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Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Verschwörung des Fiesco zu Genua
pages384-385
created20001002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Auftritt.

Alle Verschwornen.

Fiesco (ihnen entgegen). Das Wetter ist im Anzug. Die Wolken laufen zusammen. Tretet leis auf! Laßt beide Schlösser vorfallen!

Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab' ich zugeriegelt; der Argwohn kann auf hundert Mannsschritte nicht beikommen.

Bourgognino. Hier ist kein Verräther, wenn's unsre Furcht nicht wird.

Fiesco. Furcht kann nicht über meine Schwelle. Willkommen, wer noch der Gestrige ist. Nehmt eure Plätze. (Setzen sich.)

Bourgognino (spaziert im Zimmer). Ich sitze ungern, wenn ich ans Umreißen denke.

Fiesco. Genueser, das ist eine merkwürdige Stunde.

Verrina. Du hast uns aufgefordert, einem Plan zum Tyrannenmord nachzudenken. Frage uns. Wir sind da, dir Rede zu geben.

Fiesco. Zuerst also – eine Frage, die spät genug kommt, um seltsam zu klingen – Wer soll fallen? (Alle schweigen.)

Bourgognino (indem er sich über Fiescos Sessel lehnt, bedeutend). Die Tyrannen.

Fiesco. Wohlgesprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu stürzen Miene macht, oder Gewicht hat? – Wer ist mehr Tyrann?

Verrina. Ich hasse den Ersten, den Letzten fürchte ich. Andreas Doria falle!

Calcagno (in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, dessen Rechnung mit der Natur vielleicht übermorgen zerfallen ist?

Sacco. Andreas, der sanftmüthige Alte?

Fiesco. Furchtbar ist dieses alten Mannes Sanftmuth, mein Sacco! Gianettinos Tolltrotz nur lächerlich. Andreas Doria falle! das sprach deine Weisheit, Verrina.

Bourgognino. Ketten von Stahl oder Seide – es sind Ketten, und Andreas Doria falle!

Fiesco (zum Tisch gehend). Also den Stab gebrochen über Onkel und Neffen! Unterzeichnet! (Alle unterschreiben.) Das Wer? ist berichtigt. (Setzen sich wieder.) Nun zum gleich merkwürdigen Wie? – Reden Sie zuerst, Freund Calcagno.

Calcagno. Wir führen es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes ist gefährlich, weil es uns zwingt, viele Mitwisser zu haben, gewagt, weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen sind – diesem sind fünf gute Dolche gewachsen. In drei Tagen ist hohe Messe in der Lorenzokirche. Beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Nähe des Allerhöchsten entschläft auch Tyrannenangst. Ich sagte Alles.

Fiesco (abgewandt). Calcagno – abscheulich ist Ihre vernünftige Meinung – Raphael Sacco?

Sacco. Calcagnos Gründe gefallen mir, seine Wahl empört. Besser, Fiesco läßt Oheim und Neffen zu einem Gastmahle laden, wo sie dann, zwischen den ganzen Groll der Republik gepreßt, die Wahl haben, den Tod entweder an unsern Dolchen zu essen, oder in gutem Cyprier Bescheid zu thun. Wenigstens bequem ist diese Methode.

Fiesco (mit Entsetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre sterbende Zunge kostet, zum siedenden Pech wird, ein Vorschmack der Hölle – Wie dann, Sacco? – Weg mit diesem Rath! Sprich du, Verrina.

Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord bringt uns in jedes Banditen Brüderschaft. Das Schwert in der Hand deutet den Helden. Meine Meinung ist, wir geben laut das Signal des Aufruhrs, rufen Genuas Patrioten stürmend zur Rache auf. (Er fährt vom Sessel. Die Andern folgen. Bourgognino wirft sich ihm um den Hals.)

Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Glück eine Gunst ab? Das ist die Stimme der Ehre und die meinige.

Fiesco. Und die meinige. Pfui, Genueser! (Zu Calcagno und Sacco.) Das Glück hat bereits schon zu viel für uns gethan, wir müssen uns selbst auch noch Arbeit geben – Also Aufruhr, und den noch diese Nacht, Genueser! (Verrina, Bourgognino erstaunen. Die Andern erschrecken.)

Calcagno. Was? noch diese Nacht? Noch sind die Tyrannen zu mächtig, noch unser Anhang zu dünne.

