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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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39.

Im ›Schiffsanker‹ zu Sydney

Die Bierhalle des ›Schiffsankers‹, des besuchtesten Matrosenlokals von Sydney, war dicht gedrängt besetzt. Alle Nationen der Erde waren hier vertreten, aber man konnte die einzelnen Typen höchstens nach ihren Gesichtszügen und der Farbe ihres Haares erkennen, denn alle zeigten im Gesicht und an den Händen die gleiche Schattierung von Braun und Rot, wie sie den Seeleuten eigentümlich ist.

Der dicke Wirt hinter der Bar schmunzelte jedesmal, wenn eine der flinken Kellnerinnen vor derselben erschien, in jeder Hand zehn leere Biergläser tragend, und er dieselben wieder mit dem goldgelben Stoffe füllen mußte, der die Gemüter seiner Gäste immer mehr erhitzte.

Von den Schiffen, deren Mannschaften hier versammelt waren, um nach des Tages Arbeit sich an einigen Gläsern Bier und an lustiger Unterhaltung zu erquicken, waren hauptsächlich englische vertreten, aber man konnte den an den einzelnen Tischen verteilten Besatzungen nicht ansehen, daß es englische waren, denn die wenigsten Matrosen unter ihnen zeigten das Aussehen von Engländern, vielmehr setzten sie sich meistens aus Negern, Mulatten und Südeuropäern zusammen, nur die englisch geführte Unterhaltung verriet, unter welcher Flagge sie segelten.

Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit der englischen Schiffe, daß auf ihnen wenige englische Matrosen, dagegen sehr viele Fremde fahren, mit Vorliebe Deutsche, Holländer und Skandinavier, und zwar darum, weil englische Kapitäne die beste Heuer bezahlen. Um seine riesige Handelsflotte vollständig mit Matrosen zu besetzen, kann England selbst nicht genug Männer liefern, besonders auch darum, weil die sehr große Kriegsmarine fast die ganze seemännische Bevölkerung der Insel verbraucht. Die hohen Heuer ziehen dafür die Matrosen anderer Nationen an, und ebenso liefern die Kolonien einen großen Teil der Mannschaft, Neger, Hindus, Chinesen, Japanesen und so weiter, von denen besonders die letzten ausgezeichnete Seeleute sind oder doch werden, sobald sie unter einen tüchtigen Kapitän kommen.

Auf amerikanischen Schiffen ist es noch schlimmer. Anders ist es mit den Schiffen der übrigen Nationen. Auf den holländischen fahren Holländer, auf den norwegischen und schwedischen fahren Skandinavier, und auf den deutschen fahren Deutsche, nur selten kommt es vor, daß sich unter diesen Schiffsbesatzungen fremde Matrosen befinden.

So konnte man hier in dieser Bierstube auf den ersten Blick sehen, daß jene Männer, welche im Hintergrunde des Saales allein um eine große Tafel saßen, zu einem deutschen Schiff gehörten. Die offenen, ehrlichen Züge, die blonden Haare, die blauen Augen kennzeichneten sie schon als Söhne Deutschlands, wenn sie sich auch nicht auf deutsch unterhalten hätten.

»Wenn dem Jungen nur nichts zugestoßen ist,« sagte eben ein hünenhafter, breitschultriger Mann mit verwittertem Gesicht, der von den anderen mit Bootsmann angeredet wurde. »Sidney wimmelt von Gesindel aller Art; der Junge steckt immer voll allerlei dummer Streiche, und wer weiß, ob sie ihn nicht wegen irgend etwas gefaßt und ohne weiteres gelyncht haben. Auch die englische Polizei läßt nicht mit sich spaßen.«

»Unsinn,« meinte ein anderer, »Hannes ist viel zu schlau, als daß er sich ohne weiteres kriegen lassen sollte. Gott, als wir noch so jung waren und als Leichtmatrose in der Welt umhergekreuzt sind, haben wir es auch nicht besser gemacht, Bootsmann. Wenn der Junge auch einmal über den Strang haut, du wirst wohl auch eben kein Goldkind gewesen sein, meine ich.«

Der Bootsmann lachte laut anf.

»Wetter noch einmal, nein, wenn es einen Streich auszuführen gab, da war Karl immer der erste voran, und von Kriegenlassen gab's bei uns auch nichts. Aber damals waren auch noch andere Zeiten; in den Hafenstädten herrschte Ordnung, und die Seeleute bildeten eine Klasse für sich, die unter sich zusammenhielt. Jetzt dagegen glaubt jeder Spanier berechtigt zu sein, einem Engländer das Messer in den Leib zu rennen, und dieser wieder prahlt damit, wenn er einem deutschen Matrosen die Augen blau geschlagen hat. Daß er aber mit so und so vielen Kerlen auf einen gegangen ist, verschweigt er natürlich.«

Der Bootsmann stärkte sich nach dieser langen Rede durch einen ebenso langen Zug aus dem vor ihm stehenden Glase.

»Ja, ja,« seufzte der andere, ein schon weißhaariger Bursche, der Koch von der in Sidney liegenden ›Kalliope‹, »besser werden die Zeiten nicht. Besonders seitdem die Dampfer immer mehr und mehr überhand nehmen, kommen Elemente unter die Seeleute, welcher sich jede brave Theerjacke schämen muß. Da bezahlen die Comptoirs bloß noch dreiviertel der eigentlichen Heuer, richtige Matrosen wollen dafür natürlich nicht fahren, weil sie sich ja vor ihren Kameraden blamieren würden, und was ist die Folge davon? Die Herren da in den Schreibstuben nehmen den ersten Besten, der sich als Matrose anmeldet, er mag Schneider, Schuster, Bäcker oder Barbier sein, schreiben ihm sein Seemannsbuch aus und stecken ihn an Bord – fertig ist der Seemann.«

