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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Vierzehntes Kapitel.

Am nächsten Tage kam Renzo noch früh am Tage in Mailand an. Nachdem er auf einen kleinen Platz gelangt war, spähte er umher und bemerkte einen Bürger, der gerade auf ihn zukam. – Endlich doch einmal eine christliche Seele! dachte er – denn bisher hatte er die Vorortsstraßen ganz menschenleer gefunden –, trat sogleich in die Straße hinein und war willens, bei dem Manne anzufragen, wo Dame Prassede und Don Ferrante, eben die adelige Familie, bei der Lucia sich aufhielt, wohnen möchten. Der Mann sah den heranschreitenden Fremdling mit scharfen Blicken an und maß ihn von fern mit bedenklicher Scheu; um so mehr, da er erkannte, daß Renzo nicht seinen Weg für sich ging, sondern auf ihn zukam. Als unser Jüngling nicht mehr weit von ihm war, zog er den Hut mit der Ehrfurcht eines Gebirgsmenschen, die ihm eigen blieb, und schritt geradeswegs auf den Unbekannten los. Dieser verdrehte die Augen, tat einen Schritt zurück, hob einen knotenreichen Stock und rief: »Weg, weg!« – »O, o!« rief auch Renzo und setzte den Hut wieder auf. Er mochte in diesem Augenblicke, wie er nachher erzählte, um alles in der Welt keinen Zank anfangen; er kehrte daher dem ungeschliffenen Menschen den Rücken und schritt in der nämlichen Straße weiter.

Der Bürger setzte gleichfalls seinen Weg fort, brummte und sah sich mehrmals um. Als er nach Hause gekommen war, berichtete er, wie ihm ein Giftsalber mit demütiger Schmeichelmiene auf den Hals geschlichen sei; indessen sei ihm auf der Stirn das niederträchtige Betrügerhandwerk zu lesen gewesen. – »Wenn er mir noch einen Schritt nähergekommen wäre,« fügte er hinzu, »so hätte ich ihn geradeswegs, eh' er mir noch an den Leib schleichen konnte, an meinen Stock anlaufen lassen, den Schurken! Es war nur schlimm, daß ich ihn gerade auf einem so abgelegenen Platze traf; denn wär's mitten in der Stadt geschehen, so hätt' ich Leute herbeigerufen, und der Kerl wär' beim Kragen gepackt worden. Jetzt steckt er sicher mitten in Mailand drinnen; weiß der Himmel, was für Unheil er schon angestellt haben mag!« – Solange er lebte – und er wurde ziemlich alt –, wiederholte der Mann, sooft von Giftmischern die Rede war, sein Abenteuer und sagte jedesmal dabei: »Die Leute, die noch immer behaupten, daß nichts daran war, sollen's wohl bleiben lassen, ihre Dummheit gegen mich zu verfechten; denn dergleichen Dinge muß man mit eigenen Augen gesehen haben, dann kann einer mitreden.«

Renzo, weit von der Ahnung entfernt, aus welch einem üblen Handel er entwischt war, und mehr von Ärger als von Furcht bewegt, überdachte, während er weiterschritt, diesen Empfang und konnte sich am Ende ungefähr vorstellen, was für eine Meinung der Bürger von ihm gefaßt haben mochte; indessen schien ihm die Sache mit der Vernunft so wenig verträglich, daß er endlich zu dem Schlusse kam, es müsse bei dem Manne nicht richtig unter dem Schädel zugehen.

So kam er an eine Brücke und bog, ohne sich zu besinnen, zur Linken in die Straße San Marco ein. Diese schien ihn nach der Mitte der Stadt führen zu müssen. Indem er fortwanderte, sah er beständig nach einem menschlichen Wesen umher; er gewahrte aber nichts als einen entstellten Leichnam in der kleinen Grube, welche zwischen den wenigen Häusern und der Straße eine Strecke lang sich hinzieht. Nachdem er diese Strecke hinter sich hatte, vernahm er ein Geschrei, als gälte ihm der Ruf; er wandte das Gesicht nach der Seite des Schalles hin und entdeckte auf dem Balkon eines wenig entfernten, einsam dastehenden Hauses eine arme Frau, von einem Haufen Kinder umgeben; sie rief noch immer fort und winkte mit der Hand, er möchte nähertreten. Renzo lief hinzu, und als er unten vor ihr stand, sagte sie: »Lieber junger Mann, ich beschwöre Euch bei den teuren Verwandten, die Euch selber gestorben sind, tut mir den Gefallen, geht hin zum Kommissar und sagt ihm, daß man uns hier vergessen hat. Sie haben uns als verdächtig im Hause eingeschlossen, weil mein armer Mann gestorben ist; haben die Türe vernagelt, wie Ihr seht, und seit gestern morgen hat uns kein Mensch was zu essen gebracht; so viele Stunden hindurch, wie ich hier stehe, hab' ich keine Christenseele finden können, die mir die Liebe angetan hätte, und die armen unschuldigen Würmchen hier kommen vor Hunger um.«

»Vor Hunger!« schrie Renzo und fuhr mit den Händen in die Taschen; »hier, hier,« sagte er darauf, indem er zwei Brote hervorholte, »laßt was herab, damit ihr sie hinaufkriegt.«

»Gott vergelt' es Euch tausendmal,« sagte die Frau. »Wartet einen Augenblick.« Darauf suchte sie ein Körbchen und band einen Strick daran fest. Renzo erinnerte sich währenddessen der Brote, welche er bei seinem vorigen Eintritt in Mailand an der Kreuzsäule des heiligen Dionysius aufgenommen hatte. – Das ist die Bezahlung, dachte er, und vielleicht besser, als wenn ich damals den wirklichen Eigentümer gefunden hätte; denn hier ist, meiner Seele, ein Werk der Erbarmung an seiner Stelle.

