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Die Verteidigung Roms

Ricarda Huch: Die Verteidigung Roms - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verteidigung Roms
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1906
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Verteidigung Roms
pages375
created20171207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An dem Tage, als die große Kanonade begann, lag Manara krank in einem Gasthofe der Stadt; erst am Nachmittage konnte er wieder aufstehen und ritt sofort ins Lager. Bei der Villa Spada begegnete ihm Hofstetter und erzählte ihm, verstört und heimlich, daß Garibaldi mit der italienischen Legion das Lager verlassen habe. Er habe ihm und andern Herren am Vormittage befohlen, die Legion allmählich aus dem Kampfe zu ziehen, da sie ausruhen müsse, er sei darüber erstaunt gewesen, habe aber stillschweigend gehorcht. Da er während der Schlacht verschiedene Aufträge zu seiner Zufriedenheit habe ausführen können, habe der General ihm eine Flasche feinsten Weines zur Stärkung überbringen, aber nichts dazu sagen lassen. Als er dann, kurz nach Mittag, 299 um dem General einen Vorschlag zu machen, in das Hauptquartier gekommen sei, habe er dort den Obergeneral Roselli mit mehreren ihm unbekannten Herren gefunden, die ihn freundlich begrüßt hätten. Es sei ihm mitgeteilt worden, daß Roselli bis auf weiteres die Stelle Garibaldis einnehmen werde, der sich mit seinem Stabe in die Stadt begeben habe. Da er ihm nachgewollt habe als einer, der auch zum Stabe gehöre, habe Roselli ihn ersucht, dazubleiben und ihm verschiedenes zu erklären und zu berichten, was er denn getan habe. Wo Roselli sei? fragte Manara. Hofstetter antwortete, er sitze in seinem Zimmer der Villa Spada, studiere Pläne und höre Rapporte an.

Während dieses Gespräches standen die beiden Männer zwischen zwei Gewächshäusern, durch die ein schmaler Weg zur Villa führte und aus denen starke Gerüche von Tuberosen und Datura strömten. Manara, der noch angegriffen war, suchte sich das befremdende Ereignis zurechtzulegen, als plötzlich vor seinen und Hofstetters Füßen eine Bombe auf den Boden schlug und krepierte; keiner von beiden dachte daran, sich zur Erde zu werfen, doch wurden sie nicht verletzt, nur verdunkelte ihnen ein häßliches Gefühl von Schwindel und Ohnmacht die Sinne, und sie brauchten eine Weile, um sich zu sammeln. Manara beschloß, sofort in die Stadt zu eilen und Garibaldi aufzusuchen; er überlegte sich, daß der General ihm nur deshalb keinen Befehl und keine Mitteilung habe zukommen lassen, weil er den Kranken nicht beunruhigen wollte. In diesem Augenblick kamen Rosagutti, Morosini und Mangiagalli in großer Erregung: es sei unter den Truppen bekannt geworden, daß Garibaldi fort und durch Roselli ersetzt sei; sie fingen an, sich unzufrieden zu zeigen, ja sogar ihre Stellungen zu verlassen. Ein schnelles Zornrot flog über Manaras Gesicht, und er eilte voraus, um die Soldaten zur Ordnung zu weisen; 300 unterwegs traf er auch eine Abteilung Bersaglieri, die ins Hauptquartier wollten, um sich zu erkundigen, ob es sich wirklich so verhalte, daß Garibaldi das Lager verlassen und den Oberbefehl niedergelegt habe. Ihr Anführer war Chiassi, Manaras Altersgenosse, ein junger Mann von Bildung, Mut und Charakter. Manara herrschte ihn an: »Du! Du lässest dich zu solchen Unbotmäßigkeiten verleiten, anstatt die Schwächeren in ihrer Pflicht zu stärken! Eure Aufgabe ist es, auf euerm Posten zu stehen und dort, wenn es sein muß, zu fallen, ob die andern das Ihre tun, ist nicht eure Sache. Muß ich es erleben, daß Leute von meinem Regimente ihre Plätze verlassen ohne das Signal!« Chiassi wollte erwidern, aber vor Manaras gebieterischem und zugleich traurigem Blick unterdrückte er die Worte; aus herzlicher Achtung vor dem ehemaligen Hauptmann ebenso wie aus Gehorsam und weil er fühlte, was in ihm vorging, schwieg er, und das Häufchen zog sich gesenkten Hauptes zurück.

»Was soll daraus werden?« rief Manara den Freunden zu, die ihn unterdessen eingeholt hatten; »soll der große Kampf so jämmerlich enden?« Morosini sagte kleinlaut: »Mir fehlt der Mut, die armen Leute zu tadeln, denn ich habe selbst Kraft und Freude verloren. Ich fürchte, sie lesen aus meinen Mienen, daß ich keine Hoffnung mehr habe.« – »Wir sind von Gott verlassen, das Ende ist da,« sagte Mangiagalli. – »Das ist es, wenn wir uns so schmählich gehen lassen,« sagte Manara unwillig; es werde sich noch alles klären, fuhr er fort, er halte nicht für möglich, daß Garibaldi seine Kampfgenossen verlasse; aber selbst wenn er nicht zurückkäme: sollte es von ihnen heißen, daß sie wie Puppen wären, die leblos umfielen, wenn die Hand des Herrn den Draht nicht bewegte? An ihnen wäre es, die Truppen zu ermuntern und zu vertrösten, dafür zu sorgen, daß der Feind einen tapferen und 301 geordneten Widerstand fände, wenn es zum letzten Sturme käme.

Nach einer Stunde trafen sich Manara und Hofstetter bei der Villa Spada und gingen, da der Feind die Beschießung eingestellt hatte, zum Nachtessen in die Stadt. In der Nähe des Blumenmarktes stießen sie auf das Leichenbegängnis der Colomba Antonietti; ihr Sarg war mit Kränzen aus weißen Rosen und der dreifarbigen Schärpe zugedeckt. Es folgte ein großes Trauergeleite, das die Straße verengte, die beiden Offiziere traten zurück und ließen den Zug an sich vorübergehen. Als sie ihren Weg wieder fortsetzen konnten, sagte Manara: »Ich habe es nie glauben können, heute fühle ich es, daß es aus ist. Vielleicht noch ein Tag, noch zwei Tage, dann herrscht hier der Feind, und wir wandern aus. Wohin? Ich zog freudlos ein in Rom und kann es nun nicht lassen.« – »Ja, durch diese lieben Straßen werden Pfaffen und Franzosen gehen,« entgegnete Hofstetter, »unser Name wird nicht mehr genannt werden dürfen. Auch wir werden uns trennen müssen und vielleicht nie mehr begegnen.« Manara schwieg. Sie wurden vom Volke begrüßt, aber es schien ihnen, als wäre in dem Zuruf kein Schwung und keine Freudigkeit wie sonst; häufig drängten sich Männer und Frauen an sie und fragten angstvoll, ob keine Hoffnung mehr für Rom sei, worauf sie tröstlich antworteten. Im Saale des Babuino, wo viele Garibaldiner zu speisen pflegten, war es fast leer, Hofstetter und Manara aßen eilig und begaben sich sofort zu den Mauern zurück.

Am Brunnen Pauls V., wo das sprudelnde und stiebende Wasser Kühle verbreitete, lagerte ein Häufchen Soldaten um Spavone, der dem verstorbenen Papageien die Leichenrede hielt. Das arme Tier war am Vormittage nicht einem feindlichen Geschoß, wie wohl 302 zu befürchten gewesen wäre, sondern der beständigen Ueberfütterung erlegen, ohne daß an dem stürmischen Tage Notiz davon hatte genommen werden können. »Beppo ist hin!« rief er, »unsern Gewaltigsten haben wir verloren! Kein Eisen zerriß seine Brust, heil blieb er im Hagel von Kugeln und Kartätschen, nur durch sich selbst konnte er sterben: Sein Herz war groß wie die Welt, mußte sein Magen so klein sein! O Liebling des Heeres! O Wunder zweier Welten! Scharlachbeschwingter, federnumwallter, leuchtender Held! Dein Kriegsschrei, den du laut vor uns her krähtest: ›Verflucht sei Pius IX.!‹ ist nun verstummt; wir wissen, was das bedeutet. Eine Weile noch wird es stumm bleiben, dann wird es schallen: ›Es lebe Pius IX.!‹ als ob du niemals gelebt und geflucht hättest mit deiner schnarrenden Stimme.«

Als er fertig war und die Kameraden noch eine Rede verlangten, schüttelte Spavone den Kopf und sagte, das Sterben würde jetzt zu gemein, für ihn wäre es Zeit, sich aus dem Staube zu machen und eine andre Gegend aufzusuchen, wo noch mehr Aufhebens von jedem einzelnen Todesfalle gemacht werden könne. Hier könne einen zuguterletzt noch selbst ein nicht wieder gutzumachendes Uebel treffen. Die andern hielten dies für Geschwätz nach seiner Art, doch nach einigen Stunden ergab es sich, daß er wirklich fehlte; wohin er entwichen war, ließ sich nicht ermitteln.

