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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Leser denke sich den inneren Raum des Krankenhauses von sechzehntausend Pestkranken bevölkert, der Hofraum voll von Holzbuden und Zelten, von Karren und Menschen; die beiden endlosen Zimmerreihen der Halle, zur Rechten und Linken, bedeckt und vollgepfropft mit Verschmachtenden oder mit Leichnamen, die auf Streu oder Decken hingestreckt liegen; durch das ganze unermeßliche Jammerbett ein Gewimmel, eine tobende Bewegung, als wogte ein stürmisch flutendes Meer; überall ein Kommen und Gehen, ein Stillstehen und Laufen, während Genesende, Wahnsinnige oder Hilfeleistende sich niederbücken oder aufspringen. – Das war das Schauspiel, welches plötzlich Renzos Blicke überraschte und ihn an die Stelle fesselte, wo er stand.

Um jedoch nicht fortgeschickt zu werden, drängte er sich, sobald er sich aus seiner Erstarrung gelöst hatte, in eine Straße hinein, die zwischen den Holzbuden hindurchführte. Er sah in jede Hütte hinein, blickte draußen auf jedes Lager hin, beobachtete Gesichter, welche, vom Leiden um allen Ausdruck des Lebens gebracht, vom Krampfe zusammengezogen, kaum kenntlich waren oder unbeweglich die Ruhe des Todes zeigten – er suchte von dem Gesichte sich zu überzeugen, welches er zu finden so entsetzenvoll fürchtete. Schon aber hatte er eine bedeutende Strecke Weges zurückgelegt und die schmerzliche Untersuchung vielmals wiederholt, ohne noch ein weibliches Gesicht angetroffen zu haben; er schloß daher, die Frauen müßten sich in einem abgesonderten Raume befinden. Zu diesem wollte er seinen Weg nehmen – wie aber die Richtung finden? Kein Fingerzeig ließ sich ergreifen, aus keinem Merkmal ein Wegweiser machen. Hin und wieder traf er Beamte, an Anblick, Benehmen und Kleidung so verschieden wie die Beweggründe, welche ihnen eine gleiche Kraft verliehen, in solchen Geschäften ihre Tage zu verleben; in diesen verriet sich die Vertilgung jedes menschlich mitleidigen Gefühls, in jenen ein außerordentlich frommes Mitleid. Aber weder bei diesen noch bei jenen mochte Renzo eine Frage versuchen; er nahm sich also vor, ohne alle Zurechtweisung weiter und weiter zu gehen, bis er von selbst zu weiblichen Kranken gelangen würde. Während dieses Fortschreitens ließ er es an spähender Aufmerksamkeit nicht fehlen; oft aber mußte er den verzagenden Blick wegwenden, von so vielen Wunden gleichsam schmerzlich geblendet.

Luft und Himmel selbst steigerten den Schrecken dieser Auftritte, wenn ihn etwas noch zu steigern vermochte. Ein dichter Nebel hatte sich allmählich in Wolken gesammelt, welche, immer schwärzer geworden, mit einer schauerlichen Sturmesdämmerung die Erde bedeckten; nur am finstern, tief schwebenden Himmel schimmerte wie hinter einer dichten Schleierdecke die bleiche Sonnenscheibe, verbreitete eine schwache, dunstige Halbhelle um sich her und strömte gleichsam eine tote, lästige Hitze hernieder. Auf den Feldern umher sah man nicht einen einzigen Zweig sich regen; kein Vogel flog hinauf, um auszuruhen, kein Vogel schwirrte hervor; nur die Schwalbe ließ sich flüchtig auf dem Dache des Ringgebäudes sehen und flatterte mit ausgebreiteten Flügeln herab, um auf der Ebene des Feldes hinzustreichen; aber durch das lärmende Getümmel erschreckt, schwang sie sich pfeilschnell wieder in die Höhe und verschwand. Es war ein Wetter, wo in einer Schar von Wandrern keiner das Stillschweigen mit einem Worte zu beleben pflegt; gedankenvoll und düster schleicht der Jäger, die Augen an den Boden geheftet, hin; die Bäuerin, die auf dem Acker den Knost führt, läßt, ohne es selbst gewahr zu werden, ihren Gesang verstummen; ein Wetter, welches schwül und beklemmend einem Sturme vorangeht, wenn die Natur, unbeweglich in ihren äußern Erscheinungen, von einem innern Kampfgewühl aber beunruhigt, alle lebendigen Geschöpfe zu unterdrücken scheint und auf jede Beschäftigung, auf die Muße, auf das Dasein selbst mit lästiger Schwere sich wirft. An diesem Aufenthalt des Jammers dagegen, wo der Mensch von selbst schon zum Leiden und Vergehen bestimmt war, schien er im Kampfe mit seinem Elend dem neuen Ungemache des Himmels zu erliegen; Hunderte sah man plötzlich in einen schlimmeren Zustand verfallen; dieses letzte Ringen war leidenschwerer, die Seufzer klangen beim Steigen der Schmerzen erstickter, und vielleicht war über das Haus noch nie eine so herbe Schreckensstunde hingezogen.

