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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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25.

Vor den Kanonen

Noch herrschte im Walde Dämmerung; nur ab und zu stahl sich ein Strahl der goldigen Morgensonne durch das dichte Laub und ließ die Tautropfen an den Gräsern wie Diamanten aufblitzen, ein wundervoller Friede lag über der Natur, dessen Stille höchstens einmal durch das Zirpen eines Vogels oder auch den unartikulierten Schrei eines der vierbeinigen Waldbewohner Indiens unterbrochen wurde.

Jene Felsenburg, welche sich, von unten gesehen, wie ein am Abgrund hängendes Adlernest ausnahm, war dagegen schon vollständig den Strahlen der Sonne ausgesetzt, und schien auch deren belebende Kraft zu spüren.

Nicht wie in der Natur, in Wald und Feld, war hier etwas von Ruhe und Frieden zu bemerken; trotz der frühen Morgenstunde wandelten schon kriegerische Gestalten auf dem kleinen Burghof auf und ab; die Sonne ließ stählerne Helme und Brustpanzer erglänzen und spiegelte sich in den Kanonen, deren Mündungen überall durch Löcher in der Burgmauer in das unter ihnen liegende Thal lugten.

Das war das Sommerschlößchen Parahimbro, wie der Rajah Skindia den Engländern gegenüber diese Burg zu bezeichnen beliebte, eine Wohnung hoch in den Lüften, in deren kühlen Mauern er die heißen Sommermonate verträumen wollte, in Wirklichkeit aber eine starke Festung von Kanonen strotzend, und mit Munition, Lebensmitteln und allem Kriegsbedarf wohl versehen, sodaß sie jahrelang eine Belagerung hätte aushalten können.

Ihre Lage war eine vorzügliche. Die Geschütze beherrschten vollkommen den Eingang zum Thal, durch das der Weg nach Sabbulpore führte. Eine größere Abordnung von Soldaten hätte auf keiner anderen Straße nach dieser englischen Festung gelangen können, denn dieselbe lag mitten in den Bergen, deren Pässe durch eine Handvoll Leute gegen ein ganzes Regiment hätte verteidigt werden können.

Natürlich hatten die Engländer erkannt, welch ein wichtiger Punkt dieses kleine Parahimbro für einen Gegner, der sich hier festsetzte, werden konnte, und alle Ueberredungskunst aufgeboten, vergebens bewilligten sie zum Ankauf die größte Summe. Skindia schlug alle Anerbieten kurzweg ab mit der Erklärung, diese Burg habe einst seinen Vätern gehört, und auf dieser Stelle wolle er sich ein neues Schloß bauen.

Wirklich begann er ein solches auszuführen. Aber die Mauern dazu nahmen eine Stärke an, als wären sie für einen Pulverturm bestimmt. Während der Nacht wurden auf dem schmalen Felspfad verhüllte Gegenstände emporgeschleppt, unter deren Gewicht die hölzernen Rollen stöhnten, und nicht alle der im Thale haltenden Wagen waren mit Holz und Steinen beladen, sondern oft trugen die Arbeiter stundenlang auf dem Rücken Kisten und Säcke den Berg hinauf.

War es dem Rajah gelungen, sich unbemerkt in Parahimbro eine kleine Festung zu schaffen, so war er somit in den Besitz eines uneinnehmbaren Platzes gekommen. Ein einziges Geschütz allein fegte mit einem Schuß den schnurgeraden Pfad, an dessen beiden Seiten der bodenlose Abgrund gähnte, rein; kein gegenüberliegender Felsen bot einen Punkt, wo ein feindliches Geschütz aufgefahren werden konnte, und von der Seite, wo dies möglich gewesen wäre, wurde die Festung von einer hoch emporsteigenden Felswand geschützt.

Parahimbro lag also nicht auf der Spitze eines Berges, sondern an der Seite desselben. Vor ihm öffnete sich die Tiefe, hinter ihm erhob sich die Wand, welche den Turm des Schlößchens noch zwanzig Meter überragte und die nicht einmal ein Steinbock, geschweige denn ein Mensch erklimmen konnte.

Skindia und Abudahm befanden sich in einem Turmgemach, durch dessen kleine, runde Fenster man den Weg zur Festung übersehen konnte, der vom Thal bis zum Burgthor führte, wo er durch eine tiefe, künstlich erzeugte Kluft gehemmt wurde, die nur beim Niederlassen einer Zugbrücke den Weitergang erlaubte.

Beide waren sehr aufgeregt. Bald traten sie ans Fenster und blickten angelegentlich in die Ferne, als erwarteten sie sehnsüchtig jemanden, dann maßen sie wieder mit ihren Schritten die Länge des Zimmers.

»Wo bleibt nur Achmed?« fragte endlich der Rajah den jungen Indier in kriegerischem Kostüm.

Es war eine überflüssige Frage, denn Abudahm erwartete ebenso wie der Rajah den Ebengenannten. Es war dies die erst vor einigen Tagen neuangenommene Ordonnanz des Obersten.

