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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
projectida1f0f2df
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26.

Das Zeichen des Meisters

Nick Sharp saß in einer Stube des Quartiers und blätterte in einem Notizbuch. Bald schrieb er etwas nieder, bald strich er etwas aus.

»Stimmt nicht,« murmelte er unwillig. »Seit der Liebelei mit diesem verfluchten Weib bin ich ganz konfus geworden.«

Es klopfte an der Thür.

»Herein!« rief Sharp und dachte nach. »Ist es Sir Williams, so kann er hierbleiben, ist es ein anderer, so schmeiße ich ihn hinaus.«

Marquis Chaushilm trat ins Zimmer. Der Detektiv schaute wieder in sein Buch.

»Guten Morgen, Steuermann, ist Kapitän Hoffmann hier?« fragte der junge Herzog den Detektiv, welcher allgemein als zweiter Steuermann des ›Blitz‹ galt.

»Sehen Sie einmal da unter der Kommode nach,« brummte der Gefragte, der wegen seiner furchtbaren Grobheit berühmt geworden war.

»Ich wollte dem Kapitän nur das Neueste erzählen,« fuhr aber der redselige Marquis unbeirrt fort. »Wissen Sie es schon, daß Abudahm erzählt hat, wenn ihm das Leben versprochen wird, so wolle er ein Geständnis von der größten Wichtigkeit machen?«

»Ist mir ganz egal.«

Der Detektiv fuhr zu rechnen fort.

»Ich möchte aber gern erfahren, was das eigentlich ist. Bedenken Sie einmal, er sagt, er könne durch ein Geständnis Tausenden von Europäern das Leben retten.«

»Dann mal los!«

»Jede Stunde wird das Schreiben vom britischen Gouvernement erwartet, welches ihm das Leben zusichert, wenn seine Aussagen wirklich sehr wichtig sind.«

»So.«

»Wir sind alle gespannt, wie –«

»Wie ein Regenschirm,« unterbrach ihn der Detektiv und klappte das Buch mit einer Heftigkeit zu, daß der Herzog zusammenfuhr.

»Meine Sprechstunde ist aus, Herr Marquis!«

»Aber Herr Steuermann –«

»Kein Wort weiter, meine Sprechzeit ist vorüber!«

Der Detektiv stand auf und öffnete die Thür.

»Bitte,« sagte er mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung.

Das ging dem jungen Herzog doch über die Schnur.

»Ihre Grobheit ist denn doch etwas zu arg,« brauste er auf. »Ich bin der Marquis von Chaushilm, Sohn des Herzogs von Chaushilm, und wer sind denn Sie, daß Sie so mit mir zu sprechen wagen?«

»Ich bin der Steuermann Claus Uhlenhorst, zweiter Sohn des Kaisers von China,« konnte der Herzog noch hören, dann befand er sich schon auf dem Korridor, und die Thür fiel hinter ihm ins Schloß.

Chaushilm stand noch stumm vor Staunen mit ausgespreizten Fingern da, als sich die Thür wieder öffnete, und der Steuermann in wunderbar freundlichem Tone sagte:

»Lieber Herzog Chaushilm, ich bitte Sie, wenn Sie Sir Williams sehen, so sagen Sie ihm doch, er möchte einmal zu mir kommen. Ich bitte sehr darum!«

»So,« brummte der Detektiv und setzte sich wieder, »den wäre ich los. Weiter fehlte nichts, als daß mich der erste Beste hier mit seinem Schwatzen belästigen könnte. Hm, was mag denn dieser Abel oder Adam oder wie er heißt, eigentlich für ein furchtbares Geheimnis ausplaudern wollen? Na, werde es bald genug erfahren. Weiß Gott, da kommt wirklich Charles, der Herzog hat ihn also doch gerufen. Ja, mit Speck fängt man Mäuse.«

»Wissen Sie schon das Neueste, Uhlenhorst?«

Mit dieser Frage kam Charles in das Zimmer gestürzt.

»Ja,« antwortete der Gefragte und zog eine entsetzlich schmutzige Tabakspfeife aus der Tasche.

»Was heißt das?«

»Ich habe keinen Tabak mehr.«

Lachend reichte ihm der Baronet seinen gefüllten Beutel. Dann fuhr er ernst fort:

»Unser Fakir ist aus seiner Zelle entsprungen.«

»Was kostet von dem das Pfund?« fragte der Detektiv und stopfte die Pfeife.

