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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Dreizehntes Kapitel.

Gegen Ende des Augusts, gerade als die Pest ihre furchtbarste Ernte hielt, kehrte in Mailand Don Rodrigo nach seinem Hause zurück. Ihn begleitete der treue Graue, einer von den dreien oder vieren, welche unter der ganzen Dienerschaft am Leben geblieben waren. Er kam aus einer Gesellschaft von Freunden, die sich gewöhnlich zu schwelgerischem Schmause versammelten, um durch die finstere Betrübnis der Zeit hindurchzugleiten; jedesmal stellten sich neue Freunde ein, jedesmal vermißte man alte. Diesen Abend war er einer der fröhlichsten gewesen und hatte unter anderm durch eine Art von lobpreisender Leichenrede auf den Grafen Attilio, welcher zwei Tage vorher von der Pest weggerafft worden war, die Versammlung weidlich lachen gemacht.

Während er aber vorwärtsschritt, empfand er ein unfreundliches Mißbehagen, eine Niedergeschlagenheit, eine Schwäche in den Beinen, eine Beschwerde beim Atemholen, eine innere Hitze, die er gern ganz und gar auf Rechnung des Weines, der durchwachten Nacht oder der Jahreszeit setzen wollte. Er sprach den ganzen Weg entlang nicht ein einziges Wort; erst als sie nach Hause gekommen waren, gab er einen Laut von sich, indem er dem Grauen befahl, ihm im Zimmer Licht anzuzünden. Nachdem dieses, geschehen, betrachtete der Bravo das Gesicht seines Herrn: es war verzerrt, entflammt, die Augen hervorgetreten und glänzend. Und so hielt er sich fern; denn in solchen Tagen hatte der gemeinste Knecht sich bereits das Auge eines Arztes angewöhnt.

»Ich bin gesund, geh!« sagte Don Rodrigo, da er in der Gebärde des Grauen den Gedanken las, welcher ihm durch den Kopf flog. »Ich bin ganz gesund; ich hab' aber getrunken, hab' vielleicht ein wenig zu viel getrunken, 's war so ein süßer Wein. Mit einem tüchtigen Schlaf ist alles abgemacht. Er liegt mir in den Gliedern. Bring mir das Licht aus den Augen, es blendet mich, ich kann's nicht leiden!«

»Das sind die Streiche des süßen Weins!« sagte der Graue, während er sich dessenungeachtet immer außer dem Schuß hielt. »Legen Sie sich aber rasch nieder; Bett und Schlaf werden Ihnen gut tun.«

»Hast recht – wenn ich schlafen kann. Übrigens . . . bin ich wohl. Stell' auf alle Fälle die Klingel auf den Tisch; es kann doch sein, daß ich die Nacht was nötig habe, und sei bei der Hand, verstehst du mich? sobald du schellen hörst. Ich werde aber nichts nötig haben. Schaff mir im Augenblick das verdammte Licht fort!« rief er, während der Bravo seinem Gebote Gehorsam leistete und so wenig wie möglich in seine Nähe kam. »Weiß der Teufel, warum's mir so zuwider ist!«

Der Graue nahm das Licht, wünschte seinem Herrn gute Nacht und ging, während dieser sich die Kissen unter dem Kopf ordnete, eilig hinaus.

Aber das Kissen dünkte ihn ein Gebirge. Er warf es weg und krümmte sich zusammen, um einzuschlafen; denn er kam vor Schlafsucht fast um. – Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, so wachte er ungestüm auf, als wenn ein Mensch in heftigem Ärger ihn geschüttelt hätte; er fühlte die Hitze steigen, die innere Unruhe vermehrte sich. Mit dem, Gedanken an den August, an den süßen Wein, an den wild durchstürmten Abend warf er sich umher; es war sein Wunsch, alle Schuld ihnen allein geben zu können; immer aber stellte sich von selbst der Gedanke dabei ein, welcher damals sich jedem andern gesellte, durch alle Sinne gleichsam Eingang fand und in alle Gespräche der Schlemmergesellschaft sich gemischt hatte, daß es immer noch leichter war, ihn von der lustigen Seite zu nehmen, als ihn abzubrechen oder auszuschließen: die Pest nämlich.

