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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Zehntes Kapitel.

Hier treffen wir unter den Kindern des Schreckens Leute von unserer Bekanntschaft.

Wer an dem Tage, da sich mit einem Mal die Nachrichten vom heranziehenden Heere und seinem Betragen verbreiteten, unsern Don Abbondio nicht gesehen, der hat von Angst und Schrecken noch keine Vorstellung. – »Sie kommen an; 's sind dreißig-, vierzig-, fünfzigtausend; Teufel sind's, Arianer, bare Antichristen; Cortenuovo haben sie geplündert; Primaluna ist in Feuer aufgegangen; sie wirtschaften Introbbio zu schanden; sie haben sich in Balabbio gezeigt; morgen haben wir sie hier.« – Angstwinke dieser Art gingen von Mund zu Munde; dabei lief man hin und her, stand wechselweise still, ging Hals über Kopf miteinander zu Rate, schwankte zwischen Fliehen und Bleiben und fuhr mit den Händen in die Haare. Don Abbondio hatte früher und stürmischer als jeder andere zu fliehen beschlossen; aber in jeder Art der Flucht, in jedem Schlupfwinkel sah er unübersteigliche Hindernisse und entsetzliche Gefahren. – »Was läßt sich da anfangen?« schrie er. »Wohin gehen?« – Die Berge waren, auch wenn man die Schwierigkeiten des Fortkommens übersah, nicht einmal sicher; man hatte schon Kunde, daß auch dort die Landsknechte wie Katzen herumkletterten, sobald nur ein Zeichen oder eine Hoffnung auf Beute vorhanden war. Der See ging hoch; der Wind blies heftig; auch hatten sich die meisten Schiffer, aus Furcht, man möchte sie zwingen, Soldaten oder Gepäck weiterzuschaffen, mit ihren Barken nach dem andern Ufer begeben; die wenigen Fahrzeuge, die geblieben, mußten nachher eine übermäßige Menschenmenge aufnehmen und gingen jeden Augenblick, von der Last und vom Sturm überwältigt, der äußersten Gefahr entgegen. Um sich von der Straße des Heeres zu entfernen, war kein Weg, kein Pferd, noch sonst ein Reisebedarf aufzutreiben; zu Fuß hätte der arme Pfarrer keinen großen Weg zurückgelegt und mußte eingeholt zu werden fürchten. Die bergamaskischen Grenzen waren so entlegen nicht, daß ihn seine Beine nicht in einem Gang hinübergeschafft hätten; aber schon ging die Rede, man habe von Bergamo aus eiligst eine Reiterschar ausgeschickt, um an der Grenze zu schwärmen; das aber waren eingefleischte Teufel, trieben's ebenso bunt wie die Deutschen und ließen es auch ihrerseits an Unheil nicht fehlen. Wie sinnlos lief der arme Mann mit verdrehten Augen durchs Haus und schlich hinter Perpetuen her, um einen Entschluß mit ihr zu besprechen; die Haushälterin aber, die Geschäftigkeit selbst, um die besten Wirtschaftsgeräte zusammenzuraffen und in die Dachwinkel des Söllers zu pfropfen, strich in Eile, bekümmert und den Kopf ebenso voll wie Hände und Arme, an ihm vorüber und sagte: »Die Sachen sind Gott sei Dank bald in Sicherheit gebracht, und dann machen auch wir's, wie's die andern machen.« – Don Abbondio wollte sie zurückhalten und die verschiedenen Rettungswege mit ihr durchgehen; sie aber geriet bei ihrer Geschäftigkeit, bei ihrer Eile und Angst über die Zitterhaftigkeit des Herrn in Wut, und so war unter solchen Umständen noch weniger als sonst mit ihr anzufangen. – »Die andern schaffen Rat, wir werden ihn auch schaffen. Mit Erlaubnis, aber 's ist nicht gut, daß Sie mir immer in den Weg kommen. Glauben Sie, daß die andern nicht auch für 'ne Haut zu sorgen haben? Daß die Soldaten gerade Ihnen mit dem Krieg über den Hals kommen? Sie könnten auch bei solcher Gelegenheit 'ne Hand anlegen, statt einem mit Geschrei und Geweine vor den Füßen zu trampeln.« – Mit solchen Antworten schaffte sie ihn sich vom Leibe; denn bei ihr war's Vorsatz, nach Beendigung ihres tummelvollen Geschäftes ihn wie einen Knaben beim Arm zu nehmen und hinauf nach einem Gebirge mit ihm abzuziehen. Auf diese Weise allein gelassen, stellte er sich an das Fenster, guckte hinab und spitzte das Ohr; sah er einen vorübergehen, so rief er halb mit weinerlicher, halb mit heruntermachender Stimme ihm zu: »Habt doch mit Eurem Pfarrer so viel Erbarmen, ihm ein Pferd zu schaffen, ein Maultier, 'nen Esel! Ist's möglich, daß keiner mir zu helfen Lust hat! Was für Leute! Wartet wenigstens, daß auch ich mit Euch gehe; bleibt noch, bis ihrer fünfzehn oder zwanzig beisammen sind, um mich mitzunehmen, ich bin ja sonst von aller Welt verlassen. Wollt Ihr mich in den Händen der Hunde zurücklassen? Wißt Ihr nicht, daß es fast lauter Lutheraner sind, die sich den Himmel aufzutun glauben, wenn sie einen Priester abschlachten? Wollt Ihr mich hier dem Märtyrertod preisgeben? Was für Leute! Was für Leute!«

