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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Siebentes Kapitel.

Don Abbondio hatte sich nur gefaßt gemacht, auf allgemeine Vorstellungen zu antworten; nach einer solchen Frage saß er daher sprachlos da.

»Ihr antwortet nicht?« fragte Borromeo. »O, wenn Ihr Eurerseits getan hättet, was Mitleid und Pflicht geboten, so wäret Ihr, wie es auch immer ausgefallen, um keine Antwort verlegen. Ihr seht also selbst, was Ihr getan habt. Ihr habt der Ungerechtigkeit Gehorsam geleistet und die Vorschriften der Pflicht unbeachtet gelassen. Nun frage ich Euch, ob Ihr nicht mehr getan habt? Ihr werdet mir sagen, ob Ihr für Eure Weigerung, um den wahren Grund nicht enthüllen zu müssen, einen Vorwand aus der Luft gegriffen habt.«

Auch das haben ihm die Klatschmäuler gestochen! dachte der Pfarrer. Kein Laut aber verriet, daß er eine Antwort zu geben wisse, und so fuhr der Kardinal fort: »Wenn Ihr also die armen Leute, um sie in der Unwissenheit, in dem Dunkel zu erhalten, darin der Frevler sie wünschte, mit nicht vorhandenen Schwierigkeiten zurückgeschreckt habt ... Ich muß es also glauben; es bleibt mir also nichts übrig, als mit Euch zu erröten und zu hoffen, Ihr werdet mit mir darüber weinen.« So pflegt's zu gehen, dachte Don Abbondio. Mit dem Satanas – er meinte den Ungenannten – küßt er und herzt er sich; mir, weil ich eine halbe Lüge gesagt, bloß um meiner Haut mich zu wehren, setzt er die Hölle in den Kopf. Ein Vorgesetzter aber hat immer recht. Es bringt's einmal mein Stern so mit sich, daß mir alle zu Leibe gehen; sogar die Heiligen. – Laut sagte er dann: »Ich habe gefehlt, ich seh' es ein; was hätt' ich aber in solch einer Klemme anstellen sollen?«

»Ihr fragt noch? Hab' ich's Euch nicht schon gesagt? Mußt' ich's Euch erst sagen? Lieben, Freund, lieben und beten. Dann hättet Ihr empfunden, daß die Ungerechtigkeit wohl Drohungen hat, um zu erschrecken, und Streiche, um sich zu rächen, nimmer aber befehlen kann; Ihr hättet nach dem Gesetze des Herrn vereinigt, was der Mensch trennen wollte; Ihr hättet der unglücklichen Unschuld den Dienst geleistet, welchen sie mit Recht von Euch begehrte; über die Folgen hätte Gott als Bürge gewacht, denn nach seinem Gebot wäre gehandelt worden; einem andern Gebot gehorchend, habt Ihr Euch selbst zum Bürgen gemacht – die Folgen, und welche Folgen! sind Euer Werk. Wolltet Ihr Euch aber umsehen, nachdenken, suchen, würde es denn an allen menschlichen Hilfsmitteln gefehlt haben, hätte sich kein einziger Weg der Rettung aufgetan? Jetzt könnt Ihr wissen, daß diese Armen nach ihrer Vermählung auf die Flucht gedacht, daß sie bereit gewesen, sich aus dem Angesicht des Mächtigen zu entfernen, und den Ort ihrer Zuflucht bereits festgesetzt hatten. Aber auch ohne dies, fiel Euch nicht ein, daß Ihr einen Vorgesetzten hattet? Mit welcher Stirn dürfte er Euch um die Versäumung Eurer Pflicht Verweise geben, wenn er nicht verbunden wäre, bei der Beobachtung derselben Euch hilfreiche Hand zu leisten? Warum gabt Ihr Eurem Bischof von dem Hindernis, welches Euch eine verruchte Gewalttätigkeit bei der Ausübung Eures Amtes in den Weg stellte, nicht die mindeste Nachricht?«

Perpetuas Vorschlag! dachte Don Abbondio ärgerlich und sah nicht, wie diese Begegnung seiner Haushälterin und des Kardinals, in Betracht dessen, was er hätte tun können und müssen, bedeutungsvoll gegen ihn zeugte.

