Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alessandro Manzoni >

Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Die Alte lief davon, um zu gehorchen oder mittels der Gewalt des Namens, dessen Klang im Schlosse dort alles in Bewegung setzte, ihre Befehle zu erteilen. Alles setzte der Name in Bewegung; denn keiner konnte sich denken, daß jemand ihn fälschlich zu gebrauchen sich unterfangen sollte. Sie langte in der »Bösen Nacht« wirklich ein wenig früher an, als die Kutsche sich dort sehen ließ; sobald sie diese kommen sah, stieg sie aus der Sänfte, gab dem Kutscher ein Zeichen stillzuhalten, trat zum Schlage und flüsterte dem Geier, welcher den Kopf heraussteckte, den Willen des Herrn zu.

Bei dem Stillstehen des Fuhrwerkes rüttelte sich Lucia auf und kam aus einer Art von starrem Todesschlafe zurück. Ein neues Entsetzen überschlich sie mit kaltem Grauen, sie riß Mund und Augen auf und spähte um sich her. Der Geier hatte sich zurückgezogen; die Alte reckte das Kinn gegen den Kutschenschlag empor, betrachtete Lucien und sagte: »Kommt, armes junges Mädchen, kommt; kommt mit mir, ich hab Befehl, Euch gut zu behandeln und Euch Mut einzuflößen.«

Beim Ton einer weiblichen Stimme gab sich im Herzen unsrer Unschuldigen ein Trost, eine augenblickliche Ermutigung zu erkennen; bald aber fiel sie in ein finstereres Erschrecken zurück. – »Wer seid Ihr?« fragte sie mit zitternder Stimme und heftete den erstaunten Blick fest auf das Gesicht der Alten.

»Kommt, kommt, armes Kind!« wiederholte diese. Der Geier und seine beiden Genossen schlossen aus der ungewöhnlichen Sanftmut in Stimme und Worten des Weibes, welches die Absichten des Herrn wären, und trugen das ihrige dazu bei, die Entführte mit milder Überredung zum Gehorsam zu bewegen. Lucia aber spähte noch immer nach draußen; der wilde, unbekannte Ort und die Sicherheit seiner Wächter zerstörten jede Hoffnung auf rettende Hilfe; dennoch trat ihr, wie von selbst, das Angstgeschrei wieder zur Kehle herauf. Zugleich aber drohte auch das grimmige Auge des Geiers mit dem Knebeltuche; sie schwieg, erbebte, drehte sich weg, ward herausgenommen und in die Sänfte gesetzt. Nach ihr stieg die Alte hinein; der Geier indessen beauftragte die beiden andern Mordgesellen, als Begleitung hinterherzugehen, und eilte zum Schlosse voran, um auf den Ruf seines Herrn sich zu stellen.

Währenddessen war der Ungenannte zur Pforte des Schlosses getreten und schaute hinab; wie vorher die Kutsche, kam auch jetzt die Sänfte langsam, langsam herauf; näher aber, sich immer weiter von ihr entfernend, eilte der Geier daher. Als dieser den Gipfel erreicht hatte, gebot ihm sein Herr, herbeizutreten, und ging ihm in ein Gemach der Felsenburg voran.

»Nun, wie sieht's aus?« sagte er endlich und stand still.

»Alles auf ein Haar,« antwortete der Geier mit tiefem Bückling, »die Nachricht wie das Mädchen auf die Minute, keine Seele ringsherum, ein einziger Mund zum Schreien, kein Störer, der Fuhrmann rasch, die Pferde tüchtig, niemand, der uns begegnet wäre; aber ...«

»Was für ein Aber?«

»Aber, die Wahrheit gestanden, Herr, ich hätte zehnmal lieber gewollt, es wär' mir befohlen worden, ihr eine Kugel ins Kreuz zu jagen, ohne sie sprechen zu hören, ohne ihr ins Gesicht zu sehen.« »Was heißt das? Was soll damit gesagt sein?«

»Ich meine, die ganze Zeit über ... 's hat mich beinahe wie ein Mitleid angewandelt.«

»Mitleid! Was weißt du von Mitleid? Was ist das für ein Ding, das Mitleid?«

»Ich hab's all mein Lebelang nicht so merklich begriffen wie diesmal; das Mitleid, Herr, ist ein Nachbar, der hart neben der Furcht wohnt, und wenn sich's einer über den Kopf wachsen läßt, so ist er kein Mann mehr.«

Ich mag sie hier im Hause nicht – dachte währenddessen der Ungenannte. Zur unglückseligen Stunde hab' ich die Verpflichtung auf mich genommen; ich hab's aber einmal versprochen. Wenn sie erst wieder weg sein wird ... Er erhob das Gesicht mit gebieterischer Miene gegen den Bravo und sagte: »Gib dem Mitleid jetzt den Laufpaß, setz dich zu Pferde, nimm einen Begleiter, zwei, wenn du willst, und reite flink drauf los, bis du vor Don Rodrigos Schloß stehst. Sag' ihm, er soll sogleich herschicken, aber sogleich; denn sonst ...«