Schon war unser Jüngling eine beträchtliche Zeit umhergewandert und hatte fruchtlos durch die vielfachen Irrwege zwischen den aufgeschlagenen Hütten sich durchgewunden, als er unter den mannigfaltigen Klagen und dem verworrenen Getöne ein seltsames Gemisch von Gewimmer und Wehgeheul vernahm. Bald darauf gelangte er an eine gesplitterte, halb eingeschlagene Bretterwand, hinter welcher die ungewöhnlichen Töne hervorklangen. Er legte das Auge an eine ziemlich weite Öffnung zwischen zwei Balken, sah einen eingeschlossenen Raum, der hier und dort von Buden besetzt war, und in diesen, wie im engen Räume zwischen ihnen, eine Menge von Kindern, die auf Kissen lagen, auf Decken, auf ausgebreiteten Bettüchern und Tuchlappen; Ammen und andre Frauen in voller Geschäftigkeit; was aber mehr als alles andre ihn überraschte, waren Ziegen, welche neben den Frauen standen und die Pflichten ihres Amtes mit ihnen teilten – ein Hospital unschuldiger Kinder, wie Ort und Zeit es gestatteten. Ein eigenes Schauspiel war's, diese sanften Tiere zu betrachten, wie sie über diesem oder jenem Säugling aufrecht und ruhig standen und ihm das Euter überließen; wie einige, gleichsam durch ein mütterliches Gefühl geleitet, auf ein Gewimmer herbeiliefen, vor dem rufenden Kleinen stillstanden und ihre Stellung nach seiner Bequemlichkeit nahmen, oder wenn diese Bemühung fruchtlos war, laut meckerten, um für sich wie für den Säugling die nachhelfende Hand einer Wärterin herbeizurufen.

Hier und dort saßen Ammen mit Kindern an den Brüsten; während sie mit diesem Liebesdienst beschäftigt waren, konnte bei einigen der Beobachter zweifeln, ob der Reiz der Belohnung oder die freiwillige Menschenliebe, welche Not und Schmerzen aufsucht, sie hergezogen hatten. Eine unter ihnen nahm mit betrübter Miene einen weinenden Säugling von ihrem erschöpften Busen und suchte traurig nach einem Tier umher, welches ihre Stelle vertreten konnte. Eine andre betrachtete mit dem Auge zärtlicher Rührung das Kind, welches an ihrer Brust eingeschlafen war, küßte es mit sanfter Behutsamkeit und trug es sodann in eine der Hütten, wo sie es auf ein Kissen niederlegte. Eine Dritte hatte dem unbekannten Säugling ihre Brust überlassen und saß, nicht sorglos, aber in übermannende Gedanken versunken, zum Himmel emporblickend da; woran dachte sie in dieser Stellung, mit diesem Blicke? An ihr eigenes Kind, das vor wenigen Stunden vielleicht an ihrer Brust sich noch gelabt und vor dieser Quelle seiner Nahrung das Leben geendet hatte.

Andre, mehr ältliche Frauen leisteten andre Dienste. Die eine lief auf das Geschrei eines hungernden Kleinen hinzu, nahm ihn auf und trug ihn zu einer Ziege, die auf einem Haufen von frischem Grase weidete; sie näherte das Kind den Eutern des Tieres und schmeichelte dem unerfahrenen Geschöpfe mit Worten und Händen, damit es geduldig zu dem neuen Amte sich hergäbe. Hier trug eine Frau ihr Kind umher, wiegte es in ihren Armen, suchte bald durch Gesang es einzuschläfern, bald es mit süßen Worten zu beruhigen und rief es bei einem Namen, welchen sie selbst ihm gegeben. In demselben Augenblick kam ein Kapuziner mit langem schneeweißem Bart daher und brachte zwei kleine schreiende Knaben, von welchen er den einen am Arme hielt; er hatte sie von der Seite der gestorbenen Mutter geholt; eine Frau lief und nahm sie in Empfang; dann sah sie sich unter dem Weiberhaufen und der Ziegenherde um und suchte so schnell wie möglich eine andre Mutter für sie zu finden.