»Ihr aber,« nahm der Kardinal wieder das Wort, »habt nichts gesehen, nichts sehen wollen als Eure zeitliche Gefahr; wie riesenhaft und wunderbar mußte sie Euch doch vor Augen stehen, daß Ihr alles andre darüber in keine Erwägung zogt!«

»'s ist bloß, weil ich die entsetzlichen Gesichter gesehen habe,« lautete die Antwort, welche dem Pfarrer entwischte, »weil ich dergleichen Worte mit eigenen Ohren gehört habe. Eure erlauchte Gnaden sprechen vortrefflich; Sie müßten sich aber einmal an der Stelle eines armen Pfarrers befinden und so vorm Schuß stehen.«

Kaum hatte er die Worte hervorgebracht, so biß er sich auf die Zunge; er fühlte, daß er auf den Wogen des Ärgers zu weit mit fortgeschwommen war, und sagte sich: Nun kommt der Hagelschlag! – Indem er aber zweifelvoll den Blick erhob, sah er mit Erstaunen den Mann, welchen er niemals erriet oder begriff, vom strafenden Ernste des Übergewichts zur stillen gedankenvollen Zerknirschung übergehen.

»Nur allzu wahr!« sagte Borromeo, »so bringt es unsre elende und schreckliche Lage mit sich. Wir sind gezwungen, von andern streng zu erheischen, was wir vielleicht zu gewähren nicht bereit sind; wir müssen richten, bessern und tadeln, und Gott weiß, was wir im nämlichen Falle tun würden, in ähnlichen Fällen getan haben. Gut also, mein Sohn und Bruder; da die Irrtümer der Vorgesetzten den andern oft besser bekannt sind als ihnen selbst, so sagt mir's freimütig, führt mir's zu Gemüte, wenn Ihr wißt, daß ich aus Kleinherzigkeit, aus irgendeiner Rücksicht meine Schuldigkeit hintangesetzt habe; wo ich als Muster mich vergessen, soll das Geständnis wenigstens nicht ausbleiben.«

O, was für'n heiliger Mann! dachte Don Abbondio. – Das heißt aber sich quälen! Auch über sich selber! Wenn er nur herumstöbern, aufwühlen, prüfen, erforschen kann, betraf's auch ihn selber. – Darauf sagte er laut: »O Monsignore, Sie scherzen! Wer kennt nicht Eurer erlauchten Gnaden starkes Gemüt und unerschütterlichen Eifer?« – Im Herzen fügte er hinzu: Nur zu sehr! –

»Ich heischte kein Lob von Euch, vor welchem ich erzittere,« sagte Borromeo; »Gott kennt meine Gebrechen; und was ich selbst davon empfinde, reicht hin, um mich zu Boden zu schlagen. Ich wollte aber, daß wir uns vor ihm miteinander demütigten, um miteinander im Glauben zu erstarken. Zu Eurem Heile wollt' ich, daß Ihr empfändet, wie Euer Betragen gewesen, wie Eure Sprache dem Gesetze, das Ihr predigt und nach dem Ihr gerichtet werden sollt, zuwider geklungen.«

»Alles wälzt sich auf mich!« rief Don Abbondio. »Aber diese Leute, die über mich Beschwerde geführt, haben Ihnen nicht gesagt, daß sie verräterischerweise in mein Haus eingebrochen sind, um mich zu überraschen und eine Trauung gegen die Regel zu erzwingen.«

