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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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29.

Yamyhlas Rache

Der ›Blitz‹ lag im Hafen von Bombay zwischen der ›Vesta‹ und dem ›Amor‹.

Wie damals in Alexandrien hatten Ellen, wie auch Harrlington ihre Schiffe unter Aufsicht des Deutschen Ingenieurs zurückgelassen; da dieser aber mit vierzig von seinen Leuten selbst der Gesellschaft gefolgt war, um sie bei ihrer Expedition nach Indien zu begleiten, so hatte er seinen ersten Steuermann damit beauftragt, mit dem Rest der Mannschaft über die Schiffe, und besonders aber die zurückgebliebenen fünfzehn befreiten Mädchen zu wachen.

Jetzt stand der Steuermann, ein kleiner, untersetzter Mann mit intelligentem Gesicht, welches den Deutschen verriet, an Deck des ›Blitz‹ und verhandelte mit einem fremden Seemann. Ersterer schien in großer Verlegenheit zu sein; denn er drehte unaufhörlich seinen Schnurrbart, schob nervös den Kautabak von einer Backe zur anderen und schritt dann wieder einige Male auf und ab.

»Es ist so, wie ich Euch sage,« fing endlich der fremde Seemann wieder an, der den Steuermann spöttisch lächelnd betrachtete, »ich kann mir Euer Mißtrauen nicht erkären. Wenn es ein Telegramm wäre, so wäre Grund dazu vorhanden, aber ein Brief mit ihrer eigenen Unterschrift, müßte doch Euer Bedenken beseitigen.«

»Aber warum giebt mir mein Kapitän nicht den Bescheid, daß ich die ›Vesta‹ mit Euch segeln lassen soll? Offen gestanden, ich mißtraue Euch.«

»Hahaha,« lachte der andere. »Seid Ihr ein Hasenfuß! Ganz einfach, der Kapitän Hoffmamn ist nicht bei der Miß Petersen; wer weiß, wo er gerade steckt, und das Mädel bekam mit einem Male den Einfall, ihr Schiff nach Madras kommen zu lassen und sich von dort einzuschiffen. Wie gesagt, ich und meine Mannschaft haben gerade nichts zu thun, weil unser Schiff stark leckt und im Dock liegt. So kam nun Kapitänin Petersen zu mir, weil sie mir, dem Kapitän Green von der ›Eleanor‹ am meisten traute, und hieß mich mit meiner ganzen Mannschaft nach Bombay reisen, um die ›Vesta‹ nach Madras zu bringen. Ebenso wie Ihr, hat auch der Hafenbeamte den Befehl bekommen, die ›Vesta‹ unter meinem Kommando auslaufen zu lassen. Was giebt's da noch für Bedenken?«

Adam Nagel, der erste Steuermann des >Blitz< holte einen Brief aus der Brusttasche, der vom vielen Auseinander und Zusammenfalten schon ganz zerknittert war.

»Ja, es stimmt,« sagte er, nachdem er ihn wenigstens zum hundertsten Male gelesen hatte, »hier sagt Miß Petersen, die ›Vesta‹ soll unter dem Kommando von Kapitän Green und mit dessen Mannschaft nach Madras segeln, und Eure Papiere beweisen, daß Ihr wirklich der Kapitän Green von der ›Eleanor‹ seid. Auch schreibt sie, daß die Hafenbeamten davon benachrichtigt sind. Der Poststempel ist Madras, ihre Unterschrift kenne ich und sie ist die richtige, ich habe, weiß Gott, keinen Grund, Euch zu mißtrauen.«

»Dann begebe ich mich an Bord der ›Vesta‹, meine Matrosen liegen am Quai, und ich steche sofort in die See. In zwei Stunden haben wir Flut.«

»Stimmt,« entgegnete der Steuermann, »und ich sage Euch, in zwei Stunden sollt Ihr an Bord gehen dürfen, aber nicht eine Minute früher. Bis dahin werde ich von meinem Kapitän per Telegraph eine Antwort erlangen; ich weiß sein Hotel.«

»Thut das,« entgegnete Kapitän Green, stieg in sein Boot und ließ sich ans Land rudern, um Vorbereitungen für seine Abreise treffen zu können.

Adam Nagel schrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier.

»Georg,« rief er dann durch eine Luke ins Zwischendeck hinab. »Schnell auf die nächste Poststation und dieses Telegramm abgeben, halte Dich aber nicht so lange wie gewöhnlich auf.«

Damit händigte er der Ordonnanz das Papier ein.

