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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Fünftes Kapitel.

Pater Cristoforo stand an der Schwelle still und hatte kaum einen Blick auf die Frauenzimmer geworfen, so mußte er wohl die Bemerkung machen, daß seine Ahnung ihn nicht getäuscht hatte. Er erhob den Bart mit einer leichten Bewegung des Kopfes nach rückwärts und sagte in jenem Frageton, mit welchem man einer traurigen Antwort entgegengeht: »Nun?« – Lucia antwortete mit hervorstürzenden Tränen. Die Mutter wollte sich auf Entschuldigungen einlassen, daß sie es gewagt habe – der Gast aber schritt vorwärts, setzte sich auf einen kleinen dreifüßigen Stuhl und verrannte allen Entschuldigungen den Weg, indem er zu Lucien sagte: »Beruhigt Euch, armes Mädchen. Und Ihr,« wandte er sich an Agnese, »erzählt mir, was es gibt.«

Während die gute Frau ihre Erzählung aufs beste zurichtete, wechselte der Mönch vielfach die Farbe, hob bisweilen die Augen gen Himmel und stampfte mit den Füßen. Nachdem der Bericht zu Ende, bedeckte er das Gesicht mit beiden Händen und rief: »Großer Gott! wie weit ...« Doch ohne zu endigen, wandte er sich wiederum zu den Frauen und sprach: »Arme Leute! Gott hat Euch heimgesucht! Arme Lucia!« »Werden Sie uns nicht verlassen, Vater?« fragte Lucia schluchzend.

»Euch verlassen!« war seine Antwort. »Mit welchem Gesichte sollte ich Gott um eine Gnade für mich bitten, wenn ich Euch verlassen hätte? Euch in diesem Zustande, Euch, die er mir anvertraut! Verliert den Mut nicht; er wird Euch beistehen. Er kann sich auch eines unbedeutenden Menschen wie meiner bedienen, um die Pläne zu zerstören, die ein ... Wir wollen sehen, wir wollen überlegen, was sich tun läßt.«

Er stützte den linken Ellenbogen aufs Knie, legte die Stirn in die flache Hand und strich mit der Rechten Kinn und Bart, um gleichsam alle Seelenkräfte gesammelt und ungestört beieinander zu halten. Aber die angestrengteste Überlegung ließ ihn nur desto deutlicher erkennen, wie drängend und verwickelt der Fall, wie spärlich, wie unsicher und gefahrvoll die Hilfsmittel. Nachdem er das Für und das Wider der verschiedenen Entschlüsse gegeneinander abgewogen, schien es ihm endlich am rätlichsten, dem Don Rodrigo selbst entgegenzutreten und ihn durch Bitten, durch die Schrecken des andern und allenfalls auch dieses Lebens von seinem schändlichen Vorsatze abzubringen. Im schlimmsten Falle ließe sich auf diesem Wege wenigstens deutlicher erkennen, wie weit in seinem schmutzigen Vorhaben seine Hartnäckigkeit gehe, es ließ sich etwas mehr von seinen Absichten entdecken, und danach könnte man dann weiter verfahren.

Während der Mönch also im Nachsinnen dasaß, erschien Renzo an der Türe. Sobald er den nachsinnenden Pater gewahr geworden und die Frauen ihm zugewinkt hatten, keine Störung zu verursachen, blieb er schweigend an der Schwelle stehen. Der Mönch erhob das Gesicht, um den Frauen seinen Plan mitzuteilen; er bemerkte den Angekommenen und grüßte ihn auf eine Weise, in welcher sich eine gewohnte Zuneigung, durch Mitleid gesteigert, aussprach.

»Haben sie Ihnen gesagt, Vater?« sprach Renzo mit bewegter Stimme.

»Nur allzu wohl. Und darum bin ich hier.«

»Was sagen Sie von dem Schurken ... ?«

»Was soll ich von ihm sagen?« Er ist nicht hier; wozu dienten meine Worte? Dich aber, mein guter Renzo, fordere ich auf, Vertrauen in Gott zu haben; denn Gott wird dich nicht verlassen.« :