Nach langem Kampfe schlief er endlich ein; den Schlaf bevölkerten die schwärzesten, verwirrtesten Träume. Von einem zum andern schien er sich in einer großen Kirche zu befinden, vorwärts und immer vorwärts getrieben, mitten im Gedränge des Volkes; er war in dem Gebäude und wußte nicht, was ihn hineingezogen hatte, wie ihm, zumal bei solcher Zeit, der Gedanke angekommen war, und darüber marterte er sich im eigenen Geiste ab. Er blickte auf die Umherstehenden; nichts als verbleichte Gesichter, wie aus den Gräbern hervorgeschlüpft, mit starren, blindschauenden Augen und hängenden Lippen; lauter Leute mit Kleidern, die in Fetzen auseinanderfielen, und durch die Risse blickten Flecke und Pestbeulen. »Fort, Gesindel!« hörte er sich schreien. Dabei blickte er nach der fernen, fernen Pforte und begleitete das Geschrei mit einer drohenden Miene, ohne jedoch eine Bewegung zu machen. Aber keiner dieser Unholde schien sich zu bewegen, noch weniger ihn verstanden zu haben; sie drängten sich nur dichter an ihn, und vorzüglich war's, als wenn einer unter ihnen mit den Ellenbogen oder irgendeinem Werkzeuge ihn gegen die linke Seite, zwischen Herz und Achsel, wo er einen stechenden, niederziehenden Schmerz empfand, unablässig drückte. Er zuckte, keuchte und wollte noch lauter schreien; da wandten sich alle diese Gesichter nach einer Seite hin. Er machte dieselbe Wendung, ward eine Kanzel gewahr und sah aus ihrem Hintergrunde ein gewölbtes, glattes, glänzendes Wesen sich erheben; bald stellte sich eine kahle Glatze dar, zwei lebhafte Augen, ein ausdrucksvolles Gesicht, ein langer weißer Bart, endlich ein aufrechtstehender Mönch, bis zum Gürtel sichtbar – Bruder Cristoforo war's. Der Mönch ließ einen blitzenden Blick durch die ganze Versammlung wandern, heftete ihn auf sein Gesicht, erhob die Hände und nahm genau die Stellung an, in welcher er einst im Saale seines Palastes, die furchtbaren Anfangsworte der Verkündigung auf den Lippen, vor ihm gestanden hatte. Darauf hob er wütend die Hand und nahm einen Ansatz, als wollte er sich zum Ergreifen jenes ausgestreckten Armes hinanschleudern; eine Stimme, die ihm dumpf in der Kehle brüllte, brach als ein furchtbares Geheul hervor, und so erwachte er. Er ließ den Arm, den er wirklich erhoben hatte, sinken; er strengte sich an, um wieder gänzlich zu sich selbst zu kommen und die Augen zu öffnen; denn das Licht des Tages, das hell bereits zu den Fenstern hereindrang, war ihm nicht weniger lästig als der Glanz der Kerze; er erkannte sein Bett, sein Zimmer; er begriff, daß alles ein Traum gewesen; die Kirche, das Volk, der Mönch, alles war verschwunden – nur eins nicht, der Schmerz an der linken Seite. Zugleich empfand er im Herzen einen beschleunigten, ängstlichen Schlag, in den Ohren ein summendes Geräusch, ein inneres Feuer, eine Schwere in allen Gliedern, schlimmer als da er zu Bette gegangen. Er zauderte einige Sekunden, ehe er nach der schmerzenden Stelle sah; endlich entdeckte er sie deutlicher mit den Fingern, blickte hin und schauderte – er ward eine Beule von mißfarbigem Violett gewahr.

Er sah sich verloren. Der Schrecken des Todes ergriff ihn, und vielleicht noch gewaltsamer der Schrecken, die Beute der Monatti zu werden, fortgeschleppt und ins Krankenhaus geworfen zu werden. Während er über die Mittel nachdachte, dieses entsetzliche Los zu vermeiden, empfand er, wie seine Gedanken sich verwirrten und dämmernd zu erlöschen schienen, wie der Augenblick heranrückte, welcher ihm nur so viel Gewissen ließ, wie zur Verzweiflung hinreichte. Er faßte die Klingel und rüttelte sie gewaltsam. Der Graue hatte fertig dagestanden und erschien. Er blieb in einer gewissen Entfernung vom Bette stehen, betrachtete den Herrn aufmerksam und fand seine Vermutung vom vorigen Abend bestätigt.

»Grauer,« sagte Don Rodrigo und brachte sich mit Anstrengung zum Sitzen, »du bist jederzeit mein Getreuer gewesen.«

»Jawohl, Herr!«

»Ich hab' dir immer Gutes getan!«

»Ihre Gnade war groß.«

»Auf dich kann ich mich verlassen.«

»Teufel, das will ich meinen!«

»Es steht schlimm mit mir, Grauer.«

»Ich hatt' es gemerkt.«

»Wenn ich davonkomme, so sollst du es noch weit besser haben, als du es jemals bei mir gehabt hast.«

Der Graue antwortete nichts und stand in Erwartung da, wohin diese Vorrede leiten würde.

»Ich will mich keinem andern als dir anvertrauen,« nahm Don Rodrigo das Wort, »tu mir einen Gefallen, Grauer!« »Befehlen Sie,« sagte dieser, mit der gewöhnlichen Redensart auf jene ungewöhnliche antwortend.