»Was den Kommissar betrifft, liebe Frau,« sprach er alsdann, indem er die Brote in den Korb legte, »so kann ich Euch nicht dienen; denn die Wahrheit zu sagen, bin ich ein Fremder und weiß in der Stadt nicht im mindesten Bescheid. Indessen wenn ich auf einen Menschen stoßen sollte, der ein bißchen manierlich und zahm aussieht, daß sich mit ihm reden läßt, so will ich's ihm sagen.«

Die Frau bat ihn darum und gab ihm den Namen der Straße an, damit er darüber Bescheid erteilen könnte.

»Ich glaube aber, auch Ihr, liebe Frau,« nahm Renzo das Wort, »könnt mir 'nen großen Gefallen tun, 'ne wahre Menschenliebe, ohne daß es Euch 'ne Mühe kostet. Ein vornehmes Haus, ein Haus von hohen adligen Leuten hier in Mailand, die Familie ***, könntet Ihr mir wohl sagen, wo die wohnt?«

»Ich weiß wohl, daß es so 'ne Familie gibt,« antwortete die Frau; »wo sie aber zu suchen, weiß ich nicht. Wenn Ihr weiter hineingeht, nach der Seite hin, sollt' ich meinen, wird sich schon einer finden, der Euch darüber Auskunft gibt. Vergeßt aber nicht, auch von mir mit ihm zu sprechen.« »Habt keine Bange,« erwiderte Renzo und ging weiter.

Bei jedem Schritte hörte er ein Geräusch, welches er schon, während er im Gespräche mit der Frau stillstand, vernommen hatte, steigen und näherkommen; rollende Räder, Pferdegetrapp, schellende Glöckchen, hin und wieder knallende Peitschen und ferntosendes Geschrei. Er sah von der Kirche her einen Mann kommen, der eine kleine Glocke schüttelte. Es war ein Apparitore. Hinter ihm zwei Pferde, die, den Hals lang ausstreckend und die Hufe schwer aufsetzend, mit Mühe daherkamen; von ihnen gezogen ein Totenkarren, nach diesem ein zweiter, dann ein andrer und wieder ein andrer; hier und dort Monatti, welche den Pferden zur Seite schritten und sie mit Peitschen, mit Stäben oder Flüchen anspornten. Die Leichname waren meistens nackt, einige in zerlumpte Bettücher geschlagen, ordnungslos aufgeschichtet und durcheinander geworfen; bei jedem Stoß, bei jedem Schwanken des Wagens gerieten diese traurigen Haufen in Bewegung und kamen in verkehrte Lage; Köpfe schwebten über die Seitenbretter in der Luft, jungfräuliche Haare flossen verwildert hernieder, Arme schlugen um und fielen auf die Räder hinab.

Unser Jüngling hatte sich seitwärts gehalten und betete für diese gestorbenen Unbekannten. Aber ein entsetzlicher Gedanke schoß ihm gleich einem versehrenden Blitze niederschmetternd durch die Seele: Da drunter vielleicht ... O, Herr im Himmel! Laß es nicht wahr sein! Laß mich nicht weiter daran denken!

Nachdem der leidvolle Zug vorüber war, setzte sich Renzo wieder in Bewegung. Da er noch immer hinsah, um einen Menschen anzutreffen, bei welchem er Erkundigungen einziehen konnte, sah er an der andern Seite der Straße einen Priester im Wams, mit einem kleinen Stabe in der Hand. Er stand vor einer angelehnten Türe und hielt das Ohr an die Öffnung hingeneigt; bald darauf erhob er die Hand und teilte den Segen aus. Renzo vermutete die Wahrheit: es habe jemand drinnen soeben seine letzte Beichte geschlossen. – Der ist mein Mann, sagte er zu sich selbst. Wenn ein Priester, mitten in priesterlichen Geschäften, nicht ein bißchen Menschenliebe im Leibe hat, ein bißchen freundliche Gefälligkeit, so muß man auf den Gedanken kommen, daß es auf dieser Welt keine mehr gibt.

Währenddessen entfernte sich der Priester von der Türe und kam auf Renzo zu. Als unser Wanderer sich nur noch vier oder fünf Schritte von ihm sah, zog er den Hut und gab ihm zu erkennen, daß er ihn anzureden wünsche. Zugleich blieb er stehen und erklärte dadurch, er sei willens, ihm nicht allzu unbescheiden auf den Hals zu kommen. Der Priester blieb gleichfalls stehen, zeigte sich bereit, ihn anzuhören, pflanzte aber seinen Stab vor sich hin auf den Boden und sicherte sich auf diese Weise gleichsam durch ein Bollwerk. Renzo tat seine Frage. Darauf gab ihm der Priester nicht bloß den Namen der Straße an, in welcher die Familie zu finden sei, sondern beschrieb ihm auch genauestens den Weg.