Doch ein zweites Nein, welches gebieterischer als das erste in seinem Busen sich hören ließ, erstickte ihm den Befehl im Munde. – »Nein,« sagte er mit entschiedener Stimme, als wollte er das Gebot dieses geheimen Rufes sich deutlicher wiederholen, »nein, geh und ruhe aus. Morgen ... wirst du tun, wie ich dir befehlen werde.«

Die Dirne hat einen Dämon in ihrem Dienste, sprach er darauf, als er sich allein sah. Er stand aufrecht, kreuzte die Arme vor der Brust und sah mit unbewegtem Blicke auf das Pflaster hin, wo der Schimmer des Mondes, durch ein hohes Fenster hereinfließend, ein Viereck mit seinem bleichen Glanze bedeckte, während die Eisenstäbe und die Scheiben des Fensters es gleich einem Schachbrett in kleine Felder teilten. – Einen Dämon oder ... einen schützenden Engel! Der Geier und Mitleid! Aber morgen, morgen beizeiten, fort mit ihr, wohin sie gehört, und nun kein Wort mehr über die Dirne verloren! – Er befahl sich gleichsam, wie man einem ungelehrigen Knaben befiehlt, obschon man im voraus weiß, daß er keinen Gehorsam leisten wird: mit keinem Gedanken weiter ihrer erwähnt! Der Don Rodrigo, der lüsterne Tölpel, soll mir nicht erst herkommen, mir den Kopf mit seinen Danksagungen heiß zu machen; ich will von der Dirne nicht ferner reden hören. Ich hab' ihm den Dienst geleistet, weil ich's ihm versprochen habe; versprochen hab' ich's ihm, weil ... weil's einmal meine Bestimmung ist. Er soll ihn mir aber gehörig bezahlen, diesen Dienst. Wir wollen einmal sehen ... Und so jagte er allerlei seltsame Grillen auf, um für Don Rodrigo zur Vergeltung und fast zur Strafe eine schwierige Aufgabe zu ersinnen; aber immer fuhren ihm von neuem die Worte: Der Geier und Mitleid! unterbrechend durch die Gedanken. – Wie muß sie das angefangen haben? fragte er sich, von diesem Gedanken hingerissen. – Ich will sie sehen. – Nein. – Ja, ich will sie sehen!

Er eilte durch mehrere Gemächer, kam an eine kleine Treppe, stieg tappend hinauf und ging nach dem Zimmer des alten Weibes hin, wo er mit dem Fuß gegen das Türblatt stieß.

»Wer ist da?«

»Mach auf!«

Bei dieser Stimme eilte die Alte in wenigen Sprüngen herbei; klirrend glitt der Riegel durch die Ringe, und die Türe ging auf. Von der Schwelle aus warf der Ungenannte einen Blick ins Zimmer und sah beim Schein einer Lampe, die auf einem dreieckigen Tischchen stand, im hintersten Winkel der Stube Lucien niedergekauert auf der Erde sitzen.

»Wer hat dir denn befohlen, Verdammte,« sprach er mit zürnender Miene, »sie wie einen Sack voll Lumpen an der Erde liegen zu lassen?«

»Es war ihr eigener Wille, sich dort hinzusetzen,« antwortete die Alte demütig; ich hab' mein möglichstes getan, um ihr Mut zu machen; sie muß es selber sagen; es schlägt aber nichts an.«

»Steht auf!« sagte er zu Lucien und trat näher. Lucia aber, deren zagendes Gemüt die Fußtritte, das Pochen, die Stimme wie das Öffnen der Türe mit neuem, geheimnisvollerem Zagen erfüllt hatten, saß furchtsamer als je zusammengeduckt im Winkel da und bedeckte das Gesicht mit beiden Handflächen. Ihre einzige Bewegung bestand im Zittern.

»Steht auf,« wiederholte der Herr. »Es soll Euch kein Leid geschehen, ich kann Euch Gutes erzeigen. Steht auf!« donnerte darauf dieselbe Stimme, erzürnt, zweimal vergebens befohlen zu haben.

Wie von ihrem Schrecken wieder zu Kräften gekommen, richtete sich augenblicklich das unglückliche Mädchen auf die Knie empor; sie faltete die Hände, als läge sie vor einem heiligen Bilde betend da, erhob die Augen zu dem Manne empor, welcher vor ihr dastand, senkte sie sogleich wieder und sagte: »Hier bin ich, töten Sie mich.«

»Ich habe gesagt, ich will Euch nichts Böses tun,« erwiderte der Ungenannte mit gemilderter Stimme und betrachtete die Züge dieses Gesichts, in welchem Kummer und Schrecken mit verwüstender Gewalt zu wetteifern schienen.