»Weißt du, wo der Wundarzt Chiodo wohnt?«

»Sehr wohl.«

»'s ist ein wackerer Mann,« sprach Don Rodrigo; »wenn man ihn gut bezahlt, macht er aus den Kranken ein Geheimnis. Such' ihn auf. Sag' ihm, ich will ihm vier, sechs Scudi für jeden Besuch geben, und mehr noch, wenn er's verlangt; er soll im Augenblick kommen. Richt' es aber klug ein, damit niemand was merkt.«

»Gut!« sagte der Graue; »ich geh' und bin gleich wieder hier.«

»Höre, Grauer! reich' mir erst 'nen Trunk frisches Wasser. Ich fühl' ein brennend Feuer, daß ich's nicht länger aushalten kann.«

»Nein, Herr!« antwortete jener, »nichts ohne die Meinung des Doktors. Das sind Übel, die eine ganz besondere Behandlung verlangen; auch ist keine Zeit zu verlieren. In einem Nu bin ich mit dem Wundarzt hier.«

So sprach er, ging hinaus und schlug die Türe hinter sich zu.

Zusammengekauert begleitete ihn Don Rodrigo im Geiste nach dem Hause des Arztes, zählte seine Schritte und berechnete die Zeit. Hin und wieder wandte er sich, um nach seiner linken Seite zu sehen; aber mit schauderndem Widerwillen drehte er sogleich das Gesicht wieder weg. Nach einiger Zeit fing er an zu horchen, ob der Arzt schon käme; die Anstrengung dieser Aufmerksamkeit unterbrach das Gefühl des Leidens ein wenig und brachte seine Gedanken für einen Augenblick wieder ins Geleise. Plötzlich hörte er eine ferne Glocke; sie scheint ihm aber aus den Zimmern, nicht von der Straße her zu tönen. Er spitzt die Ohren noch aufmerksamer; er hört es stärker, wiederholter, zugleich aber rasche vielfache Fußtritte, und ein schrecklicher Verdacht läuft ihm durch den Kopf, läßt das Blut in seinen glühenden Adern plötzlich zu Eise gerinnen. Er richtet sich auf und gibt ängstlicher acht; er vernimmt ein dumpfes Geräusch im nächsten Zimmer, wie wenn eine Last behutsam niedergesetzt wird; da schwingt er die Beine aus dem Bette, als wollte er aufstehen, blickt nach der Türe und sieht sie aufgehen, sieht zwei zerrissene, schmutzige Rotmäntel erscheinen und sich nähern, zwei abscheuliche Gesichter, kurz, zwei Monatti; zugleich zeigt sich zur Hälfte das Gesicht des Grauen, der hinter einem angelehnten Türflügel verborgen, lauschend dasteht. »Ah, der niederträchtige Verräter! – Fort, Lumpengesindel! Biondino! Carlotto! Hilfe! Ich werd' überfallen!« schreit Don Rodrigo, fährt mit der einen Hand unter das Kopfkissen; um eine Pistole zu suchen, ergreift sie und reißt sie hervor. Aber auf sein erstes Geschrei sind die Monatti schon nach dem Bette hingestürzt, der schnellere fällt über ihn her, bevor er noch etwas anderes beginnen kann, ringt ihm die Pistole aus der Hand, schleudert sie fort, drückt ihn nieder und hält ihn mit einem Zetergebrüll von Wut und Verachtung zugleich am Boden. – »Ah, Schurke! Gegen die Monatti! Gegen die Diener des Ausschusses! Gegen die Leute, die dies Werk der Barmherzigkeit verrichten!«

»Halt' ihn fest, bis wir ihn fortschaffen,« sagte der Gefährte und ging nach einem Kasten hin. In diesem Augenblick trat der Graue ein und half ihm das Schloß desselben erbrechen.

»Niederträchtiger!« heulte Don Rodrigo, indem er unter den Händen des Monatto, der ihn hielt, hervorblickte und aus den nervigen Armen sich zu reißen suchte.

»Laßt mich den Höllenschurken dort kalt machen,« sagte er darauf zu den Monatti, »und hernach stellt an, was ihr wollt.« Dann rief er wieder mit lauter Stimme seine anderen Diener, aber umsonst; ehe der Graue sich zu den Monatti begeben hatte, um ihnen den Vorschlag zur Teilung des Raubes zu machen, hatte der Abscheuliche alle seine Dienstgefährten durch erdichtete Befehle des Herrn weit fortgeschickt.

»Sei ruhig, sei ruhig!« rief dem Unglücklichen der Jammervogt zu, der ihn fest ans Bett gedrückt hielt. Dann wandte er das Gesicht nach den beiden Beutemachern und sagte: »Ich hoffe, ihr geht wie ehrliche Leute zu Werk!«

»Du! Du!« brüllte Don Rodrigo, da er den Grauen in voller Geschäftigkeit zersprengen, Geld und Geräte herausholen und teilen sah. »Du, nachdem ... Teufel aus dem Höllenschlunde! Ich kann noch wieder davonkommen, wieder gesund werden!« – Der Graue ließ keinen Laut hören und wandte sich nicht im geringsten nach der Seite hin, von wo diese Worte ihm zugerufen wurden.