Um zehn Uhr war alles still; an allen Posten waren Wachen in doppelter Stärke verteilt, denn ein Ueberfall mußte besorgt werden. Manara und andre Offiziere wachten bei der Pino-Batterie, zu erregt, um zu schlafen, man tauschte Mutmaßungen über das Verschwinden Garibaldis aus. Auch Offiziere von Rosellis Stabe kamen dorthin, und mit ihnen waren Felice Orsini und Antonelli, ein Bruder des Kardinals, der ein fanatischer Republikaner und 303 Pfaffenfeind war und in der römischen Bürgerwehr diente. Er war seinem Bruder, den er haßte, nicht unähnlich, aber ebenso beschränkt und untüchtig, wie jener gescheit, praktisch und tätig; voll Eigensinn und Leidenschaft, hätte er lieber zehnfachen Tod erlitten, als von seinem Bruder, der ihn gern zu sich herangezogen hätte, eine Begünstigung anzunehmen. Orsini war am Tage vorher aus Ancona, wo er die Republik mit unbeugsamer Gerechtigkeit vertreten hatte und das sich nun Oesterreich hatte ergeben müssen, wieder in Rom eingetroffen, nachdem er sich den feindlichen Heeren, die den Weg sperrten, mit staunenswerter Kühnheit entzogen hatte. Er beklagte, daß er sich von Mazzini habe überreden lassen, die Feinde der Republik zu schützen, die ihre Sicherheit nur dazu benutzt hätten, das Vaterland dem Feinde zu verraten, und jetzt, nach dem Falle Roms, die Gerechtigkeit, die sie erfahren hätten, nicht ebenso, sondern mit schadenfroher Rache vergelten würden. Antonelli sprach die Hoffnung aus, daß sich eine Hand finden würde, Oudinot, den niederträchtigen Pfaffengeneral, wenn er in Rom einzöge, zur Hölle zu senden; aber Orsini sagte wegwerfend: »Wozu? Er ist nur ein Werkzeug. Wir haben es mit einem andern. Ueber dessen Genick steht das kalte Messer, wenn es neunundneunzigmal fehlt, das hundertstemal wird es treffen.« Hofstetter fragte neugierig, ob es wahr sei, daß Napoleon in früheren Jahren Karbonaro gewesen sei, und ob ernstlich zu glauben sei, daß in seiner jetzigen hohen Stellung die ehemaligen Eidesbrüder sich an ihn wagen würden. Orsini streifte den Deutschen mit einem hochmütigen Blick und sagte: »Sein Schatten steht nicht so unvermeidlich hinter ihm wie der Rächer.« Die Schönheit des Mannes, der einem römischen Edeln aus der blühendsten Zeit des Weltreiches glich, nahm sich unter dem Ausdruck eines 304 durch Selbstbewußtsein und Verachtung gemäßigten Hasses prächtig aus; er hatte eine gute, gewählte und schönklingende Sprache und hielt sich mit Würde wie einer, der eine faltige Toga um sich zu schlingen gewöhnt ist. Hofstetter betrachtete ihn nicht ohne Bewunderung; Manara und die übrigen Lombarden wußten nichts mit ihm anzufangen und hielten sich von ihm zurück.

Die Römer gingen nach einer Weile fort, die Garibaldiner hingegen konnten sich trotz ihrer Müdigkeit nicht entschließen, ins Quartier zu gehen. Zuweilen nickten sie ein, um bei irgendeinem leichten Geräusch wieder in die Höhe zu fahren. Drüben über Rom wetterleuchtete es; es war anzusehen, als ob ein rotes Schwert aus dunkler Scheide zückte. Auf Sekunden schnellten die Dächer und Türme der geliebten Stadt aus der Nacht und versanken wieder; den jungen Männern wurde es so zumute, als wären sie schon längst wer weiß wo in fremden Ländern, und die großen Tage auf den heiligen Hügeln blitzten nur zuweilen, das Herz zerreißend, aus der Erinnerung auf.

*

Um Sonnenaufgang kam Garibaldi mit der italienischen Legion, der bewilligt worden war, künftig die rote Jacke als Uniform zu tragen, wie Garibaldi und sein Stab sie hatten, den Janiculus herauf; durch die dunkelgrünen Gärten stieg der lange Zug, blendend von Farbe, eine Feuerfahne, die Garibaldi nachschleppte. Die Einkleidung, die naturgemäß in der Stadt hatte geschehen müssen, diente dem General zugleich, um seine Abwesenheit zu erklären. Von seiner Stirn strahlte Güte und Freude. »Ich bringe frische Kräfte mit, um die müden abzulösen,« rief er Manara und Hofstetter zu, die ihm wie einem Erlöser entgegeneilten; »nachdem ich einen Tag lang mit 305 Diplomaten und Politikern zu tun hatte, sehne ich mich nach den Bomben der Feinde.« Nachdem er sich in Villa Spada kurz mit Roselli besprochen hatte und dieser mit seinem Stabe abgezogen war, untersuchte er die ganze Linie und ermunterte die Kanoniere, die nicht mehr hinter Befestigungen, sondern auf Trümmern standen, noch eine Weile auszuharren. Unterdessen hatte der Mohr hinter der Spada, wohin nur selten Geschosse trafen, ein Zelt aufgeschlagen; dorthin rief Garibaldi die Offiziere seines Stabes, die in der Nähe waren, und erklärte ihnen, daß die Verschanzung der dritten Linie, die er bereits vor einigen Tagen gezogen hatte, beschleunigt werden müßte, da sie den Sturm, der jede Stunde erwartet werden müßte, nicht lange mehr würden aushalten können. Da ihm entgegnet wurde, daß es an Arbeitern fehlte, schickte er Eilboten an verschiedene Gefängnisse ab mit dem Auftrage, daß eine Anzahl von Sträflingen zur Arbeit an den Mauern abgeordnet würde, die auch in kurzer Zeit ankamen. Garibaldi fragte sie nach der Ursache ihrer Haft, und es zeigte sich, daß die meisten von ihnen bei belanglosen Streitigkeiten zum Messer gegriffen und schwer verwundet oder gar getötet hatten. Dann setzte er ihnen den Unterschied zwischen männlichem Mute und roher Rauflust auseinander und kündigte ihnen an, daß es ihnen vergönnt wäre, ihre Schuld durch furchtlose Arbeit für das vom Feinde bedrängte Vaterland, vielleicht durch einen Tod, wie er die Ehre des freien Mannes sei, zu büßen; worauf er ihnen selbst die Beschäftigung anwies.

Die lähmende Hitze erschwerte jede Tätigkeit. Gewitter zogen sich mit mattem Donnern am Himmel zusammen und verliefen wieder. Der Feind bombardierte unausgesetzt, wenn auch ohne die Heftigkeit des vorigen Tages; aber von römischer Seite kam 306 die Antwort schwach und langsam; denn der größere Teil der Artilleristen war gefallen, und die wenigen Geschütze, die noch bedient wurden, waren aufs äußerste erhitzt und mußten ruhen. Von der Bastion auf der Mauer her rückte der Feind langsam, stetig vorwärts, so daß das Vascello fast gänzlich von der römischen Linie abgeschnitten wurde und wie ein Vorposten inmitten feindlichen Gebietes zu liegen kam; aber auf eine Botschaft Garibaldis, er möge abziehen, wenn es nötig sei, antwortete Medici, noch könne er das Vorwerk halten und bleibe.

Am Mittag stiegen hinter dem Tore Flammen und Rauch auf: Narciso Bronzetti hatte das kleine Haus an der ersten Bastion bei San Pancrazio, das er mit wenigen Truppen mehrere Tage lang verteidigt hatte, auf des Generals Befehl in Brand gesetzt, bevor er es räumen mußte. An den oberen Fenstern der Villa Spada sahen Manara, Hofstetter und Emilio Dandolo dem Brande zu; die hellblauen Flammen züngelten unruhig nach allen Seiten, indes der Rauch in jäher Linie nach oben wuchs, wie ein schlanker Baum, der von der Wurzel bis zum Wipfel leise zittert. Hofstetter beklagte, daß Bronzetti, ein Mann von nie erschlaffender Tüchtigkeit und Kühnheit, von einer so gefährdeten Stelle, nämlich der äußersten Bresche der ganzen Linie, wo der Sturm des Feindes nach aller Wahrscheinlichkeit zu erwarten war, abberufen worden sei; doch hatte Bronzetti selbst im Hinblick auf seine übermüdeten Truppen die Ablösung verlangt, und Garibaldi hatte angeordnet, daß diese Bastion künftighin jeden Abend mit frischen Truppen zu besetzen sei. Er werde Hauptmann Rosagutti von den Bersaglieri hinschicken, sagte Manara, der mit dem Vollzuge des Befehls beauftragt war; derselbe sei ebenso zuverlässig wie Bronzetti, wenn er auch dessen schwungvolle Verwegenheit nicht besitze. 307 Emilio Dandolo legte die Hand auf Manaras Arm und sagte: »Wenn du den Befehl noch nicht gegeben hast, schicke einen andern mir zuliebe. In Rosaguttis Kompagnie ist Morosini; mich tötete die Angst, wenn ich ihn diese Nacht auf einem so gefährlichen Posten wüßte.« Bevor Manara antworten konnte, sagte Hofstetter, das sei ein sonderbares Ansinnen; im Kriege gehöre der Tüchtigste an die schwierigste Stelle, es sei nicht erlaubt, weder sich noch einen andern zu schonen, besonders die Offiziere, die den gemeinen Mann der Gefahr aussetzten, müßten zeigen, daß sie selbst keine Furcht kennten. Dandolo sagte errötend: »Das sind Regeln aus dem Buche und schöne Redensarten. Es ist nicht wahr, daß einer wert ist, was der andre, und tun muß wie der andre: viele hundert können sterben, bis Emilio Morosini aufgewogen ist. Was tut es, wenn Rom fallen muß, ob die Franzosen einen Tag früher oder später einziehen? Was tut es überhaupt, ob in Rom der Papst oder Mazzini herrscht? Aber ob ein edler junger Mensch lebt oder stirbt, das ist nicht gleichgültig. Es sei doch einmal genug des entsetzlichen Schlachtens. Für wen errichten wir diese Mäler aus Gebeinen hochherziger Jünglinge?« Manara unterbrach ihn ungehalten mit den Worten: »Für die Freiheit Italiens und für die Pflicht. Du hast mehr als wir andern geopfert, darum wollen wir nicht mit dir rechten, wenn du in deinem Schmerze unbillig wirst.« Ihm sei es gleich, fuhr er fort; ob Hauptmann Rosagutti an der bedrohten Bresche stehe oder ein andrer, aber er sei ein tüchtiger Offizier, und ganz könne er ihn in dieser Zeit nicht entlasten. Es handle sich nur um diese Nacht, fiel Dandolo lebhaft ein, gerade heute habe er ein peinliches Vorgefühl, das gewiß nicht trüge. Wenn Manara dieser Empfindung Rechnung tragen wolle, werde er ihn nie wieder behelligen. Nun gut, 308 sagte Manara, diese Nacht möge immerhin Ghilardi statt Rosaguttis die Wache haben, das könne er verantworten. »Und Ghilardi?« fragte Hofstetter. »Auch der wird, denke ich, Geschwister und Freunde, Eltern, vielleicht Frau und Kinder haben.« Manara sah ihn lachend an und sagte: »Ihr seid ein schwäbischer Moralist und Pedant. Gefahr ist hier und dort; auch hier, wo wir stehen, kann uns jeden Augenblick eine Bombe zerschmettern. Dandolo warnt nun eben das Gefühl wegen Morosini; sollte es uns nicht erlaubt sein, einmal einem kindischen Quälen unsers armen Herzens nachzugeben?« Hofstetter zuckte mit den Schultern und entgegnete, nach seiner Meinung sollten die Männer den Müttern nicht nachstehen, die täglich, ohne eine Klage laut werden zu lassen, ihre Söhne opferten. »Ein träges Herz ist keine Ehre,« sagte Dandolo heftig, »und ein empfindliches keine Schande. Daß ich getan habe, was ich mußte, bezeugen meine Wunden, was ich gelitten habe, habt ihr gesehen. Mein Bruder war mein Liebstes auf Erden, nun habe ich nur noch euch beiden, Manara und Morosini. Ihr seid mir mehr wert als Rom und Italien, verarge mir, wer will, daß ich so fühle. Noch einen von euch zu verlieren, den Gedanken kann ich nicht denken.« Er war aufs äußerste gereizt, seine Wangen brannten und seine Augen standen voll Tränen. »Auch mir ist Morosini lieb, als wäre er mein eigner Sohn,« sagte Manara gerührt, »und es bleibt dabei, daß ich heute abend Ghilardi auf die Bresche schicke.« Dandolo dankte ihm mit krankhafter Innigkeit: er wolle jetzt Morosini aufsuchen, sagte er, er müsse ihn sehen und umarmen, der ihm wie neu geschenkt erscheine, nachdem er ihn verloren gehabt habe; Hofstetter sah er nicht an. Der sagte gutmütig zu Manara: »Es soll mich nicht weniger als Euch freuen, wenn dem Kinde nichts geschieht; aber Dandolos Wesen reizte 309 mich. Er glaubt, ein andrer sähe das Grün nicht so grün wie er und schmeckte das Bittere nicht so bitter.« Damit war die Sache abgetan.