Mehr als einmal hatte Renzo, von seinem Vorsatze gespornt, die Öffnung in der Bretterwand verlassen und sich wieder auf den Weg machen wollen; immer aber hatte er das Auge wieder hinangelegt und war beobachtend stehen geblieben. Endlich riß er sich los, ging die Wand entlang, bis ein Haufe von Hütten, die an jene Wand sich lehnten, ihn zu einer Wendung nötigten. Jetzt strich er durch die Hütten, hatte aber immer die Bretterwand im Auge, um hernach um die Ecke derselben zu biegen und auf einen andern Platz zu gelangen. Während er hier mit den Blicken umherirrte, überraschte ihn eine plötzliche, vorüberfliegende Erscheinung, und es war, als kehrte sich ihm das Herz im Innersten dabei um. Etwa hundert Schritte vor sich sah er zwischen den Zelten einen Kapuziner schlüpfen, einen Kapuziner, der auch von fern, so schnell er floh, ganz den Gang, das Wesen und die Gestalt des Paters Cristoforo hatte. Mit sinnlosem Ungestüm stürzte unser Jüngling nach jener Seite hin; alles andre vergessend, eilte er dem Mönche nach, strich umher suchte in den Hütten und auf dem Platze, vorn und hinten, an Ecken und in Gängen – freudig erblickte er die Gestalt wieder und erkannte denselben Mönch; bald sah er ihn in der Nähe, wie er, von einem großen Kessel sich entfernend, mit einer Schüssel in der Hand auf eine Hütte zuging; er sah ihn auf die Schwelle der Hütte sich niedersetzen, über der Schüssel, die er vor sich hielt, das Zeichen des Kreuzes machen und zu essen beginnen. Renzo flog auf ihn zu, er sah ihm deutlich ins Gesicht – es war wirklich Pater Cristoforo.

Was mit dem guten Mönche, seit wir ihn aus dem Auge verloren, bis auf den gegenwärtigen Augenblick sich ereignet hatte, soll in zwei Worten berichtet sein. Nicht eher hatte er Rimini verlassen, nicht eher an eine Entfernung gedacht, als bis die Pest, welche in Mailand ausgebrochen war, ihm eine Gelegenheit zu dem Amte gezeigt, nach welchem er seit vielen Jahren sehnsüchtig verlangt hatte, zu dem Amte der Selbstaufopferung für seine leidenden Mitmenschen. Mit dringendem Gesuch bat er, zurückgerufen zu werden, um die Kranken zu pflegen und ihnen den Beistand seines Eifers widmen zu dürfen. Graf Attilios Oheim war tot; der Drang der Umstände ließ einen größeren Wert auf einen rüstigen Krankenpfleger als auf die Rücksichten der staatsklugen Hinterlist legen, und so wurde er ohne Schwierigkeit erhört. Schnell erschien er in Mailand, begab sich ins Krankenhaus und hatte hier schon drei Monate hindurch den Eifer seiner rastlosen Menschenliebe unbemerkt geübt.

Aber die tröstliche Befriedigung, welche Renzo bei dem Wiederfinden seines trefflichen Mönches empfand, war nicht ohne verbitternde Beimischung; mit der Gewißheit, daß sein Cristoforo es war, bemerkte er zugleich schmerzlich, in welch einer Verwandlung der Freund vor ihm stand. Seine Haltung niedergebeugt und Schmerzen verkündigend; das Gesicht abgemagert und welk; in der ganzen Gestalt sprach sich eine erschöpfte Natur aus, ein gebrochener, hinsinkender Körper, welcher sich jeden Augenblick durch die Anstrengung der ringenden Seele aufzuhelfen und zu kräftigen suchte.

Auch Bruder Cristoforo sah mit gefesseltem Blicke dem Jüngling, der auf ihn zukam, ins Gesicht. Renzo, welcher anfangs, sich mit der Stimme nicht hervorwagend, durch Gebärden sich ihm kenntlich zu machen trachtete, rief endlich, da er nahe genug war: »O Vater Cristoforo!«

»Du hier!« sagte der Mönch, indem er die Schüssel an die Erde setzte und sich von der Schwelle des Zeltes erhob.

