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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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33.

Unter den Perlenfischern.

Die Bucht von Pantura gewährt einen wunderbar lieblichen Anblick. Rings sind die Ufer von Kokospalmen bestanden, wie überhaupt Ceylon die meisten Kokosnüsse liefert – auf Lichtungen zwischen den Bäumen erheben sich auf der einen Seite reizende Häuschen, Beamten der portugiesischen Gesellschaft gehörend, und ihnen gegenüber liegen zerstreut die Hütten der eingeborenen Muscheltaucher. Gerade dem Buchteingang gegenüber stand ein stattliches Gebäude, aber uon leichtem Fachwerk ausgeführt, in welchem die Komptore und die Warenlager untergebracht waren. Das Häuschen dicht daneben war unbedingt das schönste und geräumigste, in ihm wohnte der Direktor der Gesellschaft.

Auf das ganze schien freundlich die Sonne. Der blaue Himmel verlieh dem Meere seine Farbe. Alles atmete Ruhe und Frieden, und doch wurden hier einige hundert Menschen dafür bezahlt, in jeder Stunde einige Male ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um Muscheln vom Meeresgrund ans Tageslicht zu befördern, in welchen der unersättliche gierige Mensch nach kostbaren Perlen sucht.

In der geräumigen Bucht wimmelte es von kleinen Kähnen, in denen immer vier bis sechs Mann zusammenhockten. Einer von ihnen hatte ein einfaches Ruder in der Hand und lenkte das Boot dahin, wohin es ein europäisch gekleideter Mann haben wollte. Dieser war der Befehlende über die anderen, welche alle nackt waren. Um die Hüften trugen sie nur einen Gürtel, an dem ein netzartiger Beutel hing. Außerdem lagen in jedem Boot noch mehrere schwere Steine und lange Taue.

Das Perlenfischen geht in folgender Art vor sich:

Der Mann, welcher au der Reihe ist, klemmt sich mit einem elastischen Hornstück die Nase zu, nimmt in die Hände einen der Steine, welcher an einem Taue befestigt ist und springt ins Wasser. Der Stein zieht ihn natürlich schnell auf den Grund, wo sich der Taucher, weil er sonst immer wieder nach oben getrieben würde, mit der einen Hand an dem Tau fest hält, oder Geschickte wohl auch mit den Füßen, und nun so lange die angewachsenen Muscheln abreißt und in das Netz steckt, bis ihn das Bedürfnis nach Luft zwingt, wieder an die Oberfläche hinaufsteigen.

Er läßt das Tau einfach los, macht mit den Händen und Füßen Schwimmbewegungen und schießt nach oben, wo dem Erschöpften ins Boot geholfen wird.

Der Stein wird darauf wieder emporgewunden.

Während sich der Mann ausruht, taucht ein anderer aus dem Boote, dann ein dritter und so fort, bis an den ersten wieder die Reihe kommt.

Ist das Boot genügend mit Muscheln angefüllt, so wird es ans Land gerudert und ausgeladen. Unter strenger Aufsicht werden die Muschel nach einem entfernt liegenden Ort gebracht und den Strahlen der Sonne ausgesetzt. Es dauert nicht lange, so fangen sie an zu verwesen, sie öffnen sich, und nun beginnen besonders Angestellte, nach etwaigen Perlen zu suchen.

Alles geschieht natürlich unter der peinlichsten Aufsicht seitens der Beamten, welche am Gewinn der Aktiengesellschaft beteiligt sind.

Vor dem großen Gebäude befand sich im Wasser ein Holzbau zum Anlegen von Booten, und zwischen diesen lagen auch die sechs, welche heute die fremden Gaste gebracht hatten.

Der Direktor der Fischerei stand am Ufer und hatte eben den ihn Umringenden die Eigentümlichkeit des Tauchens erklärt.

»Wie lange hält so ein Mensch unter Wasser aus?« fragte einer den Portugiesen, einen älteren Herrn von einnehmendem Aeußeren.

»Selten länger als eine halbe Minute,« entgegnete er. »Wenn behauptet wird, es gäbe Taucher, welche sogar fünf Minuten unten bleiben können, so ist dies eine Uebertreibung.

»Ich habe wohl einige unter meinen Leuten, die es bis achtzig Sekunden aushalten könnten, aber sie thun es nicht, denn ihre Lunge wird dadurch zu sehr angestrengt, und sie würden die Taucherei nicht lauge aushalten können. Ein geschickter Taucher kann den Kopf zwar lange unter Wasser stecken, aber auf dem Meeresboden, wo zugleich gearbeitet werden muß, also vielmehr Luft verbraucht wird, hält auch er nicht länger aus.«

»Wird viel gestohlen?« fragte Ellen.