»Mut, Mut!« rief die Alte, »wenn er selber Euch sagt, daß er Euch nichts Böses tun will ...«

»Und warum,« begann Lucia mit einer Stimme, in welcher durch das Beben des Schreckens hindurch sich gewissermaßen die Entschiedenheit eines verzweifelten Unwillens vernehmen ließ, »warum lassen Sie mich solche Höllenleiden ausstehen? Was hab' ich Ihnen getan?«

»Haben sie Euch etwa schlimm behandelt? Redet!«

»Schlimm behandelt? Sie haben mich verräterischerweise ergriffen, mit Gewalt! Warum? Warum haben sie mich ergriffen? Warum bin ich hier? Und wo bin ich? Ein armes Geschöpf! Was hab' ich Ihnen getan? Im Namen des ewigen Gottes ...«

»Gott, Gott,« unterbrach sie der Ungenannte, »und immer Gott; wer sich nicht selbst verteidigen kann und keine Macht bei der Hand hat, der stellt alle Augenblicke diesen Gott ins Feld, als wenn er ihn gesprochen hätte. Was meint Ihr mit dem Wort da zu sagen? Mich etwa ...« er redete nicht aus.

»O Herr! Was ich damit meine? Was will ich Arme anders damit, als Sie um Ihr Erbarmen flehen? Für einen einzigen Schritt des Erbarmens verzeiht Gott so viele Dinge! Lassen Sie mich hinaus, ich beschwöre Sie, lassen Sie mich hinaus! Wer selbst einmal sterben muß, der sollte ein armes Geschöpf nicht so leiden lassen. Ach, Sie können befehlen; befehlen Sie, daß man mich gehen lasse. Mit Gewalt haben sie mich hierher geschleppt. Lassen Sie mich noch einmal neben dieser Frau sitzen und mich nach *** bringen, wo meine Mutter ist. Heilige Jungfrau! Meine Mutter! Meine Mutter, Erbarmen, meine Mutter! Vielleicht ist sie nicht weit von hier ... ich habe meine Berge gesehen. Warum lassen Sie mich leiden? Lassen Sie mich in eine Kirche bringen; für Sie beten will ich, mein ganzes Leben hindurch. Was kostet es Sie, ein einziges Wort zu sagen? Ach, sehen Sie! Das Mitleid regt sich in Ihnen; ein einziges Wort, sprechen Sie es aus! Für ein Werk des Erbarmens verzeiht Gott so viele Dinge!«

Warum ist es nicht die Tochter eines von den Niederträchtigen, die mich aus dem Lande getrieben haben! dachte der Ungenannte, eines von den Schurken, die mich so gern als Leiche möchten daliegen sehen! Ich wollte mich jetzt an ihrem Gejammer laben, und statt ...

»Nein, weisen Sie die gute Eingebung nicht von sich!« fuhr Lucia lebhaft fort. Das Schwanken, welches sie in Miene und Gebärde ihres Tyrannen gewahrte, gab ihrem Mute wieder neues Leben. »Wenn Sie kein Erbarmen mit mir haben, so wird der Herr droben es mit mir haben. Er wird mich sterben lassen, und meine Leiden haben dann ein Ende. Sie aber ... Vielleicht werden auch Sie einmal ... Aber nein, nein; ich will jederzeit zum Herrn flehen, daß er Sie schirmen möge vor allem Unglück. Was kostet es Sie, ein einziges Wort auszusprechen? Wenn Sie diese Pein empfänden ...«

»Genug, seid guten Mutes,« fiel ihr der Ungenannte in die Rede und sprach die Worte mit einer Sanftmut aus, daß die Alte vor Verwunderung darüber nicht zu sich selbst kommen konnte. »Bin ich schlimm mit Euch umgegangen? Hab' ich Euch eine Drohung zu hören gegeben?«

»Nein, ich sehe, Sie haben ein gutes Herz, Sie fühlen Mitleid mit einem armen verlassenen Wesen. Wär's Ihr Wille, Sie könnten mich mehr als die andern alle in Furcht setzen, könnten mich sterben lassen; statt dessen haben Sie mir das Herz ein wenig erleichtert. Gott wird es Ihnen vergelten. Vollenden Sie das Werk des Erbarmens; geben Sie mir meine Freiheit, meine Freiheit wieder.«

»Morgen früh ...«

»O, schenken Sie mir jetzt, jetzt die Freiheit!«

»Morgen früh, sag' ich, sehen wir uns wieder. Indessen frischen Mut. Ruhet aus. Ihr müßt Hunger haben; sie sollen Euch zu essen bringen.«

»Nein, nein, ich vergehe, wenn einer hier hereintritt, ich vergehe. Bringen Sie mich nach einer Kirche ... Gott wird die Schritte zählen und sie Ihnen belohnen.«

»So soll Euch ein Frauenzimmer zu essen bringen,« erwiderte der Ungenannte. Er hatte es kaum ausgesprochen, so staunte er über sich selbst, wie ihm solch ein Schonungsmittel in den Sinn gekommen und wie er es ersonnen hatte, um ein unbedeutendes Mädchen zu beruhigen.

»Und du,« nahm er darauf, zur Alten gewendet, schnell das Wort, »rede ihr zum Essen zu und lasse sie in dem Bett da schlafen. Will sie dich zur Gesellschaft, gut; wo nicht, kannst du auch wohl einmal eine Nacht auf der Erde zubringen. Sprich ihr fleißig Mut zu, erhalte sie bei Laune. Und daß sie sich nicht etwa über dich zu beklagen hat!«

Mit diesen Worten wandte er sich rasch der Türe zu. Lucia sprang auf, stürzte ihm nach, um ihn zurückzuhalten, und wollte ihr Flehen erneuern; er war aber bereits verschwunden.

