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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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20.

Liebe und Berechnung

Bereits seit vier Tagen befanden sich die englischen Herren und die Vestalinnen in Sabbulpore, und zwischen den Gebäuden, wo sonst nur Trompetensignale und Kommandorufe ertönt waren, vermischt mit den Flüchen der Unteroffiziere, waren jetzt Lachen und Scherzworte hörbar. Den jüngeren Offizieren war es hauptsächlich angenehm, daß der Besuch der Herren und Damen in Sabbulpore stattgefunden hatte, denn der Oberst sorgte dafür, daß es seinen Gästen nicht an Abwechslungen fehlte. Wurden nicht Ausflüge in die Umgegend unternommen, so war sicher darauf zu rechnen, daß der Abend die Gesellschaft zu einer Festlichkeit vereinigte.

Die Dämmerung war angebrochen, der heiße Tag war dem kühleren Abend gewichen, und in den Gärten, welche das Quartier umgaben, wandelten die Paare auf und ab, plauderten, lachten, oder führten ernste Gespräche.

»Ist es nicht jammerschade, daß Sir Williams nicht bei dieser Partie ist?« fragte Miß Thomson ihren Ritter. »Mir fehlt immer etwas, wenn ich mich umsehe und sein ewig fröhliches Gesicht und heiteres Lachen unter den Uebrigen vermisse.«

»Mir geht es ebenso,« versicherte der Angeredete, »aber er hat uns sein Wort gegeben, bald wieder zu uns zu stoßen. Es muß ein sehr intimer Freund sein, den er in Kalkutta aufsuchen will, sonst hätte er uns nicht verlassen und am wenigsten eine gewisse Person.«

»Welche meinen Sie?« fragte das Mädchen unschuldig. – »Diejenige, mit welcher ich mich jetzt unterhalte.« – »O, Sie Bösewicht,« sie schlug ihn mit dem Fächer. »Sehen Sie dort die Tochter des Obersten mit Leutnant Werden, ich glaube, deren eifrige Unterhaltung erstreckt sich auch nicht aufs Wetter.«

»Der Leutnant macht der Nichte seines Vorgesetzten entschieden den Hof, Miß Rosa ist aber auch ein reizendes Mädchen, sie gefällt mir in ihrer Anmut tausendmal besser, als ihre schöne Cousine Evelyn. Was meinen Sie von dieser, Miß Thomson?«

»Ich mag sie nicht leiden, ihr Blick hat etwas Unstetes, Scheues. Schön ist sie allerdings, aber es ist eine zu wilde Schönheit, wie ich sie nicht liebe. Dort geht sie eben. Sehen Sie nur, wie scheu sie sich nach allen Seiten umsieht, gerade, als hätte sie ein böses Gewissen!«

Die Besprochene bog eben in einen Seitengang, der in ein Orangenwäldchen führte. Sie sah sich von Zeit zu Zeit um, glaubte sich aber nicht beobachtet, denn jene beiden, welche sich von ihr unterhielten, wurden durch ein Gebüsch ihren Augen entzogen.

Die hohe Gestalt war von einem enganliegenden, schwarzen Kleid umschlossen, welches ihre vollen Formen deutlich verriet. Die Arme waren ebenso, wie der Busen nur mit einer leichten Gaze verhüllt, so daß die weiße, zarte Haut in der Dunkelheit leuchtete.

Jetzt hatte sie das Wäldchen erreicht. Sie zog eine Uhr hervor.

»Acht Uhr,« murmelte sie. »Kommt er diesmal nicht, so gebe ich die Sache verloren. Ich bemühe mich nicht wieder um ihn.«

Sie lehnte sich an einen Stamm und starrte nach den zum Wäldchen führenden Eingang des Weges.

»Was ist es nur, das mich immer und immer wieder dazu treibt, ihn zu sehen, ihn zu sprechen, ihn zu hören!? Ich muß mich selbst verachten, daß ich mich soweit erniedrigen kann.«

Sie lachte höhnisch auf.