In dieser Nacht schritten die Franzosen nicht zum Sturme, sondern versuchten einen Ueberfall auf das Vascello; aber die am Tore aufgestellten Wachen unter Zambianchi schlugen den Angriff blutig zurück, freilich mit großem eignen Verluste. Es fielen dabei unter andern der Präsident der Söhne der Wölfin, Matteo Barba, genannt Quiritus, und der blutdürstige Kutscher Numa Pompilius.

*

Niemand hatte anfangs die Wunde Goffredo Mamelis für bedenklich gehalten; aber während der drei Wochen, die er im Spitale lag, war er immer kränker geworden. Als Bertani kam, fand er den Zustand des jungen Genuesen besorgniserregend infolge der verkehrten Behandlung, die ihm zuteil geworden war, doch gab er die Hoffnung nicht auf, ihn retten zu können. Es kamen Augenblicke der Besserung, dann trat eine befremdende Müdigkeit und Gleichgültigkeit ein: während er anfangs fast täglich kleine Briefe an Nino Bixio geschrieben hatte, fragte er nun nicht mehr nach ihm, und ein geliebtes Mädchen, das es sich nicht hatte nehmen lassen, ihn zu pflegen, schien er nicht mehr zu bemerken. Einzig nach Bertani verlangte er häufig und behauptete, wenn er fort sei, verließen alle Kranke und Wärter den Saal und er bliebe allein und fürchtete vergessen zu werden; eine Vorstellung, die mit seinem fieberhaften Zustande zusammenhängen mochte.

Als die große Kanonade schon begonnen hatte, fand Mazzini noch Zeit, ihn zu besuchen. Bertani führte ihn zu dem Lager des unruhig Schlummernden und sagte, er halte es für kein gutes Zeichen. daß der Kranke meist in dieser Art, mehr betäubt als 310 schlafend, daliege und auch wenn er wach sei, keinerlei Anteil an seiner Umgebung verrate. Mazzini sagte beschwörend: »Wenn einer ihn retten kann, könnt Ihr es, Bertani. Er ist ein Kleinod Italiens, wir dürfen ihn nicht verlieren.« Bertani entgegnete: »Die Kunst zu heilen ist nicht so ausgebildet wie die Kunst zu zerstören. Ich habe wenig Hoffnung mehr.« Unterdessen träumte Mameli, er befinde sich in seiner Vaterstadt Genua und spiele als Knabe mit andern Knaben, was er in Wirklichkeit selten hatte tun können, da er in seinen Kinderjahren kränklich gewesen und von seiner Mutter ängstlich behütet worden war. Sie befanden sich in dem Hofe eines alten Palastes und warfen flache eiserne Taler in das offene Maul eines ehernen Löwenkopfes, der auf einer steinernen Brüstung angebracht war. Meistens fielen die Taler klappernd auf das Pflaster des Hofes, zuweilen aber auch gegen das Haupt, was einen tief donnernden Ton gab. Als die Reihe an ihn zu werfen kam, sah er statt des Löwenkopfes den Kopf einer Frau vor sich, der etwas zur Seite gewendet mit dem Schmerz einer gemarterten Seele nach oben blickte, und es handelte sich darum, hinzugehen und sie auf den Mund zu küssen, obwohl hinter der steinernen Brüstung einer versteckt war, der ihn greifen, vielleicht töten würde. Indem er klopfenden Herzens darauf zuging, bemerkte er mit Entsetzen, daß der Kopf lebte und aus einem blauroten Feuer starrte; auf einmal fing er an zu singen mit einer Stimme, wie wenn Metall auf Metall schlägt, die weithin dröhnte und seinen Schritt wider Willen fesselte. Dann auf einmal war die Stimme keine menschliche Stimme mehr, sondern ein Wasser, das tönend aus einem Brunnen rauschte.

Als er aufwachte, sah er Mazzini neben sich sitzen, der sich nun bemühte, seine Aufmerksamkeit zu erregen; aber Mameli vermochte seine Teilnahmlosigkeit nicht 311 zu überwinden und versank, ehe er sich's versah, wieder in seine Träume. Mazzini war noch da, als ein junger Offizier in den Saal geführt wurde, ein Adjutant Garibaldis, der den Auftrag hatte, dem Verwundeten das Dekret seiner Ernennung zum Stabshauptmann zu überbringen. Garibaldi hatte ihn schon im Beginn des Feldzuges befördern wollen, allein Mameli hatte ihn dringend gebeten, davon abzusehen, weil es ihm schien, als sei er noch zu jung und habe zu wenig geleistet, wie er überhaupt immer besorgte, Mazzini und Garibaldi ließen ihm aus persönlichem Wohlwollen und seiner Gedichte wegen mehr Ehre zuteil werden, als er nach bloßer Gerechtigkeit verdiente. Als der Adjutant ihn in militärischer Weise begrüßte und ihm das Dekret vorlas, richtete er sich unwillkürlich auf, so gut er konnte, und brachte in geziemender Weise seinen Dank für die Auszeichnung vor. Dann, nachdem der Offizier fortgegangen war, betrachtete er lange Garibaldis Namenszug auf dem Briefe und pries die Güte des Generals, der an diesen Tagen, wo die Erde unter seinen Füßen zitterte, sich seiner erinnere. Sein Gesicht leuchtete, er wurde gesprächig und erzählte Mazzini und Bertani von seinem Zusammenleben mit Garibaldi und viele kleine Züge, die er an ihm beobachtet hatte, namentlich wie Garibaldi einmal, nach einem Gefecht mit päpstlichen Söldnern an der Grenze des Neapolitanischen, unter einem Feigenbaum ausruhend, zu ihm gesagt habe: »Der Krieg ist ein Fluch Gottes, über die Menschen gekommen als eine Folge ihrer Sünde und Unnatur; einst, wenn Italien frei ist, wollen wir unser Schwert in die Erde vergraben, ein Stück Land am Meere kaufen und es bebauen und abends am Strande sitzen und die Schiffe kommen und gehen sehen.«

Von diesem Tage an waren ihm die Erinnerungen des großen Aufschwungs, den er miterlebt hatte, wieder 312 erwacht und erfüllten seine letzten Delirien; daß er ein Krüppel geworden war, schien er vergessen zu haben. Während schon die Franzosen die Stadt besetzten, dichtete er an seinem Siegesliede und schwärmte mit unzusammenhängenden Worten, die wie Fetzen einer blutroten Fahne im Sturme durcheinander flatterten, in den Tod. Bertani versteckte seinen Sarg vor der Wut der Reaktion in der kleinen Kirche zu den heiligen Wundmalen, deren Klerus sich bereit finden ließ, das Geheimnis zu bewahren, und trug Sorge, ihn mit Zeichen zu versehen, an denen er ihn in ruhigeren Zeiten wiedererkennen und beglaubigen könnte.

*

Mit der Frühe des 29. Juni wurde das Feuer der französischen Geschütze wieder lebhafter; es war ein kalter Tau gefallen und hatte die Kraft der Kämpfenden zu neuen Anstrengungen belebt, aber auf römischer Seite begann es an Leuten zu fehlen. Als Garibaldi zu der Batterie am Pinohügel kam, um sich zu überzeugen, ob die Mannschaft richtig abgelöst sei, fand er einen einzigen Kanonier neben einer Kanone stehen; neben ihm und bei den andern Geschützen lagen Tote und einige Schwerverwundete, die bewußtlos waren oder sich nicht mehr bewegen konnten. »Bist du allein?« rief Garibaldi dem Manne zu, der gelassen an seiner Kanone stand und die Augen unentwegt auf das Ziel gerichtet hielt. Der drehte sich um, sah die Verwüstung um sich her und sagte mit einem Blick auf die Gefallenen: »Schöne Kameraden! Ohne ein Wort des Abschieds haben sie sich hinter meinem Rücken davongestohlen.« – »Nun sollen sie auch vergebens auf dich warten,« sagte Garibaldi fröhlich, indem er den Mann mit sich fortführte, der seit vierundzwanzig Stunden an der Arbeit war.

