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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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24.

Der Kampf im Flusse

Als der überraschten Jagdgesellschaft von allen Seiten Mündungen von Gewehren entgegenstarrten, sahen die Herren sofort ein, daß Widerstand hier nichts half. Eine einzige, auf Geheiß des Rajahs abgegebene Salve hätte den Boden ringsum mit Toten bedeckt. Willig streckten die Gefangenen die Waffen und ließen es ruhig geschehen, immer von den mit angeschlagenen Gewehren auf den Felsen postierten Indiern, wenigstens hundert Mann, bedroht, daß man ihnen die Hände auf den Rücken band, den Herren sowohl, wie den Damen.

Ein einziges Mal noch blitzte in Lord Harrlington ein Hoffnungsstrahl auf, als am Eingange der Schlucht ein wildes Geschrei erscholl, Schüsse knallten und er den Ruf hörte, daß Jeremy, Horatios Bursche, entflohen sei. Unwillkürlich wollte er die Hände hinter dem Rücken, welche eben erst einmal vom Strick umschlungen waren, wieder auseinanderreißen, aber der vor ihm stehende Indier setzte ihm mit drohender Gebärde die Mündung einer Pistole an die Stirn. Was hätte es ihm und seinen Freunden geholfen, wenn er jetzt starb? Während des Transportes würde sich vielleicht eher als hier eine Gelegenheit zur Flucht bieten.

Außerdem sagte eben der herzukommende Abudahm, dieser elende Verräter, zum Rajah, er habe den Flüchtling mit eigener Hand erschossen. Er habe gesehen, wie derselbe in eine tiefe Schlucht gestürzt sei, zu der es keinen Abstieg gäbe. Also war auch diese Hoffnung, daß Jeremy Hilfe herbeihole, geschwunden.

Harrlington hatte keine Ahnung, daß Jeremy jener Detektiv war, den er mit der Beobachtung und dem Schutze Ellens betraut hatte. Er kannte zwar die seltsamen Gewohnheiten dieses Mannes und wußte, daß derselbe sich immer unter anderer Gestalt demjenigen näherte, für den er sich interessierte, aber unter welcher Maske, das erfuhr selbst Harrlington niemals. Er hielt Jeremy wirklich für den Burschen des Kapitäns, für einen braven und ehrlichen, aber auch sehr beschränkten Menschen. Dennoch ruhte des Lordes einzige Hoffnung jetzt auf dem Detektiven, der Ellen sicher nicht aus den Augen gelassen hatte.

Ebenso wie Harrlington, zweifelten auch die anderen Gefangenen nicht daran, daß der Rajah einen Aufstand im Sinne habe, und um dabei sicher zu gehen, die Offiziere beseitigen und die Gäste derselben als Geißeln behalten wolle.

Bald versammelten sich der Rajah, Abudahm und alle indischen Offiziere, welche an dem Jagdausflug teilgenommen hatten, außer Hörweite der Gefangenen und hielten eine Beratung ab, nach deren Beendigung die bewaffneten Eingeborenen von den Wänden der Schlucht herabgerufen wurden.

Es waren, wie der erfahrene Harrlington sofort sah, nicht nur Eingeborene aus der Umgegend, sondern die Hälfte von ihnen hatte ihre Heimat in den Bergen, welche sich im Norden der Provinz Heiderabad erheben. Ihr Wuchs ist größer und stärker, als der jener Landbebauer, und dann unterscheiden sie sich auch durch die Waffen von letzteren. Während diese moderne Gewehre mit Bajonetten führen, tragen die Bergbewohner alte Feuersteinflinten und die gefährlichen, krummen Säbel, welche mit glatten oder ausgezackten Klingen von eingeborenen Waffenschmieden hergestellt werden.

Der Rajah und Abudahm ordneten den Zug, dessen Endziel natürlich keiner der Gefangenen kannte.