»Ja und nein, wie man's nimmt; es wird nämlich selten gestohlen, wenn aber einmal eine Perle verschwindet, dann ist dies natürlich stets ein namhafter Verlust für uns.«

»Auf welche Weife wird denn gestohlen? Schneiden sie sich wirklich die Fußsohlen auf und stecken dann die Perlen hinein?« fragte die neugierige Hope Staunton.

Der Portugiese lächelte,

»Auch das ist eine Fabel. Solch' einen Diebstahl würden wir schnell genug entdecken, denn Sie können sich denken, daß unsere Beamten alle Schliche und Kniffe kennen. Das Gewöhnlichste ist, daß die mit dem Suchen der Perlen in den Schalen beschäftigten Arbeiter eine verschlucken, und haben wir Verdacht auf einen Mann, so muß zu einem sehr drastischen Mittel gegriffen werden, um die gestohlene Perle wieder aus dem Magen zu bringen.«

»Ist dies lange Tauchen der Gesundheit nicht sehr schädlich?«

»Es ist ungesund und außerdem sehr gefahrvoll. Die Taucher erreichen selten ein Alter über vierzig Jahre, denn die Lunge weitet sich nach und nach zu sehr aus, auch das Herz wird angegriffen. Die Sehkraft verliert sich. An den Augen bilden sich Geschwüre, und Wunden brechen am ganzen Leibe auf. Nicht selten trifft einen der Taucher mitten im Meere der Schlag. Und was die Gefahren anbetrifft – sehen Sie dort am Ufer die zwei alten Weiber stehen?«

Der Direktor deutete nach einer in die Bucht vorspringenden Landzunge, auf welcher zwei alte, häßliche Weiber standen und mit den Armen lebhafte Gestikulationen machten.

»Es sind dies die Zauberinnen des Fischerdorfes,« erklärte der Portugiese. »Die Taucher, meist Eingeborene oder Mischlinge von Holländern und solchen, sogenannte Eurasi, sind sehr abergläubisch und meinen, daß diese Weiber die Kraft besitzen, durch bloße Sprüche und Zeichen die Haifische, welche das Leben der Taucher bedrohen, aus der Bucht zu vertreiben.«

»Kommen oft Unglücksfälle durch Haifische vor?«

»Im allgemeinen wagen es diese gefräßigen Tiere nicht, in die belebte Bucht zu kommen, ist aber erst einmal eines darin und hat eine Beute gemacht, dann verschwindet fast jeden Tag ein Mann.«

»Entsetzlich! Wie verhalten sich dann die Taucher?«

»Es wird ruhig weitergearbeitet, die Leute sind daran gewöhnt. Es giebt unter ihnen welche, die das Töten solcher Haifische als eine lohnende Nebenbeschäftigung betreiben. Es ist kaum glaublich, mit welch' unerhörter Kühnheit sie sich dabei benehmen. Nur mit einem langen spitzen Holz bewaffnet, schwimmen sie dahin, wo sich der Haifisch gewöhnlich aufhält und warten, möglichst ohne Bewegung sich über Wasser haltend, bis dieser herankommt. Bekanntlich muß sich nun der Haifisch auf den Rücken legen, wenn er sein Opfer verschlingen will, weil sein Maul unten am Kopf, an der Bauchseite ist. Diesen Augenblick benützt der Taucher und stößt dem Ungeheuer das Holz in den Rachen, sodaß er denselben nicht schließen kann. Gewöhnlich flieht dann das Tier dem offenen Meere zu. Aber es giebt auch Männer, welche sich mit Haifischen in förmliche Kämpfe einlassen und sie schließlich mit dem Messer töten. Nur wer diese Taucher kennt, deren Element das Wasser ist, welche mehr als die Hälfte ihres Lebens darin zubringen, hält so etwas für möglich – man muß es gesehen haben. Matale, einer meiner Taucher, der jetzt in der Untersuchungszelle sitzt, hat auf diese Weise unzählige Haifische getötet und dadurch einen berühmten Namen bekommen. Schade um den Mann!«

Der Portugiese seufzte.

»Hat man nicht versucht, statt dieser Taucher solche mit Apparaten zu verwenden?« fragte der deutsche Ingenieur.