»Well, Steuermann,« sagte Georg, als er über die Bordwand ins Boot stieg, »hin komme ich schnell, rückwärts aber desto langsamer.«

Der Steuermann schritt unruhig an Deck auf und ab und kaute an den Fingernägeln; es kam ihm zu sonderbar vor, daß ein fremder Kapitän mit der ›Vesta‹ nach Madras segeln sollte; ebensogut hätten diese Uebersiedelung doch einige Leute vom ›Blitz‹ besorgen können; denn nur zwölf Leute waren zu dieser kleinen Reise nötig, und so hätte er immer noch zehn Matrosen an Bord behalten.

Aber Adam Nagel gab etwas auf das Aeußere von Personen, und dieser Kapitän hatte mit seinem kühnen, treuherzigen Gesicht einen guten Eindruck auf ihn gemacht, nur daß er die Haare über die Stirn bis in die Augen gekämmt hatte, gefiel ihm nicht.

Uebrigens mußte ja bald ein Postbote mit der Antwort Kapitän Hoffmanns kommen, wenn nicht, so traf ihn trotzdem keine Schuld – es ging alles vorschriftsmäßig. Ehe noch der neugierige Georg, der sich immer, wenn er seinen Auftrag erledigt hatte, gern in der Stadt herumtrieb, an Bord zurückgekommen war, durchschnitt ein Postboot mit zwölf eingeborenen Ruderern wie ein Pfeil die Wellen und legte zur Seite des ›Blitz‹ bei.

Hinter ihm folgte langsamer das des fremden Kapitäns.

»Steuermann Adam Nagel, Vollschiff ›Blitz‹«,« rief unten der Postbeamte.

»Hier,« antwortete der Gerufene und nahm das Telegramm ab.

»Das ging ja ungeheuer fix, aber unmöglich ist es nicht, alles Schlag auf Schlag.« Er öffnete es und las.

»Die ›Vesta‹ segelt unter Kapitän Green nach Madras. F. Hoffmann.«

»Die Sache ist in Richtigkeit,« sagte er zu dem nun an Bord kommenden fremden Seemann. »Ihr könnt an Bord der ›Vesta‹ gehen und die Anker lichten.«

»Sagte ich es nicht? Lebt wohl! In einer Stunde stechen wir in See.«

Green begab sich wieder an's Land zurück, und Adam Nagel sah, wie er bald darauf mit fünfzehn Matrosen vom Lande abstieß und sich auf das Damenschiff begab. Die fremden Seeleute, anscheinend verschiedenen Nationen angehörend, trafen Vorbereitungen zur Abreise, ordneten die Takelage, schmierten die Ankerrollen, und eine Stunde später verließ die ›Vesta‹ den Hafen von Bombay, den Lootsen an Bord.

Der nachblickende Steuermann sah noch, wie das Vollschiff unsicher hin- und herkreuzte, bis es das offene Fahrwasser erreichte, der Wind legte sich in die Segel, und bald war die weiße Leinwand seinen Augen entschwunden.

»Georg!« rief wieder der Steuermann.

»Georg ist noch nicht wieder zurück,« autwortete ihm der Bootsmann.

»Was,« schrie Nagel, »nach zwei Stunden noch nicht wieder an Bord? Der Bursche übertreibt die Sache denn doch etwas, ich werde es einmal dem Kapitän erzählen!«

Er schritt mit auf den Rücken gelegten Händen an Deck hin und her, manchmal nach der Uhr sehend. Seine Züge nahmen einen immer besorgteren Ausdruck an, wenn er auf die Frage nach Georg eine verneinende Antwort erhielt.

»Rätselhaft,« brummte er vor sich hin, »Georg ist zwar ein Bursche, der sich gern alles ansieht, aber er braucht zu seinen Wegen nicht länger Zeit als ein anderer, weil er auf dem Hinwege rennt und erst auf dem Rückwege gemütlich schlendert. Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Weiß der Teufel, ich bekomme einen Verdacht gegen den Kapitän Green nicht aus dem Hirnkasten. Werde einmal selbst an Land gehen und nach Georg forschen.«

Er ließ sich an Land rudern, nahm einen Wagen und fuhr nach der nächsten Poststation. Ein Telegramm jenes Inhalts, wie der Steuermann angab, war hier nicht aufgegeben worden — Nagels Gesicht zog sich in die Länge. Er wollte wieder gehen, doch er drehte wieder um und füllte ein Telegrammformular aus.

