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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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31

Ein missglückter Plan

Georg, die Briefordonnanz des Kapitäns Hoffmann, fuhr mit der ihm vom Steuermann gegebenen Depesche ans Land und schlug den Weg nach dem nächsten Postgebäude ein. Zuerst mußte er an Kapitän Green und dessen Matrosen vorbei, welche auf dem Hafendamm bei ihren Kleidersäcken standen und die Erlaubnis abwarteten, an Bord der ›Vesta‹ sich einschiffen zu dürfen.

Georg war auf der See groß geworden; er hatte schon unter allen Flaggen der Welt gefahren und sich also auch mit verschiedenen Nationen an Bord eines Schiffes zusammenbefunden, aber er mißtraute von vornherein einer Schiffsbesatzung, welche sich aus Matrosen verschiedener Länder zusammensetzte. Denn entweder bekam der Kapitän keine tüchtigen Seeleute, das heißt, Deutsche, Engländer, Holländer oder Skandinavier, weil er als grausamer Tyrann bekannt war, der die Besatzung schikanierte, und er mußte sich mit solchen südländischen Matrosen behelfen, welche Georg mit dem Ausdruck ›Gesindel‹ bezeichnete; oder der Kapitän war selbst ein dunkler Ehrenmann, der sich unter anständigen Menschen nicht wohl fühlte und sich daher extra Italiener, Griechen, Spanier, Amerikaner und Engländer mit wüsten Physiognomien aussuchte.

Und aus solchen Gestalten setzte sich auch die Mannschaft des Kapitäns Green zusammen. Die Hände in den Hosentaschen, die abgebrochene Thonpfeife zwischen den Zähnen, wanderten die südländisch aussehenden Matrosen umher und unterhielten sich in einem Kauderwelsch, welches ebensowohl als Englisch, wie als Spanisch hätte gelten können, andere wieder mit schwarzen Bärten, um den Leib eine bunte Schärpe, hockten phlegmatisch auf ihren Kleidersäcken und pafften eine Cigarette nach der anderen in die Luft, wahrscheinlich Spanier, und wieder andere mit schwarzen Vollbärten, in enganschließende, schwarze Anzüge gekleidet, schwatzten zusammen mit einer Lebhaftigkeit und mit Armbewegungen, daß man immer glaubte, sie wollten sich gegenseitig ermorden, während sie nur ein harmloses Gespräch führten. Das waren Griechen, als Seeleute von Georg gründlich verachtet. Der einzige, der ein einigermaßen vertrauenerweckendes Gesicht aufweisen konnte, war der Kapitän.

Georg selbst befand sich zwar auf einem Schiff, dessen Mannschaft sich nicht nur aus allen Nationen Europas, sondern aus allen denen der Welt zusammensetzte; aber bei dem ›Blitz‹ war dies etwas anderes. Georg wußte, welche Mühe Kapitän Hoffmann gehabt hatte, diese Leute um sich zu sammeln. Stieß er auf seinen früheren Reisen auf Seeleute, die ihm imponierten, so scheute er keine Kosten, sie von ihrem jeweiligen Schiff abmustern zu lasten, es galt ihm gleich, ob ihre Farbe weiß, gelb oder schwarz war. Dann schickte er den betreffenden Mann nach einer deutschen Hafenstadt, ließ ihn dort verpflegen und so lange warten, bis eines Tages der neugebaute ›Blitz‹ gesegelt kam, die erste Besatzung entließ und die nach und nach gesammelte an Bord nahm.

Mit diesen Gedanken beschäftigte sich Georg, als er mit beschleunigten Schritten die Richtung nach der Post einschlug, er bemerkte nicht, daß zwei Männer sich immer in einiger Entfernung hinter ihm hielten und ihn scharf beobachteten.

Jetzt führte der Weg durch den Tempelgarten, welcher in seiner Mitte von Fußpfaden für die Spaziergänger durchkreuzt wird, während rings um ihn herum ein Fuhrweg läuft, auf dem abends Equipagen und Reiter sich bewegen. Am Tage aber, wenn die Sonne mit ihren glühenden Strahlen den Aufenthalt im Freien unangenehm macht, ist dieser Garten völlig verödet.

Georg eilte quer durch die Anlagen nach dem gegenüberliegenden Fahrweg, auf dem eben ein geschlossener Wagen gefahren kam.

»Guter Freund,« sagte da auf englisch eine Stimme hinter Georg, »wo ist der Weg nach dem Hafen?«

Georg wandte sich um und sah zwei elegant gekleidete Herren vor sich stehen, deren Annäherung er gar nicht bemerkt hatte.

»Da sind Sie gerade in der falschen Richtung,« antwortete er höflich, »Gehen Sie diesen Weg zurück und fragen Sie am Ausgang des Gartens nach –«

Er kam nicht weiter.

Der Begleiter des Fragers war wie zufällig etwas hinter Georg getreten, hatte eine Kappe aus der Tasche gezogen und sie dem Ahnungslosen über den Kopf geworfen.

Georg kam gar nicht dazu, an Gegenwehr zu denken, sein erster und letzter Gedanke war nur, daß ihm ein furchtbar betäubender Geruch in die Nase stieg, dann hatte ihn schon das Bewußtsein verlassen.