Von den Mauern krachte und bröckelte es fortwährend, die Savorelli war eingestürzt und das Dach 313 der Villa Spada war zerrissen, so daß es nicht mehr bestiegen werden konnte. Dennoch kamen Herren und Damen in das Zelt des Generals unterhalb der Villa, brachten Wein, Obst und Zigarren und erkundigten sich, ob noch Hoffnung sei, die Stadt zu halten. Da um die Mittagszeit das Feuer nachließ, eilten viele Offiziere in die Stadt, um zu essen und zugleich, sofern sie es noch nicht getan hatten, in aller Stille ihr Testament zu machen, während Garibaldi, seiner Gewohnheit nach, im Lager blieb. Viele Straßen waren, weil der Tag des heiligen Petrus war, in der üblichen Weise geschmückt: aus den Fenstern hingen rote Teppiche, und Blättergirlanden verbanden bogenförmig die gegenüberstehenden Häuser; denn der Magistrat hatte eine Aufforderung ergehen lassen, das Fest sollte wie in Friedenszeiten begangen werden. Trotzdem waren nur wenig Menschen unterwegs; der Himmel brannte, und Stadt und Land, soweit man sehen konnte, verdorrte langsam unter dem glühenden Dache. Als Manara in das Gasthaus eintrat, wo er bekannt war, übergab ihm der Wirt einen Brief, der von einem Manne in auffallend heimlicher und sorgfältiger Weise für ihn abgegeben worden sei; er war aus dem feindlichen Lager vom General Oudinot und bot dem Hauptmann der Bersaglieri in schmeichelhaften Worten einen besonderen Vertrag an, wonach ihm und seinem Heere, das die Bewunderung des Feindes verdiene, bei der bevorstehenden Uebergabe Roms freier und ehrenvoller Abzug zugesichert sein sollte. Es war Manaras erste Regung, den Brief den Kameraden, die anwesend waren, vorzulesen, doch fiel ihm gleichzeitig ein, daß mancher unter ihnen sein könnte, der es vorziehen würde, von einer solchen Begünstigung Gebrauch zu machen, anstatt mit Garibaldi verbunden aufs neue ungewissen Gefahren entgegenzugehen und weiter von der Heimat weggerissen zu werden, und er steckte den 314 Brief rasch ein, indem er so tat. als ob es sich um etwas Gleichgültiges handle. Aufgeräumt, mit blitzenden Augen betrat er den Saal, von dem hohe grüne Fensterläden die Sonne ausschlossen und wo die Kameraden ihn lärmend begrüßten, die, schon um den Tisch versammelt, dabei waren, einen Schabernack auszuhecken, den sie mit dem Mohren vorhatten. Von den verschiedenen Damen, die sich in den bronzenen Herkules verliebten, hatte es ihm endlich eine üppige Rothaarige ernstlich angetan, während er sich bisher die Liebkosungen und Leckereien nur mit Gleichmut hatte gefallen lassen. Es war ein gewisses Schmachten an ihm wahrzunehmen, was er vor dem General zu verbergen suchte und was ihm schon allerlei Neckereien zugezogen hatte, um so mehr als die Offiziere nicht frei von Neugierde waren, wer die offenbar den höheren Ständen angehörige Dame sein könnte. Nun sollte sich einer von ihnen, so war der Plan, als Bruder der Dame ausgeben und dem Mohren gegenüber als Rächer der Ehre seiner Schwester auftreten, in der Weise, daß er von ihm verlangte, sie auf der Stelle zu heiraten, widrigenfalls er die Schwester töten würde, was als italienische Sitte hingestellt werden könnte. Vorangehen müßte der Heirat, sollte man sagen, die Taufe, und man würde ihn glauben machen, diese bestünde zum Teil darin, daß er sich die Haare glatt vom Kopfe scheren lassen müßte. Da keiner der Offiziere, die der Mohr alle gut kannte, die Rolle des sogenannten Bruders spielen konnte, hoffte man Enrico Cernuschi dazu zu bewegen, dem es leicht und voraussichtlich auch ein Vergnügen war, einen vornehmen und ritterlichen jungen Herrn darzustellen. Cernuschi sagte nicht geradezu nein, gab aber zu verstehen, daß es ihm nicht ganz geheuer schien, mit dem tropischen Ungetüm anzubinden, von dem anzunehmen war, daß er die Abneigung seines Herrn gegen 315 kirchliches Wesen teilte und sich einem diesbezüglichen Anschlag mit Nachdruck widersetzen würde. Dandolo redete Cernuschi im Stile seiner bekannten Proklamationen zu, nicht vor dem Wagnis zurückzuschrecken: »Erkühne dich, Lombardenjüngling, Roms antiker Größe ebenbürtig zu werden! Verlache die Furcht, die das Kennzeichen weibischer Sklavenseelen ist! Hast du nicht Mannesaugen, den Wüstenwildling zu unterjochen? Und wenn eine tückische Bombe dich unter den Mauern niederstreckte, was täte es, solange dir der Atem bleibt zu rufen: Es lebe die Republik! Gott verdamme den Papst!« In ähnlichem Tone versprach Cernuschi, zu der verabredeten Stunde zu kommen. Die Lust stieg um so schneller, als die Zeit kurz bemessen war; denn der scharfe Dienst rief jeden bald wieder an seine Geschäfte. Manara sagte, man müsse sich am folgenden Mittage wieder zusammenfinden, um zu besprechen, wie der Spaß abgelaufen sei, und darüber zu lachen. Er lade alle zu einem auserlesenen Essen ein. Es folgte Gläserklingen und Hochrufen; Manara winkte dem Wirt, um die Speisen zu bestellen: es sollte etwas Besonderes und nach jedermanns Geschmack werden. Der Wirt wurde mit Fragen bestürmt, ob er dies und jenes Gericht zuzubereiten verstünde, Mancini sagte fast weinend, er habe seit einem halben Jahre kein Leberragout, auf mailändisch rostisada, gegessen, worauf Rosagutti ihn beruhigte, er könne es vortrefflich machen, und den Wirt um Erlaubnis bat, in die Küche zu gehen und die nötigen Anweisungen zu geben. »Der Wein aber muß römisch sein,« sagte Hofstetter, »der hier wächst, ist süßer und dämonischer als anderswo.« – »Ja, wir trinken Wein von Velletri,« sagte Manara, indem er aufstand und sich zum Gehen bereit machte. Unterdessen war der Kaffee aufgetragen, sie stürzten eilig eine Tasse hinunter und verließen den kühlen Saal. 316

Am Nachmittage zogen sich weiße Wolken am Himmel zusammen und verdunkelten sich allmählich, die Luft stand still. Die Franzosen, die seit einiger Zeit eine trübe Nacht erwarteten, um den Sturm zu beginnen, rüsteten sich; denn wenn nicht ein starker Gegenwind es verwehte, mußte das Wetter bis zum Abend losbrechen. Inzwischen hörte das Bombardieren fast ganz auf, nur zwischen der Corsini und dem Vascello wechselten die Besatzungen vereinzelte Schüsse. Manara hatte den General gebeten, den Mohren an den Befestigungsarbeiten der inneren Linie helfen zu lassen, was dieser sofort bewilligte, da bei der großen Schwüle die Arbeiter öfters abgelöst werden mußten und die unerschöpfliche Kraft des Wilden gute Dienste tat. Es wurde veranstaltet, daß Cernuschi, der sich zur Zeit einfand, ihn dort aufsuchte und als Bruder der rothaarigen Schönen in verabredeter Weise Anklage gegen ihn erhob, aber mit anderm Erfolge, als man erwartet hatte. Der Mohr nämlich, sowie er hörte, daß der angebliche Bruder sich am Leben seiner Schwester zu vergreifen gedachte, spannte die Muskeln seiner Arme, daß sie kantigen Felsen glichen, und forderte den Gegner zu einem auf der Stelle auszufechtenden Zweikampfe heraus. Beim Anblick des erzürnten Kolosses, der die schimmernden Zähne fletschte, glaubte der mit berechneter Eleganz herausgeputzte Cernuschi schon seine Knochen knacken zu hören und versuchte sich, vorsichtig zurückweichend, durch geläufiges Reden zu retten, indem er den Schwarzen an seine edelmütige Gesinnung mahnte, die es ihm unmöglich machen sollte, Hand an den Unglücklichen zu legen, dessen Schwester er verführt hätte. Diese Bemerkung entwaffnete den Mohren, er schien von dem Rechte seines Gegners überzeugt, besann sich eine Weile und sagte mit plötzlichem Entschluß: »Taufen lasse ich mich nicht, du magst sie töten,« worauf er, ohne Cernuschi 317 noch eines Blickes zu würdigen, fortfuhr, Erdhaufen aufzuschütten, wie ihm aufgegeben war. Cernuschi hielt es für das geratenste, sich ohne weiteres zu entfernen; von denen, die den Scherz mit ihm verabredet hatten, war keiner anwesend gewesen, er hätte gern einen aufgesucht, hatte aber keine Zeit und eilte wieder in die Stadt hinunter.