»Kapitän Felix Hoffmann, Madras, Hotel France. Die ›Vesta‹ ist unter Kapitän Green nach Madras abgesegelt. Richtig? A. Nagel.«

Dann gab er die Weisung, daß die Antwort hier liegen bleiben sollte, bis er sich selbst das Telegramm abholen würde, und fnhr nach dem Haupttelegraphenamt.

Fast eine Stunde verging, ehe der Steuermann den ihn niederschmetternden Bescheid erhielt, daß in ganz Bombay kein Telegramm mit angegebenem Inhalte aufgegeben worden sei.

Wie ein Verzweifelter langte er auf der ersten Station wieder an, wo bereits eine Antwort seiner wartete, und das Papier zitterte in seinen Händen, als er las:

»Kreuzt die ›Vesta‹ noch vor dem Hafen, bringt sie zurück, ist sie außer Sicht, macht den ›Blitz‹ seebereit Komme sofort. Felix Hoffmann.«

»Meine Ahnung,« stöhnte der Steuermann und stürzte nach dem Wagen.

Der zum ersten Male so Hintergangene dachte vorläufig gar nicht an den verschwundenen Georg; er trieb den Kutscher zur höchsten Eile an. Ehe er sich über die Bordwand schwang, erfuhr er schon, daß Georg noch immer nicht zurück sei; aber das galt ihm jetzt gleich, erst mußte er den Auftrag des Kapitäns erfüllen.

Hell schrillten die Töne seiner Pfeife durch das Schiff, wiederholt vom Bootsmann, und im Inneren des stählernen Baues begann ein Laufen und Arbeiten, daß die Masten bis in die Spitzen erzitterten.

»Wie verhalten sich die Weiber?« fragte an Bord der ›Vesta‹ Kapitän Green einen vierschrötigen Kerl mit einer Galgenphysiognomie, der sich neben ihm über Bord lehnte und dem Spiel des Kielwassers zusah.

»Sie glauben mir alles, nur die eine Schwarze ist mißtrauisch,« antwortete er, »die scheint überhaupt ein Teufelsweib zu sein. Augen hat sie im Kopfe, wie glühende Kohlen, und merkwürdig, ich bin doch ein guter Schläger, aber mit der möchte ich nicht boxen, ich glaube, die kann einem die Knochen im Leibe zerschlagen.«

Der Kapitän lächelte.

»Hat jedenfalls auf einer Plantage schwere Arbeiten verrichten müssen.«

»Fesselt sie lieber, Kapitän, ich traue ihr nicht. Viel ausrichten kann sie nicht, aber die ist so eine, die über Bord springt und dabei jemanden zur Gesellschaft mitnimmt.«

»Unsinn, Jack. Wir wollen lieber möglichst harmlos die Sache erledigen. Sind sie erst an Bord der ›Seenixe‹ dann kann uns gleichgiltig sein, was weiter mit ihnen geschieht.«

»Der Demetri hat immer wundervolle Namen für sein Schiff, erst ›Undine‹ und nun wieder ›Seenixe‹. Möchte wissen, welchen Namen er dann ausfindig macht. Wann will er Euch die Ladung abnehme?«

»Weiß nicht, Jack,« antwortete der Kapitän zerstreut, denn er hatte die Takelage gemustert und gab jetzt ein Kommando, an dessen Ausführung sich alle Matrosen beteiligten, ausgenommen, der mit Jack Angeredete, der ruhig neben dem Kapitän stehen blieb.

Als die Segel in Ordnung waren, sagte Green:

»Demetri kreuzt in diesen Breiten, wir können ihn jede Stunde treffen.«

»Was habt ihr für einen Vertrag mit ihm abgeschlossen?« fragte Jack, der mit dem Kapitän auf sehr vertraulichem Fuße zu stehen schien.