»Fünfzig Pfund Sterling, wer ihn lebendig einliefert. Er wird von Abudahm als der Mörder Majubas bezeichnet.«

»Fünfzig Pfund Sterling kostet dieser Tabak, das ist ein bißchen viel, Williams,« meinte der Detektiv.

»Zum Teufel mit Ihrem Tabak!« rief Charles. »Ich spreche von dem Fakir und Majuba.«

»Zum Teufel mit allen Fiakern und Majoren, ich spreche aber von Tabak. Sie rauchen eine gute, doch viel zu leichte Sorte.«

»Himmel und Hölle!« Charles sprang erregt auf. »Wollen Sie mich vielleicht foppen, dann ist unsere Freundschaft aus! Hören Sie doch nur, unser Fakir ist entsprungen!«

»Nun fluchen Sie einmal etwas lauter und passen Sie auf, der Flüchtling kommt gleich wieder.« sagte der Detektiv und lehnte sich bequem in einen Stuhl. »Denken Sie denn etwa, ich fahre nun gleich in die Stiefeln, bürste den Hut ab, binde einen Shlips um und renne wie ein Wilder hinterher?«

Charles kratzte sich bedenklich hinter dem einen Ohr. Es war nicht das erste Mal, daß ihm der Detektiv eine Lehre gab. Jetzt war er schon wieder seinem Grundsatz: ›Weinen hilft nichts!‹ untreu geworden.

»Wie schön hätte das geklungen, mein lieber Williams,« fuhr der Detektiv fort, »wenn Sie hübsch langsam zu mir ins Zimmer gekommen wären und gesagt hätten, ›Guten Morgen, Herr Uhlenhorst, der Fakir ist fort, trinken Sie in der Kantine ein Glas Bier mit mir?‹ Na, schadet nichts, Williams, ich werde Sie schon noch zu einem brauchbaren Menschen ausbilden.«

»Es wird aber die höchste Zeit,« seufzte Charles, »ich werde mit jedem Tage älter.«

»Sagen Sie einmal, Williams, wie geht es Miß Thomson?«

»Danke, ausgezeichnet! Ich habe gesehen, wie sie heute morgen zum Frühstück, vier Butterbrote, zwei Scheiben Schinken, drei Scheiben Wurst und drei Eier gegessen hat.«

»Alles aufgegessen?«

»Nun, die Schalen nicht mit. Interessieren Sie sich dafür oder fühlen Sie Brotneid?«

»Hm, Sir Williams, wenn Sie einmal so einen Stellvertreter brauchen, Sie wissen schon, wie ich es meine, dann können Sie mich engagieren. Ich mache es billiger als alle anderen.«

»So etwas verbitte ich mir, Herr Uhlenhorst,« rief Charles, aber durchaus nicht aufgebracht.

»Und wie geht es dem jungen Werden? Das Kerlchen hat mir Respekt eingeflößt. Alle Wetter noch einmal, wie er den Rajah Dingsda so von der Mauer herunter holte, obwohl er kaum selbst auf den Beinen stehen konnte, das lasse ich mir gefallen. Ein sehr nützlicher Mensch! Wie geht's ihm?«

»Es macht sich, er erholt sich sichtlich.«

»Und Miß Rosa?«

»Die erholt sich neben ihm.«

»Und Lucille?«

»Die ist eine Seligkeit und Wonne.«

»Hinkt Ihr Pferd noch?«

»Nicht mehr so sehr.«

»Essen Sie lieber Weinbeeren oder Kokosnüsse?«

Charles sprang vom Stuhle auf.

»Nun ist es aber genug!« rief er. »Denken Sie vielleicht, ich lasse mich von Ihnen zum Narren halten? Ich bin weder ein Adreßbuch, noch ein Fragenautomat.«

»Nun, nun,« beruhigte ihn lächelnd der Detektiv, »sehen Sie, wenn ich über etwas nachdenken will, und es kommt jemand zu mir, der mich mit Redereien quält, so stört mich das ungemein; wenn ich aber Fragen stellen kann, deren Antworten ich nicht anzuhören brauche, so stört mich das durchaus nicht.«

»Ich danke sehr für diese Schmeichelei, aber warum in der Welt haben Sie denn da Chaushilm gebeten, mich zu Ihnen zu rufen?«

»Warum?« fragte der Detektiv erstaunt. »Das war doch gleich meine erste Frage. Ich wollte eine Pfeife Tabak von Ihnen haben.«

Da wurde die Thür aufgerissen, und Chaushilm stürzte ins Zimmer.