Aber an wen waren diese Reden gerichtet? An Leute, welche gebeugt durch die Last ihres geringen Gutes und durch den Gedanken an dasjenige, das sie zu Hause der Plünderung ausgesetzt zurückließen, vorüberkeuchten; der eine, indem er seine Kuh vor sich hertrieb, der andere, indem er seine Söhne, gleichfalls so schwer wie möglich belastet, hinter sich hatte und von seinem Weibe die Unmündigen, die selbst nicht gehen konnten, sich nachtragen ließ. Einige eilten fort, ohne zu antworten oder hinaufzusehen; ein zweiter sprach: »Eh, Herr! Machen Sie's auch, wie Sie können; glücklicher Mann, haben weder an Weib noch an Kind zu denken! Helfen Sie sich, Ihnen kann die Rettung nicht sauer werden.«

»Ich Armer!« schrie Don Abbondio. »O, was für Leute! Was für Herzen! Das Mitleid ist ausgestorben; jeder denkt nur an sich, und um mich will sich keiner kümmern.« – Und nun suchte er Perpetuen auf.

»Kommen gerade zur rechten Zeit,« sprach diese. »Wie ist's mit dem Gelde?«

»Was ist da zu machen?«

»Geben Sie's mir, ich will's hinten im Garten mit dem Tischzeug zusammen unter die Erde bringen.«

»Aber« . . . wollte Don Abbondio in zitternder Ängstlichkeit einwerfen.

»Aber, aber – geben Sie her. Halten Sie ein paar Groschen zurück; man kann nicht wissen, wie man sie braucht, und fürs übrige lassen Sie mich sorgen.«

Don Abbondio gehorchte, schlich nach dem Koffer, nahm seinen Schatz heraus und vertraute ihn in Perpetuas Hand. Diese sagte: »Ich geh' und scharr', es im Garten ein, dicht am Fuß des Feigenbaums.« – Und so ging sie. Bald erschien sie mit einem Korbe wieder, in welchem sich Mundvorrat befand, und trug eine kleine, leere Butte. In diese legte sie geschwind ein wenig Wäsche, für sich und ihren Herrn, und sagte dabei: »Das Gebetbuch aber, das müssen sie wenigstens tragen.«

»Aber wohin soll's gehen?«

»Wohin gehen all die andern? Fürs erste auf die Straße, und da werden wir hören und sehen, was sich anfangen läßt.«