»Gott erhalte Sie bei Gesundheit,« sagte Renzo, »für diese schlimme Zeit und für jede künftige!« Während darauf jener im Begriff war, wegzugehen, rief der Jüngling: »Eine andre Gefälligkeit noch!« Und nun gab er ihm von der armen vergessenen Frau Nachricht. Der wackere Priester dankte, dieweil er zu einer so dringenden Hilfeleistung ihm Gelegenheit verschaffte, sagte, er werde es auf der Stelle gehörigen Ortes melden, und entfernte sich.

Nun wiederholte sich Renzo die gegebene Anweisung zu seiner Wanderschaft; er wollte sich so wenig wie möglich zu einer zweiten Nachfrage genötigt sehen. Der Leser hat aber schwerlich einen Begriff davon, wie sauer ihm diese Arbeit wurde; nicht sowohl, weil es ihm schwer fiel, die aufgezählten Zeichen alle zu behalten, als weil ein neuer Gedankensturm sich in seiner Seele erhob. Der Name der Straße, dieser Zug des Weges, sie waren es, was ihn mit so heftiger Erschütterung bestürmte. Es war die Kunde, die er gewünscht und begehrt hatte, ohne welche er nichts anzufangen vermochte; auch hatte er mit ihr zugleich nichts vernommen, was irgend die Ahnung eines Unglücks in ihm erwecken konnte. Und dennoch! Der Gedanke, einem verhängnisvollen Ziele sich so nahe zu fühlen, dem Augenblick zu begegnen, der einen großen schweren Zweifel ihm lösen sollte – sie lebt, konnte es heißen; es konnte heißen: sie ist tot! – Dieser Gedanke hatte so allgewaltig ihn ergriffen, daß er fast es vorzog, sich noch mitten im Nebel der Ungewißheit zu befinden und erst am Beginne des Weges zu stehen, dessen Ende jetzt so nah vor ihm dalag. Indessen sammelte er seinen Mut. – Ei, sagte er, wenn ich jetzt anfangen will, mich kindisch zu gebärden, wie soll die Sache gehen? – So gewann er seine Geistesgegenwart ziemlich wieder, setzte seinen Weg fort und gelangte tiefer in die Stadt hinein. – In welche Stadt! Welch grauenvoller Schrecken allerorten!

Renzo war eben im Begriff, durch eine der entstelltesten, am meisten verwüsteten Gegenden zu wandern; durch eine Kreuzscheide vieler Straßen, welche damals der Carrobio des neuen Tores hieß. Hier herum war die Wut der Ansteckung und der verderbliche Einfluß der umhergeworfenen Leichname so ungeheuer gewesen, daß die wenigen, welche am Leben geblieben waren, sich genötigt sahen, ihre Wohnungen zu verlassen. Während daher der Blick des Wanderers durch die öde Einsamkeit grauenvoll überrascht ward, wurden Auge und Nase durch die Zeichen und die Überbleibsel der neuen leblosen Bevölkerung ebenso ekelhaft wie schmerzlich beleidigt. Renzo schritt aus dieser Ursache eiligst zu; es gereichte ihm zu einigem Troste, daß sein Ziel noch nicht so nahe sein konnte; er hoffte, ehe er dahin gelangte, einen etwas erbaulicheren Anblick der Stadt zu treffen. Und in der Tat, nicht weit davon erreichte er eine Gegend, welche sich eine Stadt von lebenden Menschen nennen ließ; aber bei alledem was für eine Stadt, was für lebende Menschen! Aus Argwohn und Schrecken waren alle Türen nach der Straße zu geschlossen, und offen standen nur diejenigen, die zu keinem bewohnten Zimmer führten oder von der Gewalt erbrochen worden waren; einige von außen vernagelt oder versiegelt, weil drinnen Leute an der Pest gestorben waren oder krank danieder lagen; andre durch Kohle mit einem Kreuz bezeichnet, zur Nachricht für die Monatti, daß Leichen dort abzuholen seien; überall aber ließ sich ordnungslose Willkür erkennen, je nachdem hier oder dort sich ein Gesundheitsbeamter gefunden, welcher gesonnen war, die Befehle auszuführen oder aus Eigennutz und Raubgier bloß die Leute zu quälen. Wo der Blick hinfiel, lagen Fetzen, begeiferte Binden, zermalmtes Stroh; Kleider oder Bettücher, voller Eiter zu den Fenstern hinausgeworfen; bisweilen Leichname, plötzlich mitten in der Straße verschieden oder daselbst liegen gelassen, bis ein Karren käme, um sie fortzuschaffen; einige mochten von den Karren selbst herabgeglitten sein oder waren aus den Fenstern geworfen worden – so furchtbar hatten Drangsal und die Steigerung des Elends die Gemüter verwildert und sie von jeder Sorgfalt des Mitleids, von jeder geselligen Rücksicht der Scheu entwöhnt! Ringsumher hatte jedes Geräusch der Werkstätten, jedes Gerassel der Wagen, jedes Geschrei der Verkäufer, jedes Gespräch der Vorübergehenden aufgehört; nur selten wurde diese Kirchhofstille von etwas andrem belebt als dem Knarren der Leichenwagen, dem Gewimmer der Bettler, dem Wehklagen der Kranken, dem Geheul der Wahnsinnigen und dem wechselseitigen Zuruf der Monatti. Mit der Morgenröte, um Mittag und bei der Abenddämmerung gab vom Dom eine Glocke das Zeichen, verschiedene Gebete herzusagen, welche der Erzbischof vorgeschrieben hatte; dieser dröhnenden Mahnstimme antworteten die Glocken der übrigen Kirchen. Dann traten Leute an die Fenster, um gemeinschaftlich zu beten; ein Geflüster von Stimmen und Seufzer ließ sich vernehmen, und in ihm verkündigte sich eine Traurigkeit, die ein matter Trost zu mildern schien.

