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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Achtes Kapitel.

Der Statthalter von Mailand indes, Don Gonzalo, der noch immer in dem unglücklichen Lager von Casale lag, hatte zu viele und zu große Dinge im Kopf, um einem armen Seidenspinner zu Leibe zu gehen; er hatte in der Tat die Angelegenheit bald vollständig vergessen.

Renzo aber mußte aus den wenigen Winken, die er erhalten, etwas ganz anderes vermuten, als so bald wieder glücklich vergessen zu werden; eine lange Zeit hindurch war Verborgenheit sein einziger Gedanke und in der Tat sein einziges Streben. Wie sehnlich wünschte er, den Frauen Nachricht zu senden und von ihnen zu erhalten. Zwei harte Schwierigkeiten aber stellten sich ihm entgegen. Erstlich mußte auch er sich einem Schreiber anvertrauen; denn der arme Junge wußte die Feder nicht zu führen und, im vollständigen Sinne des Wortes, nicht einmal zu lesen; wenn er darüber, wie man sich erinnert, vom Doktor Knotenhauer befragt, mit Ja geantwortet hatte, so war das keine prahlerische Aufschneiderei, sondern weil er Gedrucktes, wenn er sich ein wenig Zeit dazu nahm, allerdings lesen konnte; mit Geschriebenem aber war's eine andere Sache. Es war also nötig, einen Dritten in sein Geheimnis zu ziehen, in ein so kitzliges Geheimnis; ein Mann, der mit der Feder Bescheid wußte und vertrauenswürdig war, fand sich damals so leicht nicht; noch dazu in einem Lande, wo man keine alte Bekanntschaft hatte. Die zweite Schwierigkeit betraf den Boten, einen Menschen, der gerade nach jener Gegend ging, sich mit dem Brief befassen wollte und wirklich die Absicht hatte, ihn in die rechten Hände zu schaffen – gleichfalls Dinge, die sich nicht leicht bei einem einzigen Menschen zusammen fanden.

Nach vielem Suchen und Umherschleichen fand er endlich einen Schreiber. Da er aber nicht wußte, ob die Frauen sich noch zu Monza, oder wo sonst, befanden, hielt er es für das klügste, den Brief an Agnesen in ein andres Blatt zu schließen, und dieses mit der Aufschrift an Pater Cristoforo, der gleichfalls einige Zeilen erhielt, zu bezeichnen. Der Schreiber übernahm zugleich die Verpflichtung, den Brief zu befördern; er übergab ihn einem Manne, welcher nicht weit von Pescarenico vorüberreisen mußte; dieser hinterließ ihn, mit vielen Empfehlungen, in einem Gasthof an der Straße, wo sie dem Kloster am nächsten; was aber hernach aus ihm geworden, hat man nie erfahren. Renzo sah keine Antwort erscheinen, ließ einen ähnlichen Brief abgehen und schloß ihn in einen andern an einen Freund oder Verwandten zu Lecco ein. Es fand sich auch ein zweiter Überbringer, und diesmal gelangte der Brief an Ort und Stelle. Agnese lief nach Maggianico, ließ sich den Brief von ihrem Vetter Alessio lesen und erklären, verabredete eine Antwort mit ihm und erhielt sie zu Papier; darauf fand sie Mittel, sie dem Antonio Rivolta nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zuzuschicken; doch alles das so rasch nicht, wie unsere Erzählung angibt. Renzo erhielt den Brief und sandte mit der Zeit eine Gegenantwort. Kurz, es bildete sich zwischen beiden Teilen ein Briefwechsel, der zwar nicht schnell und regelmäßig, aber doch selbst unter Absätzen und Zwischenräumen fortgeführt wurde.

Um aber einen Begriff von diesem Briefwechsel zu haben, muß man ein wenig wissen, wie es damals mit dergleichen Dingen ging und auch wohl noch geht; denn hierin, glauben wir, hat sich wenig oder nichts geändert.

