Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Die Verteidigung Roms

Ricarda Huch: Die Verteidigung Roms - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verteidigung Roms
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1906
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Verteidigung Roms
pages375
created20171207
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Am Nachmittage setzte das Kämpfen aus, weil die Franzosen es aufgaben, das Vascello zu erobern, und Garibaldi keine Mannschaft mehr hatte, um die Corsini anzugreifen. In dem schmalen Schatten der Mauer des Vascello stand mit mehreren Freunden Emilio Dandolo, der noch nicht wußte, daß sein Bruder Enrico gefallen war; beim ersten Angriff verwundet, war er längere Zeit vom Kampfplatz fern gewesen, hatte, zurückgekehrt, ihn gesucht, nach ihm gefragt, ohne Antwort zu erhalten, und versuchte dann sich damit zu beschwichtigen, daß er vielleicht in Gefangenschaft geraten sei. Da nun die Waffenruhe benutzt wurde, Verwundete und Tote in die nächsten Spitäler zu schaffen, und der Leichnam des Enrico jeden Augenblick konnte vorübergetragen werden, gaben sich Manara, Hofstetter und Ugo Bassi Zeichen, daß man den noch Hoffenden auf das gewisse Schicksal vorbereiten müsse, doch zögerte jeder noch, das Wort auszusprechen. An Hauptmann David, der gerade zu ihnen trat, richtete Emilio wie an alle, die er antraf, die Frage, ob er Enrico nicht gesehen habe, 215 worauf David, der Bescheid wußte, erst einen unbehaglichen Blick auf die andern warf und dann verneinend den Kopf schüttelte. Er bemerkte, daß Emilio verwundet war, und riet ihm, in die Stadt hinunterzugehen und sich zu Bette zu legen. »Ich versichere Euch,« sagte er, »daß ich es täte, wenn ich nur die geringste Wunde hätte. Heute kommt keiner davon, am wenigsten einer, der durch Blutverlust entkräftet ist. Ich wundere mich, wenn ich einem von uns begegne, und wenn ich mich selbst antaste und mich noch sinnlich anwesend fühle. ›Armer Tropf,‹ sage ich zu mir, ›was suchst du hier? Warum stecktest du deine fürwitzige Nase in so gefährliche Konflikte? Du hast lange Beine, aber die Kugeln haben Flügel und dazu den Teufel im Leibe, sie holen dich ein.‹« Er sprach mit hohler Stimme und tiefstes Mißtrauen ausdrückendem Mienenspiel.

Emilio entgegnete schnell und aufgeregt, dies allgemeine Sterben sei so wenig notwendig, wie es nutzlos sei. Sie würden wie Glas gegen einen Felsen geworfen, an dem sie zerschmettern müßten; ob das Kriegskunst wäre? Nicht einmal Wilde würden in dieser Weise, ohne Plan und Berechnung, die nächste beste Mannschaft zusammenraffen und einem übermächtigen Feinde mitten ins Feuer jagen. An der unüberlegten, ehrgeizigen Tollkühnheit eines Mannes gingen sie alle zugrunde. Hofstetter gab sich Mühe, zu beweisen, daß Garibaldi durch die Umstände zu einem solchen, allerdings verhängnisvollen Verfahren gezwungen gewesen sei, doch Emilio unterbrach ihn ungeduldig und gereizt: er wisse wohl, daß sie ihren Götzen in allem verteidigten und es als eine Annehmlichkeit erachteten, sich für ihn abschlachten zu lassen. Ihm graue vor Garibaldi, er erscheine ihm heute wie jener Feldherr der Vorzeit, den seine Soldaten tot aufs Pferd gebunden hätten, damit die entseelte Hülle 216 noch den Feind besiege; so führe er, ohne Empfindung, durch nichts zu rühren oder abzuschrecken, die warme Jugend in den Tod, der ihm selbst nichts antun könne. »Er weiß, daß wir den Tod weniger fürchten als Sklaverei und Schande,« sagte Manara ernst und würde mehr hinzugefügt haben, wenn ihn nicht die nahe Enthüllung des großen persönlichen Schmerzes beschäftigt hätte. Eben jetzt sah Hofstetter, daß eine Bahre näherkam, neben welcher der junge Morosini herging, woraus er schloß, der darauf läge, müsse Enrico Dandolo sein, drehte sich kurz um und entfernte sich, so schnell er konnte; denn er fürchtete sich vor ergreifenden Auftritten. Emilio sah ihm erschrocken nach, weil er glaubte, er hätte ihn durch seine Reden gekränkt, und zugleich bemächtigte sich seiner schon die Ahnung des Unglücks; er sah die Träger, die einen mit dem dunkelgrünen Mantel der Bersaglieri bedeckten Toten trugen, und Manara, der ihm unter Tränen die beiden Hände entgegenstreckte. Morosini, der neben der Bahre ging und die herabhängende Hand des Toten hielt, schluchzte laut und leidenschaftlich und sah niemand, Emilio ging ihm nach, von Manara und Ugo Bassi begleitet. »Ihr solltet Euch nicht so viel daraus machen,« sagte Hauptmann David düster zu Dandolo, »da wir alle des Todes sind. Einer geht voran, die andern kommen nach, das ist der ganze Unterschied. Wir speisen am andern Ufer zu Nacht, und jene bestellen einstweilen den Schlaftrunk.« Indem er mehrmals die Achseln zuckte und mit einer nachsichtigen Handbewegung das Leben in den Wind zu schlagen schien, trennte er sich von den Leidtragenden.

Nach einer Stunde kam Emilio Dandolo nach San Pancrazio zurück, wo ihm mehrere junge Mailänder, Signoroni, Mancini und Rosagutti, entgegenkamen und ihm teilnehmend die Hand drückten. Die 217 Sonne stand jetzt dicht über dem Janiculus, und die Hitze fing an, nachzulassen; aber den aufs äußerste ermatteten Soldaten kam sie unerträglicher vor als am Tage. Die Offiziere wollten ihre Kameraden aufsuchen, als sie Garibaldi auf sich zukommen sahen, aufrecht im Sattel, das Gesicht grau wie Eisen, der, wie er sie erkannte, rief: »Habt ihr noch ein paar tapfere Leute, mit denen ihr einen Streich wagen könnt? Wir müssen die Corsini wiederhaben!« Die Freunde starrten den unbegreiflichen Mann an, für den der Tag endlos und das menschliche Vermögen unerschöpflich zu sein schien, und schwiegen betreten, da sie sich nicht zu sagen trauten, daß sie die Hoffnung für unsinnig hielten, wenige Entkräftete könnten jetzt erreichen, was den frischen Truppen am Morgen nicht gelungen war; auch war ihnen seine Ruhe unheimlich, wie wenn Raserei darin läge. Emilio Dandolo indessen, der stark fieberte, fühlte seiner Stimmung genuggetan und rief übermäßig laut und betont: »Mein General, ich räche meinen Bruder! Folge mir, wer noch Blut zu vergießen hat!« Es fanden sich außer den Offizieren etwa zwanzig Mann, die noch einmal versuchten, durch jähen Anprall den wohlbefestigten Feind zu erschüttern, und von denen weniger als die Hälfte zurückkam; die Offiziere waren sämtlich verwundet, Dandolo hatte infolge des zweiten, nicht unerheblichen Blutverlustes und der vorangegangenen Erregung das Bewußtsein verloren.