»Was hat denn auch ein Dampfer für besonders geschickte Matrosen nötig?« lachte der Bootsmann. »Sie waschen doch bloß die weiße Farbe ab, scheuern das Deck, und für die Arbeiten, zu denen ein richtiger Matrose gehört, wie zum Beispiel fürs Steuern, ist doch immer ein Seemann unter ihnen. Auf einem Dampfer können ebensogut Schornsteinfeger als Matrosen fahren wie Seeleute von Profession, denn in der Takelage haben sie nichts zu suchen, mit Ausnahme von monatlich einmal, wenn die Masten und Raaen gescheuert werden, und klettern können Schornsteinfeger auch.«

»Oho,« rief aber der Koch dagegen, ein alter Seebär, der nur jetzt als Koch fuhr, weil ihm seine steif gewordenen Knochen das Springen nicht mehr erlaubten, »oho, Bootsmann, da steuert Ihr aber doch einen falschen Kurs, wenn Ihr so denkt. Nehmt nur einmal ein Pasagierschiff an, auf dem könnte manchmal eine tüchtige, fixe Schiffsbesatzung, so vom alten Schrot und Korn, die sich vor Gott und den Teufel nicht fürchtet, nicht mit Geld bezahlt werden.«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint,« sagte der Bootsmann lächelnd, »Ihr geratet ja ordentlich ins Feuer, wenn Ihr an Passagierschiffe denkt. Gerade auf diese will kein ordentlicher Seemann mehr gehen, weil sie die niedrigsten Heuer zahlen und weil die Mannschaft fortwährend damit zu thun hat, die Andenken von den Seekranken wegzuräumen. Mir könnte einer dreihundert Mark monatlich bieten, ich würde nicht auf einen solchen Dampfer gehen.«

»Das ist es eben,« schrie der Koch erbost und schlug donnernd mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser zu tanzen begannen. »Natürlich will niemand mehr draufgehen und die Schweinerei der Passagiere wegmachen und noch dazu für solchen Hungerlohn, als höchstens eben Kerls, die vor Hunger das Angebot annehmen. Aber nun sagt, Bootsmann, wenn dem Schiff ein Unglück zustößt, was ist dann die Folge? Heh!«

Der Bootsmann schwieg verlegen, ebenso wie die anderen, sie wußten nun, wohinaus der Koch wollte.

»Ich will Euch die Frage beantworten,« sagte dieser, »wenn Ihr thut, als wüßtet Ihr es nicht ebensogut wie ich. Beim ersten Anzeichen, daß der Dampfer zu sinken droht, stürmen sie nach den Booten, kappen die Taue und springen hinein, alles dabei über den Haufen stoßend. Mögen der Kapitän und die Offiziere auch brave Leute sein, weder ihre Ermahnungen, noch ihre Drohungen wirken bei diesen Halunken, und springen die Passagiere dann ins Wasser und klammern sich an die Boote, was thun die sogenannten Matrosen dann? Gott verdamme meine Augen, wenn ich Euch das nicht sage, was sie gesehen haben! Mit den Messern haben sie die Hände auf dem Bootsrand abgekappt und mit den Riemen die sich dem Boote Nähernden untergedrückt.«

»So waret Ihr selbst einmal einmal bei einem solchen Schiffsunglück auf einem Passagierdampfer, Koch?« fragte der Bootsmann nach langer Pause, als der Sprecher nicht fortfuhr.

»Ich war´s, und ich wurde mit fortgerissen,« sagte der Koch leise. Vielleicht hat schon mancher von Euch Maaten ein Schiff verloren, im Sturm oder an der Küste, aber was ist das dagegen, wenn ein Passagierschiff auf hoher See gerammt wird und schneller untersinkt, als man bis dreißig zählen kann. Die halbnackten Menschen stürzen an Deck, die Weiber haben ihre Kinder auf den Armen, sie rennen nach den Booten; der Kapitän selbst ruft es ihnen zu, die Matrosen lassen die Boote ins Wasser hinein, sie springen nach, und wie die Passagiere nachwollen, da stoßen die Kerls ab. Hölle und Teufel,« der alte Seemann sprang erregt von seinem Stuhle auf, »so etwas kann man nicht erzählen!«

Er sank zurück und begann erst nach einer Weile wieder mit leiser Stimme:

»Wie gesagt, ich wurde mit fortgerissen. Auch ich war im Boot und wartete, daß die Passagiere nachkommen sollten, aber was thaten die Teufel von Menschen? Sie stießen vom Schiff ab, nicht nur das eine Boot, sondern auch alle anderen – ohne Passagiere, nur zwei Offiziere waren darin; ich schrie, ich wollte aufs Schiff zurück, man hielt mich fest, ich sah, wie sie die über Bord Gesprungenen mißhandelten. Doch was soll ich erzählen, was ich dabei gedacht habe; als wir nach zwei Tagen an der holländischen Küste landeten, war mein schwarzes Haar schneeweiß geworden. Ich entzog mich dem Seegericht, ich verabscheute mich, ich spuckte mich im Spiegel selbst an, ich glaubte vor Scham nicht mehr leben zu können. Mit blutendem Herzen wanderte ich ins Land hinein, ich wollte von der See, auf der ich so Schreckliches erlebt, nichts mehr wissen, ich wollte mein Leben als Tagelöhner fristen, meine Ehre als Seemann gab ich verloren, und –«

Der alte Mann bedeckte seine Augen, er konnte nicht weitersprechen. Dann aber brach er mit einem Mal in ein heiseres Lachen aus:

»Nun kommt das Schönste. Eines Abends saß ich in der Wirtsstube eines kleinen holländischen Dorfes. Da nahm ein Mann die Zeitung vor und las den übrigen Gästen das neueste Schiffsunglück vor. Ich wollte aufspringen und hinauseilen, um meine eigene Schande nicht anhören zu müssen, denn schon hatte ich den Namen meines Schiffes und den meines Kapitäns verstanden, der wie ein Held auf der Kommandobrücke von den Fluten verschlungen worden war, wie wir noch von den Booten aus hatten sehen können. Aber meine Glieder versagten mir den Dienst, wie gelähmt blieb ich auf dem Stuhle sitzen, und da, Himmel und Hölle, hört es, und lacht, lacht, daß Euch die Thränen aus den Augen kommen, da las der Mann einen langen Artikel vor, mit welcher Bravour sich die Matrosen bei dem Untergang betragen hätten, wie sie unzählige Male ihr Leben daran gesetzt hätten, die völlig fassungslosen, zeternden Passagiere ins Boot zu bekommen, wie sie beim Schiff geblieben seien, bis die letzte Mastspitze unter Wasser verschwunden war, wie es ihnen aber doch nicht gelungen, einen einzigen zu retten und so weiter, kurz, vor den Menschen war ich nicht nur ein ehrlicher Kerl, ich mußte ihnen förmlich als ein Held erscheinen.«

