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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Fünftes Kapitel.

Es war noch nicht lange her, daß Lucia wieder zu sich gekommen war. Die ersten Augenblicke hatte sie schmerzlich sich angestrengt, dem Schlaf sich gänzlich zu entreißen und die schauerlichen Luftgestalten dieses Schlafes von den Erinnerungen und den Bildern einer Wirklichkeit zu scheiden, welche den traurigen Eingebungen eines Fieberkranken nur allzu ähnlich sah. Aber bald ging die Alte auf sie zu und sprach sie mit erzwungener Freundlichkeit an.

»Ah,« rief sie, »habt Ihr geschlafen? Ihr hättet im Bette schlafen können; ich hab' Euch gestern abend so oft dazu aufgefordert.«

Da sie jedoch keine Antwort erhielt, fuhr sie im Tone einer ärgerlichen Bitte fort: »Eßt doch einmal, nehmt doch Vernunft an. Himmel, was seid Ihr garstig! Und wenn er hernach nach Hause kommt, muß ich's ausbaden.«

»Nein, nein,« rief Lucia und sprang auf, »ich will hinaus, ich will zu meiner Mutter gehen. Der Herr hat's mir versprochen, hat gesagt: ›Morgen früh.‹ Wo ist der Herr?«

»Außer Hause. Er hat aber hinterlassen, daß er bald wieder zurückkommen wird, und dann will er tun, was Ihr wollt.« »Hat er so gesagt?« fragte Lucia, von freudigem Schrecken ergriffen, »hat er wirklich so gesagt? Nun gut, so will ich zu meiner Mutter gehen; gleich, gleich!«

In dem Augenblicke läßt sich im Nebenzimmer ein Geräusch von Fußtritten hören; darauf pocht es an die Türe. Die Alte läuft herbei und fragt: »Wer ist's?«

»Mach« auf!« antwortete milde die bekannte Stimme. Die Alte zieht den Riegel hinweg, der Ungenannte drückt leicht gegen die Türe, öffnet ein wenig, befiehlt der Alten, herauszukommen, und läßt sogleich Don Abbondio mit der guten Frau hineintreten. Dann legte er die Türe wieder an, blieb nicht weit davon stehen und hieß die Alte sich nach einem entfernten Flügel des Schlosses davonmachen; auch hatte er die andre Aufwärterin, die draußen als Wache stand, gleichfalls schon fortgeschickt.

Diese ganze Bewegung, die Augenblicke der Erwartung, das erste Erscheinen neuer Personen erregten in Lucien einen neuen Anfall heftiger Gemütsbewegung; denn war ihre gegenwärtige Lage unerträglich, so mußte mit jeder Verwandlung sich eine Steigerung des Schreckens einstellen. Sie blickte hin, sah einen Priester, eine Frau – das richtete ihren Mut ein wenig auf; sie sieht genauer hin – ist er es oder nicht? Sie erkennt Don Abbondio und bleibt wie bezaubert mit bewegungslosen Blicken sitzen. Bald aber trat die Frau auf sie zu, neigte sich zu ihr nieder, sah sie mitleidig an und ergriff ihre beiden Hände, sowohl um sie zu liebkosen als um ihr aufzuhelfen.

»Armes Mädchen,« sprach sie, »kommt mit uns.«

»Wer seid Ihr?« fragte Lucia. Ohne indessen eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich zu Don Abbondio, welcher zwei Schritte davon, nicht weniger von Mitleid ergriffen, schweigend dastand: sie betrachtete ihn von neuem und rief: »Sie? Sie sind's? Der Herr Pfarrer? Wo sind wir? – – Weh mir Armen! Meine Besinnung ist dahin!«

»Nein, nein,« erwiderte Don Abbondio, »ich bin's wirklich. Seid guten Mutes. Seht Ihr? Wir sind hier, um Euch mit uns zu nehmen. Ich bin's in der Tat, Euer Pfarrer, ausdrücklich hierhergekommen, bin hergeritten ...«

Als erhielt sie mit einemmal alle ihre verlorenen Kräfte wieder, schwang sich Lucia mit ungestümer Heftigkeit empor und stand aufrecht. Dann heftete sie noch einmal die Augen auf beide Gesichter und sprach: »So ist's denn die heilige Jungfrau, die Euch geschickt hat!«

»Wahrhaftig, ich glaub« es selbst!« sagte die gute Frau. »Aber können wir hinausgehen, können wir wirklich hinausgehen?« fragte Lucia, indem ihre Stimme wieder sank und eine argwöhnische Furcht in ihren Gebärden zagte. – »Und alle diese Leute« – Schreien und Angst zogen ihr die bebenden Lippen zusammen – »und der Herr hier, der Mann ... er hatte mir wohl versprochen ...«

»Auch er ist mit uns gekommen,« war des Pfarrers Antwort, »in eigner Person; er wartet vor der Türe. Wir wollen auf der Stelle gehen; einen Herrn wie ihn muß man nicht warten lassen.«

Jetzt aber stieß derjenige, von welchem die Rede war, die Türe auf, zeigte sich und trat näher. Lucia, die kurz zuvor ihn zu sehen verlangt und einzig und allein auf ihn ihre Hoffnung gesetzt hatte, schreckte vor ihm zurück. Nachdem sie so freundliche Gesichter und Stimmen erblickt und gehört hatte, mußte seine Erscheinung sie mit einem jähen Schauder durchrieseln; sie sprang zurück, hielt den Atem an, klammerte sich fest an die gute Frau und verbarg das Gesicht an ihrem Busen. Bei dem Anblick des Mädchens, welches er schon am Abend vorher nicht mit unverwandtem Blicke zu betrachten vermocht hatte, bei dem Anblick der Unglücklichen, die jetzt durch die Verlängerung ihrer Leiden und durch die Entbehrung noch jammervoller, gramgebeugter und gebrochen vor ihm dastand, blieb er mitten im Heranschreiten stehen; und als er diese Gebärde des neuen Schreckens bemerkte, senkte er die Blicke und stand lange Zeit bewegungslos und stumm da, ehe er ein Wort hervorbrachte. Endlich antwortete er auf Worte, welche das arme Mädchen nicht gesprochen: »Es ist wahr,« rief er, »verzeiht mir!«

»Er kommt, um Euch zu befreien,« flüsterte ihr die Frau ins Ohr. »Er ist nicht mehr der nämliche, er ist ein guter Mann geworden. Hört Ihr, wie er Euch um Verzeihung bittet?«

»Kann man sich deutlicher erklären?« sprach Don Abbondio. »Auf, Lucia, empor mit dem Gesicht, seid kein Kind! Wir können uns gleich auf den Weg machen.« – Lucia erhob das Haupt, blickte auf den Ungenannten, sah diese gesenkte Stirn, dieses verwirrte, Zerknirschung verkündende Auge und empfand ein gemischtes Gefühl von Trost, Dankbarkeit und Mitleid.