»Ist der Bursche auch sicher?« entgegnete Abudahm. »Ich wunderte mich schon, daß du einem Manne, den du nicht weiter kennst, einen solchen Posten anvertrautest. Wer bürgt dir, daß er nicht zu den Engländern hält?«

»Ich glaube doch, daß er damals Majuba zum Schweigen gebracht hat, ist ein genügender Beweis seiner Treue zu uns,« war die Antwort Skindias. »Allerdings kenne ich ihn nicht, aber die Zeugnisse, mit denen er vom Rajah Dadur an mich gewiesen wurde, sprachen zu seinen Gunsten, und ich habe bis jetzt noch nie zu bereuen gehabt, ihm vollständig vertraut zu haben.«

Wieder trat eine lange Pause ein.

»Was hast du mit den Gefangenen vor, Skindia?« fragte der junge Indier endlich.

»Ich behalte sie als Geißeln, bis die Engländer die von uns gestellten Bedingungen bewilligen. Thun sie es, so sind jene frei, selbst mein Haß gegen Walton muß der Sache des Vaterlandes weichen; nehmen sie den Kampf auf, gut, so werde ich meinen Rachedurst befriedigen können.«

»Und warum nahmst du nicht, wie ich dir vorschlug, einige der amerikanischen Damen oder jener englischen Reisenden mit nach Parahimbro? Je mehr Geißeln du hier hast, desto besser für uns.«

»Es ist nicht gut, alle zusammen zu behalten, je getrennter sie untergebracht sind, desto mehr Sicherheit bietet sich uns, sie in Gewahrsam zu halten. Doch sage, Abudahm, was treibt dich dazu, ein solches Augenmerk auf diese Mädchen zu richten? Als wir uns gestern berieten, ob wir sie mit nach Parahimbro nähmen oder nicht, wurdest du bei meiner abschlägigen Antwort so aufgebracht, daß ich fast glaube, du hast einen anderen Grund, als nur den, die Mädchen hier als Geißeln festzuhalten.«

Der Rajah heftete seine Augen fest auf Abudahm, aber dieser lächelte spöttisch.

»Thorheit, Skindia, was anderes sollte mich dazu bewegen, als die Sorge für unsere Sicherheit? Endlich,« rief er dann aus und deutete dabei durch das Fenster auf den Pfad, »Evelyn hat ihn sehr spät geschickt.«

Nach einigen Minuten trat die frühere Ordonnanz des Obersten Walton ins Zimmer, jener Indier, den der Detektiv Williams zur Beobachtung empfohlen hatte.

Schweigend, mit finsterem Blicke blieb er an der Thür stehen.

»So sprich doch!« fuhr Abudahm ihn an. »Ist Sabbulpore in unseren Händen? Wir hörten doch die Schüsse knallen.«

»Wohl war es unser, die englische Flagge war in den Staub getreten, aber sie ist es nicht mehr; seit heute morgen flattert sie wieder vom Turme.«

»Was soll das heißen?« fragte der Rajah erschrocken. »Erkläre dich deutlicher, du sprichst in Rätseln!«

»Das soll heißen,« fuhr der Bursche zähneknirschend fort, »daß Sabbulpore wieder im Besitz der Engländer ist.«

»So haben sie sich wieder befreit?« stießen beide gleichzeitig hervor.

»Nein. Wir hatten die englische Besatzung des Forts überwältigt, es war unser, nur wenig Mühe haben wir dabei gehabt. Kurz zuvor wurde der indische Bursche des Kapitäns O'Naill – er war ein verkleideter Engländer – bei einem Verrate ertappt und gefesselt in einem Kellerraum gehalten. Von dort aus muß er auf eine mir unbegreifliche Weise entsprungen sein und –«

Der Bursche hielt inne.

»Und was?«

»Und Evelyn mit fortgeschleppt haben.«

»Evelyn?« rief Abudahm mit zitternden Lippen.

»Dann hat der Entsprungene Hilfe herbeigeholt und mit List – kein Schuß ist dabei gefallen – uns die Festung wieder abgejagt. Unsere Soldaten liegen gebunden im Burgverließ.«

»So ist ein Teil meines Planes zu nichte geworden!« stöhnte der Rajah.

»Wer waren die, die die Burg gestürmt haben? Doch unmöglich englische Soldaten?«

Achmed lachte höhnisch, er schien sich an dem Schrecken der beiden zu weiden.

»Nicht englische Soldaten waren es, die meisten waren Weiber, jene Mädchen, die Ihr gestern gefangen haben wollt.«

Der Rajah und Abudahm sahen sich entsetzt an. Wollen denn diese schlimmen Nachrichten gar nicht aufhören? So wären also alle Mühen und Vorbereitungen völlig umsonst gewesen?

