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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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36.

Der Tod des Sträflings.

»Dort war es, wo wir den Alligator erlegten, der die Ueberreste des unglücklichen Tauchers im Magen hatte,« sagte der Direktor, als die beiden Dampfer am Morgen des folgenden Tages sich wieder jener Stelle im Flusse näherte.

Er deutete dabei in die Ferne, wo vor den Blicken der Reisenden die gelbe Sandbank aus dem Wasser auftauchte.

»Es ist doch merkwürdig,« sagte einer der Herren, »daß gestern so viele der Ungetüme darauf lagen und jetzt nicht ein einziges zu sehen ist, obgleich die Sonne heiß genug brennt.«

»Sie werden auf der Jagd nach ihrem Frühstück sein,« meinte der Direktor, »oder sind sonst durch etwas in ihrer Ruhe gestört worden.«

Eben fuhr der erste Dampfer an der Sandbank vorbei, als sich an der linken Seite des buschigen Uferrandes die Zweige auseinander bogen, ein Boot mit einem einzelnen Ruderer zum Vorschein kam und von diesem pfeilschnell nach dem vorderen Dampfer dirigiert wurde.

»Matale!« riefen alle wie aus einem Munde.

Es war in der That der Taucher, der hier auf die Fahrzeuge gewartet zu haben schien.

Er lenkte das Boot an den Dampfer, auf dem der Direktor stand, schwang sich an Bord und blieb ruhig stehen, eine Anrede erwartend.

Der Direktor gab sofort das Zeichen zum Halten, denn er ahnte, daß der Taucher nicht zufällig gerade hier an Bord kam, wo sein Freund getötet worden war, sondern daß er auf dessen Spur gewesen war und irgend ein Rätsel gelöst hatte.

»Matale,« redete er ihn ernst an, »wie kannst du es wagen, der du dich deiner Gefangenschaft durch die Flucht entzogen hast, hier ohne weiteres vor uns zu treten? Wir müssen dich nun natürlich nach Pantura zurückbringen.«

Der Taucher lächelte flüchtig.

»Das will er auch,« entgegnete er, »aber er weiß jetzt genau, warum Passera verschwunden ist und niemals wiederkommen wird.«

»Nun? Wir wissen auch, daß er verunglückt ist.«

Der Taucher schüttelte den Kopf mit den funkelnden Augen.

»Passera ist ermordet worden,«

»Mensch, was sprichst du?« sagte der Direktor leise. »Passera ermordet? Sieh dich mit einer solchen Behauptung vor! Wir selbst haben seine Ueberreste in dem Magen eines Alligators gefunden.«

»Passera war ein geschickter Taucher und hätte sich von keinem Alligator fangen lassen,« war die bestimmte Antwort. »Er ist den Alligatoren vorgeworfen worden, damit er nicht schwatzen konnte.«

Alle horchten atemlos.

»Und wen hast du im Verdacht, daß er eine solche scheußliche That vollbracht habe?« fragte der Portugiese weiter.

»Ich habe niemanden im Verdacht, sondern kenne den Mörder jetzt so genau, als hätte ich selbst der That zugesehen.«

Er griff in seinen Schurz, holte eine kleine, silberne Streichholzbüchse hervor und hielt sie dem Direktor hin.

»Wem gehört diese?« fragte er triumphierend.

»A. E.« las dieser auf dem Deckel eingraviert.

»Alfonso Esplanza, es ist sein Monogramm,« rief er dann, »aber das beweist noch nichts! Wo hast du das Büchschen gefunden?«

Der Taucher deutete nach der Stelle, wo er den Wald verlassen hatte.

»Kommt mit mir und überzeugt Euch selbst, daß Passera hinterrücks überwältigt worden ist und dann dem Alligator zum Fraß diente!«

Der Direktor, die Beamten und einige seiner Gäste begaben sich mit dem Taucher an Land. Das Ufer war gerade hier nicht sumpfig, sondern festes Land.

Matale führte seine Begleiter unter einen Baum, unter welchem man alle Anzeichen dafür fand, daß hier ein heftiger Kampf stattgefunden haben müsse. Der Boden war ringsum zerstampft, ein tiefer Eindruck kennzeichnete die Stelle, wo ein Körper gelegen hatte, der aus einer Wunde blutete, denn das Gras war dunkelbraun gefärbt. Außerdem lagen Stricke umher, als wäre der Verwundete auch noch gebunden gewesen.

