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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Zwölftes Kapitel.

Die Pest, deren Eintritt ins Mailändische mit den deutschen Scharen der Gesundheitsausschuß gefürchtet hatte, war wirklich eingetreten; sie beschränkte sich nicht nur auf das Herzogtum, sondern entkräftete und überfiel einen bedeutenden Teil von Italien. Indem wir uns vom Faden unserer Geschichte leiten lassen, werden wir jetzt die vorzüglichsten Ereignisse dieses Unglücks in Mailand darstellen; denn die Denkschriften aus jener Zeit handeln, wie es fast immer und überall der Fall, aus guten oder schlechten Beweggründen ausschließlich: von der Hauptstadt.

Durch den ganzen Landstrich, welchen die Kriegsscharen durchzogen, hatten sich in Häusern und auf Straßen Leichname, gefunden. Bald verrieten sich an diesem oder jenem Orte Krankheiten; einzelne wie ganze Familien starben an gewaltsamen, außerordentlichen Übeln, deren Zeichen dem größten Teile des lebenden Geschlechtes unbekannt waren. Nur einige gab es, welche vor Zeiten einmal sie gesehen; sie erinnerten sich der Pest, die dreiundfünfzig Jahre vorher einen großen Teil von Italien, vorzüglich aber das Mailändische verwüstet hatte und die Pest des heiligen Carlo genannt ward, nach jenem einzigen Manne, der als Führer, Helfer, Muster und freiwilliges Opfer im Gedenken der Menschen fortlebte.

Der oberste Arzt Ludovico Settala, welcher diese Pest nicht nur gesehen hatte, sondern schön damals ein tätiger, unerschrockener, und wiewohl noch sehr jung, doch schon ein hochberühmter Heilkünstler gewesen war, zog aufmerksam, da er bereits Verdacht schöpfte, Erkundigungen ein und berichtete am zwanzigsten Oktober, daß in der Gegend von Chiuso, dem äußersten Dorfe des Gebietes um Lecco an der bergamaskischen Grenze, unbezweiflich eine Ansteckung ausgebrochen sei. Darauf kam es im Gesundheitsausschusse zu keinem Entschluß.

Aber ähnliche Nachrichten langten aus Lecco und Bellano an. Man begnügte sich, einen Beauftragten abzuschicken, der unterwegs zu Como einen Arzt mitnehmen und mit ihm die angegebenen Ortschaften besuchen sollte. Beide, erzählt der Arzt Tadino, der einen Bericht über diese größte Pest des Jahrhunderts erscheinen ließ (1648), ließen sich zu Bellano von einem alten, unwissenden Barbier überreden, daß diese Art des Übels keine Pest sei; an manchen Orten entstünde es, wie gewöhnlich, durch die herbstlichen Ausdünstungen der Sümpfe, an den übrigen durch das Elend und die Mühseligkeiten, die der Durchzug der Deutschen mit sich gebracht hätte. Solch eine Versicherung ward dem Ausschuß zugetragen, und dieser schien sich damit zu beruhigen.

Da jedoch unaufhörlich andre Todesnachrichten von verschiedenen Seiten anlangten, wurden zwei Abgeordnete, darunter der genannte Tadino, hinausgeschickt, um sich zu überzeugen und Vorkehrungen zu treffen. Bei der Ankunft derselben hatte sich das Unheil schon dermaßen verbreitet, daß die Beweise, ohne sie suchen zu müssen, sich von selbst darboten. Sie durchreisten das Gebiet von Lecco, die Valsassina, die Gestade des Comosees, den Monte di Brianza und die Gera d' Adda; überall fanden sie gesperrte Wohnsitze und verlassene Dörfer, während die geflohenen Einwohner auf den Feldern sich gelagert oder zerstreut hatten. Sie sahen wie wilde Geschöpfe aus, sagt Tadino, und hatten Münzkraut, Raute, Rosmarin oder Essigflaschen in den Händen. Man erkundigte sich nach der Zahl der Gestorbenen; sie war entsetzlich. Man untersuchte Kranke und Leichname und fand überall die mißfarbigen, schrecklichen Zeichen der Pest. Briefe gaben die grauenvolle Kunde dem Ausschuß. Dieser fertigte Zettel nach allen Toren ab, um den Menschen, welche aus den Gegenden der Ansteckung kämen, den Eintritt in die Stadt zu untersagen. Während diese Zettel geschrieben wurden, erhielten die Zollbedienten die vorläufige Anweisung; die eigentliche Verordnung aber ward erst einen vollen Monat später erlassen. Aber schon hatte die Pest in Mailand sich eingeschlichen.