»Der Himmel segne Ihre Worte!« rief der Jüngling. »Sie sind keiner von denen, die uns armen Leuten immer unrecht geben. Der Herr Pfarrer aber und der Herr Doktor da ...« »Laß gut sein und suche nicht wieder hervor, was nur dazu dient, unnützerweise dich zu quälen. Ich bin ein armer Mönch; aber ich wiederhole dir, was ich den Frauen hier gesagt habe: soviel in meinen dürftigen Kräften steht, werd' ich euch nicht verlassen. – Hört, Kinder,« fuhr er gleich darauf fort, »ich geh' noch heute, mit jenem Menschen ein Wort zu reden. Wenn der Herr ihm das Herz rührt und meinen Worten Kraft verleiht, gut; wenn nicht, so wird er uns ein andres Mittel finden lassen. Ihr indessen verhaltet euch ruhig, bleibt im Hause, vermeidet alles Geplauder, laßt euch nicht sehen. Diesen Abend oder spätestens morgen früh seht ihr mich wieder.« – Mit diesen Worten verließ er, ohne auf Danksagungen und Segensworte zu hören, das Haus. Er ging nach dem Kloster, kam noch zur rechten Zeit an, um auf dem Chore Psalmen zu singen, frühstückte und machte sich dann schnell auf den Weg zur Höhle des Raubtieres, welches er zu zähmen unternommen hatte.

Don Rodrigos Palast erhob sich einsam, gleich einem Wartturme, auf dem Gipfel eines der Vorgebirge, in welchen jenes Ufer hier und dort emporsteigt. Hieraus ermißt sich von selbst, daß der Landsitz – der Erzähler hätte gescheiter getan, immerhin den Namen niederzuschreiben – höher als das Dorf unserer Verlobten lag, etwa drei Miglien davon entfernt und vier vom Kloster. Am Fuße des Vorgebirges, nach der Seeseite zu, lag ein Haufe von Hütten, darin Don Rodrigos Bauern wohnten; und dies war gleichsam die kleine Hauptstadt seines kleinen Reiches. Man durfte nur hindurchgehen, um von den Umständen und der Art des Landgutes einen Begriff zu erhalten. Warf man, wo eine Türe offen stand, einen Blick in die unteren Zimmer, so sah man Feuergewehre, Karste, Rechen, Strohhüte, Netze und Pulverbeutel bunt durcheinander an den Wänden hängen. Die Leute, denen man begegnete, waren breitschultrige mürrische Knechte mit einem großen Haarbüschel, der, über den Kopf zurückgelegt, von einem Netze umschlossen wurde; alte Kerle, welche beständig, nachdem sie gleichsam die fürchterlichen Hauer verloren, bereit schienen, sobald ihnen nur einer zu nahe kam, das Zahnfleisch fletschend zu zeigen; Frauen mit männlichen Gesichtern und nervigen Armen, bei der ersten besten Gelegenheit eine fertige Zungenhilfe; selbst in der Gestalt und den Gebärden der Kinder, die auf der Straße spielten, verkündete sich ein waghalsiger, kampflustiger Sinn.

Bruder Cristoforo wanderte durch das Dorf, stieg einen kleinen gewundenen Pfad hinauf und gelangte sodann auf einen Platz vor dem Palaste. Die Pforte war geschlossen, ein Zeichen, daß der Hausherr speiste und nicht gestört sein wollte. Lockere, durch die Jahre fast zertrümmerte Läden schlossen die wenigen kleinen Fenster, die nach der Straße gingen; indessen waren sie durch dicke Eisenstangen geschützt und im unteren Stockwerke so hoch, daß ein Mensch, auch wenn er sich auf die Schultern eines anderen stellte, kaum hinanreichte. Ringsumher schwieg eine tiefe Stille; ein Vorübergehender hätte ein verlassenes Haus vermutet, wenn vier Geschöpfe, zwei lebende und zwei leblose, an der Vorderseite in Ebenmaß aufgepflanzt, nicht ein Anzeichen von Bewohnung gegeben hätten. Zwei mächtige Geier mit ausgebreiteten Flügeln und schwebenden Köpfen, der eine von der Zeit entfiedert und halb verzehrt, der andre noch wohlerhalten und beschwingt, waren jeder an einen Flügel der Pforte festgenagelt; zwei Bravi, zur Rechten und zur Linken auf eine Bank hingestreckt, hielten Wache und erwarteten den Ruf, um die Überbleibsel von der Tafel ihres Herrn in Empfang zu nehmen. Der Mönch blieb stehen, als wollte er warten, aber einer der beiden Bravi stand auf und sagte: »Kommen Sie nur näher, Pater; hier läßt man einen Kapuziner nicht warten; wir sind Freunde des Klosters, und ich bin unter Umständen drin gewesen, wo die Luft draußen mir nicht eben heilsam war; wenn sie mir die Türe dort verschlossen hätten, wär' es mir übel ergangen.« – Indem er so sprach, tat er zwei Schläge mit dem Hammer. Auf diesen Schall ließ sich innen augenblicklich das Heulen und Winseln von großen und kleinen Hunden hören, und wenige Sekunden darauf trat brummend ein alter Diener hervor. Sobald dieser aber den Pater ansichtig geworden, machte er ihm eine ehrerbietige Verneigung, beschwichtigte die Tiere mit Händen und Stimme, führte den Gast in einen engen Hof und schloß die Türe wieder zu. Nachdem er ihn darauf in einen Saal geleitet und ihn mit verwunderter, ehrfurchtsvoller Gebärde betrachtet hatte, fragte er: »Sind Sie nicht Pater Cristoforo von Pescarenico?«

