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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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23.

Das Lager im Walde.

Acht englische Meilen von Sabbulpore breitet sich ein dichter Wald aus. Herden von Affen treiben in den Bäumen ihr Wesen, unternehmen von hier aus am Tage Raubzüge nach den Reisfeldern der Eingeborenen und verträumen die Nacht in sicheren Verstecken.

Aber diese Nacht konnten sie keine Ruhe finden, denn in dem sonst so stillen Walde herrschte ein reges Leben. Ueberall brannten Feuer, hier und da erhob sich ein kleines Leinwandzelt, und Wachtposten patroullierten am Waldessaum auf und ab, gegenseitig, wenn sie sich auf Rufweite genähert hatten, einige Worte wechselnd.

In einem der Zelte saß ein hoher Mann mit langem Vollbarte, ihm gegenüber ein junges Mädchen, dessen Gesichtszüge die einer Indierin waren, obgleich sie nach europäischer Art gekleidet war.

»Wie ich schon sagte,« fuhr das Mädchen in einer begonnenen Erzählung fort, »war meine Mutter eine Indierin aus einem sehr vornehmen Geschlechte, nahe verwandt mit dem des Skindia. Es wurde oftmals gesagt, daß dieser herrschsüchtige Rajah in früheren Jahren sich viel um die Liebe meiner Mutter beworben habe, welche aber bereits die Neigung meines Vaters, damals Kapitän in Sabbulpore, erwiderte. Ich weiß nicht, ob dies wahr ist, jedenfalls aber bemerkte ich öfter, daß der Rajah gegen meinen Vater einen heimlichen Haß trug.

»Es war kurz vor dem großen Aufstande, den die Engländer mit vieler Mühe niederwarfen, als ich zufällig eine Unterredung zwischen Skindia und meinem Vater mit anhörte. Mein Vater, Kapitän Walton, beschuldigte den Rajah, daß er seine eingeborenen Soldaten nicht gehörig in Ordnung halte und allerlei fremde Elemente unter seinen Leuten dulde; der Rajah entgegnete unhöflich, es kam zum Wortwechsel, der schließlich so heftig wurde, daß der Rajah meinen Vater einen Hund nannte, der ihm die Braut verführt habe. Ich stand im Nebenzimmer und hörte deutlich, daß ein klatschender Schlag fiel. Kapitän Walton hatte den Rajah wegen dieser Beleidigung gezüchtigt.

»In unserem Hause lebte eine Verwandte meines Vaters, die Tochter eines Franzosen, ihr Name war Evelyn Valois. Diese, obgleich damals erst achtzehn Jahre alt, also acht Jahre älter als ich, besaß einen ungeheuer herrschsüchtigen Charakter, wie sie überhaupt Neigungen hatte, die man sonst nicht bei jungen Mädchen findet. Obgleich wir natürlich viel zusammen verkehrten, merkte ich doch von Zeit zu Zeit, daß sie gegen mich, die ich einen, wie sie manchmal scherzhaft sagte, sehr losen Mund besaß, Mißtrauen zeigte. Sie gab sich sehr viel mit den indischen Offizieren ab, die entweder dienstlich oder gesellschaftlich in das Haus kamen, und mir fiel oft auf, daß Evelyn sofort zu sprechen aufhörte, sobald ich mich ihr und dem betreffenden Offizier, mit dem sie sich gerade unterhielt, näherte. Im übrigen behandelte sie mich wie ein Kind, überhäufte mich einmal mit Schmeicheleien, das andere Mal schalt sie mich ein neugieriges, eigensinniges Geschöpf.

»Mein Vater wünschte also, daß ich auf Besuch zu Verwandten nach Kalkutta reisen sollte. Damals wußte ich noch nicht, was für drohende Wolken über Indien schwebten. Ich glaubte eben, wie mein Vater sagte, daß er selbst und die Mutter bald nachkommen würden. Ich verbrachte den letzten Abend in meiner Heimat in dem Garten, den ich so liebgewonnen hatte. Jeden Baum kannte ich, jede Blume schien mir ein Lebewohl zuzuwinken, als wollte sie sagen, auf Nimmerwiedersehen! In diesem Garten war ich aufgewachsen, hier hatte ich zwischen den Beeten gespielt, behütet von meiner Mutter.«

Dem Mädchen traten die Thränen in die Augen. Der Herr wartete rücksichtsvoll, bis es sich wieder beruhigt hatte.