»Der Kapitän,« erklärte Matale, »ist mit Passera auf die Alligatorenjagd gefahren, um sich eine Satteldecke für sein Pferd zu beschaffen. Ich weiß dies bestimmt, denn mein Freund hatte es mir vorher erzählt, aber auch gesagt, Esplanza wollte es die anderen nicht wissen lassen, um keine Begleiter mitnehmen zu müssen. Passera sagte es mir nur, weil wir überhanpt keine Geheimnisse voreinander hatten. Hier,« er wies auf den Uferrand, »sind beide aus dem Boot gestiegen, um vom Ufer aus nach Alligatoren zu schießen, und als Passera neben dem Kapitän lag, hat dieser ihm entweder das Messer in den Rücken gestoßen oder ihn von hinten erschossen. Die umherliegenden Stricke zeigen aber auch, daß er ihn außerdem noch gebunden haben mag, warum, weiß ich nicht, vielleicht scheute er sich, ihn gleich zu töten, und schleppte ihn dann weiter von hier fort.«

Matale führte seine Begleiter etwas tiefer in den Wald.

»Hier,« fuhr er fort, »hat er den Bewußtlosen an diese Baumwurzel gebunden und ihn seinem Schicksal überlassen. Entweder war Passera schon tot, oder er ist erst später gestorben, und als sein Leichnam zu verwesen begann, haben die Alligatoren die Beute gewittert, sind ans Land gekommen und haben den Körper von der Wurzel abgerissen.«

Der Direktor schaute überlegend vor sich hin.

»Warum soll er den Körper nicht gleich in den Fluß geworfen haben?«

»Er fürchtete sich vor den Alligatoren. Um ihn ins Wasser zu stoßen, mußte er dicht an den Rand gehen, und davor hatte er Angst.«

»Das ist keine genügende Erklärung. Wenn sich alles wirklich so verhält, wie du sagst, so glaube ich eher, daß diese Bestie in Menschengestalt an einem solchen Akt Wohlgefallen gehabt hätte,« erklärte Harrlington.

»Und die Streichholzschachtel?«

»Die lag dort auf dem Kampfplatz. Der Kapitän hat sie bei dem Ringen verloren und es nicht bemerkt. Aber wenn ich sie auch nicht gefunden hätte, so würde ich jetzt doch Esplanza nicht nur als Mörder Passeras bezeichnen können, sondern auch als denjenigen, der die Perlen gestohlen hat.«

»Woraus willst du das schließen?«

»Esplanza ist es gewesen, welcher auf mich den Verdacht gelenkt hat, und er hat mir auch einen Teil der Perlen unter das Bett gesteckt, jedenfalls erst bei der Untersuchung, um so gleich einen Beweis in der Hand zu haben.«

»Wie aber kommt es, daß du erst jetzt diese Behauptungen aufstellst, du hättest sie doch schon früher zu deiner Verteidigung machen können?«

Finster blickte der Taucher den Direktor an.

»Weil ich erst vor zwei Tagen erfahren habe,« antwortete er, »daß Esplanza meinem Weibe nachstellte.«

»Ach so,« sagte der Direktor, und die übrigen Beamten sahen sich verständnisvoll an.

»Von wem hast du dies erfahren? Von deinem eigenen Weibe?«

Der Taucher wendete langsam den Kopf, bis seine Augen denen Ellens begegneten. Als diese nickte, sagte er:

»Nein, ich habe Monika noch nicht gesprochen, seit ich der Gefangenschaft entflohen bin, aber jene Dame dort hat es mir erzählt.«

»Jene Dame?« riefen alle verwundert, und die Köpfe drehten sich nach Ellen um, welche den auf sie gerichteten Blicken ruhig begegnete.

»So war sie es wohl auch, die dich befreite?« war einer der Beamten so indiskret, zu fragen.

Aber der Direktor ließ Matale diese Frage nicht beantworten.

»Wir wollen uns wieder auf die Dampfer begeben und so schnell wie möglich nach Pantura fahren, um dort den Kapitän festzunehmen,« sagte er und fuhr dann zu seinen Beamten gewendet fort: »Diese Mitteilungen überraschen mich nicht sehr, vielleicht auch Sie nicht.«

Als die Dampfer wieder in Fahrt waren, trat Miß Murray zu Ellen.