»O mein Herr!« rief sie. »Gott der Herr vergelte Ihnen diese gnädige Erbarmung!«

»Und Euch tausend und tausendmal den Balsam, der in diesen Euren Worten für mich liegt!« Nachdem er so gesprochen hatte, wandte er sich, ging nach der Tür und trat zuerst hinaus. Freudig wieder beseelt, folgte ihm Lucia am Arm der Frau; Don Abbondio setzte sich zuletzt in Bewegung. Sie stiegen die Treppe hinab und machten sich, nachdem die Frauen im Hofe in die Sänfte und der Ungenannte und Don Abbondio auf ihre Reittiere gestiegen waren, auf den Rückweg nach dem Dorfe.

In der Sänfte ließ die gute Frau sogleich die Vorhänge nieder, faßte Luciens Hände mit geschäftiger Zärtlichkeit und bemühte sich, durch Worte des Mitleids, der glückwünschenden Teilnahme und der freudigen Innigkeit ihren niedergebeugten Geist wieder aufzurichten. Sie sah, wie außer der Anstrengung, welche die heftigen Gemütsbewegungen ihr gekostet hatten, die Verwirrung und die Dunkelheit der Ereignisse schuld waren, daß die Unglückliche dem seligen Gefühl der Befreiung nicht in seinem ganzen Umfange sich überlassen konnte; sie sagte ihr also, was sie für das Zweckmäßigste hielt, um dem Gedächtnis des Mädchens zu Hilfe zu kommen und ihre Gedanken zu entwirren. So nannte sie ihr das Dorf, aus welchem sie war und wohin man soeben seinen Weg nahm.

»Wirklich?« rief Lucia, welche wußte, daß dieses Dorf von dem ihrigen wenig entfernt war. – »O heilige Jungfrau, wie dank' ich dir! Meine Mutter! Meine Mutter!«

»Nach Eurer Mutter soll sogleich geschickt werden,« versicherte die Frau, die wohl wußte, daß es bereits geschehen war.

»Geschickt werden?« fragte Lucia freudig. »Der Vater im Himmel wird Euch seinen Segen dafür spenden! Ihr aber, liebe Frau, wer seid Ihr? Woher seid Ihr gekommen?«

»Unser Pfarrer hat mir den Auftrag gegeben; denn der Herr hier – der allmächtige Gott hat ihm wunderbar das Herz gerührt, ihm sei Preis und Ehre dafür! – der ist nach unserm Dorf gekommen, um mit dem Herrn Kardinal Erzbischof zu sprechen, der uns eben, der liebe, fromme Herr, einen Besuch abstattet; und da hat er seine entsetzlichen Sünden bereut und sich vorgenommen, ein anderes Leben zu beginnen. Dem Kardinal aber erzählte er, er habe ein armes unschuldiges Mädchen wegführen lassen, Euch nämlich, nachdem er die Schandtat mit einem andern gottlosen Mann verabredet hatte. Wer indessen dieser sei, hat mir unser Pfarrer weiter nicht angegeben.«

Lucia hob die Augen, von einer gewaltsamen Empfindung durchdrungen, zum Himmel empor.

»So wißt Ihr es selbst vielleicht,« fuhr die Frau fort. »Genug also. Der Herr Kardinal war der Meinung, da sich's um ein junges Mädchen handelte, wär' es gut, wenn eine Frau ihr Gesellschaft leistete. Darum hat er dem Pfarrer den Auftrag gegeben, sich nach einer umzusehen, und der Pfarrer, ein guter Herr, ist sogleich zu mir gekommen ...«

»Wahrhaftig, der Herr im Himmel mög' Euch Euer Mitleid belohnen!«

»Denkt Euch also, armes junges Mädchen! Der Herr Pfarrer hat mir gesagt, ich soll Euch Mut einflößen, soll Euch sogleich wieder aufzurichten suchen und Euch begreiflich machen, wie Gott Euch so wunderbar gerettet hat.«

»Ach ja, wahrlich wunderbar; die Mutter des Heilands hat sich am Throne Gottes für mich verwendet.«

»Seid darum guten Mutes. Und am besten tut Ihr, wenn Ihr dem Mann, der übel mit Euch umgegangen, Eure Verzeihung schenkt und zufrieden seid, daß Gott ihn seiner Erbarmung gewürdigt. Betet Ihr für ihn, wird es nicht Euer Schade sein; Ihr erwerbt Euch ein Verdienst und werdet's selbst empfinden, wie das Herz Euch weit dabei wird.«

Lucia antwortete mit einem Blicke, welcher ihre Einwilligung so deutlich wie Worte ausdrückte, und mit einer sanften Rührung, die durch Worte sich nicht bezeichnen ließ.

»Gutes Mädchen!« rief die Frau. »Und da auch Euer Pfarrer sich in unserm Dorf befand – denn es sind ihrer so viele, so viele da, aus der ganzen Umgegend, es ließen sich vier Kirchenversammlungen daraus berufen –, so hat der Herr Kardinal für gut befunden, auch den zur Gesellschaft mitzuschicken. Er hat freilich wenig bei der Sache genützt; ich hatte auch schon sagen hören, es sei überhaupt nicht viel mit ihm anzufangen, und bei dieser Gelegenheit hab' ich gesehen, daß er wirklich, wie ein Hühnchen im Werg, vor verlegener Unbehilflichkeit nicht von der Stelle kann.«

»Und dieser,« fragte Lucia, »dieser, der gut geworden ist, wer ist er?«

»Wie? das wißt Ihr nicht?« – Sie nannte ihn.

»Gottes Barmherzigkeit!« schrie Lucia. Wie oft hatte sie diesen Namen in mehr als einer Geschichte mit Abscheu wiederholen hören und die schauderhafte Rolle des Höllenfürsten darin spielen sehen! Jetzt also, da der Gedanke ihr aufs Herz fiel, wie sie in den Händen eines so unmenschlichen Wüterichs gewesen und bald durch seine fromme Schutzwacht sich gesichert sah, da die ergreifenden Bilder einer bodenlosen Gefahr und einer unbegreiflich plötzlichen Erlösung vor ihren Augen sich darstellten, da sie das furchtbare Wesen des Mannes überdachte, dessen Angesicht ihr anfangs so finster grollend, dann so bewegt, so herablassend geschienen, saß sie wie vom Schlage des Erstaunens getroffen regungslos da, und – »Barmherzigkeit!« war das einzige Wort, welches sie von Zeit zu Zeit hören ließ.