Ein unglücklicher Soldat war der Bringer des Unglücks; er trat mit einem großen Bündel von Kleidungsstücken, welche er von deutschen Soldaten gekauft oder gestohlen hatte, in die Stadt, ging in der Vorstadt des Tores gegen Morgen nach dem Hause eines Verwandten, dicht bei dem Kapuzinerkloster, und ward bald nach seiner Ankunft krank. Man brachte ihn nach dem Hospital. Eine Beule, welche in der Achselhöhle sich binnen kurzem an ihm verriet, erregte bei seinem Arzte den Verdacht des Übels, das in der Tat sich dadurch verkündigte. Am vierten Tage darauf starb der Kranke. Der Gesundheitsausschuß untersagte seiner Familie, das Haus zu verlassen. Seine Kleider und das Bett, worin er im Krankenhause gelegen, wurden verbrannt. Zwei Krankenwärter, die ihn daselbst gepflegt, und ein Mönch, der ihm Beistand geleistet, wurden alle drei nach wenigen Tagen gleichfalls pestkrank. Die Bedenklichkeit, welche man gleich anfangs in dem Hospital gehegt, und die Vorsichtsmaßregeln, die man aus diesem Grunde angewandt hatte, wirkten so glücklich, daß dort die Ansteckung nicht weiter um sich griff.

Aber der Soldat hatte außerhalb einen Keim hinterlassen, der gar bald sich zu entwickeln begann. Der erste, an welchem er zum Vorschein kam, war der Herr des Hauses, worin der verderbliche Gast gewohnt hatte, Carlo Colonna, ein Lautenspieler. Darauf wurden alle Bewohner jenes Hauses, nach Verordnung des Ausschusses, in das Lazarett geschafft; fast alle legten sich hier nieder, einige starben bald: ihre Krankheit war förmliche Pest.

Die Unheilstoffe verbreiteten sich indessen durch den Umgang dieser Leute in der Stadt. Doch nur verdeckt und langsam schlich den übrigen Teil des Jahres hindurch und während der ersten Monate des nächsten das gefährliche Übel unter der Bevölkerung umher. Von Zeit zu Zeit ergriff es bald in diesem, bald in jenem Stadtviertel einen Menschen und führte manches Opfer zum Grabe; aber die Seltenheit der Erscheinung entfernte noch immer den Verdacht einer Pest und bestätigte die Einwohner sämtlich in dem blödsinnigen, mörderischen Wahne, daß keine vorhanden oder daß sie nur auf einen Augenblick dagewesen sei. Viele Ärzte sprachen nach, was die Stimme des Volkes – war sie auch hier die Stimme Gottes? – versicherte; sie verspotteten die schwarzen Prophezeiungen, die drohenden Winke, die einige wenige nicht unterdrücken mochten, und hatten Namen von gewöhnlichen Krankheiten bei der Hand, um jedes Pestübel, zu dessen Heilung sie herbeigerufen wurden, zu bezeichnen; alle Symptome, alle sprechenden Erscheinungen waren nicht mächtig genug, ihrem Eigensinn die Augen zu öffnen.