»Natürlich hat man das gethan, aber es rentiert sich nicht; ein Mann im Taucheranzug ist in seinen Bewegungen sehr gehindert und kann daher nicht den vierten Teil von Muscheln in derselben Zeit einsammeln, wie ein Eingeborener. Da sich nun die Taucher fortwährend ablösen, so erleidet das Sammeln keine Unterbrechung. Außerdem verlangt ein europäischer, geschulter Taucher fünfzehn bis zwanzig Schillinge für die Stunde, die er unter Wasser zubringt, außer seinem ständigen Gehalt, und unsere bekommen nur fünf Cents für jede von ihnen gefundene Muschel, die eine Perle enthält. Unser Geschäft hat freilich ein Risiko, wie kein anderes. Wir lassen eine Bucht untersuchen, von der wir vermuten, daß sich viele Muscheln darin befinden, öffnen einige Hundert und berechnen dann den Prozentsatz. Glauben wir, daß sich die Taucherei lohnen wird, so beginnen wir ohne weiteres und können entweder großem Erfolg oder Mißerfolg hierbei begegnen.«

»Haben Sie denn viele Kosten?«

»Das nicht, aber den Preis, den wir jeden Tag zu zahlen haben, um tauchen zu können, und die Pacht ist enorm hoch.«

Der Direktor sah nach der Uhr.

»Es ist zwölf Uhr; der Kapitän jenes Dampfers, welcher sich in solch unerhörter Weise gegen Sie vergangen hat, muß sich bei mir melden. Unsere beiden Dampfer liegen nicht in dieser Bucht selbst, sondern in einem kleinen Hafen nebenan, der Mann kommt auf dem Landweg in mein Comptoir. Seien Sie versichert, daß ich alle Strenge gegen ihn walten lassen werde; seine Rücksichtslosigkeit und Heftigkeit haben schon oft meinen Unwillen erregt, nun aber ist sein Maß voll – er wird entlassen. Leider muß ich ihn vorläufig noch hier behalten, weil er als Hauptzeuge in der Verhandlung wegen eines kürzlich vorgekommenen, großen Perlendiebstahls auftreten muß, in welchen auch Matale verwickelt ist.«

»Lieber wäre es mir, ich könnte ihn unter vier Augen sprechen,« meinte Lord Hastings.

Der Direktor lächelte flüchtig.

»Jedenfalls wird die Gesellschaft Ihnen das Boot ersetzen, ich selbst kann nichts weiter thun, als den Menschen durch Entlassung zu bestrafen. Wollen Sie noch mehr haben, so müssen Sie sich in Colombo an das Seegericht wenden, und ich selbst würde, obgleich ich dadurch sehr viele Umstände hätte, gegen den Kapitän auftreten. Sie sind also meine Gäste, so lange Sie wollen. Für Ihre bequeme Unterkunft im Geschäftshaus wird gesorgt werden, wenn Sie einige Tage hier bleiben wollen!«

Der freundliche Mann ging, um den Kapitän, welcher absichtlich Lord Hastings Boot gerammt hatte, zu vernehmen.

Die Herren und Damen gingen langsam am Ufer der Bucht spazieren, beobachteten das Treiben der Taucher, sahen nach der Uhr, wie lange dieselben unter Wasser blieben, und freuten sich über die sonnige Landschaft.

Charles Aufmerksamkeit erregten ganz besonders die zwei alten Weiber, welche unermüdlich die Hände zum Himmel streckten und Beschwörungsformeln murmelten.

Nachdem er sie lange genug betrachtet hatte, wandte er sich endlich mit den Worten ab:

»Es muß ein sehr kühner Haifisch sein, der sich in die von diesen beiden Hexen bewachte Bucht wagt. Ich wenigstens würde es nicht thun.«

Ellen, Jessy und Johanna, die drei Freundinnen, bildeten wie gewöhnlich eine Gruppe. Sie wollten sich den Platz ansehen, wo die Muscheln der Sonne ausgesetzt werden, aber schon in hundert Meter Entfernung davon mußten sie eiligst kehrt machen, einen solch pestilenzialischen Geruch brachte ihnen der Wind entgegen.

Nun schlugen sie einen Weg ein, der nach dem Dorfe der Perlenfischer führte, um sich in diesem umzusehen. War es ebenso sauber, wie es vom Ufer aus freundlich anzusehen war, so mußte es ein reizendes Hüttendorf sein.

Der Weg führte immer zwischen Palmenwäldern hindurch, der Boden war mit Rasen bedeckt, ohne Unterholz, sodaß man weit sehen konnte. Die drei Freundinnen hatten bis jetzt noch niemanden erblickt, die Männer waren auf dem Wasser beschäftigt, die Frauen verrichteten im Dorf häusliche Arbeiten, und die Kinder dieser armen Leute mußten ihren Eltern helfen. Da deutete Ellen auf einen umgestürzten Baumstamm, der nicht weit vom Wege ablag.

