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Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Verschwörung des Fiesco zu Genua
pages384-385
created20001002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunter Auftritt.

Fiesco. Verschworene. Mohr trotzig in der Mitte.

Verschworene (fahren bebend zurück beim Anblick des Mohren). Ha! was ist das?

Fiesco (hat das Billet gelesen, mit verbissenem Zorn). Genueser! die Gefahr ist vorbei – aber auch die Verschwörung.

Verrina (ruft erstaunt aus). Was? Sind die Doria todt?

Fiesco (in heftiger Bewegung). Bei Gott! auf die ganze Kriegsmacht der Republik – auf Das war ich nicht gefaßt. Der alte schwächliche Mann schlägt mit vier Zeilen dritthalbtausend Mann. (Läßt kraftlos die Hände sinken.) Doria schlägt den Fiesco.

Bourgognino. So sprechen Sie doch! Wir erstarren.

Fiesco (liest). »Lavagna, Sie haben, däucht mich, Ein Schicksal mit mir – Wohlthaten werden Ihnen mit Undank belohnt. Dieser Mohr warnt mich vor einem Komplott – Ich sende ihn hier gebunden zurück und werde heute Nacht ohne Leibwache schlafen.« (Er läßt das Papier fallen. Alle sehen sich an.)

Verrina. Nun, Fiesco?

Fiesco (mit Adel). Ein Doria soll mich an Großmuth besiegt haben? Eine Tugend fehlt im Stamm der Fiesker? – Nein! so wahr ich ich selber bin! – Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen – und Alles bekennen. (Will hinausstürzen.)

Verrina (hält ihn auf). Bist du wahnsinnig, Mensch? War es denn irgend ein Bubenstreich, den wir vorhatten? Halt! oder war's nicht Sache des Vaterlands! Halt! oder wolltest du nur dem Andreas zu Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! sag' ich – ich verhafte dich als einen Verräther des Staats –

Verschworne. Bindet ihn! werft ihn zu Boden!

Fiesco (reißt Einem ein Schwert weg und macht sich Bahn). Sachte doch! Wer ist der Erste, der das Halfter über den Tiger wirft? – Seht, ihr Herrn – Frei bin ich – könnte durch, wo ich Luft hätte – Jetzt will ich bleiben, denn ich habe mich anders besonnen.

Bourgognino. Auf Ihre Pflicht besonnen?

Fiesco (aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen Sie erst die Ihrige gegen mich auswendig, und mir nimmer das! – Ruhig, ihr Herrn – es bleibt Alles wie vor. – (Zum Mohren, dessen Stricke er zerhaut.) Du hast das Verdienst, eine große That zu veranlassen – Entfliehe!

Calcagno (zornig). Was? was? Leben soll der Heide? leben und uns alle verrathen haben?

Fiesco. Leben und euch allen – bang gemacht haben. Fort, Bursche! Sorge, daß du Genua auf den Rücken kriegst, man könnte seinen Muth an dir retten wollen.

Mohr. Das heißt, der Teufel läßt keinen Schelmen sitzen! – Gehorsamer Diener, ihr Herrn! – Ich merke schon, in Italien wächst mein Strick nicht. Ich muß ihn anderswo suchen. (Ab mit Gelächter.)

Zehnter Auftritt.

Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren.

Bedienter. Die Gräfin Imperiali fragen schon dreimal nach Euer Gnaden.

Fiesco. Potz tausend! Die Komödie wird freilich wohl angehen müssen! Sag' ihr, ich bin unverzüglich dort – Bleib – Meine Frau bittest du, in den Concertsaal zu treten und mich hinter den Tapeten zu erwarten. (Bedienter ab.) Ich habe hier euer Aller Rollen zu Papier gebracht; wenn Jeder die seinige erfüllt, so ist nichts mehr zu sagen – Verrina wird voraus in den Hafen gehen und mit einer Kanone das Signal zum Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert sind. – Ich gehe; mich ruft noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Glöckchen hören und alle miteinander in meinen Concertsaal kommen – Indeß geht hinein – und laßt euch meinen Cyprier schmecken. (Sie gehen auseinander.)

Eilfter Auftritt.

Concertsaal – Leonore. Arabella. Rosa. Alle beängstigt.

Leonore. In den Concertsaal versprach Fiesco zu kommen, und kommt nicht. Eilf Uhr ist vorüber. Von Waffen und Menschen dröhnt fürchterlich der Palast, und kommt kein Fiesco?