Gegen das Ende des Märzes aber vervielfältigten sich, anfangs in der Vorstadt des Tores gegen Morgen, dann in allen Vierteln der Stadt Krankheiten und Todesfälle, von seltsamen Erscheinungen, von Krämpfen, vom Zucken aller Glieder, vom Starrschlafe, von Irrereden begleitet; dabei mißfarbige Flecken und Beulen; meistens ein schnelles gewaltsames Hinsterben, nicht selten auch plötzlich, ohne eine vorhergehende Anzeige von Krankheit. Die Ärzte, welche sich bisher gegen alle Ansteckung erklärt hatten, mochten jetzt nicht gestehen, was sie früher verspottet; da sie aber für das neue Übel, das bereits zu allgemein und zu weltkundig geworden, um unbezeichnet zu bleiben, einen eigenen Namen ausfindig machen mußten, sprachen sie von bösen pestartigen Fiebern; ein jämmerliches Ausweichungsmittel, ein Gaunerspiel mit Worten, welches bei alledem viel Unheil stiftete; denn indem sie die Wahrheit zu erkennen scheinen wollten, entkräfteten sie die Behauptung, welche Glauben hätte finden müssen, und verheimlichten die Erfahrung, daß das Übel auf dem Wege der Ansteckung sich fortpflanzte. Die Obrigkeit erwachte wie aus einem tiefen Schlafe; sie fing an, den Aufforderungen und Vorschlägen des Ausschusses ein geneigteres Ohr zu leihen, auf ihre Verordnungen nachdrücklicher zu bestehen, die Schließung der Häuser und die befohlene Absonderung verdächtiger Gegenstände gewissenhafter beobachten zu lassen. Der Ausschuß verlangte Geld, um die täglichen Ausgaben im Hospital und bei andern Dienstleistungen bestreiten zu können, und während entschieden ward, ob diese Kosten der Stadt oder der Königlichen Schatzkammer zur Last fallen müßten, verlangte er sie von den Dekurionen. Bei diesen kam auch auf Befehl des Statthalters, welcher die Belagerung des armen Casale von neuem unternommen hatte, der Großkanzler und der Senat ein, daß sie darauf denken möchten, die Stadt mit Lebensmitteln aller Art zu versehen, ehe sie nach fortgeschrittener Ausbreitung der Pest um allen Verkehr mit andern Ländern gebracht wäre; zugleich möchten sie Mittel ersinnen, um einen großen Teil der Bevölkerung, welchem es an Arbeit fehlte, zu unterhalten. Die Dekurionen suchten durch Anleihen und Auflagen Geld herbeizuschaffen; von der Summe, die sie dadurch zusammengebracht, gaben sie einen Teil dem Gesundheitsausschusse, einen Teil den Armen, auch kauften sie Getreide an und sorgten so etwas für das Bedürfnis. Die Tage des großen Drangsals waren aber noch nicht erschienen.

Im Krankenhause, wo die Menschenzahl, obgleich täglich hinwegsterbend, dennoch täglich zunahm, entstand eine andre Schwierigkeit. Man mußte den Dienst und den Gehorsam sichern, auf die Beobachtung der vorgeschriebenen Absonderungen wachen und das Verfahren, welches der Ausschuß verlangte, in Anwendung bringen; denn von den ersten Augenblicken an hatte dort durch die Zügellosigkeit vieler Eingeschlossenen, durch das sorglose Nachgeben der Beamten in jeder Rücksicht eine empörende Verwirrung geherrscht. Der Ausschuß und die Dekurionen wußten nicht, wo sie anfangen sollten; sie wandten sich daher an die Kapuziner und ersuchten den Pater Kommissar, der an die Stelle des unlängst gestorbenen Provinzials getreten, er möchte ihnen einen gewandten Mann schicken, um jenes Reich der Trostlosigkeit zu regieren. Dazu empfahl ihnen der Kommissar vorzüglich einen Pater Felice Casati, einen bejahrten Mann, welcher im Rufe großer Menschenliebe und Tätigkeit stand; er war sanfter Sitte und zugleich festen Sinnes. Seinen Ruf bestätigte nachher der Erfolg. Ihm ward als Gefährte und Diener Michele Pozzobonelli gesellt, ein junger Mönch, aber ernst und streng an Gesinnungen wie an Ansehen. Beide wurden bereitwillig aufgenommen und traten am 30. März ins Krankenhaus. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse führte sie umher, gleichsam als sollten sie es in Besitz nehmen; er rief die Wärter und die übrigen Beamten herbei und erklärte in ihrem Beisein den Pater Felice als den Vorsteher des Hauses mit unumschränkter Gewalt. Je zahlreicher die bejammernswürdige Menge sich vermehrte, desto mehr Kapuziner kamen herbei und wurden nach Bedarf Aufseher, Beichtväter, Verwalter, Krankenwärter, Köche, Kleiderwächter und Wäscher. Jederzeit bemüht und bekümmert, wanderte Pater Felice bei Tag und Nacht durch die Hallen, durch die Zimmer, durch den Hofraum umher, bisweilen mit einer kurzen Lanze bewaffnet, bisweilen bloß im härenen Gewande; er ermutigte und ordnete den Dienst, beschwichtigte jeden Lärm, hörte auf Klagen, drohte, bestrafte, gab Verweise, tröstete, trocknete und vergoß Tränen. Es ergriff ihn anfangs die Pest; doch genas er und übte bald in neuer Tätigkeit die frühere Sorgfalt. Seine Mitbrüder ließen größtenteils, aber alle mit freudiger Ergebung, das Leben daselbst.

Begreiflicherweise verlor sich allmählich auch im Volke der Eigensinn, die Pest leugnen zu wollen; das Übel griff um sich, griff vor aller Welt Augen durch Berührung und Umgang um sich. Es hatte sich eine Zeitlang auf die Armen beschränkt, überfiel bald aber auch bekannte Personen.