Agnese war gleichfalls entschlossen, Gäste dieser Art im Hause allein nicht zu erwarten; dabei dachte sie an das Gold vom Ungenannten und sann über die Wahl eines Zufluchtsortes nach. Die vielen Scudi, die ihr inzwischen treffliche Dienste geleistet hatten, wurden die vorzüglichste Ursache ihrer Bekümmernis und Unentschlossenheit; sie hatte gehört, wie in den bereits überschwemmten Ortschaften die Leute, die Geld hatten, übler als jeder andere dran waren, der Gewalttätigkeit der Fremden und den Nachstellungen ihrer Dorfgenossen zugleich ausgesetzt. Freilich hatte sie von dem Segen, der ihr so glücklich gleichsam in den Schoß geflossen, niemandem, mit Ausnahme Don Abbondios, ein Wörtchen vertraut; bei diesem hatte sie einen Scudi nach dem andern in kleine Münze umgesetzt und ihm jedesmal eine Kleinigkeit, für einen ärmeren Unglücklichen, zurückgelassen. Verborgenes Geld aber hält den Besitzer, zumal wenn er nicht gewöhnt ist, damit umzugehen, in beständigem Verdacht vor dem Verdacht der Nachbarn. Während also auch sie jetzt, was sie nicht mit sich nehmen konnte, aufs beste unterzubringen suchte und um die Scudi besorgt war, die sie im Schnürleibe eingenäht trug, erinnerte sie sich, daß der Ungenannte zugleich mit denselben die bereitwilligsten Anerbietungen seines Beistandes geschickt hatte; von der sicheren Lage seiner Felsenburg hatte sie erzählen hören: wider Willen des Herrn könnten nur die Vögel hinaufkommen, und so beschloß sie, dort um einen Zufluchtsort zu bitten. Nun sann sie auf die Art, wie sie jenem Herrn sich zu erkennen geben müßte, und da fiel ihr Don Abbondio ein. Dieser hatte ihr, nach jenem Gespräch mit dem Erzbischof, immer ein ganz besonderes Wohlwollen gezeigt, und das um so herzlicher, da er es tun konnte, ohne daß er sich jemanden auf den Hals zog; die beiden jungen Leute waren fort, es ließ sich also keine Nachfrage befürchten, welche dieses Wohlwollen auf eine verfängliche Probe gestellt hatte. Bei diesem Getümmel, nahm sie an, müsse der arme Mann noch tiefer als sie in Verlegenheit und Angst stecken; ihr Rettungsmittel würde also auch ihm höchst gelegen kommen, und so ging sie denn, ihm den Vorschlag zu machen. Sie fand ihn neben Perpetua und brachte die Sache vor.

»Was meinst du dazu, Perpetua?« fragte Don Abbondio.

»Ich sage, der Himmel hat's ihr eingegeben; man muß keine Zeit verlieren und die Füße in die Hand nehmen.«

»Und dann . . .«

»Und dann, und dann, wenn wir da sein werden, werden wir uns wohl fühlen. Von dem Herrn dort ist's jetzt bekannt, daß er nichts lieber tut, als seinem Nächsten einen Dienst leisten; er wird sich 'ne Freude daraus machen, uns aufzunehmen. Dort, an der Grenze, und so hoch in der Luft, kommen wahrhaftig keine Soldaten hin. Und zu essen wird's dort auch geben; denn ging's nach den Bergen hinauf und das bißchen hier wäre verzehrt« – bei den Worten legte sie den Mundvorrat auf der Wäsche zurecht –, »so sah's schlimm mit uns aus.« »Bekehrt, bekehrt ist er wirklich, nicht?« fragte Don Abbondio.

»Wie läßt sich daran noch zweifeln nach allem, was man gehört hat, nach allem, was Sie selber mit eigenen Augen gesehen?«

»Und wenn wir in einen Käfig hineingehen?«

»Was Käfig? Mit Ihrer Rederei da, nehmen Sie mir's nicht übel, kämen wir nimmermehr zu einem Entschluß. Prächtige Agnese! Habt da einen allerliebsten Gedanken aufgefaßt.« – Somit setzte sie die Butte auf ein Tischchen, glitt mit den Armen durch die Tragriemen und nahm sie auf die Schulter.

»Ließe sich denn nicht ein Mensch finden,« sagte Don Abbondio, »der mit uns kommt und seinen Pfarrer begleitet? Wenn wir auf irgendeinen Schurken stoßen, es treiben sich ja solche Kerle herum, auf was für Hilfe hab' ich von euch beiden zu rechnen?«

»Wieder 'ne Grille, um Zeit zu verlieren!« rief Perpetua. »Jetzt 'nen Menschen aufsuchen, wo jeder mit sich selber alle Hände voll zu tun hat! Rasch, nehmen Sie Gebetbuch und Hut und kommen Sie.«

Don Abbondio ging und kam bald, das Gebetbuch unterm Arm, den Hut auf dem Kopfe und einen Knüttel in der Hand, zurück. So gingen alle drei zu einem Türchen hinaus, welches nach der Sakristei führte. Perpetua verschloß sie und steckte den Schlüssel in die Tasche, mehr um eine gewohnte Handlung nicht zu unterlassen, als weil sie auf die Sicherheit eines Türblattes und eines Schlosses rechnete. Don Abbondio blickte, indem sie vorüberschritten, nach der Kirche hin und murmelte zwischen den Zähnen: »Der Gemeinde kommt's zu, sie zu bewachen, für die Gemeinde ist sie da. Wenn ihr ihre Kirche ein bißchen am Herzen liegt, so wird sie daran denken; fragt sie nichts danach, so kann ich ihr nicht helfen.«

