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Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Verschwörung des Fiesco zu Genua
pages384-385
created20001002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Vorzimmer in Fiescos Palast.

Erster Auftritt.

Leonore. Arabella.

Arabella. Nein, sag' ich. Sie sahen falsch. Die Eifersucht lieh Ihnen die häßlichen Augen.

Leonore. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dies war feuerfarb und geflammt. Mein Loos ist entschieden.

Zweiter Auftritt.

Vorige. Julia.

Julia (affectiert hereintretend). Der Graf bot mir sein Palais an, den Zug nach dem Rathhaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden. Eh die Chocolade gemacht ist, Madame, unterhalten Sie mich. (Bella entfernt sich, kommt sogleich wieder.)

Leonore. Befehlen Sie, daß ich Gesellschaft hieher bitte?

Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich die hier suchen müßte? Sie werden mich zerstreuen, Madame. (Auf und ab, sich den Hof machend.) Wenn Sie das können, Madame – denn ich habe nichts zu versäumen.

Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora. Wie grausam, bedenken Sie! die Perspectivchen der jungen Stutzer um diese schöne Prise zu bringen? Ah! und das blitzende Spiel der Perlen, das Einem die Augen bald wund brennt. – Beim großmächtigen Gott! haben Sie nicht das ganze Meer ausgeplündert?

Julia (vor einem Spiegel). Das ist Ihr wohl eine Seltenheit, Mamsell? Aber höre Sie, Mamsell, hat Sie Ihrer Herrschaft auch die Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gäste durch Domestiken becomplimentieren zu lassen.

Leonore. Es ist mein Unglück, Signora, daß meine Laune mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart schmälert.

Julia. Eine gräßliche Unart ist das, die Sie schwerfällig und albern macht. Rasch! lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann anzufesseln.

Leonore. Ich weiß nur einen, Gräfin. Lassen Sie den Ihrigen immer ein sympathetisches Mittel bleiben.

Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie sich tragen, Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Körper wenden Sie mehr. Nehmen Sie zur Kunst Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war. Einen Firniß auf diese Wangen, woraus die mißfärbige Leidenschaft kränkelt. Armes Geschöpf! So wird Ihr Gesichtchen nie einen Käufer finden.

Leonore (munter zu Bella). Wünsche mir Glück, Mädchen. Unmöglich hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren. (Man bringt Chocolade, Bella gießt ein.)

Julia. Von Verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam Ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen? – Warum auf diese Höhe, mein Kind, wo Sie nothwendig gesehen werden müssen? verglichen werden müssen? – Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm oder ein Dummkopf, der Sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Assembleen des guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt eine Tasse.)

Leonore (lächelnd auf Arabellen). Oder er würde in diesen Häusern des guten Tons nicht gelitten sein wollen.

Julia. Der Graf hat Person – Welt – Geschmack. Der Graf war so glücklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat Temperament, Feuer. Nun reißt er sich warm aus dem delicatesten Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehfrau bewillkommt ihn mit einer Werkeltagszärtlichkeit, löscht seine Gluth in einem feuchten, frostigen Kuß, schneidet ihm ihre Caressen wirthschaftlich, wie einem Kostgänger, vor. Der arme Ehmann! Dort lacht ihm ein blühendes Ideal – hier ekelt ihn eine grämliche Empfindsamkeit an. Signora, um Gotteswillen! wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er wählen?

Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame, wenn er ihn verloren hat.

Julia. Gut. Dieser Biß sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre um diesen Spott, aber eh du zitterst, erröthe.

Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es ist ja ein Toilettenpfiff.

Julia. Man sehe doch! Erzürnen muß man das Würmchen, will man ihm ein Fünkchen Mutterwitz abjagen. Gut für jetzt. Es war Scherz, Madame. Geben Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung.

Leonore (gibt ihr die Hand mit vielsagendem Blick). Imperiali! – vor meinem Zorn haben Sie Ruhe.

Julia. Großmüthig, allerdings! Doch sollt' ich's nicht auch sein können, Gräfin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer Person bei mir führe, muß es nicht folgen, daß das Original mir werth ist? Oder was meinen Sie?

Leonore (roth und verwirrt). Was sagen Sie? Ich hoffe, dieser Schluß ist zu rasch.

Julia. Das denk' ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe. Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen.

Leonore. Großer Gott! Wie kommen Sie zu dieser Wahrheit?

Julia. Mitleid, bloßes Mitleid – Denn sehen Sie, so ist es auch umgekehrt wahr – und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre Silhouette und lacht boshaft auf.)

Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriß? Ihnen? (Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann!

Julia (frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame, keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Scene.) Den Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonoren, der sie das Kinn streicht.) Trösten Sie sich, mein Kind. Er gab mir die Silhouette im Wahnwitz. (Ab.)

Dritter Auftritt.

Calcagno kommt.

Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und Sie in Wallung, Madonna?

Leonore (mit durchdringendem Schmerz). Nein! das war nie erhört!

Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht?

Leonore. Ein Freund vom Unmenschlichen – Mir aus den Augen!

Calcagno. Welchem Unmenschlichen? Sie erschrecken mich.

Leonore. Von meinem Mann – Nicht so! von dem Fiesco.

Calcagno. Was muß ich hören?

Leonore. O, nur ein Bubenstück, das bei euch gangbar ist, Männer.

Calcagno (faßt ihre Hand mit Heftigkeit). Gnädige Frau, ich habe ein Herz für die weinende Tugend.

Leonore (ernst). Sie sind ein Mann – es ist nicht für mich.

Calcagno. Ganz für Sie – voll von Ihnen – daß Sie wüßten, wie sehr – wie unendlich sehr –

Leonore. Mann, du lügst – du versicherst, eh du handelst.

Calcagno. Ich schwöre Ihnen –

Leonore. Einen Meineid. Hör' auf! Ihr ermüdet den Griffel Gottes, der sie niederschreibt. Männer! Männer! wenn eure Eide zu so viel Teufeln würden, sie könnten Sturm gegen den Himmel laufen und die Engel des Lichts als Gefangene wegführen.

Calcagno. Sie schwärmen, Gräfin. Ihre Erbitterung macht Sie ungerecht. Soll das Geschlecht für den Frevel des Einzelnen Rede stehn?

Leonore (sieht ihn groß an). Mensch! ich betete das Geschlecht in dem Einzelnen an, soll ich es nicht in ihm verabscheuen dürfen?

Calcagno. Versuchen Sie, Gräfin – Sie gaben Ihr Herz das erstemal fehl – – ich wüßte ihnen den Ort, wo es aufgehoben sein sollte.

Leonore. Ihr könntet den Schöpfer aus seiner Welt hinauslügen – Ich will nichts von dir hören.

Calcagno. Diesen Verdammungsspruch sollten Sie noch heute in meinen Armen zurückrufen.

Leonore (aufmerksam). Rede ganz aus. In deinen –?

Calcagno. In meinen Armen, die sich öffnen, eine Verlassene aufzunehmen und für verlorene Liebe zu entschädigen.

Leonore (sieht ihn fein an). Liebe?

Calcagno (vor ihr nieder mit Feuer). Ja! es ist hingesagt. Liebe, Madonna. Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine Leidenschaft Sünde ist, so mögen die Enden von Tugend und Laster in einander fließen und Himmel und Hölle in eine Verdammniß gerinnen.

Leonore (tritt mit Unwillen und Hoheit zurück). Da hinaus zielte deine Theilnehmung, Schleicher? – In einer Kniebeugung verräthst du Freundschaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug! Abscheuliches Geschlecht! Bis jetzt glaubte ich, du betrügest nur Weiber; das hab' ich nie gewußt! daß du auch an dir selbst zum Verräther wirst.

Calcagno (steht betroffen auf). Gnädige Frau –

Leonore. Nicht genug, daß er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen Spiegel der Tugend haucht dieser Heuchler die Pest und will meine Unschuld im Eidbrechen unterweisen.

Calcagno (rasch). Das Eidbrechen ist nur Ihr Fall nicht, Madonna.

Leonore. Ich verstehe, und meine Empfindlichkeit sollte dir meine Empfindung bestechen? Das wußtest du nicht, (sehr groß) daß schon allein das erhabene Unglück, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz adelt. Geh! Fiescos Schande macht keinen Calcagno bei mir steigen, aber – die Menschheit sinken. (Schnell ab.)

Calcagno (sieht ihr betäubt nach, dann ab, mit einem Schlag vor die Stirne). Dummkopf!

Vierter Auftritt.

Der Mohr. Fiesco.

Fiesco. Wer war's, der da wegging?

Mohr. Marchese Calcagno.

Fiesco. Auf dem Sopha blieb dieses Schnupftuch liegen. Meine Frau war hier.

Mohr. Begegnete mir so eben in einer starken Erhitzung.

Fiesco. Dieses Schnupftuch ist feucht. (Steckt es zu sich.) Calcagno hier? Leonore in starker Erhitzung? (Nach einigem Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier geschehen ist.

Mohr. Mamsell Bella hört es gern, daß sie blond sei. Will es beantworten.

Fiesco. Und nun sind dreißig Stunden vorbei. Hast du meinen Auftrag vollzogen?

Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter.

Fiesco (setzt sich). Sag denn, wie pfeift man von Doria und der gegenwärtigen Regierung?

Mohr. O pfui; nach abscheulichen Weisen. Schon das Wort: Doria, schüttelt sie wie ein Fieberfrost. Gianettino ist gehaßt bis in den Tod. Alles murrt. Die Franzosen, sagen sie, seien Genuas Ratten gewesen, Kater Doria habe sie aufgefressen und lasse sich nun die Mäuse belieben.

Fiesco. Das könnte wahr sein – und wußten sie keinen Hund für den Kater?

