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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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22.

Evelyn und Charles

Die Gesellschaft war schon vor zwei Stunden zur Jagd aufgebrochen.

Im Arbeitszimmer des Obersten war dessen Ordonnanz damit beschäftigt, die Fenster zu putzen, wobei ihm der eingeborene Diener des Kapitäns O'Naill half.

Die beiden schienen sich nicht eben gut zu verstehen; denn es wurde zwischen ihnen während der Beschäftigung kein Wort gewechselt.

Da jagte plötzlich durch das offene Hofthor des Quartiers ein mit Schaum bedecktes Roß, dessen Reiter von dem Posten nicht aufgehalten wurde; denn er trug die weiße Tropenuniform eines englischen Kavallerieregiments. Das Gesicht des Mannes war mit einer Schichte von Staub bedeckt, welcher an dem Schweiß hängen geblieben war. Jedenfalls hatte er einen weiten Weg mit Aufbietung aller Schnelligkeit seines Pferdes zurückgelegt.

»Oberst Walton da?« rief er, ehe er noch das Tier vor dem Eingang des Hauses pariert hatte, dem herzuspringenden Reitknecht zu.

»Nein, ist fort!«

»Nein? Wo ist er?«

Der Reiter schien es sehr eilig zu haben. Seine Augen hingen an den Lippen des Eingeborenen.

»Weiß nicht, ist heute morgen mit noch vielen anderen zur Jagd geritten.«

Da öffnete sich ein Fensterflügel des Hauses, und Evelyns Stimme sagte:

»Kommen Sie ins Arbeitszimmer des Obersten; er muß jeden Augenblick zurückkommen.«

Der Reiter sprang vom Pferde und betrat das Zimmer des Obersten, dessen Thür ihm Evelyn selbst öffnete.

»Was wollen Sie von ihm?« fragte sie.

»Ich habe einen Brief an den Obersten persönlich abzugeben, Fräulein.«

»Geben Sie ihn mir,« sagte Eveline ruhig und streckte die Hand nach dem versiegelten Schreiben aus, welches der Bote aus der Brusttasche gezogen hatte.

»Kann ich nicht, Fräulein, es ist mir aufgetragen worden, ihn persönlich abzugeben.«

»Ich bin vom Obersten ermächtigt, für ihn die Briefe einstweilen anzunehmen. Wissen Sie, was drinnen steht?«

Der Bote lächelte.

»Das weiß ich natürlich nicht, es ist ein geheimer Eilbrief.«

»So geben Sie ihn mir,« sagte Evelyn wieder, die noch immer die Hand ausgestreckt hielt.

»Ich kann ihn nicht eher aus der Hand geben, als bis diese Quittung mit dem britischen Gouvernementssiegel von Sabbulpore gestempelt worden ist,« meinte der Bote zögernd.

»Sie mißtrauen mir wohl?« fragte Evelyn lächelnd.

»Sehen Sie hier den Beweis, daß ich die Vollmacht dazu habe, Briefe in Empfang zu nehmen.«

Sie zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, suchte einen Schlüssel und öffnete den Schreibtisch des Obersten.

»Nimm mir das Fenster ab, Ramel,« fuhr die Ordonnanz ihren Gehilfen an, der ganz ins Träumen gesunken zu sein schien.

Willig griff dieser nach dem hingehaltenen Fensterflügel, um ihn abzuwaschen, aber da flog ihm plötzlich der Schwamm aus den Händen und zum Fenster des Hochparterres hinaus.

»Wohin willst du, Ramel?« fragte die Ordonnanz den Burschen, der nach der Thür ging.

»Ich will meinen Schwamm holen, komme gleich wieder,« sagte Horatios Diener, der der verkleidete Williams war.

Evelyn, welche auf die beiden Diener gar nicht achtete, von denen der eine nicht einmal ein Wort englisch verstand, schloß ein Kästchen auf und entnahm ihm den Stempel von Sabbulpore, welcher nur im Besitze des Obersten war.