»Wie geht es, Pater? Wie leben Sie?«

»Besser als die vielen Unglücklichen, die du hier siehst,« antwortete jener. Der Klang seiner Stimme hörte sich schwach und düster an, wie alles andere an ihm verwandelt. Nur das Auge war noch das alte, es glänzte in der früheren Kraft, blitzte vielleicht noch lebhafter; es war, als wenn die lautere Frömmigkeit, am Ende ihrer tatenreichen Bahn noch geläuterter, frohlockend, sich ihrem Urquell bereits so nahe zu sehen, dieses Auge mit einem glutreicheren und reineren Feuer beseelte, als dasjenige, welches die Gebrechlichkeit des Körpers allmählich darin ersterben zu lassen drohte. »Aber du,« fuhr er fort, »wie kommst du hierher an diesen Ort? Warum trotzt du so mutwillig der Pest?«

»Ich hab' sie gehabt, Dank dem Himmel! Ich komme ... Lucien aufzusuchen.«

»Lucien? Ist Lucia hier?«

»Das ist sie; wenigstens hoffe ich zu Gott, sie hier noch am Leben zu treffen.«

»Ist sie deine Frau?«

»O guter Pater! Sie ist nicht meine Frau. Sie wissen von all dem, was vorgefallen, nichts?«

»Nein, mein Sohn. Seit Gott mich von euch fortgenommen, hab' ich nichts weiter erfahren. Jetzt aber, da er dich mir zusendet, jetzt wünschte ich was zu hören. Aber ... und die Achtserklärung?«

»Sie wissen also, was man mit mir armem Jungen angestellt hat?«

»Aber du, was hattest du angestellt?«

»Hören Sie,« sagte Renzo. »Wenn ich behaupten wollte, daß ich an jenem Tage hier in Mailand meinen Verstand beisammen gehabt habe, so tät' ich mich einer Lüge schuldig machen; schlechte Streiche aber, die hab' ich nicht gemacht.«

»Ich glaub's dir, hab's auch schon früher immer geglaubt.«

»Jetzt also kann ich Ihnen alles sagen, Pater,« begann der Jüngling.

»Warte,« sagte Bruder Cristoforo. »Wir wollen beide da in das Zelt treten. Aber,« fügte er schnell hinzu, indem er stillstand, »du scheinst mir sehr abgemattet und brauchst gewiß was für den Hunger.«

»Das ist wohl wahr,« gab Renzo zur Antwort, »jetzt, wo Sie mich daran erinnern, fällt mir's erst ein, daß ich noch ganz nüchtern bin.«

»Warte,« sagte Bruder Cristoforo. Mit diesem Worte nahm er eine zweite Schüssel und füllte sie aus dem Kessel. Dann kehrte er zurück und reichte sie nebst einem Löffel dem Gaste hin. Renzo mußte sich auf einen Sack setzen, der hier seinem Freunde zum Bette diente. Dieser ging darauf zu einem seitwärts stehenden Fasse, holte einen Becher Wein, setzte ihn auf einem kleinen Tischchen dem Jüngling vor, griff dann wieder zu seiner Schüssel und ließ sich ihm zur Seite nieder.

»O Pater Cristoforo!« sagte Renzo. »Sollen dergleichen Geschäfte Ihr Amt sein? Aber Sie sind immer noch derselbe. Ich danke Ihnen von Herzen.«

»Danke nicht mir,« sagte der Mönch. »Es sind Lebensmittel für die armen Unglücklichen; aber du bist auch ein armer Unglücklicher in diesem Augenblick. Nun sage mir, was ich nicht weiß, sage mir etwas von unsrem armen Mädchen. Die Zeit ist mir karg abgemessen, es gibt viel zu tun, wie du siehst.«

Renzo fing, zwischen einem Löffel und dem anderen, die Erzählung von Luciens Erlebnissen an; wie sie im Kloster von Monza ein Unterkommen gefunden, wie sie entführt, wie sie gerettet worden. Dann berichtete er in gedrängter Eile von seinen eigenen Erlebnissen, und wie er endlich in Mailand erfahren habe, daß Lucia sich im Lazarett befände. – »Und nun bin ich hier,« schloß er, »bin hier, um sie zu suchen, zu sehen, ob sie lebt, und wenn sie dann mir noch ... denn manchmal ...«

»Aber durch welche Anleitung bist du hierhergekommen?« fragte Bruder Cristoforo. »Hast du irgendeinen Wink erhalten, auf welcher Seite man sie untergebracht hat und wann sie ungefähr hergekommen ist?«

»Nichts, lieber Pater, nichts, als daß sie hier ist ... wenn sie noch hier ist, was der gnädige Gott im Himmel gebe.«

»Armer Junge! Was für Mühe aber hast du dir bisher gegeben?«

»Ich bin herumgelaufen und herumgelaufen, hab' aber fast lauter Männer angetroffen. Ich dachte mir wohl, daß die Frauen an einem Ort für sich liegen, hab' aber immer noch nicht dahin kommen können. Wenn's sich so verhält, so müssen Sie mir doch darüber Nachricht zu geben wissen.«