Da die Menge aber so lange und so entschlossen die Pest in ihrer Mitte bestritten hatte, wollte sie jetzt sie nicht dem natürlichen Laufe zuschreiben, um nicht durch ein einziges Geständnis sich zu Selbsttäuschung und großer Schuld zu bekennen; um so williger war sie gelaunt, eine andre Ursache aufzusuchen und eine jede, die ein erfinderischer Kopf aufstellen würde, gutzuheißen. Unglücklicherweise lag eine solche in den Vorstellungen und in den damals gangbaren Überlieferungen bereit, die nicht bloß hier, sondern in jedem Himmelsstrich Europas spukten: G iftmischerhandwerk, teuflische Künste, Verschwörungen, um die Pest durch ansteckende Stoffe und Hexereien zu verbreiten. Schon waren ähnliche Dinge in mancher andern Pest vermutet und geglaubt worden; zu Mailand vorzüglich während der Pest in der Mitte des vorhergegangenen Jahrhunderts. Dazu kam, daß im Jahre zuvor ein Schreiben, von König Philipp IV. unterzeichnet, an den Statthalter gelangt war, worin ihm Nachricht gegeben worden war, es seien aus Madrid vier Franzosen entwischt, welche man vergebens zu ergreifen gesucht habe, weil sie im Verdacht standen, giftige, pestbringende Salben zu verbreiten; er möchte auf seiner Hut sein, falls sie jemals nach Mailand kämen. Der Statthalter hatte dieses Schreiben dem Senat und dem Gesundheitsausschusse mitgeteilt; für damals aber hatte man sich nicht weiter darum gekümmert. Jetzt hingegen, nachdem die Pest ausgebrochen und erkannt war, erinnerte man sich des Schreibens wieder; es konnte den Verdacht eines heimlichen Frevels bestätigen oder auch die erste Gelegenheit zu seiner Entstehung geben.

Zwei Handlungen aber, die eine von blinder zuchtloser Furcht, die andre von seltsamer Ruchlosigkeit geleitet, verwandelten endlich diesen unbestimmten Verdacht, daß ein Verbrechen gegen das Volk möglich sei, in einen bestimmten und bei vielen sogar in Gewißheit; der Versuch sei gemacht worden, glaubten sie, und eine wirkliche Verschwörung vorhanden. Es wollten einige am Abend des 17. Mai Leute im Dom gesehen haben, wo sie die Bretterwand, welche die Plätze für beide Geschlechter schied, mit Salben bestrichen; dieselben sollten auch in der Nacht die Bretterwand und eine Anzahl von Bänken, die daran standen, aus der Kirche geschafft haben. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse eilte nebst vier Mitgliedern desselben zur Kirche, untersuchte die Bretterwand, die Bänke, den Pfeiler des Weihwassers und fand nicht die mindeste Spur, welche den geargwöhnten Vergiftungsfrevel bestätigte; um indessen den Grillen des großen Haufens zu willfahren, »mehr um in der Vorsicht zu weit zu gehen, als weil es nötig wäre,« tat er den Ausspruch, es sei genug, wenn die Bretterwand gewaschen würde. Doch diese aufgeschichteten Holzgeräte der Kirche brachten in der Menge, welcher jedes Ding so leicht zum Beweismittel dient, einen mächtigen Schrecken hervor. Man sagte und glaubte allgemein, es seien im Dome die Bänke, die Wände, alles, selbst die Stränge der Glocken, bestrichen worden. Und man sagte es nicht bloß einige Tage hindurch; alle Denkschriften der Zeitgenossen, unter denen einige erst nach vielen Jahren geschrieben wurden, beteuerten es mit gleichem Ernste.

Am folgenden Morgen bestürzte die Augen und die Sinne der Bürger ein neues seltsameres, weit mehr verkündendes Schauspiel. In jedem Teile der Stadt waren Häuser zu sehen, deren Türen und Mauern in breiten Flecken mit schmutzigen Anstrichen, blaßgelb oder weißlich, als wären sie mit einem Schwamm aufgetragen worden, besudelt waren. Sei es nun, daß ein schurkenhafter Übermut den Schrecken lärmender und allgemeiner zu sehen gewünscht, oder daß ein frevelhafterer Plan die öffentliche Bestürzung erhöhen wollte: die Sache ist durch Zeugnisse bestätigt. Ripamonti, welcher die Leichtgläubigkeit der Menge bei solchen Dingen belächelt und öfter noch bedauert, versichert hier, die aufgestrichenen Flecke gesehen zu haben, und beschreibt sie. Auch erzählt der Ausschuß die Sache mit den nämlichen Worten; er spricht von Untersuchungen, berichtet, wie man mit dieser Materie an Hunden, ohne daß es ihnen geschadet, Versuche gemacht habe, und schließt, er glaube, »der Streich sei eher dem Übermute als einem verbrecherischen Anschlag zuzuschreiben.«

