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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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34.

Ins Innere der Insel.

Die braunen Weiber standen vor den Hütten des Dorfes und steckten die Köpfe zusammen; die Beamten im Geschäftshaus hatten heute kein Interesse für ihre Beschäftigung, sie unterhielten sich über etwas, was vorläufig nur Vermutung war. Als aber der Direktor ins Zimmer trat und die fragenden Mienen seiner Untergebenen bemerkte, wurde die Vermutung durch seine Aussage bestätigt.

»Matale ist diese Nacht aus seiner Zelle geflohen.«

Der Direktor erklärte näher, wie die Flucht stattgefunden hatte.

Der Gefangene war einfach in ein hochgelegenes Zimmer geschlossen worden, aus dessen Fenster zu springen wohl nicht möglich gewesen wäre, ohne unten mit zerschmetterten Gliedern anzulangen, außerdem schritten während der Nacht beständig einige Beamte durch dieses Haus, in welchem sich die gesammelten Perlen befanden, sodaß jedes Geräusch, wie zum Beispiel der Sprung zum Fenster hinaus oder das gewaltsame Aufbrechen der Thür, sofort gehört worden wäre.

Als der Wärter am Morgen dem Untersuchungsgefangenen das Frühstück bringen wollte, fand er die Fensterflügel geöffnet und am Kreuz eine Strickleiter befestigt, welche bis auf den Erdboden hinunterreichte. Wie Matale in den Besitz einer solchen gekommen war, wo er doch mit niemandem, ausgenommen mit dem Direktor und dem Wärter in Berührung gekommen, war allen ein Rätsel.

Der im Komptoir anwesende Henrico bezeichnete ohne Zögern die fremden Gäste als diejenigen, welche an dem Schicksal Matales teilgenommen hätten.

»Sehen Sie sich mit einer solchen Behauptung vor!« entgegnete ihm der Direktor. »Fühlen sich diese Herren schuldlos, und erfahren sie von dieser Ihrer Aussage, so dürften sie die Beleidigung wohl nicht auf sich sitzen lassen.«

»Haben die Damen nicht gestern versucht, durch Angebot einer Summe Matales Freilassung zu erwirken?« fragte Henrico. »Was veranlaßte sie überhaupt dazu, sich so für das Schicksal des Diebes zu interessieren?«

»Und woher haben Sie erfahren, daß Sie es wirklich gethan haben?« fuhr der Direktor heftig auf.

»Soviel ich mich erinnern kann, war in dem Zimmer, in welchem mir allerdings Miß Petersen als Sicherheit für Matale eine Summe anbot, niemand als wir beide. Woher haben Sie unser Gespräch erfahren?«

Der junge Beamte schwieg verlegen; er hatte eben verraten, daß er im Hause des Direktors Spione unterhielt.

»Aber Sie sehen,« fuhr der Direktor ruhiger fort, »daß ich das Geld nicht angenommen habe, umsoweniger, als ich selbst nicht an die Schuld Matales glaube.«

»Seine Flucht beweist jetzt aber, daß er doch der Dieb ist,« bemerkte Henrico höhnisch. »Sie haben eine bessere Meinung von ihm, als er von sich selbst hat.«

Achselzuckend wandte sich der Direktor ab, er ärgerte sich sehr darüber, daß Matale sich selbst befreit hatte. An eine Verfolgung des Flüchtlings war nicht zu denken, denn in den Urwäldern Ceylons geht jede Spur verloren. Der Direktor ging hinaus, um den Gästen einen guten Morgen zu wünschen, welche er bereits am Ufer der Bucht spazieren gehen und die Taucher beobachten sah.

»Haben Sie schon erfahren, Miß Petersen, daß jener Mann, den Sie freikaufen wollten, durch Flucht sich dem Gericht entzogen hat?« war des Direktors erste Frage.

Das Mädchen fühlte, wie die Augen des Portugiesen fest an ihren Zügen hafteten, als hätte er einen Argwohn gegen sie, und Ellen war eine zu offene Natur, um eine Verlegenheit verbergen zu können. Sie konnte diesem ehrlichen Manne gegenüber kein Erstaunen heucheln.

