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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Siebzehntes Kapitel.

Wirklich war Renzo kaum über die Schwelle des Krankenhauses geschritten, so rauschte es wie ein Hagel in großen Tropfen hernieder. Sie fielen auf die weiße, dürre Straße schallend herab, und ein leiser Staub stieg auf. Bald aber strömten sie in rauschendem Regen hernieder, und ehe unser Wandrer den Seitenpfad noch erreicht hatte, goß es wie aus Eimern. Aber dieses Wetter war ihm keineswegs zuwider; er schlich geduckt darunter fort, freute sich der labenden Erfrischung, des Rauschens, des Gesauses von Gräsern und Blättern, welche sich schwankend bewegten. Voll und weit atmete er auf, und in dieser Wiedergeburt der schmachtenden Natur schien er die Wiedergeburt seines eigenen Schicksals freier und lebhafter zu fühlen.

Aber wie weit ungetrübter und voller wäre diese Empfindung unsres Renzo gewesen, wenn er hätte erraten können, was wenige Tage nachher sich zeigte: daß dieses Wasser die Ansteckungsplage mit fortnahm, gleichsam mit sich hinwegspülte; daß von diesem Tage an das Krankenhaus keine leidenden Gäste mehr aufzunehmen brauchte, wenn es auch nicht alle Lebenden, die es enthielt den Lebenden wiederschenkte; daß nach einer Woche schon Türen und Läden wieder offen standen und nur von Absonderungen noch gesprochen ward; daß von der Pest nur hier und dort noch einige Fußtapfen blieben, die Verwüstung, die eine jede für einige Zeit hinter sich läßt.

Renzo wanderte mit rascher Unverdrossenheit vorwärts. Er hatte für ein nächtliches Unterkommen durchaus keinen Plan entworfen; es lag ihm einzig und allein daran, weiter zu gelangen, schnell nach dem Dorfe zu kommen, jemanden dort zu finden, mit dem er sprechen, dem er erzählen konnte, und dann vor allen Dingen sich eiligst auf den Weg nach Pasturo zu machen, um Agnesen aufzusuchen. Während er dahinschritt, stürmte es in seiner Seele von den Begebenheiten des Tages; aber aus den Bildern des Elends, der Schrecken und der Gefahren tauchte beständig ein einziger Gedanke auf: Ich habe sie gefunden! Sie ist geheilt! Sie ist mein! – Dann sprang er im Jauchzen seines Herzens hoch, daß es um ihn her aufspritzte, wie wenn ein Pudel, aus dem Wasser ans Land tretend, sich schüttelt; manchmal begnügte er sich damit, die Hände zu reiben, und dann ging's wieder vorwärts, wanderungslustiger als vorher.

Mit der Dämmerung langte er zu Sesto an; der Regen machte keine Miene nachzulassen. Da er aber in den Beinen eine rüstigere Kraft fühlte als je, da ihn die Schwierigkeiten eines Unterkommens zurückschreckten, so dachte er an kein Unterkommen; auch mochte er, durchnäßt wie er war, nicht lange rasten. Das einzige Bedürfnis, welches sich bemerkbar machte, war ein tüchtiger Hunger. Er sah sich daher nach einem Bäckerladen um, traf einen und versah sich mit zwei Broten; er fuhr mit dem einen in die Tasche, mit dem andern zwischen die Zähne, und dann vorwärts.

Als die Nacht um war, stand er am Ufer der Adda. Noch hatte es nicht aufgehört zu regnen; aber aus dem Wolkenbruch war anfangs ein Regen geworden und dieser sodann in ein feines, ruhiges, gleichförmiges Rieseln übergegangen; die hohen dünnen Wolken breiteten sich wie ein ununterbrochener, aber leichter und durchsichtiger Schleier über den Himmel aus; der Schimmer der Morgendämmerung enthüllte dem Wandrer die Gegend umher. Da lag sein Dorf mitten in der bekannten Flur; es war, als wären diese Berge, der nahe Resegone, das Gebiet von Lecco, alles umher sein Eigentum geworden. Zugleich warf er einen Blick auf sich selbst und kam sich allerdings ein wenig seltsam vor – anders, als er sich fühlte, als er auszusehen wähnte: alles, was er am Leibe hatte, war verdorben und in Unordnung geraten; vom Scheitel bis zu den Hüften alles durchweicht, eine rinnende Traufe; von der Hüfte bis zur Sohle Schlamm und Lehm. Und hätte er sich ganz und gar in einem Spiegel gesehen, mit den schlaffen niederhängenden Krempen am Hute, mit den Haaren, die verwirrt und festgeklebt über das Gesicht herabhingen, so hätte er zu seinem Aussehen noch ein ganz anderes Gesicht geschnitten. Was die Müdigkeit betraf, so mochte sie wohl vorhanden sein, er ward indessen nichts davon gewahr; die Frische des Morgens, die zu der nächtlichen hinzutrat und die Wirkung des Regenbades notwendig erhöhen mußte, spornte seinen Eifer nur noch mehr und erhitzte sozusagen noch stärker die Glut unter seinen Füßen.