Als die Sonne sich neigte, fing ein kühler Wind an zu sausen, jede Spur von Glanz und Röte erlosch am Himmel. Trotz des nah drohenden Unwetters wurde die frohe Beleuchtung des Petersplatzes, wie sie seit undenklicher Zeit bei dieser Gelegenheit veranstaltet zu werden pflegte, nicht aufgegeben; auch füllten sich die am Tage verödeten Straßen mit Menschen, die das beliebte Schauspiel erwarteten. Die, welche an der Linie beschäftigt waren, unterbrachen ihre Arbeit, um die rosenrote Erscheinung der stillen Rotunde zwischen den vom Winde stärker gebogenen Bäumen aufleuchten zu sehen. Die kleine Spronella, die Erde aufschütten half, hob im Eifer nur flüchtig die Augen. Morosini, den sie als ihren eigentlichen Kameraden betrachtete, hatte schon mit einer Abteilung die Wache an der ersten Bastion bezogen, und mit den andern pflegte sie nur das Notwendige zu sprechen; aber sie dachte an die Petersfeste der vergangenen Jahre, wo sie zwischen Vater und Mutter in der Kirche kniete und mit einem lieblich überrieselnden andächtigen Schaudern den mildblickenden Papst die feierliche Handlung vollziehen sah. Es fror sie ein wenig, wenn der kalte Wind in ihre lose Jacke blies, und sie rührte sich desto schneller; ihre dunkeln Augen, die wie Schildwachen vor dem blassen Gesichte standen, bewegten sich regelmäßig auf und ab, trotzig, ohne ein Unbehagen zu verraten. Indes mußte die Arbeit bald aufgegeben werden, da der Sturm die Pechfackeln auseinander riß, so daß nichts mehr zu unterscheiden war. Noch bei dem ersten 318 Blitz und Donnerschlage, der jäh wie Feuer und Lava aus vulkanischem Schlunde aus der dunkeln Tiefe des Himmels stürzte, stand die bunte Glorie über der mächtigen Kuppel, erst die Flut des Regens verscheuchte die Menschen vom Platze und machte der Beleuchtung ein Ende.

Um zehn Uhr, als Manara und Hofstetter die letzte Runde machten, schien es schon tiefe Nacht zu sein. Sie ließen das nasse Element mit Behagen an sich herunter strömen und sogen die Würze ein, die die Pflanzen ausatmeten, auf deren glatte Blätter es helltönend niederrauschte. Bei der ersten Bastion saßen Rosagutti und Morosini in ihre Mäntel gewickelt, leidlich gedeckt durch den stehengebliebenen Mauerkranz des abgebrannten Hauses, und sahen leise plaudernd in das Dunkel hinaus; als Manara und Hofstetter kamen, standen sie auf und gingen mit ihnen den ganzen Platz ab, um die letzten Befehle des Generals entgegenzunehmen. Sie brachten einige Flaschen voll leicht entzündlicher Flüssigkeit mit, wodurch das Schilf, das rings um die Bresche herum aufgeschichtet war, im Notfalle leicht in Brand gesetzt werden könnte; freilich blieb das bei der stets zunehmenden Nässe doch schwierig. Es wurden noch einige Veränderungen an der Verteilung der Wachen vorgenommen und denselben eingeschärft, beim leisesten Geräusch, das sie wahrnehmen würden, Lärm zu schlagen; nachdem dann Rosagutti und Morosini die Zusicherung gegeben hatten, fortwährend selbst nachsehen und aufachten zu wollen, setzten die beiden Stabsoffiziere ihren Rundgang fort. Als sie Garibaldi, der noch in seinem Zelte war, Rapport erstattet hatten, schickte dieser sie in die Villa Spada, damit sie sich trockneten, denn sie trieften und dampften vor Nässe, und einige Stunden schliefen; er selbst wollte, bevor er sich hinlegte, noch die Abteilungen der Legion, die unter Waffen bleiben sollten, 319 verstärken. Der Regen hatte jetzt aufgehört, wenn auch der Himmel noch grau verhängt war; Manara und Hofstetter hörten beim Einschlafen das schnelle Pochen der auf die Blätter fallenden Tropfen in die Stille. Plötzlich fuhr Hofstetter auf, griff nach dem Säbel und rief Manara laut beim Namen: er glaubte das Rollen von Gewehrschüssen oder Kanonen gehört zu haben. Allein draußen regte sich nichts, und wie er sich besann, kam es ihm selbst so vor, als habe er nur im Traume etwas gehört. Manara meinte, er sei aufgeregt und könne wohl durch das Klopfen des eignen Herzens geweckt sein; auch zeigte es sich, da sie nach der Uhr sahen, daß sie kaum eine Viertelstunde geschlafen hatten. Sie legten sich wieder hin, doch behielt Hofstetter den Säbel in der Hand und beschloß wach zu bleiben, so unruhig hatte ihn der Zwischenfall gemacht; aber wider seinen Willen schlief er wieder ein.

Etwa eine Stunde später jagten die von der überrumpelten ersten Bastion Entkommenen gegen Villa Spada; alles erwachte von dem Rauschen der hastigen Flucht und dem Schrei: »Zu den Waffen!« Manara und Hofstetter gelang es, die Soldaten aufzuhalten und zu sammeln; sie glaubten den Feind dicht hinter sich und wollten, eben zum Stehen gebracht, auf die Folgenden schießen, woran die Offiziere, die noch mehr fliehende Italiener in ihnen erkannten, sie kaum verhindern konnten. Gleich darauf kam ein geschlossener Haufen, der sich etwas langsamer bewegte und auf den die Soldaten sofort ihre Gewehre richteten; Manara und Hofstetter drückten sie mit den Säbeln nieder, bis sie deutlich die französische Uniform unterschieden hatten. Als die Schüsse krachten, zog sich der feindliche Haufen eilig zurück, Verwundete und Tote auf dem Platze lassend. Manara verfolgte sie eine Strecke, aber die verlorene Bastion vermochte er nicht 320 zurückzuerobern; die Soldaten erkannten sich und ihre Führer nicht und schauderten vor jedem Rascheln im Gesträuche. Immerhin wurde ein weiteres Vordringen des Feindes unmöglich gemacht.

Als die erste Helligkeit langsam über den Hügel kroch, versuchten Dandolo und Manara eine Nachricht von Morosini zu erhalten, der nicht unter den Fliehenden war; auch Rosagutti wurde vermißt. Mehrere Soldaten, die sie ausfragten, wußten nichts, sie hatten sich vom Drange der Flucht mitreißen lassen; endlich fanden sie einige, die aussagten, daß Morosini, als ein verdächtiges Geräusch wahrgenommen worden sei, um den Soldaten Mut zu machen, als der erste hinausgetreten und sofort durch einen Schuß niedergestreckt worden sei; er hätte sich noch gewehrt, und sie hätten ihn forttragen wollen, aber von den Franzosen verfolgt, hätten sie ihn zurücklassen müssen, so daß er ohne Zweifel, ob nun lebend oder tot, in ihren Händen sei. Die Leute sahen bleich und verstört aus; nun es Tag wurde, konnten sie den heillosen Schrecken der Nacht selbst nicht mehr verstehen. Es war Manara, als ob eine grausame Hand sein Herz zusammendrückte und nicht losließe; da erklang die strahlende Stimme Garibaldis, der soeben Medici und seine Truppen von dem Schutte des Vascello weg in die Trümmer der Savorelli geführt hatte, damit sie die ruhmvoll verteidigten Mauern nur verließen, um an einem nicht minder gefährdeten Platze weiterzukämpfen. Die Schönheit des geliebten Angesichts ging wie ein Stern auf, der durch alle Schrecken zum Ziele führt; obwohl er keine Hoffnung und keinen Trost über das ungewisse Schicksal des Freundes bringen konnte, fühlte Manara doch die Beängstigung weichen und sich wieder Meister seines Herzens werden. Garibaldi erteilte rasch Befehle über die Verwendung der Geschütze und über die Verteidigung der Villa Spada, die fast ganz ohne 321 Besatzung geblieben war, dann sammelte er die Soldaten zum Angriff auf die verlorene Linie. Als er die Truppen überblickte, schien es ihm, als ob die Leute mit trauriger Gleichgültigkeit unter dem schweifenden grauen Himmel daständen, und indem er sich aufrichtete, rief er aus: »Kameraden, heute ernten wir die Frucht unsrer Arbeit und unsers Leidens! Kämpfen wir, als wäre Rom noch zu retten!« wobei sein wehmütiges Lächeln das Gebieten seiner Augen milderte. Die Reihen der Soldaten regten sich, als ob ein Funken in ihre Seelen gefallen wäre und gezündet hätte, sie antworteten mit dem Rufe: »Es lebe Garibaldi! Es lebe die Republik!« und in einem Augenblick wich der entnervende Druck ingrimmiger Kampflust. Manara, Dandolo und Hofstetter eilten in die Villa Spada, deren Verteidigung der General ihnen übertragen hatte: ehe fünf Minuten verflossen waren, jagten Kugeln aus allen Fenstern des Gebäudes.

Auf der ganzen Linie von Porta Cavallegeri bis Porta Portese wurde gekämpft, Sacchi hielt den linken Flügel, Garibaldi den rechten. Von der Besatzung der Ponte Molle her kamen Freiwillige in Scharen, um den großen Kampf mitzukämpfen, man sah das düstere Auge Nicola Fabrizis und das gute, verwitterte Gesicht Maurizio Quadrios unter den vordersten. Garibaldi war überall: auch die ihn nicht sahen, spürten seine Gewalt und stürzten ihm besinnungslos über Leichen nach in den Tod, so wie ein herrschender Weltkörper die minderen unaufhaltsam zum Untergange an sich zieht. Immer wieder mußte der entschlossen anstürmende Feind ihm weichen, dreimal warf er seine Ueberzahl von der erstrittenen Bresche zurück, die er dreimal wieder eroberte. Das Gewühl und Getümmel wurde so groß, daß die Geschütze, die noch feuerten, die eignen Leute trafen, so daß der General vom Pferde sprang, um sie selbst zum Schweigen zu 322 bringen. Als er im Begriffe war, sein Tier mit Hilfe des Mohren, der an seiner Seite geblieben war, wieder zu besteigen, traf diesen eine Kartätsche mir solcher Wucht, daß Garibaldi die Erschütterung in seiner Hand, die er auf die Schulter des Riesen gelegt hatte, fühlte. Er hörte einen seufzenden Laut und das Stürzen des gewaltigen Körpers, schon im Reiten, und drehte sich nicht um. Unaufhörlich schafften Arbeiter und Soldaten die Toten auf die Seite und trugen die Verwundeten in die nächsten Spitäler. Der Tag war dunkel und schwül geblieben, in langen Zügen blies der Wind aus Westen und jagte das Gewölk wie atemlose Flüchtlinge vor sich her.

