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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
projectida1f0f2df
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27.

Eine Gauklervorstellung.

Schellenbesetzte Tamburins rasselten; dumpfe Trommeltöne erschollen, und gellende Männerstimmen luden ein, der Vorstellung beizuwohnen.

Die Gäste eines Hotels in Madras, welche im Garten den Abend verbrachten, verließen ihre Stühle und strömten einem freien Rasenplatze zu, auf welchem eine Gesellschaft von indischen Gauklern und Schlangenbeschwörern Anstalten traf, sich mit Erlaubnis des Hotelsbesitzers den Gästen zu produzieren.

In der Mitte des Platzes stand ein kleiner, mit Leinwand überzogener Wagen, aus welchem die Gaukler die zu ihren Vorführungen notwendigen Gerätschaften auspackten.

Die Männer waren fast nackt; nur ein Tuch wand sich um ihre Hüften, sodaß die Zuschauer die muskulös gebauten und doch zugleich geschmeidigen Gestalten bewundern konnten. Einige zogen unter der Plane des Wagens Körbe aus Rohrgeflecht, Kästen und allerhand kleine Gegenstände hervor und bauten sie in einem Halbkreis auf, während andere rings am Boden hockten und mit Tamburins und langen, dünnleibigen Trommeln eine sehr unmelodische Musik erzeugten, um durch dieselbe die Aufmerksamkeit der Gäste zu erregen.

Von einer langen Tafel erhoben sich die Herren und Damen, welche sich bis jetzt unter heiteren Gesprächen die Zeit vertrieben hatten, und näherten sich der Gesellschaft der Gaukler.

»Geben Sie acht, Miß Petersen,« sagte ein junger Herr zu einer Dame, »Sie werden einer Zaubervorstellung beiwohnen, wie sie eine solche für alles Gold der Welt weder in Europa, noch in Amerika von einem Professor der Magie vorgeführt bekommen können. Gaukler treiben sich zwar in ganz Indien umher, aber die aus der Gegend von Madras sind die berühmtesten; sie gleichen selbst den Schlangen, welche sie abrichten.

»Wenn dies eine ebensolche Vorstellung wird, wie ich sie schon einmal mit ansah, so werden Sie wunderbare Dinge zu sehen bekommen.«

»Und Sie, Miß Thomson,« bemerkte ein Herr zu einer anderen Dame, »geben Sie acht, daß der Zauberer nicht etwas in seinen Rockärmel verschwinden läßt und es mir dann aus der Nase holt.«

Die Dame lachte laut auf, denn jene braunen Burschen dort waren nicht einmal im Besitze eines Hemdes, in dem sie etwas verbergen konnten.

Bald hatte sich um die Gaukler ein großer Kreis von Zuschauern gebildet; die Musikanten hörten einen Augenblick in der Bearbeitung ihrer greulichen Instrumente auf und begannen dann wieder mit großer Gewalt, bis sie plötzlich mit einem mißtönenden Akkord kurz abbrachen. In die Mitte des Kreises trat ein Mann, der in jeder Hand eine Holzplatte hielt.

Der kleine, wunderbar zierliche und doch muskulöse Indier, der überhaupt während der ganzen Vorstellung den Erklärer machte, setzte in fließendem Englisch auseinander, daß er mit einer Anziehungskraft ausgestattet sei, der zufolge alle hölzernen Gegenstände an ihm haften blieben, wenn er es wolle; den Beweis werde er an diesen beiden Holzplatten liefern.

»Alte Sachen,« meinte Charles, betrachtete aber ebenso wie die anderen eine der Platten. Sie waren ziemlich groß, die eine Seite rauh, die andere aber spiegelglatt und poliert.

Der Indier ließ seine Fußsohlen besichtigen, um zu zeigen, daß er keinen klebrigen Stoff daran habe. Dann legte er die Platten auf den Boden, trat darauf und begann unter den Klängen der Trommeln und Tamburins einen grotesken Tanz, ohne daß sich die Tafeln dabei gehoben hätten, da aber klatschte er in die Hände, und wie durch Zauber blieben die Holzplatten plötzlich an den nackten Füßen hängen.

Er sprang meterhoch, stampfte auf, überschlug sich, nichts konnte ihre Lage verändern. Ja, er ließ sich sogar von seinen Gefährten festhalten und die Zuschauer an den Tafeln ziehen – sie waren wie an die Füße genagelt.

