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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Viertes Kapitel.

Bald kam der Bravo mit der Nachricht zurück, daß am vorhergehenden Tage der Kardinal Federigo Borromeo, Erzbischof von Mailand, in *** eingetroffen sei und bis zum nächsten Abend sich daselbst aufhalten werde; die Kunde davon habe sich noch gestern weit umher verbreitet, alles Volk sei auf den Beinen, begierig, diesen Mann zu sehen; und die Glocken, die seine Ankunft meldeten, verkündigten zugleich einen festlichen Tag.

Der Ungenannte blieb allein und blickte gedankenvoller noch ins Tal hinab. – Um eines Menschen willen! Alles in Eifer, in freudiger Geschäftigkeit, um einen Menschen zu sehen! Und doch hat jeder unter ihnen gewiß seinen Teufel, der ihm zusetzt – aber keiner, keiner einen wie ich, keiner hat eine Nacht wie ich hier zugebracht! – Was ist besonderes an dem Mann, so viele Leute in Fröhlichkeit zu versetzen? Wenn er auch einige Groschen aufs Geratewohl verteilt ... aber die gehen doch nicht alle auf Almosen aus. Also einige Zeichen durch die Luft, einige Worte – ach, wenn er zu meinem Tröste welche hätte! Wenn ... Warum gehe ich nicht auch? Warum nicht? Ich will gehen; was habe ich Besseres zu tun? Ich will gehen, mit ihm sprechen, will unter vier Augen mit ihm sprechen. – Was soll ich ihm sagen? Gut, er, der ... Ich will doch hören, was er sagen wird, der Mann!

Nachdem er diesen unbestimmten Entschluß gefaßt hatte, zog er sich vollständig an und warf über die gewöhnliche Kleidung ein gefüttertes Wams von kriegerischem Schnitte; dann nahm er die Pistole, die auf dem Bette liegen geblieben, und hängte sie auf der einen Seite an den Gurt; auf der andern eine zweite, welche er von einem Nagel an der Wand herabnahm; ein Dolch kam gleichfalls in den Gurt zu sitzen, und ein Feuerrohr, fast ebenso berüchtigt wie er, ward quer über die Schulter gehängt. Sodann setzte er den Hut auf, trat zum Zimmer hinaus und begab sich vor allem nach der Kammer, wo er Lucien verlassen hatte. Ehe er hineinging, stellte er das Feuerrohr in einen Winkel neben der Türe, klopfte an und ließ zugleich seine Stimme hören. Die Alte sprang vom Bette und lief, um zu öffnen. Der Herr trat ein, ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern und sah Lucien in ihrem Winkel ruhig zusammengekauert sitzen.

»Schläft sie?« fragte er leise die Alte. »Dort schläft sie? Hab' ich's so befohlen, Verdammte?«

»Ich hab' mein möglichstes getan,« versicherte jene, »sie hat aber weder essen noch sich ins Bett legen wollen.«

»Laß sie ruhig schlafen, störe sie ja nicht, und sobald sie erwacht ... Martha soll hier ins Zimmer nebenan gehen; du kannst sie nach allem schicken, was das Mädchen etwa verlangen wird. Sobald sie erwacht ist, sag' ihr, daß ich, daß der Herr auf kurze Zeit ausgegangen sei, er werde zurückkommen und ... und alles tun, was sie wolle.«

Die Alte blieb versteinert stehen. – Das muß eine Fürstin sein! dachte sie.

Der Ungenannte ging hinaus, nahm sein Schießgewehr, hieß Martha im Nebenzimmer warten und gab dem ersten Bravo, dem er begegnete, den Auftrag, Wache zu stehen und niemand als die Aufwärterin in das Zimmer zu lassen. Darauf verließ er sein Schloß und stieg mit schnellen Schritten ins Tal hinab.

Wie weit es von der Felsenburg bis zum Dorfe war, wo der Kardinal sich aufhielt, gibt unsre Handschrift nicht an; indessen konnte die Entfernung höchstens einen guten Spaziergang betragen. Die Söldlinge, welchen der Herr auf dem Bergpfade begegnete, blieben ehrfurchtsvoll stehen, erwarteten seine Befehle oder machten sich auf einen Wink zur Begleitung gefaßt; alle aber erstaunten über die Miene, mit welcher er ihre Verneigungen erwiderte.

Als er unten sich auf offener Straße befand, war's ganz anders. Die ersten Wanderer, die ihn erblickten, flüsterten einander zu, sahen ihm voller Argwohn entgegen und wichen ihm nach allen Seiten aus. Auf dem ganzen Wege machte er nicht zwei Schritte einem andern Wanderer zur Seite; wer ihn herankommen sah, blickte scheu, verneigte sich und schritt langsamer, um hinter ihm zurückzubleiben. Er trat ins Dorf, es wimmelte von Menschen; bei seinem Erscheinen lief sein Name von Mund zu Mund, und das Gedränge teilte sich. Er ging auf einen dieser Vorsichtigen zu und fragte ihn, wo der Kardinal sich aufhalte. – »Im Hause des Pfarrers,« antwortete der Mann ehrfurchtsvoll und zeigte es ihm. Der Ungenannte ging hin und betrat einen kleinen Vorhof, wo viele versammelte Priester ihn mit verwunderter, argwöhnischer Aufmerksamkeit betrachteten. Er bemerkte geradeüber eine weit geöffnete Türe; diese führte ihn in einen kleinen Vorsaal, und auch hier standen viele Geistliche beieinander. Nun nahm er sein Schießgewehr von der Schulter und stellte es in einen Winkel des Hofes; so trat er in den Saal und traf auch hier neugierige Blicke und Flüstern; nur ein einziger Name wiederholte sich in der Versammlung, sonst sprach niemand ein Wort. Er aber wandte sich an einen der Männer und fragte ihn, wo der Kardinal sei; denn er wolle ihn sprechen. – »Ich bin ein Fremder,« antwortete der Gefragte, sah sich aber um und rief den kreuztragenden Kapellan, welcher in einem Winkel des Saales stand und soeben heimlich zu einem Nachbar sagte: »Der? Der berüchtigte Mensch? Was hat der hier zu schaffen? Weit weg von ihm!« – Bei der allgemeinen Stille aber klang der Ruf zu laut, und so konnte der Kapellan nicht anders als sich stellen. Er verneigte sich, vernahm die Frage, hob die Augen mit unruhiger Neugier zu diesem Gesicht empor, senkte sie aber schnell wieder zur Erde, stand einige Sekunden schwankend da und sagte dann oder stotterte vielmehr: »Ich weiß nicht, ob der erlauchte Herr Kardinal in diesem Augenblick sich in ... ob er jetzt ... ich will aber gehen und mich erkundigen.« Und als brächte er eine traurige Nachricht, begab er sich in ein benachbartes Zimmer, woselbst der Kardinal sich befand.