Voraus ritt der Rajah selbst, neben ihm Abudahm und die übrigen indischen Offiziere, sich eifrig unterhaltend. Ihnen schlossen sich die Eingeborenen von Sabbulpore an, welche zu Fuß gekommen waren, nun aber auf den Pferden der Gefangenen saßen und den Obersten, dessen Nichte Rosa und die übrigen englischen Offiziere scharf bewachten. Hinterher schritten die zur Jagd mitgenommenen Treiber, welche abwechselnd die aus Zweigen geflochtene Bahre trugen, auf welcher der noch immer bewußtlose Werden lag, und den Schluß endeten die Herren vom ›Amor‹ und die Vestalinnen, unter der Aufsicht der ebenfalls gleich den Gefangenen zu Fuß gehenden Bergbewohner. Es hatte sich zufällig so gefügt, daß Ellen mit dem neben ihr gehenden Wächter die letzte des langen Zuges war.

Eine Stunde mochte der Marsch schon gedauert haben, der meist immer zwischen Hügeln durchführte, als der voranreitende Rajah sein Pferd zügelte und mit seinen Begleitern eine lange Unterredung hielt. Sie mußten in irgend einem Punkte nicht übereinstimmen, denn namentlich Abudahm begleitete seine Rede mit lebhaften Gestikulationen, aber immer wieder setzte der Rajah dessen vorgebrachten Ratschlägen ein verneinendes Kopfschütteln entgegen.

Dann wurde der Anführer der fremden Indier, ein großer, muskulöser Mann, zu der Gruppe gerufen und mußte eine lange Auseinandersetzung anhören, worauf er zu seinen Leuten zurückkehrte und mit den von ihnen bewachten Gefangenen links in ein Hügelthal einbog, während der Rajah und seine Offiziere mit den gut bewaffneten Indiern und den gebundenen englischen Offizieren nach rechts abschwenkten.

Von Harrlingtons Herzen fiel eine Centnerlast.

Er hatte aus den Bewegungen Abudahms ganz richtig erraten, daß dieser äußerst mißtrauische Mann auf eine Trennung der gefangenen Gäste bestand, aber der Rajah aus irgend einem anderen Grunde nicht darauf eingehen wollte. Er nahm nur die englischen Offiziere mit sich und überließ die übrigen der Wachsamkeit der Bergbewohner.

Ebenso wie Harrlington, atmeten auch dessen Gefährten erleichtert auf, als sie merkten, daß sie nicht voneinander getrennt werden sollten.

Nicht ein einziger war unter den Gefangenen, die jetzt wieder bergauf, bergab, durch Wälder und Wiesenflächen geführt wurden, der sich nicht mit den Gedanken abgequält hätte, wie eine Flucht möglich wäre. Aber nirgends war eine Möglichkeit dazu vorhanden: die Banden waren so fest geschnürt und die Stricke bestanden aus dickem Hanf, sodaß selbst der riesige Hastings sie nicht zu sprengen vermocht hätte. Außerdem waren sie waffenlos, ihre Jagdbüchsen hatten die Indier an sich genommen, und selbst wenn sie frei gewesen wären, war es doch keine so leichte Sache, die fünfzig kräftigen Indier, die alle gut bewaffnet waren, zu überwältigen.

Lord Harrlington war der erste, welcher versuchte, mit seinem Wächter eine Unterhaltung anzuknüpfen, und der braune Bursche, der sich langweilte, ging sofort darauf ein.

»Wohin werden wir geführt?« fragte ihn der Lord.

»Ich weiß nicht, Sahib, jedenfalls in die Berge.«

»Warum sind wir gefangen genommen worden?«

»Unser Rajah, der ein Freund von Skindia ist, hat uns fünfzig Mann hierhergeschickt, mit dem Geheiß, dem Skindia in allen Befehlen nachzukommen. Das haben wir auch gethan.«

»Fürchtet Ihr Euch nicht vor der Strafe, die Euch treffen wird, wenn das englische Gouvernement von unserer Gefangennahme hört?«

Der Indier lachte höhnisch auf.