»Meine Herren,« rief er atemlos, »Abudahm ist ermordet in seiner Zelle gefunden worden. Ein Offizier hat ihn noch gesprochen, gerade als das Schreiben vom Gouvernement eingetroffen ist, und als er nach fünf Minuten wieder in die Zelle trat, um dem Abudahm diese Mitteilung zu machen, war er tot, er hat einen Dolchstich ins Herz bekommen.«

»Wer?« fragte der Detektiv.

»Abudahm. Das Merkwürdigste aber ist, daß er an der Stirn einen sonderbaren Stempel aufgedrückt bekommen hat.«

Der Detektiv hatte schon den Hut in der Hand.

»Ich muß gehen, sonst tragen sie heute noch ganz Sabbulpore fort und mich dazu. Vorwärts, meine Herren, ich will zuschließen!«

Ohne weiteres schob er die Herren zur Thür hinaus und schloß ab. – –

Eine Viertelstunde später schritt Charles durch den Garten des Quartiers, als er den Detektiv sich entgegenkommen sah, der unter dem Arm einen in Papier gewickelten Gegenstand trug.

»Halloh, Mister Uhlenhorst, was wollen Sie hier?«

»Nach dem Quartier. Kommen Sie mit?«

»Nein, ich warte auf jemanden.«

»So, na dann amüsieren Sie sich gut!« Der Detektiv wollte gehen.

»Was haben Sie denn da eigentlich?« fragte ihn Charles. »Das sieht ja fast wie eine Kegelkugel aus.« »Ist auch eine, ich will heute abend in meiner Stube Kegel schieben.«

»Aber hier kommt ja Blut heraus?« fragte Charles mißtrauisch.

»Ja,« meinte der Detektiv kaltblütig, »sie ist noch nicht ganz ausgetrocknet.«

Damit ließ er die Hülle fallen und hielt dem erschrocken zurückfahrenden Baronet das noch blutende Haupt des ermordeten Abudahm an den Haaren hin.

»Sharp,« stammelte Charles, »wozu denn das?«

»Ich interessiere mich für anatomische Präparate. Im übrigen, mein lieber Williams, wenn in einigen Minuten der Ruf erschallen sollte, daß dem Abudahm der Kopf gestohlen worden ist, so brauchen Sie nicht gleich meinen Namen zu nennen. Sie verstehen mich doch, nicht wahr?«

»Natürlich, ich weiß von nichts. Wenn Ihnen nun aber ein anderer als ich begegnet wäre und hätte Sie nach dem Inhalte des Pakets gefragt? Das herauströpfelnde Blut deutet auf nichts Gutes.«

Der Detektiv lächelte.

»Was Nick Sharp nicht sehen lassen will, das sieht niemand,« sagte er und ging.

In seinem Zimmer angekommen, schloß er sorgfältig die Thür ab und verhängte das Schlüsselloch mit einem Tuch, dann zog er sich die Jacke aus, streifte die Hemdsärmel auf und schälte den abgeschnittenen Kopf mit einer Vorsicht aus der Hülle, als wäre derselbe ein rohes Ei.

Lange betrachtete er das kleine Siegel, das auf dessen Stirn eingebrannt war.

Es stellte einen Galgen vor, um welchen herum die Worte ›Tod dem Verräter‹ standen.

»Nick Sharp,« sagte er endlich zu sich, »du bist einmal ein großer Esel gewesen. Diese Evelyn, die gar nicht so schwer zum Geständnis zu bringen war, hätte dir viel mehr von der Bedeutung dieses Siegels erzählen können. Aber nein, du bist damit zufrieden, daß sie Dir etwas über Lucille und die Gefangenen gesteht. Wer denkt auch gleich an alles, und ich fand überdies unter ihren Briefschaften nichts Verdächtiges. Also Abudahm und der Fakir gehörten auch mit dazu; merkwürdig, hier in Indien! Dieser Fakir war neuengagiert als Bursche von Oberst Walton, in der That aber vom Rajah angestellt, um den Obersten zu beobachten. Doch der Fakir hatte diesen Posten nur nebenbei angenommen, um wieder Abudahm zu beobachten, weil von diesem Verrat gefürchtet wurde. Von wem hatte aber letzterer einen Auftrag bekommen? Denn daß dies so ist, bin ich sicher, sein Streit mit dem Rajah verriet es. War derselbe eingeweiht oder nicht, war es Evelyn? Wer ist der Fakir, der jetzt seine Fesseln zum zweiten Male abstreift und einen Plaudernden zum Schweigen bringt? Ein undurchdringlicher Schleier verhüllt noch das Ganze; vielleicht, daß dieses Siegel mir ein Schlüssel zu manchem Geheimnis wird!«