»Weißt du nicht, guter Junge, daß dort kein Mann hineintreten darf, wenn er nicht ausdrücklich dort zu tun hat?«

»Meinetwegen; was kann mir aber geschehen?«

»Die Vorschrift, mein Sohn, ist gerecht und heilig. Wenn die Menge und die Gewaltsamkeit des Elends schuld sind, daß sich nicht mit ganzer Strenge ihr nachleben läßt, ist das eine Ursache für einen rechtlichen Menschen, sie zu übertreten?«

»Aber, Pater Cristoforo,« sagte Renzo, »Lucia sollte mein Weib sein. Sie wissen, wie wir voneinandergerissen worden sind; 's sind zwanzig Monate, daß ich leide und mich in Geduld füge; nun bin ich hergekommen, hab' so viele Gefahren überstanden, eine immer schlimmer als die andre, und jetzt ...«

»Ich weiß nicht, was ich dagegen sagen soll,« äußerte der Mönch, indem er mehr seine eigenen Gedanken, als die Worte des Jünglings beantwortete; »du gehst in guter Absicht, und gebe der Vater im Himmel, daß alle die Menschen, welche freien Zutritt in dieses Gebäude haben, sich so betragen mögen, wie ich's von dir mit Zuversicht mir versprechen kann. Der Ewige, der gewiß der Beharrlichkeit in deiner ehrsamen Neigung seinen Segen verleiht, deine Treue im Lieben und Aufsuchen des Mädchens, welches er dir bestimmt hat, belohnen wird, Gott, der strenger als die Menschen, aber erbarmungsvoller Nachsicht mit unsren Gebrechen hegt, wird auf die Unregelmäßigkeit, welche hier bei deiner Weise aufzusuchen vielleicht stattfindet, sein zürnendes Auge nicht richten. Und nun komm.«

Bei diesen Worten stand er auf, und Renzo mit ihm. Dieser lieh ihm aufmerksam sein Ohr und faßte dann stillschweigend den Entschluß, Luciens Gelübde, wovon er vor wenigen Minuten zu sprechen willens gewesen, mit keinem Worte zu erwähnen. – Wenn er auch davon erfährt, dachte er, so macht mir der gute Mann sicherlich noch andre Schwierigkeiten. Entweder ich finde sie, und dann ist's immer noch Zeit genug, das Gespräch darauf zu bringen, oder ... und dann, was tät's mir alsdann helfen?

Sobald Bruder Cristoforo seinen Gast nach der Öffnung des Zeltes geführt hatte, sprach er: »Höre! Unser Pater Felice, der hier im Krankenhause der Vorsteher ist, führt heute die wenigen Geheilten, die sich finden lassen, nach einem andern Orte hin, damit sie dort in der vorschriftsmäßigen Absonderung noch mehrere Tage hindurch leben. Du siehst das Kirchlein da in der Mitte ...« er hob die abgemagerte zitternde Hand und zeigte in der trüben Luft die Kuppel der Kapelle, die über die ärmlichen Hütten turmähnlich sich erhob – »dort herum versammeln sie sich jetzt und sollen dann in geordnetem Zuge zu dem Tor hinausgehen, durch welches du wahrscheinlich hereingekommen bist. Auch mußt du einige Glockenschläge gehört haben.« »Einen hab' ich gehört.«

»Das war der zweite. Beim dritten werden sie sämtlich sich zusammengefunden haben. Pater Felice wird sie mit ein paar Worten anreden und dann sich mit ihnen auf den Weg machen. Bei dem Zeichen kannst du dich dorthin begeben. Sieh zu, daß du dich dicht hinter die Versammlung an den Rand der Straße stellst; da kannst du, ohne jemandem beschwerlich zu fallen und ohne Aufsehen zu erregen, sie vorüberziehen sehen, und dann merk' auf, ob sie darunter ist. Wenn es Gottes Wille nicht ist, daß sie zur Zahl der Genesenen gehört, so siehst du da die Seite des Gebäudes gerade gegenüber und einen Teil des Platzes, welcher sich davor ausbreitet; dort ist der Aufenthaltsort, der den Frauen angewiesen ist. Du wirst eine Einzäunung bemerken, die diesen Platz von dem andern Viertel trennt; indessen hat sie weite Lücken und steht an vielen Stellen offen; du wirst also gar keiner Schwierigkeit begegnen, um hineinzukommen. Wenn du drinnen bist und nichts tust, was irgendeinem andern auffallen kann oder beschwerlich ist, so wird dich vermutlich auch niemand mit einer Frage angehen; sollte dir aber wer ein Hindernis in den Weg legen, so sag' nur, daß Pater Cristoforo dich kennt und Bürgschaft für dich leisten wird. Dort suche deine Lucia, suche sie mit Vertrauen, und wenn's nicht anders ist, mit Ergebung. Dann rufe dir ins Gedächtnis zurück, daß es ein ganz außerordentliches Glück ist, was du hier zu finden gedachtest; du wolltest eine Freundin bei solcher Zeit lebend im Krankenhause finden. Weißt du, wie oft ich mein armes Volk hier sich erneuern gesehen, wie viele verschiedene Geschlechter von Kranken ich erlebt habe? Wie viele ich wegtragen sah, wie wenige hinausgehen! Geh, lieber Junge, und sei auf Verlust und Opfer vorbereitet.«