»Halt ihn gehörig fest!« sagte der andere Monatto, »er ist toll.«

Der Elende ward es in der Tat. Nachdem er zum letztenmal, so gewaltsam er vermochte, zu schreien und sich zu wenden versucht hatte, sank er plötzlich ohnmächtig und betäubt zusammen. Doch blickte er noch immer, wie bezaubert, mit starren Augen nach dem Grauen machte hin und wieder eine Bewegung und ließ hin und wieder ein Gewimmer des Schmerzes hören. Endlich packten ihn die Monatti, der eine beim Fuß, der andere bei den Schultern, und legten ihn auf eine Bahre, die sie im nächsten Zimmer gelassen hatten. Dann kam der eine zurück und holte die Beute; zuletzt hoben sie die elende Last in die Höhe und schleppten sie fort.

Der Graue blieb und tat eilig zusammen, was für ihn am besten paßte; dann machte er ein Bündel daraus und entwischte. Er hatte sich wohl gehütet, die Monatti zu berühren oder von ihnen berührt zu werden; bei dem letzten Zusammenraffen jedoch hatte er vom Bette die Kleider des Herrn gerissen und sie, ohne sich etwas dabei zu denken, geschüttelt, um zu sehen, ob Geld darin steckte. Am andern Tage aber ward er daran erinnert. Er zechte in einer Schenke, fühlte einen plötzlichen Schauder, vor den Augen stiegen ihm Wolken auf, seine Kräfte schwanden, und so fiel er nieder. Von seinen Gefährten verlassen, geriet er in die Hände der Monatti; sie nahmen ihm ab, was er Brauchbares bei sich hatte, und warfen ihn auf einen Karren. Auf diesem hauchte er, bevor er das Krankenhaus erreicht hatte, wohin sein Herr gebracht worden war, seine verruchte Seele aus. –

Wir lassen aber Don Rodrigo jetzt im Aufenthalte des Elends und müssen einen andern aufsuchen, dessen Geschichte mit der seinigen niemals mehr zusammengeflossen wäre, wenn er nicht selbst mit unaufhaltsamen Schritten darauf losging; Renzo suchen wir auf, welchen wir in der neuen Spinnmühle unter dem Namen Antonio Rivolta verlassen haben.

Fünf oder sechs Monate hatte er sich daselbst aufgehalten, als die Feindschaft zwischen dem Freistaat und dem Könige von Spanien zur öffentlichen Erklärung kam. Somit durfte er aller Furcht vor schlimmen Diensten und vor Verpflichtungen von venezianischer Seite entsagen; Bortolo kam voll Eifer herbei, ihn zu holen, und nahm ihn mit sich. Denn er liebte ihn von Herzen; auch war Renzo, von Natur verständig und im Fache handfertig, in der Fabrik eine große Unterstützung für das Faktotum, wie sich Bortolo nannte.

Als darauf im mailändischen Herzogtum und gerade, wie wir gesagt, an der bergamaskischen Grenze die Pest ausgebrochen war, währte es nicht lange, daß man sie auch hier empfand, und ... nein, guter Leser, erschrecke nicht, ich hänge dir kein zweites Pestgemälde vor die Augen! Renzo ward gleichfalls von der Pest ergriffen und ward wieder gesund, obwohl er nichts dazu tat; er sah die Leichengrube schon für sich geöffnet, aber sein jugendlich rüstiger Körper überwand die Gewalt des Übels; in wenigen Tagen befand er sich außer Gefahr. Mit der Rückkehr des Lebens stellten sich zahlreicher und schmerzlicher als je die Sorgen des Lebens wieder ein, die Wünsche, die Hoffnungen, die Erinnerungen, die Pläne; inniger als je, heißt das, dachte er an Lucien. – In welchem Zustande lebt sie, wenn sie noch auf Erden ist in einer Zeit, wo der Tod die Herrschaft führt? Und in so geringer Entfernung nichts von ihr erfahren zu können! In einer solchen Ungewißheit, Gott weiß wie lange, auszuhalten! – Und als auch diese Ungewißheit gehoben, als jede Gefahr sich entfernt hatte und er seine Lucia am Leben wußte, blieb doch immer der andere Knoten, das dunkle Rätsel des Gelübdes. – »Ich geh', geh' und verschaff mir auf einmal Gewißheit,« sagte er sich, und sagte es, ehe er noch auf den Füßen wieder stehen konnte. »Nur daß sie am Leben ist! Nur Leben! Sie finden, das werd' ich; ich will doch endlich einmal von ihr rund heraus hören, was das für 'ne Geschichte mit dem Versprechen ist; ich werd' ihr begreiflich machen, daß es dabei nicht kann stehen bleiben; dann nehm' ich sie mit mir, sie und die arme Agnese, wenn die auch noch am Leben ist. Einziehung? Eh, die am Leben geblieben sind, haben jetzt ganz andere Dinge im Kopf. Es gehen jetzt hier auch Kerle sicher herum, denen die Acht fingerdick auf dem Schädel liegt, 's ist sicher kein Schutzbrief mehr für die Schurken vonnöten. Und in Mailand, sagen ja alle, geht's noch weit bunter zu. Wenn ich mich um 'ne so gute Gelegenheit bringen lasse –« Die Pest eine gute Gelegenheit! Wie doch der liebe Naturtrieb, alles auf uns selbst zu beziehen und uns alles zu unterwerfen, zu seltsamer Anwendung der Worte führt! – »lacht mir keine ähnliche wieder zu!« – Hoffen hilft, mein lieber Renzo.