Er ging nach der Mitte des Platzes zurück, hob ein Bein hoch, klatschte in die Hände, und das Holz fiel wieder vom Fuße ab, dann ebenso das andere. Kurz, er konnte nach Belieben die Platten an die Sohlen heften und wieder fallen lassen.

»Wie geht das zu?« fragte Ellen den Lord Harrlington.

»Es ist dies die Produktion, welche jede Vorstelluug einleitet, ebenso wie der Zauberkünstler bei uns zuerst seine Handschuhe verschwinden läßt. Der Indier dort, kann seine Fußballen hohl machen, dadurch wird, wenn er auf den glatten Hölzern steht, ein luftleerer Raum erzeugt, und die Platten bleiben haften.«

Der Gaukler ging nach den Körben, um sich zu seiner nächsten Produktion vorzubereiten, und zwei andere füllten die Zwischenpause mit ihren Leistungen aus.

Auf die Schulter eines Mannes von riesigen Umrissen stellte sich ein kleinerer von schmächtiger Gestalt, und beide begannen ein Spiel mit vierundzwanzig kupfernen Kugeln, welche sie in der Luft allerlei Figuren beschreiben ließen. Dann stellte sich der Oberste auf, den Kopf seines lebendigen Piedestals, dasselbe beugte sich mehr und mehr, während jener nach unten glitt, bis er selbst auf dem Kopfe stand und der Kleine auf jenes Füßen; das alles geschah, ohne das Kugelspiel dabei zu unterbrechen. Ebenso richtete sich der Große wieder auf, und der Kleine stellte sich mit dem Kopfe auf den des Partners, ohne sich dabei mit den Händen festzuhalten, denn diese mußten unausgesetzt die vierundzwanzig Kugeln treiben.

Ein Bravorufen belohnte diese fabelhafte Geschicklichkeit.

Jetzt kam der erste Indier wieder mit einem irdenen Krug, den er von Hand zu Hand wandern ließ, damit sich alle überzeugten, daß es nur ein ganz gewöhnlicher, gebrannter Lehmtopf sei.

Als er ihn zurückbekam, bog er sofort den Kopf zur Seite und goß sich aus demselben Topf, der völlig leer gewesen war, Wasser erst in das eine Ohr, dann in das andere und spie es durch den Mund wieder aus. Er kehrte den Topf um, setzte ihn wieder anf die Erde und murmelte einen Spruch, und siehe da, er konnte abermals einen Wasserschwall ausgießen. Dann schüttete er vor den Augen der Zuschauer aus einem anderen Topf Wasser in den ersteren, nahm diesen auf, stülpte ihn um – aber kein Tropfen floß heraus. Er zerschlug den Topf und ließ die völlig trockenen Scherben herumgehen.

»Können Sie dies erklären?« fragte Ellen.

»Nein,« entgegnete Harrlington, »ich habe es wohl öfters schon gesehen, weiß aber nicht, welcher Handgriffe sich der Gaukler dabei bedient.«

Der Indier ging nach dem Wagen und kam mit einem hohen Korb zurück, hinter sich einen alten, entsetzlich mageren Hund am Stricke ziehend.

Er stülpte den Korb über den Hund, welcher ganz von demselben bedeckt wurde, murmelte einen Spruch, und sofort ertönte das helle Quieken eines Schweines. Als er den Korb emporhob, war an Stelle des Hundes ein Ferkel sichtbar.

Rufe der Verwunderung brachen unter den Zuschauern aus, denen dieses Kunststück neu war. Diejenigen, welche schon längere Zeit in Indien lebten, hatten es wohl bereits gesehen, aber erklären konnte es niemand, denn diese indischen Gaukler verraten ihre Geheimnisse um keinen Preis.

»Passen Sie auf, Miß Thomson,« meinte Charles zu seiner Nachbarin, »das nächste Mal erscheint das Ferkel gebraten.«

Der Indier bedeckte wieder das Ferkel, ein quiekendes Zetergeschrei ward unter dem Korbe hörbar, und als sich derselbe hob, lag das Schweinchen mit durchschnittener Kehle da. Man sah, wie aus dem Halse noch das rauchende Blut floß.