Wie es seine Gewohnheit war, jede Minute der geschäftslosen Zeit zu benutzen, beschäftigte sich dieser, bis der Augenblick des feierlichen Gottesdienstes erschien, mit Studien. Da trat der kreuztragende Kapellan ins Zimmer zu ihm, und das Gesicht verriet eine ängstliche Unruhe.

»Ein seltsamer Besuch, erlauchter Monsignore,« begann er, »wirklich höchst seltsam!«

»Wer?« fragte der Kardinal.

»Kein geringerer als der Herr ...« Er legte auf die Silben einen bedeutungsvollen Ton und sprach den Namen aus, den wir leider unsren Lesern nicht mitteilen können. »Er ist hier draußen,« fuhr er fort, »in eigener Person, und verlangt nichts weniger, als zu Eurer erlauchten Gnaden hereingeführt zu werden.«

»Der!« rief der Kardinal mit lebhaftem Blicke, indem er das Buch schloß und sich von seinem Sessel erhob. »Er komme! komme sogleich!«

»Aber ...« entgegnete der Kapellan, ohne sich zu rücken, »Eure erlauchte Gnaden müssen wissen, wer dieser Mensch ist; der Landesverwiesene, der berüchtigte ...«

»Und soll sich ein Bischof nicht glücklich preisen, daß solch ein Mensch auf den Gedanken gerät, ihm einen Besuch abzustatten?«

»Aber,« blieb der Kapellan bei seiner Behauptung, »wir dürfen über gewisse Dinge uns niemals auslassen, denn Monsignore sind der Meinung, es seien läppische Reden; dennoch, wenn der Fall wirklich eingetreten, so glaub' ich, ist's meine Pflicht ... Der Eifer macht Feinde, Monsignore, und wir wissen bestimmt, daß mehr als ein Schurke sich zu rühmen gewagt hat, er werde, es geschehe, wann es wolle ...«

»Und was haben denn diese Leute bis jetzt ausgeführt?« unterbrach ihn der Kardinal.

»Ich sage, dieser Mensch hat das Recht zu Missetaten ordentlich gepachtet, 's ist ein Verzweifelter, der mit noch verzweifelteren Wüterichen in Verbindung steht. Er kann hergeschickt sein ...«

»O, was ist das für eine Mannszucht,« sagte der Bischof lächelnd, »wenn die Soldaten den Feldherrn zur Feigherzigkeit auffordern?« Dann aber ward er ernst und nachdenkend. »San Carlo, mein Vetter,« bemerkte er, »hätte keine Sekunde sich besonnen, ob er einen solchen Menschen aufnehmen soll, er würde ihm entgegengegangen sein. Laß ihn augenblicklich eintreten; zu lange hat er schon gewartet.«

Der Kapellan setzte sich in Bewegung und dachte im Herzen: 's gibt kein Mittel; diese Heiligen sind alle eigensinnig.

Er öffnete die Türe und trat in das Vorzimmer, wo der Ungenannte und die Versammlung sich befanden. Diese hatte sich nach einer Seite hingezogen, wo man einander zuflüsterte und den Gast, welcher in einem Winkel allein stand, mit scheuen Blicken betrachtete. Der Kapellan ging auf ihn zu, maß ihn prüfend von oben bis unten, fragte sich, welch eine Hölle von Waffen wohl unter diesem Wamse stecken könnte, und dachte, ob er ihm nicht wirklich, ehe er ihn hineinführte, den Vorschlag machen sollte ... seine Furcht aber ließ ihn zu keinem Entschlüsse kommen. – »Monsignore erwartet Eure Gnaden,« sagte er schüchtern. »Kommen Sie gefälligst mit mir.« – So schritt er ihm durch die Versammlung voran; man machte ihnen Platz und sah bedenklich einem solchen Besuche nach; es war, als fragte man: Was wollt Ihr? Wißt Ihr es nicht etwa auch, daß er beständig seinen Grundsätzen treu bleibt?

Das Paar trat ins Haus, der Kapellan öffnete die Türe und ließ den Ungenannten eintreten. Mit eifervoller, heiterer Miene und ausgestreckten Händen kam ihm der Bischof, wie einem Erwarteten, entgegen und gab sogleich dem Kapellan einen Wink, er möchte sich entfernen. Dieser gehorchte und verließ sie.