Es waren um diese Zeit vielleicht zwei Drittel der Bevölkerung gestorben. Von den übrigen hatten viele das Verderben glücklich überstanden oder kränkelten; was von außen herbeigetrömt war, hatte fast alles den Tod gefunden. Unter den wenigen, welche umhergingen, war kaum einer zu finden, an welchem nicht etwas Seltsames auffiel und die traurige Verwandlung der Dinge sich deutlich genug enthüllte. Man sah Leute von Stande ohne Mantel und Kragen, damals die beiden Haupterfordernisse einer anständigen Kleidung; Priester ohne den langen Überrock, Mönche ohne die Kutte. Die meisten Wanderer hatten einen Stock in der Hand, auch wohl eine Pistole, um jeden, der etwa allzusehr sich ihnen zu nähern gesonnen, drohend zurückscheuchen zu können; in der andern wohlriechende Teigscheiben, durchlöcherte Kugeln von Metall oder Holz, und in diesen essiggetränkte Schwämme; hin und wieder hielten sie diese Schutzmittel an die Nase oder trugen sie in einem fort vor dem Munde. Einige führten am Halse eine kleine Flasche mit etwas Quecksilber; sie waren der Meinung, dieses Metall sauge jeden pestartigen Ausfluß ein oder wehre ihn ab; von Zeit zu Zeit ward der Inhalt des Fläschchens erneuert. Vornehme Leute gingen durch die Straßen nicht bloß ohne die gewöhnliche Begleitung, man sah sie auch mit einem Korbe am Arm, um dem Mangel an Lebensmitteln abzuhelfen. Freunde, wofern noch ein Paar sich lebend auf der Straße begegnete, begrüßten sich von weitem mit wortkarger, eilfertiger Höflichkeit. Ein jeder war hinlänglich beschäftigt, die widrigen oder gefährlichen Hindernisse zu vermeiden, mit welchen der Boden bestreut, hin und wieder auch im eigentlichen Sinne des Wortes beladen war; aus Furcht, ekelhaften Gegenständen zu nahe zu kommen oder eine traurige Last von den Fenstern aus auf den Kopf zu empfangen, hielt sich jeder in der Mitte der Straße; auch graute ihm vor den Giftpulvern, welche die Bösewichter, wie die Rede ging, auf die Vorübergehenden herabstäuben ließen; man scheute die Wände, die mit Pestsalben bestrichen sein konnten.

Mitten durch diese Verwüstung hatte Renzo bereits eine ziemliche Strecke seines Weges zurückgelegt, als er, noch viele Schritte von einer Straße entfernt, welche er betreten mußte, einen vielstimmigen Lärm aus ihr hervorbrausen hörte und dazwischen das gewöhnliche grauenhafte Klingelgeschelle unterschied.

Bei dem Eintritt in diese Straße, eine der breitesten, bemerkte er vier haltende Karren, und wie man auf einem Getreidemarkte Leute kommen und gehen, Säcke aufladen und umstürzen sieht, wimmelte dort ein vielköpfiges Gedränge; Monatti, welche in die Häuser liefen, Monatti, die mit einer Last auf den Schultern herauskamen und sie auf den einen oder den andern Wagen legten; einige in ihrer roten Tracht, andre ohne diese unterscheidende Livree; viele in noch gehässigerer Kleidung, mit Mänteln und Federbüschen von mancherlei Farbe, welche sonst die unglücklichen Erblaßten getragen – als verherrlichten sie, mitten in so großer Volkstrauer, einen fröhlichen Festtag. Aus den Fenstern ließ sich hin und wieder eine unerfreuliche Stimme hören: »Hier, Monatti!« Und mit noch unheimlicherem Ton scholl aus dem trübseligen Gewimmel die Antwort: »Gleich, gleich!« Nachbarn jammerten oder baten um schnelle Beförderung ihrer Toten; die Monatti sahen mit herzlosen Mienen umher und antworteten mit Flüchen.

Renzo eilte vorwärts und mochte auf die Gegenstände, die hindernd sich in der Straße befanden, nicht weiter sehen, als notwendig war, um sie zu vermeiden; da traf sein Blick auf einen Gegenstand besonderen Mitleidens, eines Mitleidens, welches das Gemüt zur Betrachtung fesselte. So blieb er wider Willen stehen und sah näher hin.