Ein Landmann, der nicht schreiben kann und in der Notwendigkeit, zu schreiben, sich befindet, wendet sich an einen federfertigen Mann und wählt ihn, wo möglich, unter seinesgleichen; denn an einen andern wagt er sich nicht oder hat kein Zutrauen zu ihm. Er unterrichtet ihn mit mehr oder weniger Ordnung und Deutlichkeit von den vorhergegangenen Ereignissen und teilt ihm ebenso die Gedanken mit, die auf dem Papier ihren Platz finden sollen. Der Schreibverständige begreift teils, teils kommt er mit eigenen Schlüssen zu Hilfe; er gibt seinen Rat, schlägt eine Veränderung vor, spricht: »Laßt mich machen,« greift zur Feder, überträgt den vorgesagten Gedanken in Buchstaben, verändert ihn nach seiner Weise, verbessert ihn, nimmt die Feder hier voll, verstümmelt und läßt dort weg, wie's ihm der Sache zu frommen scheint; denn es hilft nichts, wer mehr als andre weiß, der mag nicht ein willenloses Werkzeug in ihren Händen sein, und befaßt er sich mit den Angelegenheiten eines andern, so will er auch den Ton angeben. Auf diese Weise drückt der Schreiber nicht immer dasjenige aus, was verlangt wird; bisweilen kommt etwas ganz anderes heraus, wie es denn auch uns wohl ergeht, die wir für den Druck schreiben. Gelangt der also abgefaßte Brief in die Hände des Empfängers, der ebensowenig mit dem Alphabete aufgewachsen, so trägt ihn dieser zu einem Gelehrten von demselben Schlage. Hier wird er gelesen und erklärt. Man streitet über die Auffassung des Sinnes; denn der Empfänger stützt sich auf die Kenntnis der vorhergegangenen Ereignisse und behauptet, sehr wohl einzusehen, was dieses oder jenes Wort sagen will; der Vorleser verläßt sich auf die Übung, die er durch's Aufsetzen erhalten hat, und besteht darauf, daß etwas ganz anderes damit gemeint sei. Der Unwissende muß sich also am Ende dem Sachkundigen ergeben und ihm das Geschäft der Beantwortung überlassen; diese, ganz wie der erste Brief entstanden, erfährt hernach eine ähnliche Auslegung. Ist noch dazu der Gegenstand des Briefwechsels ein wenig verfänglich, hat man dabei mit Geheimnissen zu tun, in welche kein Dritter, falls der Brief in unrechte Hände käme, Einsicht erlangen soll; war es aus dieser Ursache Vorsatz, den Sinn nicht in seiner ganzen Deutlichkeit auszudrücken, so verstehen sich am Ende nach einigem Hin- und Herschreiben die beiden Parteien wie zwei Scholastiker, die vier Stunden hindurch über die inwohnende Kraft der Dinge oder ähnliche Spitzfindigkeiten gestritten haben.

Unsre beiden Parteien befanden sich nun gerade in diesem Falle. Renzos erster Brief enthielt vielfache Punkte. Zuerst eine Erzählung der Flucht, kürzer, aber fast noch übler behandelt, als sie aus unsern Händen gekommen; dann eine Darstellung seiner gegenwärtigen Verhältnisse. Daraus entnahm weder Agnese noch ihr Dolmetscher eine klare oder vollständige Einsicht – heimliche Weisung, Annahme eines fremden Namens, sicher sein, aber im Verborgenen leben, das waren Dinge, mit welchen ihr Verstand schon an sich selbst nicht sehr vertraut war; die rätselhafte Bezeichnung im Briefe machte sie vollends unverständlich. Dann betrübte, leidenschaftliche Nachfragen über Luciens Schicksale, nebst dunklen, schmerzenvollen Winken über die Gerüchte, welche in dieser Hinsicht auch zu seinen Ohren gelangt waren. Zuletzt kamen Ungewisse und entfernte Hoffnungen, hingeworfene Pläne für die Zukunft, Versprechungen und Bitten, in der gelobten Treue nicht zu wanken, Geduld und Mut nicht zu verlieren und es nur einige Zeit noch mit anzusehen.

Nach einigem Zwischenraum fand Agnese ein sicheres Mittel, ihm eine Antwort mit den fünfzig Scudi, welche Lucia für ihn bestimmt hatte, zukommen zu lassen. Bei dem Anblick so vielen Goldes wußte er nicht, was er denken sollte; die Seele wie von einem Wunder erfüllt, in einer Ungeduld, die sich durchaus nicht fügen mochte, suchte er spornstreichs seinen Schreiber auf, um den Brief sich erklären zu lassen und zum Schlüssel eines so seltsamen Geheimnisses zu gelangen.

In dem Briefe hatte Agnesens Schreiber, nachdem er über die geringe Deutlichkeit ihres Vortrags bittere Klagen erhoben, in einem ebenso kläglichen Tone die entsetzliche Geschichte jener Person – so hieß es in dem Schreiben – erzählt; dann gab er Auskunft über die fünfzig Scudi; endlich kam er auf das Gelübde zu sprechen, ging aber dabei mit Umschreibungen zu Werke und teilte nur am Schlusse in einfachen deutlichen Ausdrücken den Rat mit, Renzo möchte sich zufriedengeben und an das Mädchen nicht weiter denken.