Endlich hat er Pescate erreicht. Er durchmißt die letzte Strecke längs der Adda und wirft einen trüben Blick auf Pescarenico hin. Er fliegt über die Brücke, er streift durch Wege und Felder und langt bald vor dem Hause seines wirtlichen Freundes an. Dieser war kaum aufgestanden und sah auf der Schwelle soeben nach dem Wetter; er bemerkte die gebadete, mit Kot bedeckte Gestalt, die dennoch munter und regsam daherhüpft, und hatte in seinem Leben keinen so übel zugerichteten und doch so fröhlichen Menschen gesehen.

»Oho!« sagte er, »schon zurück und in solchem Wetter! Wie ist's abgelaufen?«

»Sie lebt,« rief Renzo, »sie lebt, sie lebt!«

»Gesund?«

»Geheilt, das will mehr sagen. Ich hab', solang ich lebe, Gott dem Herrn und der heiligen Jungfrau zu danken. Aber große Geschichten, verwetterte Dinge! Ich will dir nachher alles erzählen.«

Ein Feuer wurde angezündet, an dem Renzo sich wärmen konnte; das Kleiderbündel, das er bei seinem Freunde gelassen hatte, enthielt die notwendigen trockenen Kleider zum Wechseln, und eine tüchtige Polenta gab ihm neue Kräfte.

Auf die Erzählung der ganzen Begebnisse ging richtig der ganze Tag hin. Da es überdies in einem fort regnete, brachte ihn Renzo unter Dach zu, indem er teils seinem Wirte zur Seite saß, teils ihm Zober und Fässer zurechtmachen half. Auch konnte er nicht umhin, einen Sprung nach Agnesens Hause zu machen, um ein gewisses Fenster daran wiederzusehen und vor demselben gleichfalls die Hände hoffnungslustig zu reiben. Dann legte er sich beizeiten zu Bette. Am andern Morgen aber stand er früh auf, sah, daß der Regen nachgelassen hatte, obschon der Himmel noch nicht wieder heiter war, und so machte er sich rasch auf die Reise nach Pasturo.

Er kam noch bei Tage daselbst an; denn an Eile und Unverdrossenheit fehlte es ihm heute ebensowenig wie gestern. Er fragte nach Agnesen und bekam zu hören, daß sie gesund und munter sei. Man zeigte ihm ein einsam stehendes Häuschen; dort, hieß es, wohne die fremde Frau. Renzo eilte hin und rief sie von der Straße aus beim Namen. Auf diesen Ruf stürzte sie zum Fenster herbei, und während sie mit weitgeöffnetem Munde dastand, um Gott weiß welches Wort oder welchen Laut von sich zu geben, kam ihr Renzo zuvor und sagte: »Lucia ist geheilt und wohlauf; ich hab' sie vorgestern gesehen; sie läßt Euch grüßen und wird nächstens selber kommen. Und außerdem hab' ich Euch lustige Dinge zu erzählen.«

In der Überraschung durch solchen Besuch, in der Freude über die Nachrichten und in der Sehnsucht, mehr zu erfahren, befangen, ließ Agnese bald einen Ausruf hören, bald eine Frage, mit der sie nie zu Ende kam; dann vergaß sie alle Vorsicht, welche sie seit langer Zeit sich angewöhnt hatte, und rief: »Ich komme und mach' Euch auf.«

