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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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11.

Ein amerikanischer Detektiv

»Was, Georg, du kommst schon zurück?« fragte der breitschultrige Bootsmann des ›Blitz‹ einen jungen Burschen, der eben, eine Ledertasche um die Schultern gehängt, das Fallreep emporstieg.

»Warum nicht?« entgegnete der Angeredete und wischte sich den Schweiß von dem sonnverbrannten, frischen Gesicht, nahm dann die bebänderte Mütze ab, sodaß scharf die Grenzlinie zu sehen war, bis wohin die sengende Sonne und stürmische Winde ihre Wirkung auf die Haut geäußert hatten, und trocknete mit dem Tuche das Futter der Mütze.

»Warum nicht?« entgegnete er auf die verwunderte Frage des Bootsmannes.

»Vom Hafen von Alexandrien bis zum Postgebäude ist es nicht so weit, und außerdem bin ich mit der Pferdebahn gefahren.«

»Das sieht dir gar nicht ähnlich. Sonst schnüffelst du doch in jeder neuen Stadt alle Winkel aus und kannst dann erzählen, wo der beste Wein und das schönste Mädchen zu haben sind.«

»Ja,« lachte Georg, »das kommt eben davon, wenn man sich einen Nachtwächter zum Vater ausgesucht hat. Das Spionieren vererbt sich. Aber heute war es mir doch etwas zu heiß dazu. Doch sag', Bootsmann, ist der Kapitän im Salon?«

»Er wird in seinem Arbeitszimmer sein,« brummte der Bootsmann mürrisch, weil der sonst immer Neuigkeiten vom Lande mitbringende Georg heute so karg mit denselben war.

Der junge Matrose drehte nachdenklich den kleinen, schwarzen Schnurrbart, warf einen prüfenden Blick über das Deck, auf welchem die Mannschaft mit dem Putzen der Messing- und Eisenteile beschäftigt war, obgleich diese schon in der Sonne blitzten, und schritt dem inmitten des Schiffes stehenden Häuschen zu, in welchem sich die nach der Kajüte führende Treppe befand.

Auf dem ›Blitz‹ schien militärische Ordnung zu herrschen, denn unten an der Treppe stand, wie am Fallreep, ein Posten.

»Melde mich dem Kapitän, Hans!« sagte Georg zu diesem, ebenso wie vorhin zum Bootsmann deutsch sprechend, und der Mann verschwand in einer Thür.

Es war wunderlich, mit welcher Aufmerksamkeit der junge Matrose mit der Brieftasche sich jetzt, als er für eine halbe Minute allein war, umsah. Blitzschnell ließ er seinen Blick durch den halbdunklen Gang schweifen, kein Gegenstand, keine Thür, nicht einmal die Schlösser schienen seinem durchdringenden Auge zu entgehen. Es war fast, als ob Georg, der doch auf dem ›Blitz‹ seine Heimat hatte, seit der stolze Bau zum ersten Male die Fluten des Oceans durchschnitten, hier ein Fremdling wäre.

Die Thür öffnete sich wieder, und der Posten winkte Georg, hereinzukommen, während er selbst seinen alten Platz an der Treppe einnahm.

Ein Fremder hätte gestaunt über die prächtige Einrichtung dieses kleinen Gemaches. Obgleich kein Prunk, keine weichen Diwans und unnütze Luxusmöbel zu sehen waren, zeigte doch jeder kleinste Gegenstand die gediegenste Arbeit. Stühle und Tische waren von poliertem Nußbaumholz gefertigt, desgleichen die Bücherschränke und Sekretäre. Ueber dem großen Tisch in der Mitte, welcher mit offenen Atlanten und Büchern bedeckt war, hing ein überaus kostbarer Kronleuchter, dessen Lampen durch Elektrizität zum Leuchten gebracht werden konnten.