»Das freut mich,« sagte sie ausweichend, »und da auch Sie so gut von Matale dachten, so wird Ihnen diese Nachricht auch nicht unangenehm gewesen sein.«

Ellen fürchtete schon, daß der Direktor jetzt eine Frage an sie richten würde, ob sie vielleicht ihre Hand dabei mit im Spiele gehabt, aber statt dessen spielte ein flüchtiges Lächeln um seine Lippen, und ohne weiter darüber zu sprechen, sagte er:

»Ich hoffe, Sie heute morgen mit einer Einladung zu überraschen, welche Sie und Ihre Freundinnen, wie auch die Herren mit großer Freude erfüllen wird. Die singhalesischen Häuptlinge im Innern von Ceylon halten jedes Jahr ein Elefantentreiben ab, um sich in den Besitz schöner Tiere zu bringen, welche sie dann zur Arbeit abrichten oder auch an indische Fürsten verkaufen. Vorhin nun brachte einer unserer Dampfer die Nachricht mit, daß in der Provinz Sabaragamua ein solches Kesseltreiben stattfindet. Wenn wir noch heute aufbrechen, können wir morgen früh dort eintreffen. Wir legen den Weg auf zwei Dampfern zurück, denn der Fluß, welcher in unsere Bucht einmündet, zweigt sich vom Black-River ab, und dieser führt direkt nach Sabaragamua. Diese Provinz ist mit Flußstraßen völlig durchzogen, sodaß wir uns überallhin begeben können. Sind Sie damit einverstanden, einer solchen Elefantenjagd beizuwohnen?«

Unterdessen hatten sich alle Herren und Damen um den Sprecher versammelt und nahmen den Vorschlag natürlich mit Freuden an. Nur wurde allgemein bedauert, keine Jagdgewehre mitgenommen zu haben, denn die in der Ansiedlung vorhandenen reichten nicht für die ganze Gesellschaft aus.

»Sie werden wohl auch keine Gelegenheit dazu haben, Waffen anzuwenden,« meinte der Direktor. »Wenn wir an dem Platze ankommen, sind die Tiere bereits zusammengetrieben, und Sie können nur als Zuschauer dem Einfangen derselben beiwohnen. Wenn Sie dies noch nicht gesehen haben, so werden Sie ein Schauspiel erleben, welches der aufregendsten Jagd vorzuziehen ist. Wissen Sie, wie man die Tiere einfängt, nachdem sie zusammengetrieben worden sind? Der Mensch ist diesem Riesen gegenüber natürlich vollkommen ohnmächtig.«

Alle verneinten die Frage.

»Die Singhalesen richten ihre stärksten Elefanten dazu ab, daß dieselben ihre eigenen Brüder fangen und dabei auf Kommando des ›Gal-Oya‹ arbeiten, das heißt, des Elefantenbändigers, der in Indien und auf Ceylon dieselbe Rolle spielt wie ein berühmter Stierkämpfer in Spanien. Jeder indische Fürst hält sich einen solchen ›Gal-Oya‹ und bezahlt dessen Dienste mit Gold. Sie werden Staunenswertes von diesen braunen Burschen zu sehen bekommen.«

»Es ist aber doch besser, wenn wir uns mit Jagdgewehren bewaffnen,« unterbrach ihn Harrlington. »Mit unseren kleinen Revolvern uns so ohne weiteres in die Wälder Ceylons und unter die Eingeborenen zu wagen, erscheint mir doch etwas riskant.«

»Sie sind ja auf unseren Dampfern, und wir können zum Vergnügen bis in die Mitte der Insel fahren,« lachte ein junger Indier, der herzugetreten war.

»Wenn Ihnen die Gewehre, die wir Ihnen anbieten können, nicht genügen, so steht Ihnen einer unserer Dampfer zur Verfügung, um nach Colombo zurückzukehren und sich mit allem Nötigen auszurüsten,« schlug der Direktor vor. »In drei Stunden sind Sie wieder hier, und wir haben inzwischen alles vorbereitet, um sofort unsere Flußreise antreten zu können.«

Damit war man einverstanden.

Einige der Herren und Damen wurden auserlesen, nach Colombo zu fahren und dasjenige herbeizuschaffen, was zu einem Jagdausflug für nötig befunden wurde. Unverzüglich fuhren die Betreffenden auf einem Dampfer ab, während die Zurückgebliebenen zusahen, wie die Eingeborenen das andere Fahrzeug mit Lebensmitteln beluden.