Ohne aufgefordert zu werden, lenkte der Kutscher die Pferde etwas nach der Seite, die Herren trugen den Besinnungslosen nach dem Wagen, öffneten die Thür und stiegen mit ihm ein. Sofort ließ der Rosselenker seine Tiere anziehen, und der Wagen rollte davon.

»Erst die Depesche,« sagte einer der Herren und untersuchte die Brusttasche Georgs.

»Es ist so, wie wir dachten,« lachte er, als er das Papier gefunden und gelesen hatte, »dieser Tölpel fragt Kapitän Hoffmann, ob die ›Vesta‹ unter Kapitän Green nach Madras segeln soll. Es ist gut, daß wir schon alle Vorbereitungen dazu getroffen haben.«

»Habt Ihr schon eine Antwort ausgefertigt?« fragte der andere.

»Ja, sie ist bereits unterwegs und wird zur rechten Zeit in den Sack des Postbeamten gespielt werden. Darüber seid unbesorgt, es wird nichts fehlschlagen, den einzigen Kummer macht mir nur, wohin wir jetzt diesen Burschen bringen sollen.«

»Wir müssen ihn verschwinden lassen.«

»Natürlich, aber wie, daß es nicht auffällt?«

Beide schwiegen längere Zeit.

Dann zog der erste Sprecher dem Bewußtlosen die Kappe vom Gesicht und sagte:

»Das Einfachste ist, wir geben ihm noch eine kleine Dosis Chloroform einzuatmen und fahren ihn irgendwo in eine menschenleere Gegend, wo wir ihn aus dem Wagen werfen und liegen lassen. Kommt er dann zu sich und schlägt Lärm, so ist unterdes die ›Vesta‹ schon längst verschwunden und hat ein neues Kleid angelegt. Und dann sollen sie hier in Bombay einmal suchen. Hoho!«

»Der Bursche hatte kaum Zeit genug, uns zu sehen, da war ihm schon die Kappe über die Augen gezogen. Deshalb also brauchten wir nicht ängstlich zu sein, selbst wenn wir keine Schlupfwinkel hätten,« meinte der andere.

Er öffnete das Fensterchen an der Vorderseite, welches zu dem Kutscher führte, und rief diesem den Namen eines kleinen Vorortes von Bombay zu, nach welchem der Weg durch ein Gehölz führte.

Dann zog er aus der Tasche ein Fläschchen, entkorkte es und wollte den im Innern der Kappe befindlichen Schwamm anfeuchten, als er plötzlich in seinen Bewegungen innehielt und das Fläschchen schnell wieder verbarg.

Die beiden Männer sahen sich mit ängstlicher Miene an.

Der Wagen hatte gehalten, und sie hörten, wie der Kutscher mit einem Manne auf englisch sprach.

»So geben Sie den Weg frei!« rief der Kutscher ärgerlich, »oder ich überfahre Sie, wenn Sie auch meinetwegen ein Maharadjah wären. Ich sage Ihnen, der Wagen ist besetzt!«

»Werden wir visitiert,« flüsterte der eine der Insassen dem anderen zu, »so sagen wir, den Mann hätten wir bewußtlos, wahrscheinlich infolge Sonnenstichs, im Tempelgarten gefunden. Wir brächten ihn nach unserem Hotel. Verstanden?«

Sein Gegenüber nickte und schob dem Bewußtlosen das entwendete Papier wieder in die Brusttasche.

»Fahren Sie ruhig weiter,« hörten sie die Stimme des Fremden wieder, »ich fahre mit den Herren.«

»Das erlaube ich nicht, wenn meine Fahrgäste damit nicht einverstanden sind,« schrie der Kutscher wütend.

Da aber wurde schon die Thür aufgerissen, und ein vornehmer Indier stieg ohne weiteres in den Wagen.

»Mein Herr,« sagte der eine der Insassen in möglichst ruhigem Tone, »Sie sehen doch, daß der Wagen besetzt ist. Was verschafft uns die Ehre, Sie mit uns fahren zu sehen?«

»Still,« sagte der Indier und winkte mit der Hand, »ich bin einer der Ihrigen. Wohin fahren Sie?«

Die beiden waren über diese Anrede gar nicht so erstaunt, denn es war ihnen schon oft passiert, daß sich ihnen ein Fremder als ihr stiller Helfer vorgestellt hatte. Aber noch fehlte das Zeichen.

»Wir verstehen Sie nicht,« sagte der Herr, der überhaupt die Hauptrolle zu spielen schien, »wir haben einen Bewußtlosen –«

»Schon gut,« unterbrach ihn der Indier und streckte ihm die Hand entgegen, »seien Sie versichert, daß ich Ihr Freund bin.«

Der Herr ergriff die dargebotene Hand und fühlte, wie sich die Finger des Indiers in eigentümlicher Weise um die seinen schlossen.

Jetzt war er beruhigt, er hatte das Zeichen erhalten – dieser Mann gehörte in der That zu derselben Vereinigung, wie er, sein Kollege und auch der Kutscher.

Als letzterer bemerkte, daß seine Fahrgäste gegen die Mitnahme des fremden Indiers keinen Einspruch erhoben, ließ er die Pferde wieder ausgreifen und schlug den Weg ein, der nach dem angegebenen Gehölz führte.

»Wohin fahren Sie?« war des Indiers erste Frage, nachdem er Platz genommen hatte.