»Das ist eine alte Geschichte,« bemerkte der Bootsmann, »das Comptoir, dem das Schiff gehört, wälzt natürlich alle Schuld möglichst von seinen Angestellten, und sind der Kapitän und einige Offiziere ertrunken, so macht es von diesen mehr Geschrei als von hundert Passagieren. Bliebt Ihr auch an Land, Koch?«

»Das eben Gehörte versetzte meinem Entschlusse schon einen gewaltigen Stoß. Ich hatte das Meer lieb, wie ein Kind seine Mutter, ein Jahr im Land, ohne die See zu sehen, wäre mein Tod gewesen. Ich kehrte bald darauf wieder an die Küste zurück und that einen heiligen Schwur, nie wieder auf einem Schiff zu fahren, auf dem andere als richtige Seeleute geheuert würden, überhaupt auf keinem Dampfer mehr, wenigstens so lange nicht, bis sich diese elenden Verhältnisse ändern.«

»Die Konkurrenz ist daran schuld, daß die Schiffscomptoirs so wenig Heuer bezahlen,« meinte einer der Matrosen, »die Passagierschiffe können nur wenig bezahlen, weil die Passagiere nur einen niedrigen Ueberfahrtspreis zahlen wollen.«

»Das ist einfach ein Unsinn oder ein Unfug, dem ein Ziel gesetzt werden muß,« unterbrach ihn der Koch, »welcher Mensch bezahlt wohl nicht lieber zehn Mark mehr und weiß sich dafür unter sicheren Matrosen, die sich lieber die Finger einzeln abbeißen, anstatt daß sie nach dem Riemen greifen, bevor das Boot mit Passagieren besetzt ist, als daß er bei einem Unglück ebensogut unter einer Herde wilder Indianer wäre!«

»Aber, die Todesangst, Koch, die jeden befällt, wenns ans Leben geht, mit der müßt Ihr auch rechnen –«

»Was, Todesangst!« schrie aber der Weißkopf dazwischen. »Seht her, Bootsmann, ich will Euch ein Beispiel geben. Gesetzt den Fall, unser Kapitän, der Weib und Schwester mit an Bord hat, übergebe Euch das Schiff, daß Ihr es nach einem anderen Hafen bringen sollt, wohin er selbst über Land reisen will. Ich sage, er übergiebt Euch das Schiff und seine Ladung, nicht aber seine Angehörigen, die auch an Bord bleiben; aber er denkt in diesem Augenblick nicht an sie. Nun passiert Euch unterwegs auch so ein Unglück, Ihr scheitert und müßt das Schiff verlassen, habt aber in Eurem Boot keinen Platz für die beiden Weiber. Würdet Ihr dann etwa vom Schiffe abstoßen und dann vor Euren Kapitän treten können mit den Worten: Hier sind Eure geretteten Papiere, das Schiff war versichert, also habt Ihr weiter keinen großen Schaden – die beiden Frauen gingen mich nichts an. Könntet Ihr dies, Bootsmann?«

Der Bootsmann wollte eben sagen, daß ihn Gott niemals in eine solche Lage bringen möchte, als an einem Tische nebenan sich ein heftiger Streit entspann.

Zwei fremde Matrosen, anscheinend ein Grieche und ein Neger, hatten Karten gespielt; der Neger hatte immer gewonnen, und der von Wein und Bier sehr erhitzte Grieche hatte ihn als Falschspieler bezeichnet. Wie bei diesen südlichen Völkern gewöhnlich, wurde der an und für sich harmlose Wortwechsel mit großem Geschrei geführt, einige andere Griechen und Farbige nahmen Partei für ihre Kameraden, und im Nu herrschte in der Bierstube ein Spektakel, als wüte ein Handgemenge darin.

Da plötzlich öffnete sich die Hauptthür, und herein trat eine Gruppe von Gestalten, bei deren Anblick teils aus Neugier, teils aus Scheu augenblickliche Stille erfolgte.

»Die Heilsarmee kommt,« rief ein Engländer lachend, »jetzt gebt acht, Jungens, der Weg zum Himmel ist für euch heute abend offen.«

Es waren nur Frauen, welche den ›Schiffsanker‹ aufsuchten, um unter den Matrosen einige verlorene Seelen zu ihrem Gott und Heiland zurückzuführen, alle in eine gleichmäßige, einfache, dunkelblaue Uniform gekleidet und den breitrandigen, schwarzen Strohhut auf dem Kopf, den nur ein rotes Band mit der goldenen Inschrift ›Heilsarmee‹ zierte. Ihre Anführerin trug eine rote Fahne mit weißem Kreuz darauf in der Hand, die nachfolgende eine Pauke und die anderen Tamburins, mit denen sie die gesungenen religiösen Hymnen taktmäßig begleiteten.

Die Heilsarmee erstreckt sich über ganz Amerika und Australien, in Europa ist ihr Hauptsitz England, von wo sie auch ausgegangen ist, und sonst hat sie nur noch in Skandinavien festen Fuß gefaßt; in Deutschland, Frankreich und den übrigen Staaten ist ihr dies kaum in einzelnen Städten gelungen. Sie setzt sich aus Männern und Weibern zusammen, von denen sich erstere Heilssoldaten, letztere Heilsschwestern nennen, stehen unter Kommando von Offizieren beiderlei Geschlechts und sind überhaupt ebenso streng organisiert, wie eine militärische Armee.