»Sprich weiter, Unglücksbote! Waren die Weiber allein? Wie entkamst du? Warum kommst du erst jetzt, da die Sonne bereits hoch am Himmel steht?«

»Nur meiner Schlauheit habe ich es zu verdanken, daß nicht auch ich als Gefangener in die Hände der Sieger fiel. Gewiß ist es, daß jener verkleidete Indier die Männer und Weiber getroffen hat, welche sich auf irgend eine Weise befreit haben, nach dem Fort zurückkehrten, und uns nur wenige Stunden darnach wieder daraus verjagten. Die Wachen wurden lautlos überrumpelt, der Burgwall überstiegen, und ehe unsere Brüder nur nach den Waffen greifen konnten, lagen sie schon mit gebundenen Armen am Boden. Ein Zufall war es, daß ich den Eindringenden entgangen bin, obgleich gerade nach mir, wie ich fest glaube, eifrig gesucht wurde.«

»Evelyn ist verschont geblieben?« fragte Abudahm.

»Die ist wohl aufgehoben. Und nun der Grund, warum ich mich so verspätet habe! Ich eilte während der Nacht hierher; da führte mein Weg mich durch einen Wald, und wie ich über eine vom Mond beschienene Blöße rannte, bemerkte ich plötzlich einen frisch aufgeworfenen Erdhügel. Es war nicht nur Neugier, die mich zwang, ihn zu öffnen, eine Ahnung gab es mir ein, und was glaubt Ihr, wessen Leiche ich dort in der Erde eingescharrt gefunden habe?«

»So sprich doch, war es einer deiner Kameraden?«

Der Indier schüttelte den Kopf und sagte, die Augen fest auf Abudahm gerichtet:

»Evelyn.«

Waren die beiden schon vorher wie niedergeschmettert gewesen, so brachen sie jetzt unter der Last der neuen Hiobsbotschaft, daß Evelyn, eine Hauptstütze der angezettelten Verschwörung, getötet worden sei, jedenfalls aber erst, nachdem sie alles verraten, völlig zusammen. Mit glanzlosen Augen sahen sich die zwei Indier an.

Endlich sagte Abudahm mit tonloser Stimme:

»So ist keine Aussicht auf Rettung mehr vorhanden.«

»Nein,« rief plötzlich der Rajah mit wildem Jubel, »zu Ende ist unsere Herrschaft, unser Befehlen hat aufgehört. Nicht lange wird es dauern, so wird man die Söhne der einstigen Herrscher Indiens gefesselt vor das Tribunal führen, weil sie ihr Land befreien wollten. Aber noch eine süße Stunde wartet meiner; ist alles verloren, so will ich wenigstens die Gefangenen zur Hölle schicken.«

Er gab Achmed den Auftrag, dieselben auf den Burghof führen zu lassen, und besprach sich inzwischen noch mit Abudahm.

»Sagte ich es nicht, Rajah,« begann dieser, aus dessen Gesicht jeder Blutstropfen gewichen war, »daß du viel zu voreilig gehandelt hast, als du das Fort Sabbulpore nehmen ließest? Alles wäre gelungen, niemand hätte einen Argwohn gefaßt, wenn du ruhig gewartet hättest, bis wir die Nachricht bekamen, daß auch die übrigen Rajahs zum Aufstand bereit seien. Aber nein, du konntest die Zeit nicht erwarten und hast alles, alles vernichtet.«

»Die Gelegenheit war zu günstig,« entgegnete Skindia, »den größten Teil der Offiziere in die Hände zu bekommen, sowie möglichst viele Geißeln zu machen. Sage selbst, war die Einnahme des Forts und die Uebergebung der Geschäfte des Obersten an Evelyn nicht ein kluger Plan von mir? Nur diese verfluchten Fremdlinge haben ihn zerstört!«

»Was aber nun?«

»Es ist aus,« rief der Rajah verzweifelt und stampfte mit dem Fuße den Boden, »wir haben unsere Rolle ausgespielt. Wir wollen unser Leben so teuer wie möglich verkaufen, und wenn die Rotjacken Parahimbro stürmen, so soll noch mancher von ihnen Indiens Boden mit seinem Blute färben.«

»Welches ist unser Los, wenn wir uns ergeben?«

Der Rajah lachte grimmig auf.

»Schmach und Schande! Aber ehe dies geschieht, fliegt Parahimbro in die Luft; kein Stein soll den Engländern übrig bleiben. Doch wird noch einige Zeit vergehen, ehe ein Angriff möglich sein wird; mindestens sechs Tage müssen verstreichen, ehe Militär hier erscheinen kann, und bis dahin werde ich mein Möglichstes thun, die trägen Häuptlinge zur Eile aufzumuntern. Jetzt laß uns in den Burghof gehen, der Anblick des gefesselten Obersten soll meinen Augen wohlthun. Ha, wie will ich mich weiden an seiner ohnmächtigen Wut!«

Sie gingen.

Auf dem Hofe standen fünf englische Offiziere, die Hände auf dem Rücken gebunden, unter ihnen Oberst Walton und Kapitän O'Naill.

Man hatte sogar den verwundeten Leutnant Werden nicht vergessen, er lag auf der Bahre, die neben der hohen Brüstung stand.

