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Die Vestalinnen, Band 1

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 1
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume1
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060601
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9.

Das Verhör der Sklavinnen.

Der Türke knirschte vor Wut mit den Zähnen, als die befreiten Mädchen an ihm vorbeigeführt wurden, und der griechische Kapitän fuhr, als das Boot der ›Vesta‹ zum ersten Male an dem seinen vorbeikam, mit der Hand nach der im Gürtel steckenden Pistole; doch während der Bewegung hörte er das mahnende Zischen eines Matrosen, und schnell griff er, anstatt nach der Pistole, nach seinem Ohr, von welchem noch immer das Blut sickerte.

»Der ›Amor‹ ist in Sicht,« wurde Ellen an Bord gemeldet, und wirklich tauchten eben hinter dem letzten Inselchen des griechischen Archipels die Masten der Brigg auf. Eine Rauchwolke schwebte über dem Schiffe, also kam es angedampft und mußte bald den Schauplatz erreicht haben.

»Desto besser,« meinte Ellen, »so können die englischen Herren doch sehen, wie gut wir die frühe Morgenstunde ausgenutzt haben, und unsere That bewundern. Doch jetzt schnell wieder auf die ›Undine‹ zurück, die übrigen Mädchen zu befreien.«

Als das Boot zum dritten Male mit den letzten der Sklavinnen die ›Vesta‹ erreichte, war die Brigg dicht in der Nähe, fast zwischen der ›Vesta‹ und der Bark.

»Guten Morgen, meine Damen,« lachte der lustige Charles zuerst hinüber. »Sie nehmen wohl Passagiere an Bord? Oder rauben Sie ein Schiff aus?«

»Das erstere ist wohl das richtige,« gab Miß Jessy zurück, »wir passen den Sklavenhändlern scharf auf die Finger und nehmen ihnen unerbittlich ihre Ware weg. Mit solchen Geschäften lassen Sie sich also nicht ein, wir würden auch Sie nicht schonen.«

Mit Genugthuung und Stolz nahmen die Vestalinnen die Lobpreisungen und Schmeicheleien der Herren dankbar lächelnd an.

»Alle Wetter!« flüsterte Edgar Hendricks seinem Freunde ins Ohr. »Sehen Sie nur diese Prachtmädels da, die Sklavinnen. Schade, daß wir sie dem Händler nicht abnehmen konnten.«

»Wahrhaftig,« entgegnete Williams, »es ist jammerschade! Alle Schattierungen sind vertreten, vom Schneeweiß bis zum tiefsten Schwarz. Sehen Sie da die große Negerin, ihre Augen funkeln, wie die eines Raubtieres. Die möchte ich nicht anfassen; ich glaube, die beißt in die Finger.«

Und laut rief er nach der ›Vesta‹ hinüber, auf welcher die Damen die Sklavinnen auszufragen schienen:

»Wenn Sie nicht genügend Platz drüben haben, so geben Sie uns nur einige ab. Ich schwöre Ihnen hoch und heilig, Miß Petersen, daß es die Mädchen hier gut haben sollen.«

»Unsinn,« brummte Lord Hastings, der sich bisher mit der Besatzung der beiden Boote beschäftigt hatte, welche noch immer dicht zur Seite der ›Vesta‹ lagen.

»Unsinn, weiter fehlte nichts. Wir wollen hier keinen Damensalon einrichten.«

»Seien Sie nicht ängstlich,« sagte Ellen, deren scharfe Ohren das Gebrumm verstanden hatten, »die ›Vesta‹ giebt keinen ihrer Schützlinge heraus.«

Dann wandte sie sich an den griechischen Kapitän, dem Williams eben die Vorzüge des englischen Heftpflasters anpries, weil es besonders zerschossene Ohrläppchen riesig schnell heile.