Nach drei Stunden waren die Abgesandten wieder eingetroffen, und die Gesellschaft verteilte sich auf die beiden Dampfer. Außer dem Direktor nahmen noch verschiedene andere Beamte an dem Ausflug teil, denen es der Dienst erlaubte, nur wenige blieben zurück, darunter auch Henrico und der entlassene Kapitän Esplanza, an dessen Stelle vom Direktor der Steuermann gesetzt worden war.

Es kam öfters vor, daß die Ansiedlung nur unter der Aufsicht von einigen Beamten zurückgelassen wurde; unter den Eingeborenen herrschte vollkommene Ruhe, es war ein zufriedenes, heiteres Völkchen, und die Europäer waren am Gewinn aus dem Verkauf der Perlen beteiligt, sodaß man sich auf sie verlassen konnte.

Die beiden Dampfer steuerten in den Fluß, der in die Bucht von Pentura mündet.

»Dort steht der Senor Esplanza am Fenster und blickt uns nach,« sagte Lord Hastings und deutete nach einem Häuschen, welches der Kapitän bewohnte. »Was der Kerl für ein höhnisches Gesicht zieht! Schade, daß er mir immer so geflissentlich aus dem Wege geht, sein böses Gewissen läßt ihm keine Ruhe.«

»Mir wäre es lieber, wenn er uns schon verlassen hätte,« meinte der Direktor, »ich kann ihm zwar nichts weiter nachsagen, als daß er sehr jähzornig ist, aber immerhin, ein entlassener Beamter taugt nichts mehr, er versucht nur, die jüngeren Leute unzufrieden zu machen.«

»Wie lange bleibt er noch hier, seit, wie jetzt allgemein behauptet wird, Matale durch seine Flucht den Diebstahl eingestanden hat?« fragte Ellen.

»Ich glaube kaum,« war die Antwort, »daß der Taucher aus Furcht vor Strafe geflohen ist, sondern vielmehr, um auf eigene Faust nach dem Diebe zu forschen. Ich kenne den Burschen, er ist ein schlauer, thatkräftiger Mann und verwegen bis zur Tollkühnheit, er wird kein Mittel scheuen, den eigentlichen Thäter zu fassen. Doch sehen Sie dort,« unterbrach sie der Portugiese und deutete auf einige dunkle Körper, die wie Baumstämme an den Ufern des mit Wald umgrenzten Flusses schwammen, »wir kommen in das Gebiet der Alligatoren. Schießen Sie noch nicht,« fügte er hinzu, als bereits einige nach den Gewehren griffen, »wir bekommen noch bessere Gelegenheit zum Schuß. Wenn Sie jetzt auch eins der Tiere wirklich tödlich treffen, so geht es Ihnen doch verloren, weil es im Todeskampf untertaucht und erst nach einigen Tagen als verwester Leichnam wieder an die Oberfläche kommt. Später treffen wir auf Sandbänke, auf denen sich die Alligatoren in Unmenge sonnen.«

Der Direktor hatte richtig vorausgesagt.

Bis jetzt hatten die Ränder des Flusses den Eindruck eines Urwaldes gemacht. Ueber das träge fließende Wasser hingen von mächtigen Baumriesen Schlingpflanzen herab, welche die Aussicht in den Wald versperrten. Nur ab und zu verriet ein Knacken von Zweigen, eine heftige Bewegung im Blätterwerk, daß diese Wildnis von Tieren bevölkert wurde, die sich beim Herannahen der kleinen Dampfer mit den vielen Menschen scheu zurückzogen.

Nach einigen Stunden aber wurde der Wald manchmal durch eine Lichtung unterbrochen, und an solchen konnte man sehen, daß des Direktors Behauptung, der Uferrand sei vollständig versumpft, richtig war.

Soweit das Auge in den Wald reichte, sah man statt des festen Bodens nur Sumpf, belebt von Wasservögeln, und hier und da ragte auch aus dem Morast der bepanzerte Kopf eines Alligators hervor, der mit tückischen Augen die Vorbeifahrenden anstierte, ohne seine Lage zu ändern.

Dann verbreiterte sich der Fluß ungemein, dafür wurde er aber flacher, und die Kapitäne mußten alle Aufmerksamkeit aufbieten, sicher die tiefsten Stellen aufzufinden, um ihre Fahrzeuge nicht auf den Grund laufen zu lassen. Doch war es nicht das erste Mal, daß sie diese Binnenwässer befuhren, und so ließen sie immer solche gefährliche Stellen hinter sich, ohne die Fahrt des Dampfers gemäßigt zu haben.