»Sie haben es gesagt, Freund. Aber das betrübt mich, das bestürzt mich eben, daß Ihr Euch noch zu entschuldigen wünschet, durch Anklagen Euch zu entschuldigen denkt, daß Ihr andern zur Last leget, was ein Teil Eures Geständnisses sein sollte. Wer hat sie in die Notwendigkeit, in die Versuchung wenigstens gebracht, zu tun, was sie getan? Hätten sie diesen unerlaubten Weg gesucht, wenn der gesetzmäßige ihnen nicht verschlossen gewesen? Hätten sie daran gedacht, den Hirten zu hintergehen, wenn er sie mit offenen Armen empfangen, mit Rat und Tat unterstützt hätte? Würden Sie ihn überrascht haben, wenn er nicht listig sich versteckt hätte? Und ihnen gebt Ihr die Schuld? Es kränkt Euch, daß sie nach so vielem Elend, mitten im Elend, mit einem Worte gegen ihren und Euren Hirten sich Luft gemacht? Die Klage des Unterdrückten, der Wehruf des Betrübten möge der Welt verhaßt sein, es ist einmal so; aber wir! Was hätt' es Euch gefrommt, wenn sie geschwiegen? Ständ' es besser um Euch, wenn ihre Sache ganz und gar vor Gottes Richterstuhl gelangt wäre? Habt Ihr nicht, neben so vielen andern, eine neue Ursache, diese Leute zu lieben, da sie Euch Gelegenheit verschafft haben, die aufrichtige Stimme Eures Hirten zu hören, da sie Euch Mittel gewährt haben, die große Schuld, durch welche Ihr ihnen verpflichtet seid, besser zu erkennen und zum Teil abzutragen? Wenn sie Euch gereizt, beleidigt, gequält hätten, würde ich Euch sagen – und müßt' ich es erst Euch sagen? – Ihr sollt sie eben deswegen lieben. Liebet sie, weil sie gelitten haben, weil sie leiden, weil sie die Eurigen und schwache Hilflose sind, weil Ihr einer Verzeihung bedürfet, die Ihr am besten durch die Fürbitte dieser Leute erlangen könnet.«

Don Abbondio schwieg, aber nicht mehr unwillig und unüberzeugt; sein Schweigen verriet, daß er mehr zu denken als zu sagen hatte. Die Worte, die er vernahm, bestanden in unerwarteten Folgerungen und neuer Anwendung; die Lehre aber, die ihnen zugrunde lag, war alt und auch in seinem Geiste niemals bestritten. Das Unglück seiner Mitmenschen, von dessen Erwägung ihn immer die Furcht vor seinem eigenen abgezogen, machte jetzt einen ganz neuen Eindruck auf ihn. Und wenn er auch nicht all die Reue empfand, welche die Predigt in ihm erwecken sollte – denn die Furcht spielte, noch immer gegenwärtig, den heimlichen Sachwalter –, so empfand er doch Reue; er mißfiel sich selbst, er bemitleidete die andern und sah sich von zärtlichen Gefühlen und Verwirrung überrascht. Er glich, wenn man das Bild gelten läßt, dem feuchten ausgedrückten Docht eines Lichtes, welcher, an die Flamme einer großen Fackel gehalten, anfangs dampft, knistert, spritzt und nicht fangen will, endlich aber sich entzündet und, gut oder schlecht, brennt. Ohne den Gedanken an Don Rodrigo hätte er laut sich angeklagt und geweint; dennoch verriet er Rührung genug, daß der Kardinal keine gänzliche Wirkungslosigkeit seiner Worte zu befürchten hatte.

Somit stand er auf, und Don Abbondio folgte ihm. –

Nun müssen wir melden, wie am folgenden Morgen Dame Prassede erschien, um der Verabredung gemäß Lucien zu holen und dem Kardinal ihre Hochachtung zu bezeugen. Dieser lobte das Mädchen und empfahl es ihr mit Wärme. Lucia riß sich weinend von der Mutter los, ging zu ihrem Häuschen hinaus und sagte zum zweiten Male ihrem Dorfe Lebewohl. Sie empfand den doppelt bitteren Schmerz, einen Ort zu verlassen, welcher ihr einzig teuer gewesen und es nicht mehr sein konnte. Aber dieser Abschied von der Mutter war nicht der letzte; Dame Prassede versicherte, sie werde noch einige Tage auf ihrem Landsitze verweilen, und da dieser so nah, versprach Agnese hinzukommen, um in einer schmerzlicheren Trennung von der Tochter zu scheiden.