»Ach so,« sagte Charles, »ehe man es bratet, muß es ja erst totgemacht werden.«

»Aber wie kommt das nur?« fragte Miß Thomson ihren Begleiter. »Kann denn dieser Mann wirklich zaubern?«

»Ich weiß es, aber ich sage es Ihnen nicht,« entgegnete Charles, »sonst zaubern Sie mir auch meinen Tabak aus der Tasche.«

Miß Thomson verstand ihn nicht, sie fragte ihn auch nicht weiter, denn schon stülpte der Gaukler abermals den Korb über das tote Ferkel, hob ihn alsbald, und der magere Hund stand wieder lebendig da.

»Meine Herrschaften,« sagte der Inder, »diese bisher gezeigten Kunststücke werden Sie auch von anderen Gauklern gesehen haben, aber nicht das, was ich Ihnen jetzt vorführen werde. Ich, meine Diener, wir alle sind in der glücklichen Lage, keiner Speise mehr zu bedürfen, denn dieser Zauberkorb macht alle Nahrung überflüssig. Wir legen uns einfach darunter, und stehen wir nach einer Minute wieder auf, so ist selbst der hungrigste Magen bis zum Platzen gefüllt mit den leckersten Sachen. Da ich jetzt keinen Hunger habe, werde ich die Zauberkraft des Korbes an diesem Hunde beweisen.«

»Thut ihm auch sehr nötig,« brummte Lord Hastings, der um Haupteslänge unter den Zuschauern hervorragte.

Der Gaukler hob den Korb empor, und ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich der Zusehenden. Der Hund stand noch da, es war unbedingt derselbe, aber er war jetzt rund wie eine Kugel.

»Warum steckt er denn nicht seinen Gaul einmal darunter, dem könnte so eine Kur auch nichts schaden,« meinte Hastings, welcher der einzige war, den dieses Kunststück nicht in Extase versetzte, und wies nach dem klappernden Wagenpferd des Indiers.

»Das geht nicht unter den Korb,« entgegnete Charles, »sonst könnten Sie sich auch 'mal drunter setzen und sich einen Kopf kleiner machen lassen.«

Beim nächsten Ueberdecken schrumpfte der Hund zu seiner ursprünglichen Gestalt zusammen.

Jetzt brachte der vorige starke Hindu einen sargähnlichen Korb und setzte ihn in die Mitte des Kreises. Dann wurde der Mann von seinem Meister an Händen und Füßen gebunden, in ein engmaschiges Netz gewickelt und in den Korb gelegt, der ihn eben aufnehmen konnte. Nachdem der kleine Indier den Deckel geschlossen hatte, erzählte er der Gesellschaft, daß dieser Mann ein großer Verbrecher sei, der unbedingt sterben müsse, nahm einen Säbel und führte einen Hieb nach dem Korbe aus, stach auch noch einige Male tief hinein. Sofort quoll ein roter Strom von Blut hervor.

»Lebet wohl, ich bin unschuldig getötet worden!« rief eine Stimme aus den Lüften.

Unwillkürlich richteten sich aller Augen nach oben. »Seine Seele ist entflohen, nun wollen wir den toten Körper begraben,« sagte der Indier und öffnete den Korbdeckel.

Da aber sprang munter und unversehrt, der Banden ledig, der Mann heraus. Das Netz lag aufgewickelt in einer Ecke des Korbes, ebenso die Stricke.

Wie sich dieser große Mensch, der gerade in den Behälter hineinging, nicht nur freimachen, sondern auch noch dem Säbelhiebe und den Stichen ausweichen konnte, war allen ein Rätsel.

Charles fühlte sich leise am Arme berührt. Er drehte sich um und schaute in das treuherzige Gesicht von Claus Uhlenhorst, der, ebenso wie Kapitän Hoffmann, sich der Gesellschaft angeschlossen hatte.

»Nun kann ich mir erklären, wie sich unser Fakir zweimal befreit hat,« flüsterte der verkleidete Detektiv, »bei diesen Gauklern gehe ich noch einmal in die Lehre.«

»In etwas sind Sie denselben doch über,« entgegnete Charles ebenso leise.

»In was?«

»Im Stehlen.«

»Hoho,« lachte der Detektive, »ich kann auch noch verschiedenes andere, was mir niemand nachmacht.«

»Köpfe abschneiden und wieder anleimen.«

»Seien Sie stille, sonst schneide ich den Ihren ab und setze ihn nicht wieder drauf.«

Er entfernte sich und mischte sich unter die Zuschauer, welche die Gegenstände des Zauberers untersuchten.