Schließlich verschwand der Wald ganz, er machte einer mit hohem Buschwerk bewachsenen Ebene Platz, und ebenso änderte sich die Beschaffenheit des Flußbettes. Es war sehr breit geworden, und man sah an mehreren Stellen Sandbänke aus den trüben Fluten hervorragen.

Diese Sandbänke waren die Lieblingsplätze der Alligatoren.

Träge lagen sie auf ihnen, die Augen halbgeöffnet, und setzten den beschuppten Leib den Strahlen der Sonne aus. Es kam selten einmal vor, daß sie hier in ihrer beschaulichen Ruhe von Menschen gestört wurden, Dörfer von Eingeborenen waren in der Nähe nicht vorhanden, und so hielten sie es jetzt nicht der Mühe für wert, ihre Zuflucht nach dem sicheren Wasser zu nehmen.

Der Alligator ist am Land ein sehr unbeholfenes Geschöpf. Mit den im Verhältnis zu dem mächtigen Körper sehr schwächlichen kurzen Beinen kann er sich nur langsam im Sande fortschleppen, während er im Wasser, seinem eigentlichen Element, sich mit der Geschwindigkeit des Fisches bewegt. Ja, er ist diesem sogar an Schnelligkeit überlegen, denn seine Nahrung besteht aus Fischen, und er muß sich diese also fangen. Mit weit geöffneten Rachen schießt er am Grunde des Flusses hin und verschlingt alles Lebendige, was sich dem Bereiche seiner furchtbaren Zähne nähert. Aber auch der Mensch, der über Bord ins Wasser fällt, ist fast immer verloren. Ehe dem Unglücklichen noch Rettung werden kann, schießen schon von allen Seiten die greulichen Ungeheuer herbei, packen ihn und machen sich den Raub streitig, bis der Körper in ebensoviele Teile getrennt ist, wie sich Tiere um ihn gesammelt haben.

Selbst die flüchtige Antilope weiß der Alligator zu erbeuten. So scheu sich auch das dürstende Tier dem Wasser nähert, so vorsichtig es auch den Wasserspiegel beobachtet, plötzlich kräuselt sich vor ihm die Fläche, es erhält mit dem schuppigen Schweif einen Schlag, und in der nächsten Sekunde zappelt die Beute in dem bezahnten Rachen des Ungeheuers.

»Noch eine Minute,« sagte der Portugiese, als sich sein Dampfer einer Sandbank mit Alligatoren näherte. »Sind wir quer vor der Bahn, so schießen Sie auf mein Signal gleichzeitig, aber zielen Sie nur nach den Augen! Ein anderer Schuß wäre vergeblich.«

Jetzt stieß der Portugiese einen Pfiff aus, zehn Gewehre krachten, und ebensoviele Körper rollten unter gräßlichen Zuckungen auf der Sandbank umher, bis sie bewegungslos liegen blieben, nur eins der Tiere hatte dabei das Wasser erreicht und verschwand in den Fluten, sie mit seinem Blute rötend.

»Wollen Sie eins der Reptile abhäuten lassen, um den Panzer als Jagdtrophäe mitzunehmen?« fragte der Direktor.

Auf die Bejahung hin ließ er ein Boot aussetzen, einige der Eingeborenen, meist malayische Matrosen stiegen ein und betraten die Insel. Sie befestigten das größte Tier, welches fast vier Meter Länge erreichte, in einer Schlinge, ruderten nach dem Dampfer zurück und hißten mit einer Winde den toten Körper über. Nach einer Viertelstunde hingen die Haut, die Kiefer mit den Zähnen und das abgeschälte Rückgrat zum Trocknen an Leinen. Der biegsame Rückenknochen des Alligators wird mit Vorliebe zu Spazierstöcken verarbeitet.

Da stieß plötzlich einer der Malayen, der aus Neugierde den Magen des Reptils geöffnet hatte, um die Menge der verschlungenen Fische zu sehen, einen lauten Schrei aus, er hatte eine Masse großer Knochen entdeckt, die nur von einem Menschen herrühren konnten.

