertes Schiff von rechts im Fahrwasser, wir suchen hier ab,« rief Harrlington, dessen Boot sie nicht sehen konnte, ihm zu, und Hope fühlte, wie der spitze Stahl schon ihre Haut ritzte; die Hand, die ihn an ihre Brust drückte, bebte.

Hope hatte wieder Hoffnung gefaßt. Hannes hatte sie also abfahren sehen, der Bootsbesatzung mit dem scharfen Blick des Seemanns nicht getraut, nun den ›Amor‹ alarmiert, und alle Boote der Engländer waren hinter ihr her.

Die fünf Insassen des Bootes besprachen sich leise, nahmen Tücher aus einem Kasten und umwickelten die Riemen dort, wo sie sich in den Ausschnitten bewegten. Dann stießen sie leise vom Schiff ab und tauchten vorsichtig die Riemen ins Wasser.

Als sie um das Schiff bogen, sah Hope wieder ein Boot angerudert kommen, und der Steuernde wendete das seinige um.

Aber schon waren sie gesehen worden. »Boot ahoi!« schallte Harrlingtons Stimme über das Wasser. »Halt, wenn Ihr unter ehrlicher Flagge fahrt!«

Wie ein Schatten huschte Hopes Boot zurück und zwischen den Schiffen hindurch, aber da kam schon wieder ein anderes von rechts heran.

»Sie sind es,« jubelte Hannes Stimme. »Pullt, Jungens, pullt, legt Euch hinten über, daß Ihr umfallt.«

Wieder fühlte Hope, wie sich das Messer fest auf ihre Brust drückte, aber sie war nun einmal so; in diesem Moment malte sie sich aus, wie Hannes zwischen den englischen Grafen und Lords saß und sie zum Rudern antrieb, und ein Lächeln huschte über ihre bleichen Züge.

Abermals lag das Boot im Schatten eines großen Kahns und die Männer unterredeten sich hastig; plötzlich wurde dem Mädchen ein Tuch dicht um Gesicht und Kopf gewickelt, am Halse zugeschnürt und die Hände fest zusammengebunden. Im nächsten Augenblick fühlte sich Hope emporgehoben und niedergelegt, jedenfalls an Deck des Fischerfahrzeuges.

Kaum war eine Viertelminute vergangen, als sie unter sich Ruderschlag vernahm und Harrlingtons Stimme hörte:

»Haben wir dich endlich, Mädchenräuber, wo ist die Dame?«

»Was wollt Ihr eigentlich?« entgegnete die knurrende Stimme des Steuermanns, der sie entführt hatte. »Wir kommen eben dort von Bord. Gebt Raum, sage ich Euch, laßt ehrliche Fischer zufrieden!«

Wieder drang ein Ruderschlag an Hopes Ohren.

»Sie sind es!« jubelte abermals Hannes. »Wo ist Hope?«

Es folgte eine Stille. Hope strengte sich verzweifelt an, ihre Bande zu sprengen, aber es gelang ihr nicht, und das Tuch war so fest um ihren Mund gebunden, daß sie nur ein dumpfes Röcheln ausstoßen konnte. Sie fühlte sich dem Ersticken nahe.

»Hund verdammter!« schrie des Leichtmatrosen Stimme, und ein klatschender Schlag wurde gehört. »Wo ist das Mädchen? Du willst mir doch nicht etwa weismachen, Ihr hättet es nicht im Boote gehabt. Wo ist es?«

»Das sollst du mir bezahlen!« brüllte der Räuber.

Ein heftiges Stampfen erfolgte, ein Fall ins Wasser und ein Plätschern, dann lachte Hannes:

»Laßt ihn schwimmen, Jungens – hört, was ist das da oben? Da trommelt etwas an Deck!«

Hope vernahm nur noch, wie die Boote heftig gegen das Fischerboot stießen, hörte, wie die Riemen klappernd zusammenschlugen, ein Stampfen, und das Tuch wurde ihr vom Hals geschnitten.

Tief atmete das Mädchen auf, es sah sich von den englischen Herren umgeben, aber sein erster Blick fiel auf eine schwarze Gestalt in kurzem Röckchen, die neben ihm kniete und die Stricke an den Händen zerschnitt. Dann verlor es das Bewußtsein.

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