Kaum konnte er sich ein wenig von der Stelle schleppen, so suchte er seinen Vetter auf, welcher bis jetzt die Pest glücklich vermieden hatte und sich von allem Umgang entfernt hielt, und teilte ihm seinen Entschluß mit. Als er nach einigen Tagen wieder einigermaßen sich bei Kräften fühlte, machte er sich auf den Weg und nahm die Straße nach Lecco; denn ehe er sich nach Mailand hineinwagte, beschloß er, durch sein Dorf zu gehen, und hoffte, dort Agnesen am Leben zu finden; durch sie wollte er sich einige von den vielen Fragen, welche so peinlich ihn quälten, beantworten lassen.

Die wenigen, die von der Pest genesen, waren mitten unter der andern Bevölkerung gleichsam ein bevorrechteter Stand. Ein großer Teil der übrigen krankte oder starb; wer bis dahin von dem Übel noch unergriffen geblieben, trug sich mit fortwährendem Verdacht und schritt, bedenklich um sich blickend, mit abgemessenem Schritte, mit argwöhnischem Gesichte, eilend und zögernd zugleich; alles konnte gegen ihn eine Waffe zu tödlicher Wunde sein. Die andern dagegen, über ihr Schicksal beruhigt – denn zweimal von der Pest befallen zu werden, galt nicht sowohl für eine Seltenheit, als für ein Wunder – zogen frei und entschlossen mitten durchs Verderben; wie die Ritter des Mittelalters, welche, ganz und gar in stählerne Rüstung gehüllt und auf erzbekleideten Gäulen sitzend, unter einer armseligen Menge von Bürgern und Bauern, welche die Streiche eines Gegners nur mit Lumpen auffangen konnten, auf Abenteuer herumschwärmten.

Mit einer solchen Sicherheit, welche jedoch durch eigene Bekümmernisse wie durch das vielgestaltige Schauspiel des allgemeinen Elends bedeutend herabgestimmt ward, wanderte Renzo seiner Heimat zu. Über ihm wölbte sich ein heiterer Himmel, um ihn her lag eine freundliche Landschaft; aber wenn etwas die traurige Einsamkeit seiner Wanderung unterbrach, so war's eher ein umherschweifender Schatten als ein lebendiger Mensch, war's eine Leiche, welche ohne die letzten Ehren, ohne klagende Grabgesänge zum Gottesacker getragen ward. Nachdem er die Hälfte der Tagereise ungefähr zurückgelegt hatte, hielt er in einem niedrigen Gesträuche an, um etwas Brot und Zukost, die er mitgenommen, zu verzehren. Obst hatte er die ganze Straße entlang nach seinem Belieben, mehr als er brauchte: Feigen, Pfirsiche, Pflaumen und Äpfel; er durfte nur in einen Garten hineintreten und die Hände ausstrecken, um von den Zweigen zu pflücken oder die reifsten von der Erde, die damit bedeckt war, auflesen; denn das Jahr war an Obst aller Art außerordentlich fruchtbar, und kaum kümmerten sich die Menschen darum; die Trauben lauschten unter den breiten Blättern und blieben dem ersten besten, der sich darüber hermachen wollte, überlassen.

Gegen Abend entdeckte er sein Dorf. So vorbereitet er auch auf den Anblick gewesen war, so griff's ihm doch mit wunderbarer Macht ans Herz; ein Schwarm von schmerzlichen Erinnerungen und Vorgefühlen überwältigte ihn; es war, als wenn die traurigen Glockentöne, welche bei seiner Flucht ihn begleitet und verfolgt hatten, wieder auflebend ihm ins Ohr dröhnten, und doch empfand er zugleich bänger als je die Totenstille, die rings auf den Feldern sich gelagert hatte. Eine noch heftigere Bestürzung überfiel ihn, als er auf den Kirchhof trat, und gewaltsameren Empfindungen ging er entgegen; denn das Ziel seiner Tagereise, sein nächster Aufenthalt sollte das Haus sein, welches er einst Luciens Haus zu nennen pflegte. Jetzt konnte es höchstens Agnesens Haus heißen, und die einzige Gnade, um welche er zum Himmel flehte, war, sie bei Leben und Gesundheit zu finden. Nur in diesem Hause durfte er ein Unterkommen für die Nacht zu erhalten hoffen; das seinige, ahnte er wohl, konnte nur noch eine Wohnung der Ratten und Marder sein.