»Der bin ich!«

»Sie hier?«

»Wie Ihr seht, guter Mann.«

»Es wird um eines guten Zweckes willen sein,« fuhr der Alte zwischen den Zähnen murmelnd fort und machte sich weiter auf den Weg; »Gutes läßt sich allerorten tun.«

Sie gingen durch zwei oder drei dunkle Gemächer und gelangten dann zur Türe des Speisesaals. Hier vernahm man ein verworrenes Geräusch von Gabeln, Messern, Bechern, zinnernen Schüsseln und vorzüglich von mannigfaltigen Stimmen, die wechselweise einander zu überschreien suchten. Der Mönch wollte sich zurückziehen und unterhandelte an der Schwelle mit dem Alten, um in irgendeinem Winkel des Hauses verweilen zu dürfen, bis die Mahlzeit vorüber wäre. Da öffnete sich die Türe. Ein Graf Attilio, welcher gegenüber saß – er war ein Vetter des Hausherrn, und ohne ihn zu nennen, haben wir seiner bereits Erwähnung getan –, erblickte ein geschorenes Haupt und eine Mönchskutte; er erkannte die bescheidene Absicht des guten Bruders und rief ihm zu: »He, he, gehen Sie uns nicht weg, ehrwürdiger Herr; vorwärts, vorwärts!« – Don Rodrigo, ohne gerade den Zweck des Besuches zu erraten, aber von einem dunklen Vorgefühl überrascht, hätte seinem Vetter die Einladung gern erlassen. Da der unachtsame Attilio indessen mit lauter Stimme gerufen, so konnte er nicht gut sich zurückziehen, und so sagte er denn auch: »Kommen Sie, Pater, kommen Sie!« – Dieser trat näher, verneigte sich vor dem Hausherrn und erwiderte nach beiden Seiten hin die Begrüßungen der Tischgenossen.

Gewöhnlich, wir wollen nicht sagen immer, denkt man sich den redlichen Mann einem Taugenichts gegenüber mit erhobener Stirn, mit sicherem Blicke, freier Brust und gelöster Zunge; um aber eine solche Stellung zu behaupten, bedarf es in der Tat vieler Umstände, die sich nur selten beieinander finden. Man wundre sich also nicht, wenn Bruder Cristoforo trotz des guten Zeugnisses seines Gewissens, des unerschütterlichen Gefühles der gerechten Sache, welche zu verteidigen er gekommen, bei der Mischung von Abscheu und Mitleid mit Don Rodrigo, dennoch schüchtern und untertänig sich eben diesem Don Rodrigo näherte, der dort im Polsterstuhle saß, in seinem Hause, in seinem Reiche, umgeben von Freunden, von Huldigungen und allen Zeichen seiner Gewalt. Zu seiner Rechten saß jener Graf Attilio, sein Vetter und, wir müssen es sagen, der Gefährte seiner Wüstlingschaft und seiner Missetaten; er war aus Mailand hergekommen, um einige Tage auf dem Lande mit ihm zu verleben; zur Linken, an der andern Seite des Tisches, in großer Ehrfurcht, doch nicht ohne Zuversicht und eingebildeten Dünkel, der Stadtvogt, eben der Mann, dessen Geschäft es laut der Verordnungen gewesen wäre, unsrem Renzo Tramaglino Gerechtigkeit zu verschaffen und Don Rodrigo nach Vorschrift in Strafe zu ziehen; ihm gegenüber, mit dem Ausdruck der reinsten und herzlichsten Ehrerbietung, unser Doktor Knotenhauer, in schwarzem Mantel, mit einer Nase, deren Purpur stattlicher noch als sonst schimmerte; dann zwei unbedeutende Gäste, von denen unsre Geschichte nichts weiter erwähnt, als daß sie aßen, mit den Köpfen nickten und allem, was ein Tischgenosse sagte, sobald kein zweiter etwas dagegen hatte, beifällig zulächelten.