Diese Kraft schien hier überhaupt eine große Rolle zu spielen. In allen Winkeln, vor jedem Schrank war eine Edison'sche Glühlampe angebracht, während auf dem Schreibtisch ein kunstvoll gearbeiteter Telegraphenapparat und noch viele andere Instrumente von sonderbarer Konstruktion standen, die sämtlich, wie die von ihnen ablaufenden, grünen Drähte verrieten, durch Elektrizität bedient wurden.

Vor dem Schreibtisch saß, eben einen Brief lesend, der Kapitän des ›Blitz‹, jener deutsche Ingenieur, dessen Bekanntschaft der freundliche Leser schon in Konstantinopel gemacht hat. Als er jetzt beim Eintritt der Briefordonnanz aufstand und seine Gestalt dehnte, um die vom Sitzen steifgewordenen Glieder wieder beweglich zu machen, kam in dem kleinen Raum seine mächtige, aber dennoch harmonisch schön gebaute Gestalt zur vollen Geltung. Man glaubte sich beim Anblick dieses Mannes mit dem gekräuselten Vollbart, dem vollen Haar, welches die durch das kleine, runde Fensterchen fallende Sonne goldig erstrahlen ließ, einem jener Helden gegenüber, wie sie uns die germanische Götterlehre zu schildern weiß. Dieses strahlende, blaue Auge schien geschaffen, das tiefste Geheimnis zu ergründen, aber es schien auch, obgleich jetzt gutmütig und sanft, befähigt, den verwegensten Feind durch bloßes Anschauen zu entwaffnen.

»Nun, Georg,« sagte er freundlich, »hast du die Post nach meiner Beschreibung gleich gefunden?«

»Natürlich,« antwortete der Gefragte selbstbewußt. »Wie können der Herr Kapitän daran zweifeln?«

»Das ist es nicht,« meinte der Kapitän Felix Hoffmann, »ich machte mir wirklich Vorwürfe, dich so allein mit Briefen nach der Post geschickt zu haben.«

»Wieso, Herr Kapitän?«

»Es ist nicht mehr recht geheuer in den Hafenstädten, eine Spitzbubenbande scheint wieder ihr Wesen zu treiben, der die Polizei nicht gewachsen ist.«

Die Briefordonnanz nickte unmerklich mit dem Kopfe.

»Hast du Briefe mitgebracht?«

»Einige,« entgegnete Georg und schüttete den Inhalt der Tasche auf den Tisch. »Aus Deutschland, Amerika, ich glaube, aus Mexiko, und ein paar von hier, doch wahrscheinlich Bitten, den ›Blitz‹ besichtigen zu dürfen.«

Jede Briefordonnanz ist gewissermaßen eingeweiht in die Korrespondenz ihres Herrn, und Georg war es auf dem ›Blitz‹ mehr als irgend ein anderer.

»Sonst etwas Neues?« fragte der Kapitän, während er gleichgiltig die Briefe durchflog und sortierte.

»Ja, sehr viel,« sagte mit pfiffigem Lächeln Georg. »Ich machte vorhin die Bekanntschaft eines jungen Mannes, welcher durchaus an Bord des ›Blitz‹ kommen möchte.«

»So, das möchten wohl noch mehrere. Aber das geht nicht, die Besatzung ist voll.«

»Können Sie wirklich gar keinen mehr gebrauchen?«

Herr Hoffmann warf einen prüfenden Blick auf den Frager.

»Was soll dies, Georg? Hast du einen Bekannten getroffen, den du gern an Bord haben möchtest?«

Georg blieb lange Zeit eine Antwort schuldig, während sich der Kapitän wieder in die Briefe vertiefte.

»Es geht wirklich nicht, Georg, ich nehme keinen Fremden an Bord,« sagte letzterer dann nach einer Weile.

»Auch nicht, wenn ihn Fräulein Johanna Lind empfohlen hat?« klang es etwas spöttisch zurück.