Die Sonne war untergegangen, der Himmel brannte noch hinter dem Parke, es sah aus, als hingen karminrote Blutstropfen an den Zweigen der schwarzen Eichen. Die Soldaten waren auf ihren Posten und in ihren Quartieren, nur Garibaldi ritt noch hin und wider und starrte starr nach dem weißen Hause; er schien zu überlegen, ob er nun allein den letzten Sturm versuchen solle. Als endlich Sacchi sich 218 ihm näherte und ihn bat, sich Ruhe zu gönnen, sah er ihn an, wie wenn er aus Träumen zu sich käme, und wollte sprechen; statt dessen drang ein brüllender Laut heiser aus seiner Kehle. Sacchi wendete sich ab, weil ihm der Anblick der ohnmächtigen Klage in Garibaldis unzugänglichen Gebieteraugen das Herz zusammenschnürte, und murmelte etwas derart, das Menschenmögliche sei getan, niemand könne Rom wider Roms Willen retten. »Sie haben mich um den Sieg gebracht!« sagte Garibaldi; es klang nicht wie von menschlicher Stimme gesprochen, sondern wie entferntes Rollen einer Sturmflut, die kommen und das Ufer mit allem Leben darauf verschlingen wird. Dann verstummte er und folgte Sacchi in das Vascello, wo er von Manara und Medici ehrerbietig empfangen wurde. Während er etwas Wein und Brot zu sich nahm, das man vor ihn hinstellte, unterhielten sich die Offiziere über den Verlauf des Tages und die erlittenen Verluste, nur Masinas Namen erwähnten sie nicht, da sie wußten, wie teuer er dem General gewesen war. Allmählich besann sich Garibaldi auf seine Umgebung; er warf wieder und wieder zufriedene Blicke auf Sacchi, Manara und Medici, indem er sich überzeugte, daß sie heil und frisch waren. Es sei die Ehre des Tages, sagte er plötzlich mit fester Stimme, daß das Vascello gehalten sei, er danke den Offizieren und Truppen, die es mit unvergleichlicher Ausdauer verteidigt hätten. Als es Nacht wurde, begaben sich Manara und Medici in die Stadt, um ihre verwundeten Freunde aufzusuchen, Sacchi blieb im Vascello, Garibaldi ging wieder ins Freie, um sich über das Vorhaben des Feindes Sicherheit zu verschaffen.

*

Die Sommernacht überströmte Rom und sog sich wie Balsam in die verbrannte Erde. Die Wege, wo 219 die Schlacht gewütet hatte, glichen einem offenen Grabe; denn viele Verwundete und Tote waren von ihren Verwandten und Freunden fortgetragen worden, um andre hatte sich niemand bekümmern oder dicht unter den Kugeln des Feindes sie nicht holen können. Die innerhalb der Corsini gefallen waren, wurden ohne Zeichen vom Feinde begraben. Jetzt ging Ugo Bassi allein über das Schlachtfeld, und wo er einen toten Mann liegen sah, kniete er neben ihm nieder, schloß ihm die Augen, legte ihn gerade hin und betete bei ihm. Es war so hell, daß er eines jeden Züge deutlich unterscheiden konnte: einer hatte dichte schwarze Brauen, die wie in äußerster Anstrengung zusammengezogen waren, seine Hand griff noch, er schien auf ein Zeichen zu warten, um aufzuspringen und weiterzukämpfen; ein andrer, fast noch ein Knabe, lag in einem Beete, auf dem rote Pelargonien blühten, und hatte das Gesicht in die lockere Erde gedrückt wie Kinder, die mit ihrem Kissen im Arme einschlafen; ein andrer hatte geballte Fäuste und starrte gräßlich gegen den schimmernden Himmel. Einer schien sehr alt zu sein, hatte ein Gesicht voll Runzeln und Falten, die immer erneuter Kummer langer Jahre eingegraben haben mochte, und so welke Hände, daß man nicht begriff, wie sie noch eine Waffe hatten regieren können; doch mußte er wild gekämpft haben, denn er hatte viele frische Wunden, und neben ihm lag ein junger Franzose, den er sterbend getötet zu haben schien. Mitten auf einer Wiese stand ein uralter marmorner Altar, auf dessen Wänden kleine rundgliederige Kinder dargestellt waren, die Traubengewinde trugen, zwischen denen tragische Masken standen; dort lagen drei Tote, die sich wohl hinter dem ungenügenden Schutze bis zum äußersten gegen eine Uebermacht verteidigt hatten. Einem von diesen hatte eine Kugel die obere Hälfte des Gesichtes so 220 zerrissen, daß an Stelle der Augen nur eine schwarze. starrende Wunde zu sehen war; offenbar hatte er einen zweiten tödlichen Schuß in die Brust empfangen, als er mit der Hand nach den Augen gefahren war. Der Mund dieses Mannes, den kein Bart verdeckte, war voll und herrlich geschwungen, doch ein wenig wie zum Weinen verzogen, und die ebenmäßigen Zähne waren krampfhaft aufeinander gepreßt; auch seine Beine waren vor Schmerz gekrümmt.

Viele lagen mit nach vorn ausgestreckten Armen auf dem Gesicht, als wären sie im eiligen Laufe gestrauchelt und gestürzt, und Ugo Bassi zitterte, indem er sie umwendete, in der Hoffnung, sie möchten leben; aber diese, Bersaglieri, die beim Rückzuge nach dem zweiten Sturme auf die Corsini am frühen Morgen gefallen waren, waren schon lange kalt. Der Priester glättete ihnen gelinde die Haare, die oft mit Blut verklebt waren, und zuweilen richtete er sie auf, wenn er sie zurechtlegte, und hielt sie an seine Brust gelehnt, als ob sie wieder anfangen könnten zu atmen, oder damit sie noch einen Augenblick an einem liebevollen Herzen gelegen hätten.

Garibaldi, der von der höchsten Bastion aus nach den Gärten hinüberblickte, erkannte die jünglingshafte Gestalt Ugo Bassis und folgte ihm mit den Augen; er sah, wie er sich niederbeugte, sich wieder aufrichtete, lange stillstand und den Kopf in die Hände zu bücken schien, und diese lautlos zwischen den stillen Baumstämmen gleitende Bewegung machte ihm den Eindruck rinnender Tränen. Er dachte nicht daran aufzustehen, ein Lager aufzusuchen und zu schlafen; er schien im Anblick des Hauses, das seinem Willen geisterhafte Unantastbarkeit entgegensetzte, zu versteinern. Er dachte an die Eingangshalle, an die Figur des Achilles, der den toten Patroklos beklagt, und an ein Bruchstück, das sich seinem Gedächtnis zufällig eingeprägt hatte, 221 einen schönen großen zermalmenden Fuß in Sandalen, über den der Saum eines faltigen Frauengewandes fiel; er stand jetzt vielleicht in einer Lache Blut. Unter diesen feiernden Gestalten dachte er sich Masina liegen, mit gebrochenen Augen in den Hohn der Sieger starrend.