»Geben Sie mir die Quittung!«

Die Ordonnanz reichte sie ihr.

Sie drückte den Stempel darunter.

»So – hier haben Sie die Quittung, geben Sie mir jetzt den Brief!«

Ohne jedes Zögern reichte ihr der Bote den Brief; er hatte keine Verantwortung mehr.

Evelyn betrachtete den Brief; er war als Geheimsendung an Oberst Walton adressiert und trug das britische Staatssiegel.

»Wann reiten Sie wieder fort? Heute noch?« fragte sie den Boten.

»Es ist nicht möglich; ich habe die 32 englische Meilen von der nächsten Bahnstation in zwei Stunden gemacht, und mein Pferd ist völlig erschöpft. Vor morgen früh kann ich es nicht mehr benutzen.«

»Ordonnanz,« rief sie dem noch im Zimmer befindlichen Diener zu, »führe diesen Mann in die Bedientenstube und sorge für ihn!«

Der Reiter grüßte militärisch und ging in Begleitung des Burschen hinaus.

Sinnend blickte Evelyn ihm nach.

»Sein Verhängnis will es, daß auch er bald nicht mehr unter den Lebenden sein wird,« murmelte sie. »Doch mag er in den Tod gehen; die Engländer haben das Leben meines Vaters auch nicht geschont.«

Sie betrachtete wieder den Brief, und ein häßliches Lächeln entstellte ihre Züge.

»Es ist ganz gleich, ob ihn Walton empfängt oder nicht, und enthielt das Schreiben auch den für uns schlimmsten Befehl, deckte er auch alles auf, die Sache wird dadurch nicht anders. Oberst Walton wird diese Stube nur als Gefangener betreten, und ich werde von jetzt ab für ihn unterschreiben. Allerdings ein gewagtes Spiel, aber es ist nötig, um die anderen Gouvernements in Sicherheit zu wiegen. Hahaha, ich werde günstige Berichte über die hier herrschende Ruhe abgehen lassen.«

Eben wollte sie das Schreiben erbrechen, als die Thür plötzlich aufgerissen wurde und Leutnant Werden, ein blutjunger, knabenhaft aussehender Mann ins Zimmer stürzte.

»Wo ist der Brief, Miß Valois, den eben der Kavallerist brachte?« rief er atemlos, noch halb im Thürrahmen stehend.

»Wie,« fuhr er fort, mitten im Zimmer plötzlich stehen bleibend, »der Schreibtisch des abwesenden Obersten offen! Wie soll ich mir dies erklären, Miß Valois?«

Evelyn hatte für einen Moment die Fassung verloren; aber sofort war sie wieder gesammelt.

»Was haben Sie hier zu suchen, Leutnant Werden?« fuhr sie ihn in herrischem Tone an. »Ist Ihr Dienst nicht auf der Festung. Warum sind Sie hier im Quartier?«

»Den Brief, den Brief,« drängte dieser. »Kümmern Sie sich nicht um Angelegenheiten, die Sie nichts angehen! Zum letzten Male, geben Sie mir den Brief, oder ...«

Die letzten Worte wurden drohend hervorgestoßen. Evelyn hatte diesem jungen Manne, den sie immer nur halb als Kind betrachtete, ein solches Auftreten nicht zugetraut.

»Oder was?« fragte sie mit finster gerunzelter Stirn.

»Oder ich brauche Gewalt!«

»Leutnant Werden, vergessen Sie nicht, vor wem Sie stehen!«

»Den Brief her! Sie haben keine Befugnis, ein Schreiben für den Obersten in Empfang zu nehmen. Ich weiß, daß er schon lange auf einen Eilbrief wartet.«

»Leutnant Werden, Sie benehmen sich manchmal noch sehr kindlich,« sagte Evelyn völlig ruhig. »Allerdings hat mich der Oberst damit betraut, diesen Brief anzunehmen und ihm denselben nachzuschicken. Ich selbst hätte Sie gebeten, zu mir zu kommen und die Weiterbeförderung desselben zu befehlen. Sie hätten diese Szene vermeiden können, wenn Sie nicht so hitzig gewesen wären. Hier haben Sie den Brief!«

Freundlich lächelnd reichte sie ihm das Schreiben hin.

