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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Drittes Kapitel

Lucia trat ins untere Zimmer, wo Renzo ängstlich Agnese Auskunft gab und diese ebenso ängstlich ihm zuhörte. Beide wandten sich dem Mädchen zu, welches mehr als sie wußte; von ihr erwarteten sie eine Aufklärung, die freilich nur peinlich ausfallen konnte. Beide ließen mitten durch den Schmerz, bei der verschiedenen Liebe, die jedes für Lucia empfand, einen verschiedenen Verdruß blicken, daß sie ihnen etwas, und gerade so etwas, verschwiegen hatte. Wie sehnsuchtsvoll also auch Agnese das erste Wort aus dem Munde der Tochter erwartete, so konnte sie's doch nicht übers Herz bringen, ihr die Sache ganz ohne Vorwurf hingehen zu lassen.

»Deiner Mutter von einer solchen Geschichte nichts zu sagen!« rief sie.

»Ich will Euch jetzt alles sagen,« antwortete Lucia, sich die Augen mit der Schürze trocknend.

»So rede, rede nur!« drängten Mutter und Bräutigam, zugleich.

»Heilige Jungfrau!« rief Lucia; »wer hätte je sich einfallen lassen, daß die Sache so weit kommen würde?«

Und nun erzählte sie, von hervorquellenden Tränen oft unterbrochen, wie wenige Tage zuvor, da sie aus der Spinnstube heimkehrte und hinter ihren Gefährtinnen zurückgeblieben war, Don Rodrigo in Begleitung eines andern Herrn an ihr vorbeigegangen sei; wie jener mit Gesprächen und gar nicht hübschen Plaudereien sie aufzuhalten gesucht habe; sie aber hätte, ohne nach ihm hinzuhören, die Füße in die Hand genommen und die Gefährtinnen eingeholt; unterdessen habe sie jenen andern Herrn laut lachen hören, Don Rodrigo aber sagte: »Wetten wir!« Den Tag nachher hatten sich die beiden eben wieder auf der Straße eingefunden, aber Lucia ging mit niedergeschlagenen Blicken mitten unter ihren Gefährtinnen; der andre Herr schlug dasselbe Gelächter auf, und Don Rodrigo sagte: »Wir werden sehen, wir werden sehen.« – »Beim gerechten Gott,« fuhr Lucia fort, »das war der letzte Tag, daß ich in die Spinnstube gegangen bin. Ich erzählte es auf der Stelle –«

»Wem hast du es erzählt?« fragte die Mutter und ging, nicht ohne einen kleinen Ausbruch von Unwillen, auf sie zu, um den Namen des vorgezogenen Vertrauten desto eher zu vernehmen.

»Dem Vater Cristoforo, Frau Mutter, in der Beichte,« antwortete Lucia im sanften Tone der Entschuldigung.

Bei dem verehrten Namen des Vater Cristoforo besänftigte sich alsobald Agnesens Unwille. – »Hast recht getan,« sagte sie; »aber warum hast du nicht das alles auch deiner Mutter erzählt?«

Lucia hatte indessen zwei gute Gründe dazu gehabt. Einerseits mochte sie die gute Frau durch ein Ereignis, für welches sie doch kein Mittel hätte ausfindig machen können, weder betrüben noch in Schrecken setzen; dann aber wagte sie nicht, eine Geschichte, um deren Verheimlichung es ihr ernstlich zu tun war, in vieler Leute Mund zu bringen, zumal da sie hoffte, ihre Hochzeit würde, gleich im Beginnen, jener abscheulichen Nachstellung ein Ende machen. Von diesen beiden Ursachen führte sie indessen hier wohlweislich nur die erste an.

»Und mit dir,« sagte sie darauf, indem sie sich mit jenem Tone, welcher einen Freund von seinem Unrecht überzeugen soll, zu Renzo wandte, »sollte ich mit dir davon sprechen? Leider weißt du nur allzuviel schon davon!«

»Und was hat dir Vater Cristoforo gesagt?« fragte die Mutter.