»Ich mich verachten?« rief sie spöttisch. »Dazu wäre eher Zeit gewesen. Spion, Verräter, Mädchenräuber und so weiter, alles zu gleicher Zeit. Doch das gilt alles nur, um diesen verfluchten Engländern zu schaden. Was kann ich dafür, daß mir mein Vater diesen Haß von Jugend an eingeimpft hat? Horch, Schritte,« unterbrach sie ihr Selbstgespräch, »er ist es, Horatio, er kommt wirklich! Nun biete deine ganze Kunst auf, Evelyn!«

In der That war es der Kapitän, welcher sich zu dem ihm von Evelyn gewährten Rendezvous einfand.

Mit schnellen Schritten näherte er sich der Gestalt, die ihn, sich mit einer Hand an den Baum stützend, vor Aufregung zitternd, erwartete.

»Evelyn!« sagte der Mann leise, der jetzt vor ihr stand und sie mit wehmütigen Blicken betrachtete. »Warum quälst du mich fortgesetzt mit Bemühungen, meiner habhaft zu werden. Kennst du nicht meine Verhältnisse, weißt du nicht, daß ich nicht dein sein kann?«

Erstaunt blickte Evelyn empor. So weich hatte sie ihn noch nie sprechen hören. Sonst setzte er ihren Bewerbungen immer ein kaltes Schweigen entgegen, welches Verachtung verriet, er entzog sich ihrer Nähe, wo er nur immer konnte. Und doch, Indien ist das Land der Liebe, die mit Blumenduft geschwängerte Luft kann hier selbst das kälteste Herz zur Liebe entflammen.

In den dunklen Augen des schönen Weibes flammte es heiß auf.

»Horatio,« hauchte sie, »willst du mit mir spielen?«

Traurig schüttelte der junge Mann den Kopf.

»Sieh, Evelyn, mir hat die Natur ein anderes Herz gegeben, als dir. Du bist in Indien geboren, du kennst nichts davon, daß man auch mit der Zukunft rechnen muß, das Genießen des Jetzt ist es, wonach du jagst. Wir kälteren Nordländer ziehen aber die Zukunft in Betracht. So wußte ich vom ersten Augenblick an, als ich deine Liebe zu mir merkte, daß wir beide nie zusammenpassen würden, dein wildes, südliches Blut harmoniert nicht mit dem meinigen, und du würdest bald meine Kälte unerträglich finden.« – »Horatio!«

»Laß' mich sprechen! Ich unterdrückte die keimende Liebe, die ich beim ersten Anblick für dich empfand, schwer ist mir der Kampf geworden, ich habe so manche Nacht mit mir gerungen, aber ich bin stets Sieger geblieben. Es war ein Glück für uns beide, daß wir damals getrennt wurden, ich kam nach Bombay und dort fand ich das Mädchen, welches für mich geeignet war. Es ist nicht so schön, wie du – du bist im Vergleich zu ihr eine Göttin – es ist nicht so bezaubernd, wie du, dir kann ich es bekennen, aber dennoch schlug es mein Herz in Fesseln, und willig duldete ich dieselben, denn ich wußte, daß Clarence das Wesen war, welches mir ewig die Treue bewahren würde.«

»Zweifelst du, daß ich dasselbe gethan hätte?« fragte Evelyn atemlos; fiebernd pochten ihre Pulse.