»Ist das nicht jener Georg, der in Bombay gefangen genommen wurde und den der ›Amor‹ mitbrachte?«

»Ich kenne ihn,« sagte auch Johanna, »er ist es und spricht mit einem eingeborenen Weibe. Jetzt zeigt er auf uns. Die Frau kommt zu uns, sie scheint sehr ängstlich zu sein. Will sie etwas von uns?«

Von jenem Baumstamm her, auf dem Georg saß, näherte sich den drei Mädchen eine weibliche Gestalt, blieb mehrmals unterwegs stehen und fiel dann, als sie sich vor den Ankommenden befand, auf die Kniee.

Es war ein dunkelbraunes, junges Weib mit schönen Gesichtszügen und dunklen Augen, aber diese waren jetzt matt und erloschen, alles an ihr drückte Seelenschmerz aus.

»Ihr seid die fremden Damen, welche die Sklavinnen befreit haben, jener Matrose dort hat es mir erzählt,« rief sie in fließendem Englisch, »o, so erbarmt Euch auch meiner und gebt meinem Manne die Freiheit wieder! Er schmachtet schon seit langer Zeit unschuldig, mein Kind und ich warten täglich auf den Vater, aber er kommt nicht, vielleicht kehrt er nie wieder. O, helft ihm!«

»Steh' auf,« sagte Ellen freundlich, »wer ist Dein Mann?«

»Matale, der beste Taucher und der ehrlichste Mensch. Seit Jahren ist er bei der Perlenfischerei beschäftigt, man hat ihm alles anvertraut, er hat viele Diebstähle entdeckt, und jetzt soll er plötzlich selbst ein Dieb geworden sein.«

Das Weib war auf den Knieen liegen geblieben.

»Aber wie sollen wir ihm helfen?«

»Ihr könnt es, Ihr seid mächtig. Ich könnte tagelang vor den Thüren der Beamten auf den Knieen liegen und bitten, ihre Ohren blieben geschlossen, aber Ihr braucht nur zu bitten, so geschieht es.«

»Du überschätzest unsere Macht!« sagte Ellen. »Was sollen wir thun, um ihn zu befreien? Was möglich und recht ist, soll von unserer Seite geschehen.«

Das braune Weib schwieg, es wußte keinen Rat.

»Ihr seid klüger als ich,« sagte sie endlich, »Matale muß frei sein, damit er nach dem forschen kann, der ihn als Dieb verdächtigt hat, denn nur dieser hat die Perlen gestohlen. Nimmermehr glaube ich, daß Passera der Thäter gewesen ist.«

»Wir verstehen dich nicht,« – Ellen hob die Knieende auf – »erkläre uns diese Geschichte des Diebstahls, und was damit zusammenhängt, näher!«

Sie nahmen das junge Weib zwischen sich und nötigten es zum Sprechen.

»Es ist schon drei Wochen her, als aus dem Sortierraum im Geschäftshaus eine große Menge Perlen gestohlen wurde. Als Thäter wurde sofort Passera, ein Freund von Matale, bezeichnet, weil er seit jener Nacht verschwunden ist, in welcher der Diebstahl ausgeführt wurde. Natürlich wurden auch die Hütten aller Fischer untersucht, nur diejenigen nicht, deren Bewohner als vollkommen ehrlich galten. Daß Matales Hütte auch visitiert werden sollte, war vollkommen ausgeschlossen, in solch' gutem Ruf stand er bei dem Direktor. Da aber trat ein Mann auf, der darauf drang, daß auch bei uns gesucht würde, und wir alle glaubten vor Schreck sterben zu müssen, als der Beamte unter der Matratze Matales ein Beutelchen mit Perlen fand. Es waren welche von denen, die geraubt worden waren. Alle Beteuerungen –«

Da unterbrach sie Johanna.

»Wer war der Mann, der Matale verdächtigte?«

»Kapitän Esplanza, von dem mir vorhin der Matrose erzählte, daß er eins Eurer Boote gerammt hat. Er ist ein böser Mensch, der nur Uebles im Sinn hat, man kann es ihm schon ansehen. Dieser war es, der zuerst forderte, auch bei uns eine Haussuchung vorzunehmen.«

»War Matale freundlich gegen den Kapitän gesinnt, oder haben sie einmal einen Streit miteinander gehabt?«

»Nein,« entgegnete das Weib.

»Hatte der Kapitän sonst Ursache, dem Matale übel zu wollen, oder trugst du die Schuld daran, daß er die Verhaftung Matales herbeiführte?«

Johanna hatte den richtigen Punkt berührt; trotz der braunen Hautfarbe errötete das Weib. Aber es schwieg.

»Du mußt dich offen aussprechen, wenn wir dir helfen sollen,« ermahnte Ellen, »wie können wir sonst klar sehen?«

»Ja, er hat mich oft mit Anträgen verfolgt,« entgegnete es.

