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Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Verschwörung des Fiesco zu Genua
pages384-385
created20001002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölfter Auftritt.

Fiesco. Calcagno. Sacco. Zenturione. Zibo. Soldaten mit Musik und Fahnen treten auf.

Fiesco (ihnen entgegen im Triumph). Genueser – der Wurf ist geworfen – Hier liegt er, der Wurm meiner Seele – die gräßliche Kost meines Hasses. Hebet die Schwerter hoch! – Gianettino!

Calcagno. Und ich komme, Ihnen zu sagen, daß zwei Drittheile von Genua Ihre Partei ergreifen und zu Fieskischen Fahnen schwören –

Zibo. Und durch mich schickt Ihnen Verrina vom Admiralschiff seinen Gruß und die Herrschaft über Hafen und Meer –

Zenturione. Und durch mich der Gouverneur der Stadt seinen Commandostab und die Schlüssel –

Sacco. Und in mir wirft sich (indem er niederfällt) der große und kleine Rath der Republik knieend vor seinen Herrn und bittet fußfällig um Gnade und Schonung –

Calcagno. Mich laßt den Ersten sein, der den großen Sieger in seinen Mauern willkommen heißt – Heil Ihnen – Senket die Fahnen tief! – Herzog von Genua!

Alle (nehmen die Hüte ab). Heil, Heil dem Herzog von Genua! (Fahnenmarsch.)

Fiesco (stand die ganze Zeit über, den Kopf auf die Brust gesunken, in einer denkenden Stellung.)

Calcagno. Volk und Senat stehen wartend, ihren gnädigen Oberherrn im Fürstenornat zu begrüßen – Erlauben Sie uns, durchlauchtigster Herzog, Sie im Triumph nach der Signoria zu führen.

Fiesco. Erlaubt mir erst, daß ich mit meinem Herzen mich abfinde – Ich mußte eine gewisse theure Person in banger Ahnung zurücklassen, eine Person, die die Glorie dieser Nacht mit mir theilen wird. (Gerührt zur Gesellschaft.) Habt die Güte und begleitet mich zu eurer liebenswürdigen Herzogin! (Er will aufbrechen.)

Calcagno. Soll der meuchelmörderische Bube hier liegen und seine Schande in diesem Winkel verhehlen?

Zenturione. Steckt seinen Kopf auf eine Hellebarde!

Zibo. Laßt seinen zerrissenen Rumpf unser Pflaster kehren. (Man leuchtet gegen den Leichnam.)

Calcagno (erschrocken und etwas leise). Schaut her, Genueser! Das ist bei Gott kein Gianettinogesicht. (Alle sehen starr auf die Leiche.)

Fiesco (hält still, wirft von der Seite einen forschenden Blick darauf, den er starr und langsam unter Verzerrungen zurückzieht). Nein, Teufel – Nein, das ist kein Gianettinogesicht, hämischer Teufel! (Die Augen herumgerollt.) Genua mein, sagt ihr? Mein(Hinauswüthend in einem gräßlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hölle! Es ist mein Weib! (Sinkt durchdonnert zu Boden. Verschworne stehen in todter Pause und schauervollen Gruppen.)

Fiesco (matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab' ich mein Weib ermordet, Genueser? – Ich beschwöre euch, schielt nicht so geisterbleich auf dieses Spiel der Natur – Gott sei gelobt! Es gibt Schicksale, die der Mensch nicht zu fürchten hat, weil er nur Mensch ist. Wem Götterwollust versagt ist, wird keine Teufelqual zugemuthet – Diese Verirrung wäre etwas mehr. (Mit schrecklicher Beruhigung.) Genueser, Gott sei Dank! Es kann nicht sein.

Dreizehnter Auftritt.

Vorige. Arabella kommt jammernd.

Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu verlieren? – Habt Erbarmen, ihr Männer – Hier verließ ich meine gnädige Frau, und nirgends find' ich sie wieder.

Fiesco (tritt ihr näher mit leiser bebender Stimme). Leonore heißt deine gnädige Frau?

Arabella (froh). O daß Sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger Herr! – Zürnen Sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr zurückhalten.

