Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
projectida1f0f2df
Schließen

Navigation:

12.

In Kairo.

Eine der Hauptstraßen Kairos, der Hauptstadt Egyptens und der Residenz des vom Sultan abhängigen Vizekönigs, ist die Muski.

Sind im Westen der Stadt hauptsächlich die Europäer vertreten, sodaß auch das ganze Viertel ein Aussehen bekommen hat, welches sich von dem einer reichen, deutschen Stadt mit Villen, Wohn- und Geschäftshäusern nicht unterscheidet, so macht das arabische Stadtviertel mit den engen Sackgäßchen, den niedrigen, glatten Lehmhäusern, deren Fenster nach dem innengelegenen Hofe hinausführen, einen noch vollkommen orientalischen Eindruck, die Muski bildet dagegen eine Art Mittelding, um deren Besitz sich Europäer und Eingeborene zu streiten scheinen.

Man kann in ihr die glänzendsten Verkaufsläden finden, Firmen, welche ebenso in Berlin, London und Paris zu lesen sind, besonders große Konfektionsgeschäfte, und dicht neben dem riesigen Glaspalast erhebt sich ein elendes Lehmhüttchen, in dem ein schmieriger Araber gebratene Lebern feilbietet. So wechselt die ganze Straße entlang das Aussehen der Häuserfront.

Ebenso bietet das Leben auf dieser Straße ein bunt zusammengewürfeltes Bild. Elegante Herren, nach modernstem Pariser Schnitt gekleidet, verlassen ihre Comptoirs und eilen in ein in der Nähe befindliches englisches Frühstückslokal, um mit Hast einige geröstete und belegte Brotschnitte hinunterzuschlingen, denn ›Zeit ist Geld‹, und am meisten für englische Geschäftsleute. Mögen sie einen Warentransport nach dem Nordpol zu leiten oder unter dem Aequator ein Geschäft abzuschließen haben, weder Kälte, noch Hitze hindern sie, mit ihren langen Beinen die Wege halb im Laufschritt zurückzulegen, um die Zeit, welche sie sich für Frühstück und Mittagsessen bestimmt haben, mit der Uhr in der Hand, auszunutzen.

Unterwegs werden dle Europäer häufig von schrecklich zerlumpten Arabern angebettelt, wenn die ihren skelettartigen Körper bedeckenden Sachen überhaupt noch als Lumpen bezeichnet werden dürfen. Kaum genügen sie, ihn zu verhüllen. Beine, Schenkel, Arme und Oberkörper sind nackt oder stecken nur in Sachen, welche sich aus Löchern zusammenzusetzen scheinen.

Hier in der Muski ist das Arbeitsfeld des Bettlers.

Er kennt seine Kunden, welche ihm eine kleine Kupfermünze geben, wofür sie den Segen Allahs mit auf den Weg bekommen; er weiß, wann sie eine bestimmte Ecke der Straße passieren, und lauert ihnen dort auf.

Mit wimmernder Stimme streckt er dem Vorbeieilenden die fleischlose Hand mit einer Muschelschale entgegen, murmelt einen langen Segensspruch, das heißt, nur, wenn ein holder Klang an sein Ohr gedrungen ist, und läßt dann die Kupfermünze in irgend einem Versteck seiner Lumpen verschwinden. Bemerkt er einen Fremden, deren es in dem an Merkwürdigkeiten reichen Kairo zahllose giebt – die vielen Hotels geben Zeugnis davon – so eilt er ihm eine Strecke weit nach, ihn mit zudringlichen Bitten und Gebärden belästigend.

Den Kunden, der ihm täglich den Tribut eines Geldstückes entrichtet, begrüßt er mit freundlichem Grinsen; er behandelt ihn mit einer Art Vertraulichkeit und erweist ihm Dienste, von denen der Betreffende oft keine Ahnung hat. Er sorgt dafür, daß der freigebige Herr nicht von anderen Bettlern belästigt wird; er hält durch seinen Befehl die zudringlichen Eseljungen, den Schrecken des Orients, von ihm ab, er wacht über ihn, wie es der beste Kriminalpolizist nicht vermöchte.

Sieht dies nicht fast aus, als wäre der zerlumpte Mann mehr als nur ein Bettler, als besäße er irgend eine geheime Macht? Es ist auch wirklich so, wie er denn auch meistens nicht arm ist.