Rosa war frei. Bald eilte sie zu ihrem einstigen Beschützer, Oberst Walton, der ihr der zweite Vater geworden, und sprach ihm Trost zu, dann ging sie wieder zu Werden zurück, der nur ihr es zu verdanken hatte, daß er noch am Leben war.

»Mut, Leutnant,« sagte sie zu ihm, »unsere Lage ist nicht so schlimm wie sie aussieht. Wir werden nur als Geißeln hier behalten, um den indischen Offizieren Sicherheit zu bieten, wenn sie mit den unsrigen unterhandeln. Wenn wir entlassen werden, sind Sie wieder gesund und können den ersten Kampf bestehen, nach dem sie sich so sehnen.«

Schmerzlich lächelnd hatte der junge Offizier den Worten des Mädchens zugehört, das seine eigene Lage vergaß, um ihn zu trösten; er war sich über das Schicksal, das ihrer wartete, nicht unklar.

»Miß Walton,« entgegnete er, »wenn Sie von jemandem Abschied nehmen, und Sie wissen, daß er nicht wiederkommt, machen Sie ihm dann Hoffnung auf ein Wiedersehen, sodaß er dieses stets herbeisehnt und immer umsonst, oder sagen Sie ihm nicht vielmehr für immer Lebewohl?«

Das junge Mädchen hatte ihn verstanden. Sie barg das Gesicht in ihren Händen und begann zu schluchzen.

Der junge Mann legte leise den unverletzten Arm um ihre Taille.

»Ich weiß, Rosa,« fuhr er fort, »daß wir uns beide schon längst geliebt haben, wenn wir auch nie den Mut fanden, es uns zu sagen. Die letzte Stunde meines Lebens will ich noch dazu benutzen, dir dieses zu gestehen. Ja, ich liebe dich, Rosa, und der Tod soll meine Liebe zu dir nicht aufhören machen. Sage mir nur ein Wort, kein Wort des Trostes, ich bedarf seiner nicht, aber ein Wort der Liebe!«

»John,« schluchzte das Mädchen. Es kniete neben der Bahre nieder und küßte wieder und wieder den bleichen Mund. »Sprich nicht so, jetzt soll ja unser Leben erst beginnen, und du sprichst vom Tode. Was ist denn weiter, wenn wir gefangen gehalten werden; einmal müssen sie uns doch freigeben!«

»Ich glaube es nicht; der Rajah ist nicht der Mann, der seine Gefangenen freigiebt, wenn er nicht Vorteil davon hat. Und, Gott sei Dank, unser Vaterland weiß, daß wir uns lieber Mann für Mann hinschlachten lassen, ehe wir einwilligen, daß es unseretwegen auf unverschämte Bedingungen einginge.«

Der junge Offizier hatte die letzten Worte stolz ausgerufen, dann fuhr er wieder wehmütig fort:

»Also darum, mein liebes Mädchen, wollen wir uns keine Hoffnung machen. Ich kenne den Rajah und weiß, daß uns der Tod beschieden ist.«

Das junge Mädchen neigte sich zu dem Ohr des Verwundeten:

»Wenn uns das Leben nicht vereinen kann, dann sterben wir zusammen,« flüsterte sie zärtlich.

Werden drückte ihr mit einem glücklichen Lächeln die Hand.

»Sieh', Rosa!« sagte er dann. »Der Oberst will dich sprechen. Auch er will Abschied von dir nehmen, denn nicht umsonst hat uns der Rajah auf den Burghof führen lassen.«

Seufzend blickte Werden dem Mädchen nach, als es zum Obersten ging.

Diesen eben erlebten Augenblick hatte er sich lange ersehnt, oft ihn sich ausgemalt; nun war er endlich da, aber ach! unter welchen Verhältnissen! Denn kaum hatte er sein Glück gefunden, so mußte er es schon wieder verlieren.

»Rosa,« sagte der Oberst zu seinem Liebling, »die Zeit ist kurz, welche wir für uns übrig behalten. Gieb dich nicht mit thörichten Hoffnungen ab, mein Kind! Versuche nicht, mich zu trösten! Ich kenne den Rajah Skindia, er wird unser Leben nicht schonen, und am wenigsten das meinige, denn er haßt mich und hat schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, seinen Rachedurst an mir zu stillen. Wenn jemand verschont bleiben soll, so bist du es; vielleicht erheben einige der indischen Offiziere Einspruch, wenn er auch dich seinem Hasse gegen mich opfern will. Doch sprich, was hattest du vorhin mit Leutnant Werden, Rosa?«

Weinend warf sich das Mädchen an des Obersten Brust.

»Wir lieben uns, Onkel, erst jetzt haben wir es uns gestanden.«

Die Augen des alten Offiziers füllten sich mit Thränen.