Es war Mittag, als Emilio Dandolo in der Villa Spada eine Kugel an der Schulter traf; Manara, der sich aus dem Fenster bog, um einem draußen arbeitenden Soldaten etwas zuzurufen, wendete sich nach ihm um, indem er sagte: »Alles für dich! Soll ich keine Wunde von Rom mitnehmen?« hatte aber kaum ausgesprochen, als ein Schuß in den Leib ihn zu Boden warf. Die ihn stürzen sahen, vergaßen den Kampf und umringten ihn mit Entsetzen; das edle Haupt sank sterbend auf die Schulter des braven Appiani, der ihn aufgefangen hatte und, selbst verfärbt wie ein Toter, mit rauher Stimme nach Aerzten und einer Bahre schrie. Manara, der es hörte, sagte: »Laßt mich hier, wo ich gekämpft habe, sterben!« aber unterdessen war die Tragbahre angekommen, und nachdem ihn mehrere Bersaglieri sorgsam, damit er nicht litte, hinaufgehoben hatten, verließen die Träger das krachende Haus und führten den Helden langsamen Schrittes in das Lazarett der nahen Kirche Santa Maria della Scala.

*

An diesem Tage konnte das Spital der Pellegrini jenseits des Tiber die Verwundeten nicht mehr bergen, 323 die hereingebracht wurden. Doktor Baroni, der Vorsteher sämtlicher römischen Krankenhäuser, schlug vor, daß diejenigen, denen der Transport am wenigsten schaden würde, nach dem Quirinal getragen werden könnten, wo die Leichtverwundeten lagen. Trotzdem ließ Bertani von denen, die in seinem Saale lagen, nur einen einzigen wegführen, der so gut wie geheilt war, und niemand wagte sich mit Bitten und Vorstellungen an ihn heran, so unzugänglich war die Stellung, die seine Umsicht, sein Können und sein beherrschendes Wesen ihm verschafft hatten. Seine graublauen Augen waren von schwarzen Wimpern wie mit einem Flor umrändert und trafen mitten ins Herz, sei es, daß sie zürnten oder liebkosten; von ihnen schien ein Balsam auf die Kranken zu fließen, die unter seinen Händen Schmerzen litten, und eine Kraft auf die, welche unter seinem Befehl arbeiteten. Die zehrende Hitze und angestrengte Arbeit zwischen Sterbenden hatte die Aerzte müde und unlustig gemacht, auch Bertani, der, obwohl von hohem und ebenmäßigem Wuchs, doch mehr durch Willenskraft als durch die Gesundheit seines Körpers stark war, fühlte sich elend; doch ließ er sich nichts merken, und in dem Aufruhr der letzten Tage hielt seine Besonnenheit allein die Ohnmächtigen und Widerwilligen zusammen. Von den Betten seiner Kranken, die nach ihm verlangten, eilte er zu den neuen, die jede Minute brachte, und die, da man nicht wußte, wohin man sie legen noch wie man ihre Bedürfnisse befriedigen sollte, von den andern Aerzten mit murrenden Worten und grobem Griff empfangen wurden. Dazu kamen Angehörige von Verwundeten und fragten nach dem Ergehen solcher, die vielleicht schon tot waren oder von denen man nicht wußte, wo sie geblieben waren, da niemand ihren Namen aufgeschrieben hatte; denn das Personal hatte, bevor Bertanis mächtiger Wille 324 regierte, alles in gedankenloser Unordnung gehen lassen. Um das Haus herum pfiffen der Sturm und die Bomben; die Angst steigerte das Fieber der wunden Kranken, von denen viele kaum in ihren Betten zu halten waren.

Unter Bertanis Assistenten war ein junger Römer namens Vanetti, Sohn einer behäbigen Krämerfamilie, der sich reichlich und pünktlich nährte und in seiner äußerlichen Behaglichkeit nur durch eine außerordentlich reizbare Eitelkeit gestört wurde. Er hatte schwarze Haare und Augen, dicke Lippen und eine stumpfe, etwas aufgeworfene Nase, sein Gesicht trug meistens einen Ausdruck von Verdrossenheit, außer wenn in seinen kleinen Augen Bosheit und Rachsucht oder das Vergnügen an absonderlichen und komischen Vorstellungen funkelte, worüber er zu brüten liebte. Beständig von der Sucht geplagt, sich auf irgendeine Weise auszuzeichnen, wünschte er das hauptsächlich vor Bertani zu tun, den er bewundert hätte, wenn er nicht sein Vorgesetzter und weniger überlegen gewesen wäre, den er nun aber inbrünstig haßte.

Als am Tage des Sturmes Bertani sich zum vierten oder fünften Male freigemacht hatte, um die neuangekommenen, für seinen Saal bestimmten Verwundeten zu untersuchen, fand er, daß Vanetti bereits einem von diesen ein Bein amputiert hatte, ungeachtet er wiederholt eingeschärft hatte, es dürfe keine, auch nicht die kleinste Operation ohne seinen Befehl vorgenommen werden; denn er strebte an, den Körper ganz zu erhalten, und war der Meinung, daß die jungen Aerzte zu schnell mit Schneiden bei der Hand wären. Keiner aber trachtete wie Vanetti danach, flugs zu operieren, bevor Bertani des Kranken ansichtig geworden wäre, teils um sich nichts von ihm vorschreiben zu lassen, teils um zugleich mit seiner Unabhängigkeit seine Kunst zu zeigen, im stillen 325 überzeugt, daß der Vorgesetzte seine Leistung zu sehr bewundern würde, um einen Tadel zu äußern. Hingegen sowie Bertani den jungen Soldaten erblickte, der die Besinnung verloren hatte, und sah, was mit ihm vorgenommen worden war, zog er seine Brauen drohend zusammen, und als er fragte, wer die Amputation vorgenommen hätte, waren alle froh, die im Hintergrunde bleiben konnten. Vanetti war stolz genug, sich mit Keckheit dazu zu bekennen, doch begann er sich unbehaglich zu fühlen und mußte sich Mühe geben, dem leidenschaftlichen Zornfeuer, das aus Bertanis Augen sprühte, standzuhalten. »Wie kommen Sie dazu, meinem Befehle zuwiderzuhandeln?« rief Bertani. »Seien Sie draußen eitel oder anmaßend oder träge, oder was immer Ihre Natur erfordert, in diesem Hause dienen Sie dem Wohle der Kranken und mir, der darüber wacht.« Die wegwerfende Verachtung, die in Bertanis Miene und Worten lag, hätte Vanetti zu offener Empörung gereizt, wenn sein majestätischer Zorn ihm nicht Furcht eingeflößt hätte, doch wollte er sich in Gegenwart andrer auch nicht gänzlich ducken lassen und sagte scheinbar gleichmütig, die Amputation sei notwendig gewesen und, wie Bertani sich sofort überzeugen könne, gut ausgeführt; allein dieser unterbrach ihn ungeduldig mit den Worten: »Schweigen Sie! Sie sind ein naseweiser Geck!« indem er sich über den Soldaten beugte und bekümmert den prächtig fest und elegant gebauten Körper betrachtete, der nun verkrüppelt war. Der Auftritt wurde durch ein das Haus erschütterndes Krachen beendet, wie das Einschlagen der Bomben es hervorzubringen pflegte, nur war es nie vorher so furchtbar gewesen. In seinem Saale angekommen, wohin er ohne Verzug eilte, sah Bertani eine unheilvolle Verwüstung: ein Teil der Decke war eingestürzt und hatte mehrere Kranke verletzt, andre hatten sich, ihres 326 Zustandes ungeachtet, aus ihren Betten gestürzt, um zu fliehen, und waren dabei gefallen, wodurch kaum zugeheilte Wunden aufs neue aufgebrochen waren. Zur Vermehrung des Uebels waren Wärter und Wärterinnen davongelaufen, nur zwei Frauen und ein Mann befanden sich noch im Saale und wagten weder zu bleiben noch sich zu entfernen. Bertanis donnernde Stimme, keiner dürfe sich vom Flecke rühren, hielt sie fest, auch die Entsprungenen kamen auf sein Rufen beschämt und eingeschüchtert zurück. Den Kranken gegenüber verriet der stolze Mann keine Ungeduld: er sprach ihnen ermutigend und beschwichtigend zu, bis alle wieder in den Betten waren und die Aufregung sich gelegt hatte; doch starben einige infolge des plötzlichen Blutverlustes nach wenigen Minuten.

Als die Ordnung wiederhergestellt war, begab sich Bertani in das Zimmer, wo die Aerzte die Mahlzeiten einzunehmen pflegten, wenn sie nicht ausgehen konnten; obwohl die Mittagszeit schon vorüber war, saßen noch mehrere am Tisch, die wegen der außergewöhnlichen Ereignisse nicht vorher zum Essen gekommen waren. Die Aerzte erkannten untereinander Bertanis Tüchtigkeit an, mißbilligten aber, daß er die Dinge zu ernst nehme und zu wenig gemütlich sei. Einer, in dessen Nähe Bertani sich setzte, sagte laut mit nachdrücklichem, gleichsam belehrendem Behagen: »Wenn nur keine Bombe einschlägt, bis ich genug gegessen und getrunken habe; denn alle Kranken der ganzen Welt verhindern nicht, daß wir niederträchtige Gesunde auch einen Magen und einen Darm haben, der zuweilen gefüttert werden muß, wenn die gefräßigen Tiere nicht eingehen sollen.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes vernehmlich wurde, der durch die schmale Straße näher kam. Unwillkürlich horchten 327 alle auf; es trabte in den Hof, und eine Stimme rief gleich darauf in der widerhallenden Diele: »Bertani!« und noch einmal: »Bertani!« Bertani setzte das Glas mit Wein nieder, das er eben ergriffen hatte, und stürzte die Treppe hinunter; Mangiagalli kam ihm entgegen und keuchte: »Manara liegt im Sterben! kommt!« In einer Minute saß Bertani zu Pferde, Mangiagalli erzählte schluchzend, wie es geschehen war. Dann ritten sie stumm, so schnell die Pferde konnten.