»In Wahrheit, eine mächtige Barmherzigkeit hat dabei ihre Wirkung getan,« sagte die Begleiterin. »Es muß eine große Erleichterung für die halbe Welt sein, für alle Ortschaften weit und breit umher. Wenn man bedenkt, wie viele Leute er in Ängsten hielt, und jetzt, wie mir unser Pfarrer gesagt hat ... und dann, man darf ihm nur ins Gesicht sehen, er ist ein Heiliger geworden, und die Werke seiner Verwandlung zeigen sich sogleich.«

Wenn wir behaupten wollten, die gute Frau habe nicht eine ansehnliche Neugier empfunden über das große Abenteuer, worin sie soeben eine Rolle spielte, etwas umständlichere Auskunft zu erhalten, so gingen wir mit der Wahrheit nicht am gewissenhaftesten um. Da indessen ein achtungsvolles Mitleid mit Lucien sie beschäftigte, da sie gewissermaßen die Bedeutung und die Würde des aufgetragenen Amtes empfand, so müssen wir's ihr zum Ruhme nachsagen, daß es ihr auch nicht ein einziges Mal in den Kopf kam, mit einer unbescheidenen oder müßigen Frage näherzurücken; was sie auf der Reise sprach, waren Worte des Trostes, die von ihrem teilnehmenden Eifer Zeugnis ablegten.

»Ihr mögt Gott weiß wie lange nicht gegessen haben,« sprach sie.

»Ich erinnere mich nicht mehr. Eine Zeitlang ...«

»Armes Kind! Ihr müßt wieder zu Kräften zu kommen suchen.«

»Freilich,« erwiderte Lucia mit schwacher Stimme.

»In meinem Hause, Gott sei Dank, werden wir auf der Stelle was finden. Nehmt Euch mutig zusammen, wir haben nicht gar weit mehr.«

Lucia gab ihrer Mattigkeit nach und legte sich, wie nach Schlaf verlangend, in den Hintergrund der Sänfte zurück. Die Begleiterin schwieg und störte ihre Ruhe nicht.

Für Don Abbondio war diese Rückkehr nicht so angstvoll wie der Herweg, und sein Hasenherz fühlte sich etwas geräumiger in der Brust; indessen ließ es sich doch eben nicht eine Lustreise nennen. Sobald die erste gewaltsame Furcht ein wenig nachgelassen, fühlte er sich all seiner drückenden Last enthoben; aber bald fing ein andrer Widerwille an, in hundert verschiedenen Empfindungen hervorzubrechen, wie an der Stelle, wo ein großer Baum ausgerissen worden, eine Zeit hindurch die nackte Erde daliegt, bald aber wieder sich ganz und gar mit Unkraut überzieht. Seine Empfindlichkeit hatte sich währenddessen für alles übrige gesteigert, und er mochte die Gegenwart oder die Zukunft überdenken, so gebrach es ihm keineswegs an Stoff, sich weidlich abzumartern. Mehr als bei dem Hinweg empfand er jetzt, wie diese Art zu reisen, an welche er nicht sehr gewöhnt war, abscheulich unbequem war, und als man vom Felsenschlosse ins tiefe Tal hinabstieg, war's vorzüglich kaum auszuhalten. Der Sänftenträger ließ auf einen Wink des Ungenannten, der, in seine Reue versunken, eine finstere Miene angenommen hatte, seine Tiere rasch ausschreiten; die beiden Reiter hinten folgten ihm auf den Fuß. Daher geschah es, daß der arme Don Abbondio an mancher unebenen Stelle, als wenn ihn rückwärts jemand in die Höhe schleuderte, nach vorn überkippte und, um sich im Gleichgewicht zu erhalten, den Sattelknopf wie ein hilfesuchender Verzweifelter mit beiden Händen umklammert halten mußte. So ließ er sich denn wie gewöhnlich, von Ärger und Furcht zugleich beherrscht, nach fremdem Belieben leiten.

Indessen erreichte man endlich den Fuß der Anhöhe und trat bald zum Tal hinaus. Die Stirn des Ungenannten erheiterte sich. So griff denn auch Don Abbondio zu einem natürlicheren Gesicht, reckte den Kopf etwas zwangloser über die Schultern hinaus, setzte Arme und Beine in Freiheit und nahm im Sattel eine bequemere Lage an, daß er ganz wie ein anderer Mensch aussah. Dann seufzte er einigemal tief auf und ließ sich's nun bei unbefangenerem Gemüte angelegen sein, den Blick der Besorgnis auf andere entfernte Gefahren zu richten. – Was wird der Unhold, der Don Rodrigo sagen? So lumpig angeführt, mit einer so langen Nase abziehen, den Schaden haben und den Spott noch dazu nehmen, denke sich einer einmal, ob ihm die Pille bitter schmecken wird! Jetzt wird er erst den vollkommenen Teufel spielen. Es steht zu erwarten, daß er auch mit mir anbindet, weil ich bei dem Spuk hier meinen Senf dazu gegeben habe. Wenn er schon vorher so niederträchtig war, die beiden Mordkerle abzuschicken, daß sie mir mitten auf der Straße über den Hals kamen, so mag der Himmel wissen, was er jetzt anstellen wird. Mit Ihrer erlauchten Gnaden kann er es nicht aufnehmen, das ist ein viel zu großer Bissen für ihn; da muß er in den Zügel knirschen und stumm sein. Das Gift aber hat er einmal im Leibe, und so wird er's an einem auslassen wollen. Wie laufen nun dergleichen Geschichten ab? Die Schläge fallen unausbleiblich nieder, und die Fetzen fliegen durch die Luft. Die Lucia, die werden der Herr Kardinal schon in Sicherheit zu bringen wissen; der andre, der arme Junge, der sich so schlimm aufgeführt hat, ist weit vom Schuß und hat auch sein Teil schon zu schmecken bekommen – wer also den bittersten Bissen niederzuschlucken hat, das bin ich. Und doch wär's 'ne unerhörte Grausamkeit, wenn ich nach so entsetzlichen Beschwerlichkeiten, nach so einem angstvollen Umhertreiben, ohne das Geringste verbrochen zu haben, das böse Wetter ausbaden müßte! Und wenn dem Herrn Kardinal nun noch die Neugier ankommt, die ganze Geschichte wissen zu wollen, und ich Rechenschaft über die Trauungssache ablegen muß! Weiter fehlte nichts. Und wenn er in meinem Kirchsprengel auch einen Besuch macht? Mag's werden, wie's will, ich mag mich nicht weiter abängstigen, hab' leider genug auf dem Halse. Einstweilen schließ' ich mich in meine vier Wände ein. Solange Monsignore hier herum haust, wird Don Rodrigo nicht so toll sein, dumme Streiche zu machen. Und hernach? ... Weh mir! Mir steht in meinen letzten Lebensjahren wenig Gutes bevor! –