»So wird er der glücklichste von uns Männern sein, die aus dem Leben scheiden müssen. Gott will es, daß der Tod das auseinander reißt, was das Leben im letzten Augenblicke zusammenfügte, vertraue ihm, und sei ihm auch dafür dankbar.«

»Ich will und kann nicht glauben,« rief Rosa außer sich, »daß der Rajah etwas Schlimmeres mit uns vor hat, als uns gefangen zu halten. Was haben wir ihm gethan? Hat er nicht in unserem Hause verkehrt, haben wir ihn nicht stets wie einen lieben Freund behandelt, ihn und die anderen seiner Offiziere? O, der unerbittliche Krieg!«

»Der Rajah kommt und Abudahm,« sagte der Oberst bitter, »du wirst gleich hören, welche Freunde wir an ihnen gehabt haben.«

Der Rajah und sein Begleiter traten aus dem Turme.

Langsam, die Arme über die Brust gekreuzt, schritt ersterer auf den Obersten zu. Er hätte ihn schon vorher sprechen können, es aber bis jetzt noch nicht gethan; alles, was dieser Mann seinem Feinde sagen wollte, hatte er für einen Moment aufgehoben, und dieser war jetzt gekommen.

Höhnisch lachend blieb er vor dem Gefaßten stehen.

»Oberst Walton,« begann er, »endlich ist die Stunde gekommen, da ich mit Dir Abrechnung halten kann. Weißt du, was mich dazu trieb, dich bis zum Tod zu hassen, dem du jetzt nicht entgehen wirst?«

Diese Frage hatte der Oberst erwartet.

»Ich weiß,« entgegnete er kalt, »daß ich dich einst ins Gesicht schlug, weil Du mich beleidigtest. Eine andere Handlung, welche ich vor meinem Gott nicht verantworten könnte, habe ich nicht an Dir begangen.«

Wütend fuhr der Rajah auf. Das wollte er nicht hören, denn seine Offiziere standen um ihn herum und erfuhren so, daß er von dem Obersten gezüchtigt worden war.

»Lügner!« donnerte er.

»Du bist ein Lügner,« entgegnete ruhig der Oberst, »deine Behauptung, ich hätte deine Braut verführt, war eine Lüge. Nie hatte dir Lucille angedeutet, daß sie Dein Weib zu werden begehre, ja, sie hat mir oft gesagt, wie sehr sie dich verabscheute. Mit welchem Recht willst du also deine Behauptung verfechten, mit welchem Recht überhaupt Lucille deine Braut nennen?«

»Genug davon,« sagte der Rajah, dem es unangenehm war, in Anwesenheit seiner Leute Wahrheiten hören zu müssen, welche er nicht widerlegen konnte, »hier ist nicht der Platz, über diese Sachen zu sprechen.«

»Weshalb hassest du mich sonst?«

»Ich hasse Dich, wie jeden anderen Engländer, der in unser Land kommt, meine Brüder unterdrückt, aussaugt und sie in Armut zurückläßt, wahrend er selbst als reicher Mann dann in seine Heimat zurückkehrt und dort das Zusammengescharrte verpraßt. Mit welchem Rechte, frage ich dich nun, thut ihr dies?«

Ein beifälliges Gemurmel lief durch die Reihen der zuhörenden, indischen Soldaten; der Rajah wußte, wie man am leichtesten deren Unwillen erregen konnte.

Aber auch der Oberst schwieg verlegen; der Rajah hatte eine Frage gestellt, über deren Lösung so mancher Staatsmann und Gelehrte sich bereits den Kopf zerbrochen, und er war kein Grübler. Der Königin hatte er geschworen, mit Leben und Blut ihr Eigentum zu verteidigen, und sie war Kaiserin von Indien, also war es seine Pflicht, gegen diejenigen zu kämpfen, welche Englands Oberhoheit nicht anerkennen wollten.

»Sieh da,« frohlockte der Rajah, »du selbst findest keine Antwort auf meine Frage, obgleich du seit Jahren nicht nur zugesehen, wie wir Indier geknechtet worden sind, sondern uns selbst als Kerkermeister bewacht hast.« Wieder entstand ein Gemurmel unter den Leuten, diesmal aber war es ein unwilliges. Der Rajah hatte seine Soldaten, auch die Offiziere bald soweit, wie er sie haben wollte, das heißt, bald mußten sie selbst den Tod der Offiziere verlangen.

»Habt ihr, du und deine Offiziere, nicht selbst der Kaiserin von Indien Treue geschworen,« fragte der Oberst, »du und deine Leute? Warum thatet ihr es, wenn ihr sie nicht als eure Gebieterin anerkennen wolltet?«

»Nennt sie nicht unsere Gebieterin,« brauste der Rajah auf, »sprich nicht von einem Schwur! Leisteten wir einen, so war er erzwungen, erpreßt mit einem Entweder oder, es hieß, entweder ihr leistet den Schwur und bleibt in eurer alten Würde und in euren alten Rechten, oder ihr werdet davon enthoben und bekommt ein Gnadengehalt, durch das ihr euch den Schein der mildthätigen Gerechtigkeit geben wolltet.«

Die Entrüstung der Umstehenden wuchs; seit langem hatten sie keine solche Gelegenheit gehabt, ihren Unwillen gegen die Engländer zu zeigen.

Der Oberst hielt es für unter seiner Würde, noch eine Antwort zu geben; seine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen.