»Doch ich schweife ab,« fuhr es endlich fort. »Ich ging durch die Anlagen, entfernte mich, in Gedanken versunken, immer weiter von dem Hause, bis ich ein kleines Orangenwäldchen erreichte. Es war mir streng verboten worden, mich so weit vom Hause zu entfernen, weil die Gegend von Eingeborenen durchstreift wurde. Da sah ich, wie ich so langsam zwischen den Bäumen wandelte, Evelyns Gestalt neben einem Indier stehen, mit dem sie sich eifrig unterhielt. Das wäre ja nichts besonderes gewesen, aber eben jener Mann war früher Diener meines Vaters gewesen, der ihn wegen verschiedener Diebstähle weggejagt hatte.

»Es war nicht meine Absicht, die Lauscherin zu spielen, so hustete ich einige Male, um meine Anwesenheit zu verraten; Evelyn drehte sich um, und ich sah, wie sie bis an die Lippen erbleichte. Sofort verschwand der Mann neben ihr im Gebüsch.

»Heftig fuhr sie mich an, was ich hier zu suchen habe. Aber auf meine trotzige Antwort, ich könne hingehen, wohin ich wolle, ward sie mit einem Male wunderbar freundlich, küßte mich, und sagte, ich sollte dem Vater nicht verraten, daß sie mit jenem Manne, seinem früheren Diener, gesprochen. Es dauere sie so sehr, daß nun der arme Kerl in Armut geraten sei, und sie stecke ihm manchmal etwas zu.

»Das war sonst Evelyns Art nicht, aber ich glaubte ihr. Nur fiel es mir auf, daß sie sich die letzten Stunden, die ich im elterlichen Hause verbrachte, immer an meiner Seite hielt, nie, auch in der Minute des Abschieds, ließ sie mich weder mit dem Vater noch mit der Mutter ein Wort allein wechseln.

»Ach, hatte ich damals ahnen können, daß ich meine Mutter nie wiedersehen würde!«

Wieder brach das Mädchen in Thränen aus.

»Denken Sie an die Freude Ihres Vaters, wenn er seine Tochter wieder in die Arme schließen kann,« sagte der Herr liebevoll zu ihr. »Spielte der Mann, der Diener Ihres Vaters, irgend eine Rolle bei Ihrer Entführung auf dem Wege nach Kalkutta?«

Das Mädchen nickte unter Thränen.

»Er war es, welcher die Indier anführte, die die uns zum Schutze mitgegebenen englischen Soldaten niedermetzelten. Er blieb auch bei mir, bis ich in Madras auf ein Schiff gebracht wurde.«

»Aber Sie konnten sich über die Behandlung nicht beklagen, welche Sie in dem türkischen Hause genossen?«

»Nein, ich wurde als ein Spielzeug, als Zeitvertreib betrachtet. Erst als die alte Dame starb und ihr ganzes Haus sich auflöste, sollte für mich eine schlimme Zeit beginnen. Der geizige Sklavenhändler in Konstantinopel ließ uns hungern und dürsten. Und als ich dann nach Smyrna verkauft werden sollte, ging ich oft mit dem Gedanken um, mich selbst zu töten. Ich hätte es auch gethan, hätten uns nicht die amerikanischen Damen befreit. Wie lange dauert es noch, bis ich meinen Vater wiedersehen kann? Wie lange bleiben die Damen aus? Man sagte mir doch, sie würden uns mit meinem Vater entgegenkommen.«

»Noch einige Tage,« tröstete sie der Mann, »ich selbst weiß nicht, was der Grund zu dieser langen Verzögerung ist, jedenfalls liegen –«

Plötzlich ward der Zeltvorhang zurückgeschlagen, und ein junger Bursche trat ein.