»Wir hatten ja immer die Vermutung, daß Sie doch die Befreiung des Matale bewerkstelligt haben,« begann sie, »aber wie in aller Welt haben Sie das angefangen? Wir alle haben keine Ahnung davon.«

»Nun kann ich es Ihnen sagen,« lächelte Ellen, »da es der Taucher selbst fast gestanden hat. Ich hatte dem Direktor eine Summe geboten, wenn Matale freigelassen würde, aber der Mann war so ehrlich, daß er nicht auf meinen Vorschlag einging. Nun sprach ich mit Miß Lind, weil sie gewöhnlich den besten Rat weiß, und fragte sie, ob ich nicht die Wächter des Gefangenen bestechen sollte. Johanna aber meinte, ich sollte dies nicht thun, sie wüßte einen anderen Plan, und wirklich, noch in derselben Nacht entfloh Matale mit Hilfe einer Strickleiter. Wie er aber zu dieser gekommen, weiß ich nicht, Johanna wollte es mir bis jetzt nicht sagen. Da das Geheimnis nun verraten ist, wird sie wohl auch nicht länger schweigen.«

Johanna trat eben zu den beiden.

»Wollen Sie mir immer noch nicht verraten, wie Sie die Strickleiter in Matales Zelle geschmuggelt haben?« fragte Ellen.

»Doch, jetzt sollen Sie es erfahren. In einem Brot.«

»In einem Brot?« riefen beide Mädchen erstaunt. »So haben Sie also doch den Wächter bestochen!«

»Nein, er hatte keine Ahnung. Wir haben selbst das Brot gebacken.«

»Wer, wir?«

»Georg und ich; oder vielmehr, ich habe es gemacht, und Georg hat es mit dem Brote des Gefangenen vertauscht, welches derselbe jeden Abend empfing.«

»Ist denn dieser Matrose Georg ein so pfiffiger Bursche?«

»Manchmal,« lachte Johanna. »Mich wundert es aber, daß Matale es Ihnen nicht erzählt hat, da Sie ihn doch nachher gesprochen haben.«

»Er war stumm wie ein Grab, als er erfuhr, daß ich mir seine Befreiung auch nicht erklären könne. – Hören Sie, sind das nicht Schüsse?«

Man hörte in einiger Entfernung Gewehre knallen.

»Es wird eine Jagdgesellschaft sein, die von einem Städtchen der Küste aus in diese Gegend gekommen ist, um Wasservögel zu erlegen,« meinte einer der Beamten.

Die Fahrzeuge waren schon wieder weitergefahren, als es in dem Buschwerk zur Rechten krachte, man sah einige rote Röcke sich durch die Zweige drängen und am Ufer erschienen bewaffnete, englische Soldaten.

Einer derselben, wahrscheinlich ein Unteroffizier, hob den Arm nach dem Dampfer zu, zum Zeichen, daß er sprechen wolle und rief:

»Haben Sie niemanden gesehen und nichts Auffälliges bemerkt? Warum?«

Die Soldaten drehten sofort wieder um und verschwanden in dem Walde, ohne der Frage Beachtung zu schenken.

»Wahrscheinlich sind Sträflinge entsprungen und die Soldaten sind hinter ihnen her,« erklärte der Portugiese, »das ist auch ein undankbares Amt. Die Leute müssen Tag und Nacht in den Wäldern liegen, über Flüsse und Ströme setzen, und wenn der Flüchtling vor ihren Augen durch das Wasser schwimmt, so müssen sie ihm nach und wenn es auch darin von Alligatoren wimmelt.«

Jetzt knallte wieder ein Schuß im Walde.

Eine halbe Stunde weit hatte sich der Dampfer von dieser Stelle entfernt, als plötzlich Matale scharf nach dem Ufer spähte. Dann sprang er mit einem Male in sein kleines Boot, welches nachgeschleppt wurde, ruderte an Land, und man sah, wie er sich mit etwas auf dem Boden beschäftigte.

Er drehte sich um und winkte, daß der Dampfer halten sollte.

Als er mit dem Boote zurückkehrte, lag darin ein in zerfetzte Kleider gehüllter Mann, der aus einer schrecklichen Kopfwunde blutete.

Die Matrosen warfen ein Tau hinab. Matale machte unter den Armen des Verwundeten eine Schlinge und ließ ihn so an Deck ziehen.

Eine Ahnung sagte allen, daß man hier den Mann vor sich hatte, der von den Soldaten verfolgt und von einer Kugel getroffen worden war. Trotzdem er jedenfalls ein Verbrecher war, fühlte man doch Mitleid mit ihm, und viele Hände streckten sich aus, um den Verwundeten, der sich noch bis zum Fluß geschleppt hatte und dann bewußtlos liegen geblieben war, möglichst sanft über die Bordwand zu heben und an Deck zu legen.