Wenig fehlte, so wäre der Jüngling seinem dolmetschenden Leser zu Leibe gegangen; er zitterte, er entsetzte sich und geriet über das, was er verstanden, wie über das, was er nicht verstanden, in besinnungslose Wut. Drei- oder viermal ließ er sich das Schmerzensblatt von neuem vorlesen; dadurch begriff er manches besser, manches, was ihm anfangs klar geschienen, stand nun erst in finsterer Verwirrung da. Und in dieser Fieberhitze der Leidenschaft verlangte er, der Schreiber sollte augenblicklich sich niedersetzen und antworten. Nach den ungestümsten Ausdrücken des Mitleids und des Schreckens um Luciens Schicksale willen, sagte er diktierend: »Schreibt, daß ich mich nicht zufrieden geben will und nimmermehr geben werde; daß das kein Rat ist, den man einem Menschen wie mir erteilt; daß ich das Geld mit keinem Finger anrühren werde; daß ich's beiseitelege und es bewahre zur Mitgift für's Mädchen; daß sie mein werden muß; daß ich von keinem Versprechen was weiß; daß ich immer habe sagen hören, die Jungfrau tritt herzu, um Geängstigten zu helfen und dafür Dank zu erhalten, daß sie aber rät, jemandem Schimpf anzutun und sein Wort zu brechen, hätt' ich niemals gehört; daß es so nicht bleiben kann; wenn ich jetzt in der Klemme stecke, so ist's ein Sturm, der bald verbraust sein wird.« – Und dergleichen mehr. Agnese empfing diesen Brief und ließ antworten; so ward der Briefwechsel, in der angegebenen Weise, fortgesetzt.

Sobald Lucia von der Mutter erfahren, daß Renzo am Leben und in Sicherheit sei, auch Nachricht erhalten habe, fühlte sie eine große Erleichterung und wünschte nur, er möchte sie vergessen, oder um es gewissenhafter auszudrücken, er möchte sich bemühen, sie zu vergessen. Ihrerseits faßte sie wohl hundertmal täglich einen ähnlichen Entschluß und wandte auch jedes Mittel an, um ihm Wirksamkeit zu verschaffen. Unermüdlich fesselte sie sich an die Arbeit und suchte ihre ganze Seele dabei zu beschäftigen; trat Renzos Bild ihr vor die Augen, so sagte sie oder sang im Geiste fromme Gebete her. Aber dieses Bild tauchte, gerade als wenn Bosheit es leitete, gewöhnlich nicht offen empor; es schlich sich verstohlen hinter andern ein, und nur nach einiger Zeit erst gewahrte die Seele den Gast. Lucias Gedanken – und wie hätten sie nicht sollen? – weilten oft bei der Mutter; der Renzo ihrer Einbildungskraft trat dann leise als der dritte hinzu, wie der wirkliche so oft getan. So stellte sich mit allen Personen, an allen Orten, bei allen Erinnerungen aus der Vergangenheit der Jüngling zugleich mit ein. Und wenn die Arme sich bisweilen mit spinnender Einbildungskraft in das Dunkel ihrer Zukunft verirrte, erschien er auch dort, um wenigstens zu sagen: Ich werde auf keinen Fall zugegen sein. Nicht an ihn zu denken, war ein verzweifeltes Beginnen; indessen dachte Lucia doch seltener an ihn, seltener als ihr Herz wollte, und so gelang ihr ihre Absicht bis zu einem gewissen Punkte. –

Bis zum Herbste des folgenden Jahres blieben alle, einige aus freien Stücken, andere notgedrungen, ziemlich in derselben Lage, darin wir sie gelassen; keinem begegnete etwas, keiner tat etwas, was des Erzählens wert gewesen. Da rückte der Herbst heran, mit welchem Agnese und Lucia sich beisammenzufinden gerechnet hatten; aber ein großes öffentliches Ereignis betrog sie um ihre Hoffnung. Dieses Ereignis war so allgemeiner, so heftiger, so außerordentlicher Art, daß es auch zu ihnen, nach der Stufenfolge in dieser Welt bis zum letzten unter ihnen gelangte: wie ein Wirbelwind, welcher weit hinzieht und plötzlich daherstürmt, Bäume entwurzelt, die Ziegel von den Dächern schleudert, von den Türmen die Gipfel herabstürzt und Scherbenhaufen fortträgt, zugleich aber auch die Hälmchen, die im Grase versteckt sind, ausreißt, in den Winkeln die welken leichten Blätter, die ein schwächerer Wind daselbst zusammengeweht hat, aufsucht und sie mit seinem Raube fortgewälzt emporträgt.

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