War die Stadt schon in Bewegung, so geriet sie jetzt in lärmendes Gewühl. Die Eigentümer der Häuser fuhren mit angezündetem Stroh über die bestrichenen Stillen hin; die Vorübergehenden blieben stehen, betrachteten, schauderten, knirschten mit den Zähnen. Die Fremden, deshalb allein in Verdacht fallend und an ihrer Kleidung damals leicht zu erkennen, wurden in den Straßen vom Volk ergriffen und nach den Gefängnissen geschleppt. Man befragte die Ergriffenen und die Ergreifer, man hörte Zeugnisse und Berichte an; keiner aber ward für schuldig befunden; die Köpfe waren noch besonnen genug, um zu zweifeln, zu erwägen und Einsicht zu haben.

Bald aber wollte man von neuem Mauern, Türen der öffentlichen Gebäude, Häuserschwellen und Klopfhammer bestrichen gefunden haben. Die Nachrichten solcher Entdeckung flogen von Mund zu Mund, und wie immer, wenn die Gemüter vom Argwohn bereits eingenommen sind, hatte das Hören die Wirkung des Sehens. Immer betrübter durch die Gegenwart der Übel und von der drängenden Gefahr geängstigt, ergriff man um so begieriger solchen Wahn; der Zorn will strafen und mag das Unglück lieber einer menschlichen Bosheit zuschreiben, gegen welche die martersüchtige Geschäftigkeit sich auslassen kann, als eine Ursache anerkennen, in die man sich nur ruhig ergeben muß. Ein ausgesuchtes Gift von plötzlicher, höchst durchdringender Wirkung war ein Gedanke, welcher die Gewaltsamkeit der Krankheit, ihre dunklen und auffallenden Zufälle vortrefflich zu erklären schien. Man sagte, dieses Gift sei aus Kröten und Schlangen bereitet worden, aus dem Eiter und Speichel der Pestkranken, aus allem, was eine wilde verkehrte Einbildungskraft nur Abscheuliches und Widernatürliches ersinnen kann. Daneben nahm man zu den Hexereien seine Zuflucht, mittelst welcher jede Wirkung möglich würde; alle Einwürfe wurden entkräftet, alle Schwierigkeiten gelöst. Wenn jener ersten Giftsalbung die Wirkungen nicht unmittelbar gefolgt waren, wollte man die Ursachen sehr gründlich einsehen; es war ein mangelhafter Versuch von Neulingen im Handwerk gewesen; jetzt wäre die Kunst vervollkommnet, der Wille bei dem höllischen Beginnen ergrimmter. Wer nun die Sache noch für einen Possenstreich ausgegeben oder das Dasein eines Anschlags geleugnet hätte, wäre ein Blinder, ein eigensinniger Querkopf genannt worden; man hätte vielleicht einen Menschen in ihm vermutet, dessen Vorteil es heischte, die Aufmerksamkeit des Volkes von der Wahrheit abzulenken, einen Mitschuldigen, einen Giftsalber, und dieses Wort ward bald gang und gäbe, anerkannt, furchtbar. Bei der Überzeugung, daß Giftsalber vorhanden, mußte man sie fast unfehlbar entdecken; die Augen aller blickten aufmerksam umher; jeder Schritt konnte den Argwohn aufstören. Der Argwohn aber ward leicht zur Gewißheit, die Gewißheit zur Wut.

Zwei Beispiele teilt Ripamonti mit, welche er unter den übrigen erwählt, nicht weil sie die ergreifendsten, sondern weil er beide als Augenzeuge erlebt hat.

In der Kirche des heiligen Antonius hatte ein mehr als achtzigjähriger Greis auf den Knien sein Gebet verrichtet und staubte, ehe er sich setzte, mit dem Mantel die Bank ab. – »Der Alte salbt die Bänke!« schrien verschiedene Frauen, die es sahen, zugleich. Das Volk in der Kirche stürzt auf den Greis los, sie zausen ihn bei den weißen Haaren, schlagen ihn mit Fäusten, stoßen ihn mit den Füßen und schleppen ihn halbtot hinaus, um ihn zum Richter, ins Gefängnis, zur Untersuchung zu schaffen.