»Entschuldigen Sie meine Heftigkeit, Miß, ein plötzlicher Gedanke beunruhigte mich,« bat der Offizier. »Der Oberst selbst hat mich beauftragt, wenn ein Bote ins Quartier kommen sollte, denselben zu ihm zu führen. Da die Quittung nun aber bereits gestempelt und der Reiter sehr ermüdet ist, so werde ich ihm das längst ersehnte Schreiben selbst bringen. Nochmals, entschuldigen Sie mein Betragen!«

»Fragen Sie den Obersten auch, ob ich wirklich die Befugnis hatte, den Stempel zu benutzen,« rief Evelyn lachend dem Hinauseilenden nach.

Sie sah durch das Fenster, wie der pflichtgetreue Offizier ein Pferd bestieg und in Karriere aus dem Hof sprengte.

»So oder so, murmelte sie höhnisch, »deinem dir bestimmten Schicksal entkommst du nicht, thörichter Knabe! Fällst du nicht in meine Hände, so fällst du in die des Rajah. Doch wer mag ihn so schnell benachrichtigt haben, daß ich dem Boten den Brief abgenommen? Es muß mich jemand verraten haben; seine Aufregung, als er ins Zimmer stürzte, läßt darauf schließen.«

Evelyn sollte nicht lange auf die Beantwortung dieser Frage warten. –

Sir Charles Williams, der als eingeborener Diener Verkleidete, hatte sich höchlichst gewundert, daß Evelyn in der Abwesenheit des Obersten einen für diesen bestimmten Brief dem Boten durchaus abnehmen wollte, und als sie sogar den Schreibtisch öffnete, schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf, an den er bis jetzt noch gar nicht gedacht hatte.

Nick Sharp, der Detektiv, hatte abends sein Liebesspiel mit Evelyn regelmäßig fortgesetzt, und ebenso in der Bedientenstube mit ihm in der gewohnten scherzhaften Art geplaudert. Charles wußte wohl, daß der Detektiv ein Geheimnis Evelyns ergründen wollte, aber nicht welches, darüber sprach sich der schlaue und manchmal sehr grob werdende Detektiv nicht aus. Jedenfalls aber mußte es irgend eine private Sache sein, für die er bezahlt wurde, denn umsonst that Sharp nichts.

Da hatte eines Abends der Detektiv so nebenbei gemeint, er glaube fest, Evelyn halte es mehr mit den Indiern, als mit den Engländern, ja, er habe sogar die Vermutung, das Mädchen führe die Engländer an der Nase herum, suche ihre Geheimnisse zu erforschen, denn auch an ihn, den vermeintlichen Kapitän der Festung, stellte sie manchmal so harmlos verfängliche Fragen. Sharp kümmerte sich nicht darum, denn er war Amerikaner, er gab sich prinzipiell nicht mit Sachen ab, die ihn nichts angingen.

Seinetwegen hätten die Indier ganz Sabbulpore in die Luft sprengen können, er würde ruhig zugesehen und seine Pfeife geraucht haben.

Dies zu verhüten, war Angelegenheit der Offiziere, und so lange diese ihn nicht aufforderten, ihnen zu helfen, verbrenne er seine Finger nicht an fremden Geschäften, wie er oft sagte.

Ganz anders dachte Charles.