»Ach, ich sehe das ein,« stotterte Renzo, den Blick wegwendend und im frischen Jugendangesicht erbleichend, »ich seh' es ein. Aber frisch, ich gehe, werde umherschauen und suchen, hier und dort, von oben bis unten, das ganze Krankenhaus hindurch, und wenn ich sie nicht finde ...!«

»Nun, Freund, wenn du sie nicht findest?« fragte Bruder Cristoforo mit ernster, erwartungsvoller Miene, während in seinem Blicke eine strenge Mahnung lag.

Renzo sah mit verdüstertem Auge vor sich hin, und keine Rücksicht schien ihn mehr zu fesseln. »Wenn ich sie nicht finde,« rief er, »so will ich einen andern schon besser zu finden wissen. Hier in Mailand, in seinem sündenvollen Palaste, am Ende der Welt oder im Hause des Teufels selber, wo er auch stecken mag, ich will ihn erwischen, den Satanas, der uns voneinander gerissen hat; wäre er nicht auf Erden gewesen, so wäre Lucia schon seit zwanzig Monaten mein Weib; und hätte der Himmel unsern Tod bestimmt gehabt, so wären wir wenigstens beide zusammen gestorben. Wo er noch auf Erden herumschleicht, will ich ihn schon fassen!«

»Renzo!« sagte der Mönch, faßte ihn beim Arme und sah ihn mit noch strengerem Blicke an

»Und wenn ich ihn ertappe,« fuhr jener, vom Zorn wie seiner Sinne beraubt, fort, »wenn die Pest das Amt der Gerechtigkeit noch nicht verwaltet hat ... Jetzt ist die Zeit vorüber, wo so ein vornehmer Schurke, mit seinem Waffengesindel um sich her, die Leute in Verzweiflung setzen und hernach sich noch ins Fäustchen lachen darf; die Zeit ist gekommen, wo die Menschen, Gesicht gegen Gesicht, voreinander hintreten, und ... ich will den Büttel der Gerechtigkeit spielen.«

»Bösewicht!« schrie Bruder Cristoforo, und seine Stimme schien den alten vollen Klang in ihrem ganzen Umfange wieder erhalten zu haben, – »Bösewicht!« – Sein Haupt, welches die letzten Jahre zur Brust niedergebeugt hatten, hatte sich emporgerichtet, die Wangen färbten sich mit der alten Lebensfülle wieder, und das Feuer seiner Augen fing an, mit schreckender Heftigkeit zu leuchten. »Sieh, Bösewicht!« Dabei faßte er mit der einen Hand Renzos Arm und schüttelte ihn ungestüm; mit der andern beschrieb er einen Halbkreis und deutete auf die schmerzenreiche Bühne hin, welche von allen Seiten sie umgab. »Wer ist derjenige, in dessen Hand die Rute der Strafe schwebt? Der Richter, der nicht gerichtet wird? Der die Geißel schwingt und Verzeihung gewährt? Elender Wurm der Erde, dein ohnmächtiger Arm soll der Arm der züchtigenden Gerechtigkeit sein? Geh, Unseliger, hebe dich fort! Ich hoffte, ja, ich habe der Hoffnung gelebt, vor meinem Tode werde der gütige Allvater mir noch den Trost gewähren, daß ich höre, meine arme Lucia sei am Leben; daß ich sie vielleicht mit eigenen Augen erblicke und aus ihrem Munde das Versprechen empfange, sie werde sich in ihrem Gebete hierher nach der Grube wenden, in welcher meine müden Gebeine schlummern sollen. Geh, du hast mich um meine labende Hoffnung gebracht. Gott hat sie nicht für dich auf der Erde gelassen, und du, wahrlich, du hast die Kühnheit nicht, dich der Tröstung für würdig zu halten, die Gott in seiner Barmherzigkeit dir dennoch vielleicht zugedacht. Er wird an sie gedacht haben; denn sie ist eine von den edlen Seelen, für welche die ewigen Quellen des Trostes droben am Fuße des göttlichen Thrones rinnen. Geh, ich habe keine Zeit mehr, einem Menschen wie dir mein Ohr zu leihen.«

Indem er dies letzte Wort sprach, schleuderte er Renzos Arm von sich und war im Begriff, sich nach einer Krankenhütte zu begeben.