Er schritt vorwärts und blickte umher. Es graute ihm, jemandem zu begegnen. Aber nach wenigen Schritten schon sah er einen Mann im Hemde auf der Erde sitzen, mit dem Rücken an eine Jasminhecke gelehnt, in seinem ganzen Wesen den Ausdruck des Wahnsinns. An diesem wie an den Gesichtszügen erkannte Renzo bald den armen Gervaso, der bei jenem unseligen Besuch als zweiter Zeuge mitgekommen war. Als er aber nähergetreten war, überzeugte er sich, daß es Gervasos Bruder, der muntere, geweckte Tonio war, welcher jenen damals mitgenommen hatte. Die Krankheit hatte ihn um alle Kraft des Körpers und des Geistes gebracht und dadurch die geringe Ähnlichkeit, die er in Gesicht und Gebärde mit dem blödsinnigen Bruder hatte, schauerlich hervortreten lassen.

»O Tonio!« rief der Jüngling und stand vor ihm still, »bist du's?«

Tonio sah starr zu ihm empor, ohne den Kopf zu bewegen.

»Tonio! Kennst du mich nicht?«

»Wen's trifft, wen's trifft!« antwortete der Arme und blieb darauf mit offenem Munde sitzen.

»Hat's dich erwischt? Armer Tonio! Aber kennst du mich denn gar nicht mehr?«

»Wen's trifft, wen's trifft!« wiederholte jener mit stumpfsinnigem Lachen. Renzo begriff wohl, daß er nichts weiter aus ihm herausbringen würde, und setzte seinen Weg noch betrübter fort. Als er an eine Ecke gekommen war, sah er eine schwarze Gestalt hervortreten und erkannte bald Don Abbondio in ihr. Dieser schlich Schritt für Schritt daher und führte den Wanderstab wie ein Mensch, der ihn zur Unterstützung braucht; je näher er kam, ließ sich immer deutlicher aus dem trübseligen, abgemagerten Gesichte, aus der ganzen äußeren Erscheinung entnehmen, daß auch der arme Pfarrer seinen Sturm habe aushalten müssen. Er blickte gleichfalls her und stutzte; er merkte an der Kleidung etwas Fremdes, etwas Ausländisches, das sich vollkommen Bergamaskisch machte.

Er ist's beim Himmel! sagte er sich selbst. Dabei hob er die Arme in die Höhe, seine Bewegung verkündigte eine mißvergnügte Verwunderung, und der Stock, den die rechte Faust umschloß, blieb in der Luft schweben; die abgezehrten Arme schlotterten in den Ärmeln, in denen sie vor Zeiten nur einen beschränkten Spielraum gehabt hatten. Renzo eilte ihm entgegen und verneigte sich; denn wenn er auch nicht im besten Einvernehmen von ihm Abschied genommen hatte, so war er doch immer sein Pfarrer.

»Ihr seid hier, Ihr?« rief dieser.

»Das bin ich, wie Sie sehen. Weiß man nichts von Lucien?«

»Was soll man von ihr wissen? Nichts weiß man. Sie ist in Mailand, wofern sie noch auf Erden ist. Aber Ihr ...«

»Und Agnese? Ist die am Leben?«

»Vielleicht,« sagte Don Abbondio. »Doch wie wollt Ihr das von mir wissen? Sie ist nicht hier. Aber ...«

»Wo ist sie?«

»Sie hat sich nach der Valsássina aufgemacht, lebt dort bei ihren Verwandten, zu Pasturo, Ihr wißt wohl; dort haust die Pest, sagen sie, nicht so schlimm wie hier. Aber Ihr, sag' ich ...«

»Das tut mir sehr leid,« sagte Renzo. »Und der Pater Cristoforo ...?«

»Ist schon längst weg. Aber ...«

»Das weiß ich, sie haben's mir schreiben lassen. Ich wollte fragen, ob er schon wieder zurückgekommen ist.«

»Man hat nichts davon sprechen gehört. Ihr aber ...«

»Das geht mir ebenso nah,« klagte Renzo.

»Aber Ihr, sagt mir nur um des Himmels willen, was wollt Ihr hier anfangen? Wißt Ihr denn gar nicht, was für ein hübscher Verhaftsbefehl ...«

»Hat nichts zu sagen. Sie haben an andere Dinge zu denken. Ich hab' auch einmal mit eigenen Augen nach meiner Sache sehen wollen. Und man weiß also eigentlich gar nicht ...?«

»Was wollt Ihr sehen? 's ist keine Seele hier. Und bei dem Preis auf dem Kopf hierherkommen, gerade ins Dorf herein, dem Wolf in den Rachen, heißt das bei Sinnen sein? Folgt einem alten Mann, der vernünftiger sein mußt wie Ihr, der aus barer Liebe zu Euch spricht; schnallt Euch die Schuhe fest, und ehe Euch einer noch zu sehen kriegt, geht wieder hin, wo Ihr hergekommen seid.«

»Aber wenn ich Ihnen sage, daß ich mich darum nicht kümmere. Und der da, lebt er auch noch? Ist er hier?«