»Ich zweifle daran,« war die ruhige Antwort. »Ein nüchterner Mensch, wie ich, würde dir bald nicht mehr genügen, du würdest ihn beiseite werfen und dir ein anderes Spielzeug suchen.«

Blitzschnell jagten in dem Gehirn des Weibes die Gedanken. So war er ihr also noch nicht verloren, er hatte Liebe zu ihr empfunden, aber der energische Engländer wußte sie so gut zu verbergen, daß selbst das feinfühlende Weib es nicht hatte erraten können. Wunderbar! Er hatte ja recht, sie paßten nicht zusammen, aber was kümmerte sie die Zukunft? Jetzt, jetzt mußte er ihr gehören! Der Triumph, ihn zu ihren Füßen liegen zu sehen, seiner Braut ihn entrissen zu haben, einer verhaßten Engländerin, lockte sie, und dann außerdem war er nach dem Obersten der Höchste im Fort, er führte Siegel und Schlüssel, welcher Nutzen für ihre Freunde, der Engländer Feinde, wenn dieser stolze Mann ihr gehorchte, wie ein Kind.

Evelyn hatte schon andere Triumphe gefeiert, dieser sollte ihr leicht werden.

»Warum bist du heute meiner Einladung gefolgt und hierhergekommen?« fragte sie.

»Um dich zu bitten, mich nicht länger zu verfolgen. Wenn du dir selbst keinen Frieden erringen kannst, wenn du das Glück meiner Braut vernichten willst, mache mich wenigstens nicht dadurch unglücklich, daß ich deinen Schmerz mitansehen muß, er zerreißt mir das Herz.«

Da flog das schöne Weib an seine Brust und umschlang seinen Hals. Horatio fühlte die weichen Arme, er fühlte den heißen Atem, das Heben und Senken des Busens, und ein Zittern durchflog seinen Körper.

»Horatio,« flüsterte sie mit glühender, leidenschaftlicher Stimme, »stoße mich nicht von dir! Nimm alles von mir, was ich dir geben kann, aber verachte mich nicht länger!«

»Laß mich!« rief Horatio mit vor Aufregung zitternder Stimme, »laß' mich, denke an meine Braut!«

Er versuchte sich von den ihn umstrickenden Armen freizumachen.

»Nein, ich lasse dich nicht, bis du mir versprichst, mich nicht mehr zu verachten! Nur einen freundlichen Blick gönne mir, einen einzigen!«

Ihr Mund näherte sich immer mehr dem seinigen, ihre schwellenden Lippen schmachteten nach Küssen, und heiß blitzten die schwarzen Augen den jungen Mann an.

»Evelyn.«

Er flüsterte den Namen so zärtlich, es war um ihn geschehen.

Sie hielten sich innig umschlungen, Lippe auf Lippe, und tauschten Kosenamen. Vergessen war Clarence! Evelyn hatte gesiegt.

»Welch selige Stunden werden wir noch erleben,« flüsterte endlich Evelyn.

Der Offizier antwortete nicht; noch immer hielt er das Mädchen umschlungen.

»Sag', Horatio, wie lange wirst du in Sabbulpore bleiben?«

Der junge Mann antwortete nicht.

»Wann kehrst du nach Bombay zurück?«

Da zuckte er zusammen, langsam machte er seine Arme von der Gestalt frei. Wie betäubt griff er sich an die Stirn.

»Was habe ich gethan, Clarence, mein Gott!«

»Bereust du, daß du mich lieber hast, als Clarence?«

»Bereuen? Nein, Evelyn, ich gehöre dir von nun bis zum Tod.«

Wieder fanden sich ihre Lippen.

»Du willst für immer bei mir bleiben?« – »Für immer.« – »Du lösest deine Verlobung mit Clarence auf?« – »Ich will, ich muß es jetzt!« – »Thust du es gern?«

»Mir thut sie leid, aber ich kann nicht anders, ich fühle jetzt erst, daß du mir teurer bist, als alles in der Welt!« – »Mein Horatio!«

Endlich raffte sich das Mädchen auf.

»Gehe jetzt,« sagte sie, »und sei morgen abend wieder hier. Ich habe viele Fragen an dich zu stellen.«

»Erst morgen wieder?« fragte der Offizier sehnsüchtig.