Er irrte sich nicht in seiner Wahrnehmung, im Walde blitzte es ab und zu zwischen den Büschen auf. Was mochte das sein? Bald hier, bald da, bald mehrmals an einer Stelle, dann wieder dicht daneben.

Der Oberst stand ebenso, wie die anderen Gefangenen mit dem Rücken der Felswand zugekehrt, die Indier dagegen um sie herum, sodaß sie den Wald nicht beobachten konnten. Der Offizier blickte seine Genossen an, ob auch sie die gleiche Wahrnehmung gemacht hätten, aber dieselben sahen teilnahmlos vor sich hin – doch ja, Horatio richtete plötzlich sein Auge auf den Obersten, und beide sahen sich einen Moment verständnisinnig an, auch er war auf die blitzenden Strahlen aufmerksam geworden.

Die beiden Offiziere wußten, was dieselben bedeuteten, es waren die von blanken Waffen reflektierten Sonnenstrahlen.

Doch ihnen persönlich konnte es nichts mehr nutzen, wenn auch dort ein ganzes Regiment von Soldaten gestanden hätte. Durch Sturm war Parahimbro nicht zu nehmen, selbst wenn die Mauern in Grund und Boden geschossen wurden, und der Indier stirbt lieber, ehe er sich gefangen giebt.

Hoffnungsvoll hefteten bald alle Gefangenen, nicht nur der Oberst, ihre Augen auf den Waldessaum. Ihr Gesichtsausdruck war ein so überraschter, daß sich auch die Indier umdrehten und in Rufe der Verwunderung ausbrachen.

Eben betrat ein Mann den schmalen Felsenpfad, scheinbar zu einem Spaziergang, waffenlos und einfach wie ein Reisender gekleidet. Ohne nur einmal den Schritt zu hemmen, ging er ruhig weiter, bis er etwa fünfzig Meter vor der Zugbrücke stehen blieb und den Arm erhob, zum Zeichen, daß er sprechen wolle. Er selbst konnte die im Fort Befindlichen nicht sehen, dazu war die Mauer zu hoch, aber sie konnten ihn durch die Kanonenpforten beobachten.

»Was will der Mann?« fragte der Rajah erstaunt. »Ein Faringi hier und waffenlos! Will er uns einen Besuch abstatten? Fast scheint es so! Laßt die Zugbrücke nieder, ich werde mit ihm sprechen.«

Rasselnd fiel die Zugbrücke herab, und der Rajah trat vor.

»Bist du der Rajah Skindia?« fragte ihn der Fremde auf englisch.

»Ich bin's, was geht es dich an?«

»Du hast die englischen Offiziere von Sabbulpore in diesen Mauern?«

»Ja, doch nochmals, was kümmert es dich? Bist du ein Engländer?«

»Nein, ich bin kein Engländer; aber jene Offiziere sind meine Freunde. Du hast sie zu einer Jagdpartie eingeladen, und sie sind nicht wieder nach dem Quartier zurückgekehrt. Warum nicht?«

»Weil sie meine Gefangenen sind. Und sie werden auch nicht wieder dahin zurückkehren,« antwortete der Rajah, den diese Unterhaltung, ebenso wie die anderen indischen Offiziere mehr belustigte, als ärgerte.

»Du hast sie hinterlistig gefangen genommen, ohne daß du es verantworten könntest. Ich verlange meine Freunde von dir, nichts weiter! Was du sonst gethan hast, geht mich nichts an.«

Der Rajah lachte laut auf.

»Du scheinst einer jener Reisenden zu sein, welche die Sonne Indiens nicht ertragen können und durch dieselbe auf allerhand seltsame Gedanken gebracht werden.

»Gehe heim, lieber Mann, und kühle deinen Kopf.«

Der andere blieb ungerührt durch diesen Spott.

»So wisse denn, Rajah Skindia,« sagte er und zog seine Uhr hervor, »daß ich dir eine halbe Stunde Bedenkzeit gebe. Ist die Frist verstrichen, und meine Freunde gehen nicht als freie Männer, mit den Waffen, die du ihnen genommen hast, über die Zugbrücke, so nehme ich die Festung im Sturm.«

Er drehte sich um und ging ruhig den Weg zurück, begleitet von dem unaufhörlichen Gelächter der Indier, bis er im Walde wieder verschwand.

»Er ist verrückt,« sagte achselzuckend der Rajah und wandte sich wieder dem Obersten zu. Er war jetzt ärgerlich darüber, daß die Dazwischenkunft des Fremden bei seinen Leuten eine heitere Stimmung hervorgerufen, er hatte das Gegenteil derselben erzielen wollen.

»Nun wieder zu dir,« begann er, »du hast –«

Ein Geschrei unterbrach ihn. Einige Soldaten waren auf die Mauer gesprungen und zeigten mit der Hand nach dem Waldrand, und was man da unten sah, war allerdings geeignet, Bestürzung bei den Indiern, Freude bei den Gefangenen zu erwecken.