Die beiden Männer standen eine Zeitlang schweigend, in verschiedener Spannung, einander gegenüber. Der Ungenannte, durch eine geheime Gewalt, durch einen unerklärlich treibenden Hang hergezogen, nicht durch eine bestimmte Absicht geleitet, fühlte sich wie an den Boden gefesselt, von zwei entgegengesetzten Empfindungen bewegt; während ihn die sehnsuchtsvolle Hoffnung erfüllte, für seine inneren Qualen ein Linderungsmittel zu finden, peinigten ihn Ärger und Scham, daß er wie ein Kind der Reue, wie ein untertäniger, jämmerlicher Sünder dastand, um zur Schuld sich zu bekennen und einen Menschen anzuflehen; so fand er keine Worte und suchte sie auch eigentlich kaum. Indem er aber die Augen zum Antlitz des seltenen Mannes erhob, fühlte er sich mehr und mehr von einer gebieterischen und doch sanften Empfindung der Ehrfurcht überschlichen; das Vertrauen wuchs, der Ingrimm besänftigte sich, und ohne den Stolz zu beleidigen, veranlaßte ihn die Hoheit des frommen Kirchenhirten, nachzugeben und zu schweigen.

Der Anblick des Bischofs verkündigte in der Tat ein geistiges Übergewicht und erwarb ihm dennoch die Liebe der Menschen. Sein angeboren ruhiges Benehmen, die Majestät seiner Gestalt, welche, von den Jahren weder geschwächt noch gekrümmt, wider seinen Willen auf alle Herzen wirkte, das ernste, lebhafte Auge, die freie, aber gedankenvolle Stirn, die jugendlich blühende Lebenskraft, die selbst im Grau des Haares, in der Blässe, in den Spuren der Enthaltsamkeit, des Nachdenkens und der Mühseligkeiten sich erkennen ließ, alle Züge des Angesichtes sprachen eine ehemals vollkommene Schönheit aus; jetzt hatten es die Übung feierlicher, wohlwollender Gedanken, der innere Seelenfriede eines langen Lebens, die Liebe zu den Menschen und die beständige Freude einer unaussprechlichen Hoffnung mit einer Greisenschönheit geschmückt, welche in der fürstlichen Einfachheit des Purpurs sich noch herrlicher darstellte.

Aber auch er stand einen Augenblick im Anschauen des Ungenannten da. Sein durchdringendes, geübtes Auge hatte seit langer Zeit die Fertigkeit gewonnen, aus den Zügen der Menschen auf ihre Gesinnungen zu schließen, und so glaubte er immer mehr, unter diesem finsteren, verstörten Angesichte etwas vermuten zu dürfen, welches die Hoffnung, die er gleich anfangs bei der Meldung eines solchen Besuches gehegt, bestätigen möchte. Heiteren Mutes begann er daher: »Ei, welch ein erfreulicher Besuch! Ich muß Ihnen für einen so holdseligen Entschluß meinen Dank abstatten, obgleich Sie mir vielleicht einen kleinen Vorwurf zugedacht haben.«

»Einen Vorwurf!« rief der verwunderte Gast; aber schon die Worte und die Gebärde, die sie begleitete, stimmten ihn zu sanfter Milde; er war froh, daß der Kardinal das Eis gebrochen und ein Gespräch in Gang gebracht hatte.

»Allerdings hab' ich auf einen Vorwurf zu rechnen,« fuhr dieser, fort, »daß ich mir von Ihnen den Vorsprung hab' abgewinnen lassen; da ich seit so langer Zeit, bei so vielen Gelegenheiten zu Ihnen hätte kommen können, hätte kommen sollen.«

»Zu mir, Sie? Wissen Sie, wer ich bin? Hat man Ihnen meinen Namen gesagt?«

»Die tröstliche Befriedigung, die ich empfinde, die mir gewiß deutlich auf der Stirn geschrieben steht, glauben Sie, ich würde sie bei der Anmeldung, bei dem Besuch eines Unbekannten empfinden? Sie sind's, der sie mir gewährt; Sie, sag' ich, den ich hätte aufsuchen sollen; Sie, den ich so sehr geliebt und beweint, für dessen Heil ich so oft gebetet; Sie, unter meinen Kindern, die ich alle von Herzen liebe, derjenige, welchen ich am meisten zu empfangen und zu umarmen gewünscht, wenn ich geglaubt hätte, es hoffen zu dürfen. Aber der Herr des Himmels allein weiß Wunder zu wirken und unterstützt die Schwäche, die Langsamkeit seiner armen Diener.« Bei diesem lebhaften Ausbruch stand der Ungenannte staunend da. Die Worte entsprachen genau den Gedanken, die er selbst noch unausgesprochen gelassen hatte, auch nicht entschlossen gewesen war, auszusprechen. Bewegt, aber überrascht schwieg er.

»Wie also?« nahm der Kardinal noch herzlicher das Wort, »Sie haben mir eine gute Nachricht mitzuteilen und lassen mich so lange darauf warten?«

»Eine gute Nachricht! Ich? Ich trage die Hölle im Herzen und soll Ihnen eine gute Nachricht mitteilen? Sagen Sie mir, wenn Sie es wissen, wie lautet eine gute Nachricht, welche von meinesgleichen sich erwarten läßt?«

»Daß Gott Ihnen das Herz gerührt hat und gnädig Sie zu dem Seinen machen will,« antwortete sanftsinnig der Kardinal.