»Ja, ich habe einen Besuch zu erwidern. Unsere Gäste waren mir längst zuwider mit ihrer Fröhlichkeit, die mir ins Herz schnitt.«

»Arme Evelyn, was mußt du gelitten haben!« sagte bedauernd O'Naill. »Darf ich dich morgen nicht begleiten? Ich bin dienstfrei.«

»Nein, Horatio, es geht nicht. Doch gute Nacht nun, Geliebter! Gehe nun nach Hause und schlafe wohl! Wir wollen nicht zusammen aus dem Hain kommen, wir könnten gesehen werden.«

Noch eine lange Umarmung, dann trennten sie sich. – – –

Als der junge Offizier den Hain hinter sich hatte und sich außer Gesichtsweite der Geliebten glaubte, nahm er einen schnelleren Gang an. Er durcheilte die Anlagen, gab dem Posten das Losungswort und eilte nach einem Seitenflügel des Hauses, in dem sich seine Wohnung befand.

Er öffnete nicht die Thür, welche in das Wohnzimmer führte, sondern die der Stube, welche von dem Burschen und dem indischen Diener bewohnt wurde. Letzterer stand bei seinem Eintritt auf und verneigte sich mit gekreuzten Armen bis auf die Erde.

Im Quartier war allgemein bekannt, daß dieser Diener kein Wort englisch verstand; einmal hatte es der Offizier selbst gesagt, und dann gab er auch auf alle in englisch gestellten Fragen keine Antwort, sondern hörte nur, wenn auf indisch zu ihm gesprochen wurde.

Sonderbar war es nun, daß dieser Indier seinen Herrn in ganz geläufigem Englisch anredete.

»Wie hat Euer Hochwohlgeboren die Schäferstunde gefallen? Guten Erfolg gehabt, Euer Hochwohlgeboren?«

Der Ton war ganz eigentümlich spöttisch.

»Zum Teufel,« sagte der Offizier und zog den Rock aus, »das hat mich angegriffen. Ist der Kapitän noch wach?«

»Er schläft schon und wiegt sich in süßen Träumen.«

»Der Glückliche. Ich muß drücken und lecken und schlecken, und der richtige liegt im Bett und träumt von seiner Braut.«

»Haben Sie die Abdrücke?« fragte der Inder wieder.

»Natürlich,« antwortete sein Herr, der vor dem Spiegel stand und da hantierte.

»Ein Blinder hätte sie machen können. Das Mädchen ist so verliebt und dumm, daß die Gänse es beißen.«

»Hahaha,« lachte der Hindu, »ich hätte Sie nur sehen mögen, wie Sie das Mädchen bearbeitet haben. Wie in aller Welt haben Sie das nur angefangen, die Abdrücke zu bekommen? Gab sie Ihnen die Schlüssel freiwillig?«

»Sie sind wohl ein bißchen verrückt,« sagte der Mann am Spiegel. »Bei der ersten Umarmung nahm ich ihr den Schlüsselbund aus der Tasche und dann, während wir uns umschluugen hielten, drückte ich hinter ihrem Rücken einen Schlüssel nach dem anderen ins Wachs, zum Abschied nahm ich sie noch einmal an meine Brust, überzeugte mich, daß kein Wachs an den Schlüsseln klebte und steckte sie wieder an ihren alten Platz.«

»Hat's nicht dabei geklirrt?«

»Denken Sie etwa, ein Schlüsselbund klirrt in meiner Hand? Außerdem war das Mädchen so aufgeregt, daß es das Brüllen einer Kuh für das Flöten einer Nachtigall gehalten hätte.«

Der Mann vor dem Spiegel drehte sich um, und vor dem Hindu stand – Nikolas Sharp, der Detektiv.

Jetzt holte er unter dem Bett einen Koffer hervor, öffnete ihn und entnahm demselben einen kleinen Schraubstock, Feilen und einen Bund roher Schlüssel.