Der Kapitän horchte auf; langsam drehte er das verwunderte Gesicht der Ordonnanz zu, sprang aber dann plötzlich mit allen Zeichen eines namenlosen Erstaunens auf. Was war denn das? Träumte oder wachte er? Das war doch nicht mehr sein Georg, die Ordonnanz? Weg war der Schnurrbart, die braune Gesichtsfarbe; die Stirn war höher geworden, selbst der Mund schien sich verändert zu haben; derselbe Mund war kleiner und die Lippen schmäler.

Der vor ihm Stehende weidete sich mit sichtlichem Ergötzen an dem erstaunten Gesicht des Ingenieurs. Doch nur einige Sekunden hatte diesen die Ueberraschung übermannt, im nächsten Augenblick zog er die weiße Stirn in drohende Falten und sagte in ernstem Tone:

»Was soll das? Sie sind nicht meine Ordonnanz! Wozu diese Maskerade, und wie kommen Sie als Fremder in den Anzug meines Burschen? Antwort, oder –«

Der Ingenieur streckte langsam die Hand nach einem auf dem Tisch stehenden Apparat aus, die Augen fest auf den jetzt bartlosen, jungen Menschen gerichtet, der sich durchaus nicht aus der Fassung bringen ließ, sondern lächelnd entgegnete:

»Hat Sie nicht Fräulein Lind davon benachrichtigt, daß sich Ihnen ein Herr vorstellen wird? Sie glaubte bestimmt, daß Sie ihr die Bitte nicht abschlagen würden, welche sie Ihnen vortrug.«

»Ah,« sagte der Kapitän und zog die Hand zurück, »so sind Sie dieser Abgesandte? Dann ist es allerdings etwas anderes. Sie sind mir willkommen. Aber, erklären Sie mir, auf welche sonderbare Weise stellen Sie sich mir vor, und hier in Alexandrien, da ich Sie doch schon in Konstantinopel erwartet hatte?«

»Diese Karte wird Sie etwas darüber aufklären,« antwortete der Fremde, immer lächelnd, zog eine Brieftasche hervor und reichte dem Ingenieur eine Visitenkarte.

»Nikolas Scharp,« las dieser, sann eine Sekunde lang nach und richtete dann seine Blicke mit unverkennbarer Überraschung auf den jungen Mann.

»Wie,« fuhr er fort, »Sie sind Nick Scharp, der Detektiv, von dem man schon soviel gehört hat, den die Gaunerwelt das Chamäleon nennt, weil er in jeder Stunde ein anderes Aussehen annimmt?«

»Ich habe die Ehre, mich Ihnen als Nick Scharp vorzustellen,« sagte der junge Mann einfach.

»Das konnte ich allerdings nicht ahnen, es erklärt mir aber Ihre seltsame Einführung. Seien Sie mir herzlich willkommen! Bitte, setzen Sie sich.«

Der Ingenieur bot dem Fremden höflich einen Stuhl an, auf welchem dieser gemächlich mit übergeschlagenen Beinen Platz nahm.

»Fräulein Lind schrieb Ihnen oder bat Sie vielmehr,« begann er, »da auch Sie nur auf einer Vergnügungsfahrt begriffen wären, die ›Vesta‹ zu begleiten. Die Gründe hat sie Ihnen jedenfalls auch mitgeteilt?«

»Allerdings! Sie sagte, Miß Ellen Petersen – doch ich weiß nicht, ob ich davon sprechen darf,« unterbrach sich der Ingenieur.

»Ich bin in den ganzen Plan eingeweiht und spielte von Anfang an die Hauptrolle,« entgegnete der Detektiv. »Doch nun kommt es darauf an, ob Sie gewillt sind, auf Fräulein Linds und auf meinen Vorschlag einzugehen, das heißt, der ›Vesta‹ zu folgen und mich an Bord Ihres Schiffes zu behalten, mir aber die völlige Freiheit über meine Handlungen zu gestatten, auch daß ich an Bord und von Bord gehen kann, wann ich will, kurz so, wie Ihnen Miß Lind schrieb.«

»Gewiß bin ich damit einverstanden,« rief der Ingenieur, »es freut mich sogar ungemein, solch' einen ausgezeichneten Mann an Bord meines Schiffes zu haben. Außerdem ersuchte mich Johanna – Miß Lind, wollte ich sagen – den Ratschlägen des von ihr abgesandten Vertrauensmannes Gehör zu schenken. Tauchten mir hinsichtlich dieser Bitte anfangs Zweifel auf, so sind diese jetzt, seit ich weiß, daß dieser Herr Nick Scharp, der amerikanische Detektiv ist, völlig geschwunden. Ich erkenne Ihre Ueberlegenheit in verschiedenen Angelegenheiten an.«

Der Detektiv verbeugte sich leicht.