Der andre Fall, tags darauf, war ebenso seltsam, aber nicht ebenso trübselig. Drei junge Franzosen, ein Gelehrter, ein Maler und ein Mechanikus, die nach Italien gekommen waren, um es kennenzulernen, sich mit den Altertümern bekanntzumachen und sich nach Verdienst umzusehen, hatten sich außen an den Dom hingestellt und standen in aufmerksamer Betrachtung da. Bald blieb ein oder der andre Vorübergehende stehen; man tritt zusammen, tut, als wenn man gleichfalls betrachte, und merkt sich die drei, welche Kleidung, Haartracht und Reisetasche als Ausländer, und was das schlimmste, als Franzosen zu erkennen gaben. Um sich zu überzeugen, ob die Wand von Marmor sei, streckten die Fremden die Hand aus und berührten das Gebäude. Augenblicklich wurden sie umringt, ergriffen, übel behandelt und mit wütenden Schlägen nach den Gefängnissen getrieben. Zum Glück ist der Gerichtspalast wenig vom Dome entfernt, und zu weit größerem Glücke wurden sie als unschuldig befunden und freigelassen.

Inzwischen waren die Dekurionen mit ihrem Vorschlage beim Kardinal Borromeo durchgedrungen – er hatte sich anfänglich geweigert –, einen feierlichen Umzug zu veranstalten, in dem der Leichnam des heiligen Carlo durch die pestverseuchte Stadt getragen werden sollte. Diese Maßnahme indes steigerte nur das Übel, statt es zu verbannen. Die großen Menschenansammlungen, die zahllose Gelegenheiten zu zufälligen Berührungen gaben, waren ein prächtiger Ansteckungsherd. Daher ist es nicht verwunderlich, daß von diesem Tage an die Wut der Ansteckung in einem fort wuchs; binnen kurzem gab es kaum mehr ein unberührtes Haus. Die Bevölkerung des Hospitals stieg von zweitausend auf zwölftausend, und endlich, wie alle versichern, auf sechzehntausend. Im Anfang des Juli starben täglich mehr als fünfhundert Personen. Mit der Zahl von zwölf- bis sechzehnhundert hatte das Verderben seine äußerste Höhe erreicht, und hier stand es still; doch spricht Tadino auch von mehr als dreitausend, die an einigen Tagen hinweggerafft worden waren.

Man denke sich nun die Drangsale der Dekurionen, welche für die öffentlichen Bedürfnisse Sorge tragen und, was bei einem solchen Unglück sich abwenden ließ, abwenden sollten. Sie mußten die öffentlichen Wärter ersetzen und ihre Zahl vermehren; Monatti – ein altes Wort in Mailand, von dunklem Ursprunge – hießen die Leute, welche, für die mühseligsten und gefährlichsten Dienstleistungen bei der Pest bestimmt, aus den Häusern, aus dem Hospital und von den Straßen die Leichname holten, sie nach den Gruben fuhren und verscharrten, die Kranken nach dem Hospital trugen oder führten und sie hier bedienten, während sie zugleich die verdächtigen oder angesteckten Kleidungsstücke reinigen oder verbrennen mußten. Apparitori waren Männer, deren besonderes Amt darin bestand, vor den Leichenwagen herzugehen und mit einer Klingel den Vorübergehenden anzudeuten, sie möchten sich zurückziehen; die Kommissare hatten diese wie jene unter ihren Befehlen und gehorchten unmittelbar dem Gesundheitsausschusse. Das Krankenhaus mußte mit Ärzten mit Wundärzten, mit Arzneien, mit Lebensmitteln, mit allen Gerätschaften einer Krankenanstalt, versehen sein. Aus dieser Ursache ließ man in Eile Hütten von Holz und Stroh im inneren Hofraume erbauen; ein zweites Holzgebäude faßte an viertausend Menschen. Zwei andre wurden beschlossen, aber unterblieben; es fehlte an allen, Mitteln, und während das Bedürfnis stieg, nahmen Mut und Menschenzahl ab.