Die Heilsarmee hat es sich zur Aufgabe gemacht, ungläubige Menschen in gläubige zu verwandeln und daneben auch auf die Sittlichkeit zu wirken, hauptsächlich aber das Laster der Trunksucht zu bekämpfen.

Ihre Soldaten durchziehen unter klingendem Spiel die Straßen, fliegende Fahnen voran – wie sie überhaupt darauf bedacht sind, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – schließen dann einen Kreis und halten unter freiem Himmel eine Betversammlung und Predigt ab.

Ebenso gehen sie auch, selbst gegen das Verbot der Polizei, in öffentliche Häuser, wie zum Beispiel Bierstuben, Theater und andere und bemühen sich, die Besucher solcher Lokale von diesen wegzulocken und ihnen für immer abtrünnig zu machen. Da sie aber völlig ohne Schutz dastehen – denn die Organisation ist nur eine Privatsache – so haben sie vielen Spott und heftige Verfolgungen zu erdulden, und nicht zum mindesten die weiblichen Mitglieder. Nicht nur, daß sie mit Worten verhöhnt werden, selbst thätliche Angriffe müssen sie auf den Straßen über sich ergehen lassen, sie werden mit Kot beworfen; wenn sie zum Beten niederknieen, erhalten sie Stöße, daß sie zu Boden fallen, und noch Aergeres geschieht ihnen.

Aber die christliche Religion verbietet ihnen, auch nur an eine Flucht vor Mißhandlungen zu denken, und so halten sie ihren Verfolgern ruhig stand, alles Unrecht mit einem milden Lächeln vergeltend. Wer die Hafenplätze kennt, wie zum Beispiel New-York, London, Sydney und andere, der weiß auch, was sich für ein Gesindel in ihnen aufhält, Männer und Weiber, so tief gesunken, daß die Schilderung ihrer Laster jeder Beschreibung spottet. Gerade mit solchen Leuten verkehren aber die Mitglieder der Heilsarmee, sie beschäftigen sich mit ihnen, wo sie nur können, suchen sie ebenso in den Wirtshäusern, wie in den ärmlichen Wohnungen auf und bemühen sich, ›Seelen zu retten‹, wie sie selbst zu sagen pflegen. Meistens werden die Wohlthaten, die sie den Armen zukommen lassen, mit Undank vergolten, aber sie sind schon zufrieden, wenn sie nur angenommen werden, haben sie dann doch Hoffnung, daß man ihre Predigten auch anhört.

So hatte auch jetzt ein Trupp von Heilsschwestern, durch das wüste Geschrei im Hause herbeigelockt, die Wirtsstube im ›Schiffsanker‹ betreten.

Die Oberin fragte nicht erst, ob es ihr erlaubt sei; ruhig schritt sie nach dem freien Platz inmitten des Zimmers, stellte ihre Fahne aufrecht hin, und sofort bildeten die anderen Schwestern einen Kreis um sie. Ohne weiteres zogen diese, alle noch junge Mädchen, oft sogar aus sehr guter Familie stammend, die Hymnenbücher aus der Tasche und begannen eine geistliche Weise, während sie auf den schellenbesetzten Tamburins trommelten und die Paukenträgerin ihr Instrument taktmäßig schlug.

Die Gäste verhielten sich, wie es ihnen ihre Gemütsstimmung eingab.

Einige waren ruhig sitzen geblieben, darunter der Bootsmann und der Koch der ›Kalliope‹. Andere, denen dieses Schauspiel ein neues war, traten an den Kreis und hörten zu, und wieder andere hatten sich wohl auch zu den Zuschauern gesellt, aber nur, um über das Benehmen der Schwestern Witze zu reißen.

»Seht nur,« sagte der eine, anscheinend ein Spanier, »wie sie beim Singen die Augen schließen! Ob sie so wohl ihren Gott besser sehen können?«

»Nein!« lachte neben ihm ein Engländer. »Dich und deine Galgenphysiognomie wollen sie nicht sehen, sonst könnten sie blind davon werden. Wie das Mädel da das Kalbfell bearbeitet, gerade als hätte es Unterricht bei einem Regimentstambour genommen.«

»Paßt auf!« lachte wieder der Spanier. »Ich weiß einen herrlichen Spaß. Sie sprechen immer vom Teufel, und ich werde ihnen einmal einen Teufel anhängen.«

Er ging zum Wirt und ließ sich Kreide und einen Lappen geben.

Der Bootsmann hatte unterdessen schon verschiedene Male nach einem neuen Glas Bier gerufen, aber die beiden Kellnerinnen hatten jetzt keine Zeit. Die Schwestern spielten und sangen eben eine jener Hymnen, wie sie in England gebräuchlich sind, und sofort hatten die beiden Mädchen herausgefunden, daß es sich darnach tanzen ließe. Partner waren unter den Matrosen gleich gefunden, sie faßten sich, und Paar um Paar walzte um den Tisch herum.

»Verrückte Weibsbilder!« brummte der Bootsmann. »Auf der einen Seite wird gebetet und gesungen, und auf der anderen wird gelacht und getanzt. So etwas ist eben nur in einem englischen oder amerikanischen Hafen möglich.«

»Ich kenne das,« sagte der Koch. »Wenn solche Mädchen begraben werden, und die Leichenkapelle spielt einmal etwas schneller, dann fangen sie noch im Sarge an zu trampeln.«

»Wenn sie wenigstens ihre Arbeit dabei nicht vergessen und mir Bier bringen wollten! Ehe ich an Bord gehe, muß ich noch eins trinken, aber diese Heilsarmee hat alles außer Rand und Band gebracht. Eine ganz hübsche Geschichte, ja, aber für Seeleute paßt sie nicht. Die haben gut predigen, daß man keine Spirituosen trinken soll; aber sie sollten sich einmal so die ganze Nacht den eisigen Sturm um die Ohren sausen lassen, und dann solltet Ihr einmal sehen, mit welchem Behagen sie ein Glas Brandy hintergießen würden.«

Der Bootsmann stand auf, um sich selbst ein Glas Bier zu holen.