Er war Engländer, und zwar mit Leib und Seele, er wäre für sein Vaterland durchs Feuer gegangen, und seit der Detektiv ihm seinen Argwohn mitgeteilt hatte, beobachtete er Evelyns Thun und Treiben aufs genaueste, ohne aber etwas Verdächtiges zu bemerken.

Als er jedoch sah, wie Evelyn den Brief mit dem britischen Siegel dem Boten abnahm und selbst den Schreibtisch des Obersten aufschloß, bestätigte sich seine Vermutung, daß das Mädchen ein doppeltes Spiel trieb, denn nie glaubte er, daß der Oberst dem Mädchen die Schlüssel zum Schreibtisch anvertraut habe, welcher alle geheimen Schriftstücke barg. Nein, Evelyn wollte den Brief lesen, ohne wahrscheinlich den Siegelabdruck zu verletzen, und das so erfahrene Geheimnis zu irgend etwas Schlechtem anwenden. Dem mußte er vorbeugen.

Aber wie? Hätte er als Eingeborener ihr den Brief einfach entrissen, so wäre er im nächsten Augenblick von herbeigerufenen Dienern festgenommen worden; gab er sich als Engländer zu erkennen, so war seine Rolle hier ausgespielt, er konnte nicht mehr auf Ellens Wunsch beobachten, wer im Hause des Obersten aus- und einging, was unter den Eingeborenen in der Festung und auf dem Lande für Gerüchte über den Rajah zirkulierten. Beides ging also nicht.

Er warf absichtlich den Schwamm hinaus und lief aus dem Hause, vorgebend, er wollte das Verlorene wiederholen, thatsächlich aber, um irgend einen Engländer, womöglich einen Offizier zu suchen, der Evelyn am Erbrechen des Briefes hinderte.

Glücklicherweise traf er den jungen Werden, der von der Festung aus den Boten ansprengen gesehen hatte. Er war vom Oberst beauftragt worden, ihm eventuell einen Boten nachzusenden und befand sich jetzt zu diesem Zwecke unterwegs.

Da kam der Diener des Kapitäns O'Naill gerannt.

»Leutnant Werden,« rief der Indier, von dem jener wußte, daß er kein Wort englisch verstand, in dieser Sprache, »schnell in das Arbeitszimmer des Obersten! Evelyn will einen Brief mit dem britischen Siegel erbrechen.«

»Was,« rief der Leutnant erstaunt, »du, Ramel ...?«

»Wundern Sie sich nachher, nur schnell ins Zimmer, das Weib hat den Schreibtisch des Obersten geöffnet!« und Charles schob den Zögernden in die Thür.

Jetzt wurde der Leutnant stutzig und eilte in das Zimmer, wo sich die eben geschilderte Szene abspielte.

Was sollte aber nun Charles beginnen? Er sah sich in einer Klemme, aus der er nicht so leicht wieder herauskommen konnte. Doch langes Besinnen war nicht seine Sache. Mit harmloser Miene, ganz unbefangen, trat er wieder in das Haus zurück.

Da fühlte er sich plötzlich von einem Dutzend Armen gepackt. Vergebens suchte sich Charles seiner Gegner zu erwehren, alle seine Gewandtheit half ihm nichts – nach kurzem Ringen lag er gebunden am Boden und, was das Schlimmste war, einer der Inder hielt den kurzen, falschen Vollbart von Charles in der Hand, seine Verkleidung war verraten, denn unter dem aufgerissenen Hemd konnte man die weiße Haut schimmern sehen.

Die Ordonnanz des Obersten, welche selbst bei der Überwältigung mit thätig gewesen, trat in das Zimmer, in dem Evelyn eben einem Indier einen Brief abnahm.