Sie nahmen schweigend ihren Weg durch die Felder; jeder überlegte sein eigenes Schicksal und schaute sorglich umher, ob irgendeine verdächtige Gestalt, irgendeine unheimliche Erscheinung sich sehen ließe. Man begegnete niemandem; denn die Leute waren entweder in ihren Häusern, bewachten sie, machten Bündel und schafften beiseite, oder wanderten auf den Straßen, die geradeswegs zu den Höhen führten. Nach vielen Seufzern und manchem Ausruf fing Don Abbondio in einem Zuge zu murren an. Er überwarf sich mit dem Herzog von Nevers, weil er in Frankreich es sich ruhig hätte können wohl sein lassen, und dagegen mit Gewalt Herzog von Mantua sein wollte; mit dem Kaiser, weil er bei der Narrheit eines andern hätte ein Einsehen haben sollen, er konnte das Wasser herunterlaufen lassen und brauchte sich gar nicht so empfindlich zu zeigen; am Ende wär' er doch immer Kaiser geblieben, es mochte in Mantua Titus oder Sempronius Herzog sein. Vor allem aber hatte er's gegen den Statthalter; der hätte jede Vorkehrung treffen müssen, um die Geißel vom Lande fernzuhalten, und war gerade derjenige, der sie herbeizog; alles um der närrischen Kriegslust willen. – »Die Herren sollten nur einmal hier sein,« sagte er, »und versuchen, wie's schmeckt. Haben eine schwere Rechenschaft abzulegen! Und unterdessen kostet es unschuldigen Leuten Kopf und Kragen!«

»Lassen Sie immer diese Herren zufrieden,« sagte Perpetua. »Die kommen Ihnen doch mit keiner Hand zu Hilfe. Das ist aber einmal, mit Verlaub, Ihr gewöhnliches Geschwätz, und damit läßt sich nichts durchsetzen. Was mir eher im Kopf herumgeht ...«

»Nun, was ist das?«

Perpetua hatte während des Weges mit Muße die eilfertige Unterbringung der Gerätschaften durchgemustert und entdeckte nun mit Schmerzen, daß sie dieses vergessen, jenes an sehr unpassender Stelle versteckt; hier hatte sie eine Spur gelassen, die einem Räuber den Weg angeben konnte, dort...

»Schön!« sagte Don Abbondio, welcher sich jetzt über sein Leben sicher genug fühlte, um über seine Gerätschaften sich gehörig ängstigen zu können. »Schön! So hast du's gemacht? Wo hattest du denn den Kopf?«

»Was?« rief Perpetua, blieb einen Augenblick stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten, so gut die Butte es gestattete. »Was? Sie wollen mir jetzt solche Vorwürfe auftischen, nachdem Sie's gewesen, der mir den Kopf verdrehte, statt mir zu helfen und mir Mut einzusprechen? Ich habe vielleicht mehr an die Sachen des Hauses als an meine eigenen gedacht; nicht eine Seele, um mir hilfreiche Hand zu leisten; hab' wie Marthe und Magdalene mich abarbeiten müssen. Wenn was schlimm ausfällt, so läßt sich nichts sagen; ich aber hab' über meine Schuldigkeit getan.«

Agnese unterbrach diese Untersuchungen, indem sie gleichfalls von ihrem Mißgeschick zu sprechen anfing; sie beklagte sich nicht sowohl über Mühseligkeit und Schaden, als weil sie die Hoffnung, ihre Lucia bald umarmen zu können, verschwunden sah. Denn für den nämlichen Herbst hatte sie gerade Abrede genommen; es ließ sich aber nicht denken, daß Dame Prassede unter solchen Umständen ihr Landgut hier beziehen würde; hätte sie sich daselbst aufgehalten, so würde sie es vielmehr wie die übrigen Gutsbesitzer verlassen haben.

Der Anblick der Gegend verlieh Agnesens Gedanken noch größeren Nachdruck und ihrer Sehnsucht noch mehr Bitterkeit. Nachdem sie die Feldpfade verlassen, hatten sie die offene Landstraße betreten, dieselbe, auf welcher die arme Frau vor so kurzer Zeit erst die Tochter aus dem Hause des Schneiders heimgeführt hatte. Und schon ließ sich das Dorf unterscheiden.