»Die Engländer werden ihre Rolle hier bald ausgespielt haben,« entgegnete er, »in einigen Tagen erheben sich alle Indier mit einem Male, und sie werden das Häufchen Engländer wie einen Wurm zertreten.«

Also das war es, was diesen Rajah zu der Gefangennahme den Mut gab. Eben wollte Harrlington den Indier weiter ausforschen, als dieser von selbst in triumphierendem Tone fortfuhr:

»Noch heute fällt Sabbulpore, und mit ihm geraten alle darin befindlichen Offiziere und englischen Soldaten in die Hände des Rajah Skindia. Vielleicht weht schon jetzt die britische Flagge nicht mehr auf der Festung.«

Harrlington schrak zusammen.

Wie, also schon so weit war die Empörung gediehen? Er hatte gehofft, daß sich die Besatzung von Sabbulpore über das Ausbleiben der Jagdgesellschaft ängstigen und Nachforschungen anstellen würde, so aber war ihnen die letzte Aussicht genommen, durch andere als durch eigene Hilfe sich zu befreien. Wie aber sollte man dies anfangen?

Ohne Zweifel wurden sie alle in die Berge geschleppt, jede von ihnen hinterlassene Spur verwischt, und sie getrennt in Verstecken als Geißeln festgehalten. Jene Berge waren durchzogen von Höhlen, welche nur den dortigen Bewohnern bekannt waren.

Ebenso wie sie, wurden vielleicht in ganz Indien andere zu Geißeln gemacht, gingen die Engländer auf die ihnen gestellten Bedingungen ein, das heißt, räumten sie Indien, so wurden die Gefangenen freigelassen, nahmen jene aber den Kampf auf und fiel dieser zu ihren Gunsten aus, so mußten die Köpfe der Geißeln unbedingt fallen. Das waren traurige Aussichten.

Finster schritt Harrlington neben seinem Wächter her. –

Auch Ellen hatte vergebens den Kopf angestrengt, ein Mittel zur Befreiung zu finden, es fiel ihr keines ein.

Da merkte sie plötzlich, wie ihr Wächter sie öfters längere Zeit aufmerksam betrachtete. Er mochte für das schöne Mädchen, zu dessen Schütze er auserkoren worden, Teilnahme, oder vielleicht mehr als das empfinden.

Sofort beschloß Ellen, darauf einen Fluchtplan zu gründen, denn wenn nur einer von den Gefangenen entflohen war, so war schon viel gewonnen.

»Sprichst du englisch?« fragte sie den Indier.

Er schüttelte verneinend den Kopf.

Das war schade, sonst hätte ihm Ellen etwas Interessantes erzählt, wodurch sie seine Aufmerksamkeit ablenken konnte.

So aber verging fast noch eine Stunde, ehe sie sich einen Plan zurechtgelegt hatte, nach dem sie ihre Befreiung und vielleicht auch die der anderen bewirken konnte.

Die Sonne stieg immer höher und sandte ihre glühenden Strahlen auf die Gefangenen, welche die Hitze nicht so gewohnt waren, wie die Eingeborenen.

Ellen begann leise zu stöhnen und sah, wie sie ihr Wächter wieder mitleidig betrachtete.

»O,« seufzte sie, »die Stricke schmerzen mich.«

Wieder stöhnte sie mehrere Male auf, um das Mitleid ihres Wächters noch mehr zu erregen. Sie versuchte etwas zurückzubleiben, und als letzte gelang ihr dies auch.

Der Indier wandte sich zu ihr und sprach sie an, aber leider verstand sie ihn nicht. Ellen begnügte sich damit, ein recht schmerzhaftes Gesicht zu ziehen und von Zeit zu Zeit zu jammern.