»So, jetzt kann es an die Arbeit gehen, ich muß die ganze Nacht schlossern. Werfen Sie mir einmal dort den Lappen her, Williams, ich will den Schraubstock abwischen.«

»Es ist ein Battisttuch vom Kapitän.«

»Das ist meinem Schraubstock ganz egal, wenn es nur das Fett wegnimmt, außerdem benutze ich nur die eine Seite.«

Der Detektiv streifte die Hemdsärmel hoch und begann zu feilen, wobei ihm der Hindu oder vielmehr der verkleidete Williams zusah. Er war außer sich vor Erstaunen, mit welch zauberhafter Schnelligkeit sich ein Schlüssel nach dem anderen unter den kunstfertigen Händen des Detektivs formte, bis er in einen Wachsabdruck paßte.

»Anstatt mir mit offenem Munde zuzuschauen, erzählen Sie mir lieber die Geschichte vom Oberst Walton,« sagte der Detektiv, »aber so knapp wie möglich, damit ich endlich einmal klar darin sehe. Hendricks hat sie mir schon einmal erzählt, als ich mich ihm als ungarischer Fürst vorstellte, aber er kam immer wieder auf des Obersten Pferde zu sprechen. Also ganz kurz, daß sich meine Gedanken dabei nicht verwirren, ohne Umschweife.«

»Nun,« lächelte Williams, »passen Sie auf, es ging folgendermaßen zu: Walton liebte, heiratete sie, Kind, sie starb, Kind weg.«

»Hm,« brummte der Detektiv, »Pferde kommen darin zwar nicht vor, aber etwas ausführlicher können Sie doch erzählen.«

»Walton ist ein Engländer und kam als Leutnant nach Indien,« begann jetzt Williams ernsthaft, »als Kapitän faßte er Neigung zu einer Inderin und –«

»Halt,« unterbrach ihn der Detektiv, »wo war das?« – »Hier in Sabbulpore.« – »Weiter!« – »Und heiratete sie.« – »Legitime Ehe?«

»Ja, aber nicht in England bekannt gemacht; ich glaube nicht einmal, daß seine Nichte Rosa etwas davon weiß, denn er spricht niemals darüber. Kurz, ehe der große Aufstand losbrach, ließ Walton sein einziges Kind, Lucille, unter Bedeckung nach einer Hafenstadt bringen und wollte die damals etwas kränkliche Mutter später nachschicken. Aber weder von Lucille, noch von den englischen Soldaten, welche das Mädchen begleiten sollten, hat man je wieder etwas gehört – sie haben ihr Ziel nicht erreicht, sind verschollen. Als die Mutter dies erfuhr, starb sie.«

»Hm, wie lange ist das her?« – »Fünf Jahre.« – »Wie alt war damals Lucille?« – »Zehn Jahr.« – »Hm, hm.«

Der Detektiv feilte unablässig weiter.

»Was denken Sie davon, Sir Williams?«

»Ich denke überhaupt nie etwas.«

»Ist auch das Gescheiteste, was Sie thun können. Denken greift nur die Gesundheit an. Aber ich meine, ob Sie wissen, wer Anlaß zu dem Raube Lucilles gegeben hat.«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Zum Teufel, seien Sie nicht so schwerfällig,« rief der Detektiv, »wozu find Sie denn hier?«

»Um diejenigen zu beobachten, welche hier aus- und eingehen und so nebenbei zu horchen, wie über den Rajah gesprochen wird.«

»Da haben wir's ja, Sie spionieren das aus, was ich schon lange weiß.«

»Das glaube ich denn doch nicht.«

»Nicht? Wissen Sie, wer die Frau des Obersten war?« – »Eine Inderin weiblichen Geschlechts.«

»Diejenige, welche der Rajah liebte.«

»Ah,« rief Williams, dem ein Licht aufging.