»Ich Arme! – Schließt zu, schließt geschwind zu!« Nachdem sie die Türflügel zusammenschlagen und den Riegel klirren gehört hatte, kauerte sie in ihrem Winkel wieder schüchtern nieder. – »Ich Arme!« rief sie schluchzend von neuem. »Zu wem soll ich nun flehen? Wo bin ich? Sagt Ihr es mir, sagt mir aus Erbarmen, wer ist der Herr, der Herr, welcher mit mir gesprochen hat?«

»Wer er ist, he? Wer er ist? Ich soll's Euch sagen, wollt Ihr. Wart, ich will's dir sagen. Weil er Euch in Schutz nimmt, kommt Euch schon der Hochmut an; wollt Eure Neugier satt speisen und mich in des Teufels Klauen bringen. Fragt ihn selber. Wollt ich Euch auch darin zu Willen sein, so dürft ich auf so gute Worte nicht rechnen, wie Ihr sie zu hören bekommen habt. – Ich bin ein altes Weib,« fuhr sie zwischen den Zähnen murmelnd fort. »Verdammtes junges Volk, mag lachen oder weinen, 's hat doch immer recht.« – Da sie aber Lucien schluchzen hörte, gedachte sie schnell des drohenden Befehles; sie neigte sich zu ihr hin und sagte mit milderer Stimme: »Laßt gut sein, ich hab Euch nichts Schlimmes gesagt; seid lustig. Fragt mich nicht nach Dingen, die ich Euch nicht sagen kann, und im übrigen habt guten Mut. O, wenn Ihr wüßtet! Wie viele Leute wären herzlich froh, wenn sie ihn so hätten sprechen gehört, wie Ihr ihn gehört habt! Seid lustig, das Abendessen muß gleich da sein, und ich, ich weiß hier Bescheid ... wie er mit Euch gesprochen hat, steht Euch was Gutes bevor. Hernach werdet Ihr Euch niederlegen – und mich auch in einem Winkelchen ruhig schlafen lassen,« setzte sie im Tone des unterdrückten Grolles hinzu.

»Ich will nicht essen,« rief Lucia, »ich will nicht schlafen. Laßt mich hier sitzen, drängt Euch nicht an mich, geht aber auch nicht hinaus.«

»Nein, nein,« sagte die Alte, trat weg und setzte sich in einen alten Lehnstuhl, von wo aus sie die Unglückliche mit ängstlichen und zugleich gehässigen Blicken anschaute. Dann sah sie auf ihr Bett und verzehrte sich vor Ärger, daß sie die ganze Nacht darauf Verzicht leisten mußte und vergebens gegen die Kälte murrte. Doch labte sie sich wieder mit dem Gedanken an das Abendessen, mit der Hoffnung, daß auch für ihren Hunger etwas dabei sein würde. Lucia empfand von der Kälte nichts, fühlte keinen Hunger und hatte, wie von ihrem Schicksal in einen Starrkrampf versetzt, selbst von ihren Schmerzen und Schrecken nur ein verworrenes Gefühl, den Traumbildern eines Fiebernden ähnlich.

Da hörte sie pochen und starrte empor. Sie wandte das erschrockene Gesicht nach der Türe und rief: »Wer ist da? Wer ist da? Es soll keiner hereinkommen!«

»Nichts, nichts,« sagte die Alte. »Ein guter Gast; 's ist Martha, die zu essen bringt.«

»Schließt wieder zu, schließt wieder zu!« schrie Lucia.

»Ja, ja; gleich, gleich!« antwortete die Alte. Sie nahm aus den Händen der Botin einen Korb, schickte sie schnell wieder fort, schloß zu und setzte das Gebrachte auf einen Tisch mitten im Zimmer. Nun forderte sie Lucien wiederholt auf, sie möchte sich die Gerichte schmecken lassen. Um ihre Eßlust zu wecken, machte sie, nach ihrer Meinung, von den wirksamsten Redensarten Gebrauch, ergoß sich in Ausrufen über die Köstlichkeit der Speisen, »der prächtigen Bissen, womit sich gewöhnliche Leute nur die Zähne zu salben brauchen, um eine ganze Zeit hindurch sich daran zu erinnern. Wein, wie ihn der Herr mit seinen Freunden trinkt, wenn einer von den Vornehmen einspricht und sie lustig sein wollen! Hah!« – Da sie aber alle diese Zaubermittel wirkungslos fand, sagte sie: »Ihr wollt nicht. Sagt ihm also morgen nicht, daß ich Euch nicht Lust gemacht habe. Ich esse; für Euch bleibt noch immer mehr als genug übrig, wenn Ihr vernünftig sein und Euch bequemen wollt.« – So sprach sie und machte sich gierig über die Speisen her. Sobald sie ihren Hunger gestillt hatte, stand sie auf, ging nach dem Winkel, bückte sich zu Lucien nieder und ließ eine zweite Einladung ergehen, zu essen und dann sich zu Bett zu begeben.