»Aber,« fuhr der Ingenieur fort, »wie kommt es, daß Sie mich nicht bereits in Konstantinopel aufsuchten, wie es ausgemacht war?«

»Ich habe es doch gethan,« bemerkte lächelnd der Detektiv.

»Aber nicht so, daß ich dessen bewußt wurde.«

»Nein, allerdings nicht. Ich war jener Bootsführer, der Ihnen den Brief von Fräulein Lind brachte. Außerdem benutzte ich die Zeit in Konstantinopel, mich nach und nach mit dem gesamten Personal Ihres Schiffes bekannt zu machen und mir den brauchbarsten unter allen diesen tüchtigen Jungen herauszusuchen, den ich ab und zu verwenden werde, natürlich mit Ihrer Erlaubnis.«

»Auf wen ist Ihre Wahl gefallen?«

»Auf Georg, die Briefordonnanz.«

»In der That, er ist ein intelligenter, treuer und zugleich pfiffiger Geselle, manchmal etwas zu neugierig. Doch à propos, wo steckt er denn jetzt?«

»Er sitzt in meinem Hotelzimmer und raucht als Master Pollok meine Cigarren. Hoffentlich wird es ihm nicht unangenehm sein.«

»Das wird ihm passen; so etwas Abenteuerliches ist nach seinem Geschmack. Und wie soll er wieder herkommen?«

»Ganz auf dieselbe Weise. Ich gehe zu ihm als Ordonnanz, und er kommt als solche an Bord zurück, während ich als Master Pollok an Land bleibe.«

»Wozu diese Vorsicht? Konnten Sie mich nicht in Ihrer eigentlichen Gestalt aufsuchen?«

»Nein. Es war mir, als ob ich beobachtet würde, und wenn ich als Detektiv erkannt und gesehen worden wäre, daß ich auf den ›Blitz‹ gegangen bin, so hätte ich viele Mühe gehabt, meine Beobachter wieder auf eine falsche Spur zu bringen. Außerdem wollte ich Sie erst noch fragen, ob man sich auf Ihre Matrosen betreffs Verschwiegenheit verlassen kann, daß sie mir nicht einmal durch Schwatzen einen Streich spielen.«

Der Ingenieur schüttelte energisch den Kopf.

»Lernen Sie erst meine Besatzung kennen; jeder Mann ist treu wie Gold und verschwiegen wie das Grab.«

»Sie haben sich ja eine wahre Musterkarte von Farben angelegt, ich kalkuliere, alle Nationen der Erde sind auf Ihrem Schiffe vertreten!«

»Ja, es hat mir viele Mühe gekostet, ehe ich sie nach und nach zusammengebracht habe, aber ein jeder von ihnen ist auch ein Original, eine Spezialität in seinem Fache. Doch, bitte, sagen Sie mir, woher kennen Sie Fräulein Lind? Dieses Mädchen ist mir ein Rätsel. Die Besatzung der ›Vesta‹ soll aus den vornehmsten Damen Nordamerikas bestehen, und doch traf ich Fräulein Lind am Oberonsee, als –«

»Herr Hoffmann,« unterbrach ihn der Detektiv rasch, »Ihnen hat Miß Lind also nicht selbst erzählt, wie dies kommt?« – »Nein.« – »Dann halte auch ich mich keinesfalls für berechtigt, über ihre Verhältnisse zu sprechen. Fühlen Sie sich durch diese meine Offenheit beleidigt?«

Der Ingenieur schwieg eine Weile. Dann faßte er die Hand des ihm gegenüber Sitzenden und schüttelte sie herzlich.