Eben kam der Fremde wieder aus dem Walde und hinter ihm, o Wunder, folgten etwa vierzig Männer in Reih und Glied geordnet, das Gewehr vorschriftsmäßig über der Schulter und an der Seite einen Hirschfänger. Gekleidet waren sie in graue Leinwandanzüge und auf den Köpfen trugen sie breitkrempige Strohhüte. Am Fuße des Weges kommandierte der mit einem Degen bewaffnete Führer etwas, und gleichmäßig wurden die Gewehre abgenommen und bei Fuß gesetzt.

Die besten Soldaten hätten nicht besser exerziert.

Die Gefangenen konnten sich diese Erscheinung nicht erklären. Daß Fort Sabbulpore in die Hände des Rajahs gefallen war, hatten sie heute schon unzählige Male hören müssen, aber nicht, daß es ihm bereits wieder abgejagt worden war, ebensowenig, daß sich die anderen Gefangenen befreit hatten. Ueber das eine aber waren sie sich klar, daß die dort – es mochte wohl irgend eine Gesellschaft von Reisenden sein – eine große Thorheit begingen, wenn sie das Fort wirklich stürmen wollten, sie mußten keine Ahnung von der Befestigung Parahimbros haben, denn selbst wenn ihre Zahl zehnmal größer gewesen wäre, hätte doch keiner die Hälfte des Weges lebend zurückgelegt. Den Fremden kannten die Engländer nicht.

Den Indiern entlockte der Anblick dieser Vorbereitung der Leute erst ein Hohngelächter, dann aber entrang sich ihnen ein Wutschrei.

Jedenfalls waren diese Männer verkleidete Soldaten, vielleicht die befreiten Engländer, und im Walde steckten noch einige hundert zu ihrer Unterstützung. Ihre Vermutung, daß die englischen Fremden dabei waren, bestätigte sich, als zwischen den Bäumen einige helle Frauengewänder sichtbar wurden.

»Mögen die Thoren kommen!« rief der Rajah, der jetzt die Leute in der Stimmung glaubte, in der er sie haben wollte. »Vor die Kanonen mit den Gefangenen, wir wollen sie ihren Freunden entgegensenden!«

Ein Jubelschrei begrüßte diesen Befehl, nicht einer war unter den Indiern, der ihn nicht gern gehört hätte.

Die Gefangenen waren Männer, deren Degen schon oft das Blut von Rebellen gefärbt hatte; sie glaubten keine Todesfurcht mehr zu kennen, aber jetzt durchlief doch ein Schauder ihren Körper, aber ihre Mienen blieben unbeweglich.

Im Nu waren sie von den Indiern ergriffen, die Kanonen wurden etwas zurückgezogen, und im nächsten Augenblick waren vor fünf Rohre, deren Mündungen in der Richtung des Weges zeigten, ebensoviele englische Offiziere gebunden.

»Onkel!« schrie in herzzerreißendem Jammer Rosa und wollte an die Brust des alten Mannes stürzen.

Mit roher Faust wurde sie beiseite geschleudert, sodaß sie dicht vor der Bahre des verwundeten Werden zu Boden fiel.

»John,« rief sie weinend und schlang die Arme um den Hals des Leutnants, »giebt es denn noch einen Gott, daß so etwas geschehen kann? Bleibt die Sonne denn noch wirklich am Himmel stehen? John, mein lieber John, sag' mir, daß ich nur träume, oder ich werde wahnsinnig!«

Des jungen Mannes Augen füllten sich mit Thränen, stöhnend richtete er sich halb auf, die Fäuste geballt.

»Mein Gott,« knirschte er, »warum muß ich hier als elender Krüppel hilflos liegen und zusehen, wie meine Kameraden sterben? Warum kann ich nicht mit ihnen den Tod finden?«

Kraftlos brach er wieder zusammen.

»Clarence,« murmelte Horatio unhörbar, »lebe wohl, meine süße Braut, bis wir uns einst wiedersehen werden.«

Unterdes war unten am Wege der Fremde vor den Reihen der etwa vierzig Mann auf- und abgegangen und hatte manchmal nach der Uhr gesehen. Jetzt zog er den Degen und kommandierte, die Flinten wurden auf die Schultern genommen, und die Leute schwenkten ab, um zu zweien den schmalen Weg zu beschreiten, voran der Fremde, den bloßen Degen in der Hand.

Da kam auch noch Unterstützung aus dem Walde – doch nein, es waren nur Frauen, welche sich den Sektionen anschlossen. Alles ging so gemütlich vor sich, als gälte es, einen Spaziergang nach einem Aussichtsthurm zu unternehmen. Die Entfernung war noch viel zu weit für eine Flintenkugel, aber nicht für eine Granate.

»Sie sind es,« rief der Rajah, »die Engländer, welche sich befreit haben und ihre Gefährtinnen. Diesmal werden sie uns nicht entgehen.

»An die Geschütze!«

Die mit der Bedienung der Kanonen betrauten Indier sprangen auf ihre Posten, je einer ergriff eine Abzugsleine, bei deren Ruck der Zünder der Granate aufflammt und diese dem Rohr entfliegt.