»Keine Seele, sag' ich Euch, ist hier. Laßt Euch nicht in den Kopf kommen, was hier vorgeht; ich sag' Euch ...«

»Ich frage, ob er hier ist, er?«

»Heiliger Himmel!« rief Don Abbondio. »Sprecht vernünftiger. Ist's möglich, daß Ihr nach so vielen Geschichten noch all das Feuer im Leibe habt?«

»Ist er hier oder nicht?«

»Nicht hier. Aber die Pest, Freund, und die Pest? Welcher Mensch treibt sich bei solchen Zeiten herum?«

»Wenn's nichts weiter als die Pest auf Erden gäbe, für mich, mein' ich, ich hab' sie gehabt und bin frei.«

»Also eben. Ist das nicht ein Fingerzeig vom Himmel? Wenn einer aus solch 'ner Hölle heraus ist, so mein' ich, sollt' er dem lieben Herrgott danken, und ...«

»Das tu ich auch,« sagte Renzo.

»Und nicht anderes Unheil sich auf den Hals ziehen gehen, sag' ich. Tut, wie ich Euch rate ...«

»Sie haben sie auch gehabt, Herr Pfarrer, wenn ich nicht falsch sehe.«

»Ob ich sie gehabt habe! Eine nichtswürdige verdammte Plage; 's ist ein Wunder, daß ich hier bin; ich brauch' Euch nur zu sagen, daß sie mich so zugerichtet hat, wie Ihr seht. Jetzt tut mir eben ein bißchen Ruhe not, damit ich wieder zu mir selber komme; was wollt Ihr hier machen? Geht zurück ...«

»Immer haben Sie's mit dem Zurückgehen, Sie. Um zurückzugehen, braucht« ich mich bloß nicht von der Stelle zu rücken. Warum ich komme? fragen Sie. Warum ich komme? Wetter, ich will auch einmal mein Haus sehen ...«

»Euer Haus ...«

»Sagen Sie mir, sind hier viele Leute gestorben?«

»Eh,« rief Don Abbondio, und indem er mit seiner Perpetua den Anfang machte, zählte er eine vollständige Reihe von einzelnen Menschen und ganzen Familien auf. Renzo hatte dergleichen nur allzusehr erwartet; da er aber so viele Namen von Bekannten, Freunden und Verwandten hörte, stand er voll Schmerz mit gesenktem Kopf da und rief hin und wieder: »Der Arme! Die Unglücklichen!«

Darauf wandte er sich an den Pfarrer und sagte: »Ich hoffe übrigens, Sie werden niemandem sagen, daß Sie mich gesehen haben. Sie sind Priester und ich ihr Lamm; Sie werden mich nicht verraten wollen.«

»Versteh!« sagte jener und seufzte ärgerlich. »Versteh! Ihr wollt mich und Euch zuschanden machen. Habt an dem, was Ihr selber ausgestanden, noch nicht genug und meint, ich hätte auch noch nicht genug ausgestanden. Versteh, versteh!« – Indem er die letzten Worte zwischen den Zähnen murmelte, machte er sich auf seinen Weg.

Renzo blieb mißvergnügt stehen und dachte betrübt an ein Nachtlager. In der Sterbeliste, welche Don Abbondio ihm mitgeteilt hatte, war eine ganze Bauernfamilie mit Ausnahme eines Jünglings von der Ansteckung hinweggerafft vorgekommen. Der Jüngling war beinahe von Renzos Alter und sein Spielgenosse von Kindheit auf gewesen; das Haus lag außerhalb des Dorfes, doch nur in geringer Entfernung. Dort wollte Renzo um gastliche Aufnahme sich bemühen.