»Kapitän,« meldete er und schien sehr erfreut, denn er lachte vor Vergnügen im ganzen Gesicht. »Georg, Nummer zwei ist eingetroffen und verlangt, Sie sofort zu sprechen.«

»Endlich,« rief der Herr und sprang auf, »kommt er allein? Zu Fuß oder zu Pferd?«

»Er hat zwei andere bei sich, alle zu Pferd, und die Tiere triefen vor Schweiß.«

»Wollen Sie einstweilen in Ihr Zelt gehen, Miß Walton?« bat er das junge Mädchen. »Ich habe eine Unterredung mit einem von mir abgesandten Boten abzuhalten. Hoffentlich kann ich Ihnen dann frohe Botschaft bringen.«

Das Mädchen erhob sich, da aber ward wieder der Zeltvorhang zurückgeschlagen, und zwei Männer traten ins Zelt, der eine ein englischer Soldat im Tropenanzug, der andere ein Indier. Im Eingange des Zeltes wandte sich ersterer um und sagte:

»Kommen Sie nur herein, Sie werden alte Bekannte treffen.«

Halb mit Gewalt schleppte er eine Weibsperson in das Zelt, die Hände auf den Rücken gebunden, die Kleider mit Kot und Schmutz bedeckt.

»Hier, Herr Hoffmann,« fuhr er fort, »ein sehr wertvoller Fang, der uns manches Rätsel lösen wird.«

Beim Anblick des Weibes war Lucille, die von Ellen aus der Sklaverei befreite Tochter des Obersten Walton, mit einem Schrei emporgefahren.

»Evelyn!« rief sie mit namenlosem Erstaunen. »Ist es möglich?«

Die Gerufene rührte sich nicht. Die Lippen fest zusammengepreßt, die Augen starr auf den Boden geheftet, so stand sie da und schien die im Zelt Anwesenden gar nicht zu beachten. Nur ein scharfer Beobachter, wie der Detektiv, konnte bemerken, daß sie das Mädchen, welches sie vor fünf Jahren aus dem Wege räumen wollte, wiedererkannt hatte. Eine plötzliche, über ihr Gesicht ziehende Blässe hatte es verraten.

»Evelyn,« sagte Lucille wieder, als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte. »Kennst du mich nicht mehr?«

Unbeweglich stand die Gebundene. Lucille näherte sich ihr, das Mädchen fühlte doch Mitleid mit jener, die es erst ins Elend gestürzt hatte; aber ihr Aussehen, das Gesicht mit blutigen Schrammen bedeckt, das Kleid mit dem Lehm der Straße besudelt, zeigten ihm, was dieselbe in der letzten Zeit durchgemacht haben mußte. Ein heißes Gefühl des Mitleides stieg plötzlich in dem Herzen des jungen Mädchens auf.

Es wollte Evelyn sanft die Hand auf die Schulter legen, es wollte ihr sagen, daß es ihr verzeihe, für sie bitten wolle, was sie auch gethan haben möge, da aber wandte sich jene mit einer solchen Gebärde des Abscheues ab, daß Lucille bestürzt zurückfuhr.

»Lassen Sie nur, liebes Fräulein!« unterbrach der Detektiv diese Szene. »Diese Person verdient es nicht, daß Sie sich mit ihr abgeben. Herr Hoffmann, bitten Sie Miß Lucille, daß sie sich für einige Minuten aus dem Zelte begiebt, ich habe Ihnen einige Mitteilungen zu machen.«

Schweigend verließ Lucille das Zelt, im Vorbeigehen einen traurigen Blick auf ihre Verwandte werfend. Alle diese Vorgänge waren ihr ein Rätsel.

»Mister Sharp,« begann sofort nach ihrer Entfernung der Ingenieur, »erst einige Fragen: Wer ist dieser Indier?«

»Sir Williams, vom Bord des ›Amor‹,« antwortete Williams für sich selbst; er war merkwürdig ernst geworden, »die weitere Erklärung gebe ich Ihnen nachher. Fragen Sie weiter!«

»Gut! Wie kommt es, daß diese Dame so beschmutzt und arg zugerichtet ist?«

»Sie ist unterwegs einige Male vom Pferde gefallen,« antwortete der Detektiv rauh, »ich hatte keine Stricke bei mir, um sie festzubinden.«

Der Ingenieur warf dem Sprecher einen unfreundlichen Blick zu.