Als er mit dem vollen Glas an der Gruppe der Heilsschwestern vorbei mußte, welche eben auf den Knieen lagen und beteten, sah er, wie der Spanier von vorhin einem der Mädchen einen Lappen auf den Rücken drückte, und als er ihn wieder emporhob, war auf dem dunklen Kleide ein gehörnter Teufelskopf zu sehen.

Die meisten der Umstehenden brachen in ein lautes Gelächter aus, während die Knieende, welche laut betete, sich nicht stören ließ, obgleich sie wohl gemerkt hatte, daß eben ein Streich an ihr verübt worden war.

»Hört, Kameraden,« sagte der Spanier, »sie sagt ja gerade, daß sie ihren Schuldigern vergeben will. Dann kann ich ihr ja noch einen Teufel auf die andere Seite setzen.«

Wieder malte er mit der Kreide einen Teufelskopf auf den Lappen.

Der Bootsmann hatte dieser Szene beigewohnt, und in seinem ehrlichen Herzen stieg der Zorn über eine solche Verspottung auf. Er ging auf den Spanier zu und nahm ihm ruhig die Kreide aus der Hand.

»Unterlaßt dies,« sagte er ernst zu dem Spanier, der ihn erst verblüfft anstarrte, »macht meinetwegen solche Kindereien an Bord Eures Schiffes, aber wenn Ihr in einem Lokale seid, wo anständige Seeleute verkehren, so gebe ich es nicht zu!«

Der Spanier stieß einen langen Pfiff aus und sah sich im Kreise um, überall begegnete er gelben, zerfetzten Gesichtern.

»Anständige Seeleute,« sagte er langsam, dann aber brach seine Wut hervor. »Zum Teufel mit Euch! Wer seid Ihr denn eigentlich, daß Ihr es wagt, Euch in meine Geschäfte zu mischen? Verdammt will ich sein, wenn ich mir das gefallen lasse!«

»Verdammt wollt Ihr sein? Dazu kann ich Euch bald verhelfen,« spottete der Bootsmann in ruhigem Tone und setzte das Glas Bier auf den Tisch. »Wenn Ihr etwas von mir wollt, sagt es nur; ich werde Euch keine abschlägige Antwort, aber jedenfalls eine sehr treffende geben.«

»Hund,« brüllte der Spanier, vor Wut zitternd, »ich werde –«

Er erhielt von dem Bootsmann einen Faustschlag, daß er mitten zwischen die Schwestern geschleudert wurde, die jetzt eilends den Raum verließen; solcher Streit war ihre Sache nicht, sie gingen ihm überall aus dem Wege.

»Das habt Ihr erst einmal für Euren Hund,« rief der Bootsmann. »Benehmt Euch höflicher, und ich werde auch höflicher mit Euch verfahren.«

Der Spanier hatte sich schon wieder aufgerafft und stürzte auf den Bootsmann zu. Schreiend flüchteten die Kellnerinnen hinter die Bar, der dicke Wirt suchte seinen behäbigen Körper hinter einem Bierfaß zu verstecken, und auch die deutschen Matrosen schrieen um ihren Kameraden auf, denn in der erhobenen Hand des Spaniers, der mit einem Sprunge vor dem Bootsmann stand, funkelte ein langer Dolch.

Doch dieser wich nicht einen Zoll zurück. Als der Dolch gleich einer blauen Flamme herabfuhr, fing der Deutsche das Handgelenk des Gegners geschickt auf, eine Bewegung, der Arm knackte in der Kugel, und der Spanier wand sich mit ausgerenktem Arm am Boden.

»Nummer eins,« lachte der kampfgeübte Seemann, »hat sonst noch jemand Lust, sich mit dem Bootsmanne der ›Kalliope‹ zu messen?«

Da drängte sich ein grauhaariger Mann hervor, ebenso wie der Besiegte einäugig, und jedenfalls ein Spanier.

»Wie könnt Ihr es wagen, verdammter Deutscher, einen meiner Leute anzufassen. Ich bin Kapitän, versteht Ihr das?«

»Ihr seid ebenso ein einäugiger Spitzbube,« schrie der Bootsmann, den jetzt die Ruhe verließ. »Kommt her! Ihr sollt dem anderen Gesellschaft leisten.«

Plötzlich gellten überall Pfiffe, wie auf Kommando sprangen alle Spanier, Griechen, Farbige und so weiter, auf und rissen verborgene Dolche heraus, um sich auf den Bootsmann zu werfen, aber unterdessen waren die im Zimmer anwesenden Deutschen und Skandinavier auch nicht müßig gewesen. Gleichzeitig knackte es überall, als wenn Stuhlbeine abgebrochen würden, und im nächsten Augenblicke sausten die hölzernen Waffen auf die Schädel der Messerhelden.

»Hinaus mit den Halunken!« brüllte der Bootsmann. Er packte den Spanier, ehe dieser Gebrauch von seinem Dolch machen konnte, und warf ihn, da er näher dem Fenster als der Thür stand, mit einem Schwunge durch die klirrenden Fensterscheiben.

»Hinaus mit ihnen!« brüllten auch die anderen, und im Nu war das Lokal von allen den Gästen gesäubert, die nach dem Messer gegriffen hatten. Nur einige gelbe Gesichter waren zurückgeblieben, und diese besonders streifte des Bootsmanns Blick, als er, den letzten mit einem Fußtritt hinausbefördernd, sagte:

»Weiter fehlte nichts, als daß in einer Matrosenschenke jeder nach dem Messer greifen könnte. Was war das eigentlich für eine Mannschaft?« wandte er sich an den Wirt. »Die scheinen ja alle direkt aus dem Zuchthaus entsprungen zu sein.«

»Die Mannschaft vom ›Friedensengel‹, Kapitän Fonsera,« entgegnete dieser, »das Schiff ladet Korn ein.«

»›Friedensengel‹,« lachte der Bootsmann, »›Höllenteufel‹ sollte es heißen. Aber warum gebt Ihr überhaupt solchem Gesindel Zutritt in Euer Haus, was hier in Sydney als das anständigste gilt? Weißt sie doch einfach von Eurer Thür.«