»Wartet, und die Pest?« fragte Renzo. »Ihr habt sie nicht gehabt, scheint mir.«

»Ich nicht. Und Ihr?«

»Ich wohl. Ihr solltet also hübsch behutsam sein. Ich komme von Mailand, und Ihr werdet hören, ich hab' in der Ansteckung ordentlich bis an den Hals gewatet. Freilich hab' ich mich von Kopf bis zu Fuß frisch gekleidet; es zieht einer dort aber das höllische Übel mit jedem Härchen auf seinem Leibe an. Und da der Herr Euch bis zu dieser Stunde bewahrt hat, so solltet Ihr's Euch angelegen sein lassen, gut achtzuhaben, bis die Plage vorüber ist; denn Ihr seid unsre herzliebste Frau Mutter und sollt eine ganze Zeitlang in Jubel und Freuden mit uns zubringen; nach der Drangsal, die wir ausgestanden haben, ist's nur billig.«

»Aber ...« begann Agnese.

»Eh,« unterbrach sie Renzo, »es hält kein Aber mehr Stich. Weiß, was Ihr sagen wollt; laßt Euch jedoch melden, daß es mit der ganzen Aberschaft vorbei ist. Wir machen uns nach irgend 'nem Ort frei auf die Reise und können dort ganz gemächlich ohne alle Gefahr leben.«

Agnese zeigte ihn nach einem Garten hinter dem Hause; dort solle er hineingehen und auf eine von den beiden Bänken, die er gerade gegenüber finden würde, sich setzen; sie käme gleich hinaus und wollte dann auf der andern Platz nehmen. So geschah es. Die Schlußentscheidung ihres langen Gespräches, das immer wieder von neuen Fragen, neuen Erklärungen, neuen Ausrufen der Freude und des Staunens unterbrochen wurde, bestand darin: daß man zusammen ins Gebiet von Bergamo übersiedeln wolle, in das nämliche Dorf, wo Renzos Geschäftsglück bereits so günstig sich angelassen hatte; über die Zeit indessen ließ sich noch nichts entscheiden; sie hing von der Pest und verschiedenen andern Umständen ab. Wenn die Gefahr vorüber sei, sollte Agnese nach Hause gehen und dort Lucien oder diese sie erwarten; indessen würde Renzo zuweilen einen Gang nach Pasturo hin machen, seine Mutter zu besuchen und ihr von allem, was etwa vorfiele, Nachricht zu bringen.

Um den Trost reicher, eine so teure Frau gesund und munter angetroffen zu haben, kehrte Renzo zurück. Den übrigen Tag und die Nacht brachte er im Hause seines Freundes zu; am folgenden ging es wieder auf die Reise, aber nach einer andern Seite, in das neuerwählte Vaterland hinüber.

Hier traf er Bortolo in vollkommener Gesundheit an; die Furcht, sie zu verlieren, war ziemlich verschwunden; denn auch dort hatte während der wenigen Tage mit unglaublicher Schnelligkeit alles die glücklichste Wendung genommen. Die Krankheiten waren nicht mehr dieselben, das Erkranken höchst selten; man begegnete der tödlichen Mißfarbigkeit wie den gewaltsamen Zeichen des Übels nicht mehr; es bestand in einem leichten Fieber, welches größtenteils aussetzte; und zeigte sich eine kleine verfängliche Beule, so ließ sie sich wie ein gewöhnliches Blutgeschwür heilen. Auch der Anblick des Landes selbst erschien verwandelt, die Überlebenden fingen an, wieder ans Licht des Tages hervorzutreten; man stattete einander seine Beileidsbezeugungen, seine Glückwünsche ab. Schon sprach man vom Wiederbeginn der gewohnten Geschäfte; die Herren dachten daran, Arbeiter zu suchen und anzuwerben; vorzüglich in solchen Fächern wie in der Seidenspinnerei, in welchen auch vor der Landesplage schon die geschickten Hände nicht allzu häufig gewesen waren. Renzo versprach ohne lange Ziererei dem Vetter, wieder ins Geschäft einzutreten, wenn ihm und den Seinigen gestattet würde, sich im Lande niederzulassen. Indessen gab er seine Aufträge zu den nötigen Vorbereitungen; er verschaffte sich eine geräumige Wohnung, was jetzt sehr leicht und durchaus nicht kostspielig geworden, versah sie mit Gerätschaften und Hausbedarf und griff diesmal seinen Schatz an, ohne jedoch eine große Lücke hineinzureißen. Denn alles war im Überfluß vorhanden und desto wohlfeileren Preises, je furchtbarer die Pest die Bevölkerung gelichtet hatte.