»Ich behalte die ›Vesta‹, und er bekommt die Mädchen, ein sehr gutes Geschäft für mich. Ich hätte mich ja eigentlich nicht in seine Angelegenheiten mischen dürfen, da aber die Sache geglückt ist, so schadet es nichts. Demetri wird glücklich sein, wenn er seine Ladung hat; besser ist es, es fehlen nur drei Sklavinnen, als wenn sie alle weg wären. Den Schlag würde er nicht aushalten können; der Meister hat dafür gesorgt.«

»Der Tausch ist nicht schlecht,« meinte Jack. »Habt Ihr die Einrichtung der ›Vesta‹ schon genauer angesehen? Sie ist pompös!«

»Wertloser Plunder!« sagte der andere geringschätzend. »Das Schiff ist mir die Hauptsache. Als mein voriges wrack wurde, hätte ich nicht gedacht, daß ich hier ein solches bekommen würde.«

Beide schwiegen einige Zeit.

»Die Geschäfte gehen jetzt schlecht,« begann wieder der Kapitän.

Jack stieß einen furchtbaren Fluch aus.

»Nichts ist es mehr,« sagte er ingrimmig, »wohin man auch hört, überall wird eiem von Mißerfolgen erzählt. Dem Demetri werden die Sklavinnen abgenommen, und jene verfluchten Weiber, welche es gethan haben, eutziehen sich allen Schlingen des Seewolfs. Wenn der übrigens nicht schnell einen Handstreich ausführt, wird er seine Rolle bald ausgespielt haben. Mein Kollege Bill munkelte davon, daß bereits andere vom Meister auf die Mädchen gehetzt worden wären.«

»Was macht denn dein Kollege? Kocht er noch immer seine schmackhaften Gerichte?« lachte der Kapitän.

Jack fluchte wieder.

»Dem ist ebensowenig wie mir jemals etwas mißglückt, das wißt Ihr auch, Green,« sagte er prahlerisch, »aber wenn wir keine Aufträge bekommen, können wir natürlich nichts machen. Nun fahre ich schon ein Vierteljahr mit Euch herum und habe uoch keine Gelegenheit gehabt, ein Schiff auf den Grund zu senken. Des Meisters Kasse muß gut gefüllt sein, daß er kein Versicherungsgeld braucht.«

»Sagt, Jack, was wird mit dem Burschen gemacht, dem wir das Telegramm abnahmen?«

»Weiß nicht, so ein indischer Großer hat ihn gleich mit Beschlag belegt, will wahrscheinlich von ihm etwas über den ›Blitz‹ erfahren. Seht da,« unterbrach sich der Sprecher, »ein Segel.«

Der Kapitän hatte während des Gesprächs nicht acht auf den Horizont gehabt. Das ankommende Schiff hatte sich soweit genähert, daß man seine Bauart mit den bloßen Augen erkennen konnte.

»Endlich,« rief er, »die ›Seenixe‹!«

»Dann rate ich Euch nochmals, bindet die Schwarze, sie macht Euch sonst Schwierigkeiten, wenn sie die Täuschung bemerkt.«

»Ihr seid ja furchtbar ängstlich!« lachte Green. »Doch ich werde Euren Rat befolgen.«

Er gab einigen Matrosen Befehle, und diese verschwanden im Zwischendeck.

Die Brigg kam schnell näher und lag nach einer halben Stunde längsseit der ›Vesta‹.

Wie erschraken die armen Mädchen, als sie, sich über die durch das Aneinanderstoßen entstandene Erschütterung ängstigend, an das Deck kamen und in das vor Freude strahlende Gesicht des Demetri blickten, der eben über die Bordwand sprang.

»Habe ich Euch wieder, meine Täubchen?« frohlockte er. »Diesmal werde ich Euch besser behüten.«

Ohne sich zu sträuben, begaben sich die Mädchen an Bord des Schiffes, welches sie einst mit solchem Entzücken verlassen hatten. Ihre Hoffnung war dahin.

Yamyhla wurde gebunden hinübergeschafft. Mit fest zusammengepreßten Lippen schritt sie an dem Griechen vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

»Wohin segelt Ihr, Demetri?« fragte Green diesen. »Nach Smyrna, wohin Ihr sie zuerst bringen solltet?«

»Seid Ihr verrückt? Nachdem diese dummen Amerikanerinnen ihre That in der Welt ausposaunt haben? Nein, ich gehe nach einem Schlupfwinkel an der Ostküste Afrikas, in der Nähe von Mogador, und hole mir dort weitere Befehle vom Meister. Und Ihr?«

»Wir segeln westwärts, nach Sumatra zu. Unterwegs müssen wir das Aussehen der ›Vesta‹ ändern. Nehmt Euch in acht, daß die Weiber Euch die Mädchen nicht wieder abjagen!«

Sie sprachen noch einige Zeit zusammen, dann schlug jedes Schiff seinen Kurs ein.