»Miß Valois,« meldete er, »der Mann, der Sie soeben verraten hat, des Kapitäns Diener, ist gar kein Hindu, sondern ein Engländer, denn er flucht in seiner Sprache.«

»Was,« rief Evelyn erstaunt, »er ist kein Hindu?«

Sie sann einen Augenblick nach, dann sagte sie, während sie den Brief öffnete:

»Haltet ihn einstweilen in sicherem Gewahrsam; ich habe jetzt keine Zeit, ihn zu verhören. Du bürgst mir mit Deinem Leben dafür, daß er vor mir steht, wenn ich ihn rufen lasse.«

Evelyn überflog die ihr gesandten Zeilen. Sie lauteten:

»Alle sind gefangen, mit Ausnahme des Burschen des Kapitäns. Er entfloh, ich schoß nach ihm und sah selbst, wie er in eine Schlucht stürzte. Also ist kein Verrat zu fürchten. Leutnant Werden brachte einen Brief für den Obersten, wurde von einem Tiger angefallen und liegt auf den Tod. Ich fing den Brief noch rechtzeitig auf, ehe der Oberst durch ihn gewarnt wurde; denn er enthielt den Rat, auf der Hut zu sein. Sorge dafür, daß heute Nacht das Fort planmäßig genommen wird!

Abudahm.«

»Abudahm,« flüsterte Evelyn, »er bemüht sich um meine Gunst und immer vergebens. Er wäre es wert, daß ich ihm meine Liebe schenkte. Aber Horatio!« Sie seufzte. »Ich kann sein Schicksal nicht wenden. Man sagt, des Weibes Liebe sei das mächtigste aller Gefühle. Bei mir wird es übertroffen durch die Sucht nach Befriedigung meiner Rache. Ich werde seinen Tod weder verhindern können -noch wollen.«

Finster schritt sie ihren Gemächern zu.

Unterdes wurde der gebundene Charles emporgehoben und in ein vollständig zugemauertes Kellerverließ getragen. Nachdem die schwere Thüre verschlossen worden war, blieb er die erste Zeit wie betäubt liegen, dann aber begann er über seine Lage nachzudenken.

Verrat! Das war sein erster Gedanke!

Die Indier in Sabbulpore hatten einen Aufstand vor, um die Herrschaft der verhaßten Engländer abzuschütteln. Evelyn, das teuflische Weib, stak mit den Indiern unter einer Decke und verriet ihnen die Absichten des Obersten. Er hatte manchmal Mitleid mit dem Mädchen gehabt, wenn der unbarmherzige Detektiv, der gar keine Gefühle besaß, mit der liebenden Evelyn spielte, aber jetzt –

Charles knirschte kochend vor Wut laut mit den Zähnen.

Was sollte nur sein Schicksal sein?

Unwiderruflich der Tod; Charles zweifelte nicht im geringsten daran.

Gut, sie sollten einmal sehen, wie ein rechter Mann sterben könne!

Was aber war inzwischen aus der Jagdgesellschaft geworden?

Was war aus seinen Freunden, was war aus den Damen und vor allen Dingen aus Miß Thomson geworden?

Was war deren Schicksal?

Hölle und Teufel! Charles strengte vergeblich alle seine Kräfte an, um die Hanfstricke zu zerreißen, sie schnitten nur ins Fleisch ein, ohne einen Millimeter nachzugeben.

Die Einsamkeit ließ ihm genügend Zeit, sein vergangenes Leben noch einmal durchzuträumen.

Fast nur heitere Bilder tauchten vor seinen Augen auf. Waren doch einmal Sorgen an ihn getreten, so hatte er sie immer wieder fortzuscherzen gewußt.

Dies war das erste Mal, daß er fast den Mut verlor. Was hatte er sich daraus gemacht, wenn er draußen von einem ganzen Hundert Menschen verfolgt worden wäre. Den Tod fürchtete er nicht, er hatte ihm schon unzählige Male in's Auge gesehen, aber gefangen zu sein, während er wußte, daß andere ihn notwendig brauchten und herbeisehnten, das war zu viel für ihn.

