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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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10.

Sulima.

Es ward von den Damen beschlossen, jeden ihrer Schützlinge persönlich in seine Heimat oder an einen gewünschten Ort zu bringen, und man konnte dabei auf Schwierigkeiten und Gefahren rechnen, denn nicht alle die Mädchen waren einfach durch Raub in die Sklaverei geraten, einige vielmehr durch allerlei Ränke und Ungerechtigkeiten, und diese zunichte zu machen und zu bestrafen, hatten sich die kühnen Amerikanerinnen zur Aufgabe gestellt.

Nur noch Sulima war zu vernehmen, welche bisher unermüdlich dabei gewesen war, die Verständigung zwischen Rettern und Befreiten zu erleichtern. Jetzt versammelten sich die Damen, wieder außer Hörweite der Engländer, und Sulima begann:

»Wie ich schon vor zwei Tagen in Konstantinopel auf dem Billet mitteilte, welches glücklicherweise in die Hände solch edler Damen fiel – Allah sei Dank dafür – bin ich die Tochter von Mustapha-ibn-Hammed, des Scheichs eines Stammes der Beni-Suef. Unsere Herden weiden friedlich in den Oasen, welche zwischen Fajum und dem Thale der Natronseen liegen; die Männer jagen die flüchtige Antilope der Wüste, und die Frauen pflegen sie, wenn sie, erschöpft vom scharfen Ritte, auf schaumbedeckten Pferden heimkehren, vor sich im Sattel die erlegte Beute, neben sich die kläffenden Hunde. Kein anderer Stamm wagt es so leicht, den Beni-Suef feindlich entgegenzutreten, denn die Lanzen meiner Stammesbrüder fehlen ihre Gegner nie, und ihre Schwerter gleichen zuckenden Blitzen, wenn sie durch die Luft sausen.

»Doch, was vermögen alle Tapferkeit und Kriegskunst gegen heimtückische List? Vor einem Jahre sollte ich mit Salim vermählt werden. Der Tag der Hochzeit kam heran –«

»Wer ist Salim?« unterbrach Ellen die Erzählerin.

»O, Salim!« rief diese enthusiastisch aus und richtete sich stolz auf, »er ist der Löwe der Wüste, der Adler der Gebirge. Kein Feind kann seinen Blick vertragen, und sein Freund erwärmt sich an dem Sonnenstrahl, der aus seinen Augen leuchtet.«

»War er schon lange dein Verlobter?«

»Ja. Doch muß ich Ihnen erst sein Schicksal mitteilen. Salim ist kein Araber von Geburt, sondern ein Mischling, ist aber ein Beduine geworden und übertrifft den besten unter diesen an Tapferkeit und Tugenden, wie an Schönheit.«

»Sein Vater zählte zu dem Stamme der Aduan, welcher nur aus hundert Familien besteht, und deren schlechtestes Mitglied noch ein Held genannt werden muß.«

»Ist der Stamm Aduan nicht jener,« fragte Thomson, welche des Türkischen mächtig und in der orientalischen Geschichte bewandert war, »bei dem die regierenden Scheichs von Mekka ihre Söhne erziehen lassen?«

»Es ist dieser Stamm, der tugendhafteste in Arabien; zu diesem gehörte Ali-ben-Taleb, der Vater Salims. Die Aduan plünderten einst eine fränkische Karawane –«

»Wie?« unterbrach sie abermals eine Vestalin, »die Tugendhelden plünderten eine Karawane?«

»Nein,« erwiderte Sulima stolz, »wenigstens nicht so, wie Sie es verstehen mögen. Kein Beduine überfällt eine Karawane und beraubt sie, aber jeder Beduinen-Scheich fordert von den durch sein Gebiet ziehenden Kaufleuten eine kleine Summe, wofür er sie sicher bis an die Grenzen seines Reiches bringt und sie mit seinem Leben gegen jede Mißbill schützt, sowie er jede Ungerechtigkeit seiner eigenen Leute empfindlich bestraft. Giebt man ihm den verlangten Tribut nicht freiwillig, so verweigert er der Karawane den Durchzug, und spottet man seines Verbots, so nimmt er sich den Tribut eigenmächtig. Stößt er aber dabei auf Widerstand, dann erst plündert er die fremden Eindringlinge und bestraft sie wegen ihres Ungehorsams, das heißt, er nimmt ihnen die Waren und Weiber weg. Ist dies recht oder nicht?«