»Wir wollen den guten Leuten unsern Gruß abstatten,« sagte Agnese.

»Gut,« meinte Perpetua, »und ein wenig ausruhen. Denn die Butte fängt an, mir garstig zuzusetzen. Können allenfalls uns auch einen Bissen schmecken lassen.«

»Unter der Bedingung, daß wir keine Zeit verlieren,« bemerkte Don Abbondio. »Denn wir sind wahrhaftig nicht zur Kurzweil auf Reisen.«

Sie erinnerten an eine wohltätige Handlung, und so wurden sie mit offenen Armen empfangen, mit großer Freude gern gesehen. Erzeigt so vielen Menschen wie möglich Gutes, sagt unser Autor, so werdet ihr um so öfter Gesichtern begegnen, die euch mit Fröhlichkeit überraschen.

Nachdem man gemeinschaftlich Mahl gehalten und Neuigkeiten und Erinnerungen mit der freundlichen Familie ausgetauscht hatte, besorgte der Schneider einen Karren, auf dem die Flüchtlinge desto bequemer mit ihrem Reisegepäck zur Felsenburg hinaufkämen.

Über den Ungenannten hatte der Schneider bereits dem Pfarrer bestätigt, daß er mit seinen zurückgebliebenen Söldnern von Grund auf seine Lebensweise geändert habe. Vom Tage an, da wir ihn verlassen, hatte er immer zu leben fortgefahren, wie er es sich damals vorgenommen, suchte Schaden gutzumachen, förderte den Frieden, kam den Armen zu Hilfe und benutzte jede Gelegenheit zu heilsamen Handlungen. Den Mut, welchen er sonst, wenn er beleidigte oder sich zur Wehr setzte, darzutun pflegte, zeigte er jetzt in der Unterlassung des einen wie des andern. Er hatte jede Waffe abgelegt und ging immer allein, bereit, den möglichen Folgen so vieler begangener Gewalttätigkeiten zu begegnen, und in der Meinung, daß es eine neue begehen hieße, wenn er zur Beschirmung eines Hauptes, auf welchem so vielfache Schuld lastete, Gewalt gebrauchte. Dessenungeachtet erfuhr er so wenig ein Leid, wie da er zu seiner Sicherheit nebst seinem eigenen so viele andere Arme bewaffnet hielt. Der Groll, sonst durch seinen verachtenden Stolz und anderer Furcht erregt, löste sich jetzt vor dieser neuen Demut auf; über alle Erwartung und ohne Gefahr hatten die Gemißhandelten eine Genugtuung erhalten, die sie selbst von der gelungensten Rache sich nicht versprechen gekonnt: die Genugtuung, einen solchen Mann, ihrem Unwillen sich gesellend, über seine Missetaten Schmerz empfinden zu sehen. Mehr als einer, dessen bitterste und heftigste Kränkung viele Jahre hindurch darin bestanden, daß er keine Wahrscheinlichkeit fand, als der Stärkere jemals eine Bosheit vergelten zu können, traf ihn jetzt oft allein, waffenlos, ohne Versuch zum Widerstand, und dennoch fühlte er sich zu nichts anderem bewogen, als ihm seine Ehrfurcht zu bezeugen. Mit dieser freiwilligen Erniedrigung hatten seine Persönlichkeit und sein Benehmen, ohne daß er es gewahr ward, einen hohen Adel erlangt; denn noch deutlicher als vorher verkündigte sich die Furchtlosigkeit darin. Auch der roheste, hartnäckigste Haß fühlte sich durch die allgemeine Verehrung des reuigen, wohltätigen Mannes wie gebunden und zur Achtung getrieben. Die Verehrung aber war so groß, daß er oft, durch die Ehrenbezeugungen in Verlegenheit geratend, sich ihrer erwehren und nur Sorge tragen mußte, in Gesicht und Gebärden das innere Gefühl der Zerknirschung nicht auffallend erscheinen zu lassen, um nicht bei zu tiefer Erniedrigung zu hoch erhoben zu werden. In der Kirche hatte er sich die letzte Stelle erwählt, und jedermann hütete sich, sie vor seinem Erscheinen einzunehmen; man hätte sich eine Ehrenstelle beigemessen. Den Mann aber zu beleidigen oder ihn unehrerbietig zu behandeln, galt weniger für ein Vergehen und eine Pöbelhaftigkeit, als für eine Glaubensschändung, und selbst diejenigen, welchen diese Empfindung der andern bloß zum Zügel diente, teilten sie am Ende mehr oder weniger.