Kaum hatte der Direktor einen Blick in das Gesicht des Bewußtlosen geworfen, so fuhr er erschrocken zurück.

»Selby,« schrie er auf, »ist es denn möglich, so müssen wir uns also wieder treffen.«

Der Ohnmächtige schlug bei Nennung des Namens die Augen auf und erkannte den Portugiesen.

»Farvas,« stöhnte er abgerissen, »ich sterbe unschuldig – es ist zu spät – du wirst es bezeugen –« Der Direktor beugte sich dicht zu dem Verwundeten herab, denn schon konnte er kaum noch dessen Worte vernehmen.

»So sprich,« drängte er, als der Sterbende vor Erschöpfung nicht weiter konnte, »ich habe dich auch nie für schuldig gehalten, obgleich aller Verdacht damals auf dich fiel. Wir aber konnten den nicht finden, den du als den Dieb angabst.«

»Ich habe – ihn – vorhin gesehen,« stammelte der Sterbende, »er selbst – hat mich – geschossen – als ich gestern in Pantura war.«

»In Pantura? Wie heißt er?«

»Er nannte sich – damals – Carlos –«

»Carlos Cassero, ich weiß es,« drängte der Direktor. »Wie sieht er aus?«

»Klein – dick – bartlos – ein anderer Mann nannte ihn – Henrico.«

»Henrico,« riefen die Beamten gleichzeitig.

»Eilt nach – Pantura,« flüsterte der Sterbende weiter, dessen Leben entfloh, »ich habe – sie belauscht – und sie wollten – mich ermorden –«

Der Direktor beugte den Kopf hinab, bis sein Ohr den Mund des Sterbenden berührte, aber er vernahm keinen Laut mehr – vor ihm lag eine Leiche.

»Zu spät,« sagte er, »er hat uns nicht alles gestehen können, was er wußte. Seine letzten Worte waren: ›Eilt nach Pantura, Pantura ist‹ – und dies wollen wir auch thun, denn eine Ahnung steigt in mir auf, die sich nur zu leicht erfüllen wird oder sich schon erfüllt haben kann.«

Auf den beiden Dampfern, die mit möglichster Schnelligkeit den Fluß hinabfuhren, herrschte eine gedrückte Stimmung. Erst der Fund von Passeras Ueberresten, dann die Enthüllungen Matales, welcher den Kapitän als Mörder und Dieb bezeichnete, dann auch noch der Tod dieses Sträflings, der im Sterben seine Unschuld beteuerte und das ihm zugeschriebene Verbrechen einem anderen zuzuschieben suchte und zwar jemandem, den sie kannten, und der in Gemeinschaft mit dem Kapitän fast allein in Pantura war, dies alles erklärte den Wunsch, so schnell wie möglich nach Pantura zu kommen. Unterwegs aber mußte der Direktor erzählen, woher er diesen Sträfling, dessen Leiche die Matrosen mit Leinwand bedeckt hatten, kannten.

»Selby war ebenso wie ich Direktor einer portugiesischen Gesellschaft, die an der Südküste Ceylons Perlenfischerei betrieb. Eines Tages sollten die angesammelten Perlen abgeholt werden, Selby öffnete mit der ruhigsten Miene den eisernen Schrank, die Schubfächer – und die Beamten sahen nur die leeren Kästen – nichts war mehr darin. Selbverständlich fiel kein Verdacht auf Selby, der selbst tödlich erschrocken war, aber die Aktionäre bestanden dennoch darauf, daß alle Beamten in Untersuchungshaft genommen würden, also auch er.

»Selby selbst erklärte, daß er keinen seiner Leute eines Diebstahls fähig hielte, dagegen wende sich sein Argwohn gegen einen gewissen Carlos Cassero, der sich öfters bemüht habe, mit ihm privatim Perlengeschäfte abzuschließen, ihn auch im Geschäftshaus aufgesucht und sich immer über die örtlichen Verhältnisse zu orientieren bemüht habe. Dieser Cassero aber war plötzlich verschwunden.

»Nach einem Monat etwa sollte Selby freigelassen werden, als die Polizei in einer Stadt Ceylons einen Kerl abfing, der im Besitz einer Anzahl echter Perlen war. Auf die Frage, woher er die Schätze habe, erzählte er erst die unglaublichsten Sachen, wurde aber dann, als er in die Enge getrieben, geständig und beschwor, daß Selby ihm und einer ganzen Bande von Gaunern eine Unmenge von Perlen gegen ein Billiges verkauft habe. Der Bursche wurde unter Bedeckung nach Colombo geführt, aber weder er, noch die Soldaten erreichten die Stadt. Man nimmt an, daß sie von Eingeborenen, welche damals gerade aufrührerisch gesinnt waren, ermordet worden sind.