»Nein, nein, ich will nichts,« entgegnete diese mit schwacher, fast schon schläfriger Stimme. Dann fragte sie, sich zusammennehmend: »Ist die Türe verschlossen? Gut verschlossen?« – Darauf blickte sie umher, stand auf und ging mit vorgestreckten Händen und argwöhnischem Schritte dahin.

Die Alte kam ihr rasch zuvor, legte die Hand ans Schloß, faßte die Klinke und rüttelte sie, rüttelte den Riegel und ließ ihn in seinen Ringen klirren. – »Seht Ihr? Hört Ihr? 's ist gut verschlossen. Seid Ihr nun zufrieden?«

»Zufrieden! ich hier zufrieden!« rief Lucia und eilte wieder ihrem Winkel zu. – »Aber der Ewige weiß, daß ich hier bin.«

»Kommt schlafen; was wollt Ihr da wie ein Hund zusammengekrochen liegen? Hat man je gesehen, daß ein Mensch die schönste Bequemlichkeit zurückweist, wenn sie ihm angeboten wird?«

»Nein, nein,« blieb Luciens Antwort, »laßt mich hier.«

»Ihr wollt's so. Ich lasse Euch die gute Stelle, lege mich hier ganz an den Rand und erleide Euretwegen die Unbequemlichkeit. Wenn Ihr zu Bett gehen wollt, so wißt Ihr, was Ihr zu tun habt. Erinnert Euch aber, daß ich Euch mehr denn einmal darum gebeten habe.« – Mit diesen Worten kroch sie unausgekleidet unter die Decke, und alles schwieg.

Lucia saß unbeweglich im Winkel zusammengekauert, das Knie der Mitte des Leibes genähert, die Arme auf den Knien und das Gesicht in den Flächen der Hände. Sie schlief nicht, sie wachte nicht; in rascher Folge ein stürmischer Wechsel von Gedanken, von quälenden Bildern und gewaltsamen Herzschlägen. Bald sich ihrer selbst deutlicher bewußt, der gesehenen und erduldeten Schrecken des Tages sich lebhafter erinnernd, überließ sie sich schmerzenvoll der finsteren, furchtbaren Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange, in ihrer ganzen grauenvollen Verwicklung; bald kämpfte der Geist, in eine noch schauderhaftere Tiefe hinuntergerissen, gegen die quälenden Schattenbilder, die Geburten der Ungewißheit und des Entsetzens. In diesem ängstlichen Drange verharrte sie eine lange Zeit, welche unsere Erzählung rasch überfliegt; endlich aber ließen die erschöpften Glieder nach, sie sank ermattet zu Boden und lag mehrere Minuten in schlafähnlichem Zustande da. Doch plötzlich war's ihr, als riefe sie eine innere Stimme. Sie lauschte nach einem Geräusch; es war das langsame, heisere Schnarchen der Alten. Sie riß die Augen auf und gewahrte einen matten Schimmer, der abwechselnd aufblitzte und erlosch; es war das Flämmchen der Lampe, welche, dem Erlöschen nahe, mit zitterndem Lichte blinkte und schnell es gleichsam wieder zurückzog, dem Gehen und Kommen der Welle am Ufer ähnlich; indem aber dieses zuckende Licht von den Gegenständen floh, noch ehe es ihnen deutlich Gestalt und Farbe verliehen, stellte es dem Blicke nur einen Wechsel verworrener Erscheinungen dar. Die letzten Eindrücke jedoch, die in der Seele sich bald wieder belebten, halfen ihr zu unterscheiden, was vor den Sinnen zusammenfließend schwankte. Erwachend erkannte die Unglückliche ihr Gefängnis; alle Erinnerungen des vorübergegangenen schreckenreichen Tages, alles Grauen vor der Zukunft ergriff sie mit einem einzigen Schauder; selbst die neue Stille nach so lauten Stürmen, diese scheinbare Ruhe, die Einsamkeit, in welcher sie sich befand, erfüllten sie mit neuem Entsetzen; der Kummer übermannte sie so riesenmächtig, daß sie zu sterben wünschte. Nur das Gebet blieb ihr; doch mit diesem Gedanken lebte eine tröstliche Hoffnung in ihrem Busen auf. Sie nahm ihren Rosenkranz wieder hervor und fing an, ihn durchzubeten; wie das Gebet über die zitternde Lippe floß, fühlte das Herz ein unbestimmtes Vertrauen emporwachsen. Unerwartet überraschte sie ein anderer Gedanke; ihr Gebet würde gnädiger angenommen und gewißlich erhört werden, wenn sie in ihrer verlassenen Einsamkeit dem Himmel ein Opfer brächte. Sie sann dem Teuersten nach, das sie besaß oder besessen hatte; denn in diesem Augenblicke konnte ihre Seele keine andre Regung als die Furcht empfinden, keinen andern Wunsch als ihre Befreiung hegen; in solcher Stimmung erinnerte sie sich des teuersten Gutes, das sie besaß, und beschloß, ihm augenblicklich zu entsagen. So erhob sie sich auf die Knie, hielt die Hände, aus denen der Rosenkranz herabhing, zusammengefaltet vor der Brust, wandte Gesicht und Augen zum Himmel und sprach: »Heilige Jungfrau, der ich so oft mich empfohlen, so oft den labendsten Trost verdanke; die du so viele Schmerzen erduldetest und jetzt, in solcher Herrlichkeit prangend, für die armen Gequälten so viele Wunder getan hast, leihe mir deine Hilfe, führe mich aus dieser Gefahr, laß mich, Mutter des Herrn, gerettet zu meiner Mutter zurückkehren und empfange dafür das Gelübde, daß ich Jungfrau bleiben will, daß ich, meinem armen Jüngling für immer entsagend, mein ganzes Leben hindurch die Deinige sein will.«