»Gott weiß, wer hier sein Leben auf solch elende Weise verloren haben mag,« sagte der Direktor erschüttert, »jedenfalls ein Eingeborener, der toll genug war, den Fluß durchschwimmen zu wollen. Es kann noch keinen Tag her sein, seit er dem Alligator zum Opfer gefallen ist, denn die Kochen sind noch ganz unversehrt. Findest du noch etwas darin, was auf die Person des Unglücklichen schließen läßt?« wandte er sich an den Malayen.

Dieser brachte die Fetzen eines Kleides heraus, und plötzlich hielt er einen goldenen Fingerreif in der Hand. »Passera!« schrie er, als er nur einen Blick auf den Ring geworfen hatte. »Ich kenne ihn, er trug diesen Ring mit den sonderbaren Aetzungen.«

»Irrst du dich nicht?« fragte der Direktor ungläubig. »Ihr tragt alle Ringe und Schmuckgegenstände.«

»Ich irre mich nicht,« beteuerte der Malaye, den Ring vorzeigend, »es ist kein Ring, wie wir ihn in Colombo zu kaufen bekommen. Passera erhielt ihn einst von einem Neger geschenkt, der weit, weit her kam, er nannte seine Heimat Guinea. Niemand anders trug einen solchen Ring als Passera, nur er kann es sein.«

»Dann wäre es ein Gottesgericht, wenn Passera wirklich den Diebstahl begangen hat. Aber nein, ebensogut kann Passera verunglückt sein, und eben darum, weil er plötzlich verschwand, hielten wir ihn für den Dieb.«

»Seit wann ist Passera verschwunden?« fragte einer der Herren.

Der Portugiese rechnete nach.

»Vor sechs Tagen, eben in derselben Nacht, da wir das Fehlen der Perlen entdeckten, obgleich sie schon früher geraubt sein müssen.«

»Aber Sie selbst sagten vorhin, die Knochen könnten erst seit einem Tage im Magen des Tieres sein,« sagte Johanna.

»Allerdings, und gerade dies wirft ein schlechtes Licht auf Passera. So muß er sich also so lange in den Wäldern versteckt gehalten haben und ungefähr erst gestern eine Beute des Alligators geworden sein. Aber was weiß ich? Ich will kein Urteil über jemanden fällen, der schon gerichtet worden ist.«

Die Gesellschaft verhielt sich sehr schweigsam, als die Dampfer ihre Fahrt fortsetzten.

»Hätten wir nur unseren Freund Sharp nicht verjagt, sondern reiste er immer noch mit uns als Claus Uhlenhorst, so würde er das Rätsel bald lösen,« meinte Williams zu Lord Harrlington. »Er würde haarklein beweisen, wielange die Knochen im Magen sind, wo der Alligator den Körper gefunden hat und wie er dahin gekommen ist.«

»Lassen Sie Ihre Scherze über so etwas,« entgegnete der Lord. »Aber wissen Sie nicht, wo er jetzt stecken mag?«

»Seit wir ihm damals in Bombay einen Strich durch die Rechnung machten und er uns in hellem Zorn verließ, habe ich ihn ebensowenig, wie Sie wiedergesehen. Hat er Ihnen den Dienst gekündigt? Ich weiß ja nun, warum er sich immer in der Nähe von Miß Petersen hielt oder dies wenigstens thun sollte.«

»Nein,« antwortete der Lord, »er ist einfach spurlos verschwunden.«

»Dann treibt er sich auf jeden Fall hier herum,« meinte Charles bestimmt, »er will eben niemanden mehr in seine Karten blicken lassen, und er thut schließlich auch ganz recht daran, ich machte es ebenso. Entweder läßt er sich jetzt als Perlentaucher beschäftigen oder schleicht als Wilder im Urwald herum oder hält sich in sonst einer Gestalt in unserer Nähe auf. Wer weiß, ob da neben so einem Alligator Nick Sharp nicht sein mit Schlamm bedecktes Haupt emporreckt und uns beobachtet. Zuzutrauen ist ihm alles.«

Der Lord lachte.

»Wir biegen nun in den Black-River ein, in den eigentlichen Hauptstrom, von dem sich dieser Fluß nur abzweigt. Er ist viel breiter und gestattet ein viel schnelleres Fahren, so daß wir bequem morgen früh den Ort erreichen können, wo die Elefanten in einem Kraal zusammengetrieben sind. Ich hoffe,« fügte der Direktor lächelnd hinzu, »daß Sie eine recht angenehme Nacht an, Deck verbringen werden. Haben wir Glück, so werden Sie die schönste Nacht auf diesem Flusse verleben, wie sie Ihnen nie wieder geboten wird, im anderen Falle die entsetzlichste, an die Sie noch in späteren Jahren mit Schaudern gedenken werden.«

»Wieso?« fragte Ellen verwundert.