»Er sagte mir, ich sollte soviel wie möglich die Hochzeit beschleunigen und unterdessen mich verborgen halten; ich sollte fleißig zum lieben Gott beten; er hoffe, wenn mich der böse Herr nicht wieder zu Gesicht bekomme, so würde er sich auch weiter nicht um mich bekümmern. Da eben tat ich mir Gewalt an,« fuhr sie fort, indem sie sich aufs neue an Renzo wandte und, ohne ihm ins Gesicht zu sehen, über und über rot ward, »da war's, wo ich die Scham beiseitesetzte und dich bat, du solltest rasch machen und unsre Hochzeit noch vor dem festgesetzten Tag betreiben. Wer weiß, was du von mir gedacht haben magst! Aber ich tat's aus ehrlicher Ursache und folgte dem Rat und glaubte gewiß – und diesen Morgen kam's mir so wenig in den Sinn ...«

Hier ward des Mädchens Rede plötzlich durch einen Tränenstrom erstickt.

»Ah, der Schurke!« schrie Renzo, »der verdammte Schurke! der Räuber!« Er lief im Zimmer auf und ab und faßte zu wiederholten Malen den Griff seines Messers.

Plötzlich blieb er vor dem weinenden Mädchen stehen. Er sah ihr mit einer Zärtlichkeit, in welcher Betrübnis und Wut sich mischten, ins Gesicht und sagte: »Das ist der letzte Streich, den der Räuber begangen hat.«

»Nein, Renzo, um Himmels willen, nein!« schrie Lucia. »Nein, um Himmels willen! Gott steht auch den Armen bei, und wie soll er uns helfen, wenn wir Übles tun?«

»Um Himmels willen, nein!« wiederholte Agnese.

»Renzo,« sagte Lucia mit der Miene der Hoffnung und der ruhigen Entschlossenheit, »du hast ein Handwerk, und ich kann arbeiten; wir wollen weit weggehen, wo der böse Mann nicht mehr von uns reden hört!«

»Ach Lucia! Und dann! Wir sind noch nicht Mann und Weib! Wird der Pfarrer uns frei geben? Ja, wenn wir verheiratet wären, o dann ...«

Lucien übermannten die Tränen aufs neue. Alle drei versanken in Stillschweigen und standen bewegungslos in einer Niedergeschlagenheit da, welche mit der festlichen Pracht ihres Anzugs einen traurigen Widerspruch bildete.

»Hört, Kinder, und folgt mir,« sagte Agnese nach einigen Augenblicken. »Ich war früher denn ihr in der Welt und kenne sie ein wenig. Es muß einer auch sich nicht gar zu sehr in Schrecken jagen lassen; der Teufel ist so häßlich nicht, wie er gemalt wird. Uns armen Leuten kommt die Strähne immer weit verwickelter vor, als sie ist, weil wir das Fadenende nicht zu finden wissen; aber ein Rat, ein Wort von einem Manne, der studiert hat ... ich weiß, was ich sagen will. Tut einmal nach meinem Kopf, Renzo; geht nach Lecco, sucht den Doktor Knotenhauer auf, erzählt ihm – aber um Himmels willen, nennt ihn nicht so; es ist bloß so'n Spitzname. Ihr müßt dem Herrn Doktor sagen ... wie heißt er doch? Na, ich weiß den eigentlichen Namen nicht, wir wollen ihn einmal so nennen ... genug, fragt nur nach dem hohen Doktor, mager und kahlköpfig, mit einer roten Nase und einem Himbeerenmal auf der Backe.«

»Kenn' ihn von Ansehen,« sagte Renzo.

»Gut,« fuhr Agnese fort, »das ist ein Mann! Ich hab' wohl öfter einen gesehen, der garstig in der Klemme steckte, wie ein Hühnchen im Werg; wußte nicht, gegen welche Wand er mit dem Kopf laufen sollte, und wenn er eine Stunde mit dem Doktor Knotenhauer gesprochen hatte, – aber beileibe nennt ihn nicht so! – lachend, sag' ich Euch, hab' ich ihn wieder weggehen sehen. Nehmt da die vier Kapphähne, arme Tiere! ich hab' sie heut abschlachten wollen, zum Schmaus am Abend; die bringt ihm. Denn zu solchen Herren darf einer nie mit leeren Händen kommen. Erzählt ihm alles, was vorgefallen; Ihr werdet sehen, er sagt Euch in einem Nu, was uns nicht in den Kopf gekommen wäre, und wenn wir ein ganzes Jahr darüber nachgedacht hätten.«

Renzo nahm diesen Vorschlag sehr gern an, und Lucien gefiel er. Agnese, stolz, ihn getan zu haben, holte die armen Tiere nacheinander aus dem Hühnerstalle, faßte ihre acht Füße, als wenn sie einen Blumenstrauß machen wollte, zusammen, umwickelte und band sie mit einem Bindfaden und überlieferte sie sodann in Renzos Hand. Nachdem dieser Worte der Hoffnung gegeben und empfangen, ging er zu einem Gartentürchen hinaus, wo ihn die Jungen, welche ihm sonst unfehlbar: »Der Bräutigam! der Bräutigam!« nachgerufen hätten, nicht bemerken konnten. Indem er so quer durch die Felder, oder wie sie dort sagen, durch die Landschaft seinen Weg nahm, ging er durch enge Gassen, murmelte vor sich hin, dachte über sein Unglück nach und wiederholte sich laut das Gespräch, das er mit dem Doktor Knotenhauer zu führen gedachte.