Die Gefühle der Mädchen lassen sich nicht beschreiben, als sie sich wieder in dem niedrigen Zwischendeck befanden, an demselben Platze, wo sie vor einigen Monaten gesessen hatten. Doch über jene Treppe war Ellen zu ihnen gekommen, wie ein Engel, und hatte ihnen die Freiheit verkündet, und nun – alles vorbei. Wie glücklich waren ihre drei Gefährtinnen, welche bereits in die Heimat zurückgebracht worden waren! Ach, wären sie doch damals lieber gleich verkauft worden, als daß sie sich so lange mit Hoffnungen und Zukunftsträumen herumgetragen hätten.

Yamyhla war nicht bei ihnen. Sie war gebunden in eine enge Kabine gesperrt, denn Demetri war jetzt vorsichtig geworden und traute der wildblickenden Negerin nicht mehr.

Der Grieche weidete sich an der Furcht der Mädchen und konnte es nicht unterlassen, dieselben zu verhöhnen. Leider gelang es ihm nicht, sie zu reizen, denn die armen Geschöpfe waren viel zu geängstigt, als daß sie seine beißenden Witze verstanden hätten.

Er versprach sich besseren Erfolg bei Yamyhla und begab sich zu dieser, denn er hatte von Green erfahren, daß sie jetzt ziemlich gut Englisch spräche.

Als er in die Kabine trat, lehnte die Negerin, die Hände auf den Rücken gebunden an der Wand der Koje und hatte den Blick zu Boden geheftet.

»Nun, Schatz,« begann der Grieche, »ist es hier nicht viel schöner, als auf der ›Vesta‹? Hier brauchst du nicht zu arbeiten, sondern bekommst dein Essen umsonst. Was meinst du?«

Die Negerin beachtete ihn nicht.

»Nur nicht so stolz,« lächelte er, »wenn du erst die hundertste Frau eines Türken oder Persers bist, dann ist immer noch Zeit dazu, es zu werden. Was sagst du zu meinem Vorschlag, willst du nicht so lange mein angetrautes Eheweib werden?«

Yamyhla schwieg beharrlich.

»Ihr Negerinnen seid doch sonst nicht so spröde,« fuhr er lachend fort und streckte die Hand aus, um sie am Kinn zu fassen, »Sieh mich doch einmal an, bin ich nicht ein ganz schmucker –«

Er kam nicht weiter.

Wie ein Raubtier sprang die Negerin auf den Griechen zu und grub ihre Zähne in seinen Hals. Der Grieche stürzte rücklings zu Boden und Yamyhla über ihn weg, ohne ihn loszulassen; er versuchte, nach dem Dolch zu greifen, aber das starke Weib lag so fest auf ihm, daß er sich nicht bewegen konnte.

Mit blutunterlaufenen Augen – schon verging ihm der Atem – griff er nach dem Halse des furchtbaren Mädchens und würgte es, aber vergebens, es ließ nicht ab, die Zähne tiefer und tiefer in das Fleisch des Verhaßten zu graben.

Fast schwand ihm die Besinnung, als einige Matrosen, durch den schweren Fall herbeigelockt, die Thür öffneten und ihren Kapitän von der Negerin überfallen sahen. Aber auch ihnen gelang es nicht, denselben den Zähnen der Wütenden zu entreißen, bis ein Schlag mit dem Pistolenkolben auf den Kopf sie bewußtlos machte.

Als Yamyhla wieder zu sich kam, war es Abend. Sie lag an Deck an Händen und Füßen gefesselt, und Demetri stand vor ihr, den Hals mit Tüchern verbunden. Er hatte schon längst auf ihr Erwachen gewartet.

»Das sollst du mir büßen, Kanaille,« schrie er mit vor Wut heiserer Stimme und trat sie mit Füßen. »Hast du endlich ausgeschlafen? Dann ist es Zeit, dich für dein Beißen zu belohnen. Habe ich drei Mädchen schon verloren, so kommt es auf eins mehr auch nicht an. An den Mast mit dir, ich selbst will dir die neunschwänzige Katze zu schmecken geben, bis dir das Fleisch vom Rücken fällt!«

Yamyhla wurde emporgerissen und an einen Mast gebunden, das Gesicht diesem zugewandt, ihr Rücken entblößt, und dann begann Demetri, sein Rachewerk auszuüben.