Doch es dauerte nicht lange, so fand Charles selbst in diesem finsteren, dumpfen und nassen Kerker seine gute Laune wieder. Er hätte sich ja vor sich selbst schämen müssen, wenn er mit hängendem Kopfe aus diesem Leben geschieden wäre. Noch lebte er ja, noch atmete er, und noch hatte er Aussicht, befreit zu werden; von wem, wußte er allerdings nicht, aber er hoffte, und Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden.

»Wenn sie mich belauschen, dann sollen sie wenigstens denken: das ist ein verfluchter Kerl,« dachte Charles und fing an, Walzermelodien zu pfeifen.

Er wußte nicht, wie lange er so gelegen hatte, als plötzlich draußen ein Kanonenschuß ertönte. Gleich darauf erschallte das Knallen von Flinten; er hörte Schwertgeklirr, Geschrei und gellendes Geheul, den Kriegsruf der Indier.

Charles war sich gar nicht im Unklaren darüber, was dieser kurze, nur einige Minuten währende Kampf bedeutete. Die aufrührerischen Indier hatten die Festung überrumpelt; die führerlosen Engländer, nur eine Handvoll, konnten ihnen natürlich keinen Widerstand leisten. Das alles war ein wohlüberlegter Plan, wahrscheinlich ausgeheckt von dieser Teufelin, der Evelyn. Sie war eine Französin und haßte die Engländer.

Ach, hätte doch Charles mit draußen sein können! Wie hätte er diesen verdammten Indiern auf den Köpfen herumpochen wollen. Seufzend wälzte er sich auf die andere Seite und pfiff die englische Nationalhymne.

Plötzlich horchte er auf, ohne aber das Pfeifen einzustellen: es näherten sich der Zelle Schritte. Die Thür wurde aufgerissen, mehrere Männer mit Laternen traten ein und hoben den an Händen und Füßen Gebundenen auf.

»Jetzt geht's an den Kragen,« dachte Charles. »Na meinetwegen, meinen Gefährten geht es auch nicht anders. Ob ich nun ein paar lumpige Jahre mehr oder weniger lebe, darauf kommt es nicht an; die Weltgeschichte steht deshalb noch nicht still.«

Charles ward aus dem Keller herausgetragen, durch den Korridor – er merkte dabei, daß die Nacht bereits angebrochen war – und dann durch das Arbeitszimmer des Obersten direkt nach den Gemächern Evelyns.

Alles sah in dem Hause so friedlich aus, daß Charles fast daran zu zweifeln begann, daß wirklich ein Aufstand hier stattgefunden habe.

In einem Zimmer – es war ihre Schlafstube – stand Evelyn vor ihrem Sekretär und starrte mit glanzlosen Angen in die geöffneten Fächer. Sie bemerkte gar nicht, wie die Indier den gebundenen Engländer an eine Wand lehnten und sich wieder entfernten.

Im Nu hatte Charles begriffen, um was es sich hier handelte. Evelyn hatte etwas in ihrem Sekretär gesucht, sie hatte ihn aufgeschlossen und fand, daß jemand ihre Papiere, wahrscheinlich für sie sehr wertvolle, entwendet hatte, und dieser jemand war Nick Sharp gewesen, der Detektiv, mit dem sie so manche Nacht als vermeintlichem Horatio gekost, und der nach und nach Abdrücke von ihren Schlüsseln genommen hatte.

Charles gab sich für verloren; die Jagdgesellschaft war jedenfalls vernichtet, die englische Besatzung überrumpelt, und auch ihn erwartete wahrscheinlich der Tod, so oder so. Aber an diesem Mädchen wollte er noch einmal seinen ganzen Spott auslassen, er wollte sie so lange reizen, bis sie den dort auf dem Tische liegenden Dolch in sein Herz stieß, und mit einem höhnischen Lachen wollte er von dieser Welt scheiden. Seinem bisherigen Leben sollte auch sein Tod entsprechen.