Auch der Kardinal stand im Begriff, nach einem andern Kirchsprengel aufzubrechen; da langte der Pfarrer des Dorfes an, welches zum Schlosse des Ungenannten gehörte, und wünschte ihn zu sprechen. Nachdem er eingelassen worden, zeigte er ein Päckchen und ein Schreiben von jenem Herrn, worin der Kardinal ersucht ward, Luciens Mutter zur Annahme des Päckchens mit hundert Goldscudi zu bewegen; sie sollten zur Mitgift für die Tochter dienen oder sonst nach Gutdünken der beiden Frauen verbraucht werden; zugleich bat er ihn, ihnen zu sagen, wenn sie jemals der Meinung wären, er könne ihnen irgendeinen Dienst erweisen, so wisse das arme Mädchen nur allzu wohl, wo er wohne; ihm aber solle das ein höchst erwünschtes Ereignis sein. – Der Kardinal ließ sogleich Agnesen rufen und setzte sie von dem Auftrag in Kenntnis. Sie vernahm ihn mit ebenso großer Verwunderung wie Freude und ließ sich ohne weitläufige Umstände die Goldrolle in die Hände drücken. – »Gott lohne es dem Herrn!« sagte sie, »und Eure erlauchte Gnaden mögen ihm tausend Dank dafür abstatten. Sagen Sie aber niemandem was; denn das ist ein Dorf hier ... Nehmen Sie mir's nicht übel; sehen Sie, ich weiß wohl, daß ein Herr wie Sie sich auf dergleichen Geplauder nicht einläßt; aber – Sie verstehen mich.«

So ging sie ruhigen Herzens nach Hause, schloß sich in eine Kammer ein, wickelte die Rolle auf, und obgleich vorbereitet, betrachtete sie doch mit Erstaunen solch einen Haufen Goldstücke, von welchen sie vielleicht nie mehr als eins auf einmal, und auch das nur selten, gesehen hatte. Und diese Goldstücke waren die ihrigen. Sie zählte sie und gab sich dann Mühe, sie wieder zusammenzutun und nebeneinanderzureihen; denn bei jeder Bewegung liefen sie auseinander und glitten ihr unter den Fingern weg; endlich indessen brachte sie eine leidliche Rolle zustande, tat sie in einen Lappen, machte ein Päckchen daraus, band es ringsherum wohl zehnfach mit einem Bindfaden und steckte es in einen Winkel ihres Strohsackes. Den übrigen Teil des Tages hindurch tat sie weiter nichts als grübeln, Pläne für die Zukunft machen und sich nach dem nächsten Morgen sehnen. Im Bett blieb sie lange Zeit wach, mit den hundert Goldstücken beschäftigt, welche sie unter sich hatte, und als sie eingeschlafen, waren sie das Hauptbild ihres Traumes. Mit der Morgenröte aber stand sie auf und machte sich rasch auf den Weg nach dem Landgute, wo ihre Tochter sich befand.

Bei dieser hatte sich die heftige Abneigung, von ihrem Gelübde zu sprechen, zwar nicht im mindesten verringert; dennoch war sie entschlossen, sich Gewalt anzutun und es der Mutter zu eröffnen, und zwar in der folgenden Unterredung, die für lange Zeit die letzte sein sollte.

Kaum konnten sie allein sein, so sprach Agnese mit lebhaftem Gesichte, aber leisem Tone, als wäre jemand zugegen, der nichts davon erfahren sollte: »Ich habe dir was sehr Wichtiges zu sagen.« – Und somit erzählte sie das unerwartete Glück.

»Gott segne den Herrn!« sagte Lucia; »so könnt Ihr recht gemächlich leben und allenfalls auch andern noch Gutes tun.«