Als er in den Flecken gelangt war, fragte er nach der Wohnung des Doktors. Sie ward ihm gezeigt, und so ging er hin. Beim Eintritt fühlte er sich von jener Furcht befangen, wie arme ungebildete Leute sie in der Nähe eines vornehmen Herrn oder gar eines Gelehrten zu empfinden pflegen. Er vergaß alle Redensarten, auf welche er sich vorbereitet hatte; doch machte ihm ein Blick auf die Kapphähne bald wieder Mut. Als er in die Küche getreten war, fragte er die Magd, ob er den Herrn Doktor sprechen könne. Die Magd sah die Tiere, und wahrscheinlich an dergleichen Geschenke gewöhnt, streckte sie die Hände darnach aus, obgleich Renzo rückwärts damit zog; denn der Doktor sollte die Tiere selbst sehen und wissen, daß der Gast bei seinem Besuche zugleich etwas ins Haus schaffe. Während aber die Magd sagte: »Gebt her und tretet dort ins Studierzimmer,« kam der Hausherr herbei. Renzo machte eine tiefe Verneigung; er ward mit einem freundlichen: »Kommt her, mein Sohn!« empfangen und aufgefordert, mit ins Studierzimmer zu kommen.

»Tragt mir Eure Angelegenheit vor, mein Sohn,« sagte er, indem er die Türe schloß und dem Jüngling Mut machte.

»Ich habe Ihnen ein Wort im Vertrauen zu sagen,« stotterte Renzo.

»Ich bin hier,« antwortete der Doktor. »Redet!« – Und so setzte er sich in einen Lehnstuhl. Renzo, der gerade vorm Tische stand und mit der Rechten den Hut in der andern Hand herumdrehte, nahm wieder das Wort: »Ich wollte von Eurer Gnaden, die studiert haben, erfahren ...«

»Trägt mir Eure Angelegenheit vor, wie sie steht,« unterbrach ihn der Doktor.

»Der Herr Doktor werden mich entschuldigen; wir armen Landleute wissen uns nicht am besten auszudrücken. Ich wollte also wissen ...«

»Verteufeltes Volk! So seid ihr alle. Statt den Fall zu erzählen, wollt ihr immer nur fragen, weil ihr euer Plänchen schon im Kopfe habt.«

»Der Herr Doktor müssen mich entschuldigen. Ich möchte gern wissen, wenn einer einem Pfarrer droht, daß er ein Brautpaar nicht miteinander verbinden soll, ob da Strafe darauf steht?«

Versteh, dachte der Doktor bei sich, während er in der Tat nichts verstanden hatte; versteh. – »Ein ernsthafter Fall, mein Sohn; ein erwogener Fall. Es war gescheit, daß Ihr zu mir kamt. Die Sache ist klar, in hundert Verordnungen erwogen, und ... halt, in einer Verordnung von vorigem Jahr eben, von gegenwärtigem Herrn Statthalter. Ich will's Euch sogleich zeigen; will's Euch mit eigenen Händen greifen lassen.«

Dabei stand er vom Stuhl auf, fuhr mit der Hand in ein Gewühl von Papieren und kehrte das Oberste zu unterst, wie wenn man Getreide in einem Scheffel umwühlt.

»Wo steckt sie? Weiter, weiter! Unsereins muß so viele tausend Dinge bei der Hand haben. Aber sie muß auf jeden Fall hier sein; 's ist eine Verordnung von Wichtigkeit. Ah, da ist sie, da ist sie!«

Er nahm sie, entfaltete sie, sah nach dem Datum, nahm eine noch weit ernstere Miene an und rief: »15. Oktober 1627. Richtig, vom vergangenen Jahre. Eine frische Verordnung, so eine setzt am meisten in Furcht. Könnt Ihr lesen, mein Sohn?«