Er erfuhr, nach welchem Ziel der Wagen sie führte.

»Gut! Mein Wagen folgt mir, Sie können mir den Burschen überlassen, der für Sie doch keinen Zweck weiter hat.«

»Was wollen Sie mit ihm beginnen?«

»Ich gehe schon lange mit der Absicht um, einen der Matrosen vom ›Blitz‹ wegzufangen,« erklärte der Indier, »weil ich etwas über dessen Kapitän erfahren muß. Als diese Ordonnanz vorhin das Schiff verließ, paßte ich auf und folgte ihr, um mich ihrer zu bemächtigen, weil sie gerade das wissen wird, was ich erfahren will. Sie werden in Verlegenheit sein, wie Sie ihn beseitigen sollen, also ist Ihnen mein Anerbieten, mich seiner anzunehmen, jedenfalls angenehm.«

Die beiden wußten, daß auch dieser Indier einen Auftrag auszuführen hatte, aber ebensowenig wie sie über ihr Vorhaben, sprach auch er über das seinige. Daher fragten sie ihn nicht weiter aus, denn die Wahrheit erfuhren sie doch nicht.

Der Wagen verließ die Häuserreihen und bog in einen mit Bäumen bepflanzten Weg ein.

Da klopfte der Kutscher an das Fenster und sagte:

»Es folgt uns ein anderer Wagen.«

»Es ist richtig! Halte jetzt!«

Die Herren stiegen aus und sahen sich um. Niemand war zu sehen.

Unterdes war der zweite Wagen herangekommen. Er mußte dicht an den ersten heranfahren, und der noch immer bewußtlose Georg wurde, nachdem ihm die Depesche wieder aus der Tasche genommen worden war, hinübergeschafft, ohne daß ein etwaiger Beobachter den Wechsel wahrgenommen hätte.

»Ich fahre jetzt zurück,« sagte der Indier, »und Sie?«

»Auch wir begeben uns nach Bombay zurück, aber auf Umwegen.«

»Gut! Wie lange wird die Betäubung noch vorhalten?«

»Sie war für eine halbe Stunde berechnet, in zehn Minuten wird er wieder erwachen.«

»Haben Sie noch Chloroform bei sich, um ihn für länger besinnungslos zu machen? Sonst müssen wir ihn erst binden und knebeln.«

Georg erhielt abermals den mit Chloroform getränkten Schwamm vor die Nase gedrückt, und die Kappe wurde ihm über den Kopf gestülpt.

»Können wir uns darauf verlassen, daß er Ihnen nicht entschlüpfen und plaudern wird?«

»So sicher, als wenn er jetzt schon tot wäre,« entgegnete der Indier, sprang in den Wagen und nahm neben dem bewußtlosen Körper Platz.

»Gute Geschäfte, meine Herren! Fort, Kutscher!«

Der Indier schlug die Richtung nach Bombay ein, während die Herren vorläufig den eingeschlagenen Weg weiterfuhren. – – –

Als Georg aus seiner Betäubung erwachte, fand er sich auf einem Diwan liegend.

Es dauerte nicht lange, so entsann er sich, warum er sich nicht im Zwischendeck seines Schiffes befand.

»Mein Gott,« rief er und griff in die Brusttasche.

Die Depesche war fort – jetzt war ihm alles klar. Er entsann sich, wie ihn zwei Herren im Tempelgarten nach dem Weg gefragt hatten, wie ihm etwas über die Augen gelegt und ihm plötzlich die Besinnung geschwunden war.

Was weiter mit ihm vorgegangen, wußte er nicht.

Alles war ein wohl überlegter Plan gewesen; der angebliche Kapitän Green hatte also von Miß Petersen gar nicht den Auftrag erhalten, die ›Vesta‹ nach Madras zu bringen, sondern wollte sich der befreiten Mädchen oder vielleicht auch nur des Schiffes bemächtigen und nahm die Mädchen als Zugabe mit.

Adam Nagel war schändlich getäuscht worden, seine Anfrage an Kapitän Hoffmann war in die Hände dieser Piraten gefallen und würde ihn nie erreichen.

Wie die Spitzbuben den Steuermann, der nun nach der Meinung Georgs keine Antwort vom Kapitän erhielt, weiter täuschen würden, um sich in Besitz der ›Vesta‹ zu bringen, wußte er nicht; aber wenn diese Schurken solche Mittel anwendeten, um bloß die Depesche abzufangen, so konnten sie jedenfalls auch Wege finden, dem Steuermann eine erlogene Antwort zu geben.

Georg hatte ganz richtig gerechnet. Als ein treuer Mensch hatte er zuerst an den Schaden gedacht, den sein Herr durch seine Gefangennahme erlitt.

Aber er selbst?

Daß sie ihn aus der Welt verschwinden lassen würden, glaubte er nicht. War die ›Vesta‹ erst fort, so wurde er sicher frei gelassen, aber so, daß er nicht merkte, wo er sich befunden hatte, und er konnte sein Schiff wieder aufsuchen.

Georg kratzte sich hinter den Ohren, wenn er sich ausmalte, was geschehen würde, wenn er, der sonst so schlaue und zuverlässige Bote, wieder an Bord des ›Blitz‹ erschien. Aber er fühlte sich unschuldig, er hatte nichts getrunken und sich nirgends aufgehalten, und so konnte er dem Steuermann, wie dem Kapitän ruhig in's Auge blicken.