»Dieser Brauch mag eine alte Sitte sein,« entgegnete Ellen auf die Frage der Araberin, »und ich kann ihn nicht ungerecht nennen. Doch unterbrecht jetzt unsere Erzählerin nicht mehr.«

»Ali-ben-Taleb,« fuhr Sulima fort, »erbeutete einst ein junges Mädchen, eine Fränkin, und als das Lösegeld für die Gefangene gezahlt werden sollte, ereignete sich etwas Sonderbares, was wohl selten unter den Beduinen vorkommt. Karo-hissar, diesen arabischen Namen hatte sich das Mädchen selbst gegeben, was etwa so viel heißt wie die ›schwarze Burg‹, verweigerte selbst, ausgeliefert zu werden, und bat, sie in den Stamm der Aduan aufzunehmen.

»Den übrigen blieb die Ursache dazu nicht lange ein Geheimnis, denn bald darauf nahm Ali-ben-Taleb die Fränkin zum Weibe, trotz aller Mißbilligungen seiner Genossen und des Scheichs. Er ging nach Mekka, und hier gelang es ihm, dem tapfersten Aduan, doch, seine Absicht durchzusetzen, aber mit der Bedingung, daß seine Kinder nicht zu dem Stamme selbst gezählt würden, und daß sein Weib, die Fränkin, nach seinem Tode den Stamm nebst ihren Kindern verlassen müsse. Die Aduan wollten ihr edles Blut unvermischt erhalten.

»Karo-Hissar ward vollkommen Araberin, nahm alle unsere Gewohnheiten an, sie wechselte sogar um ihres Mannes willen, den sie glühend liebte, die Religion, das heißt, sie ward Muhamedanerin.

»Allah segnete diesen Entschluß; nach einein Jahre schenkte sie ihrem Gemahl einen Knaben, der den Namen Salim empfing, das schönste Kind, welches je die Sonne küßte.

»Aber nicht lange sollte ihr Glück dauern; bereits nach fünfjähriger Ehe starb Ali-ben-Taleb an einer ansteckenden Krankheit, und Karo-Hissar mußte das Lager der Aduan, das ihr so lange eine sichere Heimat gewesen, mit blutendem Herzen verlassen; das Kind nahm Sie natürlich mit.

»Ich weiß nicht, und niemand hat es je erfahren, warum sie sich nicht dem fränkischen Lande zuwandte, aus welchem sie stammte. Nie sprach sie von ihren Eltern, von ihren Geschwistern, und wurde sie darüber gefragt, so füllten sich ihre Augen mit Thränen, aber nie sprach sie von ihnen. Sie hatte gewiß einen Grund, darüber zu schweigen.

»Ach, sie war die schönste Frau, welche ich je gesehen. Ihre Wangen glichen denen der Gazelle, ihr Haar wetteiferte an Schwärze und Glanz mit dem Ebenholze. Lachte sie, so waren wir alle fröhlich, und weinte sie, so herrschte Traurigkeit in unseren Zelten.

»Karo-Hissar ging nach Mekka und flehte den Scheich um die Gnade an, bei den Aduan bleiben zu dürfen, wo sie Freunde besaß, aber der Herrscher der Beduinen schlug es ihr mit den Worten ab: Einmal habe er im Stamme der edelsten Araber fremdes Blut geduldet, die Zeit sei abgelaufen, nie wieder würde er etwas Derartiges erlauben.

»Man sagte, ein Großer seines Hofes habe seine Augen auf die schöne Karo-Hissar geworfen und sie zu besitzen begehrt, und als sie seine Anträge abgeschlagen, habe er sich des Knaben bemächtigen wollen, um somit auch die Mutter zum Bleiben zu zwingen. Doch sind dies nur Gerüchte.

»Sicher aber ist, daß die junge Frau, deren einziger Reichtum in Salim bestand, Mekka heimlich verlassen hat und mit einer Karawane nach Egypten kam, wo sie sich einige Zeit lang in Masr aufhielt.«

»Was ist das – Masr?« fragte Ellen.