»Wie?« rief Agnese. »Siehst du denn nicht, was wir alles mit so vielem Gelde anfangen können? Höre! Ich habe niemanden auf der Welt als dich, als euch beide, kann ich sagen; denn seit Renzo mit dir ernstlich zu reden angefangen, hab' ich ihn immer als meinen Sohn angesehen. Es kommt nur darauf an, daß ihm kein Unglück begegnet ist, da er kein Lebenszeichen von sich gibt. Aber muß denn alles unglücklich gehen? Wir wollen hoffen, daß es nicht so ist. Ich für mein Teil hätte gern mein Grab in unserm Dorfe gefunden; jetzt aber, da du um des Schurken willen nicht hierbleiben kannst, nicht einmal in seiner Nähe Atem holen magst, so ist mir gleichfalls mein Dorf verleidet worden, und so bleib' ich bei euch, gleichviel wo. Ich bin imstande, euch bis ans Ende der Welt nachzufolgen, hab' auch den Vorsatz schon gehabt – aber ohne Geld, was läßt sich da anfangen? Verstehst du nun? Die paar Groschen, die der arme Junge mit so vieler Anstrengung und Sparsamkeit beiseitegelegt, hat die Gerechtigkeit genommen; zum Ersatz aber hat uns der Herr da einen Segen geschickt. Sobald er also ein Mittel gefunden hat, uns wissen zu lassen, ob er lebt, wo er ist und was er anzufangen gedenkt, so komm' ich nach Mailand und hol' dich ab, ich hol' dich ab. Vor Zeiten hätt' ich mich dabei besonnen, das Unglück aber macht gelenkig und gibt Erfahrung; bin bis nach Monza gekommen und weiß, was Reisen heißt. Ich nehm' einen passenden Menschen mit mir, 'nen Verwandten, zum Beispiel Alessio aus Maggianico; denn im Dorf selbst ist, genau genommen, keiner, der dazu taugte. Mit dem komm' ich, an Reisegeldern fehlt's nicht, und ... verstehst du?«

Aber statt Lucien ermutigt zu sehen, fand sie sie betrübt, nur eine Zärtlichkeit ohne Trost verratend. Sie brach ihre Rede ab und sagte: »Aber was hast du? Bist du denn nicht auch meiner Meinung?«

»Arme Mutter!« rief Lucia und schlang ihren Arm um Agnesens Hals, während sie an ihren Busen das tränenfeuchte Angesicht drückte.

»Was geht denn vor?« fragte die Mutter ängstlich von neuem.

»Ich hätt' es Euch schon längst sagen sollen,« sprach Lucia, erhob ihr Gesicht und suchte mit gefaßter Miene zu erscheinen. »Ich hab' aber das Herz nicht gehabt; habt Mitleid mit mir!«

»Geschwind also! Was ist's?«

»Ich kann nicht mehr die Frau des armen Jungen werden.«

»Wie? Was?«

Lucia entdeckte ihr Gelübde. Ihr Haupt war gesenkt, ihre Brust keuchte, und ohne daß ihr Auge Tränen vergoß, sprach sie mit der Stimme einer Weinenden; wie wenn das Erzählte zwar ein Unglück enthält, dieses aber sich nicht mehr ändern läßt. Darauf faltete sie die Hände und bat die Mutter aufs neue wegen des Stillschweigens um Verzeihung; sie beschwor sie, mit keinem lebenden Wesen davon zu sprechen, ihr ihre Hilfe zu leihen und zur Erfüllung des Gelübdes ihr den Weg zu erleichtern.

Staunend und bestürzt stand Agnese da. Sie wollte über die Verheimlichung in Unwillen geraten; unter der erdrückenden Last des Gedankens aber kam der Ärger nicht auf. Sie wollte den Schritt tadeln; es war ihr aber, als träte sie dabei feindlich gegen den Himmel auf. Überdies schilderte Lucia noch einmal, lebhafter als je, die entsetzliche Nacht, die finstere Trostlosigkeit und die unerwartete Rettung, während welcher das Versprechen, so ausdrücklich, so feierlich, geleistet worden. Dabei fiel der Zuhörerin so manches Beispiel ein, das sie oft erzählen gehört, das sie selbst der Tochter oft erzählt hatte, wie die Verletzung eines Gelübdes mit seltsamen und schrecklichen Heimsuchungen bestraft worden. Nachdem sie eine Zeitlang sprachlos dagestanden, fragte sie: »Und jetzt, was denkst du zu tun?«

»Jetzt,« sagte Lucia, »wird der Herr für uns Sorge tragen, der Herr und die Jungfrau. In ihre Hände hab' ich mich gegeben; sie haben mich bis heut' nicht verlassen, sie werden mich auch jetzt nicht verlassen, da ... die Gnade, die ich vom Herrn für mich erflehe, die einzige Gnade, nach dem Heil meiner Seele, ist, daß er mich mit Euch zurückkehren lasse; er wird sie mir gewähren, gewiß, er wird sie mir gewähren. An dem Tage, in der Kutsche, heilige Jungfrau! unter den Menschen ...! Wer hätte mir sagen können, daß sie mich zu einem Manne brachten, der tags darauf mich in Eure Arme führen sollte?«

»Aber nicht auf der Stelle mit deiner Mutter davon zu sprechen!« sagte Agnese mit einem Anflug von Ärger, welcher zwischen Bitterkeit und Mitleid unentschieden schwebte.