»Ihre Rücksichtslosigkeit scheint keine Grenzen zu kennen,« sagte er finster, »wenn das Weib auch eine Verbrecherin ist, so hätten Sie sie doch als Mensch besser behandeln sollen.«

»Rücksicht hin, Rücksicht her,« murrte Sharp, »es ist genug Zartgefühl von mir, daß ich für sie ein Pferd gestohlen habe. Fragen Sie diesen Herrn, ob vielleicht die Dame ihm gegenüber Rücksicht geübt hat?«

Er deutete auf Charles, der in Kürze erzählte, wie ihn der Detektiv vor Evelyns Dolch beschützt hatte.

»Was ist denn vorgekommen, daß diese Sachen alle passiert sind?« fragte Hoffmann verwundert.

»Sie haben uns mit Ihren Fragen aufgehalten,« entgegnete Sharp. »Der heutige Tag ist ein sehr ereignisvoller: Fort Sabbulpore ist von den Indiern genommen, das heißt, die auf ihm befindlichen Offiziere und englischen Soldaten sind von jenen überrumpelt worden, um Waffen für den Aufstand, der in einigen Tagen hier zuerst losbrechen soll, zu bekommen. Die englischen Herren vom ›Amor‹ und die Vestalinnen sind bei einem Jagdausflug von dem Rajah gefangen genommen worden und der Oberst und einige Offiziere mit ihnen. Wo sie sich jetzt befinden, werde ich nachher erfahren.«

Der Ingenieur mußte sich mit der Hand auf den Tisch stützen, so gelähmt war er durch diese Nachrichten, die der Detektiv im ruhigsten Geschäftstone vorbrachte.

»Was?« fragte er endlich, als er wieder Worte fand. »Und Sie haben es nicht verhindert?«

Der Detektiv brach in ein kurzes Lachen aus.

»Verzeihen Sie, Herr Hoffmann, aber Sie wissen nicht, was Sie sagen! Halten Sie mich vielleicht für einen Gott, daß ich alles wissen soll? Nein,« fuhr er ernst fort, »ich hatte wohl eine Ahnung davon, daß etwas in der Luft lag, eine kleine Empörung oder so etwas Aehnliches, aber ich wäre ausgelacht worden, wenn ich den Offizieren damit gekommen wäre. Gestern abend räumte ich den Schreibsekretär dieser – Dame, wie Sie sagen – aus und hoffte etwas Wichtiges in betreff einer Verschwörung zu finden. Aber die Papiere enthalten nichts davon. Dagegen habe ich jetzt Briefe in den Händen, welche beweisen, daß Evelyn Valois mit die Veranlassung gegeben hat, Lucille entführen zu lassen. Dieser Plan ging hauptsächlich vom Rajah aus, welcher den Oberst glühend haßt, und da Evelyn dem Mädchen auch nicht wohlgesinnt war, überhaupt die Engländer haßt, dagegen mit den Indiern gemeinsame Sache macht, so beauftragte er sie mit der Ausführung des Mädchenraubes.«

»Wer beauftragte Sie, die Briefschaften Evelyns zu visitieren?«

»Niemand. Ich wußte aber, daß Sir Williams hier das Thun und Treiben des Rajahs, Evelyns u. s. w. beobachten sollte, um zu erfahren, wer die Veranlassung zu dem Verbrechen gegeben habe. Aus zweiter Hand erfuhr ich Lucilles Schicksal, und sofort ward mir klar, daß Evelyn dabei eine Hauptrolle spielte. Ich interessierte mich so für das Mädchen, daß ich beschloß, nähere Bekanntschaft mit ihm anzuknüpfen, was mir auch gelang. Allerdings habe ich gehofft, wichtige Sachen für mich in dem Schreibsekretär zu finden, aber es war nichts. Er gab nicht einmal genügend Zeugnis davon, daß sie bei der Verschwörung beteiligt ist, doch jetzt ist dies ja bewiesen.«

»Und die englischen Herren, die Damen, der Oberst? Wo sind sie?«

»Weiß nicht; diese wird uns darüber Auskunft geben. Sehen Sie, wie Sie sich schon darauf freut.«

Evelyn hatte ein höhnisches Lachen hören lassen.