»Ein anderer würde es vielleicht thun,« sagte er in warmem Ton, »aber ich schätze einen solchen Charakter wie den Ihrigen, und freue mich, Sie auf meinem Schiffe zu wissen.«

Der Amerikaner verbeugte sich dankend.

»Nun zu Ihren anderen Fragen; ich wollte eher nach Alexandrien kommen, als Sie, um mich über diese Stadt und einiges andere vorher orientieren zu können, und schiffte mich deshalb auf einem Schnelldampfer ein. Zu meiner Verwunderung fand ich aber Ihr Schiff bereits hier liegen. Wie in aller Welt kommt das?«

»Wenn Sie Ihre Geheimnisse haben,« meinte der Ingenieur lächelnd, »so lassen Sie mir auch die meinen. Sie werden noch schnell genug dahinterkommen.«

»Hm, hm,« brummte der Detektiv nachdenklich. Er ließ seine Blicke über den Apparat auf dem Tisch und dann über den Fußboden schweifen, bückte sich und befühlte diesen.

»Isoliert dieser Gummibezug gut gegen elektrische Schläge?« fragte er dann mit schlauem Lächeln.

»Die Masse ist kein Gummi, sondern eine eigene Erfindung von mir,« antwortete der Ingenieur ausweichend. – »Hm, hm!«

Der Detektiv drehte sich um, besah die Bordwand und klopfte mit dem gebogenen Finger daran.

»Voll,« sagte er, »ist sie vielleicht manchmal hohl?«

»Dort nicht,« war wieder die unbestimmte Antwort. – »Haben Sie schon von jenem Wunder gehört?« fragte der Detektiv, »welches seit einiger Zeit durch die Meere kreuzen soll? Man erzählt sich die unglaublichsten Dinge von ihm.« – »Mir ist nichts davon bewußt.« – »Kennen Sie Sir Charles Williams?« – »Nein.« – »Es ist einer der Herren an Bord des ›Amor‹. – »Ah so. Ich kenne einige der Herren dem Ansehen nach, aber fast keinen ihrer Namen.«

»Es ist ein junger Mann von meiner Statur, kleiner blonder Schnurrbart, trägt einen Siegelring mit springendem Löwen, am vierten Vorderzahn auf Backbordseite fehlt rechts ein Stückchen.«

»So genau habe ich mir wirklich noch keinen der Engländer angesehen,« lachte der Ingenieur. »Doch was ist mit diesem?«

»Dieser Williams hatte gestern in einer italienischen Trattoria einige seiner Landsleute, alles Landratten, zusammengetrommelt, die er mit Wein traktierte, und welche dafür seine Abenteuer zur See mit anhören mußten. Als der ›Amor‹ durch den griechischen Archipel fuhr, erzählte er, hätten sie plötzlich ein Schiff gesehen, das mit furchtbarer Eile dahergekommen sei. Als eine Insel seinen Lauf gehemmt, hätte es plötzlich mit den Segeln wie mit Flügeln geschlagen und sei durch die Luft über das Eiland hinweggeflogen. Dann sei es direkt auf den ›Amor‹ zugefahren, kurz vor ihm ins Wasser getaucht und auf der anderen Seite wieder hochgekommen. Der Erzähler habe schnell eine Kanone nach ihm abgefeuert, aber die Kugel wäre wie durch Zauberei, kurz vor dem Ziel ins Wasser gefallen, und wenn diese Geschichte nicht wahr sei, dann wolle er, der Erzähler, nicht Sir Charles Williams heißen und kein Baronet von England sein.«

Der Ingenieur lachte laut auf.

»Dieser Engländer muß ja ein furchtbarer Aufschneider sein.«

»Das ist er, aber sonst ein braver, tüchtiger Mensch.«

»Nun sagen Sie mir, wie kommt es eigentlich, daß Sie nicht mehr im Dienste der amerikanischen Polizei stehen, sondern sich einem Privatmann zur Verfügung gestellt haben?« fragte der Ingenieur nach einer Pause.