Aus der Türe eines Hauses bewegte sich nach den Karren hin eine Frau, deren äußere Erscheinung eine vorgerückte, aber noch nicht vorübergegangene Jugend verkündigte; hindurch schimmerte gleichsam eine verhüllte Schönheit, durch langen Schmerz und tödliche Verschmachtung verdunkelt, aber nicht verwüstet, die weiche und doch zugleich majestätische Schönheit, die ein Erbteil des lombardischen Blutes ist. Mühsam schritt sie hin, doch ohne zu straucheln; keine Träne vergoß ihr Auge, schien aber viele vergossen zu haben; es lag in ihrem Schmerz etwas Sanftes und Tiefes, eine Seele verkündigend, welche mit vollem Bewußtsein, mit allen Kräften der Empfindung ihr Leiden fühlte. Aber ihr Anblick war es nicht allein, was unter so vielfachem Elend sie dem Erbarmen so auffallend empfahl und die Herzen, welche bereits so zerrissen und abgestumpft waren, plötzlich aufs neue mit ergreifender Wehmut erfüllte. Sie hielt ein totes, etwa neunjähriges Mädchen in den Armen; aber der Leichnam erschien im vollen Schmucke, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in weißem reinlichen Kleide, als wenn die Hände, die ihn trugen, ihn zu einem lange versprochenen Feste geschmückt hatten, das zur Belohnung dem Kinde zugestanden war. Und nicht in liegender Stellung hielt ihn die Frau, sondern aufgerichtet, auf den einen Arm gesetzt, die Brust an ihre eigene Brust gelehnt, als wär's ein lebendes Kind; ein weißes wachsähnliches Händchen hing mit lebloser Schwere auf einer Seite herab, und auf der Schulter der Mutter ruhte der Kopf, wie in tiefem Schlafe sich hingebend – auf der Schulter der Mutter; denn wenn auch die Ähnlichkeit der Gesichter nicht dafür gebürgt hätte, so hätten es die Züge der Frau deutlich genug verkündet, in welchen noch eine einzige Empfindung zu wohnen schien.

Ein ekelhafter Monatto ging auf die Frau zu und machte Anstalt, die schmerzliche Last aus ihren Armen zu nehmen; zugleich aber verkündigte sich eine ungewöhnliche Ehrfurcht in ihm, ein unwillkürliches Zögern. Die Frau zog sich ein wenig zurück, während in ihrer Gebärde weder Unwillen noch Verachtung lag. »Nein,« sprach sie, »berührt sie jetzt nicht; ich will sie auf den Wagen legen. Nehmt!« – Mit diesen Worten öffnete sie eine Hand, zeigte eine Geldbörse und ließ sie in die ausgestreckte Hand des Monatto fallen. Dann fuhr sie fort: »Versprecht mir, ihr nicht einen Faden vom Leibe zu nehmen, auch sie von keinem andern berühren zu lassen und sie so, wie sie ist, unter die Erde zu bringen.«

Der Monatto legte die Hand auf die Brust. Mit eilfertigem Gehorsam, mehr durch die neue Empfindung, die ihn überschlich, als des ungehofften Lohnes wegen, machte er geschäftig für den kleinen Leichnam auf dem Wagen etwas Platz. Die Frau gab dem Kinde einen Kuß auf die Stirn, legte es, wie auf ein Bett, in den leeren Raum, brachte die Glieder in Ordnung, breitete ein glänzend weißes Linnentuch darüber und sagte dann: »Leb' wohl, Cecilia! Ruh' in Frieden! Diesen Abend kommen auch wir, und dann werden wir immer beisammen bleiben. Bete währenddessen für uns; ich werde für dich und für die andern beten.« – Darauf wandte sie sich noch einmal zu dem Monatto mit den Worten: »Wenn Ihr gegen Abend wieder vorbeikommt, so kommt herauf; Ihr werdet auch mich holen, und nicht mich allein.«

Nachdem sie so gesprochen hatte, trat sie ins Haus zurück und erschien einen Augenblick später am Fenster oben. Auf ihren Armen hielt sie eine andre kleinere Tochter, noch lebend, aber schon die Zeichen des Todes in den zarten Kinderzügen. Sie stand und betrachtete das unwürdige Leichenbegängnis der älteren Tochter; ehe der Karren sich in Bewegung setzte, rückte sie keinen Fuß; dann aber verschwand sie. Was hatte die Jammervolle anderes zu tun, als das einzige Geliebte, welches ihr blieb, aufs Bett zu legen und sich daneben hinzustrecken, um mit der Sterbenden zu sterben? Wenn die Sichel über die die Wiese hinsaust und die Kräuter alle niedermäht, sinkt die stolze Blume am Stamme zugleich mit dem Blümchen, das schlummernd noch halb im Kelche lauscht, entwurzelt zu Boden.

»O Gott im Himmel!« schrie Renzo. »Erhöre sie; nimm sie zu dir, sie und das kleine Geschöpf da; sie haben genug gelitten, beim Heiland, haben genug gelitten!«

Betrübt und gerührt durch solchen Auftritt, ergriff unsern Wanderer eine Bekümmernis, die ihn näher traf und seine Füße lähmte. Das Haus konnte nicht mehr fern sein, und wer konnte ihm sagen, ob unter diesen bejammernswerten Opfern ... In quälendem Zweifel wandte er sich an einen Monatto und fragte ihn nach der Straße, in welcher Don Ferrantes Haus zu finden sei. – »Scher« dich zum Teufel, Bauernlümmel!« lautete die Antwort. Renzo hütete sich, etwas darauf zu erwidern; da er aber gleich daneben einen Kommissar bemerkte, welcher ein etwas christenmäßigeres Aussehen hatte, richtete er an ihn die nämliche Frage. Dieser deutete mit seinem Stocke nach der Gegend, woher er selbst kam, und sagte dann: »Die erste Straße zur Rechten, und dann links das letzte vornehme Haus.«

Mit einem neuen heftigeren Sturm im Herzen ging unser Jüngling darauf zu. Er ist in die Straße getreten; er unterscheidet sogleich das Haus von den niedrigen Nachbarn, die bei weitem nicht in so glänzendem Zustande sind; er nähert sich der geschlossenen Türe, er will die Hand an den Klopfhammer legen und hält sie schwebend in die Höhe, als griff er in einen Lostopf, worin ein Zettel über sein Leben oder seinen Tod entscheiden sollte. Endlich hebt er den Hammer und läßt entschlossen ihn zurückfallen.