Mohr (leichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Breites von einem gewissen – einem gewissen – Holla! Hätt' ich denn gar den Namen vergessen?

Fiesco (steht auf). Dummkopf! Er ist so leicht zu behalten, als schwer er zu machen war. Hat Genua mehr als einen Einzigen?

Mohr. So wenig als zween Grafen von Lavagna.

Fiesco (setzt sich). Das ist Etwas. Und was flüstert man denn über mein lustiges Leben?

Mohr (mißt ihn mit großen Augen). Höret, Graf von Lavagna! Genua muß groß von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, daß ein Cavalier vom ersten Hause – voll Talenten und Kopf – in vollem Feuer und Einfluß – Herr von vier Millionen Pfund – Fürstenblut in den Adern – ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den ersten Wink alle Herzen zufliegen würden – –

Fiesco (wendet sich mit Verachtung ab). Von einem Schurken das anzuhören –

Mohr. Daß Genuas großer Mann Genuas großen Fall verschlafe. Viele bedauern, sehr Viele verspotten, die Meisten verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein Jesuit wollte gerochen haben, daß ein Fuchs im Schlafrock stecke.

Fiesco. Ein Fuchs riecht den andern. – Was spricht man zu meinem Roman mit der Gräfin Imperiali?

Mohr. Was ich zu wiederholen hübsch unterlassen werde.

Fiesco. Frei heraus! Je frecher, desto willkommener. Was murmelt man?

Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehäusern, Billardtischen, Gasthöfen, Promenaden – auf dem Markt – auf der Börse schreit man laut –

Fiesco. Was? Ich befehl' es dir!

Mohr (sich zurückziehend). Daß Ihr ein Narr seid.

Fiesco. Gut. Hier nimm die Zechine für diese Zeitung. Die Schellenkappe hab' und nun aufgesetzt, daß diese Genueser über mich lachen; bald will ich mir eine Glatze scheeren, daß sie den Hanswurst von mir spielen. Wie nahmen sich die Seidenhändler bei meinen Geschenken?

Mohr (drollig). Narr, sie stellten sich wie die armen Sünder –

Fiesco. Narr? Bist du toll, Bursche?

Mohr. Verzeiht! Ich hätte Lust zu noch mehr Zechinen.

Fiesco (lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Sünder –?

Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon über sich hören. Euer sind sie Seel und Leib.

Fiesco. Das freut mich. Sie geben den Ausschlag bei dem Pöbel zu Genua.

Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! daß ich nicht Geschmack an der Großmuth gefunden hätte. Sie wälzten sich mir wie unsinnig um den Hals, die Mädel schienen sich bald in meines Vaters Farbe vergafft zu haben, so hitzig fielen sie über meine Mondsfinsterniß her. Allmächtig ist doch das Gold, war da mein Gedanke; auch Mohren kann's bleichen.

Fiesco. Dein Gedanke war besser, als das Mistbeet, worin er wuchs – Die Worte, die du mir hinterbracht hast, sind gut, lassen sich Thaten daraus schließen?

Mohr. Wie aus des Himmels Räuspern der ausbrechende Sturm. Man steckt die Köpfe zusammen, rottiert sich zu Hauf, ruft Hum! spukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrscht eine dumpfe Schwüle – Dieser Mißmuth hängt wie ein schweres Wetter über der Republik – nur einen Wind, so fallen Schlossen und Blitze.

Fiesco. Stille! horch! Was ist das für ein verworrenes Gesumse?

Mohr (aus dem Fenster fliegend). Es ist das Geschrei vieler Menschen, die vom Rathhaus herabkommen.

Fiesco. Heute ist Procuratorwahl. Laß meine Carriole vorfahren. Unmöglich kann die Sitzung schon aus sein. Ich will hinauf. Unmöglich kann sie rechtmäßig sein – Schwert und Mantel her. Wo ist mein Orden?

Mohr. Herr, ich hab' ihn gestohlen und versetzt.

Fiesco. Das freut mich.

Mohr. Nun, wie? wird mein Präsent bald herausrücken?

Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmst?

Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte.

Fiesco. Der Tumult wälzt sich hierher. Horch! Das ist nicht das Gejauchze des Beifalls. (Rasch.) Geschwind, riegle die Hofpforten auf. Ich hab' eine Ahnung. Doria ist tollkühn. Der Staat gaukelt auf einer Nadelspitze. Ich wette, auf der Signoria ist Lärm worden.

Mohr (am Fenster, schreit). Was ist das? Die Straße Balbi herunter – Troß vieler Tausende – Hellebarden blitzen – Schwerter – Holla! Senatoren – fliegen hieher –

Fiesco. Es ist ein Aufruhr! Spring unter sie. Nenn meinen Namen. Sieh zu, daß sie hieher sich werfen. (Mohr eilt hinunter.) Was die Ameise Vernunft mühsam zu Haufen schleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zusammen.

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