»Das kam folgendermaßen: Sie haben doch gewiß in den Zeitungen gelesen, wie ich einen unschuldig Verurteilten dadurch rettete, daß ich die Beweisführnng eines meiner Vorgesetzten glänzend widerlegte?«

»Ich entsinne mich,« lachte der Ingenieur, »es war jene köstliche Geschichte, wo Sie, Nikolas Scharp, sich in San Franzisko unter Beisein einer großen Menschenmenge zur Bekräftigung Ihrer Behauptung, daß ein Gehängter sich selbst befreien könne, öffentlich aufhängen ließen.« – »Ja – ein Kniff, den ich einem Indianerstamme Südamerikas abgelauscht habe. Well, seit jener Zeit wurde ich fortgesetzt von meinen Vorgesetzten schikaniert, welche sich darüber ärgerten, daß ein Detektiv einen hohen Gerichtsbeamten so blamiert hatte. Ich war schon lange unwillig darüber, daß mir in allen meinen Unternehmungen die Hände gebunden wurden, daß ich Vorschriften bekam, deren Verkehrtheit klar zu Tage lag. Und endlich kündigte ich dem Staate meine Dienste. Trotz aller Versuche, mich zu halten, reiste ich nach New-York, um meine Talente auf eigene Faust zu verwerten. Hier traf ich Lord Harrlington, den Kapitän des ›Amor‹, welcher mich für seine Absichten zu gewinnen wußte. Es galt, Miß Ellen Petersen, die Kapitänin der ›Vesta‹, während ihrer Fahrt um die Erde zu begleiten, um sie zu bewachen, das heißt, inkognito, ohne daß sie es wissen durfte.

»Well,« fuhr der Detektiv in seiner Erzählung fort, »das hätte gar nicht besser in meine Pläne passen können. Der Lord stellte mir Mittel zur Verfügung, von denen mir die reichste Regierung nicht den zehnten Teil bewilligt hätte. Ich habe infolgedessen ein System zu Gebote stehen, mittels dessen es mir ein Leichtes ist, jederzeit zu erfahren, wo sich Miß Petersen befindet, was sie unternimmt, ja auch, wenn sie sich einmal, mit Respekt zu sagen, zu außergewöhnlicher Zeit die Nase putzt. So lange sich also meine Schutzbefohlene in Städten aufhält, ist sie wie in Engelshänden aufgehoben, und auf See oder in Wildnissen, wo meine Macht zum Teil aufhört, wird eben auf Ihren Beistand gerechnet, Herr Hoffmann.«

Der Ingenieur nickte beistimmend.

»Well, doch diese Beobachtung betreibe ich nur als Nebensache, hauptsächlich habe ich ein anderes Ziel im Auge. Wie Sie vorhin schon andeuteten, muß eine Bande von Verbrechern existieren, welche sich über alle Hafenstädte verbreitet, vielleicht sogar über die ganze Erde, und die sich gegenseitig in die Hände arbeitet.

»Solche Schandthaten, wie das Verschwinden von einzelnen Personen, wie von ganzen Schiffsbesatzungen mehren sich in schrecklicher Weise, und die Polizei zeigt sich ihnen gegenüber ohnmächtig. Und warum? Weil sie die Sache nicht richtig anfaßt. Bei jedem neuen Verbrechen wird ein anderer Detektiv auf die Fährte gehetzt, und kommt dieser einmal zufällig auf eine richtige Spur, so darf er dieselbe nicht etwa weiter verfolgen, sonst gerät er ins Gehege eines Nebenbuhlers, der ihn vor Neid kaltmachen möchte. Das ist eben der Fehler, an dem alles scheitert. Ich aber werde der Sache auf den Grund kommen, ganz allein, auf eigene Faust.«

»Wie wollen Sie dies anfangen?« fragte der aufmerksam zuhörende Ingenieur.