»Und was wurde dann?«

»Es ist alles. Matale wurde gefangen genommen, und es ist keine Hoffnung vorhanden, daß er wieder freikommt, denn Passera ist und bleibt verschwunden. Kapitän Esplanza selbst fährt fortwährend mit seinem Dampfer die Küste entlang, weil vermutet wird, daß Passera sich irgendwo versteckt hält und bei Gelegenheit mit einem Boote nach dem Festlande entfliehen will, wie gewöhnlich geschieht, aber bis jetzt ist er noch nicht ergriffen worden.«

»Hältst auch du ihn für den Dieb?« unterbrach es Johanna abermals, welche überhaupt die Fragerin spielte.

»Niemals hat Passera so etwas gethan. Er war der Freund meines Mannes, und das genügt, um ihm den Namen eines Ehrlichen zu geben. So lange aber der Thäter nicht entdeckt wird, muß Matale gefangen bleiben, ja, er kann schon auf den bloßen Fund der Perlen unter seinem Kissen hin verurteilt werden. Denn wer ist da, der den Beweis widerlegen kann?«

Das Weib brach in Thränen aus.

»Hat dich dieser Kapitän wieder verfolgt, seit der Zeit, da dein Mann in Untersuchung sitzt?«

»Ja, schon oft wieder.«

»Was hat er gesagt?«

»Der Abscheuliche will, ich soll mit ihm als sein Weib in die Ferne ziehen, in das Land, woher er stammt, denn, sagt er, Matale käme doch nicht wieder frei, und außerdem sei ich viel zu gut für einen Dieb. Als wenn nicht jedermann von den Fischern wüßte, daß Matale nie zum Diebe werden kann.«

»Ist Esplanza nicht hier angestellt? Wie will er da in seine Heimat zurückkehren?«

»Er will den Dienst aufgeben, er sagte mir, er wäre ein reicher Mann.«

»Hast du schon jemandem erzählt, was du uns gesagt hast?«

»Nein, einem Manne könnte ich es nicht sagen. Die Aussage einer Frau gilt auch nicht viel, die Männer hören nicht auf uns. Ich würde verlacht werden.«

»Hast du auch keinen Verdacht auf einen anderen?«

»Ich kenne wohl viele in unserem Dorfe, welche ich eines Diebstahls für fähig halte, denn sie sagen, die Perlen gehörten eigentlich ihnen, die weißen Fremdlinge nähmen sie ihnen nur, aber niemand ist so schlecht, einen Unschuldigen zu verdächtigen.«

Also dieses unschuldige Weib dachte gar nicht daran, daß auch ein Weißer einen Diebstahl heimlich begehen und dann einen anderen als Schuldigen hinstellen konnte. Sie suchte den Dieb höchstens unter ihren eigenen Landsleuten, nicht aber unter den Beamten. Der Direktor hatte ihnen vorhin erzählt, daß, wenn wirklich einmal eine Untersuchung bei den Beamten stattfände, dies doch möglichst verheimlicht werde, um bei den Eingeborenen nicht den Respekt einzubüßen.

Sie hatten fast das Dorf erreicht. Ellen blieb stehen und reichte dem Weibe die Hand.

»Gehe jetzt heim!« sagte sie liebevoll. »Ich glaube, ich kann deinen Mann in Freiheit setzen, vielleicht ist er schon morgen bei dir und deinem Kinde. Was wird Matale thun, wenn er frei ist? Wird er wieder arbeiten?«

»Nein, er wird nur nach dem Diebe forschen. Doch sprichst du die Wahrheit, werde ich Matale morgen wieder haben?«

Die matten Augen des Weibes glänzten mit einem Male wunderbar auf.

»Ich hoffe so, bestimmt kann ich es dir nicht versprechen. Aber sei versichert, er soll nicht verurteilt werden, so lange weiter keine Beweise seiner Schuld beigebracht werden können, als die, daß die Perlen bei ihm gefunden worden sind.«

»Wie wollen Sie dies anfangen, dem Manne die Freiheit wiederzugeben?« fragte Jessy ihre Freundin, als sie sich von der überglücklichen Frau getrennt hatten und den Rückweg einschlugen.