»Masr ist das arabische Wort für Kairo,« belehrte sie Miß Thomson, »die Eingeborenen Egyptens bezeichnen ihre Hauptstadt nur mit diesem Namen.«

»So ist es,« bestätigte Sulima. »Hier machte Karo-hissar die Bekanntschaft einiger Beni-Suefs, welche die von uns Mädchen gewebten Teppiche verkaufen wollten.

»Sie zog mit Salim in die Wüste, bat meinen Vater um die Erlaubnis, bei seinem Stamme verweilen zu dürfen, und mein edler Vater, gerührt durch das Schicksal der Ausgestoßenen, gewährte ihr die Bitte.

»Sie wurde seitdem von uns als Stammesangehörige betrachtet.

»Salim, damals fünf Jahre alt und zwei Jahre älter als ich, wurde mein Gespiele und machte sich selbst zum Beschützer für mich. So lange ich zurückdenken kann, schwebt mir immer seine Gegenwart vor. Ich würde ihn für meinen Bruder halten, wenn ich nicht darüber von anderen belehrt worden wäre, daß er in unserem Lager eigentlich ein Fremdling war, wenn er auch als Beni-Suef galt.

»Wenn wir beide uns nicht an Spielen ergötzten, oder draußen bei den Herden waren, so verbrachten wir unsere Zeit im Zelte Karo-Hissars, und diesem Umstande ist es zu verdanken, daß wir beide, Salim und ich, geläufig französisch sprechen lernten, obgleich ich fest glaube, daß sie keine Französin war.«

»Woraus schließt du das?« unterbrach sie Johanna Lind.

»Weil sie, wenn sie mit ihrem Gott verkehren wollte, in einem Buche las, dessen Inhalt nicht französisch war, auch ganz andere Buchstaben hatte.«

»Ich denke, Karo-hissar war Muhamedanerin geworden?«

»Das war sie, aber, wenn sie allein war oder nur mit uns Kindern, dann las sie immer in dem Buche, fiel auf die Kniee, weinte oft und schien zu beten. Deshalb glaube ich jetzt, daß sie sich mit ihrem früherem Gott beschäftigte.

»Ich war zehn Jahre alt, als Karo-hissar starb. Sie litt an einem geheimen Gram, und dieser löste schnell ihr Leben auf.

»Ich will hier nicht ausführlich erzählen, welcher Schmerz uns durchwühlte, als die Mutter, denn eine solche war sie auch mir gewesen, uns genommen wurde. Es war für mich die Zeit gekommen, da die Zelte der Frauen mein Aufenthaltsort wurden, und da ich mich an den Arbeiten beteiligte, das heißt, Teppiche zu weben und zur bestimmten Zeit zu den Herden hinauszugehen und in Gemeinschaft der anderen Mädchen die Muttertiere zu melken, während Salim nach Vollendung des zwölften Jahres feierlichst als ein Mitglied in den Stamm der Beni-Suef aufgenommen wurde.

»Hatten sich unsere Herzen schon als spielende Kinder in Freundschaft gefunden, so dauerte es nicht lange, und in unsere Herzen zogen andere Empfindungen ein. Doch ich will hier nicht schildern, wie Salim mir einst seine Liebe gestand, genug, er bewarb sich bei dem Scheich um meine Hand, und ihm, der den übrigen Stammesmitgliedern als Muster eines Mannes galt, ward sie nicht abgeschlagen.

»Salim war damals neunzehn Jahre alt, und selten hat ein Auge einen schöneren Jüngling gesehen. Das im Gegensatz zu dem Araber schwarz gelockte Haar, der kleine Schnurrbart gaben ihm ein fremdes, aber zugleich bezauberndes Aussehen, dagegen prägten ihn die kühnblickenden Augen, die hohe Stirn, die edle gebogene Nase zum Araber.