Da, fast konnte sie einen Freudenruf nicht unterdrücken, legte der Indier bedeutungsvoll den Finger auf den Mund, schaute sie an und zog das Messer aus dem Gürtel. Im nächsten Augenblicke fielen die Bande von Ellens Händen, aber er hielt sie noch zusammen und schaute das Mädchen an, eine Gebärde machend, die zum Schweigen mahnte.

Ellen hatte verstanden, sie sollte die Hände auf dem Rücken so liegen lassen, als wären sie noch gebunden, denn da sie die letzte im Zuge war, so konnte niemand diese ihr gewährte Freiheit bemerken.

Noch wußte sie nicht, wie sie eine Flucht bewerkstelligen konnte, aber schon betrachtete sie mitleidig den gutmütigen Burschen neben ihr; denn zur Erlangung der Freiheit war es jedenfalls nötig, daß er sein Leben lassen mußte. Vorläufig zögerte sie, irgendwelchen Gebrauch von ihren freien Händen zu machen, eine günstige Gelegenheit dazu mußte erst abgewartet werden.

Bei einer Biegung des Weges orientierte sie sich, wie die einzelnen Personen im Zuge verteilt waren. Gleich einer der ersteren war Lord Hastings, von diesem nur durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, kam Lord Harrlington, hierauf Johanna, dann Miß Murray, dicht hinter dieser Hendricks, und der nächste vor ihr war John Davids, der zweite Steuermann des ›Amor‹, ein ruhiger, stiller Mann, welcher sich nur bemerkbar machte, wenn seine Dienste gebraucht wurden. Diese genannten Personen waren diejenigen, deren Stellung im Zuge sich Ellen merkte, denn von ihnen hoffte sie am meisten Unterstützung zu finden. Sehr froh war sie, daß gerade der besonnene und schnell entschlossene Davids vor ihr ging.

Da erglänzte in der Ferne der Spiegel eines breiten Flusses.

»Wenn wir diesen passieren,« dachte Ellen, »so ist dies der günstigste Augenblick, den ich zu einer Flucht finden kann. Die Wächter müssen beim Durchschreiten des Wassers in der einen Hand die Flinte, in der anderen die Pistole hochhalten, sodaß sie keine Hand frei haben. Ich bleibe etwas zurück, und in dem Augenblick, da der Wächter Davids beide Arme hochhält, stoße ich meinen Führer nieder, nehme ihm die Waffen ab und laufe dort in jenes Gebüsch. Das Plätschern des Wassers kann vielleicht meine Flucht unbemerkbar machen, wenn nicht, so werde ich mich auch etwaiger Verfolger zu erwehren wissen, und bin ich erst in Sicherheit, so ist schon viel gewonnen.«

Aber es sollte anders kommen, als Ellen gedacht hatte.

Am Ufer des Flußbettes hielt der Führer und besprach sich mit dem hinter ihm gehenden Indier. Dieser deutete auf eine nicht weit entfernte Stelle des Uferrandes, und sofort schritt ersterer darauf zu. Jedenfalls befand sich dort eine Furt, dachte Ellen.

Mit zusammengepreßten Lippen, alle Muskeln anspannend, aber die Hände immer noch auf dem Rücken, sah sie zu, wie einer der Wächter nach dem anderen ins Wasser schritt, das ihm bis zur Brust reichte, Flinte und Pistole hochhielt und neben seinem Gefangenen dem anderen Ufer zustrebte.

Nur noch acht Paare waren außer ihr am Land, Ellen überzeugte sich mit einem Seitenblick, wo das Messer ihres Wächters stak. Betrat Davids das Wasser, so mußte es in ihrer Hand sein, und der Leichnam seines Besitzers rollte den Abhang hinunter.

Doch, was war das?

Die ersten Gruppen hatten das jenseitige Ufer fast erreicht, da entstand in der Mitte des Flusses ein Getümmel, der Zug staute sich, und Ellen sah, wie Lord Hastings seinen Führer unter Wasser drückte und dessen Messer einem anderen herzueilenden Indier in die Brust stieß.