»Gott! Gott! Gott! Wenn ich ihn sähe! Wenn ich ihn hörte! Wo ist dieser Gott?«

»Sie fragen mich danach? Sie? Wem ist er näher als Ihnen? Fühlen Sie ihn nicht in diesem Herzen, welches er erdrückt, bewegt und nicht ruhen läßt, während er zu gleicher Zeit es anzieht und die Hoffnung der Ruhe, des Trostes leise darin wachsen läßt? O, dieser Trost wird unversieglich, wird unermeßlich Sie laben, sobald Sie den Herrn erkennen, seine Weltherrschaft gestehen und um seine Gnade ihn bitten!«

»Ha, wahrlich, etwas ist da, das mich erwürgt, das mich zernagt! Aber Gott! Wenn dieser Gott vorhanden ist, wenn er derjenige ist, den man predigt, was soll er mit mir anfangen?«

Der Ausdruck der Verzweiflung begleitete diese Worte. Der Kardinal aber entgegnete mit feierlichem Tone, wie von sanftem Himmelshauche begeistert: »Was Gott mit Ihnen anfangen soll? Sie sollen ein Zeichen seiner Macht wie seiner Güte sein, sollen einen Ruhm ihm gewähren, den kein zweiter so leicht ihm gewähren könnte. Wenn die Welt seit so vielen Jahren über Sie schreit, wenn tausend und abertausend Stimmen Ihre Taten verfluchen« – der Ungenannte schauderte und stand einen Augenblick erstaunt, da er eine so ungewohnte Sprache vernahm, noch erstaunter aber über sich selbst, daß er keinen Unwillen, sondern vielmehr eine Erleichterung darin empfand – »welch ein Ruhm für den Ewigen im Himmel!« fuhr der Bischof fort. »Der Schrecken verkündigt sich in diesen Reden der Menschen, der Eigennutz, vielleicht auch die Gerechtigkeit. Einige, vielleicht nur allzu viele, beneiden Ihnen Ihre unglückselige Macht, beneiden diese bis heute so bejammernswürdige Sicherheit des Gemütes. Wenn Sie aber selbst sich erheben, um Ihr Leben zu verdammen, um sich selbst anzuklagen, dann, dann wird Gott verherrlicht werden! Und Sie fragen, was er mit Ihnen beginnen kann? Wer bin ich armer Mensch, um Ihnen jetzt schon sagen zu wollen, zu welch einem nutzenreichen Zwecke solch ein König Sie bestimmt? Was er aus diesem ungestümen Willen, aus dieser unerschütterlichen Beharrlichkeit zu machen gedenkt, sobald er sie mit Liebe, mit Hoffnung und Reue beseelt und entflammt hat? Und wer sind Sie, armer Mensch, daß Sie in Gottes Welt ein größeres Übel zu verursachen glaubten, als er durch Sie selbst zum Guten verwandeln kann? – Und Ihnen verzeihen? Ihr besseres Selbst retten, das Werk der Erlösung in Ihnen vollenden, sind das nicht hochherrliche Dinge, eines solchen Gottes würdig? O bedenken Sie, wenn ich unbedeutender Mensch, ein elender Wurm der Erde, und dennoch von mir selbst so erfüllt, wenn ich mich so eifervoll um Ihr Heil bemühe, daß ich mit Freuden – Er droben ist mein Zeuge! – die wenigen Tage, die mir hienieden noch bleiben, dafür hingeben würde, bedenken Sie, wie unbeschreiblich die Menschenliebe desjenigen sein muß, der mich mit so unvollkommener, aber doch so lebhafter Begeisterung erfüllt; wie liebt er Sie, wie wohl will er Ihnen, der mir eine so hinreißende Neigung zu Ihnen in die Brust pflanzt!«

Während diese Worte den ehrwürdigen Lippen entrannen, bekräftigte jeder Zug, jeder Blick, jede Bewegung ihren Sinn. Die krampfhaften Züge des Zuhörers lösten sich anfangs bloß zur Verwunderung und zur Aufmerksamkeit; dann aber verbreitete sich eine tiefere, weniger ängstliche Rührung über sie; die Augen, seit der Kindheit mit keiner Träne mehr gesegnet, glänzten wie von feuchtem Anhauch, und als die Rede geschlossen, bedeckte er sich mit den Händen das Gesicht, schluchzte, schwankte und brach plötzlich in ein heftiges Weinen aus – die letzte und unumwundendste Antwort.

»Großer, guter Gott!« rief der Bischof, indem er Augen und Hände zum Himmel emporhob, »welche Verdienste hab' ich, ich unnützer Knecht, ich träumerischer Hirt deiner Herde, daß du mich zu diesem Feste der Gnade berufen, mich würdig erachtest, zu einem so freudigen Wunder meinen Beistand zu leihen!« – Bei diesen Worten streckte er die Hand aus und suchte die Hand des Ungenannten zu fassen.

»Nein!« rief dieser und trat zurück; »nein, fort, fort von mir! Besudeln Sie diese schuldlose, wohltatspendende Hand nicht. Diese hier, die Sie drücken wollen, Sie wissen nicht, was sie alles getan hat!«

»Laßt,« sagte Borromeo und ergriff sie mit liebevoller Heftigkeit, »laßt sie mich drücken – eine teure Hand! Sie wird so viele schlimme Taten wieder gutmachen, so vielen Segen spenden, so viele Betrübte emporrichten, so vielen Feinden entwaffnet, friedensuchend, herablassend sich hinstrecken.«

»Zuviel!« rief schluchzend der Ungenannte. »Lassen Sie mich! Ein zahlreich versammeltes Volk erwartet Sie, so viele gute Seelen, so viele Unschuldige, so weit hergekommen, Sie einmal zu sehen und zu hören, und Sie halten sich indes auf – bei wem?«

»Lassen wir die neunundneunzig Schafe,« antwortete der Kardinal, »sie weiden sicher auf dem Berge; der Blick der Sorgfalt ruht auf dem einen verirrten.«