»Bedauert mich; ich hatte das Herz nicht. Und was hätt' es genutzt, Euch ein paar Tage früher zu betrüben?«

»Und Renzo?« fragte Agnese, den Kopf schüttelnd.

»Weh mir!« schrie Lucia und zuckte plötzlich zusammen. »Ich darf nicht mehr an den Armen denken. Gott hat es nicht haben wollen. Seht, wie's doch so deutlich daliegt, daß unsre Trennung sein Wille gewesen. Und wer weiß ...? Aber nein, nein; der Herr wird ihn vor Gefahren geschützt haben und wird ihm, ohne mich, ein besseres Glück bescheren.«

»Indessen aber,« nahm Agnese das Wort, »wenn du dich nicht für immer gebunden hättest, so wüßte ich mit dem Gelde hier, wofern dem armen Jungen nichts Schlimmes zugestoßen, für alles übrige die beste Auskunft.«

»Wäre denn aber das Geld in unsre Hände gekommen,« fragte Lucia, »wenn ich die Nacht da nicht erlebt hätte? Der Herr ist's, der alles so gefügt hat; sein Wille geschehe!« – Und unter Tränen erstickten ihre Worte.

Bei diesem unerwarteten Beweisgrunde verlor sich Agnese in Nachdenken. Nach einigen Minuten unterdrückte Lucia ihr Schluchzen und erklärte: »Jetzt, da die Sache geschehen, müssen wir uns mit willigem Herzen drein fügen; Ihr, gute Mutter, könnt mir Beistand dazu leisten, erstlich, indem Ihr zum Himmel für Eure arme Tochter betet, und dann ... der arme Junge wird es doch erfahren müssen. Denkt daran, Mutter; tut mir auch diese Liebe. Sobald Ihr wißt, wo er sich aufhält, so laßt ihm schreiben, sucht einen Mann ... eben Euer Vetter Alessio, 's ist ein vernünftiger, mitleidsvoller Mann, hat uns immer wohlgewollt und wird's nicht unter die Leute bringen; laßt ihn die Sache berichten, wie sie ist, wo ich mich befunden, was ich gelitten; Gott habe es also gewollt, er möge sich zufriedengeben, ich könne niemandem, niemandem jemals angehören. Lasset ihm die Sache mit Geschick begreiflich machen, ihm erklären, daß ich ein Versprechen, daß ich ganz eigentlich ein Gelübde getan. Weiß er, daß ich's der Jungfrau verheißen ... er hat immer fromm gedacht. Und sobald Ihr nur von ihm Nachricht habt, lasset mir's schreiben, lasset mich wissen, daß er gesund ist; und dann ... dann lasset mich weiter nichts wissen.«

Agnese, von Rührung bis in die tiefste Seele ergriffen, versicherte ihr, es solle jedwedes nach ihrem Wunsche geschehen.

»Ich möchte Euch noch etwas sagen,« fuhr die Tochter fort. »Hätte der Arme nicht das Unglück gehabt, an mich zu denken, so wär' ihm nimmer dergleichen zugestoßen. Er läuft in der Welt umher; mit seinem Fortkommen ist's einstweilen vorbei; sie haben ihm das Seinige genommen. Der Arme, sein erspartes Gut, das er, Ihr wißt wozu, bestimmt hatte ... Und wir haben so viel Geld! O Mutter! da uns der Himmel so reichlich gesegnet, und der Arme – Ihr betrachtet ihn doch immer noch als den Euren, ja, als Euren Sohn – laßt das Geld zur Hälfte gehen; gewiß, Gott wird uns nicht verlassen. Sucht einen treuen Menschen auf und schickt es ihm; Gott weiß, wie nötig er's haben mag!«