Nachdem sie diese Worte gesprochen, senkte sie das Haupt und hängte sich den Rosenkranz um den Hals, gleich einem Zeichen der Weihe und der himmlischen Schutzwacht, gleich einer Waffe der neuen Heiligenschar, welcher sie nunmehr angehörte. Sie setzte sich auf den Boden nieder und empfand im Gemüt eine gewisse Ruhe, ein weiter reichendes Vertrauen. Selbst das »Morgen früh«, welches der unbekannte Mächtige zweimal ausgesprochen, schreckte sie nicht mehr; sie nahm es als ein Versprechen der Rettung. Und in dieser Besänftigung des inneren Sturmes schläferten sich die erschöpften Sinne allmählich ein; der Tag war nicht mehr weit, als das unglückliche Mädchen, mit dem Namen ihrer Beschützerin auf den Lippen, einschlief und einen vollkommenen, dauernden Schlummer genoß.

Aber einen andern gab es in demselben Schlosse, der auf solche Weise gleichfalls gern sich dem Schlaf übergeben hätte und nicht konnte. Der Ungenannte hatte Lucien verlassen oder, richtiger, sich von ihr weggeschlichen, hatte Befehl zu ihrem Abendessen gegeben und dann, seiner Gewohnheit gemäß, verschiedene Punkte der Burg besucht. Das Bild des Mädchens begleitete ihn, in seinem Ohre hallten ihre Worte nach. Darauf ging er in sein Schlaf gemach, schloß sich mit ungestümer Heftigkeit ein, als hätte er sich gegen eine Schar von Feinden zu verschanzen gehabt, zog sich rasch aus und legte sich nieder. Es war aber, als wenn dasselbe Bild, lebhafter denn je vor ihm dastehend, ihm sagte: Du wirst nicht schlafen! – Was für eine tölpelhafte Neugierde, dachte er, hat mich angewandelt, daß ich hingegangen bin, um eine Dirne zu sehen! Der Sündenvogel, der Geier, hat recht; man ist kein Mann mehr, wahr, man ist kein Mann mehr! – Ich? Ich wäre kein Mann mehr? Was ist vorgefallen? Welch ein Teufel macht sich ein Fest mit mir? Was hat sich Neues mit mir begeben? Hab ich's etwa nicht vorher schon gewußt, daß Frauenzimmer winseln? Auch die Männer winseln manchmal, wenn sie sich nicht widersetzen können. Was Teufel! Hab ich denn niemals Weiber mit tränenden Augen jammern und heulen gehört?

Ohne sein Gedächtnis anzustrengen, kam es von selbst ihm entgegen und rief ihm mehr als einen Fall zurück, wo ihn weder Bitten noch Klagen in der Ausführung seiner Beschlüsse aufzuhalten vermocht hatten. Aber die Erinnerung solcher Fälle gab ihm die Kühnheit, welche zur Vollendung dieses Beginnens ihm fehlte, nicht zurück, erstickte in seinem Busen das lästige Mitleid nicht und weckte darin vielmehr ein schreckenähnliches Grauen, eine wutatmende Reue. So dünkte es ihn endlich eine Erleichterung, zu jenem ersten Bilde des Mädchens, gegen welches er seinen Mut zu bewaffnen gesucht hatte, zurückzukehren. – Sie lebt ja, sagte er, sie ist hier; ich bin bei der Hand. Ich kann sagen: Geht, seid wieder fröhlich! – Ich kann dabeistehen, wenn dieses Gesicht sich verwandelt, ich kann sie bitten: Verzeiht mir! ... Verzeiht mir! – Ich um Verzeihung bitten? Ein Frauenzimmer, ich? Ah, und dennoch! Wenn ein Wort, wenn solch ein einziges Wort mir Linderung brächte, mir auf ein paar Stunden nur diese teuflische Unruhe vom Halse schaffte, ich würde es sagen – ich fühl's, daß ich es sagen würde. – Weg! rief er darauf und warf sich gewaltsam auf die andere Seite, während das Lager unter ihm immer härter und die Decke immer schwerer wurde – weg! Das sind Kinderpossen, die mir wohl schon ein andermal durch den Kopf geflogen sind. Auch die hier wird vorüberziehen.