Rosa. Sie sollen sich hinter die Tapeten verstecken – Was der gnädige Herr damit wollen mag?

Leonore. Er will's, Rosa, ich weiß also genug, um gehorsam zu sein. Bella, genug, um ganz außer Furcht zu sein – Und doch! doch zittr' ich so sehr, Bella, und mein Herz klopft so schrecklich bang. Mädchen, um Gotteswillen! gehe keines von meiner Seite.

Bella. Fürchten Sie nichts. Unsre Angst bewacht unsern Fürwitz.

Leonore. Worauf mein Auge stößt, begegnen mir fremde Gesichter, wie Gespenster hohl und verzerrt. Wen ich anrufe, zittert wie ein Ergriffener und flüchtet sich in die dichteste Nacht, diese gräßliche Herberge des bösen Gewissens. Was man antwortet, ist ein halber heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch ängstlicher zweifelt, ob er auch kecklich entwischen darf. – Fiesco? – Ich weiß nicht, was hier Grauenvolles geschmiedet wird – Nur meinen Fiesco (mit Grazie ihre Hände faltend) umflattert, ihr himmlischen Mächte!

Rosa (zusammengeschreckt). Jesus! Was rauscht in der Galerie?

Bella. Es ist der Soldat, der dort Wache steht. (Die Schildwache ruft außen: »Wer da?« Man antwortet.)

Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geschwind! (Sie verstecken sich.)

Zwölfter Auftritt.

Julia. Fiesco im Gespräch.

Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut – Wo bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?

Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen freier mit Wallungen reden.

Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter! Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen sehen und dich erbarmen.

Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er küßt ihr heftig die Hand.)

Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch. Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh! diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich beschwöre dich.

Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?

Julia. Ueber euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut. Hier verlassen sie mich.

Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem Verluste?

Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen, die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt? – daß alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König bedecken? Ueberrumpelst du diesen – Matt! und wird getrost das ganze Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth – Sei großmüthig!

Fiesco. Und doch, Julia – Wo besser als in meiner unendlichen Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?

Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer – Höre, Fiesco, wie lang wird diese Unendlichkeit währen? – Ach! schon zu unglücklich hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen sollte – Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu; und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten – Pfui doch, was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)

Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack, oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit – was von beiden ist schwerer zu vergeben?

Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die Waffen der Hölle – die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen. (Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.) Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco – Wir sind Heldinnen, wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen: – wenn wir sie vertheidigen, Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie rächen – Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?

Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt? – Nun, bei Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit gehen mir die Augen auf – Was war's, das ich eben erbetteln wollte? – Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher.

Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung!

Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.)

Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß ich es denn sagen – heraussagen, was das ganze Männervolk auf den Knieen – in Thränen – auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen sollte? – Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht – Fiesco – O, ich bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts –mein ganzes Geschlecht wird mich ewig hassen – Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm nieder.)

Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke, hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine Gemahlin – ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.)

Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen!

Dreizehnter Auftritt.

Die Verschwornen, welche zumal hereintreten. Damen von der andern Seite. Fiesco. Leonore und Julia.

Leonore. Mein Gemahl, das war allzu streng.

Fiesco. Ein schlechtes Herz verdiente nicht weniger. Deinen Thränen war ich diese Genugthuung schuldig. (Zur Versammlung.) Nein, meine Herrn und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlaß in kindische Flammen aufzuprasseln, Die Thorheiten der Menschen belustigen mich lange, eh sie mich reizen. Diese verdient meinen ganzen Zorn, denn sie hat diesem Engel dieses Pulver gemischt. (Er zeigt das Gift der Versammlung, die mit Abscheu zurücktritt.)

Julia (ihre Wuth in sich beißend). Gut! Gut! Sehr gut, mein Herr! (Will fort.)

Fiesco (führt sie am Arm zurück). Sie werden Geduld haben, Madame – Noch sind wir nicht fertig – Diese Gesellschaft möchte gar zu gern wissen, warum ich meinen Verstand so verleugnen konnte, den tollen Roman mit Genuas größter Närrin zu spielen –

Julia (aufspringend). Es ist nicht auszuhalten! Doch zittre du! (Drohend.) Doria donnert in Genua, und ich – bin seine Schwester.