»Nun,« lächelte Ellen, »die gestohlenen Perlen werden sich wohl bezahlen lassen, und wenn ich dafür bürge, daß dies geschieht, wenn der Dieb nicht gefunden wird, dann wird auf meinen Wunsch hin Matale bald frei sein.«

»Thun Sie dies nicht!« riet Johanna. »Bürgen Sie mit einer Summe für den Mann allein, die Gesellschaft wird dies nicht ausschlagen, und Sie erzielen denselben Erfolg.«

»Das kann ich auch thun, obgleich der eigentliche Dieb uns jetzt doch ganz genau bekannt ist.«

»Allerdings,« warf Jessy ein, »aber Beweise werden wir nicht bringen können.«

»Er muß sich selbst fangen,« meinte Johanna, »allzu klug scheint dieser Kapitän sowieso nicht zu sein; er ist ein sehr plumper Spitzbube.«

»So gedenken Sie vorläufig noch hierzubleiben?« fragte Jessy.

»Ja, bis sich die Sache aufgeklärt hat! Allzulange wird es nicht dauern.«

Sie machten untereinander aus, vorläufig alles geheimzuhalten und auch Matales Weib aufzufordern, daß es schweige.

Lange Zeit berieten sie sich noch, und als sie das Geschäftshaus wieder erreichten, war es abermals Johanna gewesen, welche den besten Vorschlag gemacht hatte.

»So geht es,« rief Ellen erfreut, »Johanna, an Ihnen ist ein Advokat verloren gegangen.«

Aus dem Geschäftshaus trat ein in einen Leinwandanzug gekleideter Herr und ging einige Schritte weiter nach einem hübschen, villenartigen Bau. Er stieg die wenigen Stufen hinauf und öffnete, ohne anzuklopfen, eine Thür.

»Nun,« empfing ihn ein junger, bartloser Mann mit fleischigem Gesicht und schnarrender Stimme, »was hat's gegeben, Kapitän Esplanza?«

Der Angekommene, ein Mann mittleren Alters mit schwarzem Knebelbart, warf sich in einen Stuhl und brach in ein lautes Lachen aus.

»Es ist alles so gekommen, wie ich es Ihnen vorhergesagt habe, ich bin aus den Diensten der Gesellschaft entlassen worden, und zwar darum, weil ich aus Versehen an das Boot jener verdammten Engländer gestoßen bin, die jetzt zum Vergnügen in der Bucht umherschnüffeln.«

Der junge Mann war vor einen großen Spiegel getreten und musterte mit lächelndem Blick seinen tadellosen Anzug.

»Hm,« meinte er dann, »und wann reisen Sie ab?«

»Das ist es ja eben,« rief der andere und sprang erregt auf, »der Direktor, dieser Mucker, will mich nicht eher entlassen, als bis die Geschichte wegen des Perlendiebstahls klar ist.«

»So so!« Der Bartlose spielte gedankenvoll mit der goldenen Uhrkette, die seine weiße Weste schmückte, »und was werden Sie bis dahin treiben?«

»Ich weiß nicht, Henrico, ich muß mich auf Befehl des Direktors so lange hier aufhalten, bis entweder Matale überführt oder ein anderer Dieb gefunden worden ist.«

»Eine langweilige Geschichte,« meinte der mit Henrico Angeredete und nahm ein Zeitungsblatt vom Tisch. »Haben Sie schon die neuesten Berichte gelesen? Aus dem Staatsgefängnis zu Colombo ist der Amerikaner Selby entsprungen und zwar mit einer ganz unerhörten Kühnheit, er ist über –«

»Was geht mich Selby an,« brauste der Kapitän ungeduldig auf, »geben Sie mir lieber einen Vorwand an, unter dem ich mich aus diesem elenden Loche entfernen kann.«

»Ich glaubte, diese Geschichte würde Sie interessieren,« fuhr Henrico ruhig fort. »Selby war nämlich, ebenso wie ich es bin, Beamter bei einer englischen Perlenfischereigesellschaft und verschwand eines Tages mit Perlen im Werte von ungefähr einer Million Pfund Sterling. Interessiert Sie das nicht?«

Der Gefragte wandte langsam den Kopf nach dem Sprecher um und musterte ihn mit finsterem Blick. Doch der junge Mann schien das nicht zu beachten, er steckte sich gleichgültig eine Cigarette an.

»Sagen Sie einmal, Esplanza,« fragte er dann, »wenn Sie nun von hier weggehen, nehmen Sie auch Ihre Monika mit?«

»Zum Teufel, was haben Sie denn heute mit Ihrer merkwürdigen Fragerei?« rief der andere ungeduldig. »Was geht Sie dies Weib an?«

»Mich geht es allerdings nichts an, aber Sie eigentlich ebensowenig. Gestehen Sie einmal offen, wie weit sind Sie nun mit ihr gekommen, seit der Mann im Gefängnis sitzt?«

Der junge Geck sprach die Worte unter höhnischem Lachen.