»Seine Geschicklichkeit in der Führung der Waffen erregte selbst die Bewunderung der alten Männer, ebenso seine Reitkunst, welche die der anderen weit in den Schatten stellte. Oft beklagte sich Salim mir gegenüber, daß ihm so gar keine Gelegenheit geboten würde, seine Fähigkeiten zu zeigen, daß er nur im Spiele Schwert und Lanze schwingen könnte und nur hinter der Antilope sein Roß zu immer schnellerem Laufe antreiben dürfe, denn der Scheich, mein Vater, war ein friedliebender Mann und wollte jenes unnütze Blutvergießen vermeiden, wie es sonst unter den Arabern der Wüste gebräuchlich ist, welche mit Freuden jede Gelegenheit ergreifen, ihre Waffenkunst im Kampf gegen einen Nachbarstamm zu zeigen.

»Eines Vorfalles muß ich noch erwähnen, damit das Folgende verständlich wird.

»In unserem Stamme lebte ein Mann, welcher wegen seiner List und Verschlagenheit bekannt war. Hassan, so war sein Name, hatte von der Natur ein mißgestaltetes Aeußere bekommen; er war klein, bucklig und krummbeinig, auch schielte er sehr. Dafür aber hatte er einen um so regeren Geist, den er aber, wie mir und noch vielen anderen meines Stammes dünkte, zu unrechten Dingen anwendete.

»Hassan eignete sich nicht zum Weiden der Herden und zur Jagd, trotzdem war er ein sehr nützliches Mitglied, er besorgte den Verkauf von Decken und Teppichen, leitete den Tausch von Pferden und Ziegen gegen nützliche Sachen und war darin unerreichbar. Ueberhaupt zeigte er mehr Anlagen zum Kaufmann, hatte aber eine schlechte Eigenschaft ererbt, die solche Leute oft besitzen, nämlich einen ungeheuren Geiz und eine unersättliche Gewinnsucht.

»Daß er sich die meiste Zeit in Städten und bei fremden, verdorbenen Stämmen in Geschäften aufhielt, mag diese schlimmen Eigenschaften genährt haben. Mein Vater wußte zum Beispiel bestimmt, daß Hassan den Stamm bei den Einkäufen betrog, daß er Geld unterschlug, aber einmal war er viel zu schlau, als daß er sich dabei ertappen ließ, und dann auch führte er die ihm gegebenen Aufträge so gut aus, daß dennoch jeder mit dem ausgelieferten Betrage zufrieden war.

»Einst kamen zu uns Abgesandte der Baniti, eines südlich wohnenden, mächtigen Stammes, und unter ihnen war auch Dahab, der Sohn ihres Scheichs. Sie wollten von uns, deren Pferde weit und breit berühmt sind, Zuchthengste eintauschen.

»Dieser junge Scheich mißfiel mir außerordentlich, einmal wegen seines ganzen, abstoßenden Aeußeren, und dann auch, weil er seine tückischen Augen immer so begehrlich auf mich richtete.

»Sein Aufenthalt in unserem Lager währte einige Tage, und ich merkte wohl, wie er stets bemüht war, in meine Nähe zu kommen. Ich wich ihm jedoch aus.

»Eines Morgens befand ich mich ganz allein bei einer Ziegenherde, nirgends war ein Mensch zu sehen, als plötzlich ein Reiter herangesprengt kam und vor mir hielt.

»Es war kein anderer als Dahab, welcher mich hier aufgesucht und gefunden hatte.

»Nach einigen allgemeinen Fragen stieg er vom Pferde, band es an einen Zweig und begann mit verfänglichen Reden, bis er mich schließlich ganz offen fragte, ob ich sein Weib werden wollte.

»Ich sagte ihm, er habe ja schon zwei Weiber, darauf lachte er und entgegnete, ich sollte sein Lieblingsweib werden.

»Nun erklärte ich ihm, daß ich bereits mit Salim verlobt sei, und forderte ihn auf, mich zu verlassen. Daraufhin brach er in ein höhnisches Lachen aus, welches eine Angewohnheit von ihm war und ihn mir besonders verhaßt machte. Er spottete über Salim als einen armen Schelm, mit dem er, der Scheich der Baniti, doch nicht zu vergleichen sei, und wurde in seinen Bewerbungen noch zudringlicher.