»Du lieber Gott,« seufzte der Wirt, »ich muß von meinen Einnahmen leben, und gerade die Matrosen vom ›Friedensengel‹ geben ein schönes Geld bei mir aus.«

»Ja, und andere bleiben dafür weg, die nicht mit solchen Leuten verkehren wollen.«

»Nehmt Euch in acht,« sagte der Koch zum Bootsmann, als dieser wieder an seinem alten Platz angelangt war. »Die Matrosen dieser Bark hängen wie die Kletten zusammen, nie habe ich einen ohne den anderen gesehen. Diese Spanier sind rachsüchtige Naturen, ein Menschenleben gilt ihnen verdammt wenig.«

»Gut, daß ich's nun weiß,« lachte der Bootsmann gleichgiltig, »dann brauche ich das nächste Mal meine Faust auch weniger zu schonen. Ich will einen nach dem anderen mit blutigem Kopf heimschicken, daß ihnen Hören und Sehen vergehen soll.«

Es war wieder Stille in dem Zimmer eingetreten, den zurückgebliebenen südländischen Matrosen war es unheimlich geworden, als sie gesehen, wie ihre Kameraden eine solche Lektion erhalten hatten, und, obgleich wahrscheinlich von anderen Schiffen, entfernten sie sich nach und nach stillschweigend. Nur die Engländer, welche auf die Spanier auch nicht gut zu sprechen waren, blieben zurück und schimpften weidlich auf alles dies Gesindel, welches die ganze Seemannschaft in Verruf bringt.

Wehmütig blickte der Wirt jenen nach, er trug ja dabei den größten Schaden, und sein Gesicht nahm erst wieder einen freudigen Ausdruck an, als sich abermals von außen die Thür öffnete. Aber es trat nur eine Negerin mit einem Körbchen ein.

»Hollah, Topsy, willst du tanzen?« rief ein englischer Matrose dem schlanken, hübschen Mädchen zu, das mit schelmischem, etwas kokettem Lächeln sich im Kreise der Seeleute umsah.

»Wenn es die Herren erlauben,« entgegnete sie in fließendem Englisch. »Aber ich muß mich erst umziehen.«

Sie war in ein einfaches, aber anständiges Kattunkleid gehüllt, und die Gäste verstanden deshalb nicht, was sie meinte.

»Gehe da in die Kammer, mein Kind,« sagte wieder der Engländer. »Dort bist du ungestört, und der Wirt erlaubt dir es schon.«

Die Negerin verschwand durch die bezeichnete Thür.

»Bei Gottes Tod!« rief der Bootsmann erstaunt. »War das nicht die tolle Topsy, die ich noch vor vierzehn Tagen in Perth an der Westküste von Australien habe tanzen sehen?«

»Ich kenne sie nicht als Tänzerin,« sagte der Wirt. »Ich habe sie heute abend zum ersten Male gesehen,«

»Stimmt schon,« lachte der Engländer, »es ist wirklich die tolle Topsy, erst gestern ist sie auf unserem Schiffe hier angekommen. Der Boden ist ihr drüben zu heiß geworden, sie führte täglich mehr Streiche aus, als der Tag Stunden hat. Schließlich kam sie aber in Streitigkeiten mit der Polizei, und diese beobachtete sie scharf. Als wir von Perth abfahren wollten, beschwor sie uns hoch und heilig, sie mit nach Sydney zu nehmen, aber der Kapitän schlug es ihr natürlich rundweg ab. Der Kapitän lichtete des Abends die Anker, hatte noch einige Stunden an Deck zu thun, und als ihn dann der Steward zum aufgetragenen Nachtessen rief und er eine Viertelstunde später in die Kajüte kam, da saß bereits Topsy auf seinem Stuhl und ließ eben den letzten Rest des Schinkens hinter ihren weißen Zähnen verschwinden.«

»Ja, es ist ein tolles Mädchen, diese Topsy,« sagte der Bootsmann, »ich kenne sie auch. Und merkwürdig ist es, wie schnell sich verwandte Seelen zu finden wissen. Da haben wir einen Leichtmatrosen an Bord, er heißt Hannes, das ist auch so ein lustiger Vogel. Der sieht die Topsy nur einmal tanzen, und gleich sind die beiden ein Herz und eine Seele. Ich hatte den Bengel schon stark im Verdacht, daß er der Schwarzen wegen in Perth vom Schiff laufen würde, und ich behielt ihn höllisch im Auge. Aber nun glaube ich, er wußte schon, daß Topsy hierherkommen würde, und blieb deshalb ruhig an Bord.«

In diesem Augenblicke wurde die Thür aufgerissen, und ein blutjunger, hübscher Matrose stürzte in das Zimmer.

»Bootsmann,« rief er schon im Thürrahmen und rannte auf den Angerufenen zu, nachdem er schnell einen Blick auf die Gäste geworfen hatte, »Gott sei Dank, daß ich Euch gefunden habe! Helft mir, versteckt mich, oder ich sitze morgen in Eisen, die englische Polizei ist hinter mir her, gleich müssen die Bobbys hier sein!«

»Was hast du denn wieder gemacht, Unglücksmensch?« fragte der Bootsmann.

»Laßt das jetzt, habe einen Policeman, der mich fassen wollte, niedergeschlagen; nur schnell fort mit mir,« drängte der Bursche.

Der Bootsmann warf einen fragenden Blick nach dem Wirt, aber dieser kam kopfschüttelnd hinter seiner Bar hervor und sagte energisch:

»Nichts da! Mit solchen Sachen lasse ich mich nicht ein. Wird er von der Polizei verfolgt, so kann ich ihn nicht in meinem Hause verbergen, sonst muß ich morgen die Schänkstube schließen und bin ein ruinierter Mann.«

»Hannes,« flüsterte der Bootsmann dem Leichtmatrosen zu, »dort in der Kammer ist Topsy, du bist ja gut Freund mit ihr.«

»Hip hip hurrah!« schrie der lustige Bursche und war mit einem Satz an der Thür – sie war verschlossen.