Fiesco (zürnt sie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht?

Arabella. Daß sie nicht nachsprang –

Fiesco (heftiger). Schweig! wohin sprang?

Arabella. Ins Gedränge –

Fiesco (wüthend). Daß deine Zunge zum Krokodil würde – Ihre Kleider?

Arabella. Ein scharlachner Mantel –

Fiesco (rasend gegen sie taumelnd). Geh in den neunten Kreis der Hölle! – der Mantel?

Arabella. Lag hier am Boden –

Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino ward hier ermordet –

Fiesco (todesmatt zurückwankend zu Arabella). Deine Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreis herum, darauf mit leiser, schwebender Stimme, die stufenweis bis zum Toben steigt.) Wahr ist's – wahr – und ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter – Ah, (mit frechem Zähnblecken gen Himmel) hätt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen Zähnen – Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz – (Zu den Andern, die bebend herumstehen.) Mensch! – wie es jetzt dasteht, das erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, daß es nicht ist wie ich – Nicht wie ich! (In hohles Beben hinabgefallen.) Ich allein habe den Streich – (Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen?

Calcagno (furchtsam). Mein theurer Herzog –

Fiesco (dringt auf ihn ein mit gräßlicher Freude). Ah, willkommen! Hier, Gott sei Dank! ist Einer, den auch dieser Donner quetschte! (Indem er den Calcagno wüthend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmettert! Wohl bekomm die Verdammniß! Sie ist todt! Du hat sie auch geliebt! (Er zwingt ihn an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie ist todt! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich stünde am Thor der Verdammniß, hinunterschauen dürfte mein Aug auf die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr zerknirschter Sünder Gewinsel – Könnt' ich sie sehen, meine Qual, wer weiß, ich trüge sie vielleicht? (Mit Schauern zur Leiche gehend.) Mein Weib liegt hier ermordet – Nein, das will wenig sagen (Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet – O pfui, so etwas kann die Hölle kaum kitzeln – Erst wirbelt sie mich künstlich auf der Freude letztes glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an die Schwelle des Himmels – und dann hinunter – dann – o könnte mein Odem die Pest unter Seelen blasen – dann – dann ermord' ich mein Weib – Nein, ihr Witz ist noch feiner – dann übereilen sich (verächtlich) zwei Augen, und (mir schrecklichem Nachdruck) ich – ermorde – mein Weib! (Beißend lächelnd.) Das ist das Meisterstück!

(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen Thränen aus den Augen.   Pause.)

Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herumblickt). Schluchzt hier Jemand? – Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten, weinen. (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über diesen Hochverrath des Todes, oder weint ihr über meines Geistes Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Todten verweilend.) Wo in warme Thränen felsenharte Mörder schmelzen, flucht Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore, vergib – Reue zürnt man dem Himmel nicht ab! (Weich mit Wehmuth.) Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Fest jener Stunde, wo ich den Genuesern ihre Herzogin brächte – Wie lieblich verschämt sah ich schon deine Wangen erröthen, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der Entzückung versagen (Lebhafter.) Ha! wie berauschend wallte mir schon der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im versinkenden Neide! – Leonore – die Stund' ist gekommen – Genuas Herzog ist dein Fiesco – und Genuas schlechtester Bettler besinnt sich, seine Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen – (Rührender.) Eine Gattin theilt seinen Gram – mit wem kann ich meine Herrlichkeit theilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche. Rührung auf allen Gesichtern.)

Calcagno. Es war eine treffliche Dame.

Zibo. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er nähme den Unsrigen den Muth und gäb' ihn den Feinden.

Fiesco (steht gefaßt und fest auf). Höret, Genueser! – die Vorsehung, versteh' ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für die nahe Größe zu prüfen. – Es war die gewagteste Probe – jetzt fürcht' ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich, sagt ihr? – Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein Europäer sah – Kommt! – dieser unglücklichen Fürstin will ich eine Todtenfeier halten, daß das Leben seine Anbeter verlieren und die Verwesung wie eine Braut glänzen soll – Jetzt folgt eurem Herzog! (Gehen ab unter Fahnenmarsch.)