»So erfüllen Sie also Ihr Versprechen?« sagte Hoffmann vorwurfsvoll. »Wollten Sie nicht immer Miß Petersen zur Seite bleiben?«

»Herr Hoffmann, das verstehen Sie nicht,« sagte der Detektiv kurz. »Die Jagdgesellschaft wurde überrascht – Widerstand war nicht möglich, das sah jeder ein, und so ergaben sich alle vorläufig in ihr Schicksal, und das war sehr richtig. Nur mir gelang es, sich durch die Reihen der Angreifer zu schleichen, einer schoß nach mir, die Kugel streifte meine Schläfe, wie Sie hier sehen können, und ich ließ mich sofort wie tot hinfallen. Unglücklicherweise oder vielmehr glücklicherweise strauchelte ich dabei und stürzte in eine ziemlich tiefe Schlucht. Ein anderer hätte dabei sämtliche Glieder gebrochen, aber Nick Sharp brannte sich unten eine Pfeife an und rannte nach dem Fort, um die englischen Offiziere zu benachrichtigen. Jawohl! Da wäre ich aber schön hereingefallen; ehe ich es erreicht hatte, befand es sich in den Händen der Indier. Ich befreite noch Sir Williams, den ich gefangen wußte, nahm meine Geliebte gleich mit und eilte zu Ihnen, um Sie zu benachrichtigen und Ihnen Ratschläge zu erteilen. Sie sehen also,« schloß der Detektiv, »allwissend zu sein ist ganz hübsch, aber so weit hat es Nick Sharp noch nicht gebracht. Wäre ich mitgefangen worden, so könnten Sie noch einige Tage hier warten.«

Der Detektiv hatte sich nach und nach wieder in seinen alten Ton hineingeredet.

»Wo mögen unsere Freunde jetzt sein?« fragte der Ingenieur nach einigem Ueberlegen nochmals.

Der Detektiv deutete auf Evelyn.

»Fragen Sie bei dieser Adresse an.«

Wieder lachte Evelyn höhnisch auf, ein Zeichen, daß aus ihr nichts herausgebracht werden könnte.

Der Ingenieur ging auf sie zu und zerschnitt ihr die Banden.

»Miß Valois,« begann er, »geben Sie der Wahrheit die Ehre und beantworten Sie meine Fragen! Wohin hat der Rajah die gefangenen Mitglieder der Jagdgesellschaft gebracht?«

Es erfolgte keine Antwort. Hoffmann konnte bitten, oder befehlen, soviel er wollte, die festgeschlossenen Lippen öffneten sich nicht. Endlich wandte er sich achselzuckend ab und blickte fragend den Detektiven an.

Dieser hatte lächelnd dem erfolglosen Versuch zugeschaut.

»Herr Hoffmann,« sagte er, »bitte, gehen Sie und Sir Williams auf fünf Minuten aus dem Zelt; wenn Sie zurückkommen, will ich Ihnen alles Wissenswerte erzählen.«

Der Ingenieur zögerte, daun sagte er langsam:

»Gut, ich will gehen, aber bedenken Sie, daß Sie ein Mensch und keine Bestie sind!«

Er ging mit Sir Williams aus dem Zelt.

Charles sah jetzt erst, daß fast die ganze Besatzung des ›Blitz‹ hier versammelt war. Ueberall lagen die Männer, weiße, braune und schwarze um die Feuer herum, rauchten, schwatzten und lachten. Der junge Baronet hatte einst in Frankreich eine Gruppe lagernder Zigeuner gesehen, und denselben Eindruck machte jetzt die Gesellschaft auf ihn.

Beide gingen langsam zwischen den wenigen Zelten umher und hingen ihren Gedanken nach. Dann mußte Charles dem Ingenieur seine Erlebnisse während des letzten Tages erzählen, und Hoffmann wunderte sich nicht wenig bei Schilderung der Szene, die sich in Evelyns Schlafgemach zugetragen hatte. Als Charles das Liebesabenteuer des Detektiven erwähnte, konnte selbst der ernste Deutsche ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Dieser Detektiv ist ein seltsamer Mensch,« sagte er. »Sein Leben achtet er gleich nichts, er geht seinem sicheren Tode mit einer Gleichgiltigkeit entgegen, als eile er zu einem Vergnügen, und weiß ihm dann mit einer gewandten Bewegung im letzten Moment noch auszuweichen.«

»Ja, wenn er dafür bezahlt wird,« lachte Charles.