»Ich will Ihnen keine schwarzen Bilder vormalen, aber machen Sie mich nicht verantwortlich, wenn der schlimmste Fall eintritt. Gefahr droht Ihnen nicht, aber umsomehr Leiden.«

Die Dunkelheit senkte sich bald mit jener Schnelligkeit herab, wie man sie nur in den Tropen beobachtet. Eben noch hatte man alle Gegenstände an Deck, selbst im Walde deutlich erkennen können, in der nächsten Minute war alles in Nacht gehüllt.

Auf den Dampfern wurden die Laternen angesteckt, nur aus Gewohnheit, denn hier hatten sie keinen Zweck. Ein Zusammenstoß war auf diesem verlassenen Gewässer nicht zu fürchten, und um den Steuerleuten den Weg zu zeigen, genügte das schwachstrahlende Licht auch nicht. Diese Männer, welche ihr halbes Leben zwischen den Wäldern, zu Wasser und zu Lande zugebracht hatten, kannten jeden Zoll des Uferrandes, wußten an jeder Stelle des Flusses wie tief er war, ohne erst die Lotschnur befragen zu müssen. ^

Der Portugiese hatte nicht zuviel gesagt, als er seinen Gästen eine herrliche Nacht versprach.

Die tiefste Ruhe lag über dem Wald; nur das leise Gurgeln des Kielwassers und manchmal der klagende Schrei eines Wasserhuhnes unterbrachen die Stille, die selbst die Passagiere nicht durch lautes Sprechen zu stören wagten. In Gruppen standen sie zusammen und unterhielten sich in flüsterndem Ton, beobachteten die Funken, die ab und zu aus dem Schornstein aufflogen, eine Zeit lang über dem Walde schwebten und dann verschwanden, nicht zu unterscheiden von den Leuchtkäfern, welche in dem Laubgewinde auftauchten, wieder erloschen und sich an einer offenen Stelle wie in einem feurigen Kugelspiel bewegten.

Es war keine schwüle Nacht, aber die Luft doch so warm und weich, daß man den leisen Windhauch wie einen Kuß zu spüren meinte. Alles dies, vereinigt mit dem monotonen Gemurmel des Wassers, dem melancholischen Ruf des Vogels, äußerte sich auch in den Stimmungen der Herren und Damen. Gedanken, schwermütig und seltsam, wie man sie wohl sonst nicht häufig bei ihnen fand, bemächtigten sich ihrer Gemüter.

»Was wird uns die Reise wohl bringen?« fragte Ellen den Lord Harrlington, der neben ihr an der Brüstung lehnte und den Wellen zusah, die sich am Bug brachen und im roten Schein der Laterne leuchteten.

»Ich habe nie so trübe Ahnungen gehabt wie diese Nacht; diese Wellen, die mir wie Blut entgegenschimmern, kommen mir wie eine üble Vorbedeutung vor.«

»Es ist nicht das erste Mal,« entgegnete der Lord, »daß wir während unserer Reise auf Blut trafen, sie ist schon oft genug über Leichname gegangen, ohne daß wir es ändern konnten. Fällt Ihnen erst jetzt ein, Miß Petersen, welche große Verantwortung Sie auf sich genommen haben?«

»Verantwortung?« fragte Ellen, und der Lord konnte wohl vernehmen, daß Unwillen aus diesem Worte klang. »Meine Freundinnen haben sich freiwillig erboten, mich zu begleiten, ich habe niemanden gezwungen oder auch nur überredet. Sind Sie den Herren gegenüber nicht in ebenderselben Lage?«

»Nein, nicht so ganz! Sie unternahmen die Reise nur zum Vergnügen, ohne eine Absicht zu verfolgen und –«

»Halt,« unterbrach ihn Ellen, »ist es nicht eine gute Aufgabe, wenn wir die Mädchen, nachdem wir sie erst befreit haben, auch in ihre Heimat bringen? Jeder Mensch muß unser Vorhaben lobenswert finden, wenn er nicht gerade ein verknöchertes Herz in der Brust hat.«

Harrlington lächelte.