»Allerdings war Salim arm, wenigstens im Vergleich zu Dahab, aber seine Tugenden wogen die Reichtümer jenes hundertfach auf. So wandte ich ihm den Rücken und ging meiner Beschäftigung nach.

»Da aber geschah etwas für einen Beduinen Unerhörtes.

»Plötzlich fühlte ich mich von hinten um den Leib gefaßt, der Schleier wurde mir vom Gesicht gerissen, und dicht an mein Ohr, sodaß ich den heißen Atem spürte, schlugen die mit wilder Leidenschaft gesprochenen Worte:

»›Ein Baniti-Scheich nimmt sich das mit Gewalt, was ihm verweigert wird!‹

»Noch ehe mir der schreckliche Sinn dieser Worte Bewußtsein kam, geschah etwas Unerwartetes.

»Plötzlich fühlte ich, wie sein Griff locker wurde, er stieß einen Schrei aus, und im nächsten Augenblicke flog mein Bedränger von unsichtbarer Gewalt geschleudert zur Seite, mitten unter die Ziegenherde.

»Hinter mir stand Salim, sein Pferd neben sich. Er hatte schon längst einen Argwohn gegen den fremden Gast gefaßt, war ihm gefolgt und kam nun zur rechten Zeit, um mich vor einer Gewaltthat zu schützen.

»Wütend richtete sich Dahab auf, riß die Pistole aus dem Gürtel und schlug auf Salim an, aber ehe er noch feuern konnte, war dieser schon bei ihm und schlug ihn abermals zu Boden.

»Darauf hat ihn Salim auch noch, trotz meines Abratens, gezüchtigt und ihm das Schwert zerbrochen.

»Wir ließen Dahab am Boden liegen, der sein Antlitz im Sand versteckt hatte, wahrscheinlich um uns seine ohnmächtige Wut nicht zu zeigen, und kehrten nach dem Lager zurück.

»Dahab ließ sich nicht wieder sehen, die abgesandten Baniti hatten den Handel bereits abgeschlossen und zogen davon, ohne von uns über ihren verschwundenen Scheich Nachricht zu erhalten, denn ich hatte Salim gebeten, niemandem von dem Betragen desselben zu erzählen, um üble Folgen zu vermeiden.

»Trotzdem besaß der gezüchtigte Dahab die Frechheit, mich heimlich durch Hassan, welcher im Lager der Baniti zu thun gehabt hatte, noch einmal zum Weib zu begehren, und der kleine, bucklige Unterhändler, wahrscheinlich von dem Scheich bestochen, that selbst sein Möglichstes, mich zu der Annahme dieses Vorschlages zu bewegen.

»Natürlich wies ich ihn mit Verachtung ab. Hassan entfernte sich; ich bemerkte noch, wie er im Fortgehen ein höhnisches Grinsen nicht verbergen konnte, dachte mir damals aber nichts dabei. Jetzt weiß ich, welches Geschäft dieser berechnende, hündische Mann mit mir vor hatte.

»Es war am Tage unserer Hochzeit. Der Morgen schon brach mit Gesang, Tanz und Spielen an, und die Frohesten unter den Frohen waren wir beide, Salim und ich, sollten wir doch noch an demselben Tage für immer vereint werden.

»Gegen Abend näherte sich eine Reiterschar unseren Zelten, und ein Abgesandter derselben bat uns um Gastfreundschaft für die Nacht. Nie hat ein Beni-Suef diese einem Fremden abgeschlagen, und am Tage der Festlichkeit war um so weniger Grund dazu vorhanden.

»Es waren sechs Männer auf stattlichen Pferden, welche an unserem Fest teilnahmen. Sie gaben vor, einem weit, weit südlich wohnenden Stamme anzugehören und nach Kairo zu reisen, um am Hofe des Vizekönigs eine Audienz zu erhalten, von ihren Nachbarn wäre ihnen Unrecht geschehen.

»Das ganze Lager, Männer, Frauen und Kinder weilten innerhalb der Zelte, und die Herden waren unter Aufsicht einiger Kinder, welche sich gegenseitig ablösten, dachte doch niemand an etwas Arges. Auch die Pferde, die Kleinode der Beduinen, standen ohne Aufsicht an den Zelten angepflockt.