Der Zug kam im Dorfe an, als der Gottesdienst noch nicht zu Ende war. Man schritt durch dieselbe Menge, welche nicht weniger als vorher verwundert dastand und dann sich teilte. Die beiden Reiter lenkten seitwärts nach einem Platze, in dessen Hintergrunde das Haus des Pfarrers stand; die Sänfte indessen bewegte sich nach der Wohnung der guten Frau.

Don Abbondio blieb dem Worte, welches er sich selbst gegeben, ritterlich treu. Kaum war er von seinem Tiere herabgestiegen, sagte er dem Ungenannten die allerergebensten Höflichkeiten und bat, ihn gnädigst bei Monsignore zu entschuldigen; er müsse stehenden Fußes in dringenden Geschäften nach seiner Pfarrei zurückkehren. Darauf eilte er hinweg, sich nach seinem Gaul umzusehen; mit diesem Staatsnamen beehrte er einen Stock, welchen er in einem Winkel des Vorzimmers gelassen hatte; er fand ihn und machte sich damit auf die Heimkehr. Der Ungenannte indessen harrte, bis der Kardinal aus der Kirche kam.

Die wackere Frau ließ Lucien im vornehmsten Winkel ihrer Küche auf ihren besten Stuhl niedersitzen, beeilte sich, etwas Erquickendes für sie zurechtzumachen, und lehnte mit einer Art von herzlicher Derbheit jeden Dank und jede Bitte um Entschuldigung ab.

Lucia erhielt allmählich ihren früheren Mut wieder und machte sich aus Gewohnheit oder vermöge eines natürlichen Triebes zu reinlicher Ordnung und Schamhaftigkeit daran, ihrer Kleidung wieder den schicklichen Anstand zu geben; sie band die gelockerten, in Verwirrung geratenen Flechten auf dem Kopfe zusammen und gab dem Busentuche die erforderliche Lage. Während dieser Arbeit gerieten ihre Finger an den Rosenkranz, welcher am Halse hing; ihr Blick fiel darauf, und plötzlich ergriff ihre Seele eine heftige Bewegung – die Erinnerung an das Gelübde, bis jetzt von so vielen drängenden Empfindungen zurückgetrieben und erstickt, lebte unversehens wieder auf und stellte klar und deutlich sich ein. Alle Kräfte ihrer Seele, die kaum sich wieder verjüngt hatten, drohten in einem neuen Sturme unterzugehen, und wäre ihr Gemüt nicht durch ein Leben der Unschuld, der Ergebung und des Vertrauens so vorbereitet gewesen, so hätte die Bestürzung, welche sie in dem Augenblicke empfand, sich schnell zur Verzweiflung gesteigert. Nach einem Tumult von Gedanken, mit welchem Worte nicht gleichen Schritt halten können, waren die ersten, die sie wieder fand: Ich Unglückliche, was hab' ich getan!

Kaum aber hatte sie im Geiste sie ausgesprochen, erschrak sie vor ihnen. Alle begleitenden Umstände dieses Gelübdes kehrten ihr zurück, die unerträgliche Beklemmung, das Verzweifeln an jeder menschlichen Hilfe, die Inbrunst des Gebetes, die Fülle der Empfindung, mit welcher das Versprechen geschehen. Und nachdem sie nun der erflehten Gnade teilhaftig geworden, das Versprechen bereuen – darin erkannte sie eine himmelschreiende Undankbarkeit, einen Treubruch gegen Gott und die Jungfrau; es war ihr, als müßte solch eine Treulosigkeit ein neues schrecklicheres Mißgeschick ihr zuziehen, in dessen Drange sie nicht einmal zum Gebete mehr ihre Zuflucht würde nehmen können. Und so beeilte sie sich, der augenblicklichen Reue zu entsagen. Ehrfurchtsvoll nahm sie den Rosenkranz vom Halse, hielt ihn in zitternder Hand empor, bestätigte und erneuerte das Gelübde und bat zu gleicher Zeit mit gerührtem Flehen, es möge die Kraft, es zu erfüllen, ihr verliehen werden. Renzos Entfernung, bei welcher keine Wahrscheinlichkeit zur Rückkehr vorhanden, die Entfernung, die sie bisher mit so bitterer Sehnsucht empfunden, schien ihr jetzt eine Veranstaltung der Allmacht, welche beide Ereignisse zu einem einzigen Zwecke hatte geschehen lassen, und so bemühte sie sich, in dem einen Trost für das andre zu finden. Darauf glaubte sie hoffen zu müssen, dieselbe Allmacht würde, um das Werk zu vollenden, auch die Mittel zu finden wissen, um Renzo gleichfalls zur Entsagung zu leiten, auch er würde nicht mehr daran denken ... Kaum aber hatte diese Vorstellung in ihre Seele Eingang gefunden, so geriet sie in die stürmischste Unruhe. Die Arme empfand, daß ihr Herz von neuem sich zur Reue neigte; sie kehrte zum Gebet zurück, zur Selbstbestärkung, zum Gegenkampfe, und erhob sich aus diesem, wie der müde, wundenschwache Sieger über einen geschlagenen Feind.