Fiesco. Schlimm genug, wenn das Ihre letzte Galle ist – Leider muß ich Ihnen die Botschaft bringen, daß Fiesco von Lavagna aus dem gestohlenen Diadem Ihres durchlauchtigsten Bruders einen Strick gedreht hat, womit er den Dieb der Republik diese Nacht aufzuhängen gesonnen ist. (Da sie sich entfärbt, lacht er hämisch auf.) Pfui, das kam unerwartet – und sehen Sie! (indem er beißender fortfährt) darum fand ich es für nöthig, den ungebetenen Blicken Ihres Hauses etwas zu schaffen zu geben; darum behängt' ich mich (auf sie deutend) mit dieser Harlekinsleidenschaft, darum (auf Leonoren zeigend) ließ ich diesen Edelstein fallen, und mein Wild rannte glücklich in den blanken Betrug – Ich dank' für Ihre Gefälligkeit, Signora, und gebe meinen Theaterschmuck ab. (Er überliefert ihren Schattenriß mit einer Verbeugung.)

Leonore (schmiegt sich bittend an den Fiesco). Mein Ludovico, sie weint. Darf Ihre Leonore Sie zitternd bitten?

Julia (trotzig zu Leonoren). Schweig! du Verhaßte –

Fiesco (zu einem Bedienten). Sei Er galant, Freund – biete Er dieser Dame den Arm an; sie hat Lust, mein Staatsgefängniß zu sehen. Er steht mir davor, daß Madonna von Niemand incommodiert wird – draußen geht eine scharfe Luft – der Sturm, der heute Nacht den Stamm Doria spaltet, möchte ihr leicht – den Haarputz verderben.

Julia (schluchzend). Die Pest über dich, schwarzer heimtückischer Heuchler! (Zu Leonoren grimmig.) Freue dich deines Triumphs nicht, auch dich wird er verderben, und sich selbst und – verzweifeln! (Stürzt hinaus.)

Fiesco (winkt den Gästen). Sie waren Zeugen – Retten Sie meine Ehre in Genua! (Zu den Verschwornen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die Kanone kommt. (Alle entfernen sich.)

Vierzehnter Auftritt.

Leonore. Fiesco.

Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco? – Fiesco? – Ich verstehe Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern.

Fiesco (wichtig). Leonore – ich sahe Sie einst einer Genueserin zur Linken gehen – Ich sahe Sie in den Assembleen des Adels mit dem zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore – das that meinen Augen weh. Ich beschloß, es soll nicht mehr sein – es wird aufhören. Hören Sie das kriegerische Getöse in meinen Schloß? Was Sie fürchten, ist wahr – Gehn Sie zu Bette, Gräfin – morgen will ich – die Herzogin wecken.

Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel). Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren!

Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei meiner Ahnherrn trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll Ihr Gemahl nur geerbten Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all seine Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco zusammenflickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute Nacht werf' ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab zurück – Die Grafen von Lavagna starben aus – Fürsten beginnen.

Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen Gemahl an tiefen tödtlichen Wunden zu Boden fallen – (Hohler.) Ich sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste – einzige Kugel fliegt durch die Seele Fiescos.

Fiesco (faßt sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind. Das wird die einzige Kugel nicht.

Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein Gemahl wäre verloren – Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco. Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiel', würdest du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung.

Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser.

Leonore. Sagst du das – und standest bei jenem geisterverzerrenden Spiele – ihr nennt es Zeitvertreib – sahest zu der Betrügerin, wie sie ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm ward, aufstand, die Bank forderte – und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung verließ – O mein Gemahl! du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf aufzujagen, das Roß an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang, Fiesco. Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergötterten, nützen dir wenig, und wo ich hinsehe ist Fiesco verloren.

Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmuth ist die höchste Gefahr. Größe will auch ein Opfer haben.

Leonore. Größe, Fiesco? – Daß dein Genie meinem Herzen so übel will! – Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen – Weh dann mir Aermsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es mißlingt! wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter! Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist hin, wenn ich den Herzog umarme.

Fiesco. Das verstehe ich nicht.

Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieser stürmischen Zone des Throns verdorret das zarte Pflänzchen der Liebe. Das Herz eines Menschen, und wär' auch selbst Fiesco der Mensch, ist zu enge für zwei allmächtige Götter – Götter, die sich so gram sind. Liebe hat Thränen, und kann Thränen verstehen; Herrschsucht hat eherne Augen, worin ewig nie die Empfindung perlt – Liebe hat nur ein Gut, thut Verzicht auf die ganze übrige Schöpfung: Herrschsucht hungert beim Raube der ganzen Natur – Herrschsucht zertrümmert die Welt in ein rasselndes Kettenhaus, Liebe träumt sich in jede Wüste Elysium. – Wolltest du jetzt an meinem Busen dich wiegen, pochte ein störriger Vasalle an dein Reich – Wollt' ich jetzt in deine Arme mich werfen, hörte deine Despotenangst einen Mörder aus den Tapeten hervorrauschen und jagte dich flüchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großäugige Verdacht steckte zuletzt auch die häusliche Eintracht an – Wenn deine Leonore dir jetzt einen Labetrank brächte, würdest du den Kelch mit Verzuckungen wegstoßen und die Zärtlichkeit eine Giftmischerin schelten.