»Vater Cristoforo!« sprach Renzo mit flehender Stimme und schlich zerknirscht hinter ihm her, »wollen Sie mich auf solche Weise fortschicken?«

»Wie?« fragte jener, ohne seine Stimme zu mildern. »Wagst du zu verlangen, ich soll diesen unglücklichen Betrübten, die aus meinem Munde die Versicherung der göttlichen Gnade zu hören sich sehnen, die Zeit entwenden, um die frevelhaften Ausbrüche deiner Wut, die Entwürfe deiner verblendeten Rachsucht anzuhören? Geh! Ich habe hier keinen Gekränkten sterben gesehen, der seinem Beleidiger nicht verziehen hätte; Gewalttätige sah ich: sie seufzten, dieweil sie vor den Opfern ihres Übermutes nicht reumütig sich erniedrigen konnten; mit diesen wie mit jenen hab' ich geweint – mit dir aber, was soll ich mit dir tun?«

»Ich verzeih' ihm,« rief der Jüngling, »bei Gott, ich verzeih' ihm, verzeih' ihm für alle Tage dieses Lebens und für alle Ewigkeiten des andern.«

»Renzo!« sprach Bruder Cristoforo, und friedlicher klang die Strenge seines Ernstes. »Überlege selbst und frage dich, wie oft du schon versprochen hast, ihm zu verzeihen.«

Nachdem er einige Sekunden gewartet, ohne Antwort zu erhalten, neigte er plötzlich das Haupt und fragte mit gedämpfter Stimme: »Weißt du, warum ich dieses Kleid hier trage?«

Renzo zögerte mit der Antwort.

»Du weißt es!« rief der Mönch.

»Ja, ehrwürdiger Pater!«

»Ich habe auch gehaßt; ich, der ich dich um einen Gedanken, um eines Wortes willen ungestüm getadelt, ich habe den Mann, den ich haßte, den ich von ganzer Seele lange Jahre hindurch haßte, ermordet hab' ich ihn!«

»Ja, aber es war ein gewalttätiger Mensch, einer von denen ...«

»Schweig!« gebot der Mönch. »Glaubst du, wenn sich irgendeine Entschuldigung dafür auffinden ließe, ich hätte sie während der dreißig Jahre nicht gefunden? Weh mir! Wenn ich jetzt in deinen Busen das Gefühl flößen könnte, welches ich für den einst so gehaßten Menschen seit jenem Tage immer empfunden und jetzt noch so beklemmend empfinde! Wenn ich's könnte! Ich? Nein; aber Gott kann es, er wolle es! ... Höre, Renzo! Weil du ein Unglücklicher, weil du ein Beleidigter bist, meinst du, er werde einen Menschen, den er nach seinem Ebenbilde geschaffen, nicht gegen dich verteidigen? Glaubst du, er werde dich ungehindert nach deinem gewissenlosen Willen walten lassen? Nein! Weißt du aber, was du tun kannst? Du kannst hassen und dich ins Verderben stürzen, kannst durch deine sinnlose Rachbegier allen himmlischen Segen von dir verscheuchen. Denn wie es auch immer kommt, welch ein Schicksal du auch erfährst, sei überzeugt, alles ist eine Strafe, bis du nicht verziehen hast, bis du nicht so verziehen hast, daß du immer mehr sagen kannst: Ich verzeihe ihm.«

»Ja, ja,« rief Renzo erschüttert und verwirrt, »ich fühl's, daß ich ihm nie wahrhaft verziehen habe; ich fühl's, daß ich wie ein vernunftloses Geschöpf, nicht wie ein Christ gesprochen habe; jetzt aber, durch die Gnade des Herrn, verzeih' ich ihm von Herzen.«

»Und wenn du ihn zu sehen bekämest?«

»Würd' ich zum Vater bitten, daß er mir ruhige Geduld verleihe und ihm den bösen Willen aus dem Herzen nehme.«

»Du würdest dich erinnern, daß der Herr uns nicht geboten hat, unsern Feinden zu verzeihen, er hat gesagt, wir sollen sie lieben. Du würdest dich erinnern, daß sein großer Sohn für die Feinde, die ihn verspottet und gemartert haben, am Kreuze gelitten und gestorben.«

»Gewiß, Vater!« beteuerte Renzo.