Er legte den abgeschnittenen Kopf auf den Tisch und zog unter dem Bett einen Koffer hervor, dem er Papier und Instrumente entnahm. Dann fing er an, den eingebrannten Stempel auf das genaueste abzuzeichnen; fortwährend maß er mit dem Zirkel die Stärke, die Entfernung der Buchstaben, bis er den Stempel vor sich auf dem Papier zu seiner vollständigen Zufriedenheit wiedergegeben hatte.

»So,« sagte er endlich, »heute noch werde ich die Zeichnung in Kupfer ätzen.«

Er wickelte den Kopf Abudahms wieder ein und verbarg ihn so geschickt am eigenen Körper, daß an ihm nichts Auffallendes zu sehen war. Nachdem er sich dem Koffer ein Ledertäschchen, wie das Besteck eines Arztes aussehend, entnommen hatte, ging er auf den Hof.

Langsam, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er nach einem kleinen Gebäude, vor dessen Thür ein englischer Soldat mit geschultertem Gewehr auf- und abging. In diesem Häuschen lag die Leiche des ermordeten Abudahm.

»Ein langweiliger Posten, was?« redete der Detektiv den Soldaten an. »So jemanden zu bewachen, der doch nicht ausreißen kann.«

»Es ist der Dienst. Ob ich nun hier verwendet werde oder wo anders, ist mir gleichgiltig,« war die Antwort; »lieber ist mir aber schon, wenn ich in dem freundlichen Quartierhof sein kann, als zwischen den Festungsmauern.«

»Und dann sehen Sie immer fremde Gesichter, denn Abudahm wird wohl von vielen besucht?«

»Es ist nicht so schlimm, die Offiziere, wie die Gäste scheinen andere Dinge im Kopfe zu haben.«

»So? Wie viele sind denn zum Beispiel da gewesen, seit ich mir den Kerl angesehen habe?«

»Wie viele?« sagte der Soldat nachdenkend. »Auch nicht ein einziger.«

»Hm. hm.«

Der Detektiv nahm die Pfeife zwischen die Lippen und griff in die Tasche.

»Da habe ich vorhin meine silberne Streichholzbüchse drin liegen lassen, ich kann doch wohl noch einmal hineingehen?«

»Gewiß,« antwortete der Soldat.

Der Detektiv ging hinein und kam nach fünf Minuten wieder heraus.

»Ich habe sie höllisch lange suchen müssen,« sagte er, »sie war unter einen Schrank gefallen, und ich konnte sie nicht finden.«

In diesem Augenblicke kam Charles um die Ecke des Hauses gegangen.

»Sie hier, Mister Uhlenhorst? Ich wollte mir eben einmal den Abudahm ansehen. Kommen Sie mit?«

»Meinetwegen,« sagte der Detektiv und schickte sich an, abermals in das Haus zu treten.

»Sharp,« flüsterte Charles, als sie durch den kleinen schmucklosen Raum schritten, in welchem die Bahre mit dem Leichnam stand, »bis jetzt ist noch nichts laut geworden.«

»Was denn?« fragte der Detektiv unschuldig.

»Die Geschichte mit dem Kopf.«

»Mit welchem Kopf denn, mein lieber Williams? Sprechen Sie doch deutlicher!«

Sie standen jetzt beide vor dem mit einem Tuche bedeckten Leichnam.

Charles faßte das Tuch an einem Zipfel und schlug es zurück. Sein erster Blick fiel auf das fahle Antlitz des Toten.

»Was!« sagte Charles und prallte förmlich zurück, »der Kerl hat ja einen Kopf!«

»Nun ja,« lächelte der Detektiv kalt, »haben Sie Abudahm vielleicht jemals ohne Kopf herumlaufen sehen?«

Charles faßte die Haare des Schädels und zog daran, er untersuchte den Hals, aber er konnte nichts finden, was daran erinnerte, daß er vor einer halben Stunde den abgeschnittenen Kopf in den Händen des Detektiven gesehen hatte.

Kopfschüttelnd wendete er sich ab.