Diese und andere Ursachen wandten auch die entferntere Ahndung der öffentlichen Gewalt von ihm ab und gewährten ihm selbst von dieser Seite die Sicherheit, um welche er kaum sich kümmerte. Sein Rang und seine Verwandtschaft, die jederzeit ihm zu einiger Verteidigung gedient, waren jetzt von desto kräftigerer Wirkung, da zu diesem allgekannten berüchtigten Namen die persönliche Empfindung, der Ruhm der Bekehrung sich gesellte. Obrigkeit und Vornehme hatten sich öffentlich wie das Volk darüber gefreut, und unsinnig wäre es gewesen, gegen einen Mann, welcher der Gegenstand so vieler Glückwünsche geworden, feindselig verfahren zu wollen. Überdies konnte die öffentliche Gewalt, mit einem fortwährenden, oft unglücklichen Kampfe gegen regsame und immer wieder erwachende Empörungen beschäftigt, hinlänglich zufrieden sein, eine Empörung, die noch schwerer und noch lästiger zu bändigen war, nicht bekämpfen zu müssen; um so mehr, da mit dieser Bekehrung so mancher Ersatz verbunden, welchen die öffentliche Gewalt nicht zu erzwingen pflegte und noch weniger heischte.

So wurde dieser Mann, auf welchen, wenn er gefallen wäre, Große und Kleine sich um die Wette gestürzt hätten, um ihn am Boden zu erdrücken, jetzt, da er sich freiwillig hingestreckt, von allen verschont und von vielen mit Ehrfurcht behandelt.

Als bei dem Niedersteigen der deutschen Kriegsscharen einige Flüchtlinge aus den überschwemmten oder bedrohten Ortschaften nach der Felsenburg kamen und um Aufnahme baten, freute sich der Ungenannte, daß die Hilflosen seine Mauern als einen Zufluchtsort aufsuchten, nachdem sie dieselben seit so langer Zeit nur von fern als ein furchtbares Höllengebäude betrachtet hatten; der Ausdruck seines Empfanges war eher Dankbarkeit als höfliche Güte; dabei ließ er umher melden, daß sein Haus einem jeden, der um Unterkommen verlegen, offen stände. Auch war er sogleich darauf bedacht, Schloß und Tal in Verteidigungsstand zu setzen, falls Landsknechte oder Reiter sich's einfallen ließen, auch hier ihr Wesen treiben zu wollen. Er versammelte die zurückgebliebenen Diener, gering an Zahl, aber tüchtig und wacker. Er ließ aus einer Söllerkammer die Feuergewehre herabholen, die Schwerter und Spieße, die seit einiger Zeit dort zusammengeworfen lagen; er verteilte sie unter die Söldlinge und ließ seinen Bauern wie den Pächtern im Tale sagen, wer Lust hätte, möchte bewaffnet nach dem Schlosse kommen; wer keine Waffen hatte, dem reichte er welche. Er selbst blieb an der Spitze dieser Schloßbesatzung jederzeit unbewaffnet.

Zugleich hatte er andere, Diener oder sonst abhängige Leute, in Tätigkeit gesetzt, um im Schlosse für so viele Menschen wie möglich Wohnungen einzurichten; Betten mußten aufgeschlagen werden; in Zimmern und Sälen, die er zu Schlafgemächern bestimmte, kamen Strohlager, Decken und Säcke zu liegen. Auch war's sein Befehl, daß Nahrungsmittel im Überfluß herbeigeschafft wurden; die Gäste, die Gott ihm zusenden würde, die auch in der Tat schon immer zahlreicher sich einzufinden anfingen, sollten nicht von eigenem Gelde zehren. Währenddessen legte er die Hände nicht in den Schoß; man sah ihn drinnen im Schlosse und draußen, oben auf dem Berge und unten in der Tiefe, an allen Punkten des Tales; er bestimmte die Posten, verstärkte und untersuchte sie, er sah nach, ließ sich sehen und hielt durch Worte, Blicke und Gegenwart alles in Ordnung. Im Schlosse wie auf der Straße empfing er freundlich alle Ankömmlinge, denen er begegnete; alle, sie mochten den Mann schon gesehen haben oder zum erstenmal ihn erblicken, betrachteten ihn mit freudigem Staunen, vergaßen einen Augenblick das Elend und die Furcht, welche sie hergetrieben, und wandten sich noch einmal hin, ihn anzuschauen, wenn er, sich von ihnen entfernend, seinen Weg fortsetzte.

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