Und um ihr Vorüberziehen zu beschleunigen, suchte er im Geiste nach irgendeinem wichtigen Gegenstande, der ihn lebhaft zu beschäftigen pflegte, und wollte diesem mit voller Seele sich hingeben; er fand aber keinen. Alles schien ihm verwandelt; was sonst seine Wünsche am gewaltsamsten aufjagte, trug jetzt keine Spur von Wünschenswürdigkeit mehr an sich; wie ein Pferd, welches, plötzlich vor einem Schatten scheuend, nicht von der Stelle will, ließ die Leidenschaft sich nicht vorwärts spornen. Er dachte der begonnenen und nicht vollendeten Unternehmungen; aber statt sich zur Ausführung zu ermutigen, statt über die Hindernisse in Zorn zu geraten – auch der Zorn würde ihm in diesem Augenblicke willkommen gewesen sein – stellte sich nur eine leere Traurigkeit ein, eine Verzagtheit über die schon getanen Schritte. Ohne Wünsche, ohne Vorsätze und Handlungen, leer und hohl, nur von unerträglichen Erinnerungen bevölkert, dämmerte die einsame Zeit um ihn her, und alle Stunden schienen der einen zu gleichen, die soeben langsam und schwer über ihn hinzog. Er bewaffnete in der Einbildung alle seine Söldlinge und fand keine Ursache, um die es sich verlohnte, einem von ihnen einen Auftrag zu geben; ja, der Gedanke, sich unter ihnen zu sehen, den Gebieter des Frevels unter den Vollziehern, lag wie eine neue Last auf ihm; sich anstrengend suchte er ihn wieder loszuwerden. Und sooft er für den morgenden Tag nach einer Beschäftigung, nach einem tunlichen Werke suchte, kam er immer wieder auf die Vorstellung zurück, daß er morgen dem unglücklichen Mädchen die Freiheit schenken wolle.

Ich will sie in Freiheit setzen, ja. Kaum soll der Tag dämmern, so will ich zu ihr eilen und ihr sagen: Geht, geht! Ich will sie begleiten lassen ... Und das Versprechen? Die Verpflichtung? Don Rodrigo? ... Wer ist Don Rodrigo?

Wie ein Mensch, welcher durch die unerwartete, schwierige Frage eines Obern in Verlegenheit gesetzt ist, dachte der Ungenannte sogleich darauf, die Frage zu beantworten, die er sich selbst aufgeworfen hatte. Er suchte daher nach den Gründen, weshalb er, fast noch ehe er darum gebeten worden, sich zu der Verpflichtung entschließen konnte, ohne Haß und Furcht eine fremde Unglückliche, um dem Lüstling zu dienen, so großen Jammer erdulden zu lassen; es gelang ihm aber nicht, Ursachen aufzufinden, durch welche sich die Übereilung entschuldigen ließ; kaum begriff er, wie er dazu verleitet worden war. Der unüberlegte Wille war eine augenblickliche Bewegung des Geistes gewesen, der den alten angewöhnten Empfindungen gehorchte, eine Folge von tausend vorhergegangenen Handlungen; und so sah sich der gequälte Selbstprüfer, um sich von einer einzigen Tat Rechenschaft zu geben, in eine Untersuchung seines ganzen Lebens hineingezogen; rückwärts und rückwärts, von Jahr zu Jahr, von Bluttat zu Bluttat, von Verbrechen zu Verbrechen; jedes stand neu da, von den begleitenden Wünschen getrennt, stand in einer Entsetzlichkeit da, welche damals diese Wünsche ihm verborgen hatten. Alle sein Werk, seine Schuld – er schauerte; die Bilder, die an allen diesen Taten hingen, belebten sich wieder, und erbleichend fühlte er sich der Verzweiflung preisgegeben. Hastig setzte er sich im Bett aufrecht, umklammerte mit den Händen die Seitenbretter, griff nach einer Pistole, wollte sie losbrennen, und ... Im Augenblicke, da er ein unerträgliches Leben enden wollte, ergriff sein erschrockener Geist die Zeit, welche auch nach seinem irdischen Ende nimmer versiegend hinrinnen würde. Schaudernd dachte er sich seinen entstellten, unbeweglichen Leichnam, der Willkür des Gemeinsten preisgegeben, der ihn überlebte; das Erstaunen, das Gewühl morgen im Schlosse, alles in Verwirrung und er ohne Kraft, ohne Stimme, hingeworfen wer weiß wo. Er dachte sich das Gerücht, das darüber umherlaufen, die Vermutungen, welche die Menschen nah und fern äußern würden, die Freude seiner Feinde. Dann die Finsternis, das öde Schweigen, sie malten ihm den Tod noch trauriger und furchtbarer; am hellen Tage, schien es ihm, draußen, vor aller Leute Augen, würde er mit der Pistole nicht gezaudert haben; dort wollte er sich in ein Wasser stürzen und verschwinden. Von so entsetzlichen Gedanken gleichsam hin- und hergeschleudert, zuckte er mit dem Daumen am Hahn der Waffe – da fiel ihm ein neuer Gedanke ein. Wenn dieses andre Leben, wovon sie mir so viel gesprochen, als ich ein Knabe war, wovon sie noch immer sprechen, als wenn's eine feststehende Sache wäre, wenn dieses Leben nichts ist, eine bloße Gaukelerfindung der Priester, was mache ich? Warum will ich sterben? Was kümmern mich dann vergangene Taten? Eine Narrheit ist meine ... Und wenn es dieses andre Leben doch gibt ...?!