»Plötzlich erscholl der Ruf:

»›Die Pferde sind los!‹

»Es hatten sich wirklich einige derselben frei gemacht, und zwar gerade die jüngsten Hengste. Damals glaubten wir an einen Zufall, und sofort sprangen die Männer auf ihre Tiere und setzten den Flüchtlingen nach, sodaß kein einziges Pferd im Lager zurückblieb mit Ausnahme der Tiere unserer Gäste, welche sonderbarerweise selbst schnell die Sättel bestiegen, aber der Reiterschar, welche sich unseren Blicken entzog, ruhig nachblickten. Salim war der ersten gewesen, welcher sich aufs Pferd geworfen, und zwischen den Zelten befanden sich außer unseren Gästen und den Weibern nur noch Kinder und Greise, welche bedauerten, an der lustigen Jagd nicht teilnehmen zu können.

»Auch Hassan hatte sich jenen nicht angeschlossen, er besaß nicht einmal ein Pferd, weil er überhaupt seines schwächlichen Körpers wegen nur selten ritt.

»Jetzt sollte es sich zeigen, welches verbrecherische Vorhaben die sechs Fremdlinge im Sinne hatten.

»Kaum war die letzte Reitergestalt in westlicher Ferne verschwunden, als plötzlich einer der sechs einen scharfen Pfiff ausstieß: zu gleicher Zeit fühlte ich mich um die Hüften gefaßt, emporgehoben, und ehe ich noch an Gegenwehr denken konnte, saß ich schon vorn im Sattel eines Reiters, und fort ging es, daß mir der Atem versagte, nach Osten zu in die Wüste.

»Wildes Geschrei erhob sich hinter uns. Ich sah, wie Hassan fluchend die Pistole aus dem Gürtel riß und meinem Entführer und den sich diesem zur Seite haltenden anderen Genossen nachfeuerte und sich wie unsinnig geberdete. Der Heuchler! Er hatte vorher die Kugeln aus dem Lauf genommen!

»Dann bemerkte ich mit einem Male, daß ich nicht die einzige war, daß ich noch eine Leidensgefährtin hatte. Gleich mir hing über den Sattel eines anderen Reiters Seddah, die Tochter eines unserer angesehensten Stammesgenossen, welche auch geraubt worden war.

»Erlaßt mir die Schilderung meiner Gefühle, als ich die Zelte meiner Heimat verschwinden sah, als wir nach einigen Stunden wilden Reitens über den Nil setzten und immer weiter und weiter dem Osten zu geschleppt wurden.

»Nach zwei Tagen erreichten wir die Küste des Meeres; unsere Entführer warteten, bis die Nacht anbrach, uud ritten dann in ein Hafenstädtchen, in welchem meine Freundin und ich in ein Häuschen gebracht und verborgen gehalten wurden.

»Hier blieben wir sieben Tage, ohne jemanden zu sehen als eine alte Frau, welche uns das kärgliche Essen brachte. Eines Nachts hörte ich vor unserem vergitterten Fenster einen leisen Stimmenwechsel, und, so vorsichtig er auch geführt wurde, erkannte ich doch in einem der Sprecher Hassan wieder.

»Derselbe hatte die Angewohnheit, bei jedem Satz, den er sprach, bekräftigend an seine Seite zu schlagen, und dieses eigentümliche Klatschen vernahm ich hier.

»Doch ich mußte mir Gewißheit verschaffen. Ich weckte Seddah, und mit ihrer Hilfe gelang es mir, an das hochgelegene Fenster zu klimmen und durch das Gitter auf die Straße zu spähen.

»Meine Vermutung war richtig gewesen. Unten stand Hassan, und ich sah eben in dem hellen Mondenschein, wie er von einem reichgekleideten Türken oder Araber eine Menge Goldstücke ausgezahlt bekam.

»Aber auch diesen Fremden hatte ich schon einmal gesehen. Er war am Tage zuvor der Wärterin in unser Zimmer gefolgt und hatte uns lange aufmerksam betrachtet, mich mit sichtbarem Wohlbehagen, die etwas pockennarbige Seddah aber mit geringschätzigem Lächeln, und hatte dann in freundlichem Tone geäußert, dabei scheu umherspähend, als fürchte er einen Lauscher, wir sollten nur den guten Mut nicht verlieren, wir würden bald zu den Unsrigen zurückkehren können.