»Ein bißchen, Herr Doktor.«

»Gut, seht her, und Ihr werdet's finden.«

Er hielt die Verordnung hoch in der Luft, fing an zu lesen, murmelte einige Stellen her und hielt sich bei andern, je nachdem es notwendig schien, mit nachdrücklicher Stimme länger auf:

»›Obgleich mittelst der öffentlichen Verordnung des Herzogs von Feria vom 14. Dezember 1620, welche vom erlauchten Herrn Gonzalo Fernandez von Cordova usw. bestätigt, den Unterdrückungen, Plackereien und andern Gewalttätigkeiten, die sich verschiedene gegen die treuen Vasallen Sr. Majestät hier erlauben, durch außerordentliche und strenge Mittel vorgebeugt worden, ist dessenungeachtet die Zahl der Missetaten, die Bosheit usw. so gestiegen, daß Ihro Exzellenz sich genötigt sehen usw. Es wird demnach, mit Zuziehung des Senates und des Gerichtshofes gegenwärtige Verordnung erlassen. – Und um bei den Gewalttätigkeiten anzufangen, so lehrt die Erfahrung, daß viele sowohl in der Stadt, als in den Dörfern‹« – »hört Ihr wohl?« –- »›sich grausame Plackereien zuschulden kommen lassen und die hilflosen Leute vielfältig unterdrücken, wie ihnen gewaltsame Kaufverträge aufdringen, Verpachtungen usw.‹« – »Wo bin ich? Aha, hier. Hört –« »›den Ehen nachgehen oder nicht‹« - »He?«

»Da kommt meine Angelegenheit,« sagte Renzo.

»Hört zu, hört zu, es gibt noch andere Dinge, und dann werden wir die Strafe sehen.« – »›Es möge bezeugt werden oder nicht, daß einer von dem Orte, wo er wohnt, sich wegbegibt usw., daß jener eine Schuld bezahlt, der andere ihn in Frieden lasse, daß jener nach seiner Mühle geht usw.‹« – »Das hat alles nichts mit uns zu schaffen. Ah, da ist's: ›daß ein Priester die Pflichten seines Amtes nicht erfüllt, oder Dinge tut, die sich nicht für ihn geziemen.‹ He?«

»Es scheint, daß sie die Verordnung ausdrücklich für mich gemacht haben.«

»Nicht wahr? Hört zu! ›Die als Lehnsleute in Diensten stehen, sie seien von welchem Stande sie wollen.‹ Es entwischt keiner, hier sind sie alle; es ist wie das Tal Josaphat. Nun hört die Strafe. – ›Alle diese und ähnliche Vergehungen, obschon sie verboten worden, sollen dennoch, sintemal eine größere Strenge vonnöten, ohne jedoch usw. ... befiehlt und gebietet Seine Exzellenz, daß gegen alle diejenigen, welche oben angegebenen Artikeln zuwiderhandeln, von den gesetzmäßigen Richtern dieses Staates mit Geld- oder Leibesstrafe verfahren werde, mit Verbannung, mit der Galeere und unter Umständen selbst mit dem Tode.‹ – Eine unbedeutende Kleinigkeit! – »Nach der näheren Bestimmung Seiner Exzellenz oder des Senates und nach Verschiedenheit der Fälle, Personen oder Umstände. Und das unnachläßlich und mit aller Strenge usw.‹ – Da stecken wir drin, nicht wahr? Da, seht hier die Unterschrift: ›Gonzalo Fernandez de Cordova,‹ und weiter unten: ›Platonus,‹ und hier › vidit Ferrer.‹ – Es fehlt nichts.«

Während der Doktor las, folgte ihm Renzo langsam mit den Augen, suchte so mit der Wortfolge besser im klaren zu bleiben und wollte mit eigenen Augen die höchstheiligen Worte sehen, in welchen ihm seine Hilfe und Rettung zu liegen schien. Der Doktor, der seinen neuen Klienten eigentlich mehr aufmerksam als niedergeschlagen sah, wunderte sich ein wenig. Der soll Nahrungssteuer zahlen müssen, sagte er für sich. – »Aha,« nahm er darauf das Wort, »Ihr habt Euch deswegen den Haarbüschel wegscheren lassen. Gescheit getan; da Ihr Euch indessen in meine Hand geben wolltet, war's nicht nötig. Der Fall ist ernsthaft; aber Ihr wißt nicht, was ich alles zu unternehmen Mut habe, wenn's sein muß.«