Die Thüren des Gefängnisses waren natürlich verschlossen, das Fenster lag im zweiten Stock und war vergittert. Es führte nach einem parkähnlichen Garten hinaus, der aber vollständig verwildert war, Georg konnte keinen Menschen darin erblicken.

An Flucht war demnach nicht zu denken. Er legte sich also ruhig auf den Divan und wartete der kommenden Dinge. Entweder mußte er einmal freigelassen werden, oder auch, daran zweifelte er nicht, Kapitän Hoffmann würde bald Himmel und Hölle in Bewegung setzen, seine Ordonnanz tot oder lebendig wiederzubekommen. Unter Georgs Kameraden gab es auch welche, die mehr als Brot essen konnten.

Georg hatte durch Einatmen des Chloroforms Kopfschmerzen bekommen, er fühlte sich noch sehr schläfrig und war bald wieder sorglos entschlummert.

Da wurde er am Arm gefaßt und geschüttelt.

Als er emporfuhr und sich die Augen rieb, bemerkte er, daß es bereits Nacht geworden war. Auf einem Tischchen brannte eine Lampe, und vor ihm stand ein reich gekleideter Indier.

»Steh' auf,« sagte derselbe in kurzem, aber nicht unfreundlichen Tone eines Menschen, der das Befehlen gewohnt ist.

Georg stand auf.

»Fühlt Ihr Euch wohl?«

Georg bejahte; er wußte zwar nicht, was man mit ihm vorhatte, jedenfalls aber sollte er jetzt entlassen werden.

»Hört, was ich Euch jetzt sagen werde!« begann der Indier. »Beantwortet Ihr die Fragen, die ich an Euch stellen werde, so gut Ihr könnt, so soll Euch kein Leids geschehen. Ihr werdet noch heute nacht dieses Haus verlassen und zwar reich beschenkt – Ihr braucht nicht mehr zu arbeiten – weigert Ihr Euch aber, so werde ich die Antworten mit Gewalt von Euch erpressen, und Ihr verlaßt dieses Haus nicht lebendig. Habt Ihr mich verstanden?«

Georg war verblüfft. Was konnte dieser Indier von ihm erfahren wollen? Er hatte keine Ahnung, was der Mann im Sinne hatte.

»Dann ziehe ich das Erstere vor. Fragt los!« sagte er.

»Es freut mich, daß Ihr vernünftig seid,« entgegnete der Indier, »so werden wir als gute Freunde von einander scheiden. Also erstens: Wo ist der ›Blitz‹ gebaut worden?«

Georg riß vor Staunen Mund und Nase auf. Wie kam dieser Indier zu einer solchen Frage?

»Oho,« dachte er, »da kennst du Georg schlecht, wenn du von ihm etwas über den ›Blitz‹ erfahren willst.«

Er schwieg.

»Bist du nicht die Ordonnanz vom ›Blitz‹?« fragte der Indier.

»Ich bin's.«

»Nun also nochmals: Wo ist der ›Blitz‹ erbaut worden?«

Georg blieb wieder die Antwort schuldig.

»Vielleicht auf einer Insel an der Ostküste Schottlands?«

Keine Antwort.

»Willst du mir nicht antworten, Bursche?« fuhr der Indier jetzt heftig auf.

»Mein Herr,« sagte Georg ruhig, »fragen Sie mich, über was Sie wollen, und ich werde Ihnen antworten, nur nicht über den ›Blitz‹ und alles, was diesen betrifft. Da werden Sie nie eine Antwort von mir erhalten.«

Fest sah er den vor ihm Stehenden an.

Der Indier machte eine drohende Bewegung, aber er bezwang sich sofort, als er in den blauen Augen des Mannes ein seltsames Aufleuchten bemerkte.

Er hatte keinen eingeborenen Diener vor sich, den er nach Belieben schlagen durfte. Dieser Mann war jetzt noch frei und würde ihm jeden Schlag mit seinen kräftigen Fäusten zurückgegeben haben. Er ging zur Thür hinaus und schloß hinter sich ab.

»Also das ist es,« seufzte Georg und ließ sich auf das Polster fallen, »dann steht es allerdings schlimm mit mir. Und ich weiß gar nicht viel vom ›Blitz‹, was ich verraten könnte. Aber nein!« Er sprang heftig auf. »Ich habe versprochen, das Geheimnis des Schiffes zu wahren, und auch das Wenige, was mir bewußt ist, soll mir keine Macht der Erde entreißen können. Mag man mich quälen, foltern oder verhungern lassen, mein Mund wird schweigen.«

Ein Diener brachte einige Teller mit kalten Speisen herein und setzte sie auf den Tisch.

Gleichzeitig betrat wieder der Indier das Zimmer.

»Na,« dachte Georg, »mit dem Verhungern sieht es ja noch nicht so schlimm aus.«

»Ihr seht,« begann der Indier, »ich will Euch mehr als Gast, denn als Gefangenen behandeln. Beantwortet mir die wenigen Fragen, und Ihr könnt sofort in meinem Wagen dieses Haus verlassen! Ich weiß wohl, daß Ihr selbst nicht viel vom ›Blitz‹ erzählen könnt, und deshalb will ich Euch möglichst freundlich behandeln. Antwortet mir, dann könnt Ihr ruhig essen, wenn Ihr wollt, und werdet entweder fortgebracht, oder Ihr verbringt diese Nacht in einem Kellerraum. Vielleicht seid Ihr morgen gefügiger, sonst giebt es noch andere Mittelchen, Euch mitteilsam zu machen.«

Georg blieb stumm.