»Noch heute verfluche ich die Stunde, in welcher ich Sie zum Vertrauten dieses Geheimnisses machte. Wie oft nun haben Sie mich damit schon aufgezogen!«

»Wer mir den kleinen Finger reicht, von dem nehme ich die ganze Hand.«

»Man sagt dies nur vom Teufel, vergleichen Sie sich mit diesem?«

Henrico zuckte mit den Achseln.

»Gut denn, lassen wir das Weib! Aber mit ihrem Manne wollen wir uns noch etwas beschäftigen. Der arme Kerl wird wohl daran glauben müssen. Wird der richtige Dieb nicht gefunden, kann Matale seine Unschuld nicht beweisen, so wird sein Leben im Gefängnis zu Colombo enden.«

»Wie?« fragte der Kapitän verwundert. »Sie zweifeln an der Schuld Matales? Dann sind Sie wohl der einzige, der dies thut.«

»O nein, ich kenne zum Beispiel einen Mann, der ganz genau weiß, daß Matale völlig unschuldig an dem Diebstahle ist.«

Wieder wandte der im Stuhle Sitzende langsam den Kopf nach dem jungen Manne, der noch vor dem Spiegel stand.

»Wer sollte das sein? Der Direktor vielleicht? Nun, dessen Schrullen sind ja zur Genüge bekannt.«

»Nicht der Direktor, nein, jemand anderes. Sehen Sie einmal, dort können Sie ihn sehen.«

Der Kapitän folgte dem ausgestreckten Finger seines Freundes und sah sein eigenes Spiegelbild, sah, wie er zu zittern begann und sich entfärbte.

Aber im nächsten Augenblicke gewann er die Fassung wieder.

»Ich?« lachte er gezwungen. »Habe ich doch selbst zuerst die Spur des Diebes entdeckt, und daß ich mich nicht getäuscht hatte, zeigten ja die gefundenen Perlen. Wie kommen Sie auf diese sonderbare Idee, daß ich Matale für unschuldig halte, was gar nicht der Fall ist?«

Der junge Mann wurde mit einem Male sehr ernst. Er rückte einen Stuhl vor den des Kapitäns und sah ihm forschend in die Augen.

Der Kapitän konnte den Blick nicht ertragen, er wandte den Kopf weg.

»Kapitän Esplanza,« sagte Henrico langsam und mit Nachdruck, »spielen wir nicht Katze und Maus zusammen. Haben Sie noch nie daran gedacht, daß auch noch andere Matale für unschuldig halten und den Dieb ganz wo anders suchen können? Offen gestanden, Sie haben furchtbar plump operiert.«

Mit glanzlosen Augen starrte der Kapitän den Sprecher an.

»Was wollen Sie damit sagen?« stammelte er endlich mit bebenden Lippen, scheu nach der Thür sehend, als suche er einen Weg zur Flucht.

»Ich will damit sagen, was mir sonnenklar ist: Nur Sie haben die Perlen gestohlen oder entwendet oder beiseite gebracht, wie Sie es ausdrücken wollen, und dann Matale beschuldigt, um in den Besitz seiner Frau zu kommen, die Sie lieben.«

Der Kapitän schwieg, er hatte die Fassung verloren.

»Bleiben Sie ruhig sitzen!« fuhr Henrico fort und legte dem Kapitän, der mit zitternden Gliedern aufstehen wollte, die Hand aufs Knie. »Sie sind vor mir vollkommen sicher, ja, ich kann Ihnen sogar behilflich sein, von hier fortzukommen, ohne Aufsehen zu erregen.«

»Was fällt Ihnen ein?« brauste der Kapitän jetzt auf. »Was berechtigt Sie, mich einer solchen That zu beschuldigen?«

»Nur gemach!« lächelte der bartlose Mann höhnisch; Er neigte sich vor, daß er mit dem Munde fast das Ohr des vor ihm Sitzenden berührte und flüsterte mit heiserer Stimme: »Ein Narr sind Sie gewesen, diese paar lumpigen Perlen zu nehmen und die anderen liegen zu lassen, dadurch haben Sie mir meinen ganzen Plan verdorben, es wird jetzt alles mit doppelter Schärfe bewacht.«

Erstaunt, ja freudig überrascht, blickte Esplanza auf.