»Laßt den Pater sitzen,« sagte Don Rodrigo. Ein Diener reichte ihm einen Sessel; Bruder Cristoforo nahm Platz, indem er sich beim Hausherrn entschuldigte, so zur ungelegenen Stunde gekommen zu sein. – »Ich wünschte, um einer wichtigen Angelegenheit willen allein mit Ihnen sprechen zu können,« flüsterte er sodann mit noch untertänigerer Stimme dem hohen Wirte zu.

»Gut, gut, wir werden sprechen,« war die Antwort; »indessen schaffe man einen Trunk für den Pater herbei.«

Der Mönch wollte sich weigern, Don Rodrigo aber erhob mitten im Lärmen, das wieder begonnen hatte, seine Stimme und rief: »Nein, beim Himmel, Sie werden mir das nicht zuleide tun; es soll nie geschehen, daß ein Kapuziner aus meinem Hause geht, ohne meinen Wein, oder ein unverschämter Gläubiger, ohne das Holz meiner Waldungen gekostet zu haben.«

Diese Worte erregten ein allgemeines Gelächter und unterbrachen für einen Augenblick den Gegenstand, über welchen es unter den Tischgenossen hitzig herging. Ein Diener brachte auf einem Becken eine Weinflasche und einen hohen kelchähnlichen Becher, welchen er dem Gaste darreichte. Dieser mochte der dringenden Einladung eines Mannes, um dessen Gewogenheit es ihm gerade so sehr zu tun war, nicht länger sich widersetzen, schenkte alsbald sich ein und schlürfte langsam das Getränk.

Die Unterhaltung, die nur ganz kurz unterbrochen war, bewegte sich in der Erörterung politischer Ereignisse. »Mir fällt ein, ihr Herren,« begann Don Rodrigo wieder, »ich habe sagen hören, man spreche in Mailand von einem Vergleich.«

Der Leser weiß, daß in jenem Jahre um die Nachfolge in der mantuanischen Herzogswürde gestritten ward; nach dem Tode des Vincenzo Gonzaga, welcher ohne männliche Erben verschieden, hatte sich der Herzog von Nevers, sein nächster Verwandter, in ihren Besitz gesetzt. Ludwig der Dreizehnte oder Kardinal Richelieu suchte ihn als seinen Ergebenen und naturalisierten Franzosen in derselben zu schirmen; Philipp der Vierte oder der Graf Olivarez, gewöhnlich der Graf Herzog genannt, mochte ihn aus eben den Gründen dort nicht haben und hatte einen Krieg gegen ihn erregt. Da nun das Herzogtum ein Reichslehn war, so bemühten sich beide Parteien durch Staatskünste, Gesuche und Drohungen bei Kaiser Ferdinand dem Zweiten; jene, damit er dem neuen Herzoge die Belehnung bewilligte, diese, damit er sie ihm versagte und selbst seine Hilfe dazu hergäbe, ihn aus dem Herzogtum zu vertreiben.

»Ich möchte beinah glauben,« sagte Graf Attilio, »daß die Sache sich friedlich ausgleichen läßt. Ich habe gewisse Argumente ...«

»Glauben Sie's nicht, Herr Graf, glauben Sie's nicht,« unterbrach ihn der Stadtvogt. »Ich kann hierzulande von dergleichen wissen; denn der spanische Herr Kastellan, welcher aus Herablassung mir ein wenig gewogen und, da sein Vater ein Günstling des Grafen Herzogs, von allem unterrichtet ist ...«

»Ich sage Ihnen, daß ich in Mailand täglich mit ganz andern Personen spreche, und weiß aus guter Quelle, daß der heilige Vater, der über alles Frieden wünscht, Anträge gemacht hat ...«

»So sollte es sein, die Sache ist in der Ordnung, Seine Heiligkeit tut ihre Pflicht; ein Papst soll zwischen christlichen Fürsten immer Gutes stiften, der Graf Herzog aber hat seine Staatsgründe, und ...«