Garibaldi versuchte sich vorzustellen, daß dieser einzige Tag nicht gewesen und noch gestern wäre, ein mächtiger Herzschlag und ein starker Strom Blut noch im Schwunge der Erde mitklopfte, der jetzt fehlte; da war er so reich gewesen, wie er jetzt arm war. Er saß auf den Mauern Roms einsam wie auf einer wilden Klippe im Raum ohne Anfang und Ende, er konnte sich nicht vorstellen, daß er je wieder ein Pferd besteigen, je wieder eine Schlacht kommandieren würde. Es hätte anders werden können, wenn er die aufgeblähte Tugend der Republik vom Throne gestoßen und gesagt hätte: »Rom ist mein, bis es frei ist.« Warum er es nicht getan hatte, wußte er nicht, denn die Ueberlegung, daß er damit sich einzelnen als Italien gegen ganz Italien gestellt hätte, war nicht gewesen, was ihn wirklich hinderte, sondern die fehlende Notwendigkeit in seiner Seele; deshalb zürnte er nicht sich, sondern denen, die seine Macht gebunden hatten. Sie hatten ihn einsam und arm gemacht, indem sie ihn zwangen, sein Heer aufzuopfern; es war von ihm weggeströmt wie das Blut von seinem Herzen. Lange saß er still und ließ die Toten einen nach dem andern vorüberreiten und sich in die mitternächtige Heide verlieren, die Italien in Völkerschlachten hätten befreien sollen; er starrte den Schatten seiner Traurigkeit mit kalten Augen nach.

Wie er an Masina dachte, kam ihm Lust zu weinen; aber den Groll vergaß er allmählich darüber. Weit hinten am Saume der Ebene stand eine Reihe von Pinien, deren regelmäßiges durchsichtiges Geäst so zueinander 222 stand, daß es sich in gleichen Bogen zu berühren schien und man die stillen Bäume für die Trümmer einer alten Wasserleitung hätte halten können. Sein Blick blieb auf dieser schönen Linie am Horizonte ruhen, die ihm wie ein sympathischer Ton zu reinen Gedanken stimmte und ihm wohltat. Ein süßes Bewußtsein durchdrang ihn, als ob er denen, die vor Jahren, und denen, die vor Stunden gestorben wären, an Leben und Tod ganz gleich wäre, und als wäre es ein kindisches Mißverstehen gewesen, daß er um sie trauerte. Die Müdigkeit, die in ihm war, ging langsam in Schlaf über, doch fühlte er noch das leise Strömen der Bäume, die Luft und das Mondlicht liebkosend in seinem Körper; als seine Gedanken schon Träume wurden, fiel ihm ein, daß zwischen ihm und den Sternen Weltraum wäre, der nach Tausenden und Millionen gemessen würde, und viele von ihnen vielleicht in dem Augenblick schon erloschen wären, wo sie zu ihm hin wirkten wie gegenwärtiges Leben, und daß für Blicke von entfernteren Systemen, die unsern Sinnen unzugänglich wären, seine Sterne sich mit ihren Strahlen zu berühren scheinen könnten, wie für seine Augen die Zweige der Pinien die Zweige ihrer Nachbarn in leichten Bogen zu berühren schienen. Dies verstand er als das Bild einer alles ausgleichenden Wirklichkeit. Er fühlte sich in den Mantel der Gottheit, dessen tiefste Schluchten leuchteten, mit allem Verlorenen und allen Erfüllungen aufgenommen.

Nach einem kurzen tiefen Schlaf erwachend, sah er den Mohren Aghiar neben ihm an die Mauer gelehnt, der ihn bewachte. Sie suchten zusammen das Strohlager auf, das jener ihm in einem kleinen Hause dem Vascello gegenüber bereitet hatte, wo er noch einige Stunden, bis der Himmel hell wurde, schlief. 223

Bald nach Sonnenaufgang ließ Garibaldi den Oberst Manara zu sich auf den Turm der Villa Savorelli rufen, die er zum Hauptquartier bestimmt hatte, weil sie dem Tore am nächsten lag, und wies ihm die Stellungen des Feindes, indem er sagte: »Ich glaubte, sie würden Rom heute erstürmen, indessen arbeiten sie an den Werken zu einer Belagerung.« Manara sah durch den Feldstecher, den der General ihm reichte, und rief erstaunt: »Bei Gott, sie gebärden sich, als ob sie vor Tyrus lägen, da wir doch kaum mehr als die Mauer haben, über die Remus, seinem Bruder zum Hohne, hinübersprang.« – »So huldigt Frankreich dem neuen Italien,« sagte Garibaldi, fügte aber hinzu, daß man die Ordnung, Zucht und Tüchtigkeit der Franzosen bewundern müsse, ohne sie leider nachahmen zu können. »An Seiltänzern und Akrobaten leiden wir keinen Mangel, aber stehen und gehen können wenige.«

Um die neunte Morgenstunde war die Hitze schon drückend; das Licht lief dick wie Honig über die Mauern der Häuser und Gärten. Von Trastevere her kamen Volkshaufen den Janiculus herauf, die Garibaldi ihres Anhangs versichern wollten, wenn er die Diktatur ergriffe; denn es hatte sich verbreitet, daß die Regierung ihm aus Mißtrauen wegen seiner allzu volksgünstigen Gesinnung die Mittel zu siegen versagt habe, und daß er die Sache Roms nur mit Glück führen könnte, wenn er uneingeschränkt waltete. Garibaldi hatte die Leute kommen sehen, setzte sich aber, als ginge es ihn nichts an, an einen Tisch und fing an zu schreiben und hob den Kopf fast geärgert, als Angelo Brunetti, der die Bewegung leitete, zu ihm eintrat. Auf der braunen Stirn und dem bloßen Halse des Römers standen Schweißtropfen, er sah aus, als ob er stundenlang in der Sonne Holz gehackt oder Korn gemäht hätte, doch frisch und unternehmend. 224 Die Stimmung, sagte er, wäre so gut wie wünschbar, was zur Regierung hielte, wäre unschlüssig und bedenklich, man erwarte nur seine Befehle. Garibaldi zog unmutig die Brauen zusammen: »Es ist zu spät,« sagte er, »beruhigt die Leute und macht sie auseinander gehen.« Brunetti stand betroffen und wußte nicht, wie er die Worte des Generals deuten sollte; wenn das Volk jetzt zurückgewiesen und enttäuscht würde, meinte er, könnte er es so leicht nicht wieder zur Aktion bringen. »Es ist für heute und immer zu spät,« sagte Garibaldi; »ich hätte es getan, um zu siegen, nicht um des Titels und der Macht willen. Rom braucht keinen Diktator, um sich ein Weilchen belagern und endlich erstürmen zu lassen.« Da er den Eindruck sah, den seine Worte auf Brunetti machten, stand er auf, legte ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte: »Verschweige, was ich dir gesagt habe, Brunetti, und vergiß es; die Hoffnung standhafter Herzen ist das Blut, das Italiens Leben fristet.« – »Wir werden hoffen,« sagte Brunetti nach einer Pause mit fester Stimme, doch Tränen im Auge. Nachdem er sich vollends gefaßt hatte, fügte er hinzu, da es nun so sei, freue er sich, daß es nicht zum Zwist oder Bruch mit der Regierung gekommen sei; das Volk zu beruhigen vermöge er aber nicht allein, sie wären nun einmal auf etwas Gewaltsames vorbereitet und würden sich nicht hineinfinden, ohne Sang und Klang wieder an ihr alltägliches Geschäft zu gehen. Garibaldi trat an das Fenster, musterte die Menge, die ihn lärmend begrüßte, und sprach in kurzen Worten ein Lob der Republik und der Einigkeit aus, dann dankte er den Leuten, daß sie gekommen wären, um ihm ihre Kraft zur Verfügung zu stellen, er bedürfe ihrer in der Tat, seine ohnehin überanstrengten Soldaten genügten nicht, um brauchbare Verteidigungswerke herzustellen. Solche mühselige und 225 gefährliche Arbeit erfordere ebensoviel Mut, wie in eine Schlacht zu gehen; sie hätten sich heute um das Vaterland verdient gemacht.