»Und dennoch wird es mir gelingen, mit einem Schlage ein reicher Mann zu werden,« fuhr Henrico fort, »aber ich kann nicht allein fertig werden, ich brauche einen Kompagnon, und der sollen Sie sein. Schlagen Sie ein, Kapitän, sind Sie der Meinige?«

Er hielt dem Kapitän die Hand hin, ihn scharf fixierend, doch dieser traute nicht recht. Konnte dieser Mann nicht ein Spion sein, der ihn aufs Glatteis führen wollte? Solche Sachen waren schon öfter passiert. Aber nein, er kannte ihn ganz genau, sie hatten immer freundschaftlich miteinander verkehrt und er wußte, daß jener gern auf krummen Wegen wandelte. Henrico war Kassenverwalter bei der Gesellschaft, aber man munkelte unter den Beamten, daß in seinen Büchern nicht alles stimmte, obgleich ihm niemand etwas nachzuweisen im stande war. Wurde eine Kassenrevision abgehalten und war einmal ein Defizit vorhanden, so deckte Henrico immer die fehlende Summe aus seiner Tasche, obgleich niemand wußte, woher er das Geld nahm, denn er lebte auf großem Fuße.

Viel zu bedeuten hatte die Stelle eines Kassenverwalters übrigens nicht, denn mit dem Verkauf von Perlen hatte derselbe nichts zu thun, sondern nur die Gelder unter sich, von denen die Taucher bezahlt und der Betrieb des Unternehmens bestritten wurde.

»Was haben Sie vor, Senor Henrico?« fragte er.

»Sie und mich zum reichen Manne zu machen,« war die Antwort. »Alles ist dazu bereit, aber ich kann es nicht allein vollbringen.«

»Und wie wollen Sie von hier fortkommen, wenn es Ihnen wirklich gelingen sollte, den Dieb – die That auszuführen?«

»Auch dafür ist gesorgt. Ja, Sie können sogar Ihre Monika mitnehmen, wenn Sie wollen.« Henrico lachte bei diesen Worten leise auf. »Wir ziehen uns in eine Stadt Südamerikas zurück, dort findet uns kein Mensch, und wir können wie die Fürsten leben.«

»Wann wollen Sie ans Werk gehen?«

»Sagen Sie mir immer ›wir‹, mein lieber Kapitän, denn ich kann doch auf Sie rechnen. Einen solchen Mann wie Sie habe ich gesucht, es gehört etwas Mut dazu.«

»Sie kennen mich,« sagte der Kapitän nun, sich emporreckend.

»Ich weiß, daß ich auf Sie zählen kann; in einigen Tagen schon müssen wir den Plan ausführen, denn in etwa einer Woche erwartet der Direktor den Dampfer, der die Schätze abholt, und mit dem wertlosen Plunder, der zurückbleibt, wollen wir uns natürlich nicht begnügen.«

»Aber werden die Gäste uns nicht im Wege sein?« warf der Kapitän dazwischen, der nur zu gern auf den Vorschlag seines gleichgesinnten Gefährten einging.

»Ewig werden sie nicht hierbleiben; zwar habe ich den Direktor vorhin sagen hören, daß er für sie Quartiere hergerichtet hat. Aber hindern dürfen sie uns auf keinen Fall, oder sie müssen daran glauben.«

»Was?« rief der Kapitän erschrocken, »Sie gehen mit Mordgedanken um?«

»Still,« fuhr ihn der andere an, »nicht so laut, wir sind in einem Hause mit Holzwänden. Kann ich den Mord vermeiden, so thue ich es, aber er soll mich nicht abschrecken, mein Ziel zu erreichen.«

»Wie aber soll ich Ihnen trauen?« fragte Esplanza noch etwas mißtrauisch.

»Ich glaube doch, das, was ich Ihnen gesagt habe, müßte Ihnen genügen.«

Und nun setzte er seinen Plan auseinander, der dem aufmerksam zuhörenden Kapitän zu wiederholten Malen ein beifälliges Schmunzeln abnötigte.

»Und noch eins, Kapitän!« sagte Henrico, als sie ihren Bund durch ein Händeschütteln bekräftigten. »Lassen Sie einmal Ihren verdammten Jähzorn fahren. Nutzen hat er Ihnen noch niemals gebracht. Wären Sie mit jenen Fremden nicht so unhöflich verfahren, so säßen Sie jetzt noch hier als Beamter, und wir hätten viel freieres Spiel.«

»Ich konnte mir nicht helfen,« entgegnete der Kapitän, das stolze Betragen dieser Burschen ärgerte mich so, daß ich sie am liebsten in den Grund gerammt hätte. Was haben die Fremden übrigens hier zu suchen?«

»Well, denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe! Halten Sie Ohren und Augen gut offen.«

Henrico blickte nach der Thür, welche sich hinter dem Hinausgehenden geschlossen hatte.

»Er geht in die Falle, als wäre er ein Kind,« murmelte er, »jähzornig, eitel und dumm; solche Leute können wir eben brauchen. Um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, ist er gut genug. Wenn ich ihn nicht mehr brauche, werde ich schon Mittel und Wege finden, mich seiner zu erledigen.«

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