»Mag sein,« entgegnete der Graf; »wissen Sie denn aber, wie der Kaiser in diesem Augenblicke denkt? Glauben Sie, daß Mantua allein in der Welt vorhanden ist? Es gibt viele Dinge, Herr, für die gesorgt sein will. Wissen Sie zum Beispiel, wie weit sich in diesem Augenblick der Kaiser auf seinen Fürsten Valdistano oder Vallistai, wie sie ihn nennen, verlassen darf, und ob ...«

»Vagliensteino ist der wahre Name in deutscher Sprache,« unterbrach der Vogt wiederum, »so hab' ich ihn mehr als einmal von unserm spanischen Herrn Kastellan aussprechen hören. Deshalb aber lasse man sich nicht bange sein, denn ...«

»Wollen Sie mich lehren?« sprach der Graf mit Heftigkeit dagegen; doch der Hausherr erinnerte ihn mit dem Knie, er möchte aus Liebe zu ihm nicht weiter widersprechen. Er schwieg, und so setzte der Vogt, wie ein Schiff, welches soeben von einer Sandbank losgekommen, mit geschwellten Segeln den Lauf seiner Beredsamkeit fort. – »Vagliensteino bekümmert mich wenig; denn der Graf Herzog hat ein Auge für jedwedes Ding und jedweden Ort, und wenn dieser Vagliensteino auf den Einfall geriete, sich nach seiner Laune den Zügel schießen zu lassen, so wird er ihn schon, entweder mit Gutem oder mit Bösem, ins rechte Geleise wieder eintreten lehren. Er hat ein Auge für jedwedes Ding, sag' ich, und lange Arme, und wenn er den Nagel mit gehöriger Entschlossenheit eingeschlagen hat, wie er ihn wirklich hat, so läßt sich's von einem so großen Staatsmann wie ihm erwarten, daß der Herr Herzog von Nevers in Mantua keine Wurzeln schlägt; der Herzog von Nevers wird keine Wurzeln dort schlagen, und der Herr Kardinal von Riciliu soll ein Loch ins Wasser gestochen haben.«

Weiß der Himmel, wann der Segler ans Land gestoßen wäre; Don Rodrigo aber, durch die unwilligen Grimassen seines Vetters bewogen, winkte einem Diener, eine gewisse Flasche zu bringen.

»Herr Stadtvogt,« sagte er, »und Sie, meine Herren, einen Toast dem Grafen Herzog, und dann sollen Sie mir sagen, ob des Herrn der Wein würdig.« – Der Vogt antwortete mit einer Verneigung, in welcher sich eine besondere Erkenntlichkeit zu verstehen gab; denn alles, was zu Ehren des Grafen Herzogs getan oder gesprochen ward, eignete er zum Teil, als gälte es ihm, sich selbst zu.

»Lange lebe Don Gasparo Guzman, Graf von Olivarez, Herzog von San-Lucar, der große Günstling König Philipps des Großen, unseres Herrn!« rief er und hielt den Becher hoch.

»Er lebe lange!« antworteten alle.

»Schenkt dem Pater ein,« sagte Don Rodrigo.

»Um Verzeihung,« erwiderte dieser, »ich habe schon zuviel getan und könnte nicht ...«

»Wie?« sagte Don Rodrigo. »Es handelt sich um eine Gesundheit für den Grafen Herzog. Sollen wir glauben, Sie halten's mit den Navarresern?«

So nannte man die Freunde der Franzosen; das Wort war wahrscheinlich um die Zeit entstanden, da man dem König von Navarra, Heinrich dem Vierten, die Nachfolge auf dem französischen Throne streitig machte; auch hieß er selbst bei seinen Widersachern gewöhnlich der Navarrese.

Nach einer solchen Beschwörung mußte getrunken werden. Die Tischgenossen brachen alle in ein lautes Lob des Weines aus; nur unser Doktor Knotenhauer nicht. Denn der schwang sein Haupt in die Höhe, sah mit starren Blicken nach dem Becher, hielt die Lippen geschlossen und drückte sich durch solch ein Stillschweigen beredter als jeder andere aus.

»Was meint Ihr zu dem, Doktor?« fragte Don Rodrigo.