»Wohlan! Komm, wir werden ihn sehen. Du hast gesagt, du würdest ihn finden – du wirst ihn finden. Komm und überzeuge dich, gegen wen du deinen Haß im Herzen bewahrtest, wem du Böses wünschen konntest, Böses tun wolltest, mit wessen Leben du meuchlerisch zu schalten gesonnen warst.«

Er faßte Renzos Hand, drückte sie mit jugendlicher Heftigkeit und setzte sich in Bewegung. Renzo wagte keine Frage zu tun und folgte ihm.

Nach einem kurzen Wege stand Bruder Cristoforo am Eingang einer Hütte still, sah dem Jüngling noch einmal mit einem langen Blick des Ernstes und der Rührung ins Gesicht und zog ihn dann mit hinein.

Renzo ließ den unruhigen Blick über den Inhalt der Hütte hingleiten, bemerkte drei oder vier Kranke, und besonders einen zur Seite, auf einem Unterbette, in eine Decke gehüllt, einen stattlichen Mantel darüber gebreitet; er sah ihn an und erkannte Don Rodrigo. Der Mönch aber ließ ihn indessen von neuem ungestüm die Hand empfinden, an welcher er ihn hielt, zog ihn nach dem Lager hin, streckte die andere Hand danach aus und deutete mit dem Finger auf den Menschen, der vor ihren Füßen lag. Der Unglückliche regte sich nicht; weit aufgerissen, aber ohne Blick starrten seine Augen; das Gesicht schien der Tod schon gestempelt zu haben, es war mit schwarzen Flecken übersät; schwarz und aufgedunsen die Lippen – man hätt' es für das Gesicht eines Leichnams gehalten, wenn ein gewaltsames Zucken nicht die Regung des letzten, schwer sich lösenden Lebens darin verkündigt hätte. Unter angestrengtem Luftholen hob und senkte sich die Brust von Zeit zu Zeit; die rechte Hand, aus dem Mantel hervorkommend, umklammerte ihn in der Gegend des Herzens mit zusammengepreßten Fingern, und diese sahen fahl und mißfarbig aus, an den äußersten Enden dunkel gefleckt.

»Jetzt siehst du!« sagte der Mönch mit leiser feierlicher Stimme. »Es kann Strafe, es kann Erbarmung sein. Welche Empfindung wirst du nun für diesen Menschen hegen, der dich beleidigt hat? Dieselbe Empfindung, Renzo, wird an jenem großen Tage Gott, den du beleidigt hast, für dich hegen. Segne ihn, und du wirst gesegnet werden. Seit vier Tagen ist er hier, und wie du siehst, ohne Zeichen des Bewußtseins. Vielleicht gewährt ihm der Herr einen lichten Augenblick, um seine Sünden reuig zu erkennen; aber du sollst darum beten; vielleicht will der Herr, daß du mit der unschuldigen Lucia darum betest; vielleicht verspart er die Gnade auf deine Bitte allein, auf die Bitte eines gekränkten, aber ergebungsvollen Herzens. Vielleicht hängt dieses Menschen und deine eigene Rettung von dir allein ab, von einem Gefühl der Verzeihung, des Mitleids, der ... Liebe in deinem Herzen!« – Hier schwieg er, faltete die Hände und senkte das Haupt wie zum Gebet nieder. So tat auch Renzo.

Einige Sekunden hatten sie in dieser Stellung verharrt, als der dritte Schlag der Glocke sich hören ließ. Als hätten sie es verabredet, setzten sich beide rasch in Bewegung und gingen hinaus. Bruder Cristoforo tat keine Frage. Der Jüngling ließ keine Beteuerung weiter hören; in ihrer Miene lag ihr Gespräch.

»Geh jetzt,« sagte endlich der Mönch, »geh, zu einer Aufopferung vorbereitet und dem Vater im Himmel sein Lob zu zollen, welches auch immer der Erfolg deines Suchens sei. Und wie es ausfallen mag, komme, mir Nachricht zu bringen.«

Hier trennten sie sich ohne fernere Äußerung. Der eine kehrte nach der Gegend zurück, woher er gekommen; der andere nahm seinen Weg nach dem Kirchlein, welches kaum mehr als in der Weite eines Steinwurfs vor ihm lag.

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