»Fahren Sie an Bord zurück,« sagte sie, »und versuchen Sie nicht, irgend etwas zur Wiedererlangung der Mädchen zu unternehmen. Sie haben jetzt gesehen, daß wir Ihnen überlegen sind und nicht mit uns spaßen lassen.«

Unverzüglich begab sich die Besatzung auf die ›Undine‹ zurück, wo die Matrosen eine Vorrichtung zimmerten, welche das zerschossene Steuerrad ersetzen mußte, während der Kapitän finster brütend in der Kajüte saß und stillschweigend die Schmähreden des Türken über sich ergehen ließ.

Sein einziger Gedanke war Rache, furchtbare Rache an diesen Weibern, welche ihn, den schlauen Seemann, so überlistet, gedemütigt und gezüchtigt hatten.

Unterdessen fand draußen eine Unterredung zwischen Lord Harrlington und Miß Petersen statt.

»Warum haben Sie uns nicht von Ihrem gefährlichen Unternehmen benachrichtigt?« fragte Harrlington in vorwurfsvollem Tone die Kapitänin. »Wie leicht hätte es unglücklich für Sie ablaufen können; Sie hätten uns wenigstens auffordern sollen, in Ihrer Nähe zu bleiben.«

Der Lord mußte aber doch etwas von der Absicht der Vestalinnen gehört haben, denn in der Nacht bereits war auf seinen Befehl der ›Amor‹ segelfertig gemacht worden und der ›Vesta‹ gefolgt und lag seit dem frühesten Morgen immer unter Dampf hinter jener Insel versteckt. Von der äußersten Spitze des Eilandes hatte Harrlington mit seinem ausgezeichneten Fernrohr die beiden Schiffe beobachtet, aber alle Fragen der Herren ausweichend beantwortet und sie auf später vertröstet.

»Lord Harrlington,« entgegnete Ellen, »an Bord der ›Vesta‹ droht uns keine Gefahr. Wir fühlen uns auf ihr so sicher, als wären wir in einem Ballsaal in New-York und nicht auf dem Meere.«

»Aber erinnern Sie sich doch Ihres Versprechens! Sie wollten nach der Befreiung aus den Händen der Straßenräuber unsere Begleitung annehmen.«

»Wohl haben wir nichts dagegen, wenn uns der ›Amor‹ folgt,« entgegnete das Mädchen, »aber dazu auffordern werden wir ihn niemals. Dagegen bleibt die Verabredung betreffs der Landausflüge bestehen.«

»Hurrah,« schrie Charles, »Miß Nikkerson, ich stelle Ihnen meinen Regenschirm zur Verfügung.«

»Sie werden bald Gelegenheit finden, uns Ritterdienste zu leisten,« fuhr Ellen fort, »denn wir haben die Absicht, jedes einzelne der Mädchen persönlich in seine Heimat zu begleiten, und sie stammen aus aller Herren Länder. Wir vernehmen die befreiten Sklavinnen jetzt, und deshalb, Lord, muß ich das Gespräch abbrechen.«

»Wollen Sie mir nicht den Namen des nächsten Hafens mitteilen?« bat Harrlington.

»Nein, dies würde gegen unsere Gesetze verstoßen. Suchen Sie uns nicht zu verlieren, das ist alles, was ich Ihnen raten kann. Ueberdies wissen wir selbst noch nicht, welches unser nächstes Ziel sein wird.«

Sie ging wieder zu der Gruppe der Mädchen und sah nicht, wie Lord Harrlington ihr lächelnd nachblickte.

Vorläufig lagen die beiden befreundeten Schiffe noch Seite an Seite still, während die Matrosen der ›Undine‹ eigenmächtig Segel setzten, denn weder der Kapitän, noch der Türke ließen sich an Deck sehen.

Die Engländer aber traten zusammen und tauschten Bemerkungen über die Sklavinnen ans. Leider konnten sie, so sehr sie sich auch anstrengten, von der Unterhaltung zwischen diesen und den Vestalinnen nichts vernehmen.