Jetzt deutete Evelyn mit der ausgestreckten Hand nach dem offenen Sekretär und wandte den Kopf langsam dem Gefangenen zu, bis sich beider Augen begegneten. Charles konnte sehen, wie die ihrigen halb fragend, halb entsetzt blickten.

»Guten Abend,« sagte Charles im ruhigsten Tone, »schönes Wetter heute.«

Evelyn überhörte ihn ganz.

»Was ist das?« fragte sie langsam, jedes Wort betonend.

»Ein Sekretär.«

Sie ließ die Hand sinken und trat mit drohend gefalteter Stirn auf den an der Wand Lehnenden zu.

»Glaubst Du, ich treibe mit Dir Scherz?«

In furchtbar drohendem Tone wurde diese Frage hervorgestoßen, aber sie vermochte nicht, Charles einzuschüchtern.

»Wenn Du keinen Spaß machst, ich mache welchen!«

Er redete sie ebenso mit »Du« an, wie sie ihn.

»Wer bist Du? Sprich!« – »Sir Charles Williams, Baronet von England, zu dienen.«

Erstaunt betrachtete Evelyn den Gefesselten.

»So sind Sie jener Herr, von dem sich die amerikanischen Damen so oft unterhalten?«

»Habe die Ehre! Können Sie mir vielleicht auch sagen, ob eine Miß Thomson öfters von mir gesprochen hat?«

Evelyn schritt nach dem Tische und nahm den Dolch.

»Ich habe keine Lust zu scherzen. Sehen Sie diesen Dolch?«

»Halt, zeigen Sie mir ihn genauer,« unterbrach sie Charles.

»Geben Sie mir keine Antworten auf meine Fragen, so stoße ich Ihnen denselben in's Herz!«

»Danke, nun fragen Sie mal los.«

»Was veranlaßte sie in dieser Verkleidung in unser Haus zu kommen?«

»Ich wollte ein bißchen spionieren, mit wem Sie verkehren.«

»Wer veranlaßte Sie dazu?«

»Stellen Sie eine andere Frage, die beantworte ich nicht!«

Evelyn spielte sinnend mit dem Dolche, sie bemerkte nicht, wie Charles' Augen seltsam aufleuchteten.

»Weiter, weiter,« drängte er, »ich habe nicht lange Zeit, ich will heute abend noch verreisen!«

»Sind Sie verrückt, daß Sie angesichts des Todes noch spaßen können, oder glauben Sie, Sie werden dieses Haus lebendig verlassen? Antwort! Wer hat dort den Sekretär erbrochen und mir Papiere geraubt? Ich halte Sie, den verkleideten Indier, für den Thäter.«

»Da sind Sie allerdings auf einer ganz falschen Spur, mein liebes Fräulein. Nicht ich war es, sondern Ihr Geliebter, mit dem Sie abends immer im Garten schäkerten. Der hat sich die Freiheit genommen, sich etwas für Ihre Korrespondenz zu interessieren.«

»Horatio? Sie lügen!« rief das Weib außer sich.

»Horatio?« spottete Charles. »Wer sagt Ihnen denn, daß es Horatio war? Nein, nicht der Kapitän war es, in dessen Armen Sie gelegen, dessen Lippen Sie geküßt haben, verehrtes Fräulein, sondern es war sein Bursche, der sich als Horatio O'Naill verkleidet hatte. Hahaha!«

Atemlos hatte ihm Evelyn zugehört:

»Nicht möglich,« hauchte sie, »es war Horatio.«

»Trauen Sie meinem Wort! Sein Bursche war der Detektiv Nick Sharp, von dessen Verstellungskunst Sie vielleicht schon gehört haben. Während nun der Kapitän ruhig schlief, verkleidete er sich als solchen und gab Ihnen die Rendezvous. Sie herzten sich und drückten sich und küßten sich, und dabei machte Ihr Geliebter hinter Ihrem Rücken immer Wachsabdrücke von den Schlüsseln.«

Charles weidete sich an dem Entsetzen, welches sich auf dem Antlitz des Weibes abspiegelte.