Manara lebte noch; als Bertani seine Wunde untersuchen wollte, bewegte er die schöne Hand und sagte: »Es ist aus; laß mich nicht noch mehr leiden. Bring meinen letzten Atem meiner Frau und meinen Kindern.« Seine Stirn war von Schweißtropfen bedeckt, er strengte sich an zu sprechen, aber Bertani, obwohl er sich tief über ihn beugte, fand keinen Zusammenhang in seinen Lauten. Am Fuße des Lagers lag Dandolo und schrie: »Verlaß mich nicht, Manara! Verlaß mich nicht, Manara!« Die halb bewußtlos wiederholte Klage drang schneidend durch den kahlen Raum; Manara hörte es nicht mehr oder konnte kein Zeichen mehr davon geben. Am äußersten Ende des Saales kauerte Ugo Bassi an die Mauer gedrückt, die Tränen flossen aus seinen Augen auf den Boden, wie Wasser aus einem gebrochenen Glase rinnt, rinnt, bis der letzte Tropfen verschlichen und der Scherben leer ist. Als Manara tot und Bertani wieder im Freien war, überkam ihn ein Schwindel; jemand brachte ihm ein Glas Wein, das er austrank, worauf er sein Pferd besteigen und wieder in das Krankenhaus zurückreiten konnte.

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Vor Tage versammelten sich die Deputierten auf dem Kapitol und erwarteten das Ende. Die Boten, die von Zeit zu Zeit von den Wällen kamen, 328 berichteten von dem großen Blutvergießen und heroischen Sterben der Römer und von dem unaufhaltsamen Vordringen des Feindes. Mazzini sprach eine Weile, um die Abgeordneten anzufeuern, daß sie nicht kapitulierten, aber an ihrem zähen Schweigen merkte er, daß sie nichts mehr an die Sache wagen wollten, die sie für verloren hielten, und verließ den Saal, um ruhelos in den Gängen auf und ab zu gehen. Wenn er allein war, schien es ihm, als wäre es noch möglich, daß irgend etwas getan werden oder geschehen könnte, um die Dauer der Republik zu fristen; wie einer nicht glauben kann, daß der Leib eines geliebten Menschen sterbe, um zu verwesen und zu verschwinden, solange sein Auge das entseelte Fleisch nicht vor sich sieht. Als es Mittag wurde, kamen einige Freunde und drangen in ihn, daß er mit ihnen ein nahegelegenes kleines Gasthaus aufsuche, um zu essen, und er ließ sich bis auf die Straße mitziehen; dann schüttelte er plötzlich den Kopf, kehrte um und wieder in das Kapitol zurück. Auf der Treppe begegnete er Rosselli, der hoffnungslos aus einer Sitzung des Kriegsrates kam, und Canino; dieser sagte: »Es ist nicht anders, der Schwächere muß stets zuletzt dem Stärkeren unterliegen, das ist ein Gesetz so gut wie die Schwerkraft, und der Schwächere sind wir.« Mazzini entgegnete schmerzlich betroffen: »Warum? Auch Recht ist Stärke, nicht nur Zahl, auch Glauben und Willen ist Stärke, Gott im Himmel hat nicht nur Zahl und Masse schwer gewogen!« Canino schnitt ein Gesicht und sagte: »Stimmen muß die Rechnung. Unsre idealen Qualitäten haben eine Weile der Uebermacht von historischer Schwere, Verstand und Zahl getrotzt, zuletzt kommt doch der Ueberschuß zur Geltung, der auf ihrer Seite ist.« Mit diesen Worten ging er in den Saal, während Rosselli und Mazzini zusammen an ein 329 Fenster des Treppenhauses traten, wo sie sich befanden. Die Sonne brach in diesem Augenblick durch die aufgelösten Wolken und schien mit weißen, stechenden Strahlen vom Scheitel des Himmels herunter. »Morgen,« sagte Mazzini, »morgen schon werden unsre Henker an dieser Stelle stehen, und wir ziehen auf verborgenen Wegen verhüllten Hauptes in die Fremde.« Roselli stieß einen Fluch aus, Wut und Rachsucht verzerrten sein Gesicht. »Sprengen wir jene dreihundert Kirchen, den großen Jahrmarkt des Aberglaubens und der Heuchelei, in die Luft,« sagte er, »daß die pfäffischen Horden einen Schutthaufen finden, wo Rom war.« Die Stirn an die Scheibe gedrückt, blickte Mazzini lange auf das flimmernde Linienspiel der Dächer, Kuppeln und Türme, bis seine Augen naß wurden, und sagte: »Auch die Barbaren beten die Schönheit der Ewigen Stadt an, und wir sollten sie zerstören? Sie gehört uns so wenig wie den Feinden, die sie erobern, sondern einem unvergänglichen Reiche, das alle unsre Grenzen durchschneidet. Aber wir Kinder Italiens haben das Recht, sie zu schirmen, und unser Herz wird aus fernster Ferne unveränderlich nach diesem Pole schlagen, bis wir sie wiederhaben.«

Ein Offizier von den Bersaglieri kam, um den Tod Manaras anzuzeigen und sich ein Zertifikat für Emilio Dandolo geben zu lassen, der in das französische Lager gehen und Morosini auslösen wollte, sei es nun, daß er lebte oder tot wäre. Die Nachricht von dem neuen und kostbaren Opfer bestärkte diejenigen, die dem Kampf ein Ende machen wollten, in ihrem Sinne; die Vernunft verlange, so sagten sie, daß man nicht länger widerstehe und teures italienisches Blut fließen lasse, ein solches Beharren würde fanatischer Trotz, nicht heldenmäßige Unbeugsamkeit sein. Mazzini, der jetzt wieder bei der 330 Versammlung war, stand auf; das Angstgefühl der letzten Entscheidung durchbohrte sein Eingeweide wie mit glühenden Messern. Erst, rief er, müsse man Garibaldi hören! Die Republik kenne weder ihr Unglück, noch ihre Hoffnung, ehe sie ihn vernommen habe. Nach der Zustimmung aller wurde sofort ein eilender Bote an den General abgeschickt, der ihn im Namen der Versammlung ersuchen sollte, auf das Kapitol zu kommen, obwohl es vielen unmöglich erschien, daß er die umstrittenen Mauern jetzt verlassen könnte. Inzwischen wurde zu Papier gebracht, welches nach dem Gutachten der Versammlung die letzten Möglichkeiten der Republik wären: nämlich den Widerstand aufzugeben, wofür die Mehrzahl der Abgeordneten, außer Mazzini und einigen seiner Anhänger, stimmten; oder den Kampf auf den Barrikaden mit Aufbietung des ganzen Volkes fortzusetzen, oder denn als Unbesiegte Rom zu verlassen und den Sitz der Republik nach einem andern Orte zu verlegen, wo man, unterstützt von der patriotischen Revolution, die noch hier und da glimmte, das Glück von neuem versuchen könnte.

Diese Sätze waren eben niedergeschrieben, als Garibaldi auf die Schwelle trat, sprühend vom Tumulte der Schlacht, das herrliche Antlitz von Rauch und Schweiß dunkel, die Augen fest über Jammer und Schrecken. Beim Anblick des ungeheuern Mannes erhoben sich die Versammelten von ihren Sitzen, und es verging eine totenstille Minute, bevor gesprochen wurde. Dann sagte der Präsident: »General, wir haben Euch hierher entboten, um Euer Urteil zu hören, ehe wir die äußerste Entscheidung treffen. Es sind uns, nach dem, was heute geschehen ist, drei Möglichkeiten geblieben: erstens den Widerstand nunmehr als vergeblich aufzugeben; zweitens auf den Barrikaden weiterzukämpfen, bis das letzte Blut vergossen ist; schließlich Rom zu verlassen und die Republik 331 auf die Hoffnung neuer Revolutionen zu gründen. Sagt Ihr uns, nicht als Abgeordneter der Versammlung, sondern als General Eurer Truppen, was Ihr meint, daß wir tun können.« Ohne sich zu bedenken, antwortete Garibaldi: »Das Volk kann den Kampf in der Stadt vielleicht um einen Tag verlängern; dann aber muß es sofort ohne Zeitverlust auf die Barrikaden geführt werden. Ich riet euch vor Tagen, als wir noch eine Macht waren, auszuziehen; jetzt habe ich kein Heer mehr, nur Trümmer; dennoch habe ich nichts andres zu sagen. Ich werde mit denen, die mir folgen wollen, Rom verlassen und das Schwert nicht niederlegen, solange ich Soldaten habe.« Sowie er dies gesagt hatte, verließ er den Saal und ritt ohne Aufenthalt in die Schlacht zurück.

Noch einmal ergriff Mazzini das Wort und schlug vor, das Volk auf die Barrikaden zu führen. Er sagte: »Laßt euch noch einmal meine Worte ans Herz gehen, denen ihr manches Mal, nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe Italiens willen, die ihr kennt, Gehör schenktet und nachgabet. Ich möchte euch nicht überreden, euch kein Opfer entreißen, nur das möchte ich, daß ihr noch einmal zurückblicktet: denkt an das lange Dunkel der Vergangenheit, an die Qualen der Verbannung, an die Erniedrigung der Gefangenschaft, an ermordete Freunde. Denkt dann an den feurigen Frühling, der uns befreite! An den Tag, als wir zum Kapitole gingen, die Erwählten des freien Rom, mit trunkenen Schritten wie Auferstandene, die kürzlich aus dem Grabe stiegen, an den Jubel des Volkes, der uns trug, an den lichten Himmel, der uns einschloß. Denkt an unsre gemeinsame Arbeit, an unsre Kämpfe, an unsre Pläne! Seht euch um in diesem Saale, seht die eherne Wölfin, das Bild des Rienzi, die Trikolore, die sich von Säule zu Säule windet, festlich und 332 glorreich – soll es denn so enden? Mit einer Uebergabe enden?« Er bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen, und es schien, als wäre die Sprache ihm vergangen; aber er faßte sich schnell wieder und fuhr leiser fort: »Ich wollte euch nicht rühren und nicht überreden und habe zuviel gesagt; denn ihr sollt nach euerm Gewissen handeln. Nur das eine sage ich noch, daß die Triumvirn ihren Namen nicht unter eine Akte setzen werden, die Rom preisgibt.«