Endlich kehrte Renzo nach dem heimatlichen Dorfe zurück; auch dieses fand er glücklich verwandelt. Rasch ging's dann nach Pasturo, wo er Agnesen in entschlossener Stimmung fand, ihm, wann es wäre, nach Hause zu folgen. So nahm er sie gleich mit. Ihre Empfindungen, ihre Worte, da sie die teure Gegend wieder sahen, mögen unsrer Feder erlassen bleiben. Agnese traf übrigens all das ihrige im alten Zustande an und sagte, da es sich um eine arme Witwe und um ein armes Mädchen handelte, hätten die Engel des Himmels vor der Türe Wache gehalten. Und nun beeilte sie sich, ihr armes Häuschen für Lucien und jene Witwe, die sie begleiten und ausstatten wollte, so anständig wie möglich einzurichten; dann suchte sie sich Seide zum Spulen zu verschaffen und täuschte mit ihrer Haspel sich über die Zeit der Erwartung hinweg.

Auch Renzo legte während dieser Tage, deren Stunden für ihn freilich weit mehr als sechzig Minuten hatten, die Hände nicht in den Schoß; er verstand zum Glück zweierlei Handwerk und fing wieder an, die Geschäfte eines Landmannes zu betreiben. Teils ging er arbeitsam seinem jungen Freunde zur Hand; teils bearbeitete er den Garten seiner Schwiegermutter, welcher während ihrer Abwesenheit sehr zurückgekommen war, und brachte ihn wieder zu Ehren. Um sein eigenes Besitztum kümmerte er sich gar nicht; das sei, sagte er, eine zu jämmerlich zerzauste Perücke, und es gehörten mehr als zwei Arme dazu, um sie wieder aufzustutzen. Auch nicht einmal einen Fuß setzte er in seinen Garten, noch weniger in sein Haus; es hätte ihm weh getan, die Verwüstung dort bei hellem Tage zu sehen; auch war er schon mit sich übereingekommen, alles zu verkaufen und den Erlös im neuen Vaterlande zu gebrauchen.

Wenn die Menschen, welche am Leben geblieben waren, einander wie Wiederauferstandene vorkamen, so war dies bei Renzo im Auge seiner Dorf genossen doppelt der Fall; jeder kam ihm mit freudiger Aufnahme und Glückwünschen entgegen, jeder wollte die seltsame Geschichte seiner Leiden aus seinem Munde, aus der bewährtesten Quelle, hören. Die Leser aber, welche weniger als ein Verfasser zu tun, dagegen mehr zu fragen haben, stutzen hier vielleicht: Wie ging's mit der Achtserklärung? – Ganz vortrefflich. Renzo hatte den Gedanken daran beinahe ganz und gar verabschiedet; er war der Meinung, die Leute, denen die Ausführung derselben oblag, würden ebensowenig mehr daran denken, und hier schoß er nicht fehl. Daran war aber nicht bloß die Pest schuld, mittels welcher so viele andre Dinge in Rauch aufgegangen und unterblieben waren; es war, wie aus unsrer Geschichte bereits vielfach zu ersehen, in jenen Zeiten etwas sehr Gewöhnliches, daß die Verordnungen, sie mochten etwas Allgemeines oder einen einzelnen betreffen, wofern nicht die besondere Leidenschaftlichkeit eines Mächtigen, welcher sie am Leben erhielt und geltend machte, dazu trat, großenteils ohne Wirkung blieben, sobald sie dieselbe nicht im ersten Augenblick ihrer Erlassung erhalten. Es war dies eine notwendige Folge der großen Leichtigkeit, mit welcher man damals Verordnungen nach allen Seiten umherfliegen ließ. Die Tätigkeit des Menschen hat ihre Grenzen; was im Gebieten zuviel getan ward, mußte im Ausführen zu wenig geschehen. Wer in Reitstiefeln geht, kann keine Tanzschuhe an den Füßen haben.