»Was glaubst du?« antwortete Agnese. »Ich werd' es tun, wahrhaftig. Armer Junge! Warum, meinst du denn, hatt' ich an dem Gelde solch 'ne Freude? Aber ... freilich, ich bin ganz zufrieden hierhergekommen. Genug, ich will's ihm schicken, dem armen Jungen. Aber auch er ... ich weiß, was ich sage. Gewiß, das Geld ist 'ne schöne Sache, wenn man's braucht, ihn aber wird's nicht selig machen.«

Lucia dankte der Mutter für diese bereitwillige, freigebige Gewährung; ihre fruchtlos unterdrückte Bewegung hätte dem Beobachter gezeigt, daß ihr Herz noch immer an Renzo hing, inniger vielleicht, als sie selbst es wähnte.

»Und ohne dich, was werd' ich arme Frau machen?« sagte Agnese und vergoß nun auch Tränen. »Und ich ohne Euch, meine arme Mutter? In fremdem Hause, drüben in Mailand! Aber der Herr wird mit uns beiden sein, wird uns zusammen heimkehren lassen. Binnen acht oder neun Monaten werden wir uns hier wiedersehen; bis dahin oder früher noch, hoffe ich, wird er alles, um uns zu trösten, zum Guten gewendet haben. Ihm sei's überlassen. Ich werde die Jungfrau jederzeit um diese Gnade flehen. Hätt' ich etwas andres, ihr zu opfern, ich würd' es ihr darbringen; aber ihr Erbarmen ist so grenzenlos, daß sie diese Gnade zum Geschenk für mich aufbewahren wird.«

Nach diesen und ähnlichen, oft wiederholten Worten der Klage und des Trostes, der Betrübnis und der Ergebung, nach erbetenem und beteuertem Verschweigen, nach vielen Tränen und langen Umarmungen schieden die Frauen und versprachen, sich spätestens gegen kommenden Herbst wiederzusehen, als wenn das Worthalten in ihrer Gewalt stünde. Aber so geschieht es gewöhnlich in dergleichen Fällen.

Es verstrich indessen eine lange Zeit, ohne daß Agnese von Renzo etwas erfahren konnte. Weder Briefe noch Boten erschienen von ihm, und wen sie fragte, der wußte nicht mehr als sie. Und sie war's nicht allein, welche vergebens Erkundigungen einzuziehen suchte; der Kardinal, der nicht zum Scheine bloß den armen Frauen gesagt, er wolle über den unglücklichen Jüngling Kunde zu erhalten trachten, hatte wirklich sogleich deshalb geschrieben. Sobald er darauf von seiner Berufsreise nach Mailand zurückgekehrt war, erhielt er eine Antwort, worin es hieß, man könne über besagten Menschen keine Auskunft geben; er habe sich allerdings eine Zeit hindurch in dem und dem Dorfe aufgehalten und durchaus keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben; eines Morgens aber sei er unversehens verschwunden; ein Verwandter, der ihn in seinem Hause beherbergt, wisse nicht, was aus ihm geworden, und könne nur gewisse unzuverlässige, einander widersprechende Gerüchte wiederholen, womit sich die Leute trügen: daß der Jüngling nämlich sich für den Kriegsdienst nach der Levante habe anwerben lassen, daß er nach Deutschland gegangen und beim Durchwaten eines Flusses ums Leben gekommen sei.

Später verbreiteten sich diese und ähnliche Gerüchte selbst durch das Gebiet von Lecco und kamen folglich auch Agnesen zu Ohren. Die arme Frau tat ihr möglichstes, um die Wahrheit herauszufinden, und suchte auf die Spur zur Quelle zu gelangen; sie kam aber nicht weiter als bis zum ewigen »Man sagt,« welches auch heute noch, so viele Dinge zu bezeugen, herhalten muß. Kaum war ihr eine Geschichte erzählt worden, so stellte sich ein zweiter ein und versicherte, es sei durchaus nichts daran; zum Ersatz ließ er ihr eine andere zurück, die ebenso seltsam, ebenso unstatthaft klang. Eine wie alle leeres Geschwätz; der Hergang der Sache war folgender:

Der Statthalter von Mailand, Don Gonzalo Fernandez de Cordova, hatte sich bei dem venezianischen Residenten zu Mailand heftig beschwert, daß ein Taugenichts, ein öffentlicher Räuber, ein Rädelsführer bei Plünderung und Gemetzel, der verrufene Lorenzo Tramaglino, nachdem er in den Händen der Gerechtigkeit selbst einen Aufstand verursacht, um mit Gewalt sich zu befreien, im Bergamaskischen aufgenommen worden und sein Unterkommen gefunden habe. Der Resident hatte geantwortet, er wisse von nichts; doch werde er nach Venedig schreiben, um Ihrer Exzellenz über den Gegenstand befriedigenden Aufschluß zu geben.

In Venedig hatte man den Grundsatz, die mailändischen Seidenarbeiter, welche in das Gebiet von Bergamo übersiedelten, zu unterstützen und in Anhänglichkeit zu erhalten. Man gestattete ihnen deshalb viele Vorteile, vorzüglich aber denjenigen, ohne welchen jeder andre nichtig, die Sicherheit. Sobald aber zwei Mächtige in Hader geraten, weiß der Dritte, so unbedeutend der Zwist auch sei, seinen Nutzen daraus zu ziehen; daher erhielt Bortolo im Vertrauen, man weiß nicht von wem, die Weisung, daß Renzo in dem Dorfe dort nicht tauge und klüglich handeln würde, selbst unter Annahme eines fremden Namens, für einige Zeit bei einer andern Fabrik sich anstellen zu lassen. Bortolo merkte den Braten, versuchte keine Gegenwehr, eröffnete die Sache dem Vetter, setzte sich in einen Wagen mit ihm, brachte ihn nach einer andern Spinnmühle, etwa fünfzehn Miglien davon, und stellte ihn dem Herrn, gleichfalls einem Mailänder, seinem alten Bekannten, unter dem Namen Antonio Rivolta vor. So kümmerlich auch die Zeiten waren, ließ sich dennoch der Mann nicht lange bitten, einen Arbeiter aufzunehmen, welcher ihm als ehrlich und geschickt, als ein anständiger Mensch mit Sachkenntnis empfohlen wurde. Renzo bestand die Probe so gut, daß der Mann sich seines Erwerbes zu freuen hatte; nur schien es ihm im Anfange, der junge Mensch müsse von Natur ein wenig gedankenlos sein; denn wenn er ihm zurief: »Antonio!«, so gab er meistens keine Antwort.

Einige Zeit darauf ward von Venedig aus, in milden Ausdrücken, dem Hauptmann zu Bergamo befohlen, Nachricht zu suchen und zu geben, ob in seinem Machtgebiete, und namentlich in dem und dem Dorfe, ein Mensch, dessen Beschreibung beigelegt, sich aufhalte. Der Hauptmann nahm seine Maßregeln, wie er sie verlangt merkte; sein Bescheid klang verneinend und gelangte zum Residenten nach Mailand, welcher ihn dem Statthalter mitteilte.

Indessen fehlte es nicht an Neugierigen, die von Bortolo wissen wollten, warum der junge Mensch nicht mehr da sei, und wohin er gegangen. Bei der ersten Frage antwortete er: Je, er ist verschwunden! Um aber die Zudringlichen nach Hause zu schicken, ohne sie die Wahrheit argwöhnen zu lassen, speiste er sie verschiedentlich mit den Nachrichten ab, deren wir Erwähnung getan, sagte aber immer, es seien unsichere Gerüchte, er habe sie gleichfalls nur erzählen hören, und an Bestätigung gebräche es ihm ganz und gar.

Nachdem jedoch im Auftrag des Kardinals die Frage an ihn gerichtet worden, wobei man diesen nicht nannte, aber in der Sprache der Wichtigkeit und des Geheimnisses zu verstehen gab, daß ein Mann von hohem Stande belehrt sein wolle, verfiel Bortolo immer mehr in bange Besorglichkeit und hielt es für nötig, in seinen Antworten dem angenommenen Leitfaden zu folgen; er teilte daher alle die Nachrichten, die er bei verschiedenen Gelegenheiten erdichtet hatte, auf einmal mit.

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