Sacco. Diese Nacht noch? und es ist nichts gethan, und die Sonne geht schon bergunter?

Fiesco. Eure Bedenklichkeiten sind sehr gegründet, aber lest diese Blätter. (Er reicht ihnen die Handschriften Gianettinos und geht, indeß sie neugierig lesen, hämisch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl, Doria, schöner Stern! Stolz und vorlaut standst du da, als hättest du den Horizont von Genua verpachtet, und sahest doch, daß auch die Sonne den Himmel räumt und das Scepter der Welt mit dem Monde theilt. Fahre wohl, Doria, schöner Stern!

Auch Patroklus ist gestorben,
Und war mehr als du.

Bourgognino (nachdem sie die Blätter gelesen). Das ist gräßlich!

Calcagno. Zwölf auf einen Schuß!

Verrina. Morgen in der Signoria!

Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite spornstreichs durch Genua, halte sie so, so werden die Steine hinter mir springen und die Hunde Zetermordio heulen.

Alle. Rache! Rache! Rache! Diese Nacht noch!

Fiesco. Da seid ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will ich die vornehmsten Mißvergnügten zu einer Lustbarkeit bitten; nämlich alle, die auf Gianettinos Mordliste stehen, und noch überdies die Sauli, die Gentili, Vivaldi und Vesodimari, alle Todfeinde des Hauses Doria, die der Meuchelmörder zu fürchten vergaß. Sie werden meinen Anschlag mit offenen Armen umfassen, daran zweifle ich nicht.

Bourgognino. Daran zweifl' ich nicht.

Fiesco. Vor Allem müssen wir uns des Meers versichern. Galeeren und Schiffsvolk hab' ich. Die zwanzig Schiffe der Doria sind unbetakelt, unbemannt, leicht überrumpelt. Die Mündung der Darsena wird gestopft, alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, so liegt Genua an Ketten.

Verrina. Unleugbar.

Fiesco. Dann werden die festen Plätze der Stadt erobert und besetzt. Der wichtigste ist das Thomasthor, das zum Hafen führt und unsere Seemacht mit der Landmacht verknüpft. Beide Doria werden in ihren Palästen überfallen, ermordet. In allen Gassen wird Lärm geschlagen; die Sturmglocken werden gezogen, die Bürger herausgerufen, unsere Partei zu nehmen und Genuas Freiheit zu verfechten. Begünstiget uns das Glück, so hört ihr in der Signoria das Weitere.

Verrina. Der Plan ist gut. Laß sehen, wie wir die Rollen vertheilen.

Fiesco (bedeutend). Genueser, ihr stelltet mich freiwillig an die Spitze des Komplotts. Werdet ihr auch meinen weiteren Befehlen gehorchen?

Verrina. So gewiß sie die besten sind.

Fiesco. Verrina, weißt du das Wörtchen unter der Fahne? – Genueser, sagt's ihm, es heißt Subordination! Wenn ich nicht diese Köpfe drehen kann, wie ich eben will – versteht mich ganz – wenn ich nicht der Souverän der Verschwörung bin, so hat sie auch ein Mitglied verloren.

Verrina. Ein freies Leben ist ein paar knechtische Stunden werth – Wir gehorchen.

Fiesco. So verlaßt mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt visitieren und mir von der Stärke und Schwäche der festen Plätze Rapport machen. Ein Anderer erforscht die Parole. Ein Dritter bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitausend Mann nach meinem Schloßhof befördern. Ich selbst werde auf den Abend Alles berichtigt haben und noch überdies, wenn das Glück will, die Bank im Pharao sprengen. Schlag neun Uhr ist Alles im Schloß, meine letzten Befehle zu hören. (Klingelt.)

Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich. (Ab.)

Bourgognino. Ich die Soldaten. (Auch ab.)

Calcagno. Die Parole will ich ablauern. (Ab.)

Sacco. Ich die Runde durch Genua machen. (Ab.)

Sechster Auftritt.

Fiesco. Darauf der Mohr.

Fiesco (hat sich an ein Pult gesetzt und schreibt). Schlugen sie nicht um gegen das Wörtchen Subordination, wie die Raupe gegen die Nadel? – Aber es ist zu spät, Republikaner!

Mohr (kommt). Gnädiger Herr –

Fiesco (steht auf, gibt ihm einen Zettel). Alle, deren Namen auf diesem Blatt stehen, ladest du zu einer Komödie auf die Nacht.