Fiesco (bleibt mit Entsetzen stehen). Leonore, hör auf! Das ist eine häßliche Vorstellung –

Leonore. Und doch ist das Gemälde nicht fertig. Ich würde sagen, opfre die Liebe der Größe, opfre die Ruhe – wenn nur Fiesco noch bleibt – Gott! das ist Radstoß! – Selten stiegen Engel auf den Thron, seltner herunter. Wer keinen Menschen zu fürchten braucht, wird er sich eines Menschen erbarmen? Wer an jeden Wunsche einen Donnerkeil heften kann, wird er für nöthig finden, ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben? (Sie hält inne, dann tritt sie bescheiden zu ihm und faßt seine Hand; mit feinster Bitterkeit.) Fürsten, Fiesco? diese mißrathenen Projecte der wollenden und nicht könnenden Natur – sitzen so gern zwischen Menschheit und Gottheit nieder; – heillose Geschöpfe! schlechtere Schöpfer!

Fiesco (stürzt sich beunruhigt durchs Zimmer). Leonore, hör' auf! Die Brücke ist hinter mir abgehoben –

Leonore (blickt ihn schmachtend an). Und warum, mein Gemahl? Nur Thaten sind nicht mehr zu tilgen. (Schmelzend zärtlich und etwas schelmisch.) Ich hörte dich wohl einst schwören, meine Schönheit habe alle deine Entwürfe gestürzt – du hast falsch geschworen, du Heuchler, oder sie hat frühzeitig abgeblüht – Frage dein Herz, wer ist schuldig? (Feuriger, indem sie ihn mit beiden Armen umfaßt.) Komm zurücke! Ermanne dich! Entsage! Die Liebe soll dich entschädigen. Kann mein Herz deinen ungeheuren Hunger nicht stillen – o Fiesco! das Diadem wird noch ärmer sein. – (Schmeichelnd.) Komm! ich will alle deine Wünsche auswendig lernen, will alle Zauber der Natur in einen Kuß der Liebe zusammenschmelzen, den erhabenen Flüchtling ewig in diesen himmlischen Banden zu halten – dein Herz ist unendlich – auch die Liebe ist es, Fiesco. (Schmelzend.) Ein armes Geschöpf glücklich zu machen – ein Geschöpf, das seinen Himmel an deinem Busen lebt – sollte das eine Lücke in deinem Herzen lassen?

Fiesco (durch und durch erschüttert). Leonore, was hast du gemacht? (Er fällt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueser mehr unter die Augen treten –

Leonore (freudig rasch). Laß uns fliehen, Fiesco, laß in den Staub uns werfen all diese prahlenden Nichts, laß in romantischen Fluren ganz der Liebe uns leben! (Sie drückt ihn an ihr Herz mit schöner Entzückung.) Unsre Seelen, klar, wie über uns das heitre Blau des Himmels, nehmen dann den schwarzen Hauch des Grams nicht mehr an – Unser Leben rinnt dann melodisch wie die flötende Quelle zum Schöpfer – (Man hört den Kanonenschuß. Fiesco springt los. Alle Verschwornen treten in den Saal.)

Fünfzehnter Auftritt.

Verschworne. Die Zeit ist da!

Fiesco (zu Leonoren, fest). Lebe wohl! Ewig – oder Genua liegt morgen zu deinen Füßen. (Will fortstürzen.)

Bourgognino (schreit). Die Gräfin sinkt um. (Leonore in Ohnmacht. Alle springen hin, sie zu halten. Fiesco vor ihr niedergeworfen.)

Fiesco (mit schneidendem Ton). Leonore! Rettet! um Gotteswillen! Rettet! (Rosa, Bella kommen, sie zurecht zu bringen.) Sie schlägt die Augen auf – (Er springt entschlossen in die Höh'.) Jetzt kommt – sie dem Doria zuzudrücken. (Verschworne stürzen zum Saal hinaus. Vorhang fällt.)

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