Die orientalischen Bettler halten in jeder Stadt fest zusammen; sie bilden eine Gilde für sich und dulden keinen Fremdling innerhalb ihres Gebietes. Es bestehen Gesetze unter ihnen, die sich vom Vater auf den Sohn vererben und die für unumstößlich gelten. Eins davon ist, daß der Franke, der einem vom Bettlerhandwerk zinsmäßig einen gewissen Beitrag steuert, von den anderen Vertretern desselben nicht belästigt werden darf, und ferner, daß die Eseljungen unter ihrem Befehl stehen.

Der weitgereiste Leser, welcher vielleicht einmal den Orient besucht hat, kann davon erzählen, was für eine Plage diese letzteren für den Fremden werden können. Hundertmal kann er ihnen erklären, daß er nicht reiten will, selbst im fließendsten Arabisch; wie die Schmeißfliegen umschwärmen ihn die Unholde und geben nicht eher nach, als bis er die Beine über den Rücken eines ihrer Tiere gespreizt hat. Er wundert sich vielleicht, daß dagegen andere Herren vollkommen von den Anerbietungen der Treiber verschont bleiben. Tritt er aus dem Haus, so versammeln sich wohl auch um jene sofort ein Dutzend Jungen, aber er braucht nur mit dem Kopfe zu schütteln, und sofort führen sie die Esel wieder auf ihre Station zurück.

Alles dies bewirken die elenden Bettler, welche die Straßenpassanten beobachten, sie auf die Mildthätigkeit ihres Herzens prüfen und eine Macht ausüben, von der nur sehr wenige Fremde eine Ahnung besitzen.

Eine Geschichte möge das Gesagte bezeugen, welche auf diese Art von Leuten ein eigentümliches, aber gutes Licht wirft.

Ein junger Deutscher war in Aden, einer Hafenstadt Arabiens, in einem österreichischen Geschäftshaus engagiert. Jeden Abend, wenn er seinem Hause zuging, sprach ihn ein Krüppel, der an seine Beinstümpfe Holzschalen geschnallt hatte und sich so fortbewegte, um eine Gabe an, und der gutherzige Deutsche schenkte ihm stets einen halben Piaster, das sind zehn Pfennige. Die Firma des jungen Mannes machte Bankerott, wodurch er nicht nur beschäftigungslos wurde, sondern auch sein ganzes, in dem Geschäft stehendes Geld verlor, sodaß er in große Not geriet. Sein erstes war, daß er seine bisherige Wohnung aufgab und sich ein einfaches Zimmer mietete, sodaß ihn nun sein Weg nicht mehr an dem alten Bettler vorbeiführte. Alle Versuche, ein neues Engagement zu bekommen, schlugen fehl; der junge Deutsche geriet in die bitterste Armut, und sein einziger Wunsch war nur noch, in die Heimat zurückkehren zu können, aber niemand fand sich, der ihm das nötige Geld leihen wollte.

Eines Abends wandelte er niedergeschlagen durch die Straßen Bagdads und kam zufällig an jener Ecke vorbei, an welcher der alte Bettler stand. Dieser sprach ihn sofort an und fragte ihn, warum er nicht mehr hier vorüberginge und warum er so betrübt aussehe. Der Deutsche fühlte sich glücklich, daß wenigstens eine menschliche Seele Mitleid mit seiner Lage hatte, und teilte dem Bettler sein Unglück mit, auch, daß ihm niemand das Geld zur Heimreise leihen wollte. Der Krüppel fragte ihn, ob er ihn diese Nacht besuchen wolle, er wüßte vielleicht Rat, und der junge Mann willigte, obgleich innerlich über den Bettler lächelnd, weil dieser wahrscheinlich bei seiner Bedürfnislosigkeit nur an einige Piaster dachte, ein. Er ging bei Nachtzeit nach der beschriebenen, armseligen Wohnung des alten Mannes, aber wie war er erstaunt, als dieser nach einigen Begrüßungsreden in einer Ecke der Hütte einen Stein am Boden lüftete, einen schweren Beutel hervorhob und ihn mit den Worten auf den Tisch setzte:

»Wieviel hundert Piaster brauchst du zur Reise?«

Er mußte den Sprachlosen dazu nötigen, ihm die Summe zu nennen.