Mohr. Mitzuspielen vermuthlich. Die Entrée wird die Gurgel kosten.

Fiesco (fremd und verächtlich). Wenn das bestellt ist, will ich dich nicht länger in Genua aufhalten. (Er geht und läßt eine Goldbörse hinter sich fallen.) Das sei deine letzte Arbeit. (Geht ab.)

Siebenter Auftritt.

Mohr hebt den Beutel langsam von der Erde, indem er ihm stutzig nachblickt.

Stehn wir so miteinander? »Will ich dich nicht mehr in Genua aufhalten.« Das heißt aus dem Christlichen in mein Heidenthum verdolmetscht: Wenn ich Herzog bin, lass' ich den guten Freund an einen genuesischen Galgen hängen. Gut. Er besorgt, weil ich um seine Schliche weiß, werd' ich seine Ehre über mein Maul springen lassen, wenn er Herzog ist. Sachte, Herr Graf! das Letzte wäre noch zu überlegen.

Jetzt, alter Doria, steht mir deine Haut zu Befehl. – Hin bist du, wenn ich dich nicht warne. Wenn ich jetzt hingehe und das Komplott angebe, rett' ich dem Herzog von Genua nichts Geringeres, als ein Leben und ein Herzogthum; nichts Geringers, als dieser Hut, von Gold gestrichen voll, kann sein Dank sein. (Er will fort, bleibt aber plötzlich still stehn.) Aber sachte, Freund Hassan! Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? Wenn die ganze Todtschlägerei jetzt zurückging' und daraus gar etwas Gutes würde? – Pfui! pfui! was will mir mein Geiz für einen Teufelsstreich spielen! – Was stiftet größeres Unheil: wenn ich diesen Fiesco prelle? – wenn ich jenen Doria an das Messer liefre? – Das klügelt mir aus, meine Teufel! – Bringt der Fiesco es hinaus, kann Genua aufkommen. Weg! das kann nicht sein. Schlüpft dieser Doria durch, bleibt Alles wie vor, und Genua hat Frieden – das wäre noch garstiger! – Aber das Spektakel, wenn die Köpfe der Rebellen in die Garküche des Henkers fliegen? (Auf die andere Seite.) Aber das lustige Gemetzel dieser Nacht, wenn Ihre Durchlauchten am Pfiff eines Mohren erwürgen? Nein! aus diesem Wirrwarr helf' sich ein Christ, dem Heiden ist das Räthsel zu spitzig – – Ich will einen Gelehrten fragen. (Ab.)

Achter Auftritt.

Saal bei der Gräfin Imperiali.

Julia im Negligé. Gianettino tritt herein, zerstört.

Gianettino. Guten Abend, Schwester.

Julia (steht auf). Etwas Außerordentliches mag es auch sein, das den Kronprinzen von Genua zu seiner Schwester führt?

Gianettino. Schwester, bist du doch stets von Schmetterlingen umschwärmt und ich von Wespen. Wer kann abkommen? Setzen wir uns.

Julia. Du machst mich bald ungeduldig.

Gianettino. Schwester, wann war's das letztemal, daß dich Fiesco besuchte?

Julia. Seltsam. Als wenn mein Gehirn dergleichen Nichtigkeiten beherbergte.

Gianettino. Ich muß es durchaus wissen.

Julia. Nun – er war gestern da.

Gianettino. Und zeigte sich offen?

Julia. Wie gewöhnlich.

Gianettino. Auch noch der alte Phantast?

Julia (beleidigt). Bruder!

Gianettino (mir stärkerer Stimme). Höre! Auch noch der alte Phantast?

Julia (steht aufgebracht auf). Wofür halten Sie mich, Bruder?

Gianettino (bleibt sitzen, hämisch). Für ein Stück Weiberfleisch, in einen großen – großen Adelsbrief gewickelt. Unter uns, Schwester, weil doch Niemand auflauert.

Julia (hitzig). Unter uns – Sie sind ein tolldreister Affe, der auf dem Credit seines Onkels steckenreitet – weil doch Niemand auflauert.

Gianettino. Schwesterchen, Schwesterchen! Nicht böse – Ich bin nur lustig, weil Fiesco noch der alte Phantast ist. Das hab' ich wissen wollen. Empfehl' mich. (Will gehen.)