»Das ist aber nur etwas, was Ihnen zufällig in den Weg gestoßen ist. Sie sind nicht mit dem Vorsatz von New-York abgefahren, diese Mädchen zu befreien und in ihre Länder zurückzubringen –«

Wieder unterbrach ihn Ellen. »Aber ich verstehe Sie nicht! Wie können Sie mich tadeln oder etwa, wie ich fast glaube, eines abenteuerlichen Sinnes zeihen wollen, wenn Sie selbst eine Reise angetreten haben, bei welcher Sie keinen Zweck im Auge haben?«

»O, Miß Petersen, bei uns oder speziell bei mir, ist dies doch eine ganz andere Sache. Bin ich planlos in die Welt gefahren?«

»Wieso nicht?«

»Ich folgte der ›Vesta‹, weil sie das Teuerste barg, was die Welt für mich besitzt, und so mögen noch andere unter den Herren sein, welche mein Beispiel nachahmen.«

Ellen wandte sich hastig ab.

»Sie hören nicht auf, mir Vorwürfe zu machen,« sagte sie ärgerlich, »es ist überhaupt nicht möglich, daß wir uns gleichmütig unterhalten können, stets stoßen wir dabei auf Meinungsverschiedenheiten, oder Sie sagen mir etwas, was ich nicht hören will.«

Lord Harrlington sah dem Mädchen lange nach, welches sich einigen ihrer Freundinnen zugesellte.

»Was wird uns diese Reise wohl bringen?«

Dieselbe Frage wurde auch am Heck des Dampfers gestellt, und der Sprecher sprach die Worte in einem so seltsamen Tone, daß Williams seinem Freunde, dem Marquis Chaushilm forschend ins Auge blickte.

»Nanu,« sagte er trocken, »können Sie die warme Luft nicht vertragen, oder leiden Sie wieder einmal an Melancholie?«

»Melancholie?« jauchzte der Marquis förmlich auf. »Mein lieber Baronet, ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne.«

»So, seit wann denn?«

»Seit vorhin. Endlich ist der Tag angebrochen, an dem die Sonne meines Glückes mich mit den Strahlen ihres Götterlichtes übergießt.«

»Aber Herzog, Sie fangen ja an zu dichten! Was veranlaßt Sie denn eigentlich, hier, mitten in der Nacht, von Göttern, Tag und Licht zu träumen, während man nicht einmal die Hand vor den Augen schen kann?«

»Ach,« seufzte Chaushilm, »ich weiß, Sir Williams, Sie sind mein Freund, und ich kann mich auf ihre Verschwiegenheit verlassen.«

»Bombenfest.«

»Ich brauche jetzt einen Menschen, an dessen Brust ich mich werfen und meine Wonne aushauchen kann.«

»Dann hauchen Sie mal zu, aber rühren Sie mich nicht auch zu Thränen.«

»Sie täuschen mich nicht, lieber Charles, in ihrer rauhen Schale steckt ein guter Kern, Sie sind ein guter Mensch.«

»Aber so fangen Sie doch endlich mal an, sonst weiß ich morgen, wenn wir die Elefanten fangen, immer noch nichts,« drängte Charles.

»Sie wissen doch,« begann Chaushilm, »daß ich schon immer für Miß Thomson eine tiefere Neigung gehegt habe.«

Charles blieb vor Staunen über dieses Geständnis anfangs stumm.

»Haben Sie dies noch niemals gemerkt?«

»Ich? Nein,« brachte Charles endlich hervor, »ich dachte Sie hätten sich für Miß Nikkerson interessiert.«

»O nein,« meinte Chaushilm verlegen, »das war früher einmal, als sie sich so famos dem Mädchenhändler gegenüber benahm, aber schon längst nicht mehr.«

»Und dann glaubte ich, Miß Stannton wäre der Gegenstand Ihrer tieferen Verehrung gewesen?«

»Nein, das war wieder später, als Miß Stannton über Bord gefallen war. Ich fand aber nachher, daß es nur ein Gefühl des Mitleides gewesen war, alles nur oberflächlich, aber jetzt habe ich erkannt, daß mich an die Thomson ein stärkeres Gefühl fesselt.«

»Wissen Sie das auch genau, ehe Sie Miß Thomson nachher unglücklich machen?« fragte Charles in gutmütigem Spott.