Rosa vergrub ihr Gesicht an der Brust des jungen Leutnants, im nächsten Augenblicke mußte der Donner der Geschütze die Festung erbeben machen, die Körper seiner Kameraden wurden in Atome in die Luft geschleudert und jene wagehalsigen Fremden deckten als zerfetzte Leichen den Weg.

Aber die erwartete Katastrophe blieb aus.

Noch ehe der Rajah seinen Mund zum Kommando ›Feuer‹ öffnete, ertönte der peitschenähnliche Knall einiger Büchsen, und wie vom Blitz getroffen sanken die an der Abzugsleine stehenden Soldaten zu Boden.

Entsetzt schauten sich die Indier an. Wer hatte gefeuert, welche von ihnen? Die abergläubischen Indier getrauten sich nicht, sich zu rühren, um wieviel weniger, die Leine wieder in die Hand zu nehmen.

Da deutete einer der Offiziere, der kaltblütigste von ihnen, nach der im Rücken sich über ihnen erhebenden Felswand. Alle wandten die Augen dorthin und sahen etwa ein Dutzend Köpfe über der Wand, den Kolben der Büchse an der Backe.

»Der Felsen ist erstiegen,« rief der Offizier, »herum mit den Kanonen.«

Jetzt löste sich der Bann, der noch auf den Indiern gelegen. Es waren keine Geister, sondern Menschen. Sie stürzten nach den freien Geschützen, mit ihnen der Offizier, aber nur einen Schritt vermochten sie zu thun.

Abermals knatterte eine Salve, und zwölf Leichname lagen am Boden, darunter der des Führers.

Die Ueberlebenden wagten sich nicht mehr zu rühren, sie hatten den zwar nicht gesprochenen, aber deutlich genug gegebenen Befehl verstanden: wer eine Bewegung macht, ist eine Leiche.

»Alles verloren!«

Der Rajah wandte unmerklich den Kopf nach einer Schießscharte und sah, wie die bewaffneten Männer bereits draußen vor der Zugbrücke hielten. Es blieb ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, wie sie wohl die Kluft überwinden würden, denn schon krachten zwei Schüsse, die beiden Taue zerrissen, und schmetternd schlug die Brücke nieder, über welche erst der Fremde und seine Leute, dann die Damen schritten.

Noch waren nicht alle der gebundenen Offiziere von den Kanonen geschnitten, als bereits eine weiße Gestalt auf den Obersten zuflog und an seinem Halse hing.

»Mein Vater!«

»Lucille, mein Kind!«

Mehr ward von ihnen nicht gehört. Selbst die erschrockenen Soldaten sahen nicht ohne Teilnahme auf den alten Mann, der da auf den Knieen lag und sein wiedergefundenes Kind umschlungen hielt.

Plötzlich erschollen auf der hölzernen Brücke die Hufe von Pferden, und in den Burghof sprengte ein hoher, englischer Offizier, begleitet von mehreren anderen.

Alle waren so mit der Szene zwischen Vater und Tochter beschäftigt gewesen, daß niemand gesehen hatte, wie im Thal ein Schwadron Kavallerie angerückt war, deren Kommandeur jetzt in den Hof ritt.

Der Offizier sprang vom Pferde und trat auf den Rajah zu, welcher nicht weit von dem Obersten stand und diesen und dessen Kind mit wutverzerrten Zügen betrachtete.

»Rajah Skindia,« rief der Offizier, »im Namen der Kaiserin von Indien, gieb mir Deinen Degen! Du und Deine Leute, Ihr seid verhaftet.«

Ein heiserer Schrei entrang sich der Kehle des Rajah, wie ein Blitz sprang er nach Lucille, war im nächsten Augenblick auf einer Kanone, neben welcher Rosa gelehnt hatte, und dann oben auf der Mauer, in jedem Arm ein Mädchen, mit halbem Oberkörper schon vornübergeneigt. Der Platz, wo eben Rosa gestanden, war leer.

»So schießt doch,« hohnlachte er, den Kopf zurückwendend, nur den gerade unter ihm liegenden Werden konnte er nicht sehen. »So schießt doch, Ihr verfluchten Engländer, hahaha!«

Keiner getraute sich zu rühren, kaum wagte man zu atmen, der Oberst war stöhnend in die Kniee gesunken – die Situation war entsetzlich.

»Oberst Walton,« fuhr Skindia mit gräßlicher Stimme fort, »glaubtest du schon gewonnen zu haben? Deine Freude war eine voreilige. Nahmst du mir das, was ich liebte, so nehme ich dir das deinige. Sieh her, wie sich ein Rajah noch im Tode zu rächen weiß.«

Ein einziger Schrei gellte von allen Lippen, Skindia, die beiden Mädchen an sich gepreßt, neigte sich vorn über, dem Abgrund zu.

Da wurde er von hinten am Gürtel gefaßt und ihm sein eigener Dolch in den Rücken gestoßen – über der Leiche Skindias lag ohnmächtig der junge Werden, den vom Tiger zerfleischten Arm um Rosa geschlungen.

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