»Ihr wollt nicht antworten?«

»Zum Teufel, nein!« schrie Georg. »Merkst du dies nun endlich?«

»Oho,« sagte der Indier und rief einige Namen.

Sofort kamen vier Hindus in das Zimmer und wollten Georg fassen, um ihn hinauszubringen. Sie hatten sich aber verrechnet.

Als sie ihn ergreifen wollten, fuhr dem einen die Faust des jungen Deutschen in die Augen, dem anderen an den Magen, und die übrigen bekamen ein paar Fußtritte, daß sie ächzend an die Wand flogen.

»Nur immer her!« schrie Georg. »Solche Ware habe ich noch mehr auf Lager.«

Auf das Geschrei der Diener stürzten noch mehr Hindus in's Zimmer, und schließlich gelang es ihnen, den wütend um sich Schlagenden zu bändigen.

»Ihr seid selbst schuld daran,« sagte der Indier, noch immer ruhig, »daß mit Euch so verfahren wird. Gebt mir Antwort, und sofort seid Ihr frei!«

Er stand dicht vor Georg.

»Selber schuld daran?« lachte dieser bitter, »Hund verdammter, da, nimm das als Gutenachtgruß.«

Dabei stieß er dem Indier den Fuß in den Leib, daß dieser mit einem Schmerzensschrei zu Boden fiel. Schäumend vor Zorn sprang er auf den Gefangenen zu, erhielt aber sofort abermals einen Fußtritt, daß er wieder niederstürzte.

»In den Stock mit ihm, in den Stock,« brüllte er. »Dort wird er das Treten vergessen lernen.«

Er wagte es nicht, sich zum dritten Male dem schlagfertigen Deutschen zu nähern.

Georg wurde aus dem Zimmer in einen Kellerraum geschleppt, in dem sich ein sogenannter Stock befand, in welchen widerspenstige und ungehorsame Diener für einige Stunden eingesperrt wurden. Der junge Mann wurde gezwungen, sich niederzulassen, und die Hindus spannten seine Beine und Hände in einen Block, so daß Georg in gekrümmter Lage saß, ohne sich rühren zu können.

Es machte den Hindus ein ungeheures Vergnügen, Georg zu quälen, war es doch das erste Mal, daß anstatt eines Eingeborenen ein Faringi diesen Platz einnahm. Glücklicherweise verstand der junge Deutsche kein Indisch, sodaß ihn die höhnischen Bemerkungen nicht ärgerten.

Er befand sich in einer verzweifelten Lage. Den Rücken krumm gebogen, die Beine so emporgezogen, daß die Kniee die ausgestreckten Arme berührten, und Hände und Füße in die Löcher des Balkens gespannt, so saß er da und grübelte über sein ferneres Schicksal nach.

Das war eine trostlose Aussicht, denn der gereizte Indier würde jetzt nicht zögern, seine Drohungen zu erfüllen, das heißt, den Gefangenen solange zu foltern, bis derselbe das, was er über den ›Blitz‹ und dessen Kapitän wußte, gesagt hätte.

Georg hatte einst in seiner Jugend auf einem Jahrmarkt eine Folterkammer mit allen jenen schrecklichen Instrumenten gesehen, wie sie im Mittelalter bei Hexenprozessen gebraucht wurden, und große Bilder zeigten überdies recht anschaulich, wie jene angewendet wurden. Frauen mußten auf glühenden Kohlen stehen, ihre Körper wurden auf Bänken gereckt, bis die Knochen auseinanderrissen, sie wurden an den Händen aufgehängt, an den Füßen Centnerlasten befestigt, mit glühenden Eisen gezwickt und gestochen, aufs Rad geflochten und anderes mehr.

Georg schauderte es, wenn er daran dachte, daß ihm Aehnliches bevorstand. Aber dennoch, sie mochten ihn schinden, plagen und quälen, er nahm sich fest vor, sich lieber die Zunge abzubeißen, ehe er ein ihm anvertrautes Geheimnis verriet.

Er hätte sich deshalb ja vor sich selbst schämen müssen, daran gar nicht zu denken, daß er sich auf dem ›Blitz‹ jemals wieder hätte sehen lassen dürfen.

Unterdes vergingen noch einige Stunden, ehe der Tag anbrach, und Georg hoffte, daß bis dahin seine Kameraden alles aufbieten würden, seinen Aufenthalt zu erfahren.

Der Morgen kam, und Georg saß noch immer im Stock. Er wußte nicht mehr, ob er noch Arme und Beine habe. Jede Empfindung war aus denselben verschwunden.

Gegen Mittag öffnete sich die Thür, und der Indier trat ein. Mit finsteren Blicken blieb er vor dem Gefangenen stehen.

»Hat sich nun Euer hitziges Blut beruhigt?« fragte er, ohne zu verraten, daß er noch an die gestern empfangenen Fußtritte dachte.