Anstatt des üblichen Beifalls folgte dieser Rede längeres Schweigen; plötzlich sagte einer mit hörbarem Seufzer: »Da haben wir die Diktatur!«, worauf ein Gelächter entstand und die meisten sich gutwillig eine Arbeit bei den Verschanzungen anweisen ließen.

Nachdem auf diese Weise die Bewegung unschädlich abgelenkt war, traf ein Brief Mazzinis ein, der Garibaldi ermahnte, den Aufruhr, von dem Gerüchte auf das Kapitol gedrungen waren, nicht zu ermutigen. Garibaldi betrachtete die zierlich unbeugsamen Buchstaben des Genuesen ingrimmig, ballte das Blatt in seiner Hand zusammen und sagte zu Manara, mit dem er allein war: »Er schreibt, ich dürfe ein trübes Gesindel, das jeder Regierung, die Ordnung und Gerechtigkeit handhabe, aufsässig sei und jedem diene, der es von der Last täglicher Pflicht erlöse, nicht würdigen, sich Verteidiger und Retter des Vaterlandes zu nennen. – Ich bin kein Schulmeister, der fragt: bist du ehrlich? bist du aufmerksam? bist du fleißig? ich frage: habt ihr Mut und Waffen? und würde Rom mit Hunden verteidigen, wenn sich Menschen nicht fänden.« Manara sagte ernsthaft: »Gestattet, mein General, daß wir und kein andrer diese Hunde seien.«

Garibaldi lachte nicht, sondern sah Manara scharf aus zusammengekniffenen Augen an: »Ihr denkt auch wie Mazzini,« sagte er forschend, »und doch müßt Ihr gesehen haben, wie Unverstand und Engherzigkeit jener Weisen uns um den Sieg brachten. Unser Traum und Ziel, das Herz unsers Lebens war ein freies Vaterland; nun fürchten sie mehr, Mazzini zu widersprechen, als Rom und Italien zu verlieren.« Manara sagte: »Da Ihr mich fragt, mein General, 226 gestehe ich, daß ich furchtsam bin, seit ich Mailand, das wir durch einmütiges Opfer erobert hatten, durch unsre Zwietracht verloren gehen sah.« Er schwieg bescheiden, und Garibaldi dankte ihm zwar für seine freimütige Erklärung, forderte ihn aber nicht auf, sich weiter auszulassen. Er stieg wieder auf seinen Turm, lehnte sich an die Balustrade und blickte hinübergebeugt in das dicke Blättergrün, aus dem die weißen Mauern der Villa auftauchten; er fühlte sich aller Menschen müde und überdrüssig. Er konnte nicht verstehen, daß dieselben, die durch Jahre unter Gefahr ihres Lebens nach Italien getrachtet hatten, ihn, der es machen konnte und wollte, nicht ließen, und zum ersten Male drückte ihn seine Arbeit, die den Preis nicht erreichen würde.

Am heißen Himmel standen dicke weiße Wolken wie geballter Staub um goldene Wagen, in denen vergötterte Helden, der rühmlichen Hantierung froh, sich mit strahlenden Waffen bekämpften. Garibaldi schloß die Augen, von der Mittagsonne umdunstet, und stellte sich vor, daß der Turm der Villa, auf der er stand, ein Felsen im Meere wäre, den das selige Element von den Menschen und ihren Angelegenheiten trennte. Da würde er mit tiefer Luft die Sterne erscheinen und die Einöde des kalten Raumes leuchtend umzirken sehen, wie ein Triumphbogen würde der einsame Heldenlauf und Untergang der Sonne über seinen Tagen stehen. Die wilden Ziegen würden das Gras aus seiner Hand nehmen, die nistenden Meervögel würden sich an seinen Schritt gewöhnen, seine Frau und seine Kinder würden auf den blanken Steinen liegen und die Wellen wie junge Hunde und Hasen über sich wegspringen lassen. Er glaubte die warme Stimme der lieben Frau und das unbändige Aufjauchzen der Kleinen zu hören; ein inniges Wohlbehagen erfüllte ihn ganz. So stand er lange ohne 227 einen Gedanken an die Wirklichkeit, bis die Besatzungen der Valentini und Corsini das Feuer begannen und das schnelle Krachen der Schüsse ihn zurückrief.

Nach dem Essen, das Garibaldi im Lager nahm, während viele Offiziere in die Stadt gingen, kam Mazzini und wurde vom General in einem Zimmer empfangen, wo dieser im Begriff war, dem Sekretär Fumagalli einen Plan zur Verteidigung des Vascello zu diktieren. Gleichzeitig trat ein zigeunerhaft gekleidetes hübsches Mädchen ein, die Kaffee brachte, schwärmende Blicke auf Garibaldi warf und sich nur zögernd entfernte. Die Herren waren noch beim Kaffeetrinken, als Hauptmann David sich melden ließ mit einem Rapport des Obersten Sacchi, der noch das Vascello kommandierte, ein Anfall der Franzosen sei glücklich abgeschlagen mit geringem Verlust der Seinigen; als sehr lästig mache sich bemerkbar, daß der Weg zwischen dem Vascello und dem Tore, der stark von den feindlichen Kugeln bestrichen werde, keine Deckung habe. Dafür wäre bereits gesorgt, sagte Garibaldi, ein Ingenieur wäre beauftragt, zum Schutze des Verkehrs einen bedeckten Weg herzustellen; übrigens äußerte er seine Zufriedenheit und fügte hinzu: »Ich erwartete etwas Schlimmes, als ich Euch sah, Hauptmann, denn Ihr macht ein Gesicht, als überbrächtet Ihr eine Unglücksnachricht.« – »Es ist noch das von gestern,« antwortete David erklärend und verzog es langsam und sorgfältig, bis er einen Ausdruck wehmütiger Heiterkeit hervorgebracht hatte. Garibaldi und Mazzini lachten, der letztere herzlich bis zu Tränen. »Es ist wundervoll, inne zu werden,« sagte er, als er sich wieder gesammelt hatte, »daß das Irdische, auch die ernsteste Trübsal, die wie schwere Berge vor uns liegt, ein Stoff ist, den die Strahlen des menschlichen Geistes vollkommen durchdringen können, so daß sie plötzlich verschwindet und die Aussicht in das Freie wieder 228 da ist.« Dann ersuchte Garibaldi den Hauptmann, Sacchi mitzuteilen, daß er in der Frühe des folgenden Tages durch Medici würde abgelöst werden, um selbst den Befehl der Legion und der Studenten, welche den rechten Flügel ausmachten, zu übernehmen, ferner sich über den Zustand einer Wasserleitung zu erkundigen und ihm zu berichten, welche unterhalb des Vascello führen und wennmöglich als Mine benutzt werden sollte, womit sich David entfernte.