Indessen ließen sich nahende Fußtritte und festliche Stimmen hören. Es war die kleine Familie, die aus der Kirche zurückkehrte. Zwei kleine Mädchen und ein Knabe traten hüpfend herein; sie standen einen Augenblick still und sahen Lucien neugierig an; dann liefen sie zur Mutter und drängten sich um sie her. Die eine fragte nach dem Namen der unbekannten Fremden, wie und warum; die andre wollte die gesehenen Wunderdinge erzählen, während die beschäftigte Hausfrau auf alles mit: »Stille, stille!« antwortete. Sodann trat mit einem ruhigeren Schritte, aber mit fröhlichem Eifer auf dem Gesicht der Herr des Hauses herein. Er war, wenn wir es nicht schon gesagt haben, der Meister Schneider, welcher mit seiner Nadel für das Dorf und die Gegend umher sorgte; ein Mann, der lesen konnte und auch wirklich mehr als einmal die Legendensammlung der Heiligen und das Geschlechtsregister der Könige von Frankreich durchgelesen hatte. Bei den Bauern des Dorfes galt er für einen Mann von Talent und Wissenschaft, pflegte jedoch dieses Lob bescheiden abzulehnen und sagte bloß, er habe seine Bestimmung verfehlt; denn wenn er, statt so vieler andern, aufs Studieren geraten wäre ... Dabei war er die beste Seele auf der Welt. Er hatte daneben gestanden, als der Pfarrer sein Weib um die wohltätige Reise ersuchte; er gab seine Einwilligung dazu und würde sich's, wenn es nötig gewesen wäre, auch eine Ermahnung haben kosten lassen. Jetzt, da der Gottesdienst, die feierlichen Aufzüge, das Zusammenströmen der Menschen, vorzüglich aber die Predigt des Erzbischofs alle seine frommen Empfindungen aufs höchste gespannt hatten, kehrte er voller Erwartung nach Hause zurück und war ängstlich begierig zu erfahren, wie die Sache abgelaufen war, und die arme gerettete Unschuld unter seinem Dache zu finden.

»Sieh nur einmal,« sagte bei seinem Eintritt die Hausfrau und deutete auf Lucien hin. Diese ward rot, stand auf und brachte stammelnd eine Entschuldigung vor. Er aber ging auf sie zu, unterbrach sie durch liebkosende Gebärden und rief: »Willkommen, willkommen in meinem Hause! Ihr seid hier ein Segen des Himmels. Wie froh bin ich, Euch zu finden! Ich rechnete wohl darauf, daß Ihr in sicherem Hafen angekommen wäret; denn ich hab' nie gefunden, daß der Herr ein Wunder begonnen hätte, ohne es erbaulich zu enden; dennoch bin ich gar sehr zufrieden, Euch unter meinem Dache zu sehen. Armes Mädchen! 's ist aber bei dem allen eine große Sache, ein Wunder erlebt zu haben!«

Die Hausfrau machte sodann eilig den Tisch zurecht und wies Lucien ihren Platz an; ein Flügel eines Kapauns kam auf ihren Teller zu liegen. Darauf setzte sich das Ehepaar, und beide ermahnten die niedergeschlagene, verschämte Fremde, alle Scheu beiseitezusetzen und rüstig zuzuessen. Der Schneider fing schon bei den ersten Bissen an, mit großer Begeisterung sich vernehmen zu lassen; die Kinder, die, um den Tisch stehend, ihr Mittagbrot verzehrten, sprachen freilich nicht ohne zudringliche Unterbrechung dazwischen; sie hatten wirklich zu viele und zu außerordentliche Dinge gesehen, um eine Stunde hindurch bloß ruhige Zuhörer abzugeben. Der Mann beschrieb die feierlichen Kirchengebräuche und sprang darauf zu einer Abhandlung von der wundersamen Bekehrung über.

Dabei trat der Pfarrer des Dorfes herein und sagte, der Kardinal schicke ihn, um nach Lucien sich zu erkundigen; zugleich solle er ihr melden, daß Monsignore sie noch heute sehen wolle. Im Namen desselben dankte er auch den Eheleuten auf das freundschaftlichste. Gerührt und ergriffen fanden alle drei keine Worte, um die Leutseligkeit eines solchen Herrn zu erwidern.

»Und Eure Mutter ist noch nicht angekommen?« fragte der Pfarrer.

»Meine Mutter!« rief Lucia. Darauf erfuhr sie von ihm, daß er auf Befehl des Erzbischofs nach Agnesen geschickt habe. Das Mädchen bedeckte die Augen mit dem Taschentuche und weinte aus vollem Herzen; der Pfarrer war bereits wieder hinausgegangen, als ihre Tränen noch eine ganze Zeit hindurch flossen. Nachdem endlich die stürmischen Bewegungen, welche diese Nachricht erregt hatte, ruhigeren Vorstellungen zu weichen angefangen, erinnerte sich die Arme, daß diese jetzt so nahe Befriedigung, ihre Mutter wiederzusehen, eine Befriedigung, zu welcher wenige Stunden vorher die Hoffnung sich nicht erheben durfte, in den Augenblicken der Angst gleichfalls ein Punkt ihres Gebetes, gleichfalls eine Bedingung bei dem Gelübde gewesen. Laß mich gerettet zu meiner Mutter wiederkehren, hatte sie gesagt, und diese Worte klangen ihr in der Erinnerung jetzt deutlich wieder. So befestigte sie sich denn mehr als je in dem Vorsatze, ihrem Versprechen getreu zu bleiben, und warf sich von neuem und bitterer noch die Reue vor, der sie einen Augenblick Raum gestattet hatte.

Agnese war wirklich, da man hier von ihr sprach, nur eine kleine Strecke Weges noch entfernt; und bald langte der Karren an und hielt vor dem Hause des Schneiders. Lucia sprang stürmisch auf, Agnese stieg ab und stürzte hastig ins Zimmer; Mutter und Tochter lagen einander in den Armen. Nach dem ersten Sturm der Umarmungen und des Geschluchzes wollte Agnese die Schicksale ihrer Tochter wissen, und diese mußte an die schmerzenvolle Erzählung gehen. Aber, wie der Leser weiß, war es eine Geschichte, die keiner in allen ihren einzelnen Teilen kannte, und so gab es auch für Lucien dunkle, durchaus unerklärbare Punkte. Hauptsächlich das verhängnisvolle Zusammentreffen, daß die entsetzliche Kutsche an der Straße dort gerade in dem Augenblicke stand, als Lucia in einem so ungewöhnlichen Falle vorüberging. Mutter und Tochter verloren sich darüber in Vermutungen, gerieten aber immer weit von der Wahrheit ab, ohne sich im geringsten ihr zu nähern. Was dagegen den Haupturheber des schändlichen Umtriebes betraf, über ihn waren beide keine Sekunde in Verlegenheit; die eine wie die andre dachte nur an Don Rodrigo.