»Und Sie wußten davon?« sagte sie endlich.

»Gewiß, ich freute mich herzlich darüber, daß eine Verräterin, wie Sie, von einem Schlaueren betrogen wurde.«

»Schurke,« schrie Evelyn und hob den Dolch.

»Schurkin, Verräterin,« entgegnete Charles ebenso schreiend.

Fast war es, als ob Evelyn ihm den Dolch in die Brust stoßen wollte, aber sie hielt noch einmal inne.

»Wußte Horatio davon, daß ein solches Spiel mit mir getrieben wurde?« fragte sie tonlos.

»Er hat den Detektiven dazu engagiert.«

»Unglücklicher, weißt Du auch, daß Horatio tot ist, und alle die, welche heute dieses Haus zur Jagd verließen, und daß auch jener Detektiv mit zerschmetterten Gliedern in einer Schlucht liegt? Nur wenige Augenblicke noch, und Du wirst ihnen nachfolgen!«

»Was wetten wir, daß der Detektiv nicht tot ist?« sagte Charles kaltblütig. »Was wetten wir, daß Sie mich ebensowenig morden werden?«

Evelyn schaute zweifelnd diesen Mann an, der eine Minute vor seinem Tode noch wetten konnte. War er verrückt, oder hatte er irgendwelche Hoffnung, sein Leben erhalten zu sehen?

Langsam hob sie den Dolch.

»Es ist genug!« zischte sie.

»Recht so! Setze deinem Verbrechen die Krone auf! Erst Mädchenraub, dann Verrat an deinen Beschützern und zuletzt Mord an einem Wehrlosen. Pfui, du Scheusal!«

Charles spuckte dem Weibe ins Gesicht.

Ein Wutschrei rang sich von Evelyns Lippen. Blitzend fuhr der Dolch durch die Luft auf das Herz des Gefesselten zu.

Charles lächelte kalt.

Aber das Erwartete geschah nicht.

Im letzten Moment wurde Evelyns Handgelenk von einem eisernen Griff gepackt, ein anderer schnürte ihr die Kehle zu, sodaß sie keinen Laut von sich geben konnte. Ehe sie eigentlich wußte, wie ihr geschah, lag sie auf dem Rücken, und ein Mann, um den Kopf einen Verband, beugte sich über sie, um ihr einen Knebel in den Mund zu stoßen. Im nächsten Augenblick waren ihr die Hände gebunden und Charles' Bande zerschnitten.

»Meine süße Braut,« flüsterte der Mann, der sich über Evelyn beugte, zärtlich, »kennst du mich denn nicht nicht, deinen Horatio? Komm, wir wollen ein Viertelstündchen kosen!«

Wie ein Kind wurde Evelyn emporgehoben. Entsetzt starrte sie den Mann an, der sie auf den Armen hielt. Es war die Stimme Horatios, das Gesicht aber das eines Bedienten, dieses dumme Gesicht, über das sie so oft gespottet hatte. Das war also der Detektiv, von dem Williams vorhin gesprochen.

Ein dumpfes Röcheln entrang sich ihrem Munde.

»Jetzt schnell!« flüsterte Nick Sharp dem Befreiten zu, der durch Beweguugen das stockende Blut wieder in Umlauf brachte. »Sie haben die Unterhaltung zu sehr ausgedehnt. Alles ist zur Flucht bereit. Steigen Sie aus Fenster, ich werfe Ihnen das Mädchen herunter.«

»Sie wollen Evelyn mit sich nehmen?« fragte Charles erstaunt.

»Ich werde doch meine Braut nicht im Stich lassen,« lachte der Detektiv, »der ich Treue bis in den Tod geschworen habe!«

Einige Minuten später war in Evelyns Zimmer niemand mehr zu sehen.

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