Nach einigen Sekunden tat sich ein Fenster ein wenig auf; ein Frauenzimmer erschien geduckt; auf ihrem furchtsamen Gesichte ließen sich die Fragen lesen: Monatti? Diebe? Kommissare? Giftsalber? Teufel?

»Geehrte Frau,« rief Renzo mit nicht allzu sicherer Stimme hinauf, »dient hier nicht ein junges Mädchen von außerhalb, das Lucia heißt?«

»Die ist nicht mehr hier; geht!« antwortete das Frauenzimmer und machte Miene, das Fenster wieder zu schließen.

»Einen Augenblick! Habt Erbarmen! Sie ist nicht mehr hier? Wo ist sie?«

»Im Lazarett!« und das Fenster sollte von neuem geschlossen werden. »Einen Augenblick, um aller Heiligen willen! Pestkrank?«

»Versteht sich, als wenn das was Neues wäre! Geht!«

»Wartet, eh! War sie schwer dran krank? Wie lang' ist's her ...?«

Das Fenster ward geschlossen.

»Liebe Frau! Liebe Frau! Ein Wörtchen, bei den Gebeinen Eurer Eltern! Ich verlange ja nichts weiter von Euch!« – Es war aber, als wenn er zur tauben Mauer sprach.

Von der Nachricht bestürzt und über die Behandlung entrüstet, ergriff Renzo den Hammer noch einmal, drehte ihn, gegen die Türe sich stemmend, in der Hand, hob ihn, um zum zweitenmal mit verzweifelter Gewalt zu pochen, ließ ihn aber bald regungslos in der Hand schweben. In dieser Gemütsbewegung wandte er sich, ob vielleicht ein Nachbar sich sehen ließe, von welchem eine menschenfreundlichere Nachricht, ein Licht, ein Fingerzeig zu erlangen wäre. Die erste und einzige Person aber, die er gewahr wurde, war ein anderes Frauenzimmer, welches etwa zwanzig Schritte davon stand; mit einem Gesichte, worin Schrecken und Haß, Ungeduld und Bosheit nebeneinander hausten. Mit verdrehten Augen öffnete sie den Mund, als wollte sie aus vollem Halse schreien, hielt aber zugleich den Atem an sich, hob zwei magere Arme empor, streckte die beiden runzligen Hände mit langen Nägeln aus und ballte sie wieder zusammen, als zöge sie etwas nach sich, und schien Leute herbeirufen zu wollen, ohne daß es jemand gewahr werden sollte. Da Renzos Blick dem ihrigen begegnete, gebärdete sie sich noch feindseliger und fuhr wie eine überraschte Verbrecherin empor.

»Was, zum Henker ...?« fing Renzo an und hob die Arme gegen sie auf. Jene aber, als hätte sie die Hoffnung verloren, ihn unversehens von den Händen anderer ergreifen zu lassen, brach in das Geschrei aus, welches sie bis dahin unterdrückt hatte. »Ein Giftsalber! packt ihn! packt ihn! packt den Giftsalber!«

»Wer? Ich?« schrie Renzo. »Die lügenhafte Hexe! Halt' das Maul!« – Mit diesen Worten sprang er auf sie zu, um ihr Furcht einzujagen und sie zum Schweigen zu bringen. Indessen besann er sich, daß es in solcher Lage gescheiter sei, an sich selbst zu denken. Auf das Geschrei des Frauenzimmers liefen von beiden Seiten Leute herbei, nicht ein Schwarm, wie er bei einer ähnlichen Gelegenheit drei Monate früher hervorgestürzt wäre; aber doch immer noch eine größere Zahl, als hinreichend war, einen Menschen fortzujagen.

Mit Blitzesschnelle überlegte Renzo, daß es rätlicher sei, sich hier aus dem Staube zu machen, als dazubleiben und seine Rechtfertigung zu versuchen; er wandte das Auge nach beiden Seiten, um zu sehen, auf welcher der schwächste Zusammenlauf sei; nach dieser setzte er sich in Lauf. Mit einem tüchtigen Stoß drückte er einen, der ihm die Straße versperren wollte, zurück; acht oder zehn Schritte weiter brachte er einen andern, der ihm entgegenlief, durch einen kräftigen Faustschlag gegen die Brust zum Weichen; dann ging's atemlos fort, die Faust emporgehoben, gewandt und drohend. Die Straße vor ihm war bald frei; im Rücken aber hörte er immer unbändiger das ergrimmte Zetergeschrei: »Packt ihn! packt ihn! 's ist ein Giftsalber!« Bald merkte er auch, wie die Tritte der Schnellfüßigsten, die ihm nachsetzten, sich näherten. Sein Zorn verwandelte sich in Wut, seine Angst stieg zur Verzweiflung; es war, als wenn ein schwarzer Schleier ihm vor die Augen niedersank; er greift nach seinem Messer, zieht es heraus, steht still, dreht sich um und zeigt seinen Verfolgern ein wilderes, wutschnaubendes Gesicht, als jemals einer an ihm gesehen; so schwingt er mit ausgestrecktem Arme die blitzende Klinge in der Luft und schreit: »Wer Herz hat, der komme her, ihr Schufte! Ich werd' ihn damit in allem Ernste salben!«