Georg wunderte sich darüber. Er hatte geglaubt, der Indier würde seine Wut an ihm auslassen, aber wunderbarerweise war derselbe vollkommen ruhig. Er schloß daraus, daß es dem Indier lieber war, wenn er erst die Fragen beantwortet bekäme, als wenn er den Gefangenen wieder reizen müßte. Aber daß er später noch seine Rache befriedigen würde, davon war Georg vollkommen überzeugt.

»Seid Ihr nun geneigt, mir zu antworten? Es ist noch dasselbe: entweder Ihr antwortet und seid frei, oder Ihr werdet gefoltert, und wenn Ihr dabei sterben müßt.«

Der Gefangene lachte höhnisch auf.

»Macht das einem anderen weiß, daß Ihr mich laufen lassen werdet,« entgegnete er.

»Euer Wort gilt mir ebensoviel, wie das Bellen eines Hundes. Nein, nein und abermals nein. Ihr sollt nichts erfahren.«

»Verfluchter Faringi,« schrie der Indier, der seine Wut nicht mehr bezähmen konnte, »Dein Trotz soll bald gebrochen werden. In einer Viertelstunde wirst Du Dein Wehgeschrei vergebens zu Deinem Gott aussenden.«

Er trat Georg mit den Füßen.

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und im Rahmen derselben erschien ein eingeborener Diener, der seinem Herrn auf Indisch etwas sagte. Dieser stellte mehrere Fragen und ging dann hinaus, sich vorher noch einmal umwendend.

»Mache Dich bereit,« sagte er, »noch heute wird Dir Deine Zunge geschmeidig gemacht werden.«

Hinter ihm fiel die Thür in's Schloß, und Georg hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde.

Er war wieder allein und beschäftigte sich mit traurigen Gedanken. Jedenfalls hatte der Indier von dem Diener eine Mitteilung erhalten, welche ihn abrief, also war die Folter nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Manchmal eilte jemand an der Gefängnisthür vorüber, und jedesmal glaubte Georg, der Unbekannte würde seinen Lauf hemmen, den Schlüssel in's Schloß stecken, und zu ihm kommen, um ihn nach der Folterkammer zu führen, aber immer ging der Betreffende vorbei. Es waren Stunden der entsetzlichsten Qualen.

Der Tag verging; die Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen durch das kleine, starkvergitterte Fenster in den Kellerraum, und Georg hockte noch immer mit gekrümmtem Rücken da. Er begann jetzt zu hoffen, daß irgendetwas seine Folterung unmöglich gemacht habe, dann aber ward er wieder ängstlich.

Bereits vierundzwanzig Stunden saß er hier, ohne Essen, ohne Wasser; Hunger und Durst begannen sich fühlbar zu machen. Wie aber, wenn er vergessen würde? Wenn der Indier abgerufen ward und nicht mehr an sein Opfer dachte?

Entsetzlich! Schon jetzt versuchte Georg, ob er mit den Zähnen den Arm erreichen könnte, um sein eigenes Blut zu trinken, er machte den Versuch erst nur aus Scherz, aber das Blut gerann ihm in den Adern; die Haare sträubten sich, wenn er sich die Qualen der nächsten Tage ausmalte.

Die Nacht brach an, und Georg saß im Block und wartete. Es waren Menschen im Haus, er hörte Schritte über dem Kellergewölbe, aber zu ihm kam niemand.

Der Gefangene schien vergessen.

Mehr noch als der Hunger, fing der Durst an, ihn zu quälen. Es war den ganzen Tag schwül gewesen, es war heiß in dem Keller. Die Kehle war ihm vertrocknet, der junge Mann war dem Verzweifeln nahe.

Er schrie, so laut er konnte: Wasser! Es war das Einzige, was er jetzt herbeisehnte; mochten sie ihn dann foltern, aber nur erst eine Linderung!

Seine Kehle wurde durch das Schreien nur noch trockener, er gab es als nutzlos auf, denn die Menschen, die bereit waren, jemanden bis aufs Blut zu quälen, hätten ihn auch verdursten sehen können.

Stunde auf Stunde verrann, vollständige Dunkelheit umgab Georg, sein Mut war gebrochen. Stumpfsinnig saß er da und stierte vor sich hin. Wasser, das war sein einziger Gedanke. Er bekam schon Halluzinationen; er glaubte sich an einer Quelle, er hörte sie rauschen; er trank und trank, und sein Durst wurde doch nicht gelöscht.

Ein lauter Schritt weckte ihn einmal aus seinem Brüten.

»Wasser!« murmelte der Unglückliche mit brennenden Lippen. »O Gott, erbarme Dich meiner, sende Deinen Engel!«

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er konnte zwar niemanden sehen, aber er erschrak nicht. Er hörte nur das eine Wort:

»Trinke!«

In langen Zügen sog der Unglückliche aus der vorgehaltenen Flasche das erquickende Naß, bis sie keinen Tropfen mehr enthielt.

»In dem Wasser war ein Viertelliter Wisky,« flüsterte eine Stimme vor ihm, »das Geld dafür giebst Du mir ein ander Mal wieder, vergiß es aber nicht! Jetzt mach', daß du aus dem Block kommst!«

»Sharp,« rief Georg; er hatte ihn weder gesehen, noch an seiner Stimme erkannt, aber die Sprechweise verriet ihm den Namen des Helfers.