»Die Ahnung, welche mir bei Entdeckung dieses Handels auftauchte, war furchtbar, aber ich verschwieg Seddah, daß ich Hassan erkannt hatte, um das so wie so schon furchtsame Mädchen nicht noch ängstlicher zu stimmen.

»In derselben Nacht noch ging meine Ahnung in Erfüllung. Plötzlich wurde die Thür aufgerissen; jener Türke drang mit einigen Dienern ins Zimmer und ließ mich hinausführen. Als ich entsetzt den Mund öffnen wollte, um Gnade zu erflehen, legte sich eine Hand darauf. So wurde ich von Seddah gerissen, ohne ihr ein Lebewohl zurufen zu können. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht!

»Ich wurde in ein kleines Fahrzeug gebracht, welches in selber Nacht noch abfuhr, und nach einigen Tagen erreichten wir Suez, von wo ich unter Begleitung vieler Männer auf einem Kamel nach Port-Said geschleppt wurde. Hier mußte ich wieder ein Schiff besteigen und kam nach Konstantinopel, ohne daß ich während der ganzen Reise auch nur ein einziges Mal Gelegenheit gehabt hätte, an Flucht denken, oder auch nur jemandem mein Schicksal mitteilen zu können.

»In jenem Hause zu Konstantinopel, aus dessen Fenster Sie, meine Retterin, das Billet empfingen, verweilte ich über sechs Monate, immer unter strenger Bewachung. Ich war anfangs das einzige gefangene Mädchen, aber nach und nach kamen immer mehr dazu, bis wir achtzehn waren, wahrscheinlich die bestellte Lieferung an den Hof irgend eines asiatischen Fürsten, denn unser Transport war, wie ich Ihnen schon mitteilte, nach Smyrna bestimmt.

»Das ist in kurzen Worten mein Schicksal, in welches Sie mit kräftiger Hand eingriffen, um dem Vorhaben jener elenden Händler zu begegnen. Allah segne Sie dafür!«

»Hast du nichts mehr von Hassan gehört?« fragte Ellen.

»Nein. Als ich ihn unten am Fenster gesehen, war es das letzte Mal.«

»Du sagtest,« nahm Miß Thomson das Wort, »Karo-hissar hieße die schwarze Burg? Das ist aber nicht arabisch, es ist türkisch.«

»Karo-hissar sprach besser türkisch, als arabisch. Als sie zu den Adnan kam, verstand sie letzteres noch gar nicht, sie lernte es erst im Laufe der Zeit. Damals gab sie sich aber diesen türkischen Namen.«

»Das hieße auf deutsch Schwarzburg,« murmelte Johanna Lind vor sich hin.

»Was meinen Sie zu diesen Erlebnissen?« fragte Ellen ihre Freundin Johanna. »Wie kommt es, daß Hassan dieses Mädchen nicht dem Dahab ausgeliefert hat, denn dieser wollte sich doch jedenfalls Sulimas bemächtigen?«

Johanna lächelte.

»Ich verstehe das Verhalten Hassans sehr wohl, er spielte eine doppelte Rolle, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er später als Befreier des –«

Ausrufe an Bord des ›Amor‹ unterbrachen die Auseinandersetzungen des Mädchens. Die Herren wiesen nach dem Horizont, und Lord Hastings rief:

»Da ist es wieder, das Geisterschiff!«

Zum ersten Male sahen die Damen selbst das Wunder, von dem ihnen die Herren schon so viel erzählt hatten. Aber sie hatten deren Schilderungen für Uebertreibungen einer erhitzten Phantasie gehalten oder für Albernheiten, und sie verlacht. Jetzt sahen sie das beschriebene Rätsel selbst, und nicht eine war unter den Vestalinnen, der das sonst so mutige Herz nicht schneller schlug. Große Aufregung bemächtigte sich aller.