»Ich weiß es ganz bestimmt, ich habe ihr vorhin meine Liebe gestanden, und haben Sie eine Ahnung, was dieses göttliche Mädchen mir gesagt hat?«

»Eine Schmeichelei jedenfalls nicht.«

»Nein, sie sagte, auch ich hätte schon längst ihr Herz mit Liebe bezaubert.«

Und Chaushilm warf sich dem Freunde an die Brust.

Charles stieß einen langen Pfiff aus.

»O, Sie Glücklicher,« seufzte er dann, »wie beneide ich Sie! Wen suchen Sie sich denn nachher unter den Damen aus?«

»Mit Ihnen kann man doch aber kein vernünftiges Wort reden,« sagte Chaushilm unwillig und trat zurück. »Glauben Sie etwa, ich treibe mit so etwas Heiligem, wie mit der Liebe eines Weibes, Spott?«

»Zaubern Sie nur ruhig weiter, lieber Herzog,« entgegnete Charles lächelnd, »und geben Sie acht, daß Ihnen nicht etwas vorgezaubert wird.«

Als der Marquis hinter dem Schornsteinmantel verschwunden war, sagte Charles zu sich selbst:

»Es ist jammerschade, daß Nick Sharp nicht hier ist, sonst könnte ich mit dessen Hilfe einmal einen Spaß arrangieren. Na, vielleicht läßt sich auch Hendricks dazu verwenden. Wollen sehen, was sich anfangen läßt.«

»In's Zwischendeck,« rief plötzlich die Stimme des Direktors, »so schnell, wie möglich, und alle Fenster und Luken schließen!«

Man vernahm ein sonderbares Summen und Schwirren in der Luft, wie eine Wolke fiel plötzlich etwas von oben herab auf das Deck nieder, und ehe die Passagiere den Rat des Portugiesen noch hatten befolgen können, waren Gesicht, Hände, ja, alle Teile des Körpers, selbst die, welche von Kleidern verhüllt waren, mit Stichen bedeckt.

»Die Moskitos!« hallte es jetzt von allen Seiten.

Man hatte schon einige Male die Bekanntschaft dieser böswilligen, zollgroßen Blutsanger gemacht, aber mit einer solchen Heftigkeit wie hier, waren die Tiere noch niemals über die Reisenden hergefallen.

Der Himmel schien sie förmlich herabzuregnen; wohin man an Deck trat, zerquetschte der Fuß Hunderte der Tiere, die sich nach dem Sturze nicht gleich erheben konnten. Hatten sie aber den Gebrauch der Flügel wiedergefunden, so stürzten sie sich heißhungrig auf die Menschen, um sich an deren Blut zu sättigen.

Schreiend flüchteten die Damen die Treppe nach dem Zwischendeck hinab; fluchend folgten ihnen die Herren, und nun begann unten eine Treibjagd nach den Moskitos, welche mit ihnen in den unteren Raum geschlüpft waren. Oeffnete sich einmal die Luke, um einen verspäteten Flüchtling einzulassen, so drang stets ein neuer Schwarm der zudringlichen Gäste herab, und wieder begann unter Schreien und Lachen ein Schlagen mit Tüchern und Klatschen, bis der Boden mit den Leichen aller Tiere besäet war.

Der Portugiese hatte ein Mittel mitgenommen, welches verhindert, daß die gestochene Hautstelle hinterher anschwillt, und so waren besonders die Damen froh, daß sie nicht zu befürchten brauchten, am nächsten Morgen mit angeschwollenen Gesichtern zu erscheinen. Aber die Atmosphäre in dem abgeschlossenen Raume ward bald drückend, an Schlafen in den Kabinen war nicht zu denken, teils vor Hitze, teils, weil eine einzige der Schlacht entgangene Mücke den Ruhenden zur Verzweiflung bringen konnte, und man sehnte sich nach der Erfüllung der Prophezeiung des Direktors, daß der kühle Morgenwind die Moskitos ebenso schnell wieder verjagen würde, wie sie ein heißer hergebracht hätte.

Nach einigen Stunden entsetzlichen Wartens trat diese Veränderung ein: durch die geöffneten Luken und Fenster drang die frische Luft, ohne einen der Quälgeister mitzubringen, und die letzten kühlen Stunden verbrachten die Passagiere in erquickendem Schlummer in ihren Hängematten, welche sie teils an Deck, teils in den Kabinen aufhingen.

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