Während er so sprach, legte er die Arme um den Hals des Ungenannten. Dieser versuchte, sich der Umarmung zu entziehen, widerstand einen Augenblick, gab aber endlich, vom Ungestüm einer solchen Liebe besiegt, nach, umschlang gleichfalls den Kardinal und drückte sein zitterndes verwandeltes Gesicht an den Busen seines erhabenen Überwinders. Seine heißen Tränen rollten auf den unbefleckten Purpur des Kirchenhirten herab, während das unschuldige Händepaar leidenschaftlich den großen Verbrecher umfing und zärtlich die Arme berührte, die bisher nur die Waffen der Gewalttätigkeit und des Verrates getragen. Indessen riß sich der Ungenannte sanft aus der Umarmung, bedeckte sich die Augen von neuem mit den Händen, erhob das Gesicht und rief: »Wahrhaft großer, wahrhaft guter Gott! Jetzt kenn' ich mich, jetzt begreif' ich, wer ich bin; vor den Augen stehen mir meine Missetaten, mir ekelt vor mir selbst, und dennoch empfinde ich eine Labe, eine Freude, ja eine Freude, wie ich sie niemals mein ganzes grauenvolles Leben hindurch empfunden habe!«

»Sie ist ein Zeichen,« sagte Federigo, »das der Herr Ihnen sendet, um Sie an seinen Dienst zu fesseln; mit entschlossenem Fuße sollen Sie in das Gefilde eines neuen Lebens treten, wo Sie so viel zu vergüten, zu vergessen und zu beweinen haben.«

»Ich Unseliger!« schrie der andre. »Wieviel, wie viele Dinge, die ich nur zu beweinen vermag! Aber Gott sei Dank, es gibt auch Unternehmungen, begonnene Handlungen, die ich wenigstens augenblicklich abbrechen kann – eine gibt's, die ich heute noch fahren lassen und wieder gutmachen will.« Der Kardinal ward aufmerksam. Jener erzählte mit gedrängten Worten, aber mit herberen Verwünschungen, als sie uns vielleicht bei dem Berichte entwischt sind, sein Abenteuer mit Lucien, die Leiden, die Schrecken des armen Mädchens, wie sie um sein Erbarmen ihn beschworen, wie diese Beschwörung ihn in rasende Verzweiflung gestürzt, und wie sie noch jetzt im Schlosse sich befinde.

»So wollen wir keine Zeit verlieren,« rief der Kardinal ängstlich aus Mitleid und Bekümmernis. »Die Seligkeit wird Ihr Teil! Dies Mädchen ist das Pfand zur Verzeihung des Herrn! Werden Sie sobald wie möglich das Werkzeug zur Rettung eines menschlichen Wesens, dessen Verderben Sie sein wollten. Gott segne Sie! Gott hat Sie gesegnet. Wissen Sie, wo die Heimat der armen Geängstigten ist?«

Der Ungenannte gab Luciens Dorf an.

»Das ist nicht weit von hier,« sagte der Kardinal. »Gelobt sei der Ewige! Und wahrscheinlich ...« Bei diesen Worten lief er nach einem Tisch und klingelte. Voller Besorgnis stürzte der kreuztragende Kapellan herein und warf sein Auge vor allem auf den Ungenannten. Nachdem er dieses verwandelte Gesicht, diese Augen rot von Zähren bemerkt hatte, blickte er nach dem Kardinal; da er nun durch den unerschütterlichen Gleichmut des Mannes hindurch eine mühsam behauptete Ruhe, eine außerordentliche Bekümmernis gewahrte, wäre er wie außer sich mit offenem Munde angewurzelt stehengeblieben, wenn ihn der Kardinal nicht aus diesem starren Anschauen geweckt hätte, indem er ihn fragte, ob unter den versammelten Geistlichen auch der Pfarrer aus *** draußen stehe.

»Der ist da, erlauchter Monsignore,« war des Kapellans Antwort.

»Laßt ihn sogleich eintreten und mit ihm den hiesigen Pfarrer.«

Der Kapellan ging hinaus und trat unter die versammelten Priester; alle Augen wandten sich neugierig nach ihm hin. Mit noch immer offenem Munde, mit einem Gesichte, auf welchem noch immer die starrende Betäubung lag, erhob er die Hände, bewegte sie durch die Luft und rief: »Meine Herren! haec mutatio dexterae Excelsi,« – So stand er einige Sekunden, ohne ein anderes Wort hervorzubringen. Dann aber nahm er den Ausdruck und die Stimme seines Amtes wieder an und fügte hinzu: »Der erlauchte Herr Kardinal verlangen den Pfarrer hiesiger Kirche und desgleichen den Pfarrer von ***.«

Der zuerst Genannte stellte sich sogleich; in demselben Augenblick aber scholl mitten aus dem Gedränge, mit dem Tone der Verwunderung, ein langgedehntes »Ich?« hervor.

»Sind Sie nicht der Herr Pfarrer von ***?« fragte der Kapellan.

»Der bin ich allerdings; aber ...«

»Der erlauchte Herr Kardinal will Sie sprechen.«

»Mich?« fragte dieselbe Stimme und bezeichnete durch die einsilbige Frage noch deutlicher die Verwunderung. »Wie gehöre ich in das Zimmer da hinein?« – Diesmal indessen kam zugleich mit der Stimme der Mann hervor, Don Abbondio, wie er leibte und lebte; er schien seinen Füßen Gewalt antun zu müssen, und in seinem Gesichte vermählten sich Staunen und schüchterner Widerwille. Der Kapellan winkte ihm und gab ihm sein Befremden über die Unwillfährigkeit zu erkennen; dann wanderte er beiden Pfarrern voran und führte sie zum Bischof.