»Der Teufel mag wissen, wie das zugeht,« sagte er beim Hinausgehen, »ich kann es mir nicht erklären.«

Beide promenierten zusammen in den schattigen Gängen des Haines.

»Haben Sie schon mit Bestimmtheit erfahren, wann die Gäste von hier aufbrechen?« fragte der Detektiv.

»Einige Tage werden wohl noch vergehen. Die Wunden müssen doch erst etwas heilen, ehe die Gäste eine längere Reise zu Pferd machen können!«

»Wohin soll's denn gehen?«

»Habe keine Ahnung! Das machen die Damen unter sich aus.«

»Und die Herren rennen dann hinterher! Schönes Vergnügen das!«

»Wenns Ihnen nicht paßt, so kommen Sie eben nicht mit. Aber sagen Sie mal, um Gottes willen, mein lieber Uhlenhorst, wie haben Sie das eigentlich angefangen, den Kopf Abudahms abzuschneiden und ihn dann wieder so aufzusetzen, daß selbst meine vorzüglichen Augen keine Spur eines Schnittes feststellen konnten?«

»Taschenspielerkunststückchen, weiter nichts,« schmunzelte der Detektiv.

»Es wird mir ordentlich unheimlich in Ihrer Nähe,« meinte Charles. »Nächstens könnten Sie mir schließlich auch einmal in aller Freundschaft den Kopf abschneiden, und ihn dann wieder anleimen.«

»Unsinn,« brummte der Detektiv, »ich muß jetzt gehen, auf Wiedersehen heute abend! Erst geben Sie mir aber noch eine Pfeife Tabak.«

»Sehr gern! Haben Sie keinen mehr bei sich?« Charles reichte ihm den Beutel.

»Er ist mir ausgegangen, und der, den man hier in der Kantine zu kaufen bekommt, schmeckt mir nicht. Nur der Ihrige ist nach meinem Geschmack.«

Der Detektiv stopfte sich sorgsam seine Pfeife.

»So nehmen Sie sich eine Hand voll heraus,« meinte Charles, »ich habe genug mitgenommen.«

»O, ich danke,« entgegnete der Detektiv, schnürte den Beutel wieder zu und gab ihn zurück; »wenn ich keinen Tabak mehr auftreiben kann, komme ich zu Ihnen. Thanks, Sir Williams, auf Wiedersehen!«

Der Detektiv ging.

Charles schlenderte noch etwas in's Gebüsch hinein und warf sich unter einem schattigen Baum in das weiche Gras.

»Sharp hat eigentlich recht,« sagte er nach einer Weile zu sich, die Ellbogen auf den Boden gestützt und den Kopf in die Hände legend, »es ist ein rechter Unsinn, so immer hinter dem Mädchen herzulaufen, mir wird die Sache auch bald über. Ich werde einmal mit Sharp darüber sprechen, ob es nicht geht, daß ich auf eigene Faust die ganze Mädchengesellschaft auseinandersprenge, und mit Gewalt eins davon wegführe, das mir am liebsten ist. Dann mögen sie meinetwegen weiterreisen, ich gehe nach England, wo es jetzt schon hübsch kühl ist, setze mich mit meiner Frau vor das offene Kaminfeuer und lasse mir von ihr Indianergeschichten vorlesen – viel gemütlicher, als wenn man selbst mitmacht.«

Sinnend blickte er vor sich hin.

»Ein komischer Mensch, dieser Detektiv!« fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort. »Einmal ist er grob wie Bohnenstroh, nimmt jemandem, wenn er rauchen will und nichts hat, einfach die Pfeife aus dem Munde und pafft selbst weiter, und dann ist er so bescheiden, daß er nicht einmal eine Handvoll Tabak nehmen will. Als ob es mir auf ein paar Pfund ankäme.«

Er holte die Pfeife und den Tabaksbeutel hervor, um zu rauchen. Langsam griff er in den letzteren, doch plötzlich nahmen seine Züge einen verblüfften Ausdruck an; er sah in den Beutel.

»Jetzt hat mir der Kerl ein Taschentuch hineingestopft.«

Er zog dasselbe heraus.

»Da schlag' aber doch Gott den Teufel tot!« rief er. »Das ist auch noch dazu mein eigenes.«

Er drehte den Beutel um und schüttelte ihn in die leere Hand aus.

»Und mir hat er auch nicht ein Krümelchen Tabak übrig gelassen. Ein verfluchter Kerl, dieser Detektiv!«

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