»Zwei von ihnen sind offenbar Negerinnen,« erklärte Lord Stevenson, der ebenso wie Harrlington schon viel gereist war, »zwei andere wahrscheinlich Araberinnen, die dort mit dem roten Jäckchen ist eine Indierin. Einige der Mädchen haben Gesichtszüge, wie man sie unter der Bevölkerung an der Westküste Asiens trifft. Aber diese da mit den gelben Gesichtern und runden Augen kann ich nicht klassifizieren. Harrlington, Sie Weltumsegler, wissen Sie nicht, wo deren Wiege gestanden haben mag?«

»In einer kultivierten Gegend jedenfalls nicht,« warf Edgar Hendricks dazwischen.

»Warum nicht,« antwortete aber Harrlington lächelnd. »Allem Anscheine nach sind es südamerikanische Kreolinnen oder Abkömmlinge von Indianern und Weißen.«

»Chaushilm,« sagte Charles zu dem jungen Herzog, der als großer Frauenverehrer bekannt war, »Sie lieben ja Damen mit üppigem, schwarzen Haar, daher empfehle ich Ihnen, sich um die Gunst jenes Mädchens dort zu bewerben. Haare hat sie wenigstens für drei auf dem Kopfe, und ihre Lippen sind wie zum Küssen geschaffen.«

Er deutete dabei auf eine Gestalt mit aufgebauschtem Haarwulst und aufgeworfenen Lippen.

»Wahrscheinlich eine Südseeinsulanerin,« meinte Harrlington. »Doch still! Miß Petersen will etwas fragen!«

Die Vestalinnen hatten sich inzwischen nach den Schicksalen ihrer Schützlinge erkundigt. Es war ihnen dies nicht so schwer geworden, als man bei der Verschiedenheit der Nationalitäten hätte vermuten sollen; die in Asien geborenen verstanden fast alle arabisch, und bei diesen diente die französisch sprechende Sulima als Dolmetscherin, die übrigen aber hatten während ihrer Gefangenschaft so viel Türkisch gelernt, um sich verständigen zu können, und so ging die Aufklärung ohne Schwierigkeit vor sich.

Nur Sulima selbst hatte ihr Schicksal noch nicht erzählt, ebenso nicht jene Negerin, deren wildes Aussehen dem lustigen Charles Gelegenheit zu dem Witze gegeben.

Sie war eine hohe, schlanke Gestalt, mit einem mehr knabenhaften Gesicht, das nicht hübsch zu nennen war, aber neben Kühnheit und Stolz eine nicht zu bändigende Wildheit verriet. Die pechschwarzen Augen, welche unstät von einem der Mädchen zum anderen wanderten, schienen wirklich den Blick eines Panthers annehmen zu können, ein solcher Blitz schoß ab und zu aus ihnen, obgleich das Mädchen sich möglichst bemühte, den Vestalinnen, welche sich auch nicht durch Sulima mit ihr verständigen konnten, freundlich entgegenzukommen.

Das lose Gewand hatte die Negerin so um ihren Körper geschlungen, daß die Arme freiblieben, und seltsam war es, was für Muskeln diese zeigten. Jeder Nerv, jede Ader trat an ihnen wie aus Marmor gemeißelt hervor, und dennoch zeugten die schlanken, wohlgepflegten Hände von keiner schweren Arbeit. Desgleichen verriet jede Bewegung des Körpers, was für eine katzenartige Gewandtheit ihm innewohnte.

Die Damen versuchten vergeblich in allerlei Sprachen, mit dieser Negerin eine Unterredung zu ermöglichen.

»Es ist nicht möglich,« sagte Sulima. »Während der sechs Monate, welche wir zusammen in Konstantinopel gefangen waren, hat sie sich nie mit uns unterhalten und gab überhaupt nie einen Laut von sich.«

»Wie war ihr Benehmen im übrigen?« fragte Ellen.