Dieser ließ die Hand des Ungenannten los, mit welchem er währenddessen sich beraten, wie man zu verfahren hätte; er entfernte sich einige Schritte von ihm und winkte den Pfarrer des Dorfes zu sich. In wenigen Worten erklärte er ihm, worum sich's handelte, und erkundigte sich, ob er sogleich eine rechtschaffene Frau wüßte, die nach dem Schlosse in einer Sänfte sich tragen ließe und dort Lucien abholte; eine Frau von Herz und Kopf, welche bei einem so neuen Auftrage sich zu benehmen verstände; sie müsse reden, die arme Unglückliche ermutigen und beruhigen können; denn diese würde nach so vielfacher Angst selbst vor ihrer Befreiung zittern. Der Pfarrer sann ein wenig nach, sagte hierauf, er habe schon eine solche Botin gefunden und ging hinaus. Sodann erhielt der Kapellan den Befehl, sogleich eine Sänfte einzurichten, Träger zu bestellen und zwei reitbare Maultiere schirren zu lassen. Nachdem auch dieser sich entfernt hatte, kam an Don Abbondio die Reihe.

Don Abbondio stand dicht neben dem Bischof, weil er sich von dem andern Herrn so entfernt wie möglich zu halten suchte; dabei sah er bald den einen, bald den andern an, berechnete mit Aufbietung seines ganzen Scharfsinns, worin eigentlich der seltsame Handel bestehen könnte, tat einen Schritt vorwärts, verneigte sich in Demut und sagte: »Man hat mir zu verstehen gegeben, daß Eure erlauchte Gnaden mich zu verlangen geruhten; ich glaube aber, es war ein Irrtum.«

»Keineswegs ein Irrtum,« war Borromeos Antwort; »ich hab' eine fröhliche Nachricht für Euch, und zugleich ein tröstliches, höchst erbauliches Geschäft. Eins Eurer Pfarrkinder, welches Ihr als verloren beweint habt, Lucia Mondella, ist wieder aufgefunden, ist nicht weit von hier, im Hause dieses meines Freundes. Mit ihm und mit einer Frau, welche der hiesige Herr Pfarrer soeben aufsucht, werdet Ihr sogleich gehen, das arme Mädchen holen und sie hierher begleiten.«

Don Abbondio tat sein möglichstes, um den Widerwillen und die bittere Bekümmernis, womit ihn dieser Befehl überraschte, schicklichermaßen zu verbergen; da er aber die unerbauliche Miene seines Angesichtes so schnell nicht fortschaffen konnte, suchte er sie durch eine tiefe Verneigung zu verbergen und bezeugte so seinen ergebensten Gehorsam. Wenn er sich wieder erhob, geschah es fast bloß, um dieselbe Unterwürfigkeit gegen den Ungenannten in Tätigkeit zu setzen; er sah ihn mit frommen Lammaugen an, als spräche er: Ich bin in Euren Händen, habt Erbarmen: parcere subjectis.

Darauf fragte ihn der Kardinal, was Lucia für Verwandte habe.

»Nahe, mit welchen sie zusammen lebt, nur eine Mutter,« antwortete Don Abbondio.

»Ist sie zu Hause?«

»Ja, Monsignore.«

»Da also das arme Mädchen nicht so schnell wieder nach ihrer Heimat gebracht werden kann, so wird es ihr ein großer Trost sein, so bald wie möglich ihre Mutter zu sehen; kommt daher der Pfarrer hier nicht früher zurück, als ich zur Kirche gehe, so bitt' ich Euch, sagt ihm, er soll einen Karren oder ein paar Reitpferde anschaffen und einen klugen Menschen zur Mutter schicken, damit er sie hierherführe.«

»Und wenn ich mich auf diesen Weg machte?« sagte Don Abbondio.

»Nein, Ihr nicht; Ihr habt schon einen andern Auftrag.«

Der Kardinal war über Don Abbondios Vorschlag erstaunt; daher erhob er den Blick, sah ihm ins Gesicht und entdeckte mit geringer Mühe die Furcht vor der Reise darin, das Grauen, auch nur auf wenige Augenblicke der Gast dieses entsetzlichen Menschen zu sein. Er suchte daher dies Gewölk der bangenden Feigherzigkeit zu zerstreuen; da er es aber nicht für rätlich erachtete, den Pfarrer beiseitezuziehen und, während sein neuer Freund sich in demselben Zimmer befand, heimlich mit jenem zu sprechen, hielt er's für das zweckmäßigste Mittel, sich an den Ungenannten selbst zu wenden und mit diesem, was er auch ohne solchen Beweggrund getan hätte, ein neues Gespräch anzuknüpfen; aus seinen Antworten könnte dann der zaghafte Pfarrer sich überzeugen, daß der Mann aufgehört habe, ein furchteinflößendes Gespenst zu sein. Mit der freimütigen Traulichkeit, welche bei einer neuen lebhaften Neigung sich ebenso ausdrucksvoll wie in einem alten Herzensbunde hervorzudrängen pflegt, trat er daher auf ihn zu.

»Glauben Sie nicht,« sagte er, »daß ich mich mit dem heutigen Besuche hier befriedigen lasse; nicht wahr, Sie kommen in Gesellschaft dieses wackeren Geistlichen wieder zurück?«

»Ob ich zurückkehren werde?« fragte der Ungenannte. »Wenn Sie mich aufzunehmen verschmähten, Herr, würde ich wie ein Bettler eigensinnig und unbeweglich vor Ihrer Türe liegen bleiben. Es drängt mich, mit Ihnen zu reden; Sie zu hören und zu sehen, ist mein Bedürfnis; Sie fehlen mir; schon ist's, als könnte ich nicht ohne Sie leben.«