Bald war eine große, aber einzige Grube, welche in der Nähe des Krankenhauses gemacht worden war, voll von Leichnamen; die neuen, deren es täglich in größerer Anzahl gab, blieben überall unbeerdigt liegen. So war die Obrigkeit nachdem sie sich für die traurige Arbeit vergebens nach Armen umgesehen, endlich zum Geständnisse gezwungen, daß sie nicht mehr wisse, zu welchem Mittel sie ihre Zuflucht nehmen sollte. Ohne eine außerordentliche Hilfe ließ sich nicht einsehen, was für einen Ausgang die Sache nehmen solle. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse fragte deshalb voller Verzweiflung, mit Tränen in den Augen bei jenen beiden wackeren Mönchen an, welche noch immer in der Leitung des Hospitals fortfuhren; da verpflichtete sich Pater Michele der jüngere, binnen vier Tagen sämtliche Leichname zur Stadt hinausgeschafft zu haben; acht Tage aber seien hinreichend, nicht bloß für das gegenwärtige Bedürfnis zu sorgen, sondern auch der schwärzesten Aussicht in die Zukunft zu begegnen. Mit einem Mönche und einigen Beamten, welche der Vorsitzer ihm dazu bewilligte, ging der Pater zur Stadt hinaus und suchte Bauern auf; teils durch das Ansehen des Ausschusses, teils durch sein Ordenskleid und seine Redekunst brachte er, wirklich an zweihundert zusammen und verteilte sie an drei verschiedene Orte, um Gruben zu höhlen; dann schickte er vom Krankenhause aus Monatti, um die Toten zu sammeln, und zeigte am versprochenen Tage seine Verheißung erfüllt.

Einmal stand das Hospital ohne Ärzte da; nur durch reiche Anerbietungen an Bezahlungen und Ehren konnte man diesem Mangel mit Mühe wieder abhelfen; Oft gebrach es auch an Lebensmitteln ganz und gar, und viele Menschen kamen vor Hunger um; mehr als einmal, während man jeden Weg versuchte, um Eßwaren oder Geld herbeizuschaffen und kaum damit zustande zu kommen hoffte, langten zur rechten Zeit Vorräte in Überfluß an, von der Barmherzigkeit einzelner Leute unerwartet hingeschickt. Denn mitten in der allgemeinen Starrsucht, in der empfindungslosen Gleichgültigkeit gegen andre, welche durch die beständige Furcht für sich selbst an der Tagesordnung war, gab es immer noch menschenfreundliche Gemüter, gab es manchen, in welchem bei dem Aufhören jeder irdischen Fröhlichkeit das Mitleid sich einstellte, und während viele, denen Aufsicht und Vorsorge übertragen waren, flohen oder erlagen, hielten einige bei unangefochtenem Körper aus und verwalteten mutig ihr Amt; endlich fanden sich auch Menschen, die, von der Frömmigkeit begeistert, Geschäfte, zu denen kein Aufruf sie gefordert, furchtlos übernahmen und verwalteten.

So bemerkt man im allgemeinen Elend, in langen Unterbrechungen der gewöhnlichen Ordnung immer ein Höhersteigen, ein Aufblühen der Tugend; leider erhebt sich ihr zur Seite auch die Schlechtigkeit nur allzuoft. Hier war dies in hohem Maße der Fall. Die Schurken, welche die Pest verschonte oder nicht niederbeugte, fanden in der allgemeinen Verwirrung, im Stillstande aller öffentlichen Gewalt eine neue Gelegenheit zur Tätigkeit und sahen sich vor Strafe gesichert. Ja, der Gebrauch der öffentlichen Gewalt selbst befand sich großenteils in den Händen der Verworfensten unter ihnen. Zum Amte eines Monatto oder Apparitore verwandte man meistens nur Menschen, über welche der Reiz des Raubes und der Schrankenlosigkeit mehr als der Schrecken vor Ansteckung, als Entsetzen und Ekel vermochte. Freilich hatte man ihnen die genauesten Vorschriften gegeben, die schärfsten Strafen vor Augen gestellt, ihre Wirkungskreise bezeichnet und Kommissare zu ihren Vorgesetzten bestellt; über diese wie jene wachten auserlesene Obrigkeiten und Edelleute in jedem Stadtviertel, ermächtigt, für jedes Ereignis Anstalten zu treffen. Eine solche Einrichtung hatte aber ihren wirksamen Fortgang nur bis zu einer gewissen Zeit; denn mit dem Steigen der Todesfälle, als die Überlebenden eine starre Bestürzung ergriffen hatte, waren jene aller Oberaufsicht wie entbunden, und hauptsächlich waren es die Monatti, die mit zügelloser Willkür schalteten. Sie traten zu ihren ehemaligen Herren oder zu ihren Feinden in die Häuser, ließen kein Wort von einer Brandschatzung hören, legten aber ihre frevelhaften angesteckten Hände, durch welche so viele Opfer des Elends wandern mußten, an den Körper der Gesunden, an Kinder und Verwandte, an Weiber und Ehemänner und drohten, wenn sie mit Geld sich nicht loskauften, sie nach dem Hospital zu schleppen. Bisweilen hielten sie auch ihre Dienstleistungen feil und wollten die schon faulenden Leichname nicht anders fortschaffen, als wenn ihnen eine gewisse Anzahl Scudi gezahlt würde. Man glaubte – bei der Leichtgläubigkeit des einen und der Bosheit des andern Teils ist hier glauben und nicht glauben gleich unsicher – man glaubte, daß Monatti und Apparitori mit Fleiß von ihrem Karren angesteckte Kleider fallen ließen, um dadurch die Pest, die bereits ein Einkommen, ein Reich, ein Fest für sie geworden, zu erweitern und zu unterhalten. Verschiedene Verruchte gaben sich für Apparitori aus, trugen Schellen an die Füße gebunden, wie es diesen vorgeschrieben war, drangen in die Häuser und erlaubten sich daselbst jede willkürliche Handlung. In einige, die offen und menschenleer dastanden oder nur von einem Lechzenden, einem Verscheidenden bewohnt wurden, schlichen sich ungehindert Diebe und machten Beute; andere wurden von Häschern überfallen, welche Räubereien und Ausschweifungen aller Art darin verübten.