Dem herkulischen Lord war es gelungen, schon unterwegs seine Bande nach und nach zu lockern, und während das bis zur Brust reichende Wasser seine Anstrengungen verbarg, hatte er die Stricke völlig gesprengt.

Die am weitesten vorn befindlichen Wächter drehten sich um, die hinten im Wasser stehenden eilten nach vorn, um den kühnen Mann wieder zu bändigen. Auch Ellens Begleiter wollte ins Wasser springen, da aber riß eine Hand ihm das Messer aus dem Gürtel und stieß es ihm bis ans Heft in den Rücken.

Röchelnd brach er zusammen.

Im nächsten Augenblick fühlte Davids, wie seine Fesseln durchschnitten, wie ihm der Griff eines Schwertes in die Hand gedrückt wurde, und er hörte Ellens Stimme rufen:

»Erst die anderen frei.«

Jeder Schnitt löste die Stricke von zwei Händen. Was schadete es, wenn das scharfe Messer dabei das Fleisch streifte? Nur immer schnell von einem zum anderen geeilt und den Stahl kräftig über die Stricke gleiten lassen.

Um Hastings hatten sich fast alle die Indier geschart, den Wütenden zu bändigen; wer noch nicht zur Stelle war, eilte so schnell wie möglich dorthin, an die anderen Gefangenen dachte in diesem Augenblick niemand – die waren ja noch gefesselt.

Da wurden die Indier plötzlich von hinten umschlungen, die Messer wurden ihnen aus den Gürteln gerissen und ihnen in die Brust gestoßen; sehnige Finger legten sich mit eisernem Griff um die Kehlen der Ueberraschten, sie wurden unter das Wasser gedrückt, und nur ein Gurgeln verriet, daß soeben eine Seele dem Körper entflohen war.

Die entsetzten Wächter erkannten jetzt, daß alle Gefangenen frei waren; sie griffen nach den Waffen, aber zu spät. Mann gegen Mann standen sie sich schon gegenüber, kein Schuß ward hörbar, die Männer wie die Frauen kannten kein Mitleid. Wer von den Indiern den Dolch gegen einen waffenlosen Engländer zückte, der erhielt von diesem einen Faustschlag, daß er mit zerschmetterter Kinnlade im Wasser verschwand; wer gegen ein Mädchen die Pistole erhob, der sank im nächsten Augenblick mit einem Schmerzensschrei zurück. Nicht ein einziger der Indier erreichte das Ufer; das blutgefärbte Wasser schwemmte ihre Leichen mit fort.

Fünf Minuten hatte dieser Kampf nur gewährt, dann standen die Geretteten wieder am Ufer, zwar mit Wunden bedeckt, aber doch frei. Die Gefühle, die ihre Herzen erregten, als sie sich nun die Hände schüttelten, lassen sich nicht beschreiben.

Der erste, der an die Zukunft dachte, war Harrlington.

»Was nun?« fragte er seine Genossen. »Frei sind wir zwar, aber wir haben wenig Aussicht, uns lange dieser Freiheit zu erfreuen. Wie ich vorhin gehört habe, ist Fort Sabbulpore bereits vom Rajah genommen, so können wir also dort keine Hilfe erwarten.«

»Was brauchen wir Hilfe?« entschied Ellen. »Wir sind fünfundfünfzig Personen, alle bewaffnet wenn auch schlecht. Unsere erste Pflicht ist, dem Rajah die Gefangenen abzujagen. Ich möchte doch diese Indier sehen, wenn wir einige Salven auf sie abgeben, sie würden unserem Angriff nicht lange stand halten.«