»Sie verhielt sich finster, zurückhaltend und stolz, besonders den Wärtern gegenüber, welche uns das Essen brachten und uns sonst bedienten. Näherte sich ihr einer der Leute, so schaute sie ihn mit so unbeschreiblich wilden Blicken an, daß er scheu zurückwich. Ich sah einmal zufällig, wie sie aus ihren dichten Haarflechten einen kleinen Dolch hervorzog und ihn aufmerksam betrachtete. Als sie bemerkte, daß ich ihr Geheimnis erkundet hatte, rief sie mir in ihrer fremden, sonderbaren Sprache einige drohende Worte zu; aber sie wußte, daß sie von mir am allerwenigsten Verrat zu fürchten brauchte; ich ging ja selbst mit verwegenen Fluchtplänen um, besprach mich darüber mit meinen Leidensgenossinnen und machte auch ihr meine Absichten begreiflich.«

Wieder war es Johanna Lind, welche in dieser schwierigen Lage einen Ausweg wußte.

»Ich habe gehört,« sagte sie, »Lord Harrlington soll einen alten Diener bei sich haben, einen Neger, der, wie so viele Schwarze, ausgedehnte Sprachkenntnisse besitzt, und den er darum mit auf diese Reise genommen hat. Es ist leicht möglich, daß derselbe dieses Mädchen versteht.«

»Ich werde den Lord fragen,« entgegnete Ellen und näherte sich der Bordwand des ›Amor‹, welcher vom Wind dicht an das Vollschiff getrieben wurden war.

»Lord Harrlington, Sie haben einen Neger als Diener mit, welcher sehr viele Dialekte spricht, auch afrikanische?« »Ja, Miß, meinen Hannibal.«

»Wir können eines der Mädchen nicht verstehen, vielleicht kann Hannibal uns als Dolmetscher dienen.«

»Sofort werde ich ihn rufen,« erklärte Harrlington bereitwilligst, »das heißt,« fuhr er lächelnd fort, »er wird wohl keine Zeit haben.«

Er ging nach der Luke, in die er mehrmals den Namen des Dieners hinabrief.

»Was soll das heißen, daß ein Neger keine Zeit hat?« fragte Ellen erstaunt die anderen Herren.

»Hannibal hat nie Zeit,« beteuerte Charles ernsthaft, »der arme Bursche ist immer mit Arbeit überhäuft. Doch Sie werden gleich selbst hören.«

»Hannibal, Hannibal, komm' herauf!« rief Harrlington hinab.

»Ich habe keine Zeit!« klang es nach einer Weile in ärgerlichem Tone zurück.

»Komm einmal herauf, Damen möchten dich sprechen.«

»Zum Kuckuck mit den Damen, Hannibal hat keine Zeit, Hannibal ordnet die Bibliothek!« klang es wieder von unten zurück.

»Wie? Der Neger ordnet die Bibliothek?« riefen die Damen zweifelnd.

»Es ist so,« versicherte Charles, »sein Herr hat ihm aufgetragen, die verkehrt stehenden Bücher umzukehren. Nun kann Hannibal zwar weder lesen, noch schreiben, aber er weiß doch, ob die Buchstaben auf dem Kopfe stehen oder nicht.«

»Aber Hannibal, du wirst notwendig gebraucht,« lockte Harrlington wieder und betonte dabei das Wort ›notwendig‹. Im Nu erschien ein mächtiger, pfeffergrauer, wolliger Kopf über der Luke, dem gleich darauf die Gestalt eines alten Negers mit verwitterten und runzeligen Gesichtszügen folgte.