»Wann fängt denn nun die Schlangenbeschwörung an?« fragte Ellen. »Die Sonne will schon untergehen.«

»Diese Vorstellung wird stets bis zuletzt aufgehoben,« erklärte Harrlington, »die Schlangen werden erst dazu vorbereitet.«

»Wie das?«

»Diese Gaukler verwenden bei den Schlangentänzen die Brillenschlange, das giftigste Reptil Indiens. Um nun doch einmal sicher zu gehen, reizen sie vor der Vorstellung die Tiere heftig, bis diese vor Wut zu wiederholten Malen in einen vorgehaltenen Lappen beißen, und so erst das Gift ausspritzen.«

»Ich glaubte, man bräche ihnen überhaupt die Giftzähne aus.«

»Nur denen, welche bei Kunststücken angegriffen werden. Aber geschickte Gaukler, wie dieser einer zu sein scheint, unterlassen auch dies und lassen die Schlangen, welche tanzen sollen, nur einmal vorher in ein Tuch beißen. Je wagehalsiger er mit den giftigen Tieren umgeht, desto größer ist der Ruhm des Schlangenbändigers, und darnach strebt er, wie jeder andere Mensch.«

»Ein gefährliches Handwerk,« meinte Ellen.

Der Gaukler gab noch einige seiner Kunststücke zum besten: er ließ aus einer enghalsigen Steinflasche, in der kaum ein Huhn Platz hatte, zwölf Tauben herausfliegen, warf drei Kugeln in die Luft, welche spurlos verschwanden und erst auf Kommando auf einen bestimmten Ort des Platzes niedergesaust kamen, u.s.w. alles Sachen, wie man sie in den Häfen Vorderindiens täglich ausgeführt sehen kann.

Welche wunderbare Geschicklichkeit der indische Jongleur im Balancieren besitzt, mag nur ein Beispiel zeigen. Er setzt eine lange Leiter senkrecht auf den Boden, ohne sie irgendwo zu stützen, klettert hinauf, stellt sich auf die oberste Sprosse und beginnt ein Kugelspiel, wobei er also außer sich selbst noch die Leiter im Gleichgewicht zu erhalten hat.

Ein Kunststück erregte bei den Zuschauern sowohl Bewunderung, wie Grausen. Der größte Hindu nahm eine Bambusstange, an deren vorderem Ende ein sehr schweres, spitzes Stahlstück mit Widerhaken lose aufgesetzt war, und schleuderte diese Lanze mit riesiger Kraft in die Luft. Als sie den höchsten Punkt erreicht hatte, drehte sie sich um, die Stahlspitze löste sich ab und sauste mit ungeheurer Schnelligkeit nach unten, während das Bambusrohr langsam nachgeschwirrt kam.

Der Indier verfolgte den Lauf der Lanze, stellte sich einige Schritte weiter nach rechts und senkte sofort, als die Spitze abfiel, den Kopf zu Boden. Im nächsten Augenblick stürzte das Stahlstück herab und riß ihm ein kleines Stück Zeug aus dem Turban. Nur um einen einzigen Zoll sollte er sich geirrt haben, und der Stahl wäre ihm durch den Kopf geschlagen, aber diese Gaukler berechnen die Flugbahn des Geschosses mit einer solchen Kaltblütigkeit und Sicherheit, daß man nie von einem Unglücksfall hört.

Endlich wurden die Vorbereitungen zum Schlangentanz getroffen.

Einige der Leute trugen einen zugedeckten Korb in die Mitte des Kreises und hielten den Deckel zu, während der kleine Indier in kurzen Worten die Gefährlichkeit der Brillenschlange schilderte, und zwar ohne Uebertreibung.

Ein Biß von ihr, sagte er, tötet den Menschen innerhalb einer, den stärksten Ochsen in zwei Minuten, kleinere Tiere in einigen Sekunden, und zwar ist er absolut tödlich; denn selten einmal gelingt es, den Gebissenen, in dessen Blut das Gift bereits übergegangen ist, zu retten.