»In den zwei Jahren habe ich von dir nach und nach dreihundertsiebzehn Piaster erhalten. Ich hielt dich für einen reichen Mann, nun aber gebe ich sie dir zurück, und außerdem borge ich dir noch das übrige, daß du in dein Land kommen kannst.«

Der Deutsche brauchte zweihundert Mark, also zweitausend Piaster, und, ohne Dank annehmen zu wollen, zählte sie ihm der Bettler auf.

Das erste, was der deutsche Kaufmann that, als er wieder in bessere Verhältnisse kam, war, daß er seinem Retter die Summe mit Zinsen wieder zukommen ließ.

Von einem großen, mit Rasen und Baumanpflanzungen geschmückten Platz, der mit stattlichen Gebäuden eingerahmt ist, führt die Muski ab. Gehen wir diese entlang und lassen vorläufig das bunte Gewühl von Italienern, Griechen, Spaniern in ihren Trachten, Deutschen, Engländern und Franzosen in moderner Kleidung, Türken und Arabern in orientalischen Gewändern, unbeachtet, lassen wir die Eseljungen ihre Tiere mit dicken Beamten, verhüllten Frauen, die rittlings im Sattel sitzen, an uns vorbeieilen, und biegen wir in das dritte Gäßchen ein, welches sich zur rechten Hand von der Muski abzweigt.

Es macht einen unangenehmen Eindruck auf den Passanten, dieses Gäßchen. Anfangs fällt es sehr steil von der Muski ab. Der Boden ist furchtbar holprig, und die hohen, schmutzigen Häuserwände rücken so nahe aneinander, daß kaum eine Equipage zwischen ihnen durch kann.

Es ist eine Sackgasse; ein Haus versperrt schließlich dem Wanderer den Weg.

Durch einen breiten Thorweg gelangt man in einen Garten, doch nein, in ein Paradies, welches hierhergezaubert worden zu sein scheint. Lange Promenaden, von Palmen beschattet, schattige Gänge, durch Bäume und Büsche gebildet, die sonst nur in Gewächshäusern zu sehen sind, dunkle Lauben, von Mandel-, Apfelsinen- und Feigenbäumen überschattet, bieten sich deinem entzückten Auge dar.

Dazu paßt auch der palastartige Bau, der sich seitwärts erhebt. Ein einziger Blick in den Treppenflur lehrt schon, wie prächtig die inneren Zimmer ausgestattet sein mögen. Die Stufen sind mit kostbaren Teppichen belegt; zu den Seiten stehen Marmorfigurcn, Göttergestalten darstellend, und überall, selbst auf diesem Flur, sind Kronleuchter und geschmackvolle Ampeln angebracht.

Ein Herr im Salonauzug erscheint, das heißt, in Frack und weißem Schlips, und spricht den Besucher mit einer höflichen Verbeugung an.

Der versteht ihn nicht und schüttelt also den Kopf.

Sofort wechselt jener die Sprache, er fragt englisch, französisch, italienisch, spanisch und so weiter, endlich deutsch:

»Was wünschen Sie zu bestellen, mein Herr?«

Was, das ist ein Kellner? Gut! Man fordert eine halbe Flasche griechischen Rotweins, das ist das billigste, was man hier erhalten kann.

Bald erscheint der befrackte Geist wieder und bringt auf silberner Platte die Flasche in ebenfalls silbernem Eisbehälter, und ein feingeschliffenes Glas, die Rechnung wird auf ebenfalls silbernem Teller in Gestalt einer kleinen, kopierten Karte überreicht. Ein tiefer Griff in den Geldbeutel ist zur Begleichung derselben notig. Das ist das Hotel du Nil, das feinste Absteigequartier für Reisende in Kairo.

Freilich kann ein Kaiser, ein König, ein Herzog oder ein Fürst kurz zuvor auf demselben Platze gesessen haben. Es ist nicht unmöglich, daß an eben dieser Stelle Kronprinz Rudolf an seine Mutter, die Kaiserin von Oesterreich geschrieben hat, oder unser Moltke an seine Braut.

Ein einfach gekleideter Mann, ohne Kragen, das wollene Hemd auf der Brust nicht einmal zugeknöpft, geht sinnend im Garten auf und ab und schlägt dabei mit einem Stöckchen den hochaufgeschossenen Grashalmen die Köpfe ab. Vielleicht bedarf es, wie er jetzt die Pflänzchen köpft, nur seines Wortes, und zwei mächtige Völker erheben sich gegeneinander, zum Kampfe gerüstet, und Schmerzgeheul und Trauerklagen erfüllen die Welt.