»Ich glaube doch, da irren Sie sich, Sir Williams. Nick Sharp ist ein Deutsch-Amerikaner, sein Vater ist ein Deutscher, wie er überhaupt gar nicht Sharp heißt, aber er giebt sich für einen Amerikaner aus, und als solcher prahlt er mit dem Prinzip, daß er nichts ohne Geld thue. Ich aber halte ihn vielmehr für einen guten Menschen, der das Herz auf dem rechten Flecke hat; wer ihn zum guten Freunde hat, kann in jeder Lage auf ihn zählen. Sein einziger Fehler ist nur, daß er von sich immer auf andere schließt, sein Körper ist wie von Stahl und Eisen zusammengesetzt, Nerven besitzt er gar nicht, und da er somit zu Strapazen und Ertragen von Beschwerden geeignet ist, oder vielmehr, weil er sie überhaupt gar nicht fühlt, so ist er gegen sich selbst im höchsten Grade rücksichtslos. Dasselbe aber, was er seinem Körper zutraut, verlangt er auch von anderen, und daher kommt es, daß er Zeichen von Schmerz, Ermüdung oder Angst bei anderen gar nicht bemerkt oder doch übersieht.«

»Möchte nur wissen,« meinte Charles, »wie er es anfängt, dieses Weib gesprächig zu machen. Soweit ich Evelyn kenne, wird sie ihren Mund nicht aufthun.«

»Glimpflich wird er mit ihr jedenfalls nicht umgehen,« erwiderte der Ingenieur.

Eben schallte ein gellendes Wehgeschrei durch das Lager, aus dem Zelte Hoffmanns kommend. Beide eilten dorthin, aber schon kam ihnen der Detektiv entgegen.

»Die Herren und Damen sind in die Berge geschleppt worden, um dort als Geißeln festgehalten zu werden. Alles, was zum Fort Sabbulpore gehört, der Oberst, seine Nichte, die Offiziere dagegen werden nach Parahimbro geführt, dort will sich der Rajah speziell an seinem Feinde, dem Obersten, rächen.«

»Was haben Sie mit Evelyn gemacht?«

»Sie lebt und ist guter Dinge, ich war sehr höflich mit ihr. Fragen Sie sie selbst!«

Alle drei betraten das Zelt, und der Ingenieur, der zuerst hineinging, fuhr erschrocken zurück.

Auf dem Boden lag Evelyn. Das Gesicht krampfhaft verzerrt, die blau angelaufenen Lippen mit Schaum bedeckt – sie war tot.

Der Ingenieur blickte den Detektiven finster an, doch dieser war selbst über den Anblick, der sich ihm bot, sichtlich betroffen.

»Bei Gott, dem Allmächtigen,« sagte er dann feierlich und hob die rechte Hand zum Schwur empor, »ich bin an dem Tode dieses Weibes unschuldig. Wohl habe ich ihm die Antworten mit Gewalt herausgepreßt, aber an seinem Leben habe ich mich nicht vergriffen.«

»Dies hier wird das Rätsel lösen,« rief Charles, hob etwas vom Boden auf und reichte es dem Ingenieur.

Hoffmann nahm das Fläschchen und roch hinein. »Blausäure,« sagte er dann erschüttert. »Evelyn hat sich selbst gerichtet, um der irdischen Gerechtigkeit zu entgehen. Möge Gott ihr gnädig sein!« Er beorderte einige seiner Leute, die Leiche aus dem Zelte zu tragen.