Allerdings besitzen die Eingeborenen Indiens Mittel, um den Biß der Brillenschlange, wie sie sagen, unschädlich zu machen, hauptsächlich Kräuter; wirken diese aber nicht, so schieben sie die Schuld nicht dem Mittel, sondern bösen Geistern zu, welche die Rettung dieses Menschen nicht haben wollen. Eines der besten derartigen Mittel ist der Schlangenstein, ein poröser Stein, der an die Bißwunde gelegt wird und das noch nicht tief eingedrungene Gift aussaugt und eine Gegenwirkung auf dieses ausübt. Diese Schlangensteine sind aber äußerst selten. Der Besitzer eines solchen hütet ihn wie einen Schatz, und daher werden von den Schlangenbeschwörern andere Steine als echte verkauft, welche sich zwar auch an der Wunde festsaugen, ohne aber eine Vergiftung abzuwenden. Nur der Schlangenbeschwörer selbst kann den echten Schlangenstein von einer Imitation unterscheiden.

Jetzt setzte sich der Indier mit gekreuzten Beinen auf den Boden nieder und begann auf einer Art Dudelsackpfeife eine eintönige, schwermütige Weise zu spielen.

Nach einigen Minuten fing der Deckel des Korbes an, sich zu bewegen, er klappte mehrmals auf und nieder, bis zuletzt der kleine Kopf einer Brillenschlange mit den funkelnden Augen herauslugte. Immer weiter kroch sie heraus, der schildartige Hals wurde sichtbar, dann folgte der ganze Körper, bis sie endlich völlig aus dem Korbe war, und nun, die Augen unverwandt auf den Spielenden gerichtet, die gespaltene Zunge in fortwährend spielender Bewegung haltend, auf den Mann zukroch.

Ihr folgten nach und nach fünf der einen bis einundeinenhalben Meter langen Tiere.

Als sich alle um den Gaukler geschart hatten, begann dieser plötzlich eine raschere Melodie zu spielen und wiegte sich taktmäßig hin und her. Sofort richteten sich die Schlangen hoch empor, bis sie auf den umgebogenen Schwänzen standen, bliesen den Hals bis zur vollen Weite auf und ahmten, den Blick immer starr auf die Augen des Indiers gerichtet, dessen Bewegungen nach, das heißt, sie wiegten sich ebenso hin und her.

Nach einiger Zeit erklang wieder eine klagende Melodie, die Schlangen sanken zusammen; die Dudelsackpfeife gab sonderbar lockende Töne von sich, und die Tiere näherten sich dem Indier, krochen an seinem Körper empor, schlangen sich um seine Arme, um seinen Hals, schmiegten zärtlich den Kopf an die spielende Hand, an das Gesicht und bezüngelten es.

»Ein grauenerregendes Schauspiel,« sagte Miß Thomson.

»Ich bin froh, daß mein Vater mich nicht als Schlangenbändiger hat lernen lassen,« meinte Charles, »ich wäre wahrhaftig aus der Lehre gelaufen. Viel lieber wäre es mir, wenn ...

»Was ist denn das?« unterbrach er sich plötzlich. »Was krabbelt mir denn zwischen den Beinen herum?«

Er bückte sich, um das Ding näher zu betrachten, da stieß die Dame neben ihm einen schwachen Wehruf aus, und Charles schrie vor Entsetzen laut auf – an ihrer Hand hing ein meterlanges Reptil, eine Brillenschlange.

Ein furchtbares Gedränge entstand, die Zuschauer stoben auseinander, der Ruf: »Eine Schlange ist entschlüpft!« jagte sie, wie von Furien gepeitscht, davon, die Indier sprangen nach der Stelle, woher der Schrei kam, und hemmten so die Fliehenden, während der Schlangenbändiger sich erst von den Schlangen freimachen mußte.

Ellen war die erste, welche den Unglücksplatz erreichte.

Da lag ihre Freundin auf dem Rücken, das Gesicht und die Lippen schon blau und die Augen gläsern. Neben ihr kniete Charles und saugte mit aller Kraft an der Wunde, um das Gift zu entfernen, während er noch mit der Hand den Hals der Schlange gepackt hielt, die sich mit krampfhaften Bewegungen um seinen Arm wand.

Ratlos blickte Ellen den herbeieilenden Harrlington an, der im Laufen das Messer aufklappte, aber ehe er noch die Stelle erreichte, sprang schon ein junger Indier hinzu, ergriff die Schlange beim Schwanze und riß sie Charles mit einem Rucke aus der Hand. Sausend flog das Reptil durch die Luft und lag mit zerschmettertem Kopf auf der Erde.