»Well. Alle Fäden dieses verbrecherischen Gewebes müssen in irgend einer Hauptstadt zusammenlaufen, ich vermute in London oder in New-York. Dort selbst kann ich nichts machen. Der Kerl, der alles dirigiert, ist ebenso, vielleicht noch schlauer als Nick Scharp, der doch auch nicht auf den Kopf gefallen ist. Nein, ich fange von den äußersten Enden der Fäden an und taste mich vorsichtig nach dem Centrum hin, alle mir unterwegs begegnenden Verbrechen übersehe ich, suche sie höchstens zu vereiteln, aber nicht etwa, wie alle meine Kollegen thun, die Uebelthäter festzunehmen und gegen eine Prämie auszuliefern; dadurch werden die Burschen nur kopfscheu gemacht, und ihre Aufmerksamkeit wird auf meine Person gelenkt. Vielmehr bemühe ich mich, selbst in die Bande einzutreten, und habe ich erst die in der Mitte des Netzes sitzende Spinne erreicht, dann zertrete ich ihr den Kopf, und dann ist es mir ein Leichtes, die ganze Sippschaft mit einem Male zu fangen.«

»Wird es aber möglich sein, daß Sie, während Sie Miß Petersen bewachen sollen, sich selbst als Räuber zeigen lassen?«

»Warum nicht? Sehen Sie einmal, wie schön das ist« fuhr der Detektiv mit scherzhaftem Ernst fort, »wenn ich mich dazu anwerben lasse, den Nick Scharp zu ermorden, und wenn ich mich dann selbst töte. Das ist nicht etwa eine Unmöglichkeit. Aehnliches habe ich schon anders gemacht. Durch mein Auftreten in der Maske verschiedener Personen bin ich dazu in stand gesetzt.«

»Wie haben Sie sich eigentlich diese Talente zum Detektiv erworben?« fragte der Ingenieur lächelnd.

»Angeboren,« war die lakonische Antwort. »Mein Vater hat in seiner Jugend lange in der Welt umhergeabenteuert, meist als Taschenspieler, heiratete dann eine Schauspielerin, uud diese, in meinem Vater Talente vermutend, lockte ihn auf die Bühne. In der That wurde er eine gefeierte Größe doch trat er unter dem Namen seiner Frau auf, aber ich schweife ab. Wir Kinder –« – »So haben Sie Geschwister?«

»Ja,« antwortete der Detektiv kurz, »wir Kinder lernten von unserem Vater so nebenbei die Taschenspielerkniffe und hatten außerdem von unseren Eltern das Schauspielertalent ererbt. Mein Vater besaß eine wunderbare Kombinationsgabe, und da er bald merkte, daß auch ich eine solche Anlage besaß, gab er sich während aller seiner Freistunden mit mir ab, lehrte mich, wie man nach Systemen richtige Schlüsse ziehen und wie man mit möglichen Erfolgen rechnen muß. Ich hatte darin bald meinen Vater übertroffen.«

»Wie kamen Sie aber darauf, Detektiv zu werden?«

»Well. Ich war ein unbändiger Junge, wollte gern zur See, aber meine Eltern ließen es nicht zu, weil sie aus mir einst etwas Großes zu machen hofften. So lief ich eines Tages davon, fiel aber einem Schornsteinfegermeister in die Hände, der mich zu sich in die Lehre nahm. Doch bald behagte mir das Klettern in den Schornsteinen nicht mehr, und ich lief bei der ersten Gelegenheit wieder davon, kam aber diesmal glücklicherweise auf ein Schiff. Einige Jahre fuhr ich als Matrose, bis ich in einem kleinen Hafen an der Westküste Südamerikas heimlich von Bord floh, um einmal mein Glück an Land zu versuchen. Ich abenteuerte umher, arbeitete bald dieses, bald jenes, aber das, wozu ich mich eignete, fand ich nicht. Da zerbrachen sich einmal die Herren Polizeidirektoren den Kopf über einen rätselhaften Mord, ich erfuhr von der Sache, erkundigte mich über die Einzelheiten, und das, was den Herren unklar blieb, erschien mir so hell wie Sonnenlicht. Ich ersuchte den Polizeipräfekten um eine Audienz, erhielt sie und – mein Glück war gemacht. Der Beamte gab damals zwar meine Weisheit für die seinige aus, aber ich wurde doch als Detektiv engagiert. Später wandte ich mich nach den Vereinigten Staaten, und hier wurde mein Name bald berühmt oder doch bekannt.