»Wir wissen aber nicht, wohin sich der Rajah gewendet hat,« entgegnete Harrlington dem feurigen Mädchen. »Nein, wir wollen erst das Fort Sabbulpore den Indiern wieder nehmen, unmöglich ist dies nicht. Die Feinde glauben uns weit entfernt und sich in Sicherheit, und wenn wir dann wie ein Gewittersturm bei Nacht hervorbrechen, so halten sie uns für englisches Militär, und die Ueberraschten werden nicht lange Widerstand leisten!«

»Aber der Oberst, Rosa und die gefangenen Offiziere?«

»Entweder sind diese bereits im Fort, oder wir erfahren doch wenigstens dort, wo sie gefangen gehalten werden.«

Alle übrigen waren mit diesem Vorschlag einverstanden und traten, nachdem sie sich die beim Kampf empfangenen Wunden notdürftig verbunden hatten, ohne Säumen den Rückweg an. Harrlington kannte die Gegend einigermaßen von früherher und diente als Führer.

Schnell, aber vorsichtig bewegte sich der Zug vorwärts, ebenso, wie vorhin ihre Wächter, um jedes Dorf einen großen Umweg machend, damit die Kunde von ihrer Befreiung und Rückkehr ja nicht vor ihnen nach Sabbulpore käme und somit ihr beabsichtigter Plan vereitelt würde.

Es war Nachmittag, als sie in der Ferne die Bergfestung liegen sahen, und es wurde beschlossen, bis zum Anbruch der Dunkelheit sich in einem mit Unterholz dicht bewachsenen Wäldchen verborgen zu halten und sich auszuruhen, um zu dem in der Nacht vorzunehmenden Wagnis Kräfte zu sammeln.

Harrlington bat zwar, die Damen möchten sich nicht bei der Ueberrumpelung des Forts beteiligen, sie könnten sich auch dadurch sehr nützlich machen, daß sie den Stürmenden den Rücken deckten, aber er wußte schon vorher, daß er dabei auf Widerstand stoßen würde. Nicht nur die Mädchen, sondern auch die meisten seiner Freunde verwarfen diese Bitte, ja, sogar Hastings, der sonst von den Fähigkeiten des weiblichen Geschlechtes etwas geringschätzend dachte, erklärte dem Lord ganz energisch, daß er seit dem Kampf im Fluß die Vestalinnen vollständig als ihm ebenbürtig betrachte und jede Zurücksetzung derselben als eine Beleidigung gegen sich selbst auffasse.

Als die Dunkelheit einbrach, rüsteten sich die Genossen zum Kampf. Noch einmal verbanden sie sich die Wunden, setzten die Waffen in stand und schlichen sich an das Fort heran. Ein richtiger Kriegsplan, wie sie einen heftigen Angriff mit List verbinden wollten, sollte erst kurz vor dem Beginn des Kampfes besprochen werden.

Plötzlich hemmten die Vorausgehenden ihren Schritt und deuteten nach einer bestimmten Stelle. Deutlich konnte man wahrnehmen, daß dort einige Feuer brannten, und beim Näherschleichen bemerkte man, daß man nicht, wie man erst annahm, Wachtfeuer von Eingeborenen vor sich hatte, sondern daß dort Gruppen von Weißen lagerten.

»Wer da?« hallte ein Ruf durch die Nacht.

Vor Harrlington sprang ein Mann auf und hielt das Gewehr gegen ihn.

Die Frage war auf englisch gestellt worden.

»Engländer,« entgegnete Harrlington freudig, »Gott sei Dank, wir treffen auf englische Soldaten.«

Wie waren sie aber erstaunt, als sie in einem der drei ihnen entgegenkommenden Männern Felix Hoffmann, den Kapitän des ›Blitz‹ erkannten, der hier mit vierzig Mann seines Schiffes lag!

Bald hatten sie sich verständigt; diejenigen der Engländer, denen die empfangenen Wunden am wenigsten hinderlich waren, brachen sofort unter Führung des Lord Harrlington nach Parahimbro auf, während sich die übrigen mit den Mädchen der Expedition Hoffmanns gegen die Festung von Sabbulpore anschlossen.

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