Hannibal hatte ein bewegtes, abenteuerliches Leben hinter sich, über dessen erstem Teil ein geheimnisvolles Dunkel lag. Man sprach davon, daß er in seiner Jugend an der Westküste Afrikas einen Schmuggelhandel mit Spirituosen betrieben habe, bis er einmal erwischt und sehr hart bestraft wurde, wahrscheinlich mit Peitschenhieben, denn noch jetzt wies sein Rücken tiefe Narben auf; doch war dies nur eine Vermutung. Dann hatte Hannibal, welchen Namen er aber erst vom jetzigen Herrn bekommen, sich in der ganzen Welt herumgetrieben und zwar meist in Gesellschaft von Artisten, bei denen er als Clown fungierte. Später produzierte er sich in größeren Hafenstädten als Bauchredner, und als solcher traf ihn Harrlington einst in einem Hafen Südamerikas.

Der Lord brauchte damals gerade einen Diener, und er fand an dem etwa fünfzigjährigen Neger, dessen ungeheueres Sprachentalent er bald entdeckte, ein solches Wohlgefallen, daß er ihn aufforderte, ihn zu begleiten. Der Schwarze war gerade in einer schlechten Lage, das Bauchreden wollte ihn nicht recht ernähren, und so nahm er ohne Besinnen das neue Engagement an. Das war vor fünf Jahren gewesen.

Herr und Diener hatten sich seitdem so aneinander gewöhnt, daß sie, wenigstens für längere Zeit, unzertrennbar schienen, obgleich sie eigentlich in einem sehr sonderbaren Verhältnisse standen.

Viele Neger besitzen ein beispielloses Talent zum Erlernen von Sprachen, sodaß sie sich bald vollkommen in derselben unterhalten können. Jeder Satz, den sie hören, haftet in ihrem Gedächtnis, und ein einmal gesprochenes Wort vergessen sie nie wieder, sie wissen mit nur wenigen Vokabeln so geschickt umzugehen, daß sie alles ausdrücken können.

Dieses Talent besaß auch Hannibal. Außerdem konnte er jede einmal gehörte Tierstimme, jeden Menschenlaut oder jedes vernommene Geräusch auf das täuschendste nachahmen, wie er ja auch Bauchredner war.

Lord Harrlington beschäftigte sich viel mit dem Studium fremder Völker, und hierbei leistete Hannibal ihm unschätzbare Dienste. Er brauchte nur einen Fuß, einen Finger, eine Fährte zu sehen, so konnte er sofort sagen, zu welcher Rasse der Eigentümer gehörte, wie alt er oder ob er Mann oder Weib sei.

Hannibal hatte bald bemerkt, wie viel der Lord und dessen Freunde auf seine Eigenschaften hielten, und er gefiel sich nach und nach darin, den Gelehrten zu spielen. Obgleich er nicht lesen und schreiben konnte, saß er oft stundenlang vor einem offenen Buche, eine Brille auf der Nase, und that, als ob er lese.

Da sein Herr ihm alles nachsah, ihn überhaupt eigentlich nur zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib hielt, so glaubte sich Hannibal dazu berechtigt, sich jede Störung in seinem Studium, wie er sagte, zu verbitten. Wurde er gerufen, so antwortete er einfach, er habe keine Zeit, und ließ sich durchaus nicht stören, selbst nicht von Lord Harrlington, welcher daran seinen Spaß fand. Im übrigen wäre Hannibal für seinen Herrn durchs Feuer gegangen. Nur der Aufforderung, daß er ›notwendig‹ gebraucht werde, leistete er Folge, denn er versäumte nie eine Gelegenheit, bei der er seine Kenntnisse zeigen konnte, auf die er sehr stolz war.

So kam er denn auch jetzt die steile Treppe eiligst heraufgestiegen und freute sich ungemein, als er erfuhr, daß alle Damen und Herren sich vergeblich abmühten, eine Negerin verstehen zu können.

Ellen winkte der Schwarzen, an die Bordwand des Schiffes zu kommen, doch kaum standen jene und Hannibal sich gegenüber, so geschah etwas Seltsames.