Der Schauder, welchen Lucia empfand, zu so neuen und verhaßten Erinnerungen zurückzukehren, ließ sie mehr als einmal mitten im Erzählen stocken; mehr als einmal gestand sie, sie habe den Mut nicht fortzufahren, und kam nach vielen Tränen erst mit Mühe wieder zu Worten. Bei einer gewissen Stelle des Berichtes aber band ihr eine ganz andre Empfindung die Zunge; es war das Gelübde. Die Furcht, von der Mutter als eine unbedächtige Leichtsinnige getadelt zu werden, der Gedanke, daß die gute Frau, wie sie es bei der Vermählung gemacht, mit irgendeinem Gesetze ihrer lockeren Gewissenhaftigkeit zum Vorschein kommen und darauf bestehen könnte, beides fiel der Erzählerin mächtig aufs Herz. Wenn nun Agnese, bloß um Licht und Rat sich zu verschaffen, irgendeinem andern die Sache im Vertrauen zuflüsterte und ihre Tochter am Ende in aller Leute Mund brächte! Schon die Vorstellung einer solchen Öffentlichkeit marterte das Mädchen mit einem unerträglichen Schamgefühl. Dazu kam eine schon gegenwärtige Scham, ein unerklärlicher Widerwille, über einen Gegenstand dieser Art sich zu äußern, und so verschwieg sie diesen wichtigen Umstand ganz und gar, nahm sich indessen vor, mit dem Pater Cristoforo zuerst darüber zu sprechen. Wie fuhr sie aber vor Schrecken zusammen, als sie nach ihm fragte und zur Antwort erhielt, er sei nicht mehr im Kloster, sei nach einem entfernten, sehr entfernten Orte, der Gott weiß wie heiße, geschickt worden! »Und Renzo?« fragte Agnese.

»Der ist in Sicherheit, nicht wahr?« entgegnete Lucia hastig.

»Das ist gewiß, denn alle sagen's. Es kam Nachricht an, daß er hinüber ins bergamaskische Land gekommen sei. Den Ort selber aber, wo er sich eigentlich aufhält, weiß keiner zu nennen, und bis zu dieser Stunde hat er noch nichts von sich hören lassen. Ich denk' mir, es hat sich bis jetzt noch kein Mittel dazu gefunden.«

»O, wenn er nur geborgen ist, so sei dem Herrn dafür gedankt!« sprach Lucia und griff nach einem andern Gespräche. Dieses aber ward von einer unvermuteten Neuigkeit unterbrochen – der Erscheinung des Kardinal Erzbischofs.

Agnese und Lucia hörten ein steigendes Getümmel in der Straße, und während sie noch darüber nachdachten, was es sein könnte, sahen sie die Türe aufgehen und den Herrn im Purpur mit dem Pfarrer ins Zimmer treten.

»Ist's diese?« fragte der Kardinal, und da der Pfarrer es bejahte, schritt er auf Lucien zu, welche mit der Mutter vor Überraschung und Scham ebenso sprachlos wie unbeweglich dastand.

»Armes junges Mädchen!« begann der Erzbischof, »Gott hat zugegeben, daß Ihr eine mächtige Prüfung erlittet; zugleich aber hat er Euch auch gezeigt, daß er keineswegs sein Auge von Euch weggewandt noch Euch vergessen hat. Er ist Euer Retter geworden; zu einem großen Werke hat er sich Eurer bedient, hat durch Euch an einem verlorenen Sünder seine Erbarmung kundgetan und dadurch zugleich so viele andere aus ihrer Not erlöst.«

»Alle Priester auf Erden müßten wie Eure Gnaden sein,« sagte Agnese, »müßten es ein wenig mit den armen Leuten halten, nicht aber sie in schlimme Händel noch weiter hineinstoßen helfen, um sich selber aus allem Ungemach zu ziehen.« Das herablassende liebreiche Benehmen des Bischofs hatte ihr Mut eingeflößt, so daß sie der Entrüstung, die sie noch immer gegen Don Abbondio hegte, einmal auch vor höherem Orte Luft machen mußte.

»Sagt nur alles, was Ihr denkt,« ermunterte sie der Kardinal, »redet frei heraus, furchtlos und unverhohlen.«

»Ich wollte eigentlich sagen, wenn unser Herr Pfarrer gehörigermaßen seine Schuldigkeit getan, so hätte die Sache ganz und gar einen andern Gang genommen.«

Da indessen der Kardinal aufs neue in sie drang, sich deutlicher auszusprechen, sah sie sich in Verwicklung geraten, weil sie nun eine Geschichte erzählen sollte, in welcher sie selbst eine Rolle gespielt hatte, wie sie nicht leicht, zumal einem solchen Manne, mitgeteilt werden konnte. Gelegenerweise fand sie denn doch eine kleine Aushilfe; sie berichtete die verabredete Trauung, die Weigerung des Pfarrers, verschwieg den Vorwand von den Obern, mit welchem er sich geholfen hatte, keineswegs, sprang sodann zu Don Rodrigos Angriffen über und erklärte, wie sie, davon unterrichtet, die Flucht hatten ergreifen können. – »Aber, Herr,« fuhr sie fort, »das war Fliehen, um von neuem in die Schlinge zu geraten. Wenn dagegen der Herr Pfarrer aufrichtig mit uns zu Werke gegangen wäre und meine armen Kinder auf der Stelle getraut hätte, so hätten wir uns alsobald mitsammen auf die Reise gemacht und wären heimlich weit weggegangen, daß auch nicht eine einzige Seele davon Wind gehabt hätte. So aber haben wir unsre Zeit verloren, und es ist daraus geworden, was daraus geworden ist.«

»Der Herr Pfarrer soll mir darüber Rechenschaft geben,« sagte Borromeo.

»Ach nein, Herr!« rief Agnese, »deswegen hab' ich's nicht gesagt; schreien Sie ihn nicht an; denn was geschehen ist, das ist einmal geschehen, und es täte auch nichts helfen, 's ist einmal ein Mann von solcher Beschaffenheit, und wenn sich's wieder so träfe, würde er's eben nicht anders machen.«

Lucia aber, mit der Erzählung ihrer Mutter wenig zufrieden, setzte hinzu: »Auch wir haben unrecht gehandelt; man sieht, es war nicht der Wille des Herrn, daß die Sache glücklich vonstatten gehen sollte.«

»Was habt Ihr unrecht handeln können, armes Mädchen?« fragte der Bischof.