Während einer das Wort ergriff, um über die Aussichtslosigkeit des Barrikadenkampfes zu sprechen, zog sich Mazzini in ein Nebenzimmer zurück und bewog Armellini und Aurelio Saffi, mit ihm das Amt des Triumvirates niederzulegen. Es war schon Nacht, als die Abgeordneten sich zu dem Beschlusse einigten, den sie in diesen Worten ankündigten: »Die Versammlung gibt nunmehr die Verteidigung Roms auf, die unmöglich geworden ist, und bleibt auf ihrem Posten.«

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Nachdem der Kampf achtzehn Stunden lang gedauert und Garibaldi siebenmal versucht hatte, die verlorene Bastion zurückzuerobern, das Blut der Feinde und der Seinen vergießend, zog er die Truppen hinter die innere Linie zurück; denn viele waren gefallen und von den gebliebenen die meisten verwundet oder ohne Kräfte. Trotzdem war das Heer noch in guter Haltung und keineswegs aufgelöst, so daß die Franzosen, die von der gewonnenen Höhe des Hügels aus die römischen Stellungen überblicken konnten, nicht versuchen mochten, da es außerdem Abend geworden war, sie daraus zu verdrängen und die Eroberung der Stadt zu vollenden. In der Frühe des folgenden Tages begaben sich die Abgeordneten des Gemeinderates von Rom, der nach der Abdankung des Triumvirates an der Spitze des Staates stand, 333 in das französische Lager, um über die Bedingungen der Uebergabe etwas zu vereinbaren, und obgleich sie es vorzogen, keine Kapitulation abzuschließen, da Oudinot den Schutz des Lebens und der Habe der Einwohner, wie es die Sitten und der Stand der Kultur erforderten, nicht gewähren wollte, erließen sie eine Weisung an die Truppen, die Linie zu räumen und sich in gewisse Quartiere in Trastevere zurückzuziehen.

Etwa um die vierte Nachmittagsstunde waren die Uebriggebliebenen der Regimenter, die vom dritten bis zum letzten Juni die Mauern verteidigt hatten, zum Abzuge bereit aufgestellt, sowohl diejenigen, die den Janiculus und Aventin besetzt, wie diejenigen, die am Monte Mario und der Ponte Molle gestanden hatten und zum letzten Kampfe herbeigezogen waren, nämlich die italienische Legion, die Bersaglieri, die lombardische Legion unter Medici, die bolognesischen Reiter des Masina, eine andre bolognesische Hilfstruppe, die Finanzieri unter Zambianchi, die römische Legion, römische Linientruppen und die Legion der Emigranten. Vor der zertrümmerten Kirche San Pietro in Montorio hielt Garibaldi zu Pferde mit seinem Stabe und sagte: »Soldaten, die Republik hat beschlossen, daß ihr die Mauern, die ihr rühmlich verteidigt habt, verlaßt. Bevor wir von dieser Stätte gehen, die wir blutrot gemacht haben, wird Priester Ugo Bassi, unser Kamerad, eine Messe für unsre Toten lesen, die wir unbegraben zurücklassen müssen.« Mit diesen Worten stellte er sich gegen eine niedrige Mauer, die als Altar dienen konnte, vor welcher Ugo Bassi schon vorher auf den Knien gelegen und auf welche er ein kleines Testament gelegt hatte, das er bei sich zu tragen pflegte. Er stand nun auf und wendete sich gegen die langen Reihen der Soldaten, die funkelnd im überfließenden Sonnenlichtstrom 334 standen, und wollte sprechen; aber er brachte kein Wort aus der Kehle, und indem er mit einer schmerzlichen Gebärde den Kopf erhob und gegen den Himmel blickte, drehte er sich langsam wieder um, dem Altare zu. Die Soldaten, die ihn verehrten und von denen die vorderen die Blässe seines Gesichtes und seine geröteten Augen erkennen konnten, hielten sich still, während er mit Kelch und Hostie den vorgeschriebenen Ritus ausführte. In dem Augenblick, wo ein Glockenzeichen die Gegenwart des Allerheiligsten anzuzeigen pflegt, drehte er sich um, kniete mit gefalteten Händen nieder und gab ein Zeichen, worauf sich langsam die Fahnen aller Regimenter senkten. Da war die Fahne mit der Aufschrift »Gott und Volk,« welche Mazzini in dem kurzen Frühling des Jahres 1848 selbst getragen hatte, die Fahne, die über den Trümmern des Vascello aufrecht geblieben war, die Ruhmesfahne mit dem Bilde des Vesuv, die die italienische Legion von Montevideo in den fürchterlichen Sieg von Sant' Antonio geführt hatte, die Fahne von Mailand, die in unzähligen Gefechten in den Lüften gespielt hatte über den fröhlichen Herzen der Bersaglieri, die Fahne der römischen Republik und die Fahne der Studenten; sie waren von Rauch geschwärzt und viele zerrissen. Stolz und schwermütig wie sterbende Schwäne, die mit Gesang in das blinkende Wasser tauchen und langsam untergehen, neigten sie sich und rauschten leise durch das zitternde Sonnenlicht bis auf die Erde; nach einer Weile hoben sie sich wieder und standen aufrecht.

Als diese stumme Messe aus war, gab Garibaldi das Kommando, worauf die Regimenter sich in Bewegung setzten und in geordneten Reihen in ihre Quartiere zogen. 335

Am 1. Juli, einen Tag bevor die Franzosen in Rom einzogen, wurde Luciano Manara, nachdem Freunde ihn mit seiner Uniform bekleidet und eingesargt hatten, aus Trastevere in die alte Kirche San Lorenzo am Corso geführt; der bleierne Sarg war mit dreifarbigen Schärpen umwunden, deren Enden herabhingen, darauf lagen Manaras Federhut und Schwert. Die Kapellen der römischen Regimenter, die während der Belagerung in den Gärten der Savorelli und Spada zu spielen pflegten, gingen voraus und spielten die Todeshymne der Märtyrer Italiens:

Kränze, von Lorbeer gewebt,
Der nie verdirbt –
Wer für das Vaterland stirbt:
Genug gelebt!

Es folgte dem Sarge, was noch von den Bersaglieri übrig war, nämlich dreihundert Soldaten und überdies noch etwa hundert Verwundete, welche trotz des Widerspruchs der Aerzte aufgestanden waren und das Spital verlassen hatten, um ihrem Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen. Auch von den Offizieren fehlten viele und waren viele verwundet. Alle, die dem Zuge auf der Straße begegneten und erfuhren, daß es das Trauergeleite Manaras war, schlossen sich an, denn nach Garibaldi war kein Name so gefeiert wie seiner in Rom. Die Hitze auf dem langen Wege war erbarmungslos, und die Verwundeten, von denen manche Fieber hatten, quälte Durst und Wundschmerz; aber sie unterschieden diese Pein kaum von ihrem Kummer und gingen stier vorwärts wie in einem unerklärlich drückenden Traume. Der Himmel, der voll schwerer Gewitterwolken war, glich einem dunkelblauen Meere, in dem keine Welle schlüge und wunderbare stählerne und bleierne Schiffe mit dick aufgeblähten, beglänzten weißen Segeln unbeweglich stilleständen. 336

In der Kirche war es hell und kühl. Die Soldaten setzten den Sarg zwischen vier gewaltigen Säulen aus schwarzem Marmor nieder, die den Altar umgaben, und Ugo Bassi stellte sich an sein Fußende, um die Leichenrede zu halten. Er trug einen priesterlichen Umhang, doch sah man darunter die scharlachrote Bluse der Garibaldiner. Er sagte: »Auf jenem himmlischem Kapitole, wo die Ueberwinder des Todes triumphieren, ist jetzt Luciano Manara. Ihr erwartet vielleicht, daß ich von ihm zu euch sprechen würde; aber dazu bin ich nicht gekommen. Meine Brüder, ihn glücklich zu preisen, dessen Los in reinem Lichte, unerreichbar und unvergleichbar, sich entrollt, bin ich zu schwach; meinen Augen erscheint noch die teure Gestalt des Irdischen, den sie viele Male gesehen haben, im Kampfe, beim Spiel, beim Fest, in Not und Untergang, als Freund und Feind, in Zorn und Milde, immer lauteren Herzens, aus fröhlichen Tälern den harten Felspfad der Größe hinan. Wenn ich ihn so vor mir sehe, wie kann ich anders, als ihn jammernd zurückrufen, so wie er war, in unsre Mitte?

»Aber ihr sollt wissen, daß wir mit diesem Sarge nicht Manara begraben. Ich bin gekommen, um am Grabe einer Toten zu sprechen, deren Name heiliger ist als der Name aller, deren Tod wir beweinen, deren Name unser Schild und unsre Fahne war, und deren Namen wir jetzt versenken müssen mit ihrem Leibe. O, meine Brüder, wir begraben Italien! Die wir unter glühenden Sonnen und unter tauenden Sternen über Roms Hügel haben schreiten sehen, göttlich in Schönheit und Freiheit, Erde und Meer segnend, hat die Wut der Feinde zerschmettert, und wir tragen sie in Verschwiegenheit zu Grabe. Wenn wir nun aus Rom ziehen und uns zerstreuen, bettelarm und geächtet, wird niemand um unsre Tote 337 wissen, Schafe und wilde Pferde werden über ihr weiden, aber wie auch das Erdreich mag aufgewühlt und erschüttert werden, sie wird nicht erwachen. Dereinst, ja, dereinst wird sie sich bewegen. Unverwest, nach Götterart, wird sie das Grab durchbrechen, ihr Schwert schütteln und ihre Kinder versammeln. Ein Tag wird kommen, wo sie glorreich von den Hügeln strahlt und der Stern auf ihrem Haupte den Schiffern der fernsten Meere leuchtet. O Italien, wenn du auferstehst, gedenke derer, die heute für dich sterben!«

Wie er bei den letzten Worten niederkniete, knieten alle und blieben lange so; es war ihnen so zumute, daß sie nichts wünschten, als nie mehr aus der stillen Kirche auf das erstorbene Schlachtfeld des Vaterlandes hinaus zu müssen.

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