»Sagen Sie Lucille nichts davon, meine Herren! Das arme Mädchen hat so schon Trübes genug erfahren. Was wollen wir aber nun zuerst beginnen? Mister Sharp, legen Sie uns Ihren Plan vor!«

»Ehe ich dies kann,« sagte der Detektiv und setzte sich, »muß ich erst mitteilen, was der Rajah zu thun beabsichtigt. Evelyn mußte mir alles erzählen. Der Jagdausflug mit den Geparden war natürlich nur darum unternommen worden, um einmal möglichst viele Offiziere, ebenso wie die Gäste, von dem Fort zu entfernen, welches an demselben Tage noch genommen werden sollte, und dann auch, um gleich ohne Blutvergießen in den Besitz von Geißeln zu kommen. Als letztere sollen die Gäste, Damen, wie Herren, dienen, während die Offiziere wahrscheinlich zu Parahimbro getötet werden sollen. Das Fort ist vom Rajah, der vom Rachegefühl gegen den Obersten vollkommen beherrscht wird, viel zu zeitig genommen worden; denn der Aufstand kann nicht losbrechen, solange der Rajah nicht von anderen indischen Häuptlingen davon benachrichtigt worden ist, daß auch sie dazu bereit sind. Trotzdem ist auch hierbei nicht ohne Ueberlegung gehandelt worden, denn Evelyn ist oder war vielmehr mit den Geschäften vollkommen vertraut, die der Oberst zu besorgen hatte. Sie sollte eine etwaige mißtrauische Frage des britischen Gouvernements, ob in Sabbulpore alles ruhig sei, befriedigend beantworten, sodaß man vollkommen in Sicherheit gewiegt wurde, bis an allen Ecken Indiens der Aufstand gleichzeitig losbrach.«

Der Detektiv sah eine kurze Zeit sinnend vor sich nieder, dann fuhr er fort:

»Was nun zu thun ist? Wie viele Leute haben Sie bei sich, Herr Hoffmann?«

»Vierzig Mann.«

»Gut, das genügt, um noch diese Nacht Fort Sabbulpore wiederzunehmen, und zwar still, unter Vermeiden jeden Aufsehens. Es gilt, den Rajah zu täuschen. Er muß von Parahimbro glauben, es sei noch in den Händen seiner Vertrauten, während es aber in den unsrigen ist; wir senden ihm beruhigende Nachrichten. Wenn ich Indisch sprechen könnte, würde ich dies selbst unternehmen, so aber muß ich mich nach jemandem anders umsehen, der als Bote zum Rajah geht.«

»Ich werde das thun,« unterbrach ihn Charles, »Sie putzen mich wieder als indischen Offizier heraus, ich werde dem Rajah schon etwas vorlügen.«

Der Detektiv nickte.

»Das würde gehen, doch wollen wir diesen Punkt erst besprechen, wenn Sabbulpore wieder in unserem Besitz ist. Haben wir dann auch den Rajah gefangen, so wird es uns ein Leichtes sein, den Aufenthalt der Geißeln zu erfahren und sie zu befreien. Für deren Leben bin ich nicht bange. Es ist jetzt elf Uhr, in zwei Stunden können Sie, Kapitän Hoffmann, mit Ihren Leuten vor Sabbulpore liegen, während ich inzwischen mit Sir Williams die Umgebung des Forts sondieren und eine Gelegenheit zum Eindringen ausspähen werde.«

»Aber Oberst Walton?« fragte der Ingenieur. »Wenn der Rajah seine Rache nun nicht verschiebt?«

»Er erreicht Parahimbro erst diese Nacht und wird schwerlich vor morgen früh etwas unternehmen. Bis dahin können wir ihm aber irgendwie eine Nachricht zukommen lassen, die das Leben des Obersten eines Geheimnisses wegen, das im Fort gefunden worden ist, als sehr wertvoll bezeichnet.«

Draußen hörte man die Wachtposten rufen. Stimmen erschallten, Fragen und Antworten wechselten. Das ganze Lager geriet mit einem Male in Aufruhr.

Charles horchte hoch auf; fast schien es ihm, als könne er Frauenstimmen unterscheiden. Mit einem Sprunge war er zum Zelt hinaus, gefolgt von dem Ingenieur und Nick Sharp.

Der Baronet hatte sich nicht getäuscht, als er wohlbekannte Stimmen zu vernehmen glaubte; dort zwischen den Frauen standen seine Freunde und neben ihnen die Vestalinnen.