»Ja, ach, nun fallen Sie in Verzückungen. Ich weiß noch viel mehr, als das, aber mit solchen Kleinigkeiten gebe ich mich nicht ab.«

»Sie spekulieren auf Evelyn, Ihre Geliebte?«

»Ja, sie giebt den Schlüssel zu diesem und noch vielem anderen, ich werde meiner neuen Braut nächstens den Hals umdrehen.«

»Das arme Mädchen,« seufzte Williams. »In der Haut des Kapitäns möchte ich jetzt auch nicht stecken. Die Evelyn wird nun auch Ansprüche auf ihn machen und seine Braut in Bombay, wenn sie etwas davon erfährt, ihm die Augen auskratzen.«

Der Detektiv zuckte geringschätzig die Achseln.

»Er wird als vorsichtiger Mann sie jedenfalls benachrichtigt haben. Jedenfalls lasse ich mir dieses Rendezvous ordentlich bezahlen, jeder Kuß von mir kostet fünf Dollar, 49 hat sie bekommen, macht zusammen 245 Dollar.«

»Apropos,« fuhr der Detektiv fort, »wie gefällt Ihnen die Ordonnanz des Obersten?«

»Scheint ein anstelliger, braver Bursche zu sein.«

»Am bravsten aber wird er sein, wenn er an einem Stricke hängt,« ergänzte der Detektiv. »Kommt Ihnen das Gesicht nicht bekannt vor?«

»Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, mit ihm vordem zu sprechen.«

»Williams, Sie sind doch ein recht blinder Maulwurf. Wollen wir wetten, daß Sie ihn schon in Bombay gesehen haben?«

»Ich schulde Ihnen sowieso noch hundert Pfund. Aber so sprechen Sie doch, wer ist es denn?«

»Kein anderer als jener Fakir, der uns im Tempelgarten von Bombay anbetteln und etwas von unserem Gespräch aufschnappen wollte.«

»Diese Behauptung ist etwas gewagt; denn soviel ich mich noch erinnern kann, waren jenem Fakir die Fingernägel durch die Handballen gewachsen, während dieser Kerl den ganzen Tag Cigaretten dreht. Doch mag sein, ich traue Ihrer Spürnase.«

»Außerdem ist er der, aber nur zu Ihnen gesagt, der vor acht Tagen den Major, oder wie er hieß, getötet hat.«

»Majuba? Mensch, und diese Vermutung, die sehr nahe liegt, wenn es jener Fakir ist, sagen Sie erst jetzt? Tagelang werden schon Untersuchungen gepflogen, jetzt noch ist alles in Aufregung über den Mord.«

Der Detektiv zuckte wieder die Achseln.

»Das ist eben das dumme, daß immer gleich soviel Geschrei gemacht wird. Der Major wird doch nicht wieder lebendig davon. Aber laßt die Ordonnanz einen neuen Mordversuch machen und dabei erwischen, dann hat man ihn fest und braucht keine Zeugen erst aufzubringen. Wenn Sie mich dafür bezahlen, entlarve ich ihn noch heute abend.«

»Wieviel wollen Sie dafür haben?«

»Tausend Dollar nur, weil es ein Schwarzer ist.«

»Nein,« lachte der verkleidete Hindu, »für das Geld lasse ich mir lieber von Ihnen 200 Küsse geben.«

»Die werden bei Schwarzen wieder teurer,« meinte der Detektiv trocken, mit unermüdlichem Fleiße hämmernd, feilend und messend. »So, das ist der zweite! Noch drei, und ich bin fertig. Die Dingerchen sind verflucht kompliziert gearbeitet.«

»Was gedenken Sie mit den Schlüsseln anzufangen?« fragte Charles.

»Ich statte meiner Braut einen Besuch in ihrem Schlafzimmer ab, wo ihr Schreibsekretär steht.«

»Und wieviel nehmen Sie dafür?« Charles amüsierte sich über den Detektiven, der nichts unentgeltlich that.

»Ich mache es billig, weil sie nicht darin ist.«

»Na, dann gute Nacht, Sharp, ich gehe schlafen. Ich glaube, wir beide passen gut zusammen.«

»Gute Nacht, Sir Williams, wollte sagen, Romal, färben Sie nicht das Bett.«

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