Auf Mazzinis Wunsch führte Garibaldi ihn auf den Turm, um ihm einen Ueberblick über den Schauplatz der Kämpfe zu geben; sie sahen zu Füßen die Rosenpracht des Gartens Savorelli, die wie Wein in einer allzu vollen Schale über die Mauern schwankte, weiterhin die Burg Vascello, gegenüber den Marmorschimmer der Corsini und dahinter die dunkeln Kronen edler Bäume. Eine Schar von Soldaten war in emsiger und augenscheinlich sorgloser Tätigkeit am Bau einiger Barrikaden zwischen dem Vascello und ein paar kleiner, noch von den Römern besetzter Nebengebäude, obwohl sie den Kugeln, die fortwährend flogen, ausgesetzt war. Die Nähe des feindlichen Heeres, die er nun mit Augen sah, erschreckte Mazzini: »Ist keine Hoffnung?« fragte er flehend. – »Hoffnung muß sein,« erwiderte Garibaldi, »mehr ist nicht zu sagen.« Sie sahen wieder schweigend hinunter, wo eilige Bewegung war: Soldaten trugen Körbe mit Schießvorräten in die Häuser, und von Lastwagen, die am Tore hielten, wurden Fässer mit Wasser abgeladen und hierhin und dorthin geschafft. Plötzlich richtete sich Mazzini gerade auf und sagte mit vollem Blick auf Garibaldi: »Du weißt, weshalb ich gekommen bin. Ich bitte dich, verzichte auf eine Macht, die du erzwingen müßtest. Daß du es könntest, daran zweifle ich nicht, aber glaube mir, es würde das Ende der Republik und der Freiheit sein. Rom würde sich selbst 229 zerfleischen, und die Feinde könnten unter Hohn die Selbstmörderin begraben; das würde dein Werk sein.« Garibaldi entgegnete: »Oder das deine, da du mir vorenthältst, was ich brauche, um zu siegen. Denkt ihr, ich sei ein Bonaparte? Was fürchtet ihr von mir? Will ich Herrschaft, um die Republik zu zerstören? Ich will sie schützen!« – »Das meinst du,« rief Mazzini, indem er die Augen mit flammender Beschwörung auf Garibaldi richtete; »die Soldaten, die dich kennen, beten dich an, aber die vielen, die du nicht kennst, mißtrauen dir. Und die dich lieben, wie ich, wissen, daß du wie ein Sturm bist, der hoch dahinbläst, den Menschen unerreichbar und unzugänglich, ein Element, das mit übermenschlicher Arbeit dient, um sich auf einmal zu entfesseln und zu zerstören, was es bauen half. Ja, so bist du, und glaubtest du es selbst nicht, und glaubte es keiner.« Ferner, sagte er, Garibaldi werde kaum wissen, was für Leute seine Diktatur forderten oder begünstigten: aufgeregte Schreier, romantische Bummler und Komödianten, denen das neue Regiment zu methodisch wäre, vor allem Sklaven, die es wieder nach der Peitsche gelüste; er sprach ihm von Zambianchi, von dessen verbrecherischen Taten er, Garibaldi, gewiß nichts ahne, der sich aber mit seinem Namen decke, um sich hundertfach verdienter Strafe zu entziehen. Er sprach leise, aber leidenschaftlich, während Garibaldi unerschüttert blieb. »Das Kind zerreißt den Leib seiner Mutter, wenn es ans Licht kommt,« sagte er abweisend. »Wir sind nicht wie Gott, daß wir Italien machen könnten, indem wir sagen: es werde Licht. Uns kostet es Blut, edles und unedles.« Dem entgegnete Mazzini mit Hoheit: »Wir haben auf unsre Fahne geschrieben ›Gott und das Volk‹, und Gott ist Geist, nicht Fleisch und Blut. Woher schöpfen wir das Recht, Tausende zu opfern, alten Besitz und 230 Anspruch zu stürzen und, wenn wir nicht besser sind, als unsre Gegner waren, gerechtere und glücklichere Reiche gründen?« Ueber Garibaldis schönes Gesicht flog dunkles Feuer: »Zu meinem Hasse brauche ich kein Recht,« rief er zornig. »Erwürgen möcht' ich alle mit meinen Händen, die unser Land verachtet und erniedrigt haben, wer mir dazu nützt, ist mir gut, wer mich daran hindert, ist mir schlecht.« Hernach setzte er gelassener hinzu: »Wenn der Dorn aus dem Fleisch ist, wird der Körper von selbst gesund und schön werden.« In diesem Augenblick entstand auf dem freien Platze vor dem Tore lebhaftes Zusammenlaufen, das augenscheinlich einem Unglücksfalle galt, und es zeigte sich, daß Hauptmann David, als er vom Vascello zum Hauptquartier zurückkehren wollte, von einer Kugel in den Unterleib getroffen und sterbend zusammengebrochen war. Garibaldi ließ den Feldstecher, durch den er hinuntergesehen hatte, mit einer unwilligen Bewegung sinken und sagte: »Der Gang hätte fast fertig sein können, und noch ist nicht damit angefangen. Dem armen David kommt es nicht mehr zugute.« Er eilte hinunter an das Tor, um Anordnungen zu treffen, und Mazzini ging ihm nach in den Garten, wo er ihn auf einer halbrunden, von Lorbeergebüsch umrahmten Steinbank erwartete. Als er zurück war, sagte Mazzini: »Wir können uns nicht ganz verstehen, das weiß ich wohl. Laß mich dich dies einzige Mal daran erinnern, was ich dir war, als ich dir zuerst, in Marseille war es, von Italien und unsern großen Schicksalsplänen sprach. Damals nahmest du Rat und Weisungen von mir an. Jetzt bist du ein Mann und ein Held geworden, dennoch folge mir heute noch einmal, um jenes Andenken zu ehren, wenn du es nicht aus Ueberzeugung tun kannst. – »Italien liebe ich doch mehr als dich,« sagte Garibaldi mit grollender Stimme. Sie saßen sich schweigend 231 gegenüber, während der Wind, der sich in kleinen Stößen regte, die harten Lorbeerblätter rascheln machte. Der Himmel war über und über grau geworden, die Sonne verschwunden, und in Augenblicken, wo die Luft stillstand, schien es, als ob das einförmige Gewölbe sich langsam tiefer herabsenkte.