Hannibals Züge nahmen mit einem Male einen erst erschrockenen, dann freudigen Ausdruck an. Mit weit ausgebreiteten Armen stürzte er nach der Bordwand, welche ihn von der Schwarzen trennte, fiel auf die Kniee und stammelte unzusammenhängende Worte, die niemand der Zuhörer verstand. Sie wurden in ebensolchen Gurgellauten gesprochen, wie man sie vorhin von dem Mädchen gehört hatte.

Dieses selbst blickte den Knieenden erst mit unverkennbaren Zeichen des Erstaunens an, ward aber dann aufmerksamer, wies bei dem Namen ›Yamyhla‹ mit dem Finger stolz auf die Brust, darauf antwortete sie, was Hannibal mit Entzücken zu erfüllen schien.

Kaum aber war ihm das Wort ›Kebabo‹ entschlüpft, das er mit sichtlichem Zögern aussprach, so entstellte plötzlich ein Ausdruck grimmer Wut die Züge der Negerin; sie duckte sich zusammen, und ehe jemand ahnte, was sie vorhatte, schnellte sie mit einem Satze über die Bordwand und stand vor dem Knieenden. Ein Griff in ihr dichtes Haar, und sie hielt einen kleinen Dolch hoch in der Hand, um ihn Hannibal in das Herz zu stoßen.

Lord Harrlington war der einzige, der so viel Fassung bewahrte, hinzuzuspringen, um einen Mord an seinem Diener zu verhindern. Aber wunderbarerweise stieß ihn dieser selbst zurück, riß sein Hemd auf und erwartete, ohne mit den Wimpern zu zucken, den tödlichen Stoß. Nur einige kurze Worte sagte er.

Da ließ die Negerin die erhobene Waffe sinken, und wieder entspann sich zwischen beiden ein aufregendes Gespräch, in dem fortwährend die Namen Yamyhla, Kebabo, Bahadung, Gheso, Abeokuta und andere mehr vorkamen.

»Was war das?« fragte Ellen erstaunt. »Wie ist mir denn, habe ich den Namen Yamyhla nicht schon irgend einmal gelesen oder gehört?«

»Allerdings,« entgegnete Miß Nikkerson, »an einem Abend wurde in unserem Klub die Geschichte vorgelesen, wie vor Jahren die 5000 Amazonen von Dahomeh im Kampfe fast völlig vernichtet wurden. Die Anführerin derselben hieß Yamyhla.«

»Ja, und wir jubelten damals noch über die Bravour, mit welcher sich die Mädchen gegen den zehnfach stärkeren Feind geschlagen hatten,« sagte eine andere.

»Nun weiß ich auch, was alle diese Namen bedeuten,« meinte eine dritte.

»Bahadung war der König von Dahomeh, welcher sich immer eine Leibgarde von 5000 in den Waffen geübten Mädchen hielt. Gheso war sein Vater, und bei der Stadt Abeokuta haben die Amazonen gekämpft.«

»Sollte jene Yamyhla deren Führerin gewesen sein?« fragte Ellen.

»Das ist nicht möglich, höchstens ist sie die Tochter oder Enkelin derselben,« antwortete eine Vestalin, »jetzt aber kann ich mir wenigstens erklären, woher dieses Mädchen eine solche Kraft und Gewandtheit besitzt. Ohne Zweifel ist sie eine jener Kriegerinnen, welche sich unausgesetzt in Kampfspielen üben.«

»Dann wäre sie würdig für die ›Vesta‹« riefen fast alle Mädchen. »O, wenn wir sie für uns gewinnen könnten, diese Amazone!«

»Wir wollen sehen, was sich thun läßt,« entgegnete Ellen, »Hannibal scheint sie genauer zu kennen. Jetzt kommt sie auf unser Schiff zurück; wir werden gleich alles von dem Dolmetscher erfahren.«

Die beiden hatten sich unterdes lebhaft unterhalten, das Weib zeigte wiederholt nach der Sonne, erzählte dem Neger etwas unter Gestikulationen und legte zum Schluß bedeutungsvoll den Finger auf den Mund. Hannibal, auf dessen Gesicht sich während dieser Rede bald Freude, bald Entsetzen abgespiegelt hatte, rutschte jetzt auf den Knieen zu der Negerin, küßte den Saum ihres Gewandes und that, als ob er vor Entzücken außer sich wäre.