Obgleich ihr die Mutter, mit flüchtigen Seitenblicken den Weg vertreten wollte, erzählte Lucia dennoch vom Versuche, welcher auf Don Abbondio in seinem eigenen Hause vorgenommen war. »Wir haben unrecht gehandelt,« schloß sie, »und Gott hat uns dafür gezüchtigt.«

»Nehmt von seinen Händen die Leiden, die Ihr erduldet habt,« erwiderte der Kardinal, »und seid jetzt guten Mutes; denn wer hat Ursache zur Freude und zur Hoffnung als derjenige, der gelitten hat und nicht Bedenken trägt, sich selbst seiner Schuld anzuklagen?«

Darauf sagte er, er gedenke in wenigen Tagen sich nach ihrem Dorfe zu begeben; dann könnte Lucia unbesorgt mit hinreisen; indessen würde er auf ein sicheres Unterkommen für sie denken, bis alles wieder, so gut wie möglich, in Ordnung gebracht worden sei.

Darauf wandte er sich zu den Hausleuten, und diese traten sogleich näher. Er wiederholte den Dank, welchen er ihnen bereits durch den Pfarrer hatte sagen lassen, und fragte sie, ob sie geneigt wären, die Gäste, die ihnen der Himmel zugesandt, auf die wenigen Tage unter ihrem Dache zu beherbergen.

»Von Herzen gern, Herr,« antwortete die Frau. Ihre Stimme und ihre Miene gaben der trockenen, von der Scham gehemmten Antwort den lebhafteren Ausdruck. Der Schneider aber, von der Gegenwart eines solchen Mannes aufs höchste begeistert und begierig, bei einer so wichtigen Gelegenheit Ehre einzulegen, sann mit ängstlicher Emsigkeit auf eine schönere Antwort. Er runzelte die Stirn, drehte die Augen, zuckte mit dem Munde, strengte seinen Scharfsinn nach Kräften an, suchte, stöberte in den Gehirnkammern umher und ward in ihnen ein Gewühl von verstümmelten Gedanken und halben Worten gewahr; aber die Zeit drängte, der Kardinal zeigte durch einen Wink, daß solch ein Stillschweigen keiner weiteren Auslegung bedürfe, und so öffnete der arme Mann bloß zu den einzigen Worten: »Denken Sie sich's!« den Mund. Etwas anderes wollte ihm für jetzt durchaus nicht einfallen. Über seine wortkarge Redekunst aber ärgerte er sich nicht bloß für den Augenblick; die unerfreuliche Erinnerung daran verdarb ihm auch späterhin seinen Jubel über die erlebte Ehre. Sooft er darauf zu sprechen kam und sich in dieselbe Lage wieder versetzte, fielen ihm, als geschehe es zu seinem Hohne, unzählige Worte ein, die alle zehnmal passender als das ungesalzene »Denken Sie sich's« gewesen wären. Geistesgegenwart aber ist eine seltene Sache, und der Verstand der Klugen kommt spät.

»Der Segen des Herrn ruhe auf diesem Hause!« sagte der treffliche Bischof und entfernte sich.

Indessen dürfen wir die Geschichte dieses Tages nicht beschließen, ohne in aller Kürze zu berichten, wie der Ungenannte ihn endigte.

Diesmal war ihm das Gerücht von seiner Bekehrung im Tale zuvorgekommen; schnell hatte es sich daselbst verbreitet und alles in Erstaunen, in Ängstlichkeit, in heimlich flüsternde Pein versetzt. Den Söldlingen, welchen er begegnete, gab er ein Zeichen, sie möchten ihm folgen; der Befehl ging von Mann zu Mann. Mit der gewohnten Unterwürfigkeit, aber mit ungewöhnlichem Schwanken gingen alle hinter ihm her, und so kam er, während seine Begleitung von Minute zu Minute zahlreicher wurde, im Schlosse an. Auch die Wächter am Tore mußten mit hineinkommen; er trat in den ersten Hof, ging nach der Mitte hin, und noch immer auf dem Maultier sitzend, ließ er einen donnernden Ruf ertönen; es war das gewöhnliche Zeichen, und wer es vernahm, pflegte eilig herbeizulaufen. Was durch den weiten Umfang des Gebäudes zerstreut sich befand, folgte dem Rufe, verneigte sich mit den bereits Versammelten und blickte erwartungsvoll auf den Herrn.

»Erwartet mich im großen Saale,« sagte dieser und sah ihnen vom Sattel herab nach. Dann stieg er schnell ab, führte das Tier mit eigener Hand in den Stall und begab sich dorthin, wo man ihn erwartete. Bei seinem Erscheinen verstummte sogleich das Geflüster, womit sich die Neugier daselbst unterhielt; alle zogen sich nach der Seite zurück und ließen einen großen Raum im Saale für ihn leer.

Der Ungenannte streckte die Hand aus, als wollte er das Stillschweigen, welches seine Gegenwart bereits herbeigeführt hatte, noch nachdrücklicher gebieten, erhob das Haupt, das über den ganzen Haufen hervorragte, und sprach: »Merkt alle auf, und keiner rede, wenn ich ihn nicht frage. Kinder! Die Straße, auf welcher wir bis jetzt gewandelt, führt in den Abgrund der Hölle. Ich will euch damit keinen Vorwurf machen; voran bin ich euch gegangen, bin selbst unter allen der Schlimmste gewesen. Hört aber, was ich euch zu sagen habe. Der barmherzige Gott hat mir zugerufen, mein Leben zu ändern; ich werde es ändern, ich hab' es schon geändert; er mache es ebenso mit euch allen. Wisset also und seid überzeugt, daß ich entschlossen bin, lieber zu sterben, als den kleinsten Schritt fürder gegen sein heiliges Gesetz zu tun. Der frevelhaften Gebote, die euch an meinen Dienst fesseln, seid ihr hiermit sämtlich entbunden; ihr versteht mich; ja, ich gebiete euch, von allem, was ich euch früher befohlen, nicht das Geringste zu tun. Seid ebenso überzeugt, daß keiner unter euch von nun an in meinem Dienste, unter meinem Schutze, eine Missetat zu begehen sich unterfangen darf. Wer unter diesen Bedingungen hier bleiben will, soll wie ein Sohn behandelt werden, und ich will zufrieden sein, am Abend eines Tages, an welchem ich selbst nichts genossen, den letzten unter euch mit dem letzten Bissen Brot zu sättigen, der mir im Hause bleibt. Wer nicht zu bleiben sich entschließen kann, der soll seinen rückständigen Sold erhalten und noch dazu ein Geschenk auf den Weg bekommen; er kann gehen, nimmer aber setze er den Fuß wieder über diese Schwelle, es sei denn, daß er sein Leben zu ändern trachtet – in diesem Falle soll er sich jederzeit mit offenen Armen von mir empfangen sehen. Überlegt das diese Nacht, morgen werde ich euch einen nach dem andern um eure Antwort fragen, und dann sollt ihr neue Befehle erhalten. Für jetzt gehe jeder auf seinen Posten zurück. Gott der Herr, der an mir sein Erbarmen so gnädiglich kundgetan, bedenke auch euch mit einem tugendhaften Entschlusse.«