Mit der Frevelhaftigkeit hielt der Wahnsinn gleichen Schritt. Jeder bereits mehr oder weniger herrschende Irrtum erhielt durch die Unruhe oder die Stumpfsinnigkeit der Geister eine ungeheure Gewalt und fand eine ausgedehntere, ungestümere Anwendung. Zur Vergrößerung und Verstärkung all solcher Irrtümer diente der besondere Wahnsinn, welcher den Gedanken an Giftmischerei festhielt und in seinen Wirkungen und Ausbrüchen oft zur zweiten Frevelwut wurde. Das Bild dieser angenommenen Gefahr umklammerte und marterte die Gemüter heftiger als die wirkliche und gegenwärtige. »Und während die Leichname,« sagt Ripamonti, »einzeln oder in Haufen, überall vor den Augen oder den Füßen der Vorübergehenden, die ganze Stadt zu einem einzigen Gottesacker machten, lag ein weit traurigerer Umstand noch, eine größere allgemeine Abscheulichkeit in dem wechselseitigen Grimm, in der Zügellosigkeit, in dem allgemeinen Argwohn. Man scheute sich nicht bloß vor dem Nachbar, dem Freunde, dem Gaste; auch die Benennungen Mann und Weib, Vater und Sohn, Bruder und Bruder, diese Bande des menschlichen Mitgefühls, flößten Schrecken ein; den häuslichen Tisch – kaum wagt es die Feder niederzuschreiben –, das eheliche; Bett fürchtete man wie einen Hinterhalt, wie einen Schlupfwinkel der Giftmischersucht!«

Der ungeheuerliche Wahn, die Seltsamkeit der eingebildeten Umtriebe, verwirrten jede Urteilskraft, stürzten alle Verhältnisse des wechselseitigen Vertrauens um. Außer dem Übermut und der Lüsternheit, welche man anfangs für den Beweggrund der Giftmischerei gehalten, träumte man und sprach am Ende glaubenvoll von einer teuflischen Wollust, welche die Vergifter beherrschen und ihren Willen unwiderstehlich leiten sollte. Die Fieberreden der Kranken, die sich selbst des Frevels beschuldigten, den sie von andern gefürchtet, galten für Offenbarungen und wurden überall geglaubt. Schlagender noch als Worte wirkten handelnde Äußerungen, wenn irre Pestkranke bisweilen die nämlichen Bewegungen machten, welche sie an den Giftmischern sich eingebildet hatten. Auf ähnliche Weise hatte während der langen traurigen Zeit, da man über die Zauberer gerichtliche Untersuchungen anstellte, manches nicht immer erquälte Geständnis der Beschuldigten gar sehr dazu beigetragen, die Meinung, welche darüber im Schwange war, zu unterhalten; denn hat einmal ein Wahn weit um sich gegriffen, so drückt er sich auf alle Weise aus, versucht jeden Weg und wandert durch alle Stufen der Überzeugung; soll solch ein Glaube sich lange halten, so müssen Prediger auftreten, die ihm durch ihre Trugworte immer wieder neues Leben erteilen.

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