Er kam in die Nähe seines Weingartens und konnte schon von außen sich vorstellen, wie es drinnen aussah. Nicht ein Wipfelchen, nicht das Blatt eines Baumes, das er daselbst verlassen, blickte über die Mauer her; wenn etwas sich sehen ließ, war's in seiner Abwesenheit hervorgeschossen. Er trat an die Öffnung, denn vom Gitter ließ sich auch nicht eine Spur bemerken; er blickte umher – armer Weingarten! Zwei Winter hindurch hatten sich die Leute im Dorfe »aus dem Garten des armen Jungen,« wie sie sagten, Holz geholt. Reben, Maulbeerbäume, Obstpflanzungen aller Art waren unbarmherzig gespalten oder unten an der Wurzel weggehauen. Indessen verrieten sich noch Erinnerungen an die alte Sorgfalt; junge Rebschosse in unterbrochener Reihe, aber die Spur des zerstörten Gewächszuges noch immer bezeichnend; hin und wieder Nachwüchse und Schößlinge von Maulbeeren, Feigen, Pfirsichen, Kirschen und Pflaumen; aber auch diese zerrauft, niedergetreten, mitten unter einem neuen ordnungslosen Aufkeim, der ohne menschliches Zutun hervorgekommen und herangewachsen war. Da war ein Wildwachs von Nesseln und Farnkraut, von Trespen und Quecken, von taubem Hafer und grünem Tausendschön, von kleinem Wegwart und Ampferstauden, von wilder Hirse und andern ähnlichen Pflanzen, aus welchen der Bauer jedes Landes seine besonderen Gattungen macht und sie mit »Unkraut« bezeichnet. In einem solchen Weingarten hineinzutreten, lag Renzo nicht am Herzen, und ebensowenig lud ihn sein Haus zum Verweilen ein, aus dessen Schutt und Schmutz er nur Mäuse und Ratten aufscheuchte. So machte er sich auch von dort hinweg. Er schlug zur Linken eine Straße ein, die nach den Feldern führte, und ohne eine lebendige Seele zu sehen oder zu hören, langte er bei dem Häuschen an, wo er sich eine gastliche Aufnahme versprach. Schon war es Abend geworden. Der junge Freund saß auf einer hölzernen Bank draußen vor der Türe; er hatte die Arme über die Brust gekreuzt und blickte mit unbeweglichen Augen zum Himmel empor, wie ein Mensch, der durch die Gewalt des Unglücks die Besinnung verloren und durch die Einsamkeit ein verwildertes Aussehen erhalten hat. Da er Fußtritte hörte, wandte er sich und sah nach, wer da herkäme. Als er darauf, zwischen Laub und Zweigen, im Halbdunkel etwas zu erblicken glaubte, richtete er sich in die Höhe, streckte beide Arme aus und sagte: »Gibt's keinen andern als mich? Hab' ich nicht gestern schon genug ausgehalten? Laßt mich einen Augenblick in Ruhe, das ist auch ein mitleidiges Werk.«

Renzo wußte nicht, was das heißen sollte, und erwiderte seinen Worten, indem er ihn beim Namen rief.

»Renzo?« rief der andre mit fragendem Tone.

»Der bin ich!« antwortete unser Jüngling, und beide liefen aufeinander zu,

»Du bist's wirklich,« sagte der Freund, als sie sich näher betrachten konnten. »O, was hab' ich für eine Freude, daß ich dich sehe! Wer hätte das gedacht? Ich hatte dich für den Totengräber Paolin gehalten, der immer herkommt, um mich zu quälen, damit ich gehen soll und sie unter die Erde bringen. Weißt du, daß ich allein auf Erden geblieben bin? Allein, allein, wie ein Einsiedler!«

»Ich weiß es nur zu wohl,« sagte Renzo. Darauf wiederholten sie ihre Freudenäußerungen und traten miteinander ins Haus, wo Fragen und Antworten gedrängt sich folgten. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, bemühte sich der Freund, seinem Gaste die Ehre anzutun, die bei solcher Zeit und so unerwartet möglich war. Wasser wurde zum Feuer gesetzt und türkischer Weizen zum Brei bereitet.

Keiner konnte gewißlich bei Renzo Agnesens Stelle vertreten oder ihn über ihre Abwesenheit trösten; nicht bloß weil ihn eine alte besondere Anhänglichkeit zu der Frau hinzog, sondern auch, weil unter den Rätseln, die er so gern erklärt haben wollte, eins sich befand, zu welchem sie allein den Schlüssel besaß. So stand er einen Augenblick zweifelhaft da, ob er nicht erst, da die Entfernung im Grunde doch unbedeutend war, sie aufsuchen sollte; da er indessen bedachte, daß sie über Luciens Gesundheit schwerlich etwas Bestimmtes wissen möchte, blieb er bei seinem ersten Vorsatze, geradeswegs zu dieser sich zu begeben, sich klar mit ihr zu verständigen, jeder unheimlichen Bedenklichkeit zu trotzen und dann der Mutter von allem Nachricht zu geben.

Am nächsten Morgen machte Renzo sich reisefertig. Er trug seine Geldkatze mit den 50 Goldscudi unter dem Wamse versteckt und das große Messer in der Seitentasche; übrigens war er wanderleicht gekleidet; auch ließ er sein Bündel mit Kleidungsstücken bei seinem Wirte zurück. – »Wenn sie's noch aufrichtig mit mir meint,« sagte er, »wenn ich sie am Leben finde, wenn ... genug, so komm ich wieder hierher. Wenn mir aber das Unglück von Gott bestimmt ist, daß sie nichts von mir wissen will, dann ... weiß ich nicht, was ich zu tun habe, noch wo ich meine Richtung hin nehmen werde; in der Gegend hier aber seht Ihr mich sicherlich nicht mehr wieder.« – So sprach er in der Türe, die nach dem Felde hinausführte, lenkte den Blick umher und betrachtete mit Rührung und Betrübnis die Morgenröte seiner Heimat, an welcher seit so langer Zeit sein Auge sich zu laben vergebens gewünscht hatte. Der Freund tröstete ihn mit guten Hoffnungen und drang noch in ihn, sich für den Tag etwas Mundvorrat mitzunehmen; dann begleitete er ihn eine Strecke Weges und ließ ihn endlich unter neuen Segenswünschen seine Straße wandern.

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