Aber wie sahen sie aus! Die Kleider zerfetzt, über und über voll Blut; aber nicht nur Dornen schienen Gesicht und Hände zerrissen zu haben, vielmehr zeigte manches Antlitz die Spuren von Säbelhieben. Besonders die Männer wiesen viele Verletzungen auf, aber auch die Damen waren nicht verschont geblieben; Ellen trug den linken Arm sogar in einer Binde und schien vom Blutverlust ganz erschöpft.

»Harrlington!« schrie Charles und stürzte auf den Lord zu, der den Kopf mit einem Taschentuch verbunden hatte. »Mein Gott, sehen Sie mich doch nicht so furchtbar dumm an. Ich bin's ja, Charles.«

Er rannte von einem der Herren zum anderen, von Mädchen zu Mädchen, und versicherte Miß Thomson einmal über das andere, sie hätte ihm noch nie so gut gefallen, als wie mit dem blutigen Gesicht. Er war vor Freude außer sich, als er sah, daß niemand fehlte.

Mit wenigen Worten schilderte Harrlington, wie sie die ihnen mitgegebenen Wächter, die sie nach einem Schlupfwinkel in die Berge führen sollten, überwältigt und sich befreit hätten, und dann erfuhr er von dem Ingenieur den Verbleib der übrigen.

»In Parahimbro sind der Oberst und die Offiziere?« rief er. »Auf, meine Herren! Wer folgt mir? Der Felsen, auf dem diese ehemalige Burg liegt, gilt als unersteiglich, ich aber habe einst auf der Jagd einen Aufstieg gefunden, der nicht allzuviele Schwierigkeiten bietet.

»Noch ehe die Sonne am Horizont sich erhebt, will ich das alte Gerümpel in meiner Gewalt haben und den Rajah zur Verantwortung ziehen. Wer begleitet mich?«

Zehn der Herren, welche am wenigsten verwundet waren, boten sich sofort als Begleiter an; alle glühten vor Begierde, an dem treulosen Rajah Rache zu nehmen. Selbst einige der Damen wollten sich nicht davon ausschließen, darunter Ellen, aber Harrlington sagte:

»Sie haben heute schon genug geleistet; überschätzen Sie Ihre Kräfte nicht. Und Sie, Miß Petersen, können mit Ihrem verwundeten Arm gar nicht klettern. Begnügen Sie sich mit dem Triumph, daß Sie es waren, die den Anlaß zu unserer Befreiung gab.«

»Herr Chamäleon,« sagte Charles zu dem Detektiven, »suchen Sie sich einen anderen Begleiter zu Ihrer Spionage aus, ich bin für die Nacht bereits engagiert.«

»Werde auch ohne Sie fertig,« brummte Sharp, der eben mit wunderbarem Geschick einem der Mädchen einen Verband um die Hand legte. »Sie fangen doch sonst wieder mit einem Male an, Walzermelodien zu pfeifen!«

»Wann brechen Sie auf?« fragte der Ingenieur den Lord Harrlington.

»Sofort! Wir haben bis zum Abend in einem Gebüsch gelegen und sind vollständig ausgeruht,« entgegnete dieser. »Wann wollen Sie mit Ihren Leuten nach Sabbulpore marschieren?«

»Ebenfalls gleich, jede verlorene Minute ist unersetzbar.«

Die Herren, welche Lord Harrlington beim Ersteigen des Felsens begleiten wollten, wurden von Hoffmann mit Gewehren und Revolvern versehen, denn sie hatten nur wertlose Feuersteinflinten und indische Schwerter mitgebracht, dann entfernten sie sich ungesäumt unter des Lords Führung, um, wie er sagte, morgen früh gleich Raubvögeln über Parahimbro zu schweben, während der Ingenieur den Befehl gab, die Feuer zu löschen und die Zelte abzubrechen.

Nach einer Viertelstunde bewegte sich ein langer Zug durch den finsteren Wald der Festung Sabbulpore zu, in der Mitte die Vestalinnen und jene Herren, deren, wenn auch nur leichte, Verletzungen es nicht gestatteten, an dem Rachewerk gegen den Rajah teilzunehmen.

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