Mazzini bedeckte die Augen mit der Hand und sagte schmerzlich: »Sollen wir, von denen Italien Hilfe erwartet, die unsre Feinde schadenfroh belauern, Gegner werden und uns bekämpfen?« Indessen sah Garibaldi mit mächtigem Blick geradeaus und mochte die Klage überhört haben, denn er gab keine Antwort. Nach einer Weile wendete er sich Mazzini zu und sagte ruhig: »Die Bewegung dieses Morgens ist schon beigelegt und wird sich, soviel an mir liegt, nicht erneuern. Ich will Rom nicht gegen Roms Willen erretten. Die Republik hat nichts von mir zu fürchten, und wir brauchen keine Worte mehr über diese Sache zu wechseln.« Mazzini reichte ihm in großer Bewegung die Hand, in die Garibaldi kalt und ohne Druck die seine legte; damit trennten sie sich.

Garibaldi ließ Manara rufen und sagte zu ihm: »Wir müssen uns auf eine lange Belagerung einrichten. An Euch habe ich die Bitte, daß Ihr als Haupt meines Stabes, der durch die Verluste des gestrigen Tages aufgelöst ist, in meiner Nähe bleibt. Euer Regiment ist durch Euch mit so gutem Geiste erfüllt, daß auch ein andrer und geringerer, als Ihr seid, es führen kann.« Manara errötete heftig, erschrocken über die Aussicht, als junger Mann älteren Offizieren im Stabe vorangestellt zu werden, und unfähig, sich in eine Trennung von seinem Regiment hineinzudenken. »Ihr bringt mir ein Opfer, Manara,« fuhr Garibaldi fort, »aber ich hätte es nicht gefordert, wenn ich nicht glaubte, daß es der Sache, der wir dienen, zugute käme. Wenn Selbstsucht dabei ist, 232 kommt sie aus dem Herzen, und mit dem Herzen müßt Ihr sie entschuldigen. Wollt Ihr jedoch nicht, soll alles bleiben, wie es ist, und dies Gespräch vergessen sein.« Manara war ergriffen: »Ich will nichts, als mich der Ehre würdig machen, die Ihr mir antut,« sagte er. Jetzt fiel der erste Blitz in einem langen, zackigen Sprunge, und ein schwerer Donner folgte, aber es regnete nicht. Garibaldi stieg zu Pferde, um Vorkehrungsmaßregeln zu treffen und die Soldaten zur Aufmerksamkeit zu ermuntern, denn er hielt für möglich, daß die Franzosen doch die einbrechende Dunkelheit und das Unwetter zu einem Sturm auf die Stadt benutzen würden.

*

Nino Bixio und Goffredo Mameli waren so schwer verwundet, daß sie nicht wieder in das Heer eintreten konnten, der Genfer Rozzat dagegen erschien schon nach einigen Tagen, wenn auch nicht ganz geheilt, wieder im Lager. Er sei, sagte er, unglücklicherweise in ein Klosterspital geraten, wo die Pflege in den Händen von Mönchen liege, und da er auf Befragen gesagt habe, daß er Protestant sei, hätten sie beschlossen, ihn zu bekehren, was er sich anfangs wohl hätte gefallen lassen in der Meinung, es komme auf ein ehrliches Disputieren über Glaubenssätze an, worin er leidlich beschlagen sei und sich den Gegnern standzuhalten getraut hätte. Indes hätten es die Mönche nicht so gemeint, sondern hielten alles für ausgemacht und jeden für störrisch, der es nicht glauben wollte, weswegen sie ihm denn unter dem Vorwande, daß er doch sterben müsse und sie nur noch schnell vor dem Ende seine Seele in Sicherheit bringen wollten, Pflege und Speise mehr und mehr entzogen hätten. Bei dieser Behandlung hätte er durch Durst und Wundfieber außerordentlich gelitten und schließlich eine Gelegenheit benutzt, um zu entwischen, und er bedauerte 233 nur, die Genugtuung der Mönche nicht mit ansehen zu können, die ohne Zweifel glaubten, der Teufel sei mit ihm zur Hölle gefahren.

Manara freute sich zwar, den Freund wiederzusehen, riet ihm aber doch, in einem andern Spitale zu bleiben, bis die Wunde völlig geheilt sei, aber Rozzat weigerte sich durchaus und erklärte mit verlegenem Lachen, er sei verliebt, und nächst dem, daß er wünschte, bei jedem Kampfe mit dabei zu sein, hielte ihn die Liebe unter den Mauern fest. Die er liebte, war Antonietta Colomba, die mit ihrem Manne in Garibaldis Legion eingetreten war und den Feldzug gegen Neapel mitgemacht hatte. Er hätte nicht geglaubt, sagte Manara, daß der treue Schweizer sich als ein frecher Weltmensch enthüllen könnte, der den Kameraden die Frau abspenstig macht. Rozzat erwiderte niedergeschlagen, es habe keine Gefahr, er werde so wenig bei dieser Glück haben wie bei andern. Wahrscheinlich sei er ihr gleichgültig, aber ob es Zufall oder Berechnung oder unbefangene Güte sei, was sich so lieblich offenbare, es falle aus ihren Augen ein warmer Schein auf ihn, in dem er sich sonnen wolle und müsse. Uebrigens fiele es auch andern auf, daß die schöne junge Frau zwar meist in der Nähe ihres Mannes gesehen würde, aber wenig mit ihm rede, keinen Blick mit ihm wechsle, noch sonst je eine Zärtlichkeit austausche, so daß es den Anschein habe, als sei er ihr gleichgültig. Ob sie einen andern liebe? Ob sie überhaupt nicht lieben könne?

Da die Colomba unter denen war, die freiwillig an der Verstärkung der Schanzen arbeiteten, veranlaßte er Manara, ihn dorthin (es war nach dem Aventin zu) zu begleiten. Eben war eine Kanone gerichtet worden, die das feindliche Feuer beantworten und die Belagerungsarbeiten stören sollte, und Manara, den die Soldaten lebhaft begrüßten, sprang vom Pferde 234 und bat die Artilleristen um die Erlaubnis, den ersten Schuß tun zu dürfen. Er hatte edelgeformte, sehr gepflegte, ein wenig fleischige Hände; die Umstehenden sahen sie mit Bewunderung und Vergnügen in eleganter Bewegung an dem Geschütz hantieren. Lauter Beifall begleitete das Losgehen des Schusses, und alles blickte gespannt nach der gegnerischen Seite, wo Staub aufflog und eine gewisse Unruhe entstanden zu sein schien. Manara erkundigte sich nach diesem und jenem und ritt weiter, allein Rozzat blieb zurück, weil er, um nur einmal wieder die Flinte zu gebrauchen, wie er sagte, den Feind mit ein paar guten Schüssen necken wollte; es waren nämlich die Stellungen einander so nahe, daß man diejenigen, die sich an ungedeckten Plätzen zeigten, erkennen und auf sie zielen konnte. Zunächst indessen begrüßte er die Colomba und weidete seine Augen an ihrer kräftig bewegten Schönheit. Sie nickte ihm treuherzig zu, erkundigte sich nach dem Zustand seiner Wunde und ließ sich gern hilfreiche Hand von ihm bei der Arbeit leisten, ohne daß die Liebe, die wie eine Flamme aus seinem Herzen schlug, sie erhitzte; sie spielte munter und kühl wie ein Salamander in der Glut, mit der er sie umgab, obwohl auf ihren Wangen der Widerschein eines Feuers zu liegen schien.