In der Tat, wohl kein Fremdenbuch der Welt kann eine solche Fülle von berühmten und hochklingenden Namen aufweisen, wie das Hotel du Nil in Kairo, jener Stadt, die von ihren Bewunderern das orientalische Paris genannt wird.

Vor dem Eingangstor drängen sich eine ungewöhnlich große Anzahl Eseljungen, ihre Tiere am Zügel haltend, die teils Herren-, teils Damensättel tragen. Fast scheint es, als ob alle Gäste sich Esel bestellt hätten, in solcher Menge sind diese vertreten.

Zwischen ihnen durch drängen sich Herren, die sich entweder mit den Treibern in einem sonderbaren Kauderwelsch unterhalten oder sich durch scherzhafte Bemerkungen über die Esel die Zeit bis zum Abreiten vertreiben.

»Ist der Esel auch gut?« fragt einer der Herren einen Jungen, denn diese Treiber, fortwährend mit Reisenden verkehrend, verstehen meist etwas von den modernen Sprachen.

»Sehr gut, Effendi,« entgegnete der Bursche, »nickt mit die Kopf.«

Das soll heißen, er trägt den Kopf hoch und bewegt ihn wie ein edles Roß.

»Nickt er auch mit die Schwanz?« fragte der erste Sprecher lachend weiter.

»Nickt mit die Schwanz,« beteuerte der Junge. – »Beißt nicht?« – »Nie nicht beißen.« – »Schlägt nicht aus?« – »Nie nicht ausschlagen thut.« – »Geht nicht durch?« forschte der beharrliche Frager weiter.

Der Treiber versteht diesen Ausdruck nicht, aber er macht eine abwehrende Bewegung.

»Mein Esel, bester Esel, wie ein Lamm,« sagt er.

»Dann nehme ich ihn auch nicht,« meint der Herr und dreht sich phlegmatisch um, nach einem recht störrisch aussehenden Tiere suchend.

»Halloh, Hastings,« rief dieser Fremde plötzlich, als er einen Herrn sah, der sich eben mit der ganzen Wucht seines riesigen Körpers auf einen sehr starken Esel legte, als wolle er probieren, ob derselbe ihn tragen könnte. »Halloh! Brechen Sie dem Tiere nicht das Kreuz! Nehmen Sie doch lieber zwei Esel.«

»Kinderspielzeug!« antwortete der Gefoppte, der, wie auch die anderen Herren zur Besatzung des ›Amor‹ gehörte, mit mürrischer Miene.

Die Vestalinnen wohnten bereits seit zwei Tagen im Hotel du Nil und hatten die Zeit fleißig dazu benutzt, sich alle Merkwürdigkeiten der ägyptischen Hauptstadt anzusehen, uud zwar diesmal in Begleitung der englischen Herren, welche in demselben Hotel logierten.

Es waren zuerst Schwierigkeiten entstanden wegen der befreiten Mädchen, welche nicht stets mit herumgeschleppt werden sollten, bis Johanna vorgeschlagen hatte, man sollte den Kapitän des ›Blitz‹ fragen, ob er vielleicht mit seiner zahlreichen Mannschaft über die Sicherheit der Mädchen wachen wolle.

Gedacht, gethan, Miß Ellen hatte dem Ingenieur geschrieben und sofort eine zusagende Antwort erhalten. Noch an demselben Tage verließ sein Schiff den alten Ankerplatz im Hafen und legte dicht neben der ›Vesta‹ an.

»Bleiben Sie so lange aus, wie Sie wollen,« hatte Felix Hoffmann zu der Kapitänin gesagt, »und Sie werden bei Ihrer Rückkehr kein Haar auf den Häuptern Ihrer Schützlinge durch irgend eine menschliche Macht gekrümmt finden. Trauen Sie meinem Wort als dem eines Ehrenmannes.«

Völlig beruhigt verließ Ellen in Begleitung ihrer Gefährtinnen Alexandrien, die Mädchen unter dem Schutze des deutschen Ingenieurs und seiner Matrosen zurücklassend, nur Sulima und Yamyhla nahm sie mit, erstere, um sie in ihre Heimat zu bringen und durch ihre Aussage den Anstifter des räuberischen Ueberfalles zu entlarven, letztere, weil alle Vestalinnen ein ganz besonderes Wohlgefallen an der Amazone fanden, welche bei jeder Schiffsarbeit mit einem Eifer und einer Geschicklichkeit ans Werk ging, welche die Damen immer wieder in Erstaunen setzten. Ueberhaupt betrachteten sie das Mädchen mehr als Genossin, denn als eine der Aufsicht bedürfende Sklavin.