Neunter Auftritt.

Lomellin kommt.

Lomellin (küßt der Julia die Hand). Verzeihung für meine Dreistigkeit, gnädige Frau. (Zum Gianettino gekehrt.) Gewisse Dinge, die sich nicht aufschieben lassen –

Gianettino (nimmt ihn bei Seite. Julia tritt zornig zu einem Flügel und spielt ein Allegro). Alles angeordnet auf morgen?

Lomellin. Alles! Prinz. Aber der Kurier, der heute früh nach Levanto flog, ist nicht wieder zurück. Auch Spinola ist nicht da. Wenn er aufgefangen wäre! – Ich bin in höchster Verlegenheit.

Gianettino. Besorge nichts. Du hast doch die Liste bei der Hand?

Lomellin (betreten). Gnädiger Herr – die Liste – ich weiß nicht – ich werde sie in meiner gestrigen Rocktasche liegen haben –

Gianettino. Auch gut. Wär' nur Spinola zurück. Fiesco wird morgen früh todt im Bette gefunden. Ich hab' die Anstalt gemacht.

Lomellin. Aber fürchterlich Aufsehen wird's machen.

Gianettino. Das eben ist unsre Sicherheit, Bursche. Alltagsverbrechen bringen das Blut des Beleidigten in Wallung, und Alles kann der Mensch. Außerordentliche Frevel machen es vor Schrecken gefrieren, und der Mensch ist nichts. Weißt du das Märchen mit dem Medusakopf? Der Anblick macht Steine – Was ist nicht gethan, Bursche, bis Steine erwarmen.

Lomellin. Haben Sie der gnädigen Frau einen Wink gegeben?

Gianettino. Pfui doch! die muß man des Fiesco wegen delicater behandeln. Doch, wenn sie erst die Früchte verschmeckt, wird sie die Unkosten verschmerzen. Komm! ich erwarte diesen Abend noch Truppen von Mailand und muß an den Thoren die Ordre geben. (Zur Julia.) Nun, Schwester, hast du deinen Zorn bald verklimpert?

Julia. Gehen Sie! Sie sind ein wilder Gast.

(Gianettino will hinaus und stößt auf Fiesco.)

Zehnter Auftritt.

Fiesco kommt.

Gianettino (zurückfahrend). Ha!

Fiesco (zuvorkommend, verbindlich). Prinz, Sie überheben mich eines Besuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte –

Gianettino. Auch mir, Graf, konnte nichts Erwünschters als Ihre Gesellschaft begegnen.

Fiesco (tritt zu Julien, küßt ihr respectvoll die Hand). Man ist es bei Ihnen gewohnt, Signora, immer seine Erwartungen übertroffen zu sehen.

Julia. Pfui doch, das würde bei einer Andern zweideutig lauten – Aber ich erschrecke an meinem Negligé. Verzeihen Sie, Graf. (Will in ihr Kabinet fliegen.)

Fiesco. O bleiben Sie, schöne gnädige Frau! Das Frauenzimmer ist nie so schön, als im Schlafgewand, (lächelnd) es ist die Tracht seines Gewerbes – Diese hinaufgezwungenen Haare – Erlauben Sie, daß ich sie ganz durcheinander werfe.

Julia. Daß ihr Männer so gerne verwirret!

Fiesco (unschuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht wahr, das gilt uns gleichviel? – Und auch dieses Band ist falsch angeheftet – Setzen Sie sich, schöne Gräfin – Augen zu betrügen versteht Ihre Laura, aber nicht Herzen – Lassen Sie mich Ihre Kammerfrau sein. (Sie setzt sich, er macht ihr den Anzug zurecht.)

Gianettino (zupft den Lomellin). Der arme, sorglose Wicht!

Fiesco (an Juliens Busen beschäftigt). Sehen Sie – dieses verstecke ich weislich. Die Sinne müssen immer nur blinde Briefträger sein und nicht wissen, was Phantasie und Natur mit einander abzukarten haben.

Julia. Das ist leichtfertig.

Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, sehen Sie, die beste Neuigkeit verliert, sobald sie Stadtmärchen wird – Unsre Sinne sind nur die Grundsuppe unsrer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber erhebt sich über ihren platten Geschmack. (Er hat sie fertig gemacht und führt sie vor den Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! dieser Anzug muß morgen Mode in Genua sein. (Fein.) Darf ich Sie so durch die Stadt führen, Gräfin?