»Aber das Geständnis dieses Menschen brach dem Direktor Selby den Hals. Man wußte nicht, warum der Gauner eine falsche Aussage hätte machen sollen, warum er gerade Selby, der ihn gar nicht kannte, hätte beschuldigen sollen; kurz und gut, der Direktor kam nicht mehr frei, umsoweniger, als man nun nochmals seine Effekten visitierte und in einem Shlips einige Perlen vorfand, über deren Erwerb er sich nicht ausweisen konnte, von deren Vorhandensein er auch überhaupt nichts wissen wollte.

»Wir alle, die wir Selby näher kannten, hielten ihn für das Opfer eines Verbrecherstreichs, aber unsere gute Meinung von ihm konnte ihn nicht frei machen. Vor einigen Tagen las ich in der Zeitung, daß er aus dem Gefängnisse zu Colombo entwichen sei, und wünschte ihm aus vollem Herzen, daß es ihm glücken möge, zu entkommen und irgendwo ein neues Leben anzufangen.

»Dort liegt er nun,« schloß der Direktor, »und hat noch im Sterben seine Unschuld beteuert.«

»Und Henrico?« fragte einer seiner Beamten, »glauben Sie, daß etwas Wahres an der Behauptung des Sterbenden war?«

Der Direktor zuckte nervös mit den Achseln.

»Ich kann es noch nicht wissen, in zwei Stunden werden wir mehr davon erfahren, wenn überhaupt dann noch Zeit dazu ist. Kapitän,« rief er nach der Luke, »fahren Sie mit Volldampf, wenn es möglich ist.«

Ungeduldig schritt er an Deck auf und ab. Man sah ihm an, daß er sich mit ernsten Gedanken beschäftigte und äußerst erregt war.

Nach zwei Stunden näherte sich der erste Dampfer der Mündung des Flusses und fuhr in die Bucht.

»Mein Gott, was ist denn das?« rief einer der Beamten entsetzt aus.

Der Direktor stand wie erstarrt über den Anblick, der sich ihm bot. Er sah nichts als rauchende Trümmerhaufen, und der Boden war überall mit Leichen bedeckt.

»Alles ermordet!« schrie der Direktor außer sich, als er sofort ans Land sprang und auf die Leichname der Beamten stieß, »und auch das Dorf ist niedergebrannt.«

Der deutsche Ingenieur stürzte nach dem Platz, wo sein Boot und die der anderen Gäste gelegen hatten sie waren fort, aber auf der Plattform lagen gegen zwanzig Matrosen, alle mit Schußwunden bedeckt, außer den französischen auch fünf seiner eigenen.

Während er noch entsetzt vor den Leichen stand und das Unglaubliche nicht fassen konnte, fühlte er sich am Arm berührt. Als er sich umdrehte, blickte er in die entgeisterten Augen Johannas.

»Hatten Sie nicht sechs Mann mit?« flüsterte sie, und dann schrie sie spötzlich laut auf:

»Wo ist Georg? Haben Sie ihn schon gefunden?«.

»Er wird der Metzelei entgangen sein,« antwortete er und atmete erleichtert auf, »wir wollen jetzt untersuchen, wohin sich die Verbrecher gewendet haben; wir werden noch genug versprengte Eingeborene finden, die uns über alles Auskunft geben können. Hier muß eine ganze Bande gehaust haben. Sehen Sie den Direktor, er hat die Trümmer des Geschäftshauses untersucht, nichts gefunden, und nun läßt er schon die Dampfer heizen, um nach Colombo zu fahren. Sie aber bleiben bei mir, ich gehe nicht eher von hier, als bis ich meines letzten Matrosen Leiche gefunden habe, und auch die anderen werden meinem Rate folgen. Wir wollen ihnen bald auf den Hacken sitzen.«

Nach diesen kurz hervorgestoßenen Sätzen eilte er zu den übrigen zurück und überredete sie, nicht nach Colombo zu fahren, wie der Direktor vorhatte, um die Regierung um Hilfe zu bitten, sondern vorläufig in der Bucht zu bleiben. Nur der Franzose kehrte zu seinem Schiffe zurück.

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