Der ›Amor‹ hatte zur anderen Seite des ›Blitz‹ beigelegt, und Lord Harrlington hatte dem Ingenieur die Brigg ebenfalls zur Aufsicht übergeben.

Die alten Moscheen der einstigen Herrscher Ägyptens, die Wasserkünste, die berühmten Mameluckengräber, die Andenken, welche sich an den Aufenthalt der Juden in Ägypten knüpfen, alles war schon besehen, es galt nur noch, den Pyramiden einen Besuch abzustatten, dann sollte dem heißen Wunsche Sulimas, sie nach der Heimat zu bringen, willfahren werden.

Man sah es dem armen Mädchen an, daß es bald vor Sehnsucht verging, aber zu rücksichtsvoll war, um durch Bitten ihre Retterinnen zur Beschleunigung des geplanten Vorhabens anzutreiben.

Jetzt harrten unten die bestellten Esel, um die Herren und Damen nach Giseh, wo die Pyramiden und die kolossale Sphinx sich erheben, zu bringen. ...

In einem Zimmer des Hotels fand kurz vor dem Abritt noch eine Unterhaltung zwischen Ellen, Johanna und Miß Murray statt, während Sulima und Yamyhla, ebenso wie die übrigen Damen, in helle, bequeme, aber dennoch geschmackvolle Toiletten gekleidet, am Fenster standen und sich über das Treiben der Herren zwischen den Eseln freuten.

Soeben hatte Miß Petersen den beiden Damen einen laugen Artikel aus einer englischen Zeitung vorgelesen, deren es in Kairo mehrere giebt.

»Sieht es nicht gerade aus,« setzte Ellen am Schluß hinzu, und ihr schönes Gesicht strahlte von innigem Entzücken, »als hätte der Schreiber dieses uns ganz in der Nähe beobachtet?«

»Fast scheint es so,« entgegnete Miß Murray, auch sie war ungemein erfreut. »Alles, was wir gethan haben, wie Sie dem Mädchenhändler erst die Pistole aus der Hand schossen, dann sein Ohr trafen, wie ich das Kommando gab, das Steuerrad der ›Undine‹ zu zerschmettern – alles ist so geschildert, wie es geschehen ist.«

»Merkwürdig ist es auch,« fuhr Ellen fort, »wie genau der Name jeder Vestalin genannt ist, die am Geschütz stand, die im Boot war oder die die Bootsbesatzung mit Revolvern bedrohte. Das Verhalten des Türken, des Kapitäns, unser eigenes, alles und alles so, als hätte sich irgendwo ein Reporter versteckt gehalten und unser Thun in seinem Buche notiert. Wer mag dies nur gethan haben? Eine unserer Gefährtinnen?«

»Das kann ich nicht glauben,« sagte Jessy Murray bestimmt.

»Dann weiß ich es wirklich nicht. Was meinen Sie dazu, liebe Jane?«

»Ohne allen Zweifel hat den Artikel einer der Engländer in die Zeitung gesetzt,« entgegnete Johanna.

»Nicht möglich,« riefen beide Damen zugleich aus.

»Der ›Amor‹ war nicht in Sicht, und derjenige, der dieses aufgesetzt hat, muß unbedingt Augenzeuge des Vorfalles gewesen sein.«

»Und doch ist es nicht so unmöglich,« meinte eben Johanna lächelnd, »daß uns dabei die Herren beobachtet haben. Sie entsinnen sich, daß der ›Amor‹ eben in Sicht kam. als wir die Sklavinnen an Bord nahmen. Den näheren Anblick dieser Mädchen wollten sich die jungen Herren natürlich nicht entgehen lassen. Mir fiel übrigens gleich auf, daß sie uns zwar beglückwünschten uud sehr viele Schmeicheleien sagten, aber ihr Erstaunen über unsere That war doch nicht das rechte. Zeigten es einige doch, so machte es einen erkünstelten Eindruck.

»Aber ich bitte Sie,« unterbrach Jessy die Sprecherin, »wie sollen sie uns beobachtet haben, wenn wir den ›Amor‹ gar nicht sehen konnten!«

»Ah, doch! Wissen Sie noch, daß nicht so sehr weit von uns das letzte Inselchen des griechischen Archipels lag!« – »Ah, in der That!«

»Nun, und eben, als das Werk vollendet war, kam der ›Amor‹ hinter diesem Inselchen vorgedampft, und die Herren beglückwünschten uns,« schloß Johanna.