Vierzehnter Auftritt.

Andreas Doria. Lomellin.

Andreas. Dort jauchzen sie hin.

Lomellin. Ihr Glück hat sie berauscht. Die Thore sind bloßgegeben. Der Signoria wälzt sich Alles zu.

Andreas. Nur an meinem Neffen scheute das Roß. Mein Neffe ist todt. Hören Sie, Lomellin –

Lomellin. Was? noch? noch hoffen Sie, Herzog?

Andreas (ernst). Zittre du für dein Leben, weil du mich Herzog spottest, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf.

Lomellin. Gnädigster Herr – eine brausende Nation liegt in der Schale Fiescos – Was in der Ihrigen?

Andreas (groß und warm). Der Himmel!

Lomellin (hämisch die Achsel zuckend). Seitdem das Pulver erfunden ist, campieren die Engel nicht mehr.

Andreas. Erbärmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf seinen Gott noch nimmt! (Ernst und gebietend.) Geh! mache bekannt, daß Andreas noch lebe – Andreas, sagst du, ersuche seine Kinder, ihn doch in seinem achtzigsten Jahre nicht zu den Ausländern zu jagen, die dem Andreas den Flor seines Vaterlandes niemals verzeihen würden. Sag' ihnen das, und Andreas ersuche seine Kinder um so viel Erde in seinem Vaterland für so viel Gebeine.

Lomellin. Ich gehorsame, aber verzweifle. (Will gehen.)

Andreas. Höre! und nimm diese eisgraue Haarlocke mit – Sie war die letzte, sagst du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten Jännernacht, als Genua losriß von meinem Herzen und habe achtzig Jahre gehalten und habe den Kahlkopf verlassen im achtzigsten Jahre – die Haarlocke ist mürbe! aber doch stark genug, dem schlanken Jüngling den Purpur zu knüpfen (Er geht ab mit verhülltem Gesicht. Lomellin eilt in eine entgegengesetzte Gasse. Man hört ein tumultuarisches Freudengeschrei unter Trompeten und Pauken.)

Fünfzehnter Auftritt.

Verrina vom Hafen. Bertha und Bourgognino.

Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das?

Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog ausrufen.

Bertha (schmiegt sich ängstlich an Bourgognino). Mein Vater ist fürchterlich, Scipio!

Verrina. Laßt mich allein, Kinder – O Genua! Genua!

Bourgognino. Der Pöbel vergöttert ihn und forderte wiehernd den Purpur. Der Adel sah mit Entsetzen zu und durfte nicht Nein sagen.

Verrina. Mein Sohn, ich hab' alle meine Habseligkeiten zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen lassen. Nimm deine Frau und stich unverzüglich in See. Vielleicht werd' ich nachkommen. Vielleicht – nicht mehr. Ihr segelt nach Marseille, und (schwer und gepreßt sie umarmend) – Gott geleit' euch! (Schnell ab.)

Bertha. Um Gotteswillen! Worüber brütet mein Vater?

Bourgognino. Verstandst du den Vater?

Bertha. Fliehen, o Gott! Fliehen in der Brautnacht!

Bourgognino. So sprach er – und wir gehorchen. (Beide gehen nach dem Hafen.)

Sechzehnter Auftritt.

Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck.
(Beide treffen auf einander.)

Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war und aus, dich zu suchen.

Verrina. Das war auch mein Gang.

Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde?

Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine.

Fiesco. Aber siehst du auch keine?

Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, nein!

Fiesco. Ich frage, findest du keine!

Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine.

Fiesco. Nun, siehst du, so muß es doch wahr sein, daß die Gewalt nicht Tyrannen macht. Seit wir uns Beide verließen, bin ich Genuas Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt) findet meine Umarmung noch feurig wie sonst.

Verrina. Desto schlimmer, daß ich sie frostig erwiedern muß; der Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem Herzen – jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum zurück.

Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogthum wäre der Preis zu jüdisch.

Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der Mode gesunken, daß man dem Ersten dem Besten Republiken um ein Schandengeld nachwirft.

Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag du Niemand, als dem Fiesco.

Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muß es immer sein, von dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt – Aber Schade! der verschlagene Spieler hat's nur in einer Karte versehen. Er calculierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen Tugend zurückbehalten? Ich schwör' es beim lebendigen Gott, eh die Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums gräbt, soll sie sie auf dem Rade zusammenlesen!

Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der Herzog dein Bruder ist? wenn er sein Fürstenthum nur zur Schatzkammer seiner Wohlthätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht?

Verrina. Auch dann nicht – und der verschenkte Raub hat noch keinem Dieb von dem Galgen geholfen. Ueberdies ging diese Großmuth bei Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt' ich schon erlauben, mir Gutes zu thun – meinem Mitbürger hofft' ich es wett machen zu können. Die Geschenke eines Fürsten sind Gnade – und nur Gott ist mir gnädig.

Fiesco (ärgerlich). Wollt ich doch lieber Italien vom Atlantermeer abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn.

Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht, davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus dem Rachen nahmst – es selbst aufzufressen. – Aber genug! Nur im Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den ihr am Jesuiterdom aufknüpftet?

Fiesco. Die Canaille zündete Genua an.

Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Canaille ganz?

Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft.

Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! ich sage dir ja, ich liebe dich nicht mehr; ich schwöre dir, daß ich dich hasse – hasse wie den Wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in der Schöpfung that, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet – Höre, Fiesco – nicht Unterthan gegen Herrn – nicht Freund gegen Freund – Mensch gegen Mensch red' ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes, daß du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen und Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest – Fiesco, wär' auch ich der Redlichdumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das Weltgericht führen.

(Fiesco erstaunt und sprachlos mißt ihn mit großen Augen.)

Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig. (Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlag wiederkäuen und in den Ocean ihre Thränen weinen, der wie ein reicher Mann zu vornehm ist, sie zu zählen – Ein guter Fürst eröffnet sein Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die Galeerensklaven zu erlösen?

Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei – Geh und verkündige ihnen Allen Erlösung.

Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude verlierst. Versuch' es und gehe selbst. Die großen Herren sind so selten dabei, wenn sie Böses thun; sollten sie auch das Gute im Hinterhalt stiften? – Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers Empfindung zu groß.

Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich folgen muß. (Beide gehen dem Meer zu.)

Verrina (hält still, mit Wehmuth). Aber, noch einmal umarme mich, Fiesco! Hier ist ja Niemand, der den Verrina weinen sieht und einen Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiß, nie schlugen zwei größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich warm – (Heftig an Fiescos Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! du räumst einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach genommen, nicht mehr besetzen wird.

Fiesco (sehr gerührt). Sei – mein – Freund!

Verrina. Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's – Der erste Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner That in dieser Blutfarbe zu verstecken – Höre, Fiesco – ich bin ein Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen – Fiesco – das sind meine ersten Thränen – Wird diesen Purpur weg!

Fiesco. Schweig!

Verrina (heftiger). Fiesco – laß hier alle Kronen dieses Planeten zum Preis, dort zum Popanz all seine Foltern legen, ich soll knieen vor einem Sterblichen – ich werde nicht knieen – Fiesco! (indem er niederfällt) es ist mein erster Kniefall – Wirf diesen Purpur weg!

Fiesco. Steh auf und reize mich nicht mehr!

Verrina (entschlossen). Ich steh' auf, reize dich nicht mehr (Sie stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den Vortritt. (Gehen über das Brett.)

Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel? – er fällt!

Verrina (mit fürchterlichem Hohn). Nun, wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.)

Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem Herzog! (Sinkt unter.)

Siebzehnter Auftritt.

Calcagno. Sacco. Zibo. Zenturione. Verschworne. Volk. (Alle eilig, ängstlich.)

Calcagno (schreit). Fiesco! Fiesco! Andreas ist zurück, halb Genua springt dem Andreas zu. Wo ist Fiesco?

Verrina (mit festem Ton). Ertrunken!

Zenturione. Antwortet die Hölle oder das Tollhaus?

Verrina. Ertränkt, wenn das hübscher lautet – Ich geh' zum Andreas.

(Alle bleiben in starren Gruppen stehn.   Der Vorhang fällt.)

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