Borromeo faßte seine Hand, drückte sie und sprach: »Sie werden also dem Pfarrer des Dorfes hier und mir die Gefälligkeit erweisen, heute mittag unser Gast bei Tische zu sein. Ich erwarte Sie. Indessen gehe ich, das Gebet zu verrichten und, zu den Stimmen des Volkes die meinige gesellend, dem Himmel schuldigen Dank zu zollen; Sie ernten die ersten Früchte der Erbarmung.«

Wir erinnern uns eines furchtsamen Knaben, welcher dabei stand, als einst ein Fremder den großen struppigen Haushund mit roten Augen, einen Kläffer, dessen Bösartigkeit und Beißsucht weit umher berüchtigt war, ohne alle Besorgnis streichelte und zum Besitzer sagte, sein Hund sei ein frommes, ruhiges Tier; der Knabe sah den Besitzer an, und dieser sprach weder Ja noch Nein dazu; er sah den Hund an, wagte aber nicht hinzutreten, aus Furcht, das gute fromme Tier könnte ihm, wenn auch nur aus Gewohnheit, die Zähne zeigen; doch hatte er auch kein Herz sich zu entfernen, um nicht als unnützer Hase zu erscheinen, und heimlich zu sich selbst nur sagte er: Ach, wär' ich doch zu Hause! – Geradeso stand Don Abbondio da, und so sprach er zu sich selbst.

Der Kardinal hatte sich in Bewegung gesetzt, hielt noch immer die Hand des Ungenannten und zog ihn mit sich. Der arme Pfarrer blieb zurück und sah ihnen in alberner Fassungslosigkeit nach. Borromeo glaubte, die Niedergeschlagenheit des Mannes habe vielleicht ihren Grund auch darin, daß er sich unbeachtet glaubte und, zumal in Gegenwart eines so gütig aufgenommenen Frevlers, seitwärts im Winkel vergessen stehen mußte; er wandte sich daher beim Vorübergehen zu ihm hin, stand einen Augenblick still und sagte mit gefälligem Lächeln: »Herr Pfarrer, Ihr seid von jeher mit mir zusammen im Hause unsers guten Vaters gewesen, dieser hingegen, dieser perierat et inventus est

»O, wie herzlich freue ich mich darüber!« sagte Don Abbondio und verbeugte sich tief.

Der Erzbischof schritt voran, und von außen öffneten zwei Aufwärter die Türflügel. So stellte sich das wunderbare Paar den begierigen Blicken der versammelten Geistlichkeit dar. Auf dem Angesicht beider malte sich eine verschiedene, aber gleich tiefe Bewegung; eine erkenntliche Zärtlichkeit, eine demütige Freude in Borromeos ehrwürdigen Zügen, in der Miene seines Begleiters eine Verwirrung, durch beruhigenden Trost gemildert, eine neue Scham, eine Zerknirschung des Gemütes, durch welche jedoch die Kraft der abgelegten, ungestümen Natur leise nachwirkend hindurchschimmerte. Nachher erfuhr man, daß in diesem Augenblicke mehr als einem unter den Zuschauern jener Vers des Propheten eingefallen: Kühe und Bären werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen.Luthers Übersetzung Jesaias II, 7.Hinterher kam Don Abbondio, und auf ihn fiel nicht ein einziger Blick.

Als sie die Mitte des Vorzimmers erreicht hatten, trat von der andern Seite der Kammerdiener des Kardinals herein und meldete, er habe den Aufträgen, welche ihm vom Kapellan gegeben worden, Genüge geleistet; die Sänfte wie die beiden Maultiere ständen bereit, und man warte nur noch auf die Frau, die der Pfarrer herbeiführen würde. Der Kardinal befahl, er solle diesem, sobald er käme, die Weisung geben, mit Don Abbondio zu sprechen; alsdann sollte alles geschehen, wie dieser und der Ungenannte es anordnen würden. Letzterem drückte er von neuem die Hand, nahm Abschied von ihm und sagte, daß er ihn erwarte; darauf bedachte er auch unsern Don Abbondio mit einem Gruße und begab sich auf den Weg zur Kirche. Die Geistlichkeit folgte ihm, halb als ein geordneter feierlicher Zug, halb in verwirrtem Gedränge; die beiden Reisegefährten blieben im Vorzimmer allein.

Der Ungenannte stand gedankenvoll, in sich selbst gänzlich versunken da; er schien sich ungeduldig nach dem Augenblick zu sehnen, wo seine Lucia von Pein und Gefängnis erlöst werden sollte. Mit seinem Angesicht, wie es am vorhergehenden Tage gewesen, ließ sich das heutige kaum vergleichen; die gedrängte Bewegung aber, welche sich darin verkündigte, gab Don Abbondios furchtsamem Auge leicht Anlaß, etwas Schlimmeres dahinter zu vermuten. Er schielte nach ihm hin, beobachtete ihn mit Grauen und sah sich ängstlich nach dem Anfangsworte eines freundschaftlichen Gespräches um. – Aber was hab' ich ihm zu sagen? dachte er. Noch einmal: Ich freue mich herzlich darüber? Worüber? Etwa: Sie sind bis dato ein Höllenhund gewesen und haben sich endlich entschlossen, ein ordentlicher Mensch wie die übrigen zu werden? Eine saubere Artigkeit! Was für Worte ich auch immer auftreiben mag, es schwämme beständig der Gedanke darin herum: ich freue mich herzlich darüber! Und sollte es denn am Ende wahr sein, daß er sich in einen ordentlichen Menschen gewandelt hat? So mir nichts, dir nichts, in einer Stunde? Mündliche Versicherungen gibt's in dieser Welt zu ganzen Scheffeln, und die Ursachen lassen sich kaum berechnen. Und dabei muß es mich gerade treffen, mit ihm zu gehen! Nach dem Felsennest hin! Eine verzweifelte Geschichte! Wer hätte mir das diesen Morgen gesagt? Komm ich mit heiler Haut aus dieser Klemme, so soll's die Dame Perpetua zu empfinden kriegen – hat mich mit Gewalt, und doch war gar keine Notwendigkeit vorhanden, aus meinem Kirchsprengel hierher getrieben; alle Pfarrer ringsherum, schwatzte sie mir vor, auch aus weit entfernteren Dörfern, liefen herbei, man müßte nicht zurückbleiben, und dies und jenes, und damit hat sie mich in den verdammten Handel hier hineingebracht. Ich armer Mensch! Einmal aber muß ich doch den Mund aufmachen!