»Das wäre allerdings die einzige Lösung des Rätsels. Doch sei es, wie es wolle,« meinte Ellen und stand auf, um vor dem Spiegel ihr Kleid zu ordnen. »Böse bin ich dem Betreffenden jedenfalls nicht, daß er so indiskret gewesen ist, das Geschehene in den Zeitungen zu veröffentlichen. Im Gegenteil, ich bin sehr zufrieden damit.«

»Das kommt doch auch noch in andere Zeitungen?« fragte Jessy.

»Natürlich! Alle Redaktionen der Welt werden sich um die Ehre reihen, ihren Leserkreis zuerst mit dieser Neuigkeit und unseren Namen bekannt zu machen.«

»Bravo, bravo!« rief Jessy entzückt und klatschte in die Hände. »Es ist schade, daß Sir Williams nicht nahe genug war, sonst hätte er uns mit seinem unvermeidlichen Photographenapparat aufgenommen.«

»Ich weiß nicht,« meinte Johanna, »mir gefällt es nicht besonders, daß die Befreiung der achtzehn Mädchen durch uns so freimütig ausgerufen wird.«

»Warum nicht?« fragten die beiden Damen erstannt. »Wir haben doch kein Unrecht begangen, sondern vielmehr eine sehr lobenswerte Handlnng ausgeführt!«

»Gewiß, das haben wir! Aber immerhin, der Schreiber hätte wenigstens warten können, bis wir Sulima sicher den Ihren ausgeliefert haben, wir selbst wieder an Bord der ›Vesta‹ sind und Alexandrien hinter uns haben.«

»Haben Sie etwa Angst, daß wir für unsere Kühnheit von jenem elenden Mädchenhändler bestraft werden könnten?« fragte Jessy in etwas spöttischem Tone.

Johanna richtete sich hoch auf und schaute die Fragerin mit einem festen Blicke an:

»Sie sollten doch wissen, Miß Murray, daß Johanna Lind keine Furcht kennt.«

»Verzeihen Sie mir,« bat sofort Jessy und reichte ihr die Hand, »so war dies nicht gemeint. Aber warum sollte diese schnelle Veröffentlichung eine Gefahr für uns bedeuten?«

Johanna zuckte die Achseln.

»Eine Ahnung sagt es mir. Wir sind in einem Lande, das unter der Oberhoheit des Sultans steht. Die Türkei darf den Sklavenhandel zwar nicht dulden, dafür haben die europäischen Mächte gesorgt, aber sie leistet ihm, und ganz besonders dem Mädchenhandel, heimlich Vorschub.«

»Nun, laßt sie kommen!« meinte Ellen. »Wir werden schon mit ihnen fertig werden. Aber auf nun, meine Damen, wir wollen hinunter! Kommt, Sulima und Yamyhla!«

»Ja, auf, denn schon wiehern vor der Thür die Rosse,« lachte Jessy, als eben ein Esel ein langgezogenes Y–y–ah ausstieß, welches seine Brüder beantworteten. Freudig wurden die Damen unten begrüßt. Schon lange hatte man auf ihre Ankunft gewartet, um den Ritt nach den Pyramiden beginnen zu können.

Jede hatte sich einen Esel ausgesucht, einige weitere Tiere wurden mit Lebensmitteln bepackt, um nach Befriedigung der Augen auch dem Verlangen des Magens genügen zu können. Die mit diesen Schätzen beladenen Tiere und deren Treiber kamen unter die besondere Aufsicht des ebenfalls mitreitenden Hannibal, denn dieser weitgereiste Mann gab sich den Anschein, als ob das Merkwürdigste der Welt nicht mehr sein Interesse erregen könne, nur eine gute Mahlzeit und ein gutes Glas Wein lockten ihm, dem verwöhnten Feinschmecker, ein wohlgefälliges Lächeln ab. So ritt er jetzt hinter den den Beschluß bildenden Eseln mit den Vorräten her und verwandte kein Auge von ihnen. Erst als Yamyhla ihr Tier neben das seinige lenkte, wurde seine Aufmerksamkeit durch die Unterhaltung in Anspruch genommen, die beide in jenen tiefen Gaumenlauten ihres Volkes führten.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.