Wieder kam das graue Ungetüm mit furchtbarer Schnelligkeit dahergebraust, seinen Kurs direkt auf die beiden Schiffe zunehmend. Kein Steuerrad, kein Kompaßhäuschen, keine Winde – nichts war auf dem hohen, halbrunden Verdeck zu sehen.

Fast hatte es die beiden aneinanderliegenden Schiffe erreicht, fast schien es, als wenn es sie rammen wollte, als es plötzlich fast unmerklich einen kleinen Winkel beschrieb und nun dicht an der staunenden Mannschaft vorbeischoß.

»Flagge und Vesta hoch!« rief Ellen, sich aufraffend, und sprang selbst an den Kasten, der die Signalwimpel barg. »Wir wollen doch sehen, ob Geister auch unter einer Flagge segeln!«

Diese Ermunterung brachte Leben in die erstarrten Körper. Im Nu flatterten am Hinterteil des Schiffes die amerikanische Flagge und die Wimpel der ›Vesta‹, und im nächsten Augenblick zeigte auch die Brigg die englischen Farben.

Aber der Versuch hatte keinen Erfolg. Stumm, ohne ein Zeichen von sich zu geben, flog das gespenstische Schiff vorbei, teilte die Wogen mit ungeheurer Gewalt und ließ das gebrochene, hochaufschäumende Wasser über sein Vorderteil fluten. Eine Flagge ging nicht hoch.

Johanna stand noch immer wie gebannt da und starrte dem sich schnell entfernenden Schiffe nach.

»Eins, zwei, drei, vier, fünf,« zählte sie leise, »der ›Blitz‹ ist es nicht, der hat sechs Raaen an jedem Mast.«

»Der ›Blitz‹?« fragte Ellen erstaunt. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ich meinte nur so,« entgegnete Johanna und wandte sich nachdenkend ab.

»Was es auch immer sein mag,« rief Ellen mit fröhlicher Stimme, »uns, die Vestalinnen, sollen alle Geister der Welt nicht beunruhigen. Auf, meine Damen, die Unterhaltung ist aus!«

Kommandos erschollen an Bord beider Schiffe, die englischen, wie die amerikanischen Matrosen kletterten wie Eichhörnchen die Wanten hinauf, eilten gleich Seiltänzern die Raaen entlang und knüpften die Segel los; andere schlugen unten am Deck die Taue über Winden und zogen die Leinewand straff, während inzwischen die Steuerleute aus dem Stand der Sonne und nach dem Chronometer den Ort berechneten, an dem man sich befand.

In die Segel der ›Vesta‹ legte sich der Wind.

»Ruder hart Steuerbord!« erklang die Altstimme Ellens von der Kommandobrücke, und:

»Klüversegel hol' aus!« gleich darauf; das Vollschiff kam von der Brigg frei, welche sofort ins Kielwasser der ›Vesta‹ einbog.

»Auf Wiedersehen!« rief Ellen und winkte mit dem Tuche nach dem ›Amor‹ zurück, »und halten Sie sich hübsch in der gehörigen Entfernung, meine Herren, wie ausgemacht ist!«

»Auf Wiedersehen!« schrie Charles, der auf der zweiten Raa stand, aus vollem Halse und schwenkte seine Mütze. »Wo soll das Wiedersehen stattfinden, Miß Petersen?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Ellen achselzuckend.

»Gut, dann treffen wir uns dort wieder.«

»Brüllen Sie nicht so und tanzen Sie nicht so auf der Raa herum,« murrte Lord Hastings unten am Deck, »sonst fallen Sie noch herunter.«

»Kann ich machen, wie ich will,« war die Antwort, »mein Genick gehört mir, und wenn Sie nicht still sind, so falle ich direkt auf Sie da unten. Passen Sie auf!«

Wie ein Jongleur sprang Sir Williams an ein am Maste herunterhängendes Tau und schoß wie ein Blitz daran herab, dicht vor die Füße des Lords.

Bald war der verlangte Abstand zwischen den beiden Schiffen hergestellt, und der ›Amor‹ machte Dampf auf, um die ›Vesta‹ nicht zu verlieren.

»Wohin fahren wir, Kapitän?« fragten einige der Herren Lord Harrlington.

»Nach Alexandrien,« antwortete dieser.

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