Aber mit Verwunderung und Trostgefühl sah er, wie seine Verfolger schon in einiger Entfernung stehen geblieben waren. Sie zögerten, schrien aber noch immer und winkten gleich Besessenen mit ausgestreckten Händen den Leuten weit hinter ihm zu. Er drehte sich also wieder um, entdeckte vor sich und gar nicht weit mehr – denn in der großen Bestürzung war er früher nichts davon gewahr geworden – einen daherfahrenden Karren, bald sogar eine ganze Reihe, gewöhnliche Leichenkarren mit der gewöhnlichen Begleitung; jenseits einen andern Menschenschwarm, welcher ebenso gern dem Giftsalber zu Leibe gehen und ihn in die Mitte nehmen wollte, jedoch durch dasselbe Hindernis zurückgehalten wurde. Da Renzo sich so zwischen zwei Feuern sah, fiel ihm ein, daß der Schrecken, welcher die andern lähmte, sich für ihn als ein Mittel zur Rettung benutzen ließe; er sah, daß es keine Zeit war, den Bedenklichen zu spielen, steckte das Messer wieder zu sich, lief längs den Häusern hin, drehte sich dann auf die Karren zu, kam vor dem ersten vorüber und bemerkte auf dem zweiten einen leeren Raum. Schnell tat er einen Sprung und schleuderte sich hinauf.

»Bravo! bravo!« schrien die Monatti zugleich, von welchen die meisten zu Fuß dem Zuge folgten, andere auf den Karren sich befanden und einige, um das Entsetzliche zu sagen, wie es war, auf den Leichnamen saßen und aus einer großen Flasche die Reihe herum einander zutranken. – »Bravo! 'n hübscher Streich!«

»Bist heraufgesprungen, dich in den Schutz der Monatti zu begeben,« sagte einer von den beiden, die auf demselben Karren saßen, »verlaß dich drauf, sollst sicher sein wie in der Kirche.«

Während der Zug sich näherte, hatten die meisten Feinde den Rücken gekehrt und schlichen zurück, indem sie jedoch noch immer: »Packt ihn! packt ihn! Ein Giftsalber!« schrien. Einer unter ihnen machte sich langsamer fort, stand hin und wieder still und drehte sich mit gefletschten Zähnen, mit den drohenden Gebärden des Grimmes nach Renzo hin. Dieser antwortete ihm von seinem Karren herab und ließ seine geballten Fäuste in der Luft spielen.

»Laß mich machen,« sagte einer der Monatti. Mit diesen Worten riß er einem Leichnam einen schmutzigen Fetzen vom Leibe, band ihn eilig zusammen, faßte ihn bei einem Zipfel, schwang ihn wie eine Schleuder gegen die hartnäckigen Gegner empor, machte Miene, das Bündel ihnen an den Kopf zu werfen und schrie: »Wart, Rackerzeug!« Bei diesem Gebärdenspiel ergriffen alle schaudernd die Flucht; Renzo sah nur den Rücken seiner Feinde noch, nur Fersen, die hastig in die Luft geschwungen wurden, wie die Balken einer Walkmühle.

Unter den Monatti erhob sich ein Siegesjubel, ein stürmisch gellendes Gelächter; mit einem langgezogenen »Uh!« begleiteten sie die Flucht der Erschrockenen.

»Aha! Siehst du nun, ob wir ehrliche Leute in Schutz zu nehmen verstehen?« sagte derselbe Monatto, »einer von uns und hundert solche Hasenfüße!«

»Gewiß, ich kann sagen, ich verdank' euch mein Leben,« erwiderte Renzo, »und von ganzem Herzen bin ich euch verpflichtet.«

»Nichts, nichts,« sprach jener, »verdienst es, man sieht's dir an, daß du ein wackerer junger Kerl bist. Hast ganz recht, wenn du die Lumpenbrut anschmierst; salb' sie, rotte sie aus, sie sind doch nicht eher was wert, als bis sie kalt sind. Um des Handwerks willen, das wir treiben, wünschen sie uns den Teufel ins Nest, und wenn die Pestilenz aufgehört hat, so wollen sie uns alle, sagen sie, an den Galgen schaffen. Mit ihnen aber soll's eher vorbei sein als mit der Pestilenz; die Monatti werden allein übrigbleiben, um ihre Siegeslieder zu singen und in Mailand ein lustiges Zecherleben zu führen.«

»Die Pest soll leben und das Schuftenvolk zugrunde gehen!« rief der andere. Mit diesem Trinkspruch eines erhabenen Zartgefühls setzte er die Flasche an den Mund, hielt sie beim Schwanken des Karrens mit beiden Händen umklammert, tat einen herzhaften Zug und reichte sie unserm Jüngling mit den Worten hin: »Da, Bursch, trink' auf unsere Gesundheit!«

»Die wünsch' ich euch von ganzem Herzen,« sagte Renzo; »hab' aber keinen Durst und könnte für den Augenblick nicht 'nen Tropfen hinunterbringen.«

»Gib her,« sprach einer von den übrigen, die neben dem Karren zu Fuße gingen, »her die Flasche. Der Teufel, mit dem du deinen Kontrakt abgeschlossen hast, muß noch ein sehr kleinmütiger Grünschnabel sein; denn wären wir dir nicht zu Hilfe gekommen, er hätt' dich nimmermehr aus dem flammenden Ofen gezogen.« – Ein Gelächter krönte seinen Witz, und nun hängte er die Flasche an den Mund.