»Schrei nicht so! Wie lange bist Du schon hier?«

»Ich weiß nicht; ich glaube zwei Tage,« flüsterte Georg zurück.

»Ein bißchen lange.«

Georg hörte, wie der Detektiv – denn der war es wirklich – am Schloß des Stockes hantierte. Dann wurde der doppelte Balken anseinander genommen, und Georg war frei.

Wie ein Stück Holz rollte er zur Seite.

»Jetzt mach', daß deine Knochen beweglich werden, während ich das Fenstergitter durchsäge.«

Kaum vernahm Georg das Geräusch, welche die haarscharfe Säge verursachte, so geschickt wußte der Detektiv damit umzugehen.

»Wie kommen Sie hier herein?« fragte er leise, während er, noch immer am Boden liegend, Arme und Beine bewegte.

»Immer durch die Thür.«

»Ich habe Sie aber nicht gehört.«

»Entschuldige nur, daß ich nicht vorher angeklopft habe. Bist du bald im stande, gehen zu können? Ich habe nur noch zwei Stäbe zu durchfeilen.«

»Gleich.«

Georg war überglücklich. Er war, den Kapitän und die beiden Steuerleute ausgenommen, der Einzige von der Besatzung des ›Blitz‹, der Sharps eigentlichen Beruf kannte; die anderen hielten denselben für einen Freund des Kapitäns, der die Reisen mitmachte, oft tagelang sich in seiner Kabine einschloß und dann wieder für Wochen wegblieb. Aber mit Georg hatte er Freundschaft geschlossen und verkehrte viel mit ihm, weil er manchmal dessen Aussehen annahm.

Dieser fühlte sich in der Nähe des Detektiven so sicher, als wäre er in seiner Koje an Bord des ›Blitz‹. Von diesem Manne, der über alles in scherzhaftem und wegwerfenden Tone sprach, ging eine Sicherheit und Ruhe aus, die selbst gebildeten Personen imponierte, geschweige denn Georg, dem einfachen Matrosen, der den Detektiven wie einen Gott verehrte.

»Fertig?« fragte derselbe.

»Es geht.«

»So ziehe schnell deine Sachen aus, ich habe das schon gethan.«

»Wozu denn?« fragte Georg verwundert.

»Frage nicht lange, sondern beeile Dich! Ich werde dir schon alles erzählen.«

Georg gehorchte, und der Detektiv, der im Dunklen ebensogut wie am Tage zu sehen schien, tauschte seine Kleider mit ihm.

»So,« sagte Sharp, nachdem er selbst die Sachen Georgs angezogen hatte, »weißt du, wohin du gehen mußt?«

»Nein.«

Der Detektiv beschrieb ganz genau den Weg, den Georg einzuschlagen hatte, um nach dem Hafen zu kommen. »Der ›Blitz‹ ist nicht mehr da, weiß nicht, wo er sich herumtreibt, aber dafür liegt der ›Amor‹ auf der Rhede, und auf den gehst du vorläufig. Die Herren werden dein Verschwinden schon erfahren haben, denn Hoffmann hat einen Brief für sie hinterlassen, und jedenfalls werden sie nach dir suchen, natürlich vergeblich, kalkuliere ich.«

»Und Sie?« fragte Georg.

»Ich setze mich als Georg in den Stock.«

»Sie werden gefoltert werden.«

»Werde wohl nicht stille halten.«

»Aber wozu wollen Sie denn nur hier bleiben?« fragte Georg wieder, der das Benehmen des Detektiven oft nicht begreifen konnte, und jetzt am allerwenigsten.

»Will mich einmal etwas mit dem Indier unterhalten, der sich so für dich interessiert,« entgegnete Sharp. »Was habt ihr bis jetzt miteinander verhandelt?«

Georg teilte ihm so kurz wie möglich das Geschehene mit.

»So, jetzt kriech' leise durch das Fenster und komme gut an Bord,« sagte Sharp.

»Soll ich Ihnen nicht erst helfen, in den Stock zu kriechen?« fragte Georg.

»Glaube gar! Das mache ich allein.«

»Aber Sie können dann nicht zuschließen.«

»Ich schließe eben erst zu und stecke dann die Hände und Füße durch,« lachte der Detektiv, »die gehen durch alles, was Hand- oder Fußgelenk auch noch so knapp umspannt.«

»Dann viel Vergnügen, und geben Sie es dem Schurken ordentlich, er hat es verdient!«

»Well, Georg, wird besorgt! Gute Nacht, mein Junge!«

Georg kroch durch das Fenster und war bald in der Finsternis verschwunden.

Als sein leiser Schritt selbst dem scharfen Ohr des Detektiven nicht mehr vernehmbar war, setzte derselbe vorsichtig seine Pfeife in Brand und rauchte Stunde um Stunde, bis der Morgen zu dämmern begann.

Da setzte er die zersägten Stäbe wieder derart ein, daß von dem Zerstörungswerk nichts mehr zu sehen war, und schloß mit einem Draht den Stock. Dann entledigte er sich seiner Schuhe, schob die Füße ohne Anstrengung durch die engen Löcher und zog die Schuhe wieder an. Bevor er die Hände in die Öffnung schob, biß er sich ein Stück Kautabak ab, um bei diesem langweiligen Warten wenigstens eine angenehme Unterhaltung zu haben.