»Topsy, mach' auf,« flüsterte er durchs Schlüsselloch. »Mach' auf, aber schnell!«

»Wer ist draußen?« fragte eine Stimme. »Ich ziehe mich um.«

»Hannes ist's, dein Hannes, schnell, mach' auf, die Polizei verfolgt mich!«

Die Thür öffnete sich, der Bursche drehte sich noch einmal um und rief:

»Good bye, Glück muß man im Unglück haben!«

Dann schlüpfte er durch die schmale Spalte hinein.

Im nächsten Augenblicke ertönten schnelle Schritte draußen auf dem Korridor, und mehrere englische Konstabler traten in die Bierstube.

»Ist hier eben ein Mann hereingekommen?« fragte der erste von ihnen, nach den Gästen zugewendet.

Niemand achtete auf seine Frage, gleichgültig unterhielten sie sich weiter, aber der Wirt trat heran und sagte:

»Nein, niemand, den ich gesehen hatte, ich bin allerdings eben aus dem Keller gekommen. Suchen Sie jemanden?«

»Ja, einen englischen oder deutschen Matrosen, der uns unterwegs entsprungen ist. Er muß unbedingt in diesem Hause sein, ich selbst habe ihn hereinfliehen sehen. Gestehen Sie es, Wirt, Sie halten ihn versteckt!«

»Wie werde ich?« entgegnete der Mann entrüstet. »Durchsucht mein ganzes Haus, meines Wissens ist hier niemand hereingekommen. Habt Ihr jemanden gesehen, Bootsmann?«

»Was kümmert's mich, ob die Polizei jemanden sucht oder nicht!« brummte dieser mürrisch. »Wenn ich nur in Ruhe gelassen werde.«

»So muß ich Ihr Haus durchsuchen lassen,« erklärte der Konstabler bestimmt. »Ich habe ihn hier herein fliehen sehen, das Gebäude ist bereits umstellt, heraus kann er also nicht und ist unbedingt darin. Thut Eure Pflicht, Leute!«

Die Konstabler gingen erst in den Keller, durchsuchten diesen, kamen wieder herauf und stiegen die Treppe empor, um in den Privatzimmern des Wirtes nach dem Flüchtling zu forschen.

Ihr Anführer ließ sich einstweilen nach längerem Nötigen ein Glas Bier aufdrängen und trank es verborgen hinter der Bar.

»Was hat denn der Matrose eigentlich gemacht, daß Sie so scharf hinter ihm her sind?« fragte neugierig der Wirt.

»Eigentlich nichts weiter von Bedeutung. Auf dem Marktplatze standen einige Frauen und feilschten um einen Korb Melonen. Die eine wurde von einer hinzukommenden Freundin angesprochen, drehte sich um und kam nun mit dem Rücken an ein anderes Weib zu stehen. Dieses bemerkte ein Matrose, und aus Schabernack nähte er die beiden alten Frauen mit ein paar Stichen zusammen, das Gedränge machte dies leicht möglich, aber –«

Der Bootsmann und die anderen Gäste hatten die Erzählung des Konstablers mit angehört und brachen in ein lautes Gelächter aus, in das auch der Konstabler schließlich mit einstimmen mußte.

»Wie gesagt,« fuhr er fort, »das hatte ja nichts zu bedeuten, aber ein Mann, der einen hohen Cylinder auf hatte, bemerkte es und bezeichnete den beiden schimpfenden Frauen den Matrosen als Thäter dieses Streiches. Als Belohnung für diese Aussage trieb der junge Bursche dem Mann den Cylinder bis über die Ohren und wollte sich schleunigst entfernen, doch das Zetergeschrei des Herrn rief einige Konstabler herbei, und nun beging der Matrose die Unklugheit, einen davon über den Haufen zu rennen, um sich durch Flucht der Gefangennahme zu entziehen. Nun allerdings kann es ihm übel ergehen, wenn wir ihn bekommen.«

»Ja, wenn,« brummte der Bootsmann vor sich hin und warf einen Blick nach der Thür.

Der Konstabler war ein gewiegter Polizeibeamter, er hatte wohl eine Ahnung, daß die Gäste, wie auch der Wirt, mehr von dem Flüchtling wußten, als sie zugeben wollten, und hatte den Blick des Seemannes aufgefangen. Sofort schritt er nach der Thür und wollte sie öffnen.

»Wer ist darin?« fragte er, als er sie verschlossen fand.

»Eine schwarze Tänzerin, die sich umziehen will,« antwortete der Wirt ruhig, aber das Herz begann ihm doch schneller zu schlagen.

Auch dem Bootsmann stieg das Blut in den Kopf.

»Was ist es für ein Zimmer?«

»Vollkommen kahl, kein Stuhl, kein Bett, nichts ist darin, und die Fenster sind stark vergittert, weil ich früher meinen Vorrat an Spirituosen darin aufbewahrte.«

Der Konstabler überlegte.

»Es ist gleich,« sagte er dann. »Meine Pflicht gebietet, daß ich mich überzeuge.«

Er klopfte mehrere Male an die Thür, anfangs vergeblich, bis er heftig mit dem Fuße dagegentrat.

»Ich komme gleich,« sagte eine helle Stimme, »gedulden Sie sich nur noch einen Augenblick, meine Herren!«

»Ach was,« rief der Konstabler, »ich will dich nicht tanzen sehen! Aufgemacht, vorwärts, die Polizei verlangt es.«

Dem Bootsmann stockte der Atem, als er jetzt einen Schlüssel im Schloß drehen hörte und die Thür etwas öffnen sah – jetzt war sein Hannes geliefert, denn schon steckte der Konstabler den Kopf durch die Spalte und überflog den kahlen Raum.

Aber wunderbar, gleich drehte er wieder um und warf die Thür hinter sich ins Schloß.

»Niemand weiter darin, als eine halbnackte Negerin und ein Haufen Lumpen, die sie ausgezogen hat,« sagte er. »Wenn die Leute den Kerl nicht oben bei Ihnen gefunden haben, so marschiere ich ab.«

Seine Untergebenen mußten aber sehr genau oben suchen, denn es vergingen noch zehn Minuten, ohne daß sie herunterkamen, und der Konstabler wurde schon unruhig.