Pfeifend sausten die langen Lederriemen der Peitsche, auf Schiffen die geschwänzte Katze genannt, durch die Luft, klatschend fielen sie auf den nackten Rücken der Unglücklichen, und jeder der neun Riemen hinterließ stets einen blutigen Streifen.

Nicht eher senkte Demetri den Arm, als bis die Ermüdung ihn dazu zwang, und da glich der Rücken der Schwarzen nur noch einer blutigen Masse. Es war eine Wohlthat für sie, daß ihr schon nach den ersten Hieben die Besinnung geschwunden war.

Atemlos hielt der Grieche inne, er warf die Peitsche weg und ging, selbst von dem Blute der Gepeitschten über und über bespritzt, in seine Kajüte, um durch einige Gläser Wein seine Nerven zu beruhigen,

Einer der Matrosen fühlte in seinem steinernen Herzen wenigstens so viel Erbarmen, daß er die Gemarterte aus ihrer stehenden Lage erlöste, er ließ sie aber mit gebundenen Händen und Füßen liegen, wohin sie fiel. Dann ging auch er in das Zwischendeck, um sich durch Kartenspiel mit seinen Kameraden die Zeit zu vertreiben.

Yamyhla wußte nicht, wie lange sie so gelegen hatte; als sie erwachte, war es finstere Nacht.

Sie wußte erst nicht, was mit ihr vorgegangen war, aber die heftigen Schmerzen riefen ihr nur zu bald alles ins Gedächtnis zurück.

Sie war geschlagen worden, sie, die Anführerin der Dahomeamazonen.

Ein brennender Durst quälte sie, der Schmerz der Wunden peinigte sie, aber das alles vermochte nicht, die Nerven dieses Mädchens zu erschüttern. Es war dies nicht das erste Mal, daß sie einen starken Blutverlust erleiden mußte, sie hatte schon öfter in Schwert- und Lanzenkämpfen mit Negern, mit denen sie fortwährend in Streit lagen, Wunden davongetragen, sie war einst schwach, hungrig und fast verdurstet, Tage und Nächte lang durch Wüsten gelaufen, bis ihr Dolch den Weg zum Herzen des Verräters gefunden, und so dachte sie auch jetzt nicht an ihre Leiden, sondern nur daran, wie sie Rache, die furchtbarste, entsetzlichste Rache üben könnte.

Schon früher, ehe sie von den Vestalinnen befreit wurde, hatte sie sich mit dem Gedanken an Flucht beschäftigt. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen, zu jeder Zeit sich ihren Wächtern zu entziehen, aber sie hatte es stets hinausgeschoben, bis sie auch weiter fortkommen konnte. Sie hatte ja noch sechzehn Monate Zeit. Jetzt aber galt es zu handeln, denn Rache erleidet keinen Aufschub – so war ihr gelehrt worden.

Sie blickte sich um.

Ein Matrose stand am Steuerrad, und ein anderer, welcher auf den etwa wechselnden Mond zu achten hatte, ging an Deck auf und ab – die übrigen lagen im Zwischendeck und schliefen.

Sie lag neben einem Anker. Geräuschlos wandte sie sich so, daß sie mit den Händen die scharfe Kante desselben erreichen konnte, und fing an, daran die Stricke zu reiben. Jedesmal, wenn der Matrose an ihr vorüberkam, stellte sie ihre Arbeit ein und blieb wie tot liegen.

Es dauerte nicht lange, so fielen die Stricke von ihren Händen.

Als der rastlos Wandernde am weitesten von ihr entfernt war, zog sie aus den buschigen Haaren einen kleinen Dolch in einer Lederscheide und zerschnitt vorsichtig die Banden an den Füßen. Sie verfuhr dabei so behutsam und langsam, daß sie zweimal den Matrosen vorüberlassen mußte.

Dieser ging zum dritten Mal an ihr vorbei und hatte eben das Häuschen, in welchem sich die Küche befand, die Kombüse, zwischen sich und dem am Ruder stehenden Matrosen, als sich eine Hand um seinen Hals legte und ihm ein Dolch in den Rücken gestoßen wurde.

Lautlos fiel er, nein, wurde er zu Boden gelegt. Nicht das geringste Geräusch hatte verraten, daß hier eben ein kräftiger Mann seine Seele ausgehaucht hatte.