Hier schwieg er, und kein Laut ließ sich vernehmen. Wie verschieden und stürmisch auch die Gedanken sein mochten, welche in diesen wilden Köpfen gärten, sie verrieten sich durch kein äußeres Zeichen. Sie hatten sich daran gewöhnt, die Stimme ihres Gebieters als die Erklärung eines Willens zu betrachten, gegen welchen kein Mensch auf Erden, mit Widersprüchen streiten durfte; die Stimme verkündigte zwar, daß dieser Wille eine andre Richtung genommen, daß er aber seine alte Kraft verloren, verkündigte sie nicht. Keinem von ihnen kam es in den Sinn, daß man gegen einen Mann, dessen Bekehrung auf Demut schließen ließ, mutig auftreten und ihm wie andern erwidern dürfe. Sie sahen einen Heiligen in ihm, aber einen von denjenigen Heiligen, die mit emporgehobenem Haupte und mit dem Schwert in der Faust gemalt zu werden pflegen. Als Untertänige empfanden sie außer der Furcht auch eine ergebene Zuneigung; dies fand besonders bei solchen statt, welche unter seiner Schutzherrschaft geboren waren, und deren gab es nicht wenige. Keiner vermochte sich der wohlwollenden Bewunderung zu erwehren, und so fühlten sie sich in seiner Gegenwart von jener Scham überrascht, welche auch die rohesten und mutwilligsten Gemüter bei einem schon erkannten Übergewichte zu erfahren pflegen.

So standen sie sprachlos da, einer über den andern und jeder über sich selbst ungewiß. Dieser gab sich einem verzehrenden Ärger hin, jener machte Pläne, wo er nun hinzugehen habe, um Dienst und Unterkommen zu suchen; ein dritter prüfte sich, ob er wohl zum Entschlusse, ein ordentlicher Mensch zu werden, taugen möchte; mancher spürte, von der Rede gerührt, eine gewisse Neigung dazu; andere beschlossen nichts, nahmen sich vor, es aufs Geratewohl ankommen zu lassen, wollten bei der teuren Zeit das Brot, welches ihnen mit so gutem Willen angeboten wurde, sich schmecken lassen und, im Schlosse bleibend, fürs erste wenigstens Zeit gewinnen; keiner aber gab einen Laut von sich. Nachdem nun der Ungenannte bei dem Schlusse seiner Rede von neuem die gebietende Hand emporgehoben und ihnen das Zeichen zum Abtreten gegeben hatte, nahmen sie, gleich einer Herde Schafe hinwegschleichend, alle den nämlichen Weg zur Pforte des Schlosses hin; er ging ihnen sodann nach und beobachtete in der Dämmerung, wie sie sich nach allen angewiesenen Stellen verteilten. Darauf nahm er eine Laterne, ging durch die Höfe, durch die Hallen und die Säle, untersuchte alle Zugänge, überzeugte sich, daß alles ruhig war, und ging schlafen – wirklich schlafen, der Segen des Schlafes gab sich im voraus schon zu erkennen.

In wie viele Händel er sich auch sein ganzes Leben hindurch eingelassen hatte, so umlagerten ihn doch niemals so viele verwickelte und dabei so dringende Angelegenheiten wie eben jetzt, und dennoch fand er Schlaf. Die Gewissensbisse, die in der vorhergehenden Nacht seine Augen offen gehalten hatten, waren noch nicht beschwichtigt, gaben sich noch fortwährend mit lauten und strengen Stimmen zu erkennen, und dennoch fand er Schlaf. Die Regierung, welche er so sorgfältig in seiner Felsenburg eingeführt, hatte er jetzt selbst mit wenigen Worten aufgehoben, der sklavische Gehorsam seiner Söldlinge, auf welche er bisher sich verlassen und wodurch er furchtlos ruhte, war entfesselt, seine Mittel, seine ganze Lage gerieten durch seinen neuen Entschluß in bedenkliche Verhältnisse, und dennoch fand er Schlaf.

Nachdem er sich in sein Zimmer begeben hatte, trat er an dasselbe Bett, in welchem er die Nacht vorher so viele Qualen empfunden, und kniete zum Gebete nieder. Und siehe, die Gebete, welche man den Knaben gelehrt hatte, kehrten dem Manne, der so viele Jahre sich nie zum Himmel gewandt, jetzt plötzlich wieder, eins nach dem andern stellte sich ein, und über die Lippen rannen fromme brünstige Worte. Da überschlichen ihn unbeschreibliche Empfindungen; eine süße Wonne – er kehrte zur Sitte der kindlichen Unschuld zurück; ein stechender Schmerz – er hatte zwischen sich und dieser Unschuld eine so unermeßlich gähnende Kluft geöffnet; eine glühende Sehnsucht – Buße und Gewissenhaftigkeit sollten ihn dieser Unschuld, die nicht mehr zurückkehrte, so nah wie möglich bringen; ein dankbares Vertrauen – die unbegrenzte Barmherzigkeit Gottes, welche so glänzend sich an ihm verherrlicht, konnten ihn vielleicht auch zurück zum Friedensgarten der Unschuld führen.

Empor zum Sternenhimmel stieg das Gebet; dann erhob sich der reuige Sünder, legte sich nieder, und augenblicklich sank ein süßer Schlaf auf seine Augen.

So endigte dieser Tag, von welchem noch zur Zeit, da unser Autor schrieb, vielfach gesprochen wurde. Jetzt wüßte ohne ihn niemand etwas davon; denn Ripamonti und Rivola, unsere beiden Gewährsmänner, sagen bloß, daß dieser Ausbund aller Unholde, nachdem er mit dem Erzbischofe Federigo Borromeo gesprochen, wundersamerweise sein Leben für immer geändert habe. Wie viele aber gibt es, welche die Schriften dieser beiden Männer gelesen? Fast noch weniger als solche, die unser Buch lesen werden. Und wer weiß, ob im Tale selbst, auch wenn man mit Eifer und Gewandtheit Untersuchungen anstellte, ein verworrener Nachhall des Ereignisses sich mag erhalten haben? Es hat sich seit jener Zeit so manches andre begeben!

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