Darauf schritt das Mädchen wieder an die Bordwand und schwang sich mit einer Leichtigkeit und Grazie über dieselbe, um die sie jeder Cirkuskünstler beneidet hätte. Stumm schritt sie an den Damen vorüber und gesellte sich zu der Gruppe der Mädchen.

»Nun, sage uns, was sie dir erzählt hat,« verlangte Ellen von Hannibal. Doch dieser schüttelte mit dem Kopfe.

»Ich darf nichts verraten,« entgegnete er; sein früheres Selbstbewußtsein hatte er mit einem Male ganz verloren. »Meine Zunge ist mit tausend Eiden gebunden.«

»Wie? So sollen wir nicht erfahren, wen wir befreit haben?«

»Doch, das dürfen Sie, Miß. Es ist die Enkelin jener Yamyhla, welche im heldenmütigen Kampfe gegen die Neger von Weidah fiel.«

»Sagte ich es nicht?« rief Miß Nikkerson. »Sie ist eine Amazone von Dahomeh.«

»Wie kommt sie in die Sklaverei? Hat sie dir dies gesagt?« fragte Ellen weiter.

»Das ist es eben, was ich nicht verraten darf. Dagegen hat Yamyhla eine Bitte an Sie, die Kapitänin des Damenschiffes. Sie darf erst nach 21 Monaten in ihre Heimat zurückkehren, um dort ihr Recht zu suchen, und fragt, ob sie während dieser Zeit auf der ›Vesta‹ verweilen kann. Ich habe ihr erklärt, daß sie dann arbeiten müsse, und Yamyhla hat sich bereit erklärt, gern die niedrigsten Dienste zu verrichten, wenn sie nur bei ihresgleichen sein kann. Yamyhla stammt aus einem der vornehmsten Geschlechter Dahomehs.«

Ellen blickte sich im Kreise ihrer Gefährtinnen um; überall begegnete sie freudigen Gesichtern.

»Natürlich,« stimmten die Vestalinnen bei, »Yamyhla ist eine der Unsrigen!«

»Du hörst es, Hannibal,« redete Ellen diesen wieder an. »Teile es Yamyhla mit und sage ihr auch, daß wir sie nach Ablauf der gesetzten Frist selbst in ihre Heimat bringen werden, und, hat sie wirklich Ansprüche zu machen, so werden wir sie dabei mit aller unserer Kraft unterstützen. Auch die Herren des ›Amor‹ werden sich nicht davon ausschließen. Nicht wahr, Lord Harrlington?«

»Wohin Sie gehen, dahin folgen wir Ihnen,« versicherte dieser abermals.

»Ach, hat es so eine Negerin gut,« seufzte Charles in komischer Verzweiflung. »Warum bin ich keine Dahomeh geworden!«

Ellen winkte dem Mädchen und ließ ihm den Entschluß durch Hannibal übersetzen. Yamyhla zeigte außerordentliche Freude darüber und drückte durch allerhand Gebärden ihre grenzenlose Dankbarkeit aus. Von den übrigen Vestalinnen wurde sie mit Herzlichkeit als Genossin begrüßt.

Da über ihrem Schicksal ein Geheimnis zu ruhen schien, so wurde ausgemacht, sie nicht über dasselbe zu befragen, bis sie es selbst mitteilte. Yamyhla sollte dieselbe Arbeit verrichten und dieselben Rechte besitzen, wie jede andere Vestalin; doch sollte man sich möglichst viel mit ihr abgeben, um ihr bald einige Begriffe der englischen Sprache beizubringen.

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