Der Mann am Ruder stand arglos vor dem Kompaß und beobachtete die unruhig zitternde Magnetnadel. Er bemerkte nicht, wie sich gleich einer Schlange ein dunkler Körper an der Bordwand entlang wand. Kein Geräusch, kein Anstoßen warnte ihn.

Eine halbe Minute später gab auch er seinen Geist auf, von Yamyhlas Dolch getroffen.

Jetzt galt es, schnell zu handeln, denn gleich mußte das Schiff, dessen Ruder nicht mehr gehalten wurde, aus dem Wind drehen. Die Segel schlugen dann klatschend an die Raaen, das Schiff fing stark an zu schwanken, und so konnte leicht die übrige Mannschaft geweckt werden.

Aber schon stand Yamyhla unten im Zwischendeck, wo die Matrosen schliefen, und hatte die Thür abgeschlossen, dann stieg sie wieder nach oben und verschloß auch noch die Luke – die Besatzung war gefangen, es kostete große Anstrengung, ehe sie sich befreien konnte.

Nun schritt Yamyhla nach der Kajüte, leise öffnete sie die Thür, den Dolch in der Hand, trat sie in den Vorraum und dann in das Zimmer des Kapitäns. Er schlief auf dem Sopha.

Sie näherte sich ihm behutsam, den Dolch zum Stiche erhoben, und tastete vorsichtig nach der Tasche, in welcher er den Schlüssel zu jener Luke hatte, durch welche man zu den Mädchen gelangte. Yamyhla fürchtete immer, er könnte aufwachen, denn dann mußte sie ihn töten, und nur ein einziger kleiner Stoß von dem vergifteten Dolch brachte sofort den unfehlbaren Tod.

Es wäre schade gewesen, wenn er jetzt schon aufgewacht wäre.

Als sie den Schlüssel hatte, ging sie zurück, beide Thüren hinter sich zuschmetternd und abschließend.

»Kommt, Ihr seid frei!« flüsterte eine Stimme den Mädchen zu, welche zu träumen glaubten und der Aufforderung nicht Folge leisten wollten.

Sie wurden mit Gewalt an Deck gedrängt.

»Hört Ihr, wie Eure Peiniger gegen die Thür wüten? Schnell dieses Boot ins Wasser gelassen, dort dieses Wasserfaß und diesen Brotsack hineingethan.«

So ordnete Yamyhla an und eilte zu den übrigen Booten, deren Taue sie durchschnitt, so daß sie klatschend ins Wasser fielen.

»Schnell, in das Boot! Besser wir kommen in den Wellen um, als daß wir länger Sklavinnen sind. Ihr könnt doch nicht gegen die Männer kämpfen, und ich bin jetzt zu schwach dazu, um sie alle einzeln zu überwältigen. Schnell, ins Boot!«

Die noch halb schlaftrunkenen Mädchen ließen das Boot ins Wasser und ergriffen auf Geheiß der Negerin die Riemen, während sie sich ans Steuer setzte, sie stießen ab.

Glücklicherweise hatten die Mädchen wahrend ihres Aufenthaltes auf der ›Vesta‹ mehrere Male Gelegenheit gehabt, sich im Rudern zu üben, so daß die Handhabung der Riemen ihnen nicht so viel Schwierigkeiten bereitete.

»Was wird aus den Matrosen?« fragte scheu eines der Mädchen, als sie sich etwa fünfzig Meter von dem Schiff entfernt hatten.

Stumm deutete Yamyhla nach demselben.

Sie blickten sich um und sahen, wie eben in der Mitte des Schiffes ein roter Schein sichtbar ward. Einige Sekunden später schlug eine mächtige Feuersäule zum Himmel empor, das Meer im weiten Umkreis erleuchtend und jeden Gegenstand an Deck deutlich erkennen lassend.

Da stürzten aus der aufgesprengten Luke die Matrosen, sprangen nach den Booten und fuhren entsetzt zurück – dieselben waren weg.

Yamyhla lachte laut auf und winkte mit der Hand, aber die Zurückgebliebenen konnten die Flüchtlinge nicht mehr sehen.

Plötzlich erschütterte ein furchtbarer Knall die Luft, eine Feuergarbe loderte zum Himmel – und Schiff und Mannschaft waren für immer verschwunden.

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