Bei diesem gefahrvollen Zweifel wandelte ihn eine noch schwärzere, schwerere Verzweiflung an, welcher sich nicht einmal mit dem Tode entfliehen ließ. Er ließ die Waffe fallen, lag sich mit den Nägeln in den Haaren, klapperte mit den Zähnen und zitterte an allen Gliedern. Da fielen ihm plötzlich Worte auf die Seele, die er wenige Stunden früher gehört hatte: Für ein Werk des Mitleids verzeiht Gott so viele Dinge! Und nicht in jenem Tone demütiger Bitte, womit sie gesprochen worden, kehrten sie ihm wieder, sie klangen gleich einem entscheidenden Ausspruch und gaben einer fernen Hoffnung das Leben. So stellte sich eine, Sekunde der Erleichterung ein; er nahm die Hände von den Schläfen und betrachtete ruhiger das Bild des Mädchens, welches diese Worte gesprochen; da stand sie vor ihm nicht wie seine flehende Gefangene, wie ein Engel der Gnade blickte sie ihn an, der Trost und Verzeihung mit sich führt. Er sehnte sich nach dem Tage, um die Befreiung ihr zu verkünden und aus ihrem Munde andre Worte der Erquickung und des Lebens zu vernehmen; er dachte sich, wie er selbst sie zur Mutter führen würde. – Und dann? Was werde ich den übrigen Tag hindurch tun? Was nachher? Und die Nacht? Die Nacht, die in zwölf Stunden wiederkehrt! Ha, die Nacht!

In die öde Zukunft sich wieder verlierend, suchte er fruchtlos nach einer Benutzung der Zeit, wie Tage und Nächte sich lohnender verleben ließen. Das Schloß verlassen und in entfernte Länder gehen, wo er keine Lippe seinen Namen aussprechen hörte – ein zweckloser Entschluß; er würde dennoch immer, fühlte er, der gleiche bleiben; eine dunkle Hoffnung, die alten Wünsche, den alten Mut wiederzuerlangen, wehte ihn von fern wieder an und zeigte ihm die gegenwärtige Stunde als einen vorübergehenden Wahnsinn. Bald fürchtete er den Tag, als würde er ihn den Seinigen in dieser jämmerlichen Verwandlung zeigen; bald verlangte er nach ihm, als müßte er auch seine finstere Gedankenwelt mit einer Morgenröte erfreuen.

Die Dämmerung war wirklich im Beginnen und Lucia kaum eingeschlafen; er saß im Bette bewegungslos aufrecht und hörte die Woge eines undeutlichen Getönes nahen, in welchem etwas Feierliches sich zu verkünden schien. Er horchte und erkannte ein fernes festliches Glockengeläute; der Widerhall der Berge tönte es nach und floß mit den wirklichen Klängen zusammen. – Was gibt's für eine Freude heute? Woran erbauen sie sich schon wieder? Was für eine gute Zeit? – Er sprang von seinem Dornenlager auf, kleidete eiligst sich halb an, öffnete ein Fenster und sah hinaus. Eine weite Nebeldecke lastete auf den verhüllten Gebirgen, und der ganze Himmel war ein einziges graues Gewölk; beim erwachenden Lichtglanze der Morgenröte aber ließen sich im tiefen Talwege unten Leute erkennen, die geschäftig zuwanderten; andre traten aus den Türen und machten sich auf den Weg, alle nach derselben Seite, zur Rechten der Burg, der Öffnung der Schlucht zu; dabei war an Kleidung und Haltung der Wandernden ein festlicher Tag nicht zu verkennen.

Was Teufel haben die? Was gibt's denn für eine Lust in dem verdammten Dorfe? Wohin geht all das Gesindel? – Ein Ruf weckte den vertrauten Bravo, der im Nebenzimmer schlief. Auf die Frage, welches die Ursache der frühen Bewegung da unten sei, gestand er, sie ebensowenig zu wissen, sagte aber, er wolle sogleich sich Auskunft verschaffen. Währenddessen blieb der Herr an das Fenster gelehnt stehen und betrachtete aufmerksam das bewegliche Schauspiel. Männer ließen sich sehen, Frauen, Kinder, in Haufen, paarweise oder einzeln; der eine holte einen andern ein und ging dann neben ihm; ein zweiter trat eben aus dem Hause und schloß sich dem Bekannten an, den er zuerst auf der Straße traf; wie Freunde wanderten sie auf einer verabredeten Reise. In ihren Gebärden lagen offenbar Eile und gemeinschaftliche Freude; dies Geläute so vieler Glocken, welche nah und fern, mehr oder weniger deutlich, zwar nicht harmonisch miteinander stimmten, aber denselben Ruf zu verkünden schienen, war gleichsam der gemeinschaftliche hörbare Ausdruck dieser Bewegungen, die Erklärung der Worte, die sich auf dem Felsen oben nicht vernehmen ließen. Er stand betrachtend da; mehr als bloße Neugier war's, wenn ihn nach der Ursache der allgemeinen Freudigkeit verlangte; eine Sehnsucht wandelte ihn an, die Empfindungen so vieler verschiedener Menschen zu teilen.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.