Es diente außer der Colomba noch eine Frau in der Legion, Costanza Mencaro, ein Mädchen von siebzehn Jahren, bekannter unter dem Namen Spronella, auf deutsch Rittersporn, den sie trug, weil sie eine trotzige Art und etwas Unnahbares hatte und deswegen schon als Kind mit der gerüsteten Blume verglichen worden war. Sie hatte bräunliche Hautfarbe und schwarzbraunes Haar, das bis an ihre Knie reichte, wenn sie es hängen ließ; sie trug es aber an den Schläfen heruntergekämmt und auf dem Scheitel zu einem breiten Flechtennest übereinander gekrönt. 235 Ferner hatte sie feine schwarze Brauen über schmalen langbewimperten Augen, eine feine schlanke Nase und einen sehr roten Mund, der nicht leicht lächelte und sehr wenig sprach; ihre Gestalt war mittelgroß und hatte noch die Magerkeit der Jugend, während die Colomba hochgewachsen und dabei von vollendeter, ebenmäßiger Schönheit in allen Gliedern war. Beide trugen scharlachrote Jacken, und Spronella ein ebensolches Barett auf dem Kopfe. Die Kameraden waren anfangs verliebt in sie, da sie aber keinem die geringste Annäherung noch irgend Scherz mit ihr zu treiben gestattete, sagten sie sich, sie sei noch ein Kind, und ließen sie wohlwollend in Ruhe. Nur Lorenzo Brunetti, der zum erstenmal liebte, konnte sie nicht vergessen; aber da er sofort bemerkte, daß seine Leidenschaft sie erschreckte, und es ihm, abgesehen davon, auch unziemlich erschien, einem eigennützigen Verlangen nachzugeben, solange um Italiens Tod oder Leben gestritten wurde, mied er gewaltsam ihre Nähe und folgte ihr nur von ferne mit anbetenden Augen.

Das aufgeputzte Mädchen, das die Marketenderin spielte und die bunte Lina genannt wurde, brachte Wein zur Erfrischung, wobei Blicke und Flüsterworte getauscht wurden. Trotz der Hitze, der harten Arbeit und der gefährlichen Lage herrschte fröhliche Stimmung. Es gab mehrere Spaßmacher, um die herum immer Gelächter war: der Herzog von Aquileja und ein Gastwirtssohn aus Padova, mit Namen Margutti, ein junger Mann mit melancholischen Augen und aufgeworfener Nase, den seine schwerfälligen Bewegungen und sein bequemes Wesen um vieles älter erscheinen ließen, als er war. Er konnte stundenlang schweigen und dann wieder ohne Ende schwatzen, wenn er einmal angefangen hatte. Es machte ihm Vergnügen, zu sagen, daß die Oesterreicher durchaus nicht so schlimm seien, wie man das Volk glauben machen 236 wolle, daß sie im Gegenteil die Italiener an Freigebigkeit, Bildung und allgemeiner Lebenskunst weit überträfen. Besonders lobte er die österreichische Küche und erklärte aus ihr die Oberherrschaft dieser Nation über Italien als unausbleiblich und im göttlichen Erziehungsplane liegend, da die Italiener nicht eher aus Schmarotzern und Spitzbuben zu Menschen werden würden, bis Polenta, Knoblauch und Salami der schmackhaften und gesitteten Mehlspeise gewichen seien. Der entrüstete Widerspruch, den er stets erregte, pflegte seine Einfälle zu steigern und im Flusse zu halten.

Ein ebenso beliebter Gesellschafter war ferner Spavone, ein Tunichtgut, der nicht aus Begeisterung für die Freiheit Italiens, sondern um drohender Gefängnisstrafe und zürnenden Eltern zu entgehen, Sold von Garibaldi genommen hatte. Er war immer reichlich mit Leckerbissen versehen, die ihm, wie er verbreitete, von verliebten Frauen zugesteckt würden und von denen er seinen Kameraden großmütig mitteilte; dazu war er ein Witzbold und Erzähler drolliger Geschichten, aber sein hauptsächlichstes Talent war, Leichenreden zu halten, und er widmete eine solche zu ausnehmender Belustigung der Zuhörer jedem irgendwie namhaften oder bekannten Gefallenen.

Auch Rozzat war guter Dinge, obwohl ihm seine Wunde nicht geringe Schmerzen verursachte, machte der Colomba in übertriebener Weise den Hof und lachte unmäßig, wenn ihr Mann, um gesellig auf den Scherz einzugehen, den Eifersüchtigen spielte. Als eine französische Bombe in die aufgeworfenen Erdschanzen schlug, so daß Staub und Steine aufflogen, aber kein Schaden angerichtet wurde, sprang plötzlich Rozzat mit einem starken Anlauf von einer Erhöhung aus auf die Mauer und schwenkte lachend den Hut, um den Feind zu verhöhnen. Die meisten klatschten zu dem kühnen Sprunge Beifall, Colomba warnte 237 ihn, sich der Gefahr auszusetzen, und Antonietta selbst bat ihn, so waghalsige Stücke, die peinlich anzusehen wären, zu unterlassen. Trotzdem wiederholte er das Kunststück, durch Lob und Warnung mehr gereizt als zurückgehalten, wurde aber sogleich von ein paar Schüssen begrüßt, da seine Herausforderung drüben bemerkt worden war. Nun sprang er von der Mauer hinunter, nahm einem neben ihm stehenden Soldaten die geladene Flinte fort und trat an eine Lücke in der Mauer, um den Nachbarn ihre Unhöflichkeit wiederzugeben. Von denen, die ihn von der gefährdeten Stelle wegzerren wollten, machte er sich ungeduldig los, pflanzte sich breit in den Zwischenraum und war im Begriff loszudrücken, als er, von einer feindlichen Kugel ins Auge getroffen, lautlos zu Boden stürzte. Er war ohne Bewußtsein, und es schien fast wünschenswert, daß er nicht wieder zu sich käme; diejenigen, die den traurigen Fall mit angesehen hatten, standen erschrocken und starrten dem guten Kameraden nach, der wie ein Toter davongetragen wurde.