Um diesen unerwarteten Einfall des Doktors zu verstehen, muß man wissen oder sich erinnern, daß damals die Bravi vom Handwerk und die gewalttätigen Übelstifter aller Art einen langen Haarbüschel zu tragen pflegten, den sie beim Angriff auf jemanden nach Art eines Visiers übers Gesicht zogen; in Fällen, wo sie es nötig fanden, sich zu verlarven und das Unternehmen zu gleicher Zeit Kraft und Klugheit verlangte, war dieser Kunstgriff gewöhnlich. Der Haarbüschel war also ein Teil der Rüstung, ein Kennzeichen der Raufer und Zügellosen; daher dergleichen Menschen gewöhnlich Haarbüschel genannt wurden. Dieser Ausdruck ist geblieben und lebt, bei gemilderter Bedeutung, noch heutigestags im Dialekte.

»Wahrhaftig, Herr,« versicherte Renzo, »ich habe, seit ich ein armer kleiner Junge gewesen, niemals einen Haarbüschel getragen.«

»So rücken wir nicht näher,« antwortete der Doktor, indem er den Kopf schüttelte und halb boshaft, halb ungeduldig lächelte. »Wenn Ihr kein Vertrauen zu mir habt, so stehen wir umsonst nebeneinander. Wer dem Doktor eine Lüge vorsagt, das ist ein Narr, der dem Richter die Wahrheit sagen wird. Dem Anwalt muß man seine Sache klar erzählen; unser Geschäft ist's hernach, sie in gehörige Verwicklung zu bringen. Wollt Ihr Hilfe von mir, so ist's nötig, daß Ihr mir alles von A bis Z vertraut, mit der Hand auf dem Herzen, wie dem Beichtvater. Ihr müßt mir die Person nennen, von welcher Ihr den Auftrag bekommen habt; es wird natürlich eine Person von Bedeutung sein, und in dem Fall werd' ich mich zu dem Herrn hinbegeben und die schuldige Vorkehrung bei ihm treffen. Ich werd' ihm nicht sagen, seht Ihr, daß ich von Euch über seinen Auftrag Wind bekommen habe; verlaßt Euch darauf. Ich werd' ihm sagen, daß ich für einen armen angeschwärzten jungen Menschen ihn um seinen großmütigen Schutz zu bitten gekommen bin. Dieserweise werde ich die passenden Maßregeln mit ihm nehmen, um die Sache lobenswert zu Ende zu führen. Indem er sich rettet, versteht mich wohl, wird er auch Euch retten. Und wenn der arge Streich ganz und gar auf Eure Rechnung geschrieben wird, gut, ich ziehe mich nicht zurück; ich hab' wohl andere schon aus schlimmeren Verwicklungen gerissen. Wofern ihr nur keine Person von Bedeutung beleidigt habt, darüber müssen wir uns verständigen, so verpflichte ich mich, Euch aus der Klemme zu ziehen – mit ein wenig Kosten, verstehen wir uns. Ihr müßt mir angeben, wer der Beleidigte ist, wie es sich gehört; nach dem Stande, den Eigenschaften und dem Charakter des Freundes läßt sich dann sehen, ob es besser sei, ihn durch Verwendungen bei hohen Personen ins Bockshorn zu jagen, oder ihm irgendein Verbrechen auf den Hals zu ziehen und ihm einen Floh ins Ohr zu setzen; denn, seht Ihr, wenn einer nur mit den Verordnungen gut zu wirtschaften versteht, so ist keiner schuldig und keiner unschuldig. Was den Pfarrer betrifft, so wird er, falls er ein Mensch von Vernunft ist, aus dem Spiele bleiben; und hat er einen eigensinnigen Kopf zwischen den Schultern sitzen, so ist auch für dergleichen gesorgt.«

Während der Doktor diese Redereien in die Welt setzte, stand Renzo und betrachtete ihn mit staunender Aufmerksamkeit, ungefähr wie ein einfältiger Junge auf dem Markte dem Gaukler ins Gesicht guckt, der sich Werg auf Werg in den Mund stopft und dann Band auf Band herauszieht und mit dem neuen Wunderprodukte nimmermehr enden zu wollen scheint. Nachdem er aber hinlänglich eingesehen, was der Doktor sagen wollte und welche verfängliche Wendung er genommen, schnitt er ihm das Band im Munde geradewegs durch und sagte: »Ei, Herr Doktor, wie haben Sie mich verstanden? Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Ich habe niemandem gedroht, ich treibe so ein Handwerk nicht: fragen Sie nur in meiner ganzen Gemeinde nach, so werden Sie hören, daß ich nie mit der Gerechtigkeit was zu tun gehabt habe. Die Schurkerei ist eben gegen mich begangen worden: von Ihnen wollte ich erfahren, was ich zu tun habe, um Gerechtigkeit zu erhalten, und bin sehr zufrieden, daß ich die Verordnung da gesehen habe.«

»Zum Teufel,« schrie der Doktor und riß die Augen mächtig weit auf. »Was kaut Ihr mir da für einen verwirrten Mischmasch vor? Aber so ist's, seid alle über einen Leisten geschlagen. Vielleicht könnt Ihr mir die Sache nicht klar mitteilen?«

»Aber, Herr Doktor, entschuldigen Sie mich; Sie haben mir keine Zeit gelassen; jetzt will ich Ihnen erzählen, wie die Sache steht. Wissen Sie also, daß ich heute Hochzeit machen sollte« – und hier klang Renzos Stimme bewegt – »und heute, wie ich Ihnen sage, ist der Tag, den wir mit dem Herrn Pfarrer verabredet hatten, und es war alles schon ins Geleise gebracht. Mit einem Mal kommt der Herr Pfarrer mit Entschuldigungen angestiegen – genug, um Ihnen keine Langeweile zu machen, ich hab' ihn sprechen gelehrt, wie's billig war. Da hat er mir denn gestanden, es sei ihm bei Lebensstrafe verboten worden, diese Trauung zu vollziehen. Der gewalttätige Mensch, der Don Rodrigo« ...

»Ei, geht,« unterbrach ihn auf der Stelle der Doktor, zog die Augenbrauen zusammen, rümpfte die rote Nase und verzerrte den Mund; »geht! Was kommt Ihr her, mir den Kopf mit solchen einfältigen Märchen warm zu machen? Dergleichen Zeug könnt Ihr unter Euch reden, weil Ihr Eure Worte nicht abzuwägen versteht; kommt aber nicht damit zu einem Mann von Stande, der da weiß, was sie auf sich haben. Geht, geht, Ihr wißt nicht, was Ihr sagt; ich lasse mich nicht mit Knaben ein; ich mag keine solchen Reden hören, solche aus der Luft gegriffenen Faseleien –«

»Ich schwöre« ... wollte Renzo beginnen.

»Geht, sag' ich Euch. Was soll ich mit Eurem Schwur anfangen? Ich kümmere mich nicht darum; ich wasche mir die Hände.« – Und hier rieb er die eine mit der andern, als wenn er sie sich wirklich waschen möchte. »Lernt reden; man kommt einem Mann von Stande nicht so auf den Hals geschlichen.«

»Aber hören Sie, hören Sie mich!« rief Renzo vergeblich. Der Doktor, in einem fort scheltend, schob ihn mit den Händen nach der Türe, und als er ihn bis dorthin gebracht, riß er sie auf und rief die Magd: »Gebt augenblicklich dem Menschen wieder, was er gebracht hat; ich nehme nichts an, nichts nehm' ich an.«

Jene Dame mochte wohl nie, solange sie im Hause des Doktors sich befand, ein solches Gebot zu vollziehen gehabt haben; es war aber mit so entschlossenem Nachdruck erlassen worden, daß sie nicht zögerte, ihm Folge zu leisten. Sie nahm die vier armen Tiere und gab sie dem Renzo zurück; die Auslieferung begleitete eine Gebärde des verächtlichen Mitleidens, welche zu sagen schien: »Der Bock, den du geschossen hast, muß sehr groß gewesen sein.« Renzo wollte Umstände machen; dem Doktor war aber nicht beizukommen, und der arme erstaunte Junge, kopfhängend und ärgerlicher als je, mußte die verschmähte Opferspende zurücknehmen und sich damit auf den Heimweg nach dem Dorfe machen, wo er den Frauen vom glänzenden Erfolg seiner Reise zu erzählen hatte.

Diese hatten während seiner Abwesenheit die hochzeitlichen Kleider mit dem bescheidenen Alltagsanzug vertauscht und hielten aufs neue Rat. Lucia schluchzte, Agnese seufzte. Als die Mutter über die großen Wirkungen, welche vom Rat des Doktors zu erwarten standen, sattsam gesprochen hatte, sagte Lucia, man müsse sich auf jede Weise zu helfen suchen; der Vater Cristoforo sei ein Mann, der nicht bloß guten Rat erteile, er biete auch, wo es darauf ankomme, armen Leuten zu helfen, die Hände, und gar schön wäre es, wenn man ihn könnte wissen lassen, was vorgefallen. – »Wohl wahr,« sagte Agnese, und nun sannen beide nach, wie sich's ausführen ließe. Denn nach dem Kloster, das wohl zwei Meilen vom Dorf entfernt lag, in eigener Person zu gehen, war eine Unternehmung, die sie an jenem Tage nicht hätten wagen dürfen, und kein vernünftiger Mensch würde ihnen seine Zustimmung gegeben haben. Während aber die verschiedenen Beschlüsse gegeneinander abgewogen wurden, hörte man an die Türe pochen, und zugleich ließ sich ein kleinlautes, aber deutliches Deo gratias hören. Lucia, die schnell sich dachte, wer es sein konnte, lief und öffnete; herein trat mit tiefer Verneigung ein Kapuziner, ein wandernder Laienbruder, welcher seinen Bettelsack über die linke Schulter geworfen hatte und das zusammengewundene Oberende mit beiden Händen fest vor der Brust hielt. – »Ei, Bruder Galdino!« riefen beide Frauenzimmer. – »Der Herr sei mit Euch!« sagte der Mönch; »ich komme Oliven einsammeln.«

»Geh und hole Oliven für die ehrwürdigen Väter her,« sagte Agnese. Lucia machte sich auf und ging nach dem andern Zimmer; ehe sie aber dort hineintrat, stand sie hinter dem Bruder Galdino, der in seiner ersten Stellung verharrte, einen Augenblick still, legte den Zeigefinger auf den Mund und empfahl der Mutter mit einem Blick, worin Zärtlichkeit und bittende Demut, zugleich aber auch eine gewisse Autorität lag, Stillschweigen.

Der Bettelmönch blinzelte Agnese mit halbgeschlossenen Augen von weitem an und sagte: »Und die Hochzeit? Sie sollte ja heute stattfinden. Ich habe im Dorfe eine Art von Verwirrung gesehen, die eine Neuigkeit vermuten läßt. Was ist vorgefallen?«

»Der Herr Pfarrer ist krank, und es muß also verschoben werden,« antwortete die Hausfrau schnell. Hätte ihr Lucia nicht jenen Wink gegeben, so wäre die Antwort aller Wahrscheinlichkeit nach anders ausgefallen. – »Und wie geht's mit dem Einsammeln?« fragte sie darauf, um ein anderes Gespräch anzuknüpfen.

»Nicht zum besten, gute Frau, nicht zum besten. Das hier ist alles.« – Er nahm den Sack von der Schulter und wog ihn zwischen beiden Händen. – »Das ist alles, und um den schweren Schatz zusammenzubringen, hab' ich wohl an zehn Türen klopfen müssen.«

»Es ist ein karges Jahr, Bruder Galdino, und wenn man ums liebe Brot zu ringen hat, so wird freilich jeder Bissen so sparsam wie möglich zugeschnitten.«

»Um aber die gute Zeit wieder herbeizurufen, was gibt's da für ein Mittel, liebe Frau? – Almosen.«

Hier kehrte Lucia zurück und hatte die Schürze so voll von Oliven, daß sie kaum mit ihr zurecht kam und angestrengt mit beiden ausgestreckten Armen an den zwei Enden sie festhielt. Bruder Galdino nahm den Sack von der Schulter, setzte ihn nieder und drehte ihn oben auf, um die reichliche Spende hineinzutun. Er ergoß sich in Lobeserhebungen, prophezeite alles Gute, dankte und ging, nachdem er den Sack wieder auf die Schulter genommen, seine Wege. Doch Lucia rief ihn zurück und sagte: »Ich wünschte einen kleinen Dienst von Euch, lieber Pater; seid so gut, sagt dem Vater Cristoforo, ich möchte ihn gar zu gern sprechen; er soll mir die Liebe erzeigen, hierher zu uns armen Leuten zu kommen, aber bald, recht bald; denn ich kann nicht zur Kirche hingehen.«

»Begehrt Ihr nichts weiter? Keine Stunde soll vorüber sein, so weiß Vater Cristoforo Euren Wunsch.«

»Ich verlasse mich drauf,« sagte Lucia.

»Zweifelt nicht!« – Mit diesen Worten verließ er die beiden Frauenzimmer, ein wenig gebeugter, aber auch zufriedener, als er gekommen.