»Es ist zu spät!« schrie Harrlington. »Wo ist der Bändiger?«

Der junge Indier, der eben die Schlange getötet, drängte Charles mit Gewalt von dem Mädchen weg.

»Was willst du thun?« rief Charles außer sich, als er wie ein Kind zur Seite geschoben wurde. Er sprang auf und schien Lust zu haben, den Hindu zu Boden zu schlagen, der ruhig in ein am Gürtel hängendes Täschchen griff.

»Laßt ihn,« sagte aber der Gaukler, der seine Schlangen im Korbe untergebracht hatte und jetzt herzukam, »nur er kann helfen; das Mädchen wird gerettet.«

Der fremde Indier, der nicht zu der Gesellschaft des Gauklers gehörte, nahm einen kleinen Stein aus dem Täschchen und legte ihn an die Wunde der Hand, wo er sofort hängen blieb und sich immer mehr anschloß.

Atemlos harrten die Umstehenden des Ergebnisses.

»Zwei Minuten sind vorbei,« sagte Harrlington leise, »und der Tod ist noch nicht eingetreten.«

Der Indier schüttelte lächelnd das Haupt.

»Die Miß wird nicht sterben,« sagte er mit scharfer Betonung.

Noch war keine Minute verstrichen, als die blaue Farbe im Gesicht einer fahlen Blässe Platz machte; der erst fast gar nicht mehr fühlbare Puls fing wieder an zu schlagen, und die Brust hob und senkte sich wieder gleichmäßig.

Mit einem Male fiel der Stein von selbst ab und wurde von seinem Besitzer aufgehoben und wieder eingesteckt.

»Sie kann selbst nach Hause gehen,« sagte der Indier, »aber mein Stein hätte nicht mehr geholfen, wenn nicht dieser gleich das Gift ausgesaugt hätte.«

Er wies dabei auf Charles.

Während die Herren und Damen das völlige Erwachen des Mädchens aus ihrer Betäubung abwarteten, wendete sich der junge Indier an den Gaukler, der mit zerknirschter Miene zugeschaut hatte.

»War die Schlange eine der deinigen?« fragte er ihn.

»Sie war es,« erwiderte der Gaukler ganz bestürzt.

»Ist sie aus deinem Korbe entwischt?«

»Nein, aus einem Korbe mit Schlangen, die nicht gebraucht wurden.«

»Wer sollte diese beobachten?«

»Der Mann ist geflohen?«

»Wer war es?«

Der Gaukler schwieg, sichtlich verlegen.

»Wer war es, kennst du ihn nicht?«

»Nein, es war ein fremder Hindu,« stammelte der Gaukler endlich.

»Wie?« fuhr der junge Inder auf. »Du hast einen Fremden angenommen? Kennst du meine Befehle nicht? Lieferst du ihn mir bis morgen Mitternacht nicht aus, so trifft dich seine Strafe.«

Er wendete sich kurz ab und ging.

Ellen hatte die Unterhaltung, welche auf indisch geführt worden war, nicht verstanden, aber das befehlende Auftreten des jungen Hindu war ihr aufgefallen. Sie blickte der graziösen Gestalt, die mit elastischen Schritten davonging, so lange nach, bis sie dieselbe aus den Augen verlor.

»Wer war das?« fragte sie den Gaukler, welcher dem noch immer liegenden Mädchen etwas Branntwein einflößte.

»Mukthar heißt er.« antwortete er kurz.

»Mukthar, der Schlangenkönig?« rief Ellen erstaunt.

Der Hindu hielt plötzlich in seiner Beschäftigung inne und blickte überrascht auf.

»Woher kennst du ihn?« fragte er.

»So ist er es wirklich? Schade, daß ich ihn nicht gleich gesprochen habe. Doch nein, besser so,« fügte sie nachdenklich hinzu.

»Er ist nicht der König der Gaukler selbst, sondern nur dessen Sohn,« sagte der Hindu und setzte seine Bemühungen um Miß Thomson fort.

Bald kam ein Wagen, nm das fast wiederhergestellte, aber noch schwache Mädchen, das nicht sprechen konnte, nach dem Hotel zu bringen, wohin Ellen es begleiten wollte.