Indem er aus dem Becher mit einer Nase hervortauchte, welche es an Scharlach und Schimmer siegreich mit dem Weine selbst aufnahm, entgegnete der Doktor, auf jede Silbe einen kräftigen Drucker setzend: »Ich sage, tue kund und urteile, daß dies der Olivarez unter den Weinen ist; censui et in eam ivi sententiam, daß ein ähnliches Getränk in sämtlichen zweiundzwanzig Reichen des Königs, unsers Herrn, den Gott erhalten wolle, nicht zu finden; ich behaupte und erkläre, daß die Mittagstafel des erlauchten Herrn Don Rodrigo die Festschmäuse des Heliogabalus beschämt; daß Not und Teuerung von diesem Palaste, in welchem die Herrlichkeit thront und herrscht, auf ewige Zeiten verwiesen und verbannt sind.«

»Gut gesagt! gut erklärt!« schrie die ganze Tischgesellschaft. Die Worte Not und Teuerung aber, die er zufällig hingeworfen, wandten den Sinn aller mit einemmal diesem traurigen Gegenstande zu, und alle sprachen von der Teuerung. Hier war man, in der Hauptsache wenigstens, einig; der Lärm jedoch war vielleicht noch größer, als wenn die Meinungen verschieden gewesen wären. Alles sprach zugleich.

»Es ist gar keine Teuerung vorhanden,« meinte einer; »die Aufkäufer sind's, die ...«

»Und die Bäcker,« half ihm ein anderer ein, »welche das Getreide unter Schloß halten. An den Galgen mit ihnen!«

»Ganz recht, an den Galgen, ohne Gnad' und Barmherzigkeit!«

»Gutes gerichtliches Verfahren!« schrie der Stadtvogt dazwischen.

»Ei, was gerichtliches Verfahren!« überschrie ihn der Graf. »Summarische Gerechtigkeit! Man packt drei oder vier oder fünf oder sechs, welche der öffentlichen Meinung nach als die reichsten und ärgsten Hunde bekannt sind, und läßt sie baumeln.«

»Ein Beispiel muß gegeben werden, ein Beispiel! Ohne Beispiel richtet man nichts aus.«

»An den Galgen, an den Galgen mit ihnen, und von allen Seiten wird's Getreide regnen.«

Wer durch einen Jahrmarkt hinwandernd, sich jemals an der Harmonie ergötzt hat, welche ein Trupp von Bänkelsängern gewährt, wenn zwischen einem und dem andern Liede ein jeder sein Instrument stimmt und es aus allen Kräften gellen läßt, um mitten unter dem Lärmgeklimpel der andern die eigenen Töne deutlich herauszuhören, der möge versichert sein, daß ähnlicherweise das Zusammenbrausen dieser Gespräche, wenn man sie so nennen kann, sich machte. Währenddessen füllte man die Gläser mit dem neuen Wein immer wieder; das Lob des Rebensaftes klang natürlich mit den Aussprüchen einer staatswirtschaftlichen Gerechtigkeitspflege zusammen, und so waren die beiden Worte, die sich am tönendsten und häufigsten vernehmen ließen: Nektar und Aufhängen.

Don Rodrigo schielte indessen von Zeit zu Zeit nach dem Mönch. Er sah ihn in einem fort ruhig dasitzen, ohne ein Zeichen von Ungeduld oder Eile sich entwischen zu lassen, ohne eine Bewegung, die etwa daran erinnern sollte, daß er in Erwartung sich dort befand; zugleich aber sagte seine Miene auch, er sei gesonnen, sich nicht eher von der Stelle zu entfernen, als bis er Gehör erhalten. Gar gern hätte ihm der Hausherr den Paß unterschrieben und sich des unwillkommenen Gesprächs überhoben gesehen; einen Kapuziner aber verabschieden, ohne ihm Gehör bewilligt zu haben, das lief den Gesetzen seiner Lebensklugheit zuwider. Da sich also das lästige Geschäft nicht vermeiden ließ, faßte er den Entschluß, ihm augenblicklich lieber entgegenzugehen und auf diese Weise sobald als möglich es hinter sich zu haben. Er stand vom Tische auf und mit ihm die ganze weinglühende Schar, ohne ihren Unterhaltungslärm zu unterbrechen. Don Rodrigo bat die Gäste um Entschuldigung, näherte sich in gemessener Haltung dem Klosterbruder, der mit den andern zugleich aufgestanden, und sagte: »Zu Ihrem Befehl, Pater!« – Mit diesen Worten führte er ihn in ein anderes Zimmer.

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