»Alles das,« fuhr der Detektiv fort, »was ich einst von meinem Vater erlernt, die Taschenspielerkniffe, die Verstellungskunst und hauptsächlich ein System, nach welchem er mich Schlüsse zu ziehen gelehrt hatte, machten mich zum Detektiven wie geschaffen.

»In kurzer Zeit hatte ich es so weit gebracht, daß ich schon wußte, was meine Kollegen erst ahnten, und daß ich die genauen Umstände kannte, ehe sie nur eine leise Vermutung besaßen. Das fortwährende Spekulieren und Kalkulieren ging mir in Fleisch und Blut über. Es ist merkwürdig, aber ich versichere Sie, ich kann schon auf einige Schritt riechen, ob ein Mensch ein Spitzbube ist oder nicht und zu welcher Klasse von Gaunern er zählt. So hat sich meine Spürnase im Laufe der Zeit ausgebildet. Und was meine Verstellungskunst anbetrifft,« schloß Nick Scharp lächelnd, »so weiß ich fast selbst nicht mehr, wie ich eigentlich aussehe. Der Spiegel zeigt mir immer ein neues Gesicht.«

Er stand auf und hing sich die Brieftasche um.

»Wohin wollen Sie jetzt?«

»Mister Pollok, oder vielmehr Ihre Ordonnanz ablösen, der Bursche raucht sonst alle meine Cigarren auf.«

»Und was haben Sie dann vor?«

Der Detektiv war vor einen Spiegel getreten, zog ein Fläschchen aus der Tasche, befeuchtete sein Taschentuch und rieb sich damit im Gesicht herum.

»Vorläufig muß ich heute abend noch ein Gespräch belauschen. Die Vestalinnen wollen übermorgen einen Ausflug nach Kairo unternehmen, um sich erst die Stadt zu besehen und dann weiter nach Süden gehen. Wenn ich mich nicht ganz täusche, so soll in Kairo gegen sie der zweite Streich geführt werden. Den Plan dazu muß ich erfahren, um Vorbereitungen zu seiner Vereitelung treffen zu können, wenn ihn die englischen Herren oder Sie nicht zu Schanden machen können; à propos, wissen Sie auch, daß Sie damals, als Sie die Herren in Konstantinopel zur Befreiung der drei Damen veranlaßten, mir einen Strich durch meine Rechnung machten?«

»Ich? Nein! Wie soll ich?«

»Ja, ich hatte etwas anderes vor, hoffte einen Schlupfwinkel der Schufte dadurch ausspionieren zu können. Doch davon heute abend noch! Geben Sie mir ein Stichwort, daß ich zu jeder Zeit der Nacht und unter jeder Verkleidung an Bord kommen kann.«

Der Ingenieur überlegte. Dann sagte er:

»Fragen Sie nach Kapitän Hoffherr, ich werde den Posten am Fallreep darüber instruieren.«

»All right,« erwiderte der Detektiv am Spiegel mit plötzlich veränderter Stimme.

Er wandte sich um, und der Ingenieur hätte schwören können, seine Ordonnanz Georg vor sich zu sehen, so täuschend wußte der Detektiv Aussehen, Stimme, Haltung und die kleinste Bewegung dieses Matrosen nachzuahmen.

»In einer halben Stunde haben Sie Georg wieder,« sagte Nick Scharp, als er dem Ingenieur zum Abschied die Hand schüttelte. »Also bis heute abend.«

Er schritt zur Thür hinaus.

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