Ehe sie in den Wagen stieg, drehte sie sich um, gab Charles die Hand und sagte:

»Ich danke Ihnen vorläufig im Namen von Miß Thomson für Ihre Hilfe. Wenn Sie nicht die Geistesgegenwart und Thatkraft gehabt hätten, so würden wir jetzt –«

Sie brach schnell ab und stieg ein.

»Geistesgegenwart? Thatkraft?« wiederholte Charles, als der Wagen davonfuhr. »Lord Hastings, schreiben Sie das auf, und lernen Sie das auswendig, damit Sie mich nicht mehr einen unnützen Menschen nennen! Zum Teufel, Uhlenhorst,« fuhr er den neben ihm stehenden Steuermann an, der seiner Pfeife dicke Dampfwolken entlockte, »Sie rauchen ja einen ganz pestilenzialisch stinkenden Tabak.«

Und Charles mußte sich mehrmals mit dem Tuche über die Augen fahren.

»Meine Herren,« nahm Lord Harrlington das Wort, »Miß Petersen ladet uns zu morgen früh ein, mit den Damen einen Ritt zu Pferd in die Gegend von Madras zu machen,«

»Hm, hm,« brummte Hastings, »wieder so ein Jagdausflug mit Geparden? Zum zweiten Male lasse ich mich nicht gefangen nehmen, auch bade ich mich nicht gern in Kleidern.«

»Es soll nicht weit sein, etwa eine Stunde zu Pferd. Miß Petersen scheint ein Geheimnis daraus zu machen.«

»Na ja,« meinte aber der mißtrauische Hastings, »gerade wie damals. Erst sahen wir zu, wie gejagt wurde, dann jagten wir, und schließlich wurden wir selbst gejagt?«

»Esel!« bemerkte Charles. »Wir schließen uns an und nehmen zur Vorsicht Badehosen mit. Was mag indessen Miß Ellen vorhaben?« wandte er sich fragend an Uhlenhorst.

»Sie schleppt doch immer ein Mädchen mit sich 'rum, das damals Herr Hoffmann zugleich mit Lucille nachbrachte, nicht wahr?« antwortete der Gefragte.

»Ja,« sagte Charles,»und was ist mit diesem?«

»Das soll gewiß abgeladen werden.«

»Ach so, das könnte allerdings sein. Aber ich finde, lieber Uhlenhorst, Sie haben eine wunderbar zarte Ausdrucksweise: rumschleppen und abladen – wirklich sehr schön!«

»Und ich finde, Sir Williams,« entgegnete der Detektiv, »Sie lecken immerwährend mit der Zunge die Lippen ab. Schmeckt das Schlangengift so gut?«

Charles konnte ein leichtes Erröten nicht unterdrücken.

»Na, na, Sie brauchen nicht gleich rot zu werden,« sagte der Detektiv trocken, »ich bin früher auch einmal jung gewesen.«

»Sie,« rief Charles entrüstet. »Wie alt sind Sie denn eigentlich? Fünfundzwanzig Jahre, he?«

»Das auszurechnen ist ein schwieriges Kunststück. Neulich war ich vierzig Jahre alt, dann wieder dreißig, ungefähr fünfunddreißig, das macht allein schon hundertundfünf Jahre.«

»Nun hören Sie aber auf,« unterbrach Charles den Detektiven, der heute gerade recht gut aufgelegt war. »Uebrigens schulden Sie mir noch für den Tabak, den sie mir gestohlen haben,«

»Dafür war doch ein Taschentuch im Beutel.«

»Das war ja mein eigenes.«

»Na, glauben Sie etwa, ich werde Ihnen meines hineinstopfen? Sie können den Tabak von den hundert Pfund abziehen, die Sie mir für die Wette schulden.«

»An« rief Charles und kratzte sich hinter den Ohren, »an die habe ich gar nicht mehr gedacht.«

»Oder bezahlen Sie hier einmal ein Glas Bier, das ist mir ebenso lieb,« meinte der Detektiv und schleppte Charles in eine Restauration.

»Finden Sie nicht auch,« sagte der Detektiv, als beide am Tisch saßen, »daß dieser Gaukler ein recht dummer Kerl war?«

»Wieso?«

»Wenn ich so einen Topf hätte, der immer voll bleibt, wenn ich nur einmal etwas hineingieße, dann hätte ich ihn doch nicht mit Wasser, sondern mit Bier gefüllt.«

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