Da öffnete sich abermals die Gaststubenthür, und ein Haufen englischer Seeleute kam herein, alle stark angetrunken.

»Ist Topsy hier?« brüllten sie. »Die Schwarze wollte heute abend hier tanzen. Wo ist das Mädchen, her mit ihm!«

Der Wirt durfte keine Ausrede machen, wenn er den Konstabler nicht mißtrauisch stimmen wollte, und so sagte er die Wahrheit.

Die Seeleute donnerten gegen die Thür und verlangten, sie solle herauskommen, und als sie nicht gleich eine Antwort bekamen, drohten sie die Thür einzutreten.

»Ich komme gleich, in einer Minute,« erwiderte die Stimme der Negerin.

Wirklich kam sie auch nach einiger Zeit heraus.

Sie hatte nur ein kurzes, bis an die Kniee reichendes Röckchen an, welches mit bunten Federn, Bändern, Glasperlen und so weiter besetzt war. Unterschenkel und Arme waren bloß, und um den Kopf hatte sie einen roten Turban geschlungen.

»Alle Wetter,« lachte einer der Engländer, »du hast dich ja heute verflucht anständig angezogen, Topsy, in Perth war das doch sonst deine Art gar nicht.«

Die Schwarze zeigte lachend die weißen Zähne.

»In Perth war es heißer als hier,« erwiderte sie, »in Sydney muß man sich wärmer anziehen, sonst –«

»Sonst bekommt man wieder die Polizei auf den Hals,« unterbrach sie der Matrose. »Ja, ja, wir kennen das. Los, Topsy, tanz' uns die Hornpipe, oder besser tanze uns einen ordentlichen Step vor und singe ein braves Lied, bei dem wir den Refrain singen können!«

Die Schwarze schwang rasselnd das Tamburin im linken Arm, ließ dann den Daumen der anderen Hand trommelnd über das gespannte Kalbfell gleiten und begann mit ihrer hellen, nicht unangenehm klingenden Stimme einen englischen Gassenhauer zu singen, der langsam anfing und dann mit der schnellen, abgerissenen Stepmelodie endete, wozu sie tanzte.

Der Step ist ein den Engländern und Amerikanern eigentümlicher Tanz und wird hauptsächlich von Seeleuten gepflegt. Man dreht sich dabei nicht, sondern bewegt sich nur auf der Stelle, und zwar, indem man Hacken und Zehen abwechselnd den Boden berühren laßt. Es giebt unzählige Variationen vom Step, je nachdem der Boden ein-, zwei- oder dreimal mit der Fußspitze berührt, mit der Hacke gestampft wird, und je schneller der Tänzer die Bewegungen ausführt. Ein guter Steptänzer, wie man sie besonders unter amerikanischen Matrosen, auch unter Negern findet, schlägt den Takt zu der schnellsten Melodie rhythmisch und in den verschiedensten Variationen so rasch, daß man den Bewegungen der Füße nicht mehr folgen kann.

Topsy war jedenfalls eine Meisterin in diesem Tanz. Die Matrosen konnten den Refrain, nach dem sie tanzte, so schnell singen, wie sie wollten, sie konnten plötzlich halten und langsam fortfahren, stets bearbeiteten die Füße der Negerin taktmäßig den Boden. Graziös neigte sie dabei den schlanken Körper hin und her, das Tamburin über dem Kopf haltend und demselben rasselnde Töne entlockend, und hatte sie sich während des Tanzes absichtlich nach vorwärts bewegt, so sprang sie bei ihrem Gesang mit zierlichen Sätzen wieder zurück.

Der Bootsmann beachtete die Tänzerin nicht viel, ihm war dies Schauspiel etwas Altes, umsomehr aber bebachtete er den Konstabler, der jetzt mit seinen Leuten sprach und sich über ihr erfolgloses Suchen Bericht erstatten ließ.

Schon wollte sich der Polizist entfernen, als er wieder umdrehte und in die Kammer ging, in der sich die Negerin umgezogen hatte, und in der auf jeden Fall Hannes versteckt sein mußte, wahrscheinlich, dachte der Bootsmann, unter den Kleidern Topsys.

Der Konstabler ging also hinein, und verwundert hörte der Bootsmann, wie jener mit einer Frau sprach. Als er wieder herauskam schritt er nach der Bar und sprach noch einmal mit dem Wirt, er sah nur, wie dieser ein etwas verblüfftes Gesicht zog, dann aber mehrere Male bejahend nickte; was beide sprachen, konnte der Bootsmann leider nicht verstehen, denn eben hatte Topsy aufgehört, und ein brüllendes Bravorufen der englischen Matrosen machte jeden anderen Laut unvernehmbar.

Langsam schritt der Konstabler auf Topsy zu, die in dem Tamburin eben den Lohn für ihre Leistungen einsammelte.

»Seit wann bist du denn hier, Topsy?« fragte der Konstabler.

»Seit gestern, Herr,« antwortete Topsy, machte einen Knix und hielt dem Polizeibeamten ebenfalls das Tamburin hin.

»Wer ist denn die andere Schwarze da drinnen?« fragte der Beamte weiter.

Die Gäste horchten auf.

»Ebenfalls eine Tänzerin, die mit mir aus Perth gekommen ist,« entgegnete Topsy unbefangen, machte wieder einen Knix und wollte gehen.

»Topsy,« rief der Konstabler, und als die Gerufene wieder umdrehte, hob er ihr mit der Hand den Kopf in die Höhe, »sag mal, mein Kind, wo – alle Wetter, die färbt ja ab,« unterbrach er sich und griff nach der Negerin.

Diese war aber schneller als er. Klatschend flog ihm das Tamburin ins Gesicht. Die anderen Konstabler sprangen hinzu, aber mit einem Luftsprung setzte die Tänzerin über ihre Köpfe hinweg und stand auf dem Fensterbrett.

Man hörte noch ein helles Lachen, dann war die schwarze Gestalt in dem bunten Kleidchen verschwunden.

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