Wer von dem vollzogenen Tausch nichts wußte, hätte schwören können, immer noch Georg vor sich zu haben, denn der Detektiv hatte ganz das Aussehen desselben angenommen.

Sharp mußte lange warten, ehe das Leben in dem Hause erwachte, dann aber kam es auch mit einem Male. Schritte eilten hin und her, überall erscholl Pochen und Lärmen. Stimmen schrieen so laut, daß man sie selbst im Keller hören konnte.

»Was mag das sein?« dachte Sharp. »Das klingt ja sonderbar, gerade wie ein Überfall.«

Er sollte nicht lange im Zweifel sein.

Jetzt näherten sich seiner Zelle hastige Schritte – der Detektiv zog ein klägliches Gesicht – die Thür wurde aufgeschlossen, aufgerissen, und herein traten – Lord Harrlington, Williams und noch mehrere Herren vom ›Amor‹.

»Sind Sie die Ordonnanz vom ›Blitz‹?« rief Harrlington. »Freuen Sie sich, Mann, Sie sind frei!«

Der Detektiv war anfangs starr, aber im nächsten Augenblick war die Reihe des Erstaunens an den Herren.

Plötzlich zog der Gefangene die Hände und Füße aus dem Stock, sprang auf und schrie mit donnernder Stimme:

»Nun schlage aber doch Gott den Teufel tot! Jetzt sitze ich hier die ganze Nacht im Stock, damit Sie mich befreien können! Stecken Sie doch Ihre Nase in Ihre stinkigen Theerfässer und nicht in meine Angelegenheiten. Adjös, meine Herren, mich sehen Sie nicht wieder.«

Schmetternd fiel die Thür hinter ihm ins Schloß.

Die Herren fanden lange keine Worte, sprachlos schauten sie sich an. Dann griff sich Williams langsam an die Stirn und sagte:

»Ich glaube, ich bin ein großer Esel gewesen, kann aber nichts dafür. Kommen Sie mit, vielleicht finden wir den Beweis dieser Behauptung schon auf dem ›Amor‹, und Sie stimmen mir dann bei.«

Sie gingen an den Hafen zurück.

Kapitän Hoffmann hatte allerdings für die Engländer einen Brief hinterlassen, worin er ihnen mitteilte, daß er sofort in See gehen müsse und daß seine Ordonnanz, Georg, verschwunden sei. Vielleicht würden die Herren bis zu seiner Rückkehr nach Bombay sich bemühen, nach dem Verschwundenen zu forschen.

Hoffmann selbst hatte keine Ahnung, daß Nick Sharp auch nach Bombay gefahren war, er glaubte, derselbe wollte sich an der Seite von Ellen halten. Der Detektiv aber kam auf den Einfall, sich nach Bombay zu begeben, weil natürlich, wie er gleich schloß, die Entführung der ›Vesta‹ und der Mädchen wieder vom ›Meister‹ ausging, dem er nachspürte. Ehe er Ellen verließ, mußte er jedoch für sich einen Ersatz haben, und da er in jeder Stadt seine Helfer hatte, so ließ er in Madras einen solchen als Matrosen auf die ›Medusa‹ anmustern. Als er sah, daß der betreffende Mann wirklich an Bord kam, verließ er das Schiff wieder, eben in der letzten Minute, und reiste mit dem nächsten Zuge nach Bombay.

Es war ihm bald gelungen, sich über alles Vorgefallene zu orientieren, er erfuhr die seltsamen Umstände, unter welchen die Gefangennahme Georgs vor sich gegangen, befreite diesen und nahm dessen Stelle ein, um, wie er sagte, mit dem Indier näher bekannt zu werden.

Aber auch Lord Harrlington war es geglückt, den Aufenthaltsort Georgs zu erfahren. Ein Diener des Indiers hatte gehört, daß der Lord eine hohe Summe demjenigen zusagte, der ihm etwas über den Verschwundenen mitteilte, daher war der Eingeborene einfach seinem Herrn weggelaufen und hatte alles verraten.

Ohne zu ahnen, weshalb Georg eigentlich gefangen gehalten wurde, eilten Harrlington und etwa zehn Herren sofort nach dem bezeichneten Haus, nahmen unterwegs noch Polizei mit, fanden aber den Indier selbst nicht mehr vor – er hatte von dem Verrat erfahren und war, ebenso wie seine Diener, welche sich schuldig fühlten, bei Zeiten geflohen. Einige der Eingeborenen sagten aus, sie hätten wohl gemerkt, daß ihr Herr jemanden im Keller festhielt, aber sie wüßten nicht wen und dürften sich überhaupt nicht um das Thun und Treiben ihres Herrn kümmern.

In dem bezeichneten Kellerraum fand man denn auch Georg, der sich so heftig über seine Befreiung beschwerte.

Als die Engländer auf dem ›Amor‹ anlangten, fanden sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen Georg schon vor, diesmal den echten, der zwar die Sache aufklären wollte, so weit er durfte, aber vor Lachen nicht sprechen konnte.

Endlich erfuhren Harrlington und Williams, beide mit Sharps Wesen vertraut, den ganzen Sachverhalt, und Georg sagte betreffs seiner Gefangennahme nur noch, daß der Indier etwas Wissenswertes über den ›Blitz‹ habe hören wollen.

Von dem Detektiven vernahm man seitdem nichts wieder.

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