»Und wir? He! Und wir?« schrie es vom vordersten Karren in mehreren Stimmen herab. Der ungeschlachte Witzbold übergab, nachdem er sich zur Genüge gütlich getan, die große Flasche mit beiden Händen seinen Brüdern dort vorn. Hier wanderte sie von Hand zu Hand und gelangte endlich an einen, welcher den letzten Zug tat, sodann sie beim Hals faßte, ein paarmal durch die Luft schwang und sie mit dem Rufe: »Die Pestilenz soll leben!« aufs Pflaster nieder in viele Stücke zerschmetterte. Nach diesen Worten stimmte er einen rohen Gesang an, und seinem Gebrüll gesellten sich die meisten Kehlen des widrig-trübseligen Chors. Das teuflische Lied, mit dem Geklingel der Glöckchen, dem Knarren der Wagen und dem Hufschlag der Pferde zusammentönend, scholl durch die schweigende Öde der Gassen und ergriff, in den Häusern widerhallend, mit schmerzlicher Bangigkeit die Herzen der wenigen, die noch darin wohnten.

Aber was kann dem Menschen bisweilen nicht gelegen kommen? Was kann in manchen Fällen nicht heilsam erscheinen? – Das Angstgedränge eines Augenblicks hatte unserm Renzo die Gesellschaft dieser Toten und dieser Lebenden mehr als erträglich gemacht. Noch halb außer sich vor Angst und Verwirrung dankte er dem Himmel im Herzen, daß er, ohne ein Unglück anzustellen oder zu erfahren, aus der Drangsal entwischt war, und betete, daß er auch jetzt aus der Mitte seiner Befreier befreit würde.

Indem der Zug um eine Ecke bog, glaubte er die Gegend wiederzuerkennen; er blickte aufmerksamer hin und erkannte sie in der Tat an verschiedenen Zeichen. Es war die große Straße vom Tor gegen Morgen her, die Straße, durch welche wir etwa zwanzig Monate früher unsern Jüngling langsam in Mailand herein- und in flüchtiger Eile wieder hinausbegleitet haben. Er erinnerte sich sogleich, daß es von dort aus gerade nach dem Krankenhause ging. In dem Augenblicke kam dem Karrenzuge ein Kommissar entgegen und schrie den Monatti zu, sie sollten stillhalten. Es geschah, und der Gesang verwandelte sich in einen lärmenden Wortwechsel. Einer der Monatti auf Renzos Wagen war hinabgesprungen; der Jüngling sagte zu dem andern: »Ich dank' Euch für Euern Beistand, der Himmel vergelt' ihn Euch.« – Mit diesen Worten entwischte er auf der andern Seite hinab.

»So geh, geh, armes Giftmischerchen!« entgegnete jener, »du wirst eben in Mailand keine große Verwüstung anstellen.«

Zum Glücke stand niemand so nah, daß er diese Worte gehört hätte. Der Zug hielt auf der linken Seite der Straße; Renzo begab sich eilig nach der andern, hielt sich an die Mauer, lief der Brücke zu, ging hinüber, folgte der bekannten Straße zur Vorstadt, erkannte das Kloster der Kapuziner, kam ans Tor, sah die hervorstehende Ecke des Krankenhauses und schritt durch das Gitter des Tores. Es enthüllte sich seinen Augen der Anblick jenseits der Einfassung, ein Anzeichen kaum, eine Probe, und doch schon eine weite, mannigfaltige, unbeschreibliche Szene.

An den beiden Seiten des Gebäudes wimmelte es von Menschen; es war ein Zusammenströmen, ein Durcheinandergleiten, ein stockendes Gedränge. Kranke, die in Haufen sich nach dem Hospital bewegten, während einige am Rande der beiden Gräben, welche sich längs der Straße hinziehen, saßen oder lagen; denn ihre Kräfte hatten nicht hingereicht, sich bis ins Haus hineinzuschleppen. Andre Kranke irrten zerstreut umher, wie blödsinnig, mancher in der Tat außer sich. Dieser stand mit glühendem Gesicht da und teilte die Erscheinungen seiner fieberhaften Einbildungskraft einem Elenden mit, welcher, von der Krankheit zu Boden geworfen, dalag und ihn nicht anhörte; jener tobte, ein Dritter lachte, als bewegte sich ein fröhliches Schauspiel vor seinen Augen. Aber die seltsamste, lärmendste Erscheinung solch einer trübseligen Fröhlichkeit war ein lauter ununterbrochener Gesang, der die Stimmen des übrigen Jammers übertönte; ein lustiges Volkslied, wie die scherzende Liebe es hören läßt; und folgte der Blick dem Tone, um zu entdecken, wo hier die Fröhlichkeit ihr Fest feiern konnte, unterschied man einen Unglückseligen, der, still im Grunde des Grabens sitzend, aus voller Kehle sang und das wahnsinnige Antlitz zum Himmel gewandt hielt.

So kam unser Jüngling, vom Schauspiel des Jammers bestürzt und ermüdet, an das Tor eines Gebäudes, in welchem alles, was er bisher an so vielen Orten einzeln gesehen, zusammengedrängt seinen Blicken sich darstellen sollte. Er trat unter die Wölbung der Pforte und blieb einen Augenblick mitten in der Halle unbeweglich stehen.

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