Julia. Ueber den verschlagenen Kopf! Wie künstlich er's anlegte, mich in seinen Willen hineinzulügen! Aber ich habe Kopfweh und werde zu Hause bleiben.

Fiesco. Verzeihen Sie, Gräfin – das können Sie, wie Sie wollen, aber Sie wollen es nicht – Diesen Mittag ist eine Gesellschaft florentinischer Schauspieler hier angekommen und hat sich erboten, in meinem Palaste zu spielen – Nun hab' ich nicht verhindern können, daß die meisten Edeldamen der Stadt Zuschauerinnen sein werden, welches mich äußerst verlegen macht, weil ich die vornehmste Loge besetzen soll, ohne meinen empfindlichen Gästen eine Sottise zu machen. Noch ist nur ein Ausweg möglich. (Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen Sie so gnädig sein, Signora?

Julia (wird roth und geht schleunig ins Kabinet). Laura!

Gianettino (tritt zu Fiesco). Graf, Sie erinnern sich einer unangenehmen Geschichte, die neulich zwischen uns Beiden vorfiel –

Fiesco. Ich wünschte, Prinz, wir vergäßen sie Beide – Wir Menschen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und wessen Schuld ist's, als die meinige, daß mich mein Freund Doria nicht ganz gekannt hat?

Gianettino. Wenigstens werd' ich nie daran danken, ohne Ihnen von Herzen Abbitte zu thun –

Fiesco. Und ich nie, ohne Ihnen von Herzen zu vergeben – (Julia kommt etwas umgekleidet zurück.)

Gianettino. Eben fällt es mir bei, Graf, Sie lassen ja gegen die Türken kreuzen?

Fiesco. Diesen Abend werden die Anker gelichtet – Ich bin eben darum in einiger Besorgniß, woraus mich die Gefälligkeit meines Freundes Doria reißen könnte.

Gianettino (äußerst höflich). Mit allem Vergnügen! – Befehlen Sie über meinen ganzen Einfluß!

Fiesco. Der Vorgang dürfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den Hafen und meinen Palast verursachen, welchen der Herzog, Ihr Oheim, mißdeuten könnten – –

Gianettino (treuherzig). Lassen Sie mich dafür sorgen. Machen Sie immer fort, und ich wünsche Ihnen viel Glück zur Unternehmung.

Fiesco (schmollt). Ich bin Ihnen sehr verbunden.

Eilfter Auftritt.

Vorige. Ein Deutscher der Leibwache.

Gianettino. Was soll's?

Deutscher. Als ich das Thomasthor vorbeiging, sah ich gewaffnete Soldaten in großer Anzahl der Darsena zueilen und die Galeeren des Grafen von Lavagna segelfertig machen –

Gianettino. Nichts Wichtigers? Es wird nicht weiter gemeldet.

Deutscher. Sehr wohl. Auch aus den Klöstern der Kapuziner wimmelt verdächtiges Gesindel und schleicht über den Markt; Gang und Ansehen lassen vermuthen, daß es Soldaten sind.

Gianettino (zornig). Ueber den Diensteifer eines Dummkopfs! (Zu Lomellin zuversichtlich.) Das sind meine Mailänder.

Deutscher. Befehlen Euer Gnaden, daß sie arretiert werden sollen?

Gianettino (laut zu Lomellin). Sehen Sie nach, Lomellin. (Wild zum Deutschen.) Nur fort, es ist gut! (Zu Lomellin.) Bedeuten Sie dem deutschen Ochsen, daß er das Maul halten soll.

(Lomellin ab mit dem Deutschen.)

Fiesco (der bisher mit Julien getändelt und verstohlen herübergeschielt hatte). Unser Freund ist verdrießlich. Darf ich den Grund wissen?

Gianettino. Kein Wunder. Das ewige Anfragen und Melden! (Schießt hinaus.)

Fiesco. Auch auf uns wartet das Schauspiel. Darf ich Ihnen den Arm anbieten, gnädige Frau?

Julia. Geduld! Ich muß erst die Enveloppe umwerfen. Doch kein Trauerspiel, Graf? Das kommt mir im Traum.

Fiesco (tückisch). O, es ist zum Todtlachen, Gräfin!

(Er führt sie ab. Vorhang fällt.)

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