Die Träger mit der schnell zusammengerichteten Bahre waren noch in Sicht, als Spavone hervortrat und sagte, seiner Meinung nach werde Leutnant Rozzat nicht wieder aufkommen, er wolle ihm jetzt gleich eine Leichenrede halten, demnächst würden wieder andre fallen, und sie hätten vielleicht keine Zeit, nochmals auf ihn zurückzukommen. »So bist du denn, Bartolommeo Rozzat,« begann er, »hinübergeturnt vom Schwungbrett des Todes in das berühmte Jenseits. Deine Tugenden, ehrlicher Schweizer, haben dich dem Himmel empfohlen, eine Stelle als Hausknecht wird dein Streben belohnen. Du warest bescheiden, keusch, flink, anspruchslos, fleißig, redlich und gehorsam, fröne nun unter den Engeln unbeschränkt diesen Trieben. ›Bartolommeo,‹ wird es heißen, ›putze mir die goldenen Sohlen; Bartolommeo, stäube mir 238 die Flügel aus; Bartolommeo, es pochen ein paar an die Pforte, wirf sie hinaus oder laß sie herein; Bartolommeo, trage der heiligen Katharina das Lämpchen voran, sie will ihren Seelenbräutigam, den heiligen Franziskus, besuchen; Bartolommeo, rüste dem König Salomo das Bad und stimme seine Harfe, er will vor Sulamith singen; da kannst du dich nach Herzenslust tummeln.‹« Es bildete sich eine Zuhörerschaft um den Redner, die jede Anspielung und jede Frechheit mit Gelächter begrüßte und unermüdlich Fortsetzung des Unsinns verlangte.

Das Feuer war jetzt auf beiden Seiten eingestellt, es wurde gekocht und gegessen, und die Lust nahm zu. Einer hatte eine Mandoline und spielte bekannte Lieder, die andre im Chore dazu sangen. Die bunte Lina, die anfangs langsam und zimperlich, bald aber ohne Maß von dem Weine trank, den sie kredenzte, schmiegte sich in gefühlvollem Rausch an die Männer, die nicht ohne Spott auf ihr schmachtendes Wesen eingingen. Spronella und Morosini, die gerade nebeneinander standen, sahen sich entrüstet und erschrocken an, wendeten den Ausgelassenen den Rücken und zogen sich in die Vorhalle einer kleinen alten Kirche zurück, wo ein altrömischer Sarkophag stand, auf den sie sich setzten. An der Wand lehnte ein ungeheures marmornes Männerhaupt, so zertrümmert, daß man nur die starren Augen und die herrische Nase erkennen konnte, während der Mund wie durch einen Steinwurf auseinander gerissen war, daneben lag unter Rümpfen und Gliedmaßen verschiedener Bildwerke ein runder Kinderarm mit einem schattigen Grübchen im Ellbogen. Das Mädchen und der Jüngling verzehrten ihr Brot, und zwischendurch erzählte sie ihm, daß ihre Eltern eine Bude am Petersplatze hätten, wo sie Rosenkränze, Heiligenbilder und kirchliches Gerät verkauften, daß sie fast nichts gelernt hätte als beten, 239 daß sie mehrere Male im Tage zur Kirche hätte gehen müssen, daß sie lange die schwarze Figur des Petrus für den lieben Gott gehalten hätte und daß sie gewohnt gewesen wäre, jeden Mann im Priesterkleide als einen Heiligen anzusehen. Ferner, daß ihre Eltern sie angewiesen hätten, die Republikaner zu hassen, und allabendlich mit ihr zu Gott gefleht hätten, er möge die Stadt vor Garibaldi schützen und diesem womöglich das Ende eines tollen Hundes oder eines Ketzers bereiten. Als dann Garibaldi nach Rom gekommen wäre und seine Truppen auf dem Petersplatze hätte paradieren lassen, hätten ihre Eltern den Kramladen geschlossen und die Fenster vermacht; aber sie hätte aus Neugierde, um den Antichrist zu sehen, durch eine Ritze gelugt. Vom ersten Augenblick an, wo sie seiner ansichtig geworden sei, wäre das frühere Leben von ihr abgefallen; verzaubert hätte sie gestanden und geschaut, bis der Platz leer gewesen und die Sonne untergegangen sei. Seit dem Tage hätte sie mit ihren Eltern nicht mehr reden und die alte Weise nicht mehr finden können, und als der große Krieg begonnen hätte, sei sie von zu Hause fortgelaufen zu den Mauern und habe gebeten, mitkämpfen oder irgendwie helfen zu dürfen; Garibaldi, vor den sie geführt worden sei, habe entschieden, sie scheine ein tapferes Mädchen zu sein, man solle sie gewähren lassen. Sie fragte Morosini, ob es große Sünde sei, seine Eltern zu verlassen und so gegen ihren Willen zu leben, wie sie es täte, und er antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, er glaube allerdings, es sei Sünde, aber er begriffe, daß sie so gehandelt hätte. Dann erzählte er, auch er habe einen Freund, der es ihm verarge, daß er sich ganz Garibaldi gelobt habe, und vielleicht würde seine Mutter traurig sein, wenn sie wüßte, daß Garibaldis Namen ihm heilig geworden sei wie früher der Gottes; er könne aber nicht anders und 240 sei entschlossen, bei Garibaldi zu bleiben, möge es enden wie es wolle. Sie beratschlagten miteinander, welches der Ausgang des Krieges sein könnte und wohin sie ziehen würden, wenn die Franzosen besiegt wären, und sie hörte staunend zu, als er ihr von Mailand und Venedig und dem einen großen Italien erzählte, das zu machen viele edle Männer ihr Blut vergossen hätten. Ihnen gegenüber, auf grünlich-grauem Grunde, schwebte als ein zartes Bildchen die Kuppel Sankt Peters, unter deren Macht Spronellas Kinderseele traumlos tief geschlafen hatte, und hoch darüber stand im Bogen rotes Gewölk wie eine leichte Rosengirlande aus überirdischen Rosen; die beiden Kinder überlief ein Schauer, wie die geheimnisvolle Erscheinung an ihnen vorüberging.

Ungesehen von beiden lag Lorenzo Brunetti im hohen Grase, die Hände geballt und Gras und Erde zwischen den Zähnen zermalmend, als müsse er eine hungrige Bestie, die in ihm sei, mit vorgespiegeltem Futter hinhalten; er war nicht eifersüchtig, da er die arglose Reinheit der Freundschaft von Morosini und Spronella wohl erkannte, vielmehr schämte er sich seiner wilden Sinne und rang mit ihnen, bis er sich wenigstens äußerliche Ruhe erkämpft hatte.

Bei den Schanzen tauchte jetzt der braune Leib des Mohren Aghiar auf, und die Zechenden, die ihn kommen sahen, tranken ihm zu, winkten ihm und boten ihm Wein an. Er leerte ein Glas, lächelte stolz über die Scherzreden, die man ihm machte, ging mit langen Schritten auf die bunte Lina zu, die vor Angst und Lust zitterte, packte sie um den Leib, lud sie auf seine Schulter und ging, ohne sich um ihr Geschrei und das Toben und Lachen der Soldaten zu kümmern, gemessenen Ganges mit ihr davon gegen den Tiber hinunter. 241

*

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.