Es traten ihm die Worte auf die Zunge: Ich hätte nimmermehr das Glück erwartet, mich in so achtungsvoller Gesellschaft zu sehen. Er öffnete auch schon den Mund, als der Kammerdiener mit dem Dorfpfarrer hereintrat. Dieser meldete, daß die Frau bereits in der Sänfte säße; dann wandte er sich an Don Abbondio, um sich von ihm den andern Auftrag des Kardinals mitteilen zu lassen. Don Abbondio entledigte sich desselben, so gut er in dieser verwirrten Geistesverfassung konnte; darauf trat er aber auch sogleich zum Kammerdiener hin und sagte: »Geben Sie mir wenigstens ein ruhiges Tier unter den Leib; denn die Wahrheit zu gestehen, ich bin ein sehr stümperhafter Reiter.«

»Hat keine Not,« antwortete der Kammerdiener und mußte lächeln; »es ist das Maultier des Schreibers, und das ist ein Gelehrter; denken Sie sich also –«

»Gut,« sagte Don Abbondio und bat zum Himmel, es möge glücklich ablaufen.

Der Ungenannte war bei der Nachricht sogleich ungeduldig vorangeschritten; erst als er die Schwelle schon betreten hatte, erinnerte er sich des zurückgebliebenen Pfarrers. Er stand also still, ihn zu erwarten, und als dieser, eilfertig herbeilaufend, um Verzeihung bitten zu wollen schien, verneigte er sich vor ihm und ließ ihn mit höflich herablassender Gebärde voranschreiten. Diese Artigkeit setzte den armen Geängstigten wieder ein wenig zurecht. Kaum aber hatte er mit einem Fuße den Vorhof berührt, so überraschte ihn eine andre Neuigkeit, welche ihm plötzlich das bißchen Trost wieder zu Wasser machte; er sah den Ungenannten nach dem Winkel hingehen, sah ihn das Schießgewehr, welches seine Einbildungskraft im nämlichen Augenblicke zum riesenhaftesten Belagerungsgeschütz vergrößerte, mit der einen Hand beim Rohr, mit der andern beim Riemen fassen und mit rascher Bewegung, als geschähe es zur Übung, sich über die Schulter werfen.

«Weh mir! dachte der geplagte Pfarrer; was hat der mit dem verteufelten Handwerkszeug im Sinn? Das nenn' ich mir ein härenes Bußgewand, das nenn' ich mir 'ne Kirchenzucht für einen Bekehrten! Und wenn ihm nun unterwegs mit einemmal eine mörderische Grille in den Kopf steigt? Weh über diese Sendung!

Wenn der Ungenannte nur im entferntesten geahnt hätte, was für ein jämmerlicher Gedankenzug seinem Begleiter durch die Seele strich, so wissen wir nicht, was er getan hätte, um ihn zu beruhigen; er war aber himmelweit von solch einem Argwohn entfernt, und Don Abbondio hütete sich wohl, durch irgendeine Gebärde seine Angst zu verraten. So kamen sie an die Pforte, welche zur Straße führte, und fanden alles zur Reise bereit. Der Ungenannte bestieg das Tier, das ihm von einem Stallknechte vorgeführt ward.

»Hat es auch keine Untugenden?« fragte Don Abbondio den Kammerdiener, indem er mit dem einen Fuße schon im Steigbügel schwebte, mit dem andern aber noch auf der Erde stand.

»Steigen Sie getrost hinauf,« antwortete dieser, »'s ist fromm wie ein Lamm.« – So hielt sich Don Abbondio, vom Kammerdiener unterstützt, an dem Sattel fest und schwang sich in wiederholten Ansätzen hinauf.

Die Sänfte, von zwei Maultieren getragen, hielt einige Schritte vorwärts; auf einen Ruf des Sänftenführers setzte sie sich in Bewegung, und so zog das Geleite hinaus.

Vor dem Gotteshause, das mit Menschen vollgepfropft war, mußte man über einen Platz, wo gleichfalls Bauern und andre herbeigeeilte Leute, da die Kirche sie nicht mehr fassen konnte, wimmelnd sich drängten. Schon hatte sich die große Nachricht verbreitet, und so erhob sich beim Erscheinen des Geleites, beim Erscheinen dieses Mannes, der wenige Stunden vorher ein Gegenstand des Schreckens und der Verwünschung gewesen war, jetzt aber die fröhlichste Bewunderung weckte, ein Gemurmel des Beifalls unter der Menge; man machte Platz, drängte sich aber zugleich auch herbei, um ihn in der Nähe zu sehen. Langsam ging es hindurch. Vor der weit geöffneten Kirchentüre nahm der Ungenannte den Hut vom Kopfe und senkte die bisher so gefürchtete Stirn fast bis zur Mähne des Maultiers herab. Währenddessen brausten hundert Stimmen dröhnend zusammen, und alles rief: »Gott segne ihn!« Don Abbondio zog gleichfalls seinen Hut und empfahl sich dem lieben Himmel mit brünstiger Ängstlichkeit.

So verließ man das Dorf und zog zur Felsenburg hinauf.

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