Wenn ein junges Landmädchen den Pater Cristoforo mit solcher Vertraulichkeit zu sich bescheiden läßt und der Bettelmönch den Auftrag ohne Befremden und Schwierigkeit annimmt, so denke darum keiner, Cristoforo sei ein alltäglicher Mönch, ein verächtlicher Klosterbruder gewesen. Vielmehr war er ein Mann, welcher bei den Seinigen und in der ganzen Umgegend eines hohen Ansehens genoß; die Verhältnisse der Kapuziner aber waren von der Art, daß ihnen nichts zu niedrig und nichts zu hoch schien. Den Geringsten dienen und von Mächtigen sich den Hof machen lassen, Paläste und Hütten mit derselben Haltung von Demut und Sicherheit betreten, in dem nämlichen Hause bisweilen ein Gegenstand der Kurzweil und ein Gast sein, ohne welchen nichts entschieden ward, mitleidige Spenden überall einsammeln und sie jedem wieder zukommen lassen, der im Kloster darum bat – an alles war ein Kapuziner gewöhnt. Wenn er ausging, konnte er ebensowohl einem Fürsten begegnen, der ihm ehrfurchtsvoll das Ende seines Strickes küßte, wie einem Haufen von Gassenjungen, welche, als wären sie untereinander handgemein, ihm den Bart mit Kot bewarfen. Das Wort Bruder wurde damals mit größerer Verehrung und mit bittrerer Verachtung ausgesprochen; die Kapuziner wurden, mehr vielleicht als irgendein anderer Orden, der Gegenstand zweier entgegengesetzten Empfindungen und erfuhren daher ein doppeltes, widersprechendes Schicksal; denn indem ihre Tracht sich von der gewöhnlichen weit auffallender unterschied, indem sie das Bekenntnis der Erniedrigung weit offener zur Schau trugen, setzten sie sich weit näher der Ehrfurcht und der Verachtung aus, welche solch ein Benehmen von der verschiedenen Denkungsart und den verschiedenen Launen der Menschen zu gewärtigen hat. –

Kaum war Bruder Galdino fort, trat Renzo ins Zimmer; und zwar mit einem Gesichte voll Zorn zugleich und Scham, und warf die Kapphähne auf den Tisch. Dies war das letzte traurige Abenteuer, welches die armen Tiere für diesen Tag zu erleben hatten.

»Einen schönen Rat habt Ihr mir da gegeben!« sagte er zu Agnese. »Habt mich zu einem vortrefflichen Ehrenmann geschickt, zu einem, der wahrlich armen Leuten hilft.« – Und nun erzählte er schnell seinen Besuch beim Doktor. Die gute Frau, erstaunt über einen so traurigen Ausgang, wollte sich eben an den Beweis machen, daß der Rat dennoch gut gewesen, Renzo aber es nicht verstanden haben müsse, seine Sache gehörig einzurichten, als Lucia der Untersuchung ein Ende machte und ihre Hoffnung, eine bessere Hilfe gefunden zu haben, ankündigte. Renzo, wie Menschen überhaupt, die sich im Drange des Unglücks befinden, griff sehnsuchtsvoll auch nach dieser Hoffnung. – »Wenn aber der Pater,« sagte er, »keine Rettung für uns ausfindig macht, werd' ich sie auf eine oder die andere Art finden.« Die Frauenzimmer rieten zum Frieden, zu Klugheit und Geduld.

»Morgen,« meinte Lucia, »kommt Vater Cristoforo sicherlich, und ihr werdet sehen, er gerät auf ein Mittel, wovon wir armes Volk auch nicht einmal eine Ahnung haben können.«

»Ich hoffe es,« erwiderte Renzo; »aber in jedem Fall werd' ich mir Recht verschaffen oder es mir verschaffen lassen. Es gibt endlich noch Gerechtigkeit in dieser Welt.«

Unter so schmerzlichen Gesprächen, unter Gehen und Kommen, wovon berichtet worden, war der Tag vorübergezogen, und die Abenddämmerung brach herein.

»Guten Abend,« sagte Lucia traurig zu Renzo, der sich nicht entschließen konnte, sie zu verlassen. »Guten Abend,« antwortete er noch trauriger.

»Irgendein Heiliger wird uns beistehen,« tröstete sie. »Sei vorsichtig und gib dich zufrieden.« – Die Mutter ging mit ähnlichem Rate zur Hand, und der Bräutigam machte sich mit Sturm im Herzen auf den Weg, indem er beständig sich die seltsamen Worte wiederholte: »Es gibt endlich noch Gerechtigkeit in dieser Welt!« – So wahr ist es, daß ein Mensch, von großen Schmerzen übermannt, nicht mehr weiß, was er sagen soll.

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