Es gibt aber noch andre Fragen, und Erzähler müssen auf eine jede gefaßt sein. Wie verhielt sich Renzo in dieser Zeit der Erwartung gegen seinen Pfarrer? Sie blieben einer vom andern in ziemlich weiter Entfernung; Don Abbondio, weil er fürchtete, etwas von einer Vermählung zu hören, und bei dem bloßen Gedanken schon in seiner Einbildung Don Rodrigo mit den furchtbaren Söldlingen auf der einen Seite, auf der andern den Kardinal mit seinen Gegengründen emporsteigen sah; Renzo, weil er entschlossen war, vor dem Augenblick der Vollziehung durchaus nicht mit dem Manne davon zu sprechen; er mochte es nicht darauf ankommen lassen, daß er mit wer weiß was für Schwierigkeiten wieder angestiegen käme und mit seinem unnützen Geschwätz die Sache aufs Neue in Verwicklung brächte. Er plauderte lieber mit Agnesen. – »Glaubt Ihr, daß sie bald kommen wird?« – »Ich hoffe, ja!« – Und wer diese Antwort gegeben, tat oft eine Stunde später jene Frage. Mit diesen und ähnlichen Täuschungsversuchen der Ungeduld bemühten sie sich, die Schwingen der Zeit in lebhaftere Bewegung zu setzen; aber diese Zeit schien an Vorgrund immer zuzunehmen, je mehr ihnen bereits hinterm Rücken lag.

Der Leser ist weit besser daran. Er erlebt diese langen, langen Tage in einer einzigen Sekunde und erfährt mit wenigen Worten von uns, daß, einige Tage nach Renzos Besuch im Hospital, Lucia mit der guten Witwe es verließ. Eine allgemeine Absonderung war geboten worden; das Paar machte sie mitsammen durch und hielt sich im Hause der Witwe in Mailand verschlossen. Die Zeit verging großenteils, indem man Luciens Ausstattung besorgte, und die Braut selbst mußte Hand und Fingerhut mit anlegen. Nachdem die Tage der Absonderung vorüber waren, ging's an die Zurüstungen zur Reise. Wir geben unserm Berichte Flügel; sie reisten ab, kamen an, und so weiter – aber halt! Mit so gutherziger Bereitwilligkeit wir uns auch der Ungeduld des Lesers bequemen, so sind doch drei hierher gehörige Dinge vorhanden, welche wir bei dieser Eilfertigkeit nicht dürfen untergehen lassen; zwei derselben von der Art, daß uns selbst der Ungeduldigste ihre Übergehung mit bitterem Vorwurf verweisen möchte.

Zuerst, daß Lucia, als sie mit der Witwe über ihre Abenteuer ausführlicher und ordnungsvoller, als es ihre Gemütsbewegung bei der ersten Eröffnung gestattete, wieder zu sprechen angefangen und dabei umständlicher der Edelnonne erwähnt hatte, welche im Kloster zu Monza sie unter ihren Schutz genommen, von der Witwe Nachrichten erhielt, die ihr zu vielen Geheimnissen den Schlüssel gaben und ihre Seele mit schmerzlichem, furchtvollem Erstaunen bestürzten. Die unglückliche Fürstentochter war in Verdacht gefallen, abscheuliche Taten begangen zu haben, und mußte auf Befehl des Kardinals nach einem Kloster zu Mailand gebracht werden; hier war sie nach vielem Wüten und Kämpfen in sich gegangen und klagte selbst sich an. Ihr gegenwärtiges Leben war gleichsam eine selbstauferlegte Strafe, und niemand hätte eine herbere für sie auffinden können. Wer aber über diese traurige Geschichte etwas Näheres zu erfahren wünscht, der findet sie im Buche des Ripamonti, dessen wir schon oft Erwähnung getan haben.

Das zweite war, daß unsre Lucia, da sie bei allen Kapuzinern, welche sie im Hospital nur antreffen konnte, sich nach Pater Cristoforo erkundigte, mit mehr Schmerz als Verwunderung die Antwort erhielt, er sei an der Pest verschieden.

Nun das dritte. Ehe sie abreiste, wollte sie gern über ihre vorige Schutzherrschaft etwas erfahren und, wie sie sagte, eine Handlung der Schuldigkeit tun, falls einer derselben noch am Leben sei. Die Witwe begleitete sie nach dem Hause, und hier erfuhren sie, daß beide Eheleute hingegangen, wohin so viele gegangen waren. Die Dame Prassede war